Schwarzwald - FernSichten und EinSichten während einer Wanderung über den Westweg und den Ostweg

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15. Bad Liebenzell – Steinegg
16. Steinegg – Pforzheim/ Kupferhammer
Jüngere Wanderer als wir oder die sehr Sportlichen unter ihnen werden sicherlich längere Tagesstrecken laufen. Aber für uns war entscheidend, dass wir die beiden Fernwanderstrecken „in einem Stück“ laufen. Außerdem drückte uns nicht der Gedanke, dass ein Chef oder das Arbeitsteam auf unsere pünktliche Heimkehr warten würde. Wir sind ja schon ziemlich lange in den älteren Jahrgängen zugange. Und da spielte es bei unseren zurückliegenden Wanderungen keine Rolle, ob wir eine Woche früher oder später nach Hause kämen. So auch bei unserer Wanderung über den Schwarzwald.
Welche Tagesstrecken man sich zutrauen kann, ob man Ruhetage einplant, wie sich die „Quartierlage“ darstellt oder ob man noch speziellen Interessen nachgehen will, muss jeder für sich entscheiden. Wir machten beispielsweise schon bei der ersten Etappe einen größeren „Schlenker“, weil wir der sehr berührenden Geschichte eines Volksliedes nachgehen wollten. Darüber wird noch zu berichten sein.
Was den Westweg anbetrifft, so entsprachen die tatsächlich gewanderten Etappen denen unserer Planung. Auf dem Ostweg wichen wir an einigen Stellen davon ab. Übrigens planten wir unsere Tour im Wesentlichen mit Hilfe des Wanderführers aus der Reihe „ROTHER WANDERFÜHRER“ (Fernwanderwege Schwarzwald. Bergverlag Rother). Sehr informativ und praktisch in der Handhabung! Deshalb nutzten wir ihn auch für die tägliche Orientierung „auf der Strecke“. Wer es allerdings etwas genauer im Hinblick auf die Orientierung im weiteren Umfeld der Fernwanderwege haben will, der sollte zusätzliches Karten wie zum Beispiel die bewährten KOMPASS-Wanderkarten nutzen.
Von der Poesie der Adressen
Adressen verraten immer – mehr oder weniger – etwas über den Ort, den sie benennen. Deine Heimatadresse sagt eine Kleinigkeit darüber aus, wo du lebst. Wenn ich einen Briefumschlag adressiere, überlege ich mir manchmal, warum der Empfänger gerade in dieser Stadt oder in jener Straße mit diesem oder jenem Namen wohnt. Da muss es doch einen Zusammenhang geben! Wenn nicht, so ist das Nachdenken darüber doch auf jeden Fall phantasieanregend und damit nützlich.
In meiner Jugend wohnte unsere Familie einige Jahre in der Berliner Bornholmer Straße. Das ist die Straße, deren Endpunkt einmal nicht nur Endpunkt dieser Straße war, sondern auch zum Endpunkt der Geschichte eines deutschen Staates wurde. Die Bilder über das Geschehen auf der Bornholmer Brücke in den nun schon fernen Novembertagen 1989 gingen um die Welt und fanden Aufnahme in den Bildbänden der Geschichte. Lange davor in meinen jüngeren Jahren überlegte ich damals manchmal, wo denn die Insel Bornholm liegen würde, die der Straße den Namen geliehen hatte. Ich sann darüber nach, wie es auf ihr wohl aussehen möge. Eine unbestimmte Sehnsucht hatte mich erfasst. Sie verstärkte sich, als ich den Roman „Pelle der Eroberer“ gelesen hatte. Meine Sehnsucht sollte sich erst Jahrzehnte später erfüllen. Ein „Bornholmer Wandertagebuch“ erzählt darüber.
In dem Tagebuch hielt ich fest, wie ich Martin Andersen Nexö, dem Autor des Pelle-Romans, näher kam. Vor allem aber schilderte ich unsere Wanderung auf dem „Kyststi“, dem alten Küstenweg. Rund um die Insel liefen wir diesen ehemaligen Weg der Bornholmer Fischer und Lotsen. Der meerumschlungene Hammeren auf der nördlichsten Spitze der Insel ist wohl der seltsamste Berg, auf dem wir je herumkraxelten. Er hat deshalb einen festen Platz in unseren Erinnerungen gefunden. Noch etwas blieb mir von unserer Bornholmwanderung: Ich sah die unbeschreiblichen Herbstfarben der Ostseeinsel und fand zu den Bildern der Bornholmer Impressionisten.
Adressen-Deuterei kann wie in diesem Falle folglich durchaus positive Wirkungen haben. Selbstverständlich lässt sich aus Adressen nicht mehr als eine Ortsangabe herauslesen. Es lässt sich aber mit Phantasie doch einiges in sie hineinlesen. Aber das sollte nicht in eine Handleserei mit Wahrheitsanspruch ausufern.
Wir wurden während unserer Schwarzwaldwanderung meist gastfreundlich aufgenommen, fühlten uns heimatlich für einen Abend, eine Nacht oder einen Tag – unter Adressen, die mich ebenfalls ins träumerische Nachdenken brachten. Vor und nach unseren Aufenthalten. In unseren Wanderpässen finden sich die Stempel unserer Etappenorte bzw. der Unterkünfte, in denen wir übernachteten. Einige habe ich ausgesucht und durch eine Unterstreichung sichtbar gemacht, was ich an diesen Adressen phantasieanregend fand. Vielleicht kann der Leser meiner Notizen nachvollziehen, warum es mir im konkreten Falle so erging.
Landgasthof und Metzger „Zum Rössle“,
Conweiler ~ Landgasthof „Waldhorn“,
Forbach ~ „Hochkopf Stube“ auf der
Rauen Halde ~ „Darmstädter Hütte“,
Seebach ~ „Haus Tannwald“, Kniebis ~
Vesperstube „Harkhof“, Hark 1 ~ Vesperstube Silberberg, Schonach ~ Naturfreundehaus „Brend“, Auf dem Brend ~
„Schweizerhof“, Titisee ~ Haus „Alpenblick“, Wieden ~ Jugendherberge „Hebelhof“, Feldberg ~ „Haldenhof“, Kleines
Wiesental ~ Wanderheim „Stockmatt“ ~
Gasthaus „Lehre Post“, Sunthausen ~
Pension „Jasmin“, Geisingen ~ „Haus
Rothfuss“, Schramberg ~ Gasthaus „Zur
Traube“, Altensteig ~ Gasthof-Pension
„Linde“, Pfalzgrafenweiler ~ Gasthof
„Lamm“, Steinegg ~ Hotel „Europa“, Pforzheim …
Ich habe im Gegensatz zum Leser den Vorteil, dass ich nun nach unserer Schwarzwaldwanderung bei jeder dieser und der anderen Adressen Bilder im Kopf und vor Augen habe: von Häusern, Straßen, Orten und Räumen. Und vor allem Bilder von Menschen sehe ich, denke an die Gespräche mit ihnen. Auch bestimmte Stimmungen kommen mir dabei ins Gefühl. Ich werde darauf noch einmal zurückkommen.
Über sieben Tausender …
Um ehrlich über den Westweg zu kommen, musst du nicht über sieben Brücken gehen. Aber ersteigen musst du mindestens sieben Berge, die höher als 1000 Meter sind. Mindestens! Nur zum Vergleich: Der Brockengipfel im Harz mit seinen 1142 Metern ist nicht, wie viele annehmen, der höchste Berg der deutschen Mittelgebirge. Diesen Titel nimmt der Feldberg im Schwarzwald mit seinen 1493 Metern für sich in Anspruch. Und der steht nicht wie der Brocken allein in seinem Gebirge herum. Ist nicht ganz berechtigt, meine Ironie! Auch der Brocken hat Gipfelnachbarn. Nur eben nicht so hohe wie der Feldberg. Willst du westwegwärts über den Schwarzwald wandern, dann warten auf dich unter anderem:
der Seekopf ^ 1001 Meter ~ die Badener Höhe ^ 1002 Meter ~ der Hochkopf ^ 1036 Meter ~ der Ochsenstall ^ 1036 Meter ~ die Hornisgrinde ^ 1166 Meter ~ der Schliffkopf ^ 1055 Meter ~ die Blindenhöhe ^ 1005 Meter ~ die Martinskapelle ^ 1090 Meter ~ der Brend ^ 1149 Meter ~ die Heubacher Höhe ^ 1055 Meter ~ die Kalte Herberge ^ 1029 Meter ~ das Lachsenhäusle ^ 1068 Meter ~ das Ruheckle ^ 1045 Meter ~ der Doldenbühl ^ 1075 Meter ~ die Weißtannenhöhe ^ 1192 Meter ~ die Kesslerhöhe ^ 1017 Meter ~ der Grüblesattel ^ 1300 Meter ~ der Stübenwasen ^ 1386 Meter ~ der Notschrei-Pass ^ 1121 Meter ~ das Wiedener Eck ^ 1035 Meter ~ die Krinne ^ 1117 Meter ~ der Belchen ^ 1414 Meter ~ der Stühle ^ 1043 Meter ~ der Hochblauen ^ 1167 Meter …
und eben nicht zu vergessen: der Feldberg ^ 1142 Meter!
Das sind die wichtigsten Westweg-Gipfel. Wir sind sie gegangen. Berge und Höhen sind aber nicht nur zu ersteigen, sondern du musst sie auch wieder abwärts gehen. Und das schmerzt meist mehr und ist anstrengender, als wenn du aufwärts steigst. Auf dem Ostweg stellen sich dir nicht so viele Gipfel in deinen Wanderweg, aber auch hier musst du manch anstrengende Steigung bewältigen.
Übrigens: Ich könnte schon wieder ins romantisierende Nachdenken geraten. Diesmal über den einen oder anderen Namen der Berge und Gipfel und Pässe. Auch sie sind im Schwarzwald oft sehr phantasieanregend. Verleiten zum Nachdenken, warum sie denn ihren Namen erhalten haben. Ich könnte zum Beispiel eine kleine Geschichte darüber erzählen, warum der Gebirgspass zwischen dem Dreisamtal in der weiteren Umgebung von Freiburg im Norden und dem oberen Wiesental im Süden den Namen „Notschrei“ bekommen hat. Wir querten den Pass auf unserem Westweg. Ein freundlicher Schwarzwälder klärte uns darüber auf.
Als ich das erste Mal auf der Wanderkarte auf den Notschrei-Pass stieß, dachte ich: schweres Wetter … Schneesturm … Gewitter … Wanderer verunglückt … Hilferufe … Schreie … wundersame Rettung …Tod …? Stimmt alles nicht!
Der Name hat einen handfesten nachgewiesenen regionalgeschichtlichen Untergrund. Die genaue Geschichte erzähle ich nicht, denn sonst kämen wir bei all dem Geschichtenerzählen nie zum Ziel unserer Wanderung bzw. zur letzten Seite unseres Büchleins. Wer sie genau und spannend berichtet habe möchte, der sollte im „Waldhotel Notschrei“ nachfragen. Das liegt direkt an der Passhöhe. Der Chef des Hauses schilderte uns detailliert und historisch absolut korrekt die Geschichte, wie der Pass und in der Folge sein Hotel zu ihren so geheimnisvollen Namen gekommen waren.
Ein etwa zwei Meter hoher steinerner Obelisk kündet ebenfalls von den Vorgängen um die Namensgebung. Er steht am Straßenrand auf dem Scheitel des Passes. Wer also dort vorbeikommt, vielleicht als zünftiger Wanderer, der kann … Vorausgesetzt, dass er erfahren möchte, was es denn mit dem „Notschrei“ auf sich hat.
Jeder Berg hat das Seine und das Deine
Rekordsüchtige Zählerei soll nicht im Vordergrund des Erzählens über unsere Wanderung stehen. Dafür will ich einige Denk-Notizen über Berge, denen wir im Schwarzwald begegneten, anbieten. Doch vorher ein grundsätzlicher „Berg-Gedanke“.
Ich bin kein passionierter Bergsteiger oder gar professioneller Gipfelstürmer. Berge erwandere ich ohne Steigeisen, Seil und Haken. Doch in meinem nun schon lange währenden Wanderleben habe ich mich doch in einige Gipfelbücher eintragen können. Manches frische „Berg frei!“ empfing ich von Wanderfreunden und konnte es zurückgeben. Ganz oben, wo es nicht mehr höher geht und das Land sich dir zum befreienden Rundblick öffnet. Nun, im Älterwerden, sind die Berge und Gipfel, über die ich ziehe, nicht mehr so hoch wie in meinen jüngeren Jahren. Aber meine folgende Erfahrung besitzt, wie ich glaube, allgemeine Gültigkeit:
Jeder Berg hat das Seine und das Deine.
Beglückende und bleibende Berg-Erinnerungen entspringen, wie ich glaube, aus mehreren Quellen. Da wirkt als erstes oft, was du über einen Berg gelesen hast, was dir über ihn erzählt worden ist. Fotos machen dich auf einen Berg aufmerksam, wecken die Sehnsucht, ihn zu besteigen. Wenn du Glück hattest und vielleicht genug Fernweh-Ausdauer, dann stehst du vielleicht eines Tages vor deinem Sehnsuchts-Berg.
Beim Aufstieg beginnt er, sich in dir festzusetzen, auf seinem Gipfel wirst du eins mit ihm, und beim Abstieg verwurzelt er sich in deiner Erinnerung. Stehst du dann unten im Tal wieder an seinem Fuß, drehst du dich, bevor du wieder über die Alm davonziehst oder in den Wald eintrittst, drehst du dich dann noch einmal um, blickst zu ihm zurück, beginnt eine neue Sehnsucht …
Wenn du mich fragen würdest: „Welcher Berg beeindruckte dich während eurer Schwarzwaldwanderung am meisten?“, dann fiele es mir schwer, darauf zu antworten. Ich denke: Was dich eins werden lässt mit einem Berg, das ergibt sich aus deinen Vorstellungen über ihn, aus deinem Gefühl, aus deinem Verstand, aus deinem ganzen Körper und vor allem aus den Momenten, die du mit ihm erlebtest. So werde ich andere Berge, denen ich lange vor unserer Schwarzwaldtour begegnete, nicht vergessen.
Aufstieg zum Vanatoarea1
Schräge steilt die Alm
strenger Schafsduft
graue sonnenwarme Granitwand
Steinbrockengrüße aus der Höhe
Gemsenhufetrommeln
Silbergruß des La Capras2 aus der Tiefe
Einstieg in dunklen Felsenspalt
gratöffnender der Blick in die Schlucht
atemschwer Schritt auf Schritt
Höhe gewinnen Griff um Griff
bis der Gipfel grüßt den Gast
Zart der Wind spielt
auf dem Fagoraser Kamm
Bergperlenkette schmückt Tansilvania
Abendsonne streichelt die Waldfelder
leise veratmet der Tag
der Abendhimmel öffnet sich zur Nacht
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