Muhammed - Der Herr der Herzen

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ihre Tiere hat? Wenn unsere Schafe satt wären, würden sie auch mehr Milch geben.“ Zwischen den Besitzern und den Hirten gab es fast jeden Tag Streit. Die Tiere auf den anderen Weiden waren bald so ausgehungert, dass sie aussahen, als könnten sie jeden Moment verenden. Irgend-wann wurden die Dürre und die Hungersnot so extrem, dass man beschloss, Bittgebete für Re-gen zu sprechen. An einem Freitag stiegen die Männer, Frauen und Kinder des Stammes alle zusammen auf einen nahegelegenen Hügel. Dort beteten sie stundenlang mit einem Priester, doch es fiel kein Tropfen Wasser zur Erde. Verzweif-lung begann sich breitzumachen, als sich eine alte Frau zu Wort meldete und sagte: „Im Haus un-serer Nachbarin Halīme lebt dieses wundersame Kind aus Mekka. Seitdem es bei ihnen ist, regnet Segen vom Himmel herab. Wieso probieren wir nicht, mit ihm zu beten? Vielleicht schenkt uns Gott ja dann Seinen Segen.“
Die Idee gefiel dem Priester. Die alte Frau machte Halīme unter den Versammelten ausfin-dig und erzählte ihr von ihrer Idee. Halīme hatte den Propheten nicht mit zu dem Gebet genom-men, weil es zu heiß gewesen war. Also ging sie ihn mit der alten Frau zusammen holen. Halīme
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wickelte ihren geliebten Ziehsohn in ein Tuch, um ihn vor der Sonne zu schützen, und verdeck-te auch sein Gesicht. Auf dem Rückweg den Hü-gel hinauf bemerkten sie, dass eine kleine Wolke sie begleitete. Das blieb auch dem Priester nicht verborgen, der sie aus der Ferne beobachtete. Da-durch wuchs auch seine Hoffnung, dass dieses Kind aus Mekka ihnen Segen bringen werde.
Der Priester nahm den Herrn der Herzen in den Arm und sprach zu der Menge: „Ihr Men-schen, die ihr euch hier versammelt habt! Betet im Namen dieses Kindes für Regen. Hoffen wir darauf, dass Allāh ihm wohl gesonnen ist.“ Dabei konnte er seinen Blick nicht von den Augen des Propheten abwenden. Während die Menschen beteten, vergrößerte sich die kleine Wolke, die unseren Propheten behütete, und wurde immer dunkler. Dann war der ersehnte Moment gekom-men. Alle Anwesenden schrien auf vor Glück. „Es regnet! Es regnet! Es regnet!“, riefen sie. Mit kurzen Unterbrechungen dauerte der Regen eine Woche an. Die Weideplätze grünten, die Wasser-quellen füllten sich wieder, und die Bäume setz-ten neue Früchte an. Die Tiere wurden satt und gaben mehr Milch. Der Segen von Halīmes Haus hatte sich auf das ganze Tal übertragen.
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Die Jahre verstrichen, und der Herr der Her-zen wuchs heran. Er brauchte nun keine Mut-termilch mehr. Der Zeitpunkt für die Rückgabe des Kindes, den Halīme mit Āmine und Abdul-muttalib vereinbart hatte, nahte. Um ihr Wort zu halten, brachten Halīme und Hārith ihren Ziehsohn nach Mekka zurück. Āmine weinte vor Glück, als sie ihren einzigen Sohn wiedersah, und drückte ihn fest an sich. Halīme hingegen war todtraurig. Sie wollte sich nicht von ihm trennen und spürte, wie sich ihre Brust schon bei dem Ge-danken daran verengte. Deshalb bat sie Āmine in flehendem Ton: „In der Stadt geht die Pest um. Ich habe Angst, dass er sich ansteckt. Sollten wir Muhammed nicht noch eine Zeitlang bei uns be-halten?“ Āmine missfiel der Vorschlag, aber tat-sächlich hatte auch sie Angst vor der Krankheit. Daher willigte sie schließlich wohl oder übel ein.
Voller Freude kehrten Halīme und Hārith mit ihrem Ziehsohn in ihre Heimat zurück. Dort ver-brachte der Prophet zwei weitere Jahre bei seinen Zieheltern und Ziehgeschwistern. Sie alle lieb-ten ihn sehr und gaben gut auf ihn Acht. Aber einmal, als die Kinder hinter dem Haus spielten, kam Abdullah zu seiner Mutter Halīme gerannt und berichtete ihr aufgeregt: „Zwei in Weiß ge-
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kleidete Männer haben Muhammed auf den Bo-den gelegt und seine Brust geöffnet.“ Halīme und Hārith gerieten in Panik und folgten Abdullah nach draußen. Dort stand Muhammed zwar aufrecht auf seinen Füßen, war aber leichenblass im Gesicht. Halīme und Hārith nahmen ihn in den Arm und fragten ihn: „Was ist mit dir pas-siert?“ Der Herr der Herzen antwortete:
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„Zwei Männer in Weiß kamen auf mich zu. Sie legten mich auf den Boden und öffneten meine Brust. Dann holten sie mein Herz heraus, schnit-ten es auf und entnahmen ihm ein schwarzes Stück. Danach wuschen sie mein Herz und meine Brust in Schnee und in Eis. Dann sagte der eine zu dem anderen: ‚Wiege ihn gegen 10 Menschen aus seiner Gemeinschaft ab!‘ Also wogen sie uns ab, und ich war schwerer. Daraufhin sagte der eine: ‚Wiege ihn gegen 100 ab!‘ Also wogen sie uns ab, und ich war schwerer. Nun sagte er: ‚Wiege ihn gegen 1.000 ab!‘ Wieder war ich schwerer. Nun sagte er: ‚Lass es gut sein! Bei Gott, selbst wenn du ihn gegen seine ganze Gemeinschaft abwiegen würdest, würde er schwerer wiegen.‘“
Halīme und Hārith waren aufs Äußerste be-sorgt. Hārith sagte: „Halīme, ich habe Angst, dass dem Kind etwas zustößt. Vielleicht sollten
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wir ihn doch besser wieder nach Mekka zu sei-ner Familie bringen.“ Halīme stimmte seinem Vorschlag zu. Es wäre bestimmt das Richtige, das ihnen anvertraute Kind zurückzugeben. Umgehend brachen sie nach Mekka auf und brachten ihn zu seiner Mutter Āmine.
So endete dieser Lebensabschnitt bei seiner Ziehmutter, als der Prophet vier Jahre alt war.
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Abschied von der Mutter
Endlich lebte der Prophet bei seiner Mutter. Und auch hier wuchs er allen schnell ans Herz. Āmine versuchte nach Kräften, ihren Sohn das Fehlen seines Vaters nicht spüren zu lassen. Großvater und Onkel waren immer für ihn da.
Als der Prophet sechs Jahre alt war, beschloss seine Mutter, in Begleitung von ihrer Haushäl-terin Ummu Eymen und Muhammed nach Medina zu reisen, um ihre Verwandten zu be-suchen und am Grab ihres Mannes Abdullah zu beten. In Medina wurde der Prophet von großer Trauer ergriffen. Denn am Grab seines Vaters, den er nie kennengelernt hatte, spürte er zum ersten Mal, dass er eine Halbwaise war. Seine Tränen tropften auf die Erde des Grabes.
Nur wenige Tage nach dem Besuch am Grab erkrankte Āmine plötzlich. Ihr Zustand ver-schlechterte sich so sehr, dass sie nach Mekka
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zurückkehren mussten. In der Nähe des Dorfes Ebwā verließen Āmine die letzten Kräfte. Als sie unter einem Baum rasteten, wurde Muhammed klar, dass seine schöne Mutter Abschied von ihm und dieser Welt nehmen musste. Sie hefte-te ihren Blick auf das leuchtende Gesicht ihres Sohnes und weinte bitterlich, weil ihr Kind nun zur Vollwaise würde. Auch Ummu Eymen und der kleine Muhammed konnten ihre Tränen nicht zurückhalten. Muhammed legte den Kopf in den Schoß seiner Mutter und fragte sie wieder und wieder: „Wie geht es dir Mutter?“ Āmine brach es fast das Herz, und sie sagte: „Wenn der Traum, den ich sah, der Wahrheit entspricht, dann bist du der Prophet, den Gott der ganzen Schöpfung geschickt hat. Du wirst die Botschaft Abrahams vollenden und die Göt-zen beseitigen. Jedes Lebewesen muss irgend-wann sterben, und alles, was früher einmal neu war, wird irgendwann alt. Heute ist meine Zeit gekommen. Doch mein Name wird überdauern, weil ich einen wunderschönen Sohn geboren habe, den ich dieser Welt hinterlasse.“ Nach die-sen letzten Worten schaute sie ihrem geliebten Sohn noch einmal in die Augen, dann hauch-te sie ihren letzten Atemzug aus. Der Prophet
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war zur Vollwaise geworden, und er litt unbe-schreiblichen Kummer. Unterstützt von Ummu Eymen und einigen Bewohnern des Dorfes be-erdigte er seine Mutter Āmine und kehrte nach Mekka zurück.
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Abdullahs Nachkomme
Nachdem Ummu Eymen den Propheten bei seinem Großvater abgeliefert hatte, erzähl-te dieser ihm, was unterwegs passiert war. Der plötzliche Tod seiner Schwiegertochter Āmine schockierte Abdulmuttalib zutiefst. Sein Enkel hatte seinen Vater nie kennenlernen dür-fen, und nun war auch seine Mutter von ihm ge-gangen. Mitfühlend blickte er ihn an. Von nun an würde er selbst Abdullahs Erben unter seine Fittiche nehmen. Er versuchte, ihn die Abwe-senheit seiner Eltern so weit wie möglich ver-gessen zu lassen, und nahm ihn überall mit hin; selbst zu Versammlungen mit den Stadtoberen von Mekka, wo es vorkam, dass Muhammed um Rat und nach seiner Meinung gefragt wurde.
Eines Tages reiste Abdulmuttalib ohne seinen Enkel mit einer Gruppe von Quraysch in den Je-men. Während dieses Besuchs suchte der äthio-pische Herrscher Seyf, der zu jener Zeit auch
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über den Jemen herrschte, auffällig seine Nähe. Als sie einmal allein waren, zog er Abdulmut-talib beiseite und sagte ihm unter vier Augen: „Abdulmuttalib, ich werde dir einige Geheim-nisse verraten. Ich vertraue sie dir an, weil ich sehe, dass diese Dinge mit dir in Verbindung stehen. Erzähl aber solange niemandem da-von, bis Gott es dir erlaubt. In unseren heiligen Schriften heißt es, dass ein Kind geboren wird und dass dieses Kind ein Zeichen zwischen den Schulterblättern tragen wird. Es wird bis zum Tag des Jüngsten Gerichts euer Oberhaupt sein. Der Zeitpunkt seiner Geburt ist gekommen. Der Name des Kindes ist Muhammed. Es wird sehr früh seine Eltern verlieren. Danach wird es zuerst in der Obhut seines Großvaters, dann in der seines Onkels aufwachsen. Wir reden in-zwischen über nichts anderes mehr als über sein Kommen. Mit seiner Ankunft werden die Anbe-tung des Feuers und der Götzen ein Ende haben. Und du, Abdulmuttalib, bist - so glaube ich je-denfalls - der Großvater dieses Kindes.“
Abdulmuttalib war wenig überrascht, das zu hören. Er nickte langsam und sprach: „Ja, jeme-nitischer Herrscher. Ich hatte einen Sohn, Abdul-lah, den ich sehr geliebt und für den ich immer
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gesorgt habe. Ich habe ihn mit Āmine verheira-tet, der Tochter von Wehb, einem wunderbaren Mädchen. Als Āmine schwanger war, starb Ab-dullah. Dann brachte sie einen Sohn zur Welt, den wir Muhammed nannten. Doch bald darauf starb auch seine Mutter. Und nun lebt er bei mir.“
Ungeduldig platzte es aus Seyf heraus: „Ich wusste es doch, Abdulmuttalib. Pass gut auf ihn auf. Wäre ich mir sicher, dass ich noch lang genug lebe, würde ich mich in Medina niederlassen und ihn dort erwarten. Denn in den Heiligen Schrif-ten habe ich gelesen, dass er mit seiner neuen Re-ligion und seinen Unterstützern dorthin gehen wird. Auch sein Grabmal soll einst dort stehen.“
Noch lange, nachdem Abdulmuttalib aus dem Jemen nach Mekka zurückgekehrt war, gingen ihm Seyfs Worte im Kopf herum. Dass sein En-kelkind eine besondere Zukunft vor sich hatte, war ihm klar. Aber als barmherziger Großvater machte er sich auch Sorgen um Muhammeds Zukunft. Denn nicht nur Seyf war auf die Pro-phezeiungen zu seinem Enkel gestoßen. Alle, die damals die Heiligen Schriften studierten und in der Religion bewandert waren, ahnten, dass der Enkelsohn von Abdulmuttalib der letzte Gesand-te Gottes sein musste. Abdulmuttalib wiederum
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glaubte, dass er ihn vor eifersüchtigen Gelehr-ten schützen musste - nicht nur, weil er der Erbe seines Sohnes Abdullah war, sondern weil er der letzte Prophet sein würde, der den Menschen den rechten Weg weisen würde.
Als der Prophet acht Jahre alt wurde, merk-te Muhammed , dass nach seinen Eltern nun auch sein Großvater im Begriff stand, Abschied von dieser Welt zu nehmen. In seinen letzten Jahren hatte Abdulmuttalib nur noch für sei-nen Enkel gelebt. Eines Tages sagte er zu seinem Sohn Ebū Tālib: „Mein Enkel wird später einmal hohes Ansehen genießen. Ich vertraue ihn dir an.“ Und so gab er den Propheten in die Obhut von Ebū Tālib, der für sein mitfühlendes Wesen bekannt war. Wenig später verstarb Abdulmut-talib im Alter von 82 Jahren. Als den Propheten die Nachricht vom Tod seines Großvaters er-reichte, eilte er zum Leichnam des Verstorbenen und weinte lange bei ihm. Sein Großvater, der ihn immer beschützt und so geliebt hatte, weilte nun nicht mehr bei ihm.
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Unter dem Schutz des Onkels
Als Ebū Tālib Muhammed bei seinem to-ten Großvater weinen sah, erschütterte ihn das zutiefst. Der Junge war das Kind seines Bruders, und er war ihm von seinem Vater an-vertraut worden. Also schloss Ebū Tālib ihn in die Arme. Ab heute würde er Muhammed wie ein Vater sein, und seine Frau würde ihm wie eine Mutter sein.
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Ebū Tālib nahm seinen kleinen Neffen Mu-hammed also zu sich, und sofort wurde auch sein Haus reich gesegnet. Vorher hatte bei ihnen zumeist so wenig Essen auf dem Tisch gestan-den, dass es den Appetit der Familie kaum stil-len konnte; nun blieb sogar immer noch etwas übrig. Ebū Tālib liebte seinen Neffen schon nach kurzer Zeit mehr als seine eigenen Kinder und bemühte sich, ihm ein mitfühlender und auf-merksamer Ziehvater zu sein. Genau wie viele andere Quraysch war auch Ebū Tālib von Beruf
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Kaufmann. Eines Tages rüstete eine Handels-karawane zum Aufbruch von Mekka nach Da-maskus, und er beschloss, sich ihr anzuschlie-ßen. Diese Unternehmung würde ihm einiges Geld einbringen, das er zur Versorgung seiner Familie gut gebrauchen konnte. Er dachte lange darüber nach, ob er Muhammed mit auf die Reise nehmen sollte. Doch befürchtete er, dass ihm unterwegs etwas zustoßen könnte. Als er gerade dabei war, seine Sachen für die Reise zu packen, kam sein Neffe zu ihm und fragte ihn unter Tränen: „Onkel, in wessen Obhut willst du mich während deiner Abwesenheit geben? Ich habe doch keine Mutter und keinen Vater mehr.“ Diese Worte bewegten Ebū Tālib so sehr, dass er kurzerhand einwilligte: „Also gut, mein liebster Muhammed, du kommst mit mir. Du brauchst nicht mehr zu weinen.“
Nachdem die letzten Vorkehrungen getrof-fen waren, zog die Karawane los. Eine Station auf ihrem Weg war die Stadt Busrā. Im Kloster von Busrā lebte ein christlicher Mönch namens Bahīra. Er hatte beobachtet, wie sich eine Ka-rawane näherte, die von einer Wolke begleitet wurde; und diese Wolke schien jemandem in der Reisegruppe Schatten zu spenden. Da sag-
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te er sich: „In dieser Karawane muss es einen besonderen Menschen geben. Könnte dies viel-leicht der letzte Prophet sein, der in den Heili-gen Schriften beschrieben wird?“ Bahīra konnte seine Neugier nicht bändigen und brannte dar-auf, das Geheimnis um die Wolke zu lüften. Als die Karawane das Kloster passieren wollte, lud er die Reisenden zum Essen ein.
Bahīra musterte jeden Einzelnen seiner Gäste. Als er niemanden unter ihnen fand, auf den die Beschreibung aus den Heiligen Schriften passte, fragte er: „Sind alle von euch zum Essen gekom-men?“ „Ja, bis auf ein Kind sind wir alle hier“, antwortete ihm jemand. Da bat Bahīra: „Bitte ruft auch dieses Kind herbei. Er soll nicht aus-geschlossen bleiben.“ Daraufhin ging einer von ihnen zu Muhammed und holte auch ihn in das Kloster. Als Bahīra den Jungen sah, wusste er sofort, dass es sich um den letzten Propheten handelte. Er sagte zu ihm: „Sei mir gegrüßt, mein Junge. Ich möchte dir ein paar Fragen stellen. Bitte antworte mir aufrichtig und ehrlich, bei un-seren Göttern Lēt und Uzzē!“ Aber Muhammed erwiderte: „Rede nicht mit mir über Lēt und Uzzē. Ich verabscheue sie über alles!“ „Gut, dann
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antworte mir bitte im Namen Allāhs!“, lenkte Bahīra ein.
Dann stellte er Muhammed seine Fragen, und dieser beantwortete sie ihm. Was Bahīra von ihm erfuhr, stimmte genau mit den Schilderun-gen in den Heiligen Schriften überein. Am Ende entdeckte der Mönch das Mal zwischen seinen Schulterblättern, und von da an war er sich ganz sicher, dass der letzte Gesandte Gottes vor ihm stand. Er wandte sich an Ebū Tālib und fragte ihn: „In welchem Verhältnis stehst du zu dem Kind?“ „Er ist mein Sohn“, sagte Ebū Tālib. Aber Bahī-ra hielt ihm mit aller Gewissheit entgegen: „Er kann nicht dein Sohn sein. Der Vater von diesem Jungen dürfte nicht mehr am Leben sein.“ Da berichtigte sich Ebū Tālib: „Du hast Recht, er ist der Sohn meines Bruders.“ Bahīra fragte ihn wei-ter: „Was ist mit seinem Vater geschehen?“ „Er ist gestorben, als seine Mutter mit ihm schwan-ger war.“ „Und was ist mit seiner Mutter?“ „Sie starb, als Muhammed sechs Jahre alt war.“ Da trat Bahīra einige Schritte auf ihn zu und warnte ihn: „Ja, du sagst die Wahrheit. Bring ihn schnell zurück nach Hause, denn er ist der letzte der Pro-pheten. Die Juden hoffen darauf, dass dieser letz-te Prophet aus ihren eigenen Reihen hervorgehen
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möge. Wenn die böswilligen unter ihnen von der Existenz dieses Jungen erfahren, werden sie ihn möglicherweise aus Neid umbringen wollen.“
Ebū Tālib, der seinen Neffen über alles liebte, schenkte Bahīras Worten Glauben. Er verkaufte seine Ware und kehrte mit Muhammed nach Mekka zurück.
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Bahīras Ratschlag beherzigend, gab Ebū Tālib von nun an noch mehr Acht auf seinen Nef-fen als ohnehin schon. Indessen wuchs Mu-hammed heran und zog die Blicke der Men-schen auf sich. Er führte ein untadeliges Leben, frei von Sünde, weil er unter dem besonderen Schutz Gottes stand. Dadurch stach er aus der Masse hervor. Wenn es eine gute Tat zu ver-richten gab, zögerte er keine Sekunde. Zugleich hielt er sich von allem Unrecht fern, geschweige denn, dass er selber auch nur irgendeine Übeltat begangen hätte. Zudem hasste er die Götter, die die Mekkaner anbeteten und die aus ihrem Leben nicht wegzudenken waren: selbstgemachte Göt-zen aus Holz und Stein, die von der tief verwur-zelten Unwissenheit ihrer Anhänger kündeten.
Lēt und Uzzē zählten zu den bedeutendsten Götzen der Mekkaner; in ihrem Namen schwo-ren sie ihre Eide. Einer dieser leblosen Götzen
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stand in einem Ort namens Buwāne, in der Nähe von Mekka, und wurde an bestimmten Tagen im Jahr aufgesucht. Die Leute opferten ihm Tiere, bildeten einen Kreis um ihn und beteten ihn an. Einmal schlug Ebū Tālib seinem Neffen Muham-med vor, ihn nach Buwāne zu begleiten. Der zukünftige Prophet aber weigerte sich strikt, mit-zukommen, was Ebū Tālib verärgerte. Da schalte-ten sich Muhammeds Tanten ein und versuchten zu vermitteln: „O Muhammed! Wieso weigerst du dich, diesen Festtag mit deiner Gemeinschaft zu verbringen. Deine Ablehnung dieser Götter wird dich noch in Schwierigkeiten bringen.“
Der Prophet fühlte sich bedrängt und verließ das Haus. Ihn zog nichts an einen Ort, an dem leblose Götzen mit dem allmächtigen Schöp-fer gleichgesetzt wurden. Er wollte lieber allein sein. Doch schon nach kurzer Zeit kehrte er ver-ängstigt zu seinen Tanten zurück. Als sie ihn in diesem Zustand sahen, fragten sie ihn besorgt: „Was ist los mit dir Muhammed? Was hat dir solche Angst eingejagt?“ „Ich befürchte, dass mir etwas zustoßen könnte.“ „Gott wird dich nicht mit dem Teufel prüfen. Wir wissen doch alle, dass du ein guter Mensch bist.“ Doch Mu-hammed gab seinen Tanten zu verstehen:
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„Sobald ich auch nur einen Schritt auf eure Göt-zen zugehe, kommt ein großer weiß gekleideter Mann auf mich zu und ermahnt mich mit den Worten: ‚Nähere dich ihnen auf keinen Fall. Bleib, wo du bist, Muhammed!‘“
Von diesem Tag an sprach der zukünftige Prophet nie wieder mit seinen Verwandten über die Götzen; und nie wieder bedrängten sie ihn, die Götzen aufzusuchen. Und diese Begebenheit war beispielhaft für seine Jugendjahre: Jedes Mal, wenn er in eine Situation zu kommen drohte, die ihn mit Sünde und Unrecht konfrontiert hätte, hielt Gott Seine schützende Hand über Seinen Gesandten.
Muhammed unterschied sich in vielerlei Hinsicht von seinen Altersgenossen. Mittlerwei-le 20 Jahre alt, wurde er allseits bewundert. Vie-le Mekkaner suchten seinen Rat, da seine Worte und Empfehlungen stets gut durchdacht waren. Sein tugendhaftes Auftreten und seine Verläss-lichkeit trugen ihm den Ehrennamen Emīn oder Muhammed ul-Emīn ein: Muhammed der Vertrauenswürdige . Was seinen persönlichen Umgang betraf, suchte er stets den Kontakt zu anderen tugendhaften Menschen. Bei ihnen hielt er sich auf, und wenn ihm dies nicht möglich war,
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blieb er allein für sich. Zu keiner Zeit aber ließ er sich vom verwerflichen Lebenswandel der meis-ten Mekkaner in Versuchung führen. Sein bester Freund war Ebū Bekr, der Sohn von Ebū Quhāfe. Dieser war zwei Jahre jünger als er, respektierte ihn sehr und nahm ihn sich zum Vorbild. Die beiden ähnelten einander, deshalb wurden sie Freunde. Und die Mekkaner gewöhnten sich da-ran, die zwei immer zusammen zu sehen.
Die wenigen tugendhaften Menschen in Mek-ka konnten jedoch nicht darüber hinwegtäu-schen, dass in der Stadt das Unrecht regierte und allmählich überhandnahm. Für den Besitz und das Leben von Besuchern und ärmeren Stadtbe-wohnern gab es keine Sicherheit mehr. Zuletzt war ein jemenitischer Händler mit einem vollbe-ladenen Kamel nach Mekka gekommen. Dort war einer der vornehmeren Mekkaner namens ‘Ās an ihn herangetreten und hatte ihm seine Ware ab-genommen, ohne ihm anschließend den verab-redeten Kaufpreis auszubezahlen. Der Händler geriet in große Sorge und wusste nicht, was er tun sollte. Also suchte er einige Familien auf, die in Mekka das Sagen hatten. Doch auch sie halfen ihm nicht weiter, denn niemand wollte sich mit ‘Ās anlegen. Als der Händler jede Hoffnung ver-
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loren hatte, stieg er auf den Ebū Qubeys-Hügel gegenüber der Kaabe und begann zu wehklagen. Damit war ein Höhepunkt des in Mekka verüb-ten Unrechts erreicht.
Zubeyr, ein Onkel Muhammeds, eilte ihm zu Hilfe und fragte ihn: „Was ist mit dir?“ Verzwei-felt, aber froh, jemanden gefunden zu haben, der ihm zuhörte, erzählte der Mann Zubeyr von dem Vorfall. Daraufhin versammelten sich die Vertre-ter aller wichtigen Familien und beratschlagten nach einem gemeinsamen Essen, was getan wer-den konnte. Am Ende beschlossen sie, solches Unrecht nicht länger zu dulden. Sie versprachen, den Opfern zu helfen, die Täter zu bestrafen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Zu einer Zeit, in der es keine Menschenrechte gab und die Stärkeren mit den Schwächeren machen konnten, was sie wollten, war dies ein großer erster Schritt. Auch Muhammed hatte an der Versammlung teilge-nommen. Durchgesetzt wurde der gemeinsame Beschluss erstmals zugunsten des jemenitischen Händlers. Als alle Anführer von Mekka sich ge-gen ‘Ās stellten, sah sich dieser gezwungen, dem Händler sein Geld auszuzahlen.
Kurze Zeit später passierte noch etwas Un-vorhergesehenes in Mekka. Der Stamm der



