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Man. Das sind in diesem Fall Julia und Sarah. Im Gespann. Manches lässt sich eben nur zu zweien wirklich effektiv bewerkstelligen.
Sarah, die Gelegenheits-Detektivin, die es liebt, Sherlock Holmes im Kleinen zu spielen, die ein Faible fürs Hobby-Psychologisieren hat, wie sie es nennt, es insbesondere aber darum tut: Weil sie Menschen wie Tobi aufs Blut nicht ausstehen kann, mehr noch, weil sie Menschen wie Frau B. vor Menschen wie Tobi um jeden Preis zu schützen gedenkt. Da sind sie schon zwei. Sarah und Julia.
Mission Ärsche.
Und Julia? Die mit dem knallengen, schwarzen Overall und den grell aufgeschminkten Lippen?
Ja, Julia, das bin ich.
Und Die Treuetester?
Das bin auch ich. Meine Agentur, um präzise zu sein. Mit einer Heerschar von Testerinnen und Testern an meiner Seite. An die dreihundert sind es inzwischen, Frauen und Männer jeden Alters, jeden Aussehens, der Querschnitt eines Blicks auf eine belebte Straße. Erlauben Sie, dass ich mich nun selbst vorstelle:
Mein Name ist Kersten.
Therese Kersten.
Ja, auch ich mag Martini. Nein, es spielt keine Rolle, ob geschüttelt oder gerührt. Ja, auch ich neige bisweilen dazu, mich in seltsamen Situationen wiederzufinden. Nein, nicht aus Prinzip seltsam. Ja, auch ich neige zu etwas bizarren Vorgehensweisen. Nein, keinesfalls verbotene. Ja, auf gewisse Weise bin auch ich auf Mission. Nein, ich trage keine scharf geladene … ich bin die Waffe. Ja, ich könnte es gut verstehen, würden Sie darauf verfallen, mich allerspätestens am Ende dieses Buches süffisant Agentin 006 zu nennen. Nein, freuen Sie sich bloß nicht zu früh über Ihr Späßchen.
Doppelnull Sex.
Seien Sie stattdessen versichert: In den allermeisten Fällen, die Ihnen auf den folgenden mehr als zweihundert Seiten begegnen, dreht es sich, wenn schon, um das Duell Sex gegen Doppelnull. Einen anderen Schluss lassen die ernüchternden, erschreckenden Einblicke in Moral und Werte, Raffinesse und Durchtriebenheit, Risikofreude und Selbsteinschätzung, kurzum: in die Psyche mancher Zeitgenossen (und -innen) kaum zu.
Ja, man kann mich buchen. www.die-treuetester.eu. Sie können es in Ihrem eigenen Interesse tun. Andere Leute in deren, was dem Ihren womöglich grundlegend widerstrebt. In diesem Fall bin ich nicht länger ein Traum, sondern der Alp. Seien Sie also auf der Hut, ehe Sie auch nur erwägen, den Partner, die Partnerin … andererseits … sind wir Menschen denn geschaffen für absolute, ewige Treue?
Mein Name ist Kersten.
Therese Kersten.
Alter: 27 Jahre.
Beruf: Lockvogel.
PS.: Frau B. wollte es ganz genau wissen. Genauer als genau. Also gab sie einen zweiten Test in Auftrag. Ob (da immer noch ihr) Tobi tatsächlich bereit wäre, sich mit mir zu treffen. Privat. Für … na, Sie wissen schon, Frau Kersten. Für eindeutige Dinge eben. Und ob er dabei zugleich seine Freundin eingestünde.
Schriftlich.
Zehn Minuten nach meinem SMS funkte Tobi zurück. Ja, natürlich wolle er mich (treffen). Nein, natürlich sei das mit der Freundin kein Problem. Also vereinbarten wir ein Treffen. In Wien.
Wer an meiner statt in das Hotel in der City kam, war Frau B. Eigens aus Graz angereist. Das, verriet sie im Vorfeld, sei ihr den letztmaligen Aufwand wert. Ein letzter Aufwand. Für ihn. Das Letzte.
PPS: Erinnern Sie sich noch an den Wortlaut des zweiten, eingangs erwähnten Zitats?
Treu bis in den Tod sind nur die Dummköpfe. Die Treue hat ihre Grenze im Verstand.
Dieser Satz geht auf einen gewissen Talleyrand zurück. Charles Maurice de Talleyrand-Périgord. Erst Bischof von Autun. Dann Außenminister Napoleons. Dann Vertreter auf dem Wiener Kongress von 1814.
Ist demnach schon ein Weilchen von uns gegangen, der gute, alte Talleyrand. Und ohnedies ein Mann, den das historische Gedächtnis Frankreichs weitgehend von der Festplatte getilgt hat. Insbesondere, weil er im Ruf stand und steht, ein recht spezielles Verhältnis zur Loyalität und Treue (wenngleich im politischen Sinne) gehabt zu haben. Ein williger Diener vieler Herren. Ein Meister von Beweglichkeit und Anpassung, Lüge, Verrat und Intrige. Manche nennen es schlichtweg: Opportunismus.
Talleyrand ist vergessen. Ein vom Sturm der Geschichte fortgeblasenes Staubkorn. Durchaus Bestand hat jedoch die Kernaussage zu ihm, weil sie ins Heute reicht und für zahlreiche der Spezialisten, die ich Ihnen nun mit all ihren Besonderheiten (und dabei wieder Alltäglichkeiten) näherbringen möchte, nach wie vor Gültigkeit hat. Ein Zitat, das Bonaparte zugeschrieben wird und an aktuellem Bezug und Treffsicherheit kaum überbietbar scheint.
Wie also sagte Napoleon Bonaparte einst über Talleyrand?
Ein Haufen Scheiße in Seidenstrümpfen.
WARE LIEBE
Was lässt einen Menschen seine Haut zu Markte tragen? Einen so jungen Menschen obendrein? Ein Mädchen von gerade mal 19 Jahren? Aus gewöhnlichen Verhältnissen. Durchschnitt. Weder ganz oben, noch ganz unten.
Was ist das überhaupt? Ganz oben? Ganz unten?
Die Eltern jedenfalls nicht verheiratet. Und auch nicht länger zusammen. Seit Gedenken. Genau genommen seit das Mädchen fünf ist. Seit ich fünf bin. Der Patchwork-Klassiker: Aufwachsen bei der Mutter. Mit sechzehn die erste Wohnung. Nun ja, etwas früh vielleicht in mancher Leute Augen. Mit 19 zurück in den elterlichen Schoß. Gewissermaßen. Diesmal ein Leben beim Vater. Im selben Haus mit seiner neuen Familie und den Großeltern.
Ein Zuhause, das mir nie wirklich eines gewesen ist. Dennoch alles im Rahmen. Keine bewegenden Probleme, die ein Mädchen, eine junge Frau von 19 Jahren aus der Spur werfen, in solche Bahnen lenken, sie diesen Schritt setzen lassen würden.
Es ist nur wie eBay. Nichts weiter.
Nur wie eBay.
Aber ja, sage ich mir, während ich wie besessen auf meinen Schoß starre. Aber ja. Menschen stellen allerlei Verrücktheiten an, wenn der Tag lang und die Mischung aus Phantasie und Durchsetzungsvermögen begrenzt ist. Sie machen sich abhängig. Von anderen Menschen. Von überzogenen Vorstellungen. Von Wünschen, deren Preis zu hoch ist. Sie arbeiten viel zu viel für viel zu wenig Geld. Sie tun es für die grundfalschen Leute. Sie begeben sich in prekäre Umstände.
Wir schreiben das Jahr 2009. Ein Frühfrühlingstag.
Prekäre Umstände, Therese? Aber es ist doch bloß … es ist nur wie eBay. Nichts weiter. Nur wie eBay.
Die Wiederholung, weiß ich in der Theorie, macht das Falsche nicht richtiger. Dennoch sage ich es mir wieder und wieder vor. Gebetsmühlenartig. Das beruhigt. An der Oberfläche. Darunter brodelt es. Wofür immer es steht. Andere tun es auch. Kein Abschaum. Menschen wie du und ich. Aus oftmals behüteteren Häusern. Haben die auch alle denselben Schaden, den mir manche nachsagen? Weil man das nicht macht, unter normalen Umständen? Dabei will ich doch nur eines: raus.
Weil all das nichts für mich ist. Weil der Traum anderer Leute, schon mit zwanzig felsenfest zu wissen, wo sie mit fünfzig stehen, mein Alptraum ist. Dreißig Jahre derselbe Job. In derselben Firma. Von da weg nur noch fünfzehn bis zur Rente. Dreißig Jahre dieselbe biedere Kleinstadt. Und mit fünfzig? Ende Gelände.
Oh nein, Therese. Du musst da raus. Bloß, du hast kein Geld. Weil du die 800 monatlich, die du als Polizeischülerin bekommen hast, jetzt eben nicht mehr bekommst. Weil du aufs Wirtschaftsgymnasium gehst und von dem Bisschen abhängst, das man dir gibt. Du musst da raus. Weil du erst 19 bist. Weil du ein Leben vor dir haben willst. Und nicht eines, das in Gedanken bereits hinter dir liegt. Weil das Abenteuer ruft. Weil du das Reisen, das Unterwegssein in den Genen hast. Weil du am Jagdfieber leidest.
Darum, Therese, tust du es. Darum hast du diesen Schritt gesetzt. Und nicht, weil du ein verkommenes Miststück bist, wie manche leichtfertig meinen könnten.
Es ist nur wie eBay. Nichts weiter. Nur wie eBay.
Rein technisch gesehen ist es das allemal. Der Gedanke kühlt mir die Hitze, senkt mir den Puls, hat etwas Beschwichtigendes. Rein technisch gesehen ist es nichts anderes. Wie eBay. Die einen bieten an. Die anderen kaufen.
Tack. Tack. Tack.
Ein Frühfrühlingstag im Spätmärz. Die Kräfte der Sonne steigen, sind allgegenwärtig. Die Großwetterlage ist stabil. Und der Mikrokosmos? Weniger. Draußen schlagen die ersten Bäume aus. Auch hier drinnen, in diesem miefigen Raum mit zwei Dutzend Leidensgenossen, ist das Wurzelwerk in Bewegung. Ringsum beginnen sie, nervös auf ihren Stühlen zu wetzen. Auch mich hält es kaum noch. Mittagszeit. Das Hungergefühl ist raumgreifend. Nur nicht in mir. Von Hunger keine Spur. Stattdessen ein Gefühl schaler Übelkeit, das in mir emporsteigt. Denn von jetzt weg gerechnet sind es nur noch exakt vier Stunden, siebenundzwanzig Minuten und … Therese, verdammt. Worauf hast du dich da eingelassen? Wie kannst du dich nur selbst versteigern?
Worte wehen heran, nur ein paar Schritte entfernt, losgeschickt vom anderen Ende des Raumes, und doch endlos distanziert. Lehrende, bisweilen belehrende Worte. Sie wehen heran. Sie wehen an mir vorüber. Sie verwehen. Unverstanden. Wie nicht gehört. Wie gar nicht erst gesagt. Die Unruhe ist mit allen Sinnen spürbar, hängt greifbar über mir, klebt mir an der Haut.
Das Einzige, was in mir, an mir noch ruht, ist mein Blick. Er ist stet, liegt in meinem Schoß. Auf dem, was ich fahrig, klammheimlich zwischen den Fingern hin und her gleiten lasse, was mit meinen zappeligen Beinen auf- und abspringt. Ein Gustostückerl technischer Raffinesse dieser Tage ist es, auf das ich hinabstiere. Das Google-Handy. Brandnew. Generation eins. Der Dernier Cri auf dem Handymarkt. Voll internettauglich. Und seit wenigen Wochen mein.
Echt scharf. Echt sündhaft teuer.
Ich hebe den Kopf, senke ihn in der Sekunde. Wie besessen starre ich aufs Display. Seit Wochen nun schon. Vormittag um Vormittag. Und mit jedem verstrichenen Tag, mit jeder Veränderung oder Nicht-Veränderung öfter. Länger. Intensiver. Wie besessen tippe ich manchmal auch darauf ein. Wie nun.
Was dort vorne nach Aufmerksamkeit heischt, ist nicht länger meine Welt. Nicht jetzt wo es darauf ankommt. Wo es ins Finale geht. Wo es gilt. Längst bin ich wieder dort. Anderswo. Weit weg in Gedanken. An einem fernen Ort, der World Wide Web heißt, verkrochen in einem seiner endlos vielen Schlupfwinkel, der über mich urteilt. Dessen User über mich richten. Über meinen Wert. Meinen alles andere als fiktiven Wert.
Tack. Tack. Tack.
Wie wird es sein? Wer wird es sein? Wann? Wo? Um welchen Preis? Wem bin ich wie viel wert?
Ich spüre die sanfte Schweißschicht meiner Hände. Spüre das latente Zittern der vergangenen Tage allmählich zu einem Beben aufwallen. Es ist nicht länger beherrschbar. Spüre das Rauschen in mir. Oh ja, verdammt, und wie es rauscht. Was immer es ist. Ach, das habe ich auch schon? Egal. Denn dieses Es ist mehr als ungewiss. Doch es ist da, rauscht und tobt. Wie spät ist es? 13 Uhr? Dabei ist dieser Augenblick der Entscheidung doch gerade erst ein endlos ferner gewesen.
Zwei Wochen ist es her. Und jetzt? Wo es doch nur wie bei eBay ist?
Jetzt.
Jetzt heißt dieser Augenblick, der mir Gewissheit verschaffte über einen bizarren Wert, der mich auf einmal ausmachen soll. Und, ja, auf gewisse Weise tatsächlich ausmacht. Wenigstens in anderer Leute Augen. Doch auf seltsame Art, wie mir bewusst wird, auch in meinen eigenen. Jetzt wird mir als Zahl erscheinen. Ein nacktes Zifferngebilde. Nichts weiter. Und doch wird mich diese Zahl definieren. In wenigen Stunden schon. Wie viele?
Oh mein Gott.
Vier Stunden, dreiundzwan… Es ist nur eine Zahl, Therese. Eine schlichte Zahl, die am Ende der Zeit auf einem Bildschirm aufblinken wird. Sonst nichts. Wirklich, sonst nichts? Wie viel würde es am Ende sein? An diesem so drängend nahen Ende?
800 Euro? 1000? 1500?
Beruhige dich, Therese. Zwei Wochen, denke ich, stöhne halblaut auf und ziehe ein sanftes Nicken auf mich. Nachgereicht die bestätigenden Blicke meiner Sitznachbarin. Was sie nicht weiß: Ihre Gründe zu stöhnen sind allein der an Mattigkeit und schalem Beigeschmack kaum zu übertrumpfenden Szenerie dort vorne geschuldet und grundlegend andere. Vor zwei Wochen, denke ich. Meine Güte. In zwei Wochen erfinden Menschen meines Alters die Welt tausendmal neu.
Tack. Tack. Tack.
Unausgesetzt liegt der Blick auf meinem Schoß. Dort, wo seit ein paar Wochen über mich und meinen reellen Wert befunden wird. In unterschiedlichem Takt. Mal tagelang nichts. Dann wieder geht es hin und her. Wie Pingpong. 300. 400. 600. Abermals 50 oben drauf. Noch vier Stunden, dreiundzwanzig Minuten und zwölf Sekunden.
Zwei Wochen.
Eine völlig ungewisse Zukunft für eine junge Frau mit Vergangenheit. Ja, sage ich mir. Das bist du. Ein Mädchen, eine junge Frau mit Vergangenheit. Jetzt schon, gerade mal 19. Doch bestimmt keine von denen. Nein, Therese, das bist du nicht. Du bist kein Miststück. Welcher Teufel, verdammt noch mal, hat dich da geritten?
Du bist keine von denen.
Dennoch eine junge Frau, ein Mädchen auf Abwegen. Abgründe würden sie sagen. Sie. Die Kollegen ringsum? Die nicht zwingend. Die Kolleginnen allemal. Der Schlampenfaktor unter uns Frauen. Und wenn es breiter die Runde machte? Wenn es von Haus zu Haus ginge? Hier, in dieser kreuzbiederen Kleinstadt Schönebeck? Du könntest dich nicht mehr blicken lassen.
Scheiß drauf.
Und Mama? Wäre sie entsetzt? Mama vielleicht. Papa ganz bestimmt. Und Anna? Ja, auch sie. Anna, die beste Freundin, auf den Tag genau zwei Jahre jünger. Ich sehe ihr leicht pausbackiges Gesicht. Sehe sie nach Luft schnappen, vor blankem Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ich sehe mich sie anlügen. Es würde unausweichlich sein. Und doch, sage ich mir, habe ich keine andere Wahl. Jetzt nicht mehr.
Nein?
Natürlich hast du! Immer noch kannst du es canceln. Einfach »Stopp« sagen. Als wäre nichts gewesen. Bestimmt würdest du Storno zahlen müssen. Na und? Würdest du überhaupt? Wie war das gleich nochmal mit den AGB? Außer Spesen nichts … Du kannst es immer noch stoppen, Therese. Noch ist Zeit. Vier Stunden und wie viel …? Vier Stunden und noch irgendwas. Vier Stunden, Therese, sind nicht bloß eine Last. Nein. Sie sind auch eine Chance.
Ich blicke kurz hoch wie zur Bestätigung, dass der Typ dort vorne nicht Wichtiges von sich gibt. Nein. Keine Gefahr. Er ist weiterhin gefangen in seinem eigenen Universum, das nicht das meine ist. Der Blick wieder hinab. Vertraute Bilder, Icons, Einträge funkeln empor. Der knallorange Balken zuoberst. Startseite. Verkaufen. Login. Registrieren. Hilfe. Impressum. Presse. Die diversen Kategorien. Räume. Reisen. Bilder. Kunst gibt es auch. Kunst. Zwischendrin Einträge, die mit dem Kamasutra kokettieren. Dann wieder Werbung. Statistiken.
Alles wie bei eBay.
Nur eben um den Tick krasser. Und anstelle Biedermann und Söhne, anstelle von Haus und Garten, Technik, Musik, Games, Filme, und natürlich – für die Männer – Auto und Motorrad, anstelle von alledem das Kontrastprogramm. Für ihn.
Aber auch für sie.
Ich starre auf die Empfangsdame der Site im linken oberen Eck. Ihr fliegendes, feuerrotes Haar. Ihr eines zum koketten Zwinkern zugedrücktes Auge. Ihre spindeldürren, abgespreizten Finger. Ihre nackten, prallen Dinger mit den abspringenden Warzen, die dir sofort im Profil entgegenhüpfen wie eine dieser Jumping-Jack-Springfiguren. Hüftabwärts endet der Körper, sitzt auf einem grauen Schildchen mit dem Namen der Site. Das alles wie die Momentaufnahme eines Comicstrips. So, als wäre alles, was dahinter, alles, wofür die Zeichnung steht, diese Verballhornung aus Comic und Strip, gar nicht ernst gemeint.
Ich starre auf diese … ja, was? Ikone? Sie verschwimmt mir vor Augen, den äußeren, und räumt den Blick frei für die inneren. Bilder wehen heran. Lachhafte zwei Wochen und ein paar Tage alte Bilder, als das alles begonnen hat. Es.
Ich sehe mich auf dem Bett liegen, im ersten Stockwerk des Hauses meines Vaters. Unschlüssig, was zu tun ist. Wohin mich das Leben treibt. Wohin ich das Leben treibe. Je nachdem. Sehe die Jahre vorüberfliegen. Zwei, drei Jahre wie im Turbowaschgang. Erst die Jahre der absoluten Strenge. Dann der Entschluss: Ich will Polizistin werden.
Die Ausbildung? In Berlin.
Wow. Berlin. Zwei Jahre wie eine einzige große Explosion. Erst gar nichts. Dann alles. Das pralle Leben. Berlin empfängt mich mit offenen Armen. Was vorher strikt untersagt war, ist jetzt Programm. Geradezu Pflicht. Die Nächte in den Clubs. Mit 16 überall reinkommen, wo es nicht erlaubt ist. Weil so ein Polizeiausweis entscheidend hilft. Auch wenn du noch in der Ausbildung bist. Die vielen Clubs. Die vielen Stands im Gefolge. Fast ausnahmslos One Night. Fast ausnahmslos bedeutend ältere Männer. Ist es, weil mir ein Vater gefehlt hat über die Jahre? Ich weiß es nicht. Bloß, dass keiner von ihnen mir je etwas bedeutet hat. Nicht über den Moment hinaus.
Und dann, irgendwann, der Entschluss, die Polizeiausbildung sein zu lassen. Weil die Bilder des Ausblicks in mir übermächtig werden. Weil ich wieder diesen Alptraum vor Augen habe. Mich selbst. Mit fünfzig. Als Polizeimeisterin, was weiß denn ich. Und den immer selben Job. In der immer selben, biederen Kleinstadt mit seinen immer selben, gezirkelten Vorgärten und den immer selben, identen Fassaden. Wo immer. Wie immer. Aber auf jeden Fall: Ende Gelände.
All das sehe ich, während mir die Zeit erbarmungslos zwischen den Fingern zerläuft und ich die Minuten herunterzähle.
Tack. Tack. Tack.
Wieder Bilder von vor zwei Wochen. Zweieinhalb vielleicht. Ich sehe mich am Fenster meines Wohnzimmers stehen. Sitzen. Eine um die andere rauchend. Ich sehe das Gesicht meines Vaters. Die Enttäuschung, die darin geschrieben steht, weil ich die Ausbildung habe sausen lassen. Zugleich aber auch den Hoffnungsschimmer, weil ich wenigstens weitermache. In der Wirtschaftsschule, wo sie mich auch mitten im Schuljahr haben einsteigen lassen. Wegen meiner ansprechenden Noten zuvor.
Ich sehe Berlin. Das kunterbunte Leben, das ich dort zwei fantastische Jahre lang habe führen dürfen. Mein Dasein als Single mit Anschluss. Sehe sie schemenhaft herauftauchen, meine Affären für eine Nacht. Viele von ihnen so bedauernswert, dass sie … ja, dass sie wenigstens dafür hätten bezahlen sollen. Müssen.
Ich sitze auf meinem Stuhl, blicke hinab auf mein brandneues Google-Handy, auf den knallorangen Balken der Startseite, sehe ihn vor meinen Augen fortwummern und sehe stattdessen mich. Sehe mich mit dem Fahrrad fahren. Nachhause vom Unterricht. Hinein in die Vorboten des Frühlings. Sehe die grelle, bunte Vielfalt, die ringsum erwacht. Die sprießenden Gräser und Blumen. Höre das muntere Gezwitscher der Vögel. Ein Erwachen überall, wohin die Sinne nur reichen.
Doch ich weiß, es ist ein Erwachen ohne mich.
Berlin. Ja. Das war das prall gefüllte Leben. Eines mit vielen Menschen. Mit Trubel an jeder Ecke. Mit der Spree, an der ich so gerne spazieren gegangen bin. Ein Leben mit vibrierender Großstadtluft. Und auch eines mit Sex. Viel Sex.
Und jetzt? Würde eine Beziehung etwas daran ändern? Würde sie Farbe in mein Grau bringen? Wenigstens dem Sex will ich nicht mir nix dir nix entsagen. Hallo? Ich bin 19. Und ich liebe das Leben. Aber hier? In der Kleinstadt? Und vor allem, ohne mich gleich fix binden zu müssen. Weil mir genau danach so gar nicht der Sinn steht. Keine zwei Monate, sage ich mir, und du bist das Gesprächsthema. Im Supermarkt an der Ecke. Von Gartenzaun zu Gartenzaun.
Zwangsläufig. Im doppelten Sinne.
Und den amtlichen Stempel, eine verfluchte Schlampe zu sein, kriegst du gratis obendrein. Während es bei Männern zumeist auch noch ein anerkennendes Schulterklopfen gibt. Nein, Therese. Das ist unzumutbar. Das willst du dir nicht antun. Dir nicht. Und deinem Vater zweimal nicht.
Also raus hier. Nichts wie weg.
Eine unduldsame Hast überfällt mich. Die letzten Meter bis zum Haus strample ich bei vollem Tempo. Runter vom Fahrrad. Ein fahriges Kramen in der Tasche nach dem Schlüssel. Rein. Die Stufen empor in die Wohnung. Eine Zigarette am Fenster. Eine zweite. Noch eine. Das beruhigt. Aber nur für den Augenblick. Danach rastloses Hin- und Herwälzen auf dem Bett. Dann: den Laptop aufklappen. Ordination Dr. Google. Und da stehen sie vor mir in der Suchleiste, diese beiden Begriffe:
Suche Sex.
Mehr als eine Million Seiten sind die Antwort. Und sie alle haben eines gemeinsam: Überall wird Sex gegen Geld angeboten. Bist du völlig verrückt geworden, Therese? Ich schlage den Laptop zu. Die Vorstellung, es mit einem wildfremden Mann zu tun, Sex gegen Geld zu haben, schnürt mir den Hals zusammen. Brechreiz kommt auf. Und mit ihm flattern sie alle heran, die Klassifikationen: Prostituierte. Hure. Nutte. Drecksschlampe.
Am Folgetag das gleiche Prozedere. Schon in der Schule packt mich eine kaum zu bezähmende Unrast. Abermals fliege ich auf dem Rad nachhause. Abermals die Stufen empor. Der Laptop liegt noch auf dem Bett. Wonach soll ich suchen? Ohne mich gleich in dieses Eck zu stellen?
Mit Sex Geld verdienen.
Ist das denn um einen Deut besser? Escort, denke ich laut, als ich auf den Begriff stoße, der mir bis dahin ein Fremdwort gewesen ist. Und auch jetzt, beim ersten Hinschauen, ein Buch mit tausend Siegeln ist.
Escort? Es handelt sich um Begleitagenturen, die Frauen und Männer für eine bestimmte Zeit gegen Geld vermitteln, lese ich. Also doch wieder Prostitution.
Abermals befällt mich Übelkeit. Nein, damit will ich mich nicht abfinden. Nicht mit dieser Bezeichnung. Ist es nicht gleichgültig, ob man Geld dafür bekommt oder nicht? Auf eine gewisse Weise? Schläfst du als Frau mit mehreren Männern innerhalb von kurzer Zeit, bist du ohnedies die Hure. Gehst du fremd, als Frau, bist du die Hure. Verlässt du einen Partner wegen eines anderen, bist du die Hure. Lehnst du einen ab, der dir nicht zu Gesicht steht, bist du es auch. Die Hure. Warum immer. Die Verwendung des Wortes ist inflationär, sage ich mir, und die Möglichkeiten, es über jemand nach Lust und Laune auszugießen, endlos. Eine innere Stimme sagt mir, dass das Blödsinn ist. Doch eine zweite, stärkere, sagt mir, dass es sich genau so verhält.
Warum also nicht gleich gegen Geld?
Dutzende, Aberdutzende Seiten besuche ich, studiere Agenturen, arbeite die Unterschiede heraus. Wäge Preise gegeneinander ab. Durchforste Foren. Erfahrungsberichte. Von Frauen wie Männern gleichermaßen. Ohne mir dessen überhaupt bewusst zu sein, kippe ich jählings in die Thematik. Bis der Kopf raucht.
Ein Bad muss her. Ehe ich ins dampfende Wasser gleite, glüht mein Körper bereits. Den Kopf im Nacken, fliegen mir die Gedanken zur Decke empor. Sie sind nicht frei. Sie sind gefangen von alledem, was ich gesehen habe. Von Eindrücken. Mutmaßungen. Hochtrabend und niederschmetternd zugleich.
Therese, was geht in dir vor? Dann wieder: Ist bezahlter Sex so grundlegend anders als unbezahlter? Kannst du das überhaupt? Kann dir etwas zustoßen?
Die Zeit in Berlin stieg in meiner Erinnerung hoch. Die vielen Stands. Wenigstens einige, in der Rückbeschau, ziemlich entbehrlich. Weil die Männer entweder grottenschlecht im Bett waren. Oder weil es so schnell ging, dass ich beim besten Willen nicht mehr beurteilen kann, ob sie nun gut waren oder nicht. Oder hätten gut sein können. Unter besseren Umständen. Und bei wieder anderen, denke ich, wäre es in der Tat besser gewesen, wenn sie wenigstens … ja, wenn sie wenigstens dafür bezahlt hätten.
Ich blicke auf mein Google-Handy und sehe mich aus der Wanne steigen an diesem Abend. Sehe mich splitternackt vor den Spiegel hintreten. Meine Figur? Ziemlich normal wie ich befinde. Die Brüste? Nun ja, für mein Dafürhalten etwas zu klein geraten. Aber nicht um viel. Außerdem gibt es Einlagen. Die Knie hingegen sind entschieden zu dick. Du kannst eben nicht alles haben, Therese. Und dann, mit dem Urteil über meinen Körper, fälle ich auch eine Entscheidung:
Ich will es tun. Gegen Geld.
Gegen alle Bedenken. Gegen jede Vernunft. Weil ich raus muss. Den Kopf durchsetzen, weil ich es so entschieden habe. Der typische Widder, der ich nun mal bin. Sagt Mama. Erneut klemme ich mich hinter den Laptop, recherchiere fieberhaft weiter. Bis ich auf jene in ihrem Auftreten eBay nachempfundene Seite stoße, die auch jetzt, hier, in der Schulbank, von meinem Handy zu mir emporblinkt mit ihrer so eingängigen Eingangsbotschaft:




