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Es ist noch nicht richtig hell, als Tina wieder erwacht und den Vorhang ein wenig zur Seite schiebt. Sakis aber, der nun die ganze Nacht durchgefahren ist, ist so erfreut, sie zu sehen, dass sie sich genötigt fühlt, von der Pritsche hinunterzukrabbeln und ihm auf der Beifahrerbank Gesellschaft zu leisten. Verschlafen lächelt sie ihn an. „Gut?“, lächelt er zurück und sieht müde aus. „Gut!“, hält Tina ihm den erhobenen Daumen entgegen. Lena schnarcht hinter ihr leise vor sich hin. Ja, sie sind schon seit längerem in Italien, gibt Sakis Tina zu verstehen, und er muss bald mal eine Pause machen. Vorgeschrieben wäre nun wohl eine längere, aber das kümmert ihn nicht sonderlich. Nur kurz ein bisschen frisch machen, einen Kaffee trinken und dann weiter, so ist sein Plan. „Familie“, schaut er Tina eindringlich an und seine dunkelbraunen Augen strahlen. „Weißt? Griechenland. Familie. Warten auf mich.“
Als sie auf die italienische Autobahnraststätte fahren, die rundherum mit einem mannshohen Zaun umgeben ist, erwacht auch Lena. Gut sieht sie aus, finden die anderen.
So sehr die Mädchen sich auch mühen, sie schaffen es nicht, Sakis davon abzubringen, ihnen beiden einen Cappuccino und ein Cornetto zu spendieren. Hügelig ist die Landschaft, durch die er dann seinen großen LKW auf der rechten Spur der Autobahn lenkt. Unzählige, runde, kleine, grüne Erhöhungen reihen sich um sie herum aneinander. Auf einem von ihnen rechter Hand thront über einem leicht ansteigenden Olivenhain ein Dom mit einem Kloster oder ähnlichem. „Das Haus von Maria“, grinst Sakis die beiden Mädchen an. „Dort ist geboren.“ Na klar, denken die Mädchen sich, das war wohl als netter Scherz gemeint. Schließlich steht das alles ja nun mal eindeutig anders in der Bibel. „Haben Haus hier wieder aufgestellt“, versucht der junge Grieche ihnen daher zu erklären, woran er selbst nicht recht zu glauben scheint. Und während die beiden noch überlegen, was sie von Sakis` Worten halten sollen, blitzt linkerhand zwischen den rundlichen Hügeln auf einmal das Meer auf. Dunkelblau und scheinbar unendlich liegt sie da, die Adria. „Gleich sind da!“, lächelt Sakis sie zufrieden an und Tina und Lena schauen gespannt auf das Wasser und die Strände, die hier und da bläulich und gelblich zwischen den Hügeln in der Sonne aufleuchten.
„Kann nicht in Stadt fahren!“, beteuert Sakis etwas nervös, als er auf eine der Ausfahrten zusteuert. „LKW zu groß.“ Die Mädchen neben ihm können seine Sorge jedoch kaum nachvollziehen. Ihr griechischer Fahrer hat sie in einem Rutsch bis hier hergefahren, das Meer, es ist ganz nah und sie wissen, dass sie gleich nicht in einer riesigen Stadt aussteigen werden. Was also soll jetzt noch passieren? In ihrer Freude, so schnell ans Ziel gelangt zu sein, haben beide nicht daran gedacht, dass Sakis zunächst durch eine Mautstelle fahren muss, bevor er sie aussteigen lassen kann. Mühsam quält er sich in den Kreisverkehr dahinter, auf dem sämtliche Fahrzeuge, die zuvor auf mehreren Spuren an mehreren Kassenhäuschen vorbeigeleitet wurden, nun alle wieder zusammenkommen. Es wird gehupt, es wird durch das offene Fenster geschimpft, aber ihr Fahrer lässt sich davon nicht irritieren. Das was dann hinter dem Kreisel folgt, finden Lena und Tina aber, sieht genau so aus, wie die Autobahn eben und scheint zudem auch noch ewig so weiter zu gehen. Ein schlechtes Gewissen übermannt sie dann, als sie endlich kapieren, wie verzweifelt Sakis nach einer Straße sucht, auf der er mit seinem sperrigen Transporter wenden kann. Dann, als er die metallene Statue sieht, die in einem großen, runden Beet in einem Kreisel vor ihnen steht, hält er abrupt an. Schnell lassen Tina und Lena ihre Rucksäcke auf den Bordstein fallen und krabbeln hinaus aus dem Führerhaus. Zu schnell aber, haben beide das Gefühl, müssen sie sich jetzt von Sakis verabschieden. „Vielen, vielen Dank für alles!“, ruft ihm Lena zu, bevor sie die Beifahrertür zuschlägt. Tina hält ihm noch mal den ausgestreckten Daumen entgegen und beide winken ihrem Fahrer herzlich zu, als er auf der anderen Straßenseite noch einmal an ihnen vorbeifährt. Es ist sein Grinsen dort hinter dem Steuer, das ihnen verrät, wie froh auch er ist und wohl auch stolz, die beiden jungen Mädchen heil an ihr Ziel gebracht zu haben.
5 Der Platz
„Eigentlich war Rainers Idee mit dem Rathaus ja genial!“, findet Lena, die sich wieder wie neugeboren fühlt. Es sollte schließlich in jeder auch noch so kleinen Stadt eines geben und man sollte es auch stets irgendwo im Zentrum finden. „Ja, eigentlich!“, lacht Tina, denn sie tun nun schon etwas länger genau das, was sie mit der Wahl einer kleinen Stadt zu verhindern versucht hatten. Orientierungslos irren sie durch diesen Ort und wissen zudem weder, was Rathaus auf Englisch heißt, noch auf Italienisch. Und was sollten Passanten, von zwei jungen, offensichtlich nicht aus ihrem Land stammenden Mädchen in englischer Sprache nach dem Haus gefragt, in dem man seinen Pass verlängern kann, denn auch antworten?
An einem weiteren Kreisel angekommen, beginnt Tina daher zu kombinieren. „Da fährt doch die Bahn über die Unterführung dort?“ Kann Lena ihr gut folgen. „Und die haben wir doch von der Autobahn aus gesehen. Die verläuft wie sie immer parallel zum Meer, oder?“ muss ihre Freundin ihr auch diesmal wieder Recht geben. „Schau mal!“, blickt Tina die Straße entlang, die links vom Kreisel abgeht. „In diese Richtung sieht es doch nicht aus, als würde noch ein Stadtzentrum kommen!“ – „Ne, da geht`s eindeutig in die Hügel hinauf! Da wird sich das Zentrum wohl kaum befinden“, folgt Lena Tinas Augen. „Findest du also auch, dass es sinnig wäre, so ein Zentrum am Meer zu bauen, nicht?“, grinst Tina sie an. „Also ab durch die Unterführung, meinst du?“, mag Lena diese, Tinas Art sehr, Menschen zu überzeugen und folgt ihr rechts entlang durch den nicht sehr hohen Tunnel. „Bingo!“, hält Tina ihr den erhobenen Daumen hin, noch bevor sie wieder richtig oben sind. „`Ne Einkaufsstraße, jäh!“, muss Lena die Augen zusammenkneifen, da die Sonne noch tief steht jetzt am Morgen und genau so blendet, wie schon in den vergangenen Tagen, in denen sie noch oben im Norden waren. Eben so, als hätte man sämtliche Wolken abgeschafft, als würde es kein anderes Wetter mehr geben, als blauen Himmel und Sonnenschein eben. Fast schüchtern gehen Tina und Lena auf der breiten Allee entlang. Ein Geschäft reiht sich hier an das andere und der Anblick all der schicken Klamotten, Schuhe, Küchenaccessoires und Delikatessen in den Schaufensterauslagen befremdet die beiden nach all der Zeit, die sie nun auf der Autobahn zugebracht haben.
„Versuchen wir es noch mal?“, blickt Tina auf die Eingangstür eines kleinen Tabakladens. Doch kaum, dass die beiden das kleine Lädchen betreten und ihre Frage gestellt haben, hat sich eine Traube von Menschen um sie herum geformt und sie können sich kaum mehr bewegen. Hier soll man am Tresen die gewünschte Ware erbeten, bezahlen und dann wieder gehen. Nun aber, da alle auf die beiden jungen Frauen mit den sperrigen Rucksäcken schauen, ist alles zum Stillstand, das Geschäft zum Erliegen gekommen. Auch von denen aber, die sich hier nun zwischen Tabakdosen, Pfeifen und Zeitungsständern dicht gedrängt um sie tummeln, scheint keiner zu begreifen, was die jungen Frauen von ihnen wollen, auf Englisch zu erklären versuchen. Und daran können auch die eigentlich recht treffenden Umschreibungen, die Tina und Lena sich zurechtgelegt haben, so gar nichts ändern. Ein jeder blickt sie freundlich an. Es werden viele Anläufe genommen, untereinander zu klären, worum es hier geht, doch es ist einfach offensichtlich, dass niemand sie versteht. Wie ein heilloses Durcheinanderreden wirkt das alles auf Tina und Lena. „Dabei wollen wir doch nur wissen, wo das Rathaus ist,“ stöhnt Lena. - „Rathaus?“ hören sie da die tiefe Stimme eines Mannes in der Ecke sagen. Verdutzt blicken sie in sein fragendes Gesicht und plötzlich herrscht Ruhe um sie herum. „Seid ihr Deutsche?“, lächelt er die beiden an, die nun ebenfalls sprachlos sind. Nur langsam scheint ihnen klar zu werden, was hier gerade geschieht. „Ich hab gearbeitet in Deutschland“, hören sie ihn sagen und die zusammengerollte Zeitung in seiner rechten Hand scheint in eine bestimmte Richtung zu weisen. „Vierzehn Jahre. In Bochum. Kennt ihr Bochum?“, streicht der Mann sich mit der freien Hand durch seine grauen Haare. Tina und Lena, denen immer noch die Worte fehlen, kommt es vor, als würde er für einen Moment in der Erinnerung versinken. Ja, dort in Bochum war er mit knapp zwanzig Jahren und seinen kleinen Reisekoffer in der Hand, zum ersten Mal in dem Heimatland dieser Mädchen aus dem Zug gestiegen. Geld wollte er dort verdienen im Wirtschaftswunderland. Mit seiner Ausbildung zum Betriebsschlosser und einigen Jahren Berufserfahrung hatte er auch schnell eine Stelle gefunden. Aber anders als viele seiner Landsleute war er nicht lange geblieben. Zu groß war sein Heimweh im Laufe der Jahre geworden. Daher war zurückgekehrt, als es auch mit seinem Heimatland wieder bergauf ging und hier auch für immer geblieben. „Nein, ich war leider noch nie in Bochum“, findet Tina als erste endlich wieder zu ihrer Muttersprache zurück und lächelt ihn beinahe entschuldigend an. „Ah, nicht schlimm!“, winkt er mit der Zeitung in der Hand ab und seine Augen lächeln milde. „Ist keine Stadt sehr schön!“ Angestrengt sucht er nach den Worten. „Woher ihr seid?“, formuliert er langsam, denn er weiß noch, dass die Regeln für die Satzstellung in ihrer Sprache eine andere Reihenfolge vorsehen. Viel zu lange aber ist es nun schon her, dass er diese Sprache gesprochen hat. „Hamburg, na ja, in der Nähe davon“, ist Lena froh, überhaupt etwas von dem zu verstehen, was einer hier sagt. „Ja, Hamburg! Hamburg ist eine Stadt sehr schön!“, strahlt ihr Gegenüber erst sie, dann Tina an, „Und ihr macht Urlaub hier?“ - „Na ja“, wiegt Tina ihre Antwort ab. „Wir sind auf dem Weg nach Griechenland und...“ - „Griechenland?“, schaut sein schon leicht faltiges Gesicht erstaunt. „Das ist noch weit!“ - „Ja“, weiß auch Tina „und deshalb suchen wir das Rathaus. Dort wollen wir uns nämlich mit unseren Freunden treffen.“ - „Ah!“, streckt sich nun sein Arm mit der zusammengerollten Zeitung in der Hand erst in Richtung Ladenausgang, dann um die Ecke. „Ah, das Rathaus ist nicht weit! Die Straße runter, nur noch ein paar Meter.“ Die Erleichterung in den Gesichtern der beiden jungen Frauen zaubert ein warmes Lächeln auf das seine. „Municipio!“, spricht er das Wort langsam und deutlich und plötzlich lachen die Umstehenden auf. „Ach so, das Rathaus suchen sie!“ und gehen schon wieder ihren Beschäftigungen nach. „Municipio!“, wiederholt eine der Frauen das Wort noch einmal bevor sie sich anschickt, wieder ihrem eigentlichen Wollen zu folgen. Und so sprechen Tina und Lena es ein-, zweimal nach, auch weil sie glauben, dass sie diese Vokabel vielleicht noch einmal brauchen werden.
„Meinst du, das ist es?“, will Tina mal wieder ganz sicher gehen, als sie vor dem dreistöckigen Gebäude stehen, das genau so breit ist wie der Platz davor und spricht auch gleicht eine Passantin an. „Schì, schì!“, nickt diese nur kurz, ohne sich umzudrehen und die beiden Mädchen beginnen zu lachen. Denn es ist nicht nur die Aussprache, in der die Frau geantwortet hat, die für sie wahrlich witzig klingt, sondern auch eine Menge Erleichterung, die sich gerade in ihnen breit macht. Ganz automatisch suchen sie die Umgebung nach ihren Begleitern ab. Die aber sind nirgends zu sehen „Lass doch noch mal in dem Park da schauen!“, schlägt Tina vor und weist mit dem Kopf auf die Palmen, die hinter einem hohen, schwarzen Gitterzaun am Ende des Platzes stehen. Angenehm ist es hier! Kühler durch die Blätterkronen der hohen Bäume und den mehrstöckigen Springbrunnen mitten drinnen, auch wenn er klein ist, dieser Park, und die unterschiedlichen italienischen Vehikel unaufhörlich außen um ihn herumsurren. „Die sind noch nicht da!“, blickt Lena sie an und Tina muss grinsen und noch mehr an Jan denken, als sowieso schon. „Wollen wir hier bleiben? Hier ist es doch angenehm“, will sie aber nicht lange auf dem herumreiten, was ja offensichtlich war. Lena spürt, wie gerne sie jetzt im Schatten sitzen würde, umgeben von Grün. „Hm! Aber hier sieht uns ja keiner.“ Das, muss Tina einsehen, stimmt leider. „Vielleicht setzen wir uns da auf den Platz auf die Seite?“, schlägt sie daher vor. „Unter die Bäume da auf den Bürgersteig?“
Hart ist er dieser breite Bürgersteig, aber wenigsten können die zwei ihre Rucksäcke und daran sich selbst mit dem Rücken an die Baumstemme lehnen. Sie schauen zu wie sich neben ihnen alles, was einen Motor hat, auf zwei, drei oder vier Rädern an den am Straßenrand kreuz und quer abgestellten Fahrzeugen auf das Rathaus zuschiebt. Von dort aus es scheint es nur eine Richtung zu geben, die nämlich um den Platz herum. Nur wenige Menschen umrunden oder überqueren den Platz, auf welchem abgesehen von ein paar parkenden Autos im vorderen Bereich, gähnende Leere herrscht, zu Fuß. Tina betrachtet die Buden, die links und rechts vor dem Eingang zur Parkanlage stehen. Buden, die Eis anbieten, Süßigkeiten, Kaltgetränke, so etwas Ähnliches wie Kinderspielzeug. Die Augen der Mädchen folgen dem jungen Mann, der mit seiner Vespa quer über den Platz direkt bis zu einer dieser Buden fährt, seinen blonden, jungen Sohn stehend zwischen seine Beine geklemmt. Ohne abzusteigen will er dem Kleinen scheinbar einen Luftballon kaufen. Dieser würde wohl zu gerne gleich alle nehmen, doch er muss sich entscheiden. Geduldig hält der Mann aus der Bude ihm die Schnur mit einem schwebenden gelben Ballon daran hin, dann die mit einem roten, schließlich die mit einem blauen. Nach dieser Schnur greift der Kleine sogleich und schaut stolz grinsend an ihr entlang zum Ballon hinauf. Nun weist Papa ihn wohl an, die Schnur von nun an gut festzuhalten, bevor er das Gas wieder aufdreht. Ein schönes Bild finden Tina und Lena, wie Papa und Sohnemann mit dem blauen Luftballon über ihren Köpfen auf der Vespa langsam über den breiten Platz zurück zur Straße fahren. Dennoch ahnen beide schon, dass es öde werden kann, hier für längere Zeit herumzusitzen.
„Hattest du geschaut? Haben wir `nen Stempel von den italienischen Grenzbeamten gekriegt?“, hat Lena diesen Teil der Reise ja nun verschlafen. „Nein! Leider nicht! Die haben unsere Pässe gar nicht interessiert.“ – „Schade zwar, aber es wär doch cool, wenn das irgendwann mal in ganz Europa so sein würde, oder? Reisen von Land zu Land ohne Visa, ohne Ausweispapiere und ohne Grenzkontrollen“, findet Lena an dieser Vorstellung richtig Gefallen. „Ja, das wäre dann endlich auch ein Europa nicht nur für die, die Handel treiben“, gefällt auch Tina dieser Gedanke, „sondern endlich mal eins für die Menschen!“ - „Na, zumindest ein West-Europa ohne Schranken“, überlegt Lena. „Ja, wer weiß!“, spinnt ihre Freundin den Gedanken auch gleich weiter. „Vielleicht wird es irgendwann ja sogar mal einen Europa-Pass geben, ein Ausweispapier für alle, die auf diesem Kontinent leben.“ - „Und alle können unbegrenzt und unbehelligt von Nord nach Süd und Ost nach West hin- und herreisen.“ - „Ja, cool wäre das!“ -„Absolut!“, schweifen Tinas Augen über den Piazza „Und bis dahin haben wir hier erst mal einen ganz schönen Platz hier, oder? Schön im Schatten. Und gut sichtbar auch!“ - „Allerdings!“, lässt auch Lena ihren Blick über das Gelände um sie herum streifen. „Echt gut sichtbar für jedermann!“
Die Menschen, die an den beiden in alle möglichen Richtungen vorbeigehen, betrachten sie nicht selten lange, unverhohlen. Kaum jemand hier ist sonderlich bemüht, gleich wieder wegzuschauen, selbst wenn eines der Mädchen ihren Blick entgegnet. Nein, für die Menschen hier scheint es keine Selbstverständlichkeit zu sein, dass zwei junge Frauen mit Gepäck auf dem Bürgersteig am Rande des zentralen Platzes ihrer Stadt sitzen und offensichtlich nichts weiter zu tun haben, als auf irgendetwas zu warten. Immer wieder macht der eine oder andere die Mädchen von der Straße aus auch mit seiner Hupe bekannt. Die Menschen schauen, lächeln und rufen ihnen irgendwas zu, wohl damit die Mädchen sich zu ihnen umdrehen mögen, so dass sie ihre Gesichter sehen können. Das ist ungewohnt für die beiden aus dem hohen Norden, aber auch amüsant. Aber da es beim Lächeln, Hupen und Winken bleibt und keiner ihnen zu nahe kommt, fühlt es sich auch für keine von beiden unangenehm an. „Bald“, so ist Tina überzeugt, „werden wir hier Stadtgespräch sein.“ - „Ja, und alle fahren extra hier her, nur um uns zu sehen. Eigentlich ganz schön, mal so etwas Besonderes zu sein, nicht?“ Besonders ist für Lena aber auch dieser Wasserhahn, der aus einer gusseiserneren Säule nicht weit von ihnen ragt. „Ob sich da wohl jeder bedienen darf?“, fragt sie sich laut. „Wenn denn überhaupt was rauskommt“, bezweifelt genau das Tina, rappelt sich hoch, schaut sich noch einmal um und dreht dann den Hahn auf. Mit einem mächtigen Schwall spritzt das Wasser auf den Boden und von dort auf ihre Beine, so dass sie erschrocken ein Stück zur Seite springt. „Da kommt nicht nur was raus, da ist auch ordentlich Druck drauf!“, zieht Lena sie grinsend auf. „Sieht ganz klar aus“, beugt Tina ihren langen Oberkörper hinunter, hält ihren offenen Mund in das fließende Wasser und nimmt einen Schluck. „Und schmeckt auch ganz ok“, findet sie. „Und kühl ist es auch“, hält sie beide Hände in den Wasserstrahl. „Das ist ja echt geil!“, entfährt es Lena. „Hier kann man sich das Wasser mitten in der Stadt direkt in den Mund laufen lassen. Und das vollkommen umsonst!“ - „Man kann es sich aber auch in die Flasche füllen!“, feixt Tina und findet es einfach nur super, an einem heißen Sommertag wie diesem gleich neben einer kostenfreien Wasserquelle zu sitzen. „Wenn man bedenkt, dass man bei uns `ne Mark und fünfzig für so `ne kleine Glasflasche am Kiosk bezahlt, möchte man an einem Platz wie diesen mal was trinken“, fällt Lena ihre Heimat ein. „Ist doch voll abgefahren!“ – „Allerdings!“, nickt Tina, „Echt abgefahren!“
Erst als sie schon auf der Autobahn sind, stellte sich heraus, dass der Fahrer des LKWs zwar nach Italien will, zunächst aber von Innsbruck aus noch einmal in Richtung Schweiz fahren muss, um dort in irgendeinem Ort irgendetwas abzuholen. Der ältere Mann, der nur gebrochen Deutsch spricht, bietet Jan an, den Ort dort in Österreich auf der Karte zu suchen, die vorne an der Windschutzscheibe steckt. So könnten sich die beiden Jungen einen Überblick verschaffen. Zwei bis drei Stunden Umweg seien es aber sicher schon. Zweifelnd blickt Jan Rainer neben sich an, dessen Miene sich bereits wieder verdunkelt hat. „Immerhin fährt er dann bis Bologna“, findet er in seiner optimistischen Art voller Sehnsucht danach, endlich wieder in Tinas große, sanfte Augen zu schauen. „Ah!“, winkt Rainer jedoch zu seinem Leidwesen ab, wobei er seine Finger wieder einmal durch seine weichen Haare gleiten lässt. „Hab` eh keine Ahnung, wo das genau ist. Aber wir müssen auch mal was essen“, findet er. „Also besser, er lässt uns an einer Raststätte vor Innsbruck raus.“ Das mit dem Essen ist für Jan ein schlagendes Argument. Es ist aber ja auch nahezu unmöglich, hatte er schon gestern beim Genuss des aufgewärmten, belegten Brotes bemerkt, Nahrungsmittel für mehrere Tage mit auf eine solche Tramptour zu nehmen. Nicht nur, dass es dafür kaum mehr Platz gibt in den Rucksäcken, die vollgepackt sind mit allem Möglichen, was man so braucht. Es hält sich ja auch nichts bei dieser Wärme! Bei dieser dauerhaften Sonneneinstrahlung, der sie ausgesetzt sind.
Auf der Raststätte kurz vor Innsbruck versucht Jan für Deutsche Mark belegte Brötchen zu bekommen. Die beleibte Dame an der Kasse des Selfservice-Restaurants will sich aber partout nicht darauf einlassen. Kleingeld würde sie nicht wieder gewechselt bekommen, erklärt sie den Trampern mit ihrem österreichischen Akzent. Es gibt keine Diskussion und auch kein Mitleid. Sie könnten mit einem Schein bezahlen und das Wechselgeld in Schilling zurücknehmen oder eben hungrig bleiben. Mehr kann Jan auch mit seinem entzückendsten Lächeln nicht herausschlagen, ganz gleich wie sehr seine schönen, grünen Augen die füllige Frau im Dirndl auch anstrahlen. Also bezahlt Jan die beiden mager belegten Brötchen und lässt sich die paar Schillinge Rückgeld geben. Der Wert des Scheines reicht nicht aus, um auch noch zwei Tassen Kaffee zu erwerben, ja, nicht einmal eine davon. „Das hat doch jetzt ein Vermögen gekostet!“, schimpft Rainer, kaum dass sie ein paar Meter von der Kasse entfernt sind. „Und die hat voll das Geschäft gemacht!“ Jan hält ihm eines der Brötchen hin. „Denk ich auch“ ärgert auch er sich darüber, dass man auf den Autobahnraststätten sowohl den Leuten, die dort arbeiten, als auch den Preisen so hilflos ausgeliefert ist. „Als Autofahrer würde ich ja auch zum Essen immer abfahren.“ „Ja ne, lass mal!“, grinst Rainer ihn verkrampft an. „Wir kommen ja auch so schon nicht voran.“ Er, Rainer, war schließlich von Anfang an dafür gewesen, an die Atlantikküste nach Frankreich zu fahren und zwar mit der Bahn. Griechenland, hatte er gedacht, war viel zu weit. Aber die anderen hatten sich ja von dieser Idee nicht abbringen lassen. Und nun merkte er deutlich, wie wenig er diese Hitze vertrug. Auch wenn er nicht gleich einen Sonnenstich erlitt wie Lena, deren Haare doch immer leuchteten, als wären sie die Sonne selbst, spürte er, dass sein Körper nicht gemacht war für dieses ewige Superwarm. Zudem war er in der Nacht immer wieder aufgewacht, hatte an Lena gedacht und sich geärgert, weil es seine Idee gewesen war, die Partner so zu tauschen, dass nun die beiden Mädels alleine unterwegs waren und er hier mit Jan nicht weiter kam. Immerhin war Tina als angehende Krankenschwester aber wohl besser in der Lage, sich um die kranke Lena zu kümmern, als er das hätte tun können, versuchte er sich zu trösten, doch es gelang ihm nicht recht. Sein Kumpel Jan schlief tief und fest neben ihm. Beneidenswert echt! Unfähig in den Schlaf zu finden, hatte Rainer daher wieder einmal damit begonnen, darüber nachzusinnen, was er nun eigentlich von Lena wollte und sie von ihm. Und wieder einmal konnte und wollte er sich nicht eingestehen, dass er noch viel zu sehr an seiner Sabine hing, als dass er sich auf eine andere Frau hätte einlassen können. Er mochte Lena sehr, das Strahlen ihrer dunkelblauen Augen, wenn sie lachte. Und sie lachte viel. Aber es hatte nicht geknallt zwischen ihnen, nicht so wie damals zwischen ihm und Sabine, seiner ersten wirklich großen Liebe. Diese drei Jahre mit ihr waren für Rainer einfach nur schön gewesen und es war jetzt auch erst knapp zwei Monate her, dass sie sich in diesen anderen Heini verliebt hatte. Was wollte sie nur von dem! Fünf Jahre älter als sie und der totale Spießer! Klar war es nach drei Jahren nicht mehr so zwischen ihnen beiden gewesen wie am Anfang. Er aber hätte sich niemals in eine andere Frau verlieben können. Ja, er konnte es ja nicht einmal jetzt, wie er schließlich feststellen musste, als es um das Zelt herum schon langsam zu dämmern begann.
„Guck mal!“, lenkt Tina Lenas Blick auf ein kleines, grünes Vespadreirad, das aus der Seitenstraße ihnen gegenüber direkt auf sie zugefahren kommt. Es ist aber nicht das winzige Dreirad, das ihre Aufmerksamkeit erregt hat, begreift Lena sogleich. Von diesen Vespas, denen man hinten eine winzige Ladefläche auf zwei Rädern angehängt hat, haben sie heute ja auch schon viele gesehen. In keinem von ihnen saßen jedoch zwei so junge Männer mit so schönen, gelockten, schulterlangen Haaren drin. Jetzt lächeln diese beiden Jungs sogar direkt in Tinas und Lenas Richtung. Ja, sie wenden sogar noch mal ihre Gesichter zu ihnen um, nachdem sie um die Ecke gebogen sind und dem Strom der Fahrzeuge folgen, der sich unaufhörlich in Richtung Rathaus und von dort um den Platz herum bewegt. „Die sahen doch jetzt echt sympathisch aus“, findet Tina. „Allerdings!“, ist Lena ganz bei ihr, „Aber schau!“ zeigt sie auf die grüne Ape, die nun auf der Straße auf der anderen Seite des Platzes an eben diesem verbeifährt. „Schade eigentlich!“ seufzt ihre Freundin leise. „Ja, schade!“ nickt Lena, denn sie beginnt sich zu langweilen hier. „Ich hab grad voll Hunger“, spürt sie außerdem. „Kein Wunder!“, findet Tina. „Wo du doch gestern alles gleich wieder ausgespuckt hast! Aber eine von uns sollte wohl jetzt immer hier bleiben, denke ich. Wegen der Jungs und auch wegen der Rucksäcke“, ist sie gedanklich schon dabei, ihnen etwas zum Essen zu besorgen und holt auch schon ihr Portemonnaie aus ihrer bunten Umhängetasche heraus. Es wäre tatsächlich zu umständlich, sich mit den Rucksäcken auf dem Rücken in irgendwelche Läden zu zwängen, findet auch Lena mit Blick auf die italienischen Geldscheine, die Tina in ihren Händen hin- und herwendet. „Wie viele Lire hast du denn eigentlich?“ - „11.000 und noch ein paar Zerquetschte.“, zählt Tina die Lire nach, die sie noch daheim von ihrer Bank erhalten hat. „Besonders schick sind sie ja nicht.“, fällt ihr dabei auf und sie hält Lena einen 1000 Lire-Schein direkt vors Gesicht. „Na ja, auch nicht schöner oder hässlicher als die unseren, oder?“ - „Aber die in Frankreich!“, strahlen Tinas große Augen begeistert. „Die mit dem kleinen Prinzen drauf! Hast du die mal gesehen?“ Nein, muss Lena kopfschüttelnd zugeben, da sie ja noch nie in Frankreich war. „Und wie viel sind diese 11.000 nun wert?“ - „Etwa zwanzig Mark. Musste ja auch noch Gebühren bezahlen....“, schaut ihre Freundin sie fast entschuldigend an. Lena aber findet auch, dass das erst mal reichen sollte. Schließlich war ein längerer Aufenthalt in Italien ja nicht geplant. Und schade wäre es auf jeden Fall, wenn auch sie noch einen Travellerscheck hier einlösen müsste. denn das wären dann gleich fünfzig Mark, die für Lire draufgingen. Den Rest müsste sie dann auch in Griechenland wieder in Drachmen tauschen, wollte sie ihn nicht auf dem Rückweg hier in Italien ausgeben und ein jeder Umtausch kostete nun mal die von Tina schon erwähnten scheiß Gebühren. Geld, das man besser sparen sollte, war sie überzeugt, angesichts der geringen Mengen, die Tina als Auszubildende und sie als Abiturientin davon haben. „Puh, das wird kompliziert mit diesem Wechselkurs“, ist das, was ihre Freundin im Moment aber viel mehr umtreibt und sie sieht sich schon stundenlang im Laden stehen, verzweifelt damit beschäftigt, die Preise von Lire in D-Mark umzurechnen.




