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Wieder deutete sie mit dem Werkzeug nach vorne. »Dann wird es Zeit, das zu ändern. Die Station ist ringförmig aufgebaut und die Bar liegt im Zentrum. Da hinten kommt ihr zum Steg, der euch vom Außensektor in die Mitte führt.«
»Wo kann ich für kleine Jungs?«, fragte Günther.
»Das Klo muss ich erst mal reparieren. Ein Beteigeuzaner hat im Streit versucht, seinen amphibischen Freund runterzuspülen. Jetzt sitzt der Batramorphier fest und der halbe Raum steht unter Wasser.« Ohne eine Antwort abzuwarten stapfte sie in die entgegengesetzte Richtung davon.
Jörg und Günther folgten schweigend dem angegebenen Korridor. An einer Kreuzung bogen sie in den Zwischengang ab, über den sie vom Ring ins Zentrum der Station gelangten. Das Schott am Ende der Verbindung mündete in die Bar.
Zwei einsame Gäste saßen an zwei der zahlreichen Tischchen. Einer schien zu dösen und der andere starrte sein Getränk an. Günther musterte den halbdunklen Raum. Jörg stürmte an die Bar.
Zwischen der langen Theke und dem verspiegelten Flaschenregal erwartete ihn ein mittelgroßer Mann mit wachem Blick. Sein Dreitagebart stand im Kontrast zu einem weißen Hemd und einer schwarzen Fliege. Auf der Brusttasche klemmete ein dezentes Schild, dass den Namen des Barkeepers zeigte: Virginio.
»Was darf es denn sein?« Seine Stimme hatte einen leicht spanischen Akzent.
»Una cerveza para mi amigo y para mí«, rief Jörg freudestrahlend.
»¿Qué tipo de acento es ese?«
»Äh«, sagte Jörg. »Pils?«
Virginio schmunzelte. »Zahlt ihr bar? Auf meinem Display steht, bei Jack wurde in den letzten Minuten nichts eingetauscht.«
Günther trat neben Jörg. »Geht auf den Leseratten Verlag. Wir sind angemeldet zum Versaufen unserer Tantieme.« Er klatschte mit Jörg ab.
Der Barkeeper tippte eine Weile auf seiner Konsole. »Ein Kölsch also.«
»Für mich auch«, sagte Günther.
Der Mann hinter der Bar sah ihn bedauernd an und schüttelte leicht den Kopf. »Die angewiesene Summe reicht für exakt eine Flasche. Retro-Importe sind nicht ganz billig.«
»Was?«
»Das muss ein Irrtum sein!«
»Schnittergarn! Vikings of the Galaxy! German Kaiju! Blutige Welten! Wo muss ich denn noch mitschreiben, um mal einen drauf machen zu können?«
»Selbst Mortimer verdient mit seiner Sense mehr. Die Leute stehen Schlange für einen Haarschnitt von ihm.«
Stoisch wartete der Barkeeper ab, bis Jörg und Günther sich beruhigt hatten. »Ich schenke euch das Kölsch ein und ihr sucht euch solange einen Platz.«
Jörg wies auf den merkwürdigen Kauz, der tief und fest zu schlafen schien. »Habt ihr vergessen, den da abzuräumen?«
»Ich gebe euch einen guten Rat. Bleibt von ihm weg und setzt euch hin, wo ihr wollt – aber nie an seinen Tisch.«
Günther sah kurz zu den Gästen, dann wieder zum Barkeeper. »Er wirkt harmlos gegen den verwesenden Typen drei Tische weiter. Wieso …«
»3D-Billard!«, jubelte Jörg und lief davon. Der Barmann hatte sich weggedreht und holte ein Bierglas aus dem Regal. Genervt folgte Günther seinem Kumpel in den hinteren Teil des Raumes.
Dort wo es keine Nischen gab, waren die Wände mit verschiedenen Bilderrahmen und Artefakten in Schaukästen regelrecht zugepflastert.
»Guck mal«, rief Günther. »Da ist eine Urkunde der Elite Federation. Ein Commander Finley Gun McKinley konnte 6.400 Abschüsse verbuchen. Ich werd verrückt! Unterschrieben ist sie von Admiral Jameson persönlich!«
»Was ist die Elite Federation?«, fragte Jörg.
»Elite, Mann, Elite! Commodore 64.«
»Nie gehört.«
»Du machst mich fertig. Bist du mit Glitzervampiren aufgewachsen, oder was?«
Jörg tippte auf den Rahmen daneben. »Mann, gibt es hier viel Zeugs. Da hängt sogar ein abgefahrenes Gedicht.«
»NULL Kelvin – Novae
Singular trunken im All
Verglühend im Nichts
Von einem Tatsuyuki Kazumi. Gewidmet meinem Freund Obele-san.«, las Günther vor. »Das ist ein Haiku.«
»Ob der mit Nova verwandt ist?«
»Er ist ihr Bruder«, hörten sie eine ruhige Stimme hinter ihnen.
Sie drehten sich um.
»Harry«, rief Günther erstaunt. »Du hier?«
Jörg sah den Neuankömmling verwundert an. »Harry wer?«
»Harry Obele«, rief Günther und schüttelte ihm begeistert die Hand. »Wir haben Seite an Seite in den Knuth Wars gekämpft. Er hat …«
»Vier Finger winkt uns«, unterbrach ihn Jörg. »Wie ein kurzsichtiger Holzhacker sieht der aber nicht aus. Woher hat er nur diesen Spitznamen?«
»Fragt nicht«, sagte Harry.
»Da steht ein Bier auf dem Tresen.« Günther eilte los. Er erreichte das Glas als Erster und nahm einen beträchtlichen Schluck. »Wohlsein.«
Virginio wandte sich an Harry. »Dein Gesprächspartner ist in Rohr I und wartet auf dich.«
Harry verbeugte sich leicht.
»Rohr 1?«, fragte Jörg.
»Ja, kommt mit, ich zeig sie euch.«
Gemeinsam liefen sie durch die Korridore der Station. Eine riesige Gestalt, noch größer als Nova, kam ihnen mit einem Tablett leerer Gläser entgegen. Sie war über und über behaart.
Günther staunte. »Sind das Bierkrüge in ihrem Fell?«
Harry nickte. »Die Härchen von Ekkulanerinnen haben Milliarden kleiner Saugnäpfe, die alles Mögliche tragen können.«
Trotz ihrer ungewöhnlichen Erscheinung handelte es sich zweifellos um ein ausgesprochen weibliches Wesen, mit einem sehr freundlichen Lächeln.
Nachdem sie an ihnen vorbeigegangen war, stieß Günther seinen Ellenbogen an Jörgs Schulter. »Ich glaub, die hat dich angeglüht.«
Jörg sah ihn verlegen an. »Ach, Quatsch. Bin doch verheiratet.« Er hob seine Hand und wackelte mit dem Daumen an seinem Ehering. »Außerdem steh ich nicht auf Teddybären.«
Nach ein paar Abzweigungen traten sie durch ein Schott mit der Aufschrift Torpedorohrbar.
»Ein leerer Saal?«, wunderte sich Jörg. »Das hab ich mir gemütlicher vorgestellt.«
Günther nickte. »Hat den Charme eines großen Verhörraumes. Dabei könnte man hier bestimmt zehn Tische hinstellen.«
»Die Sitzplätze sind in den Rohren.« Harry deutete auf die Wand gegenüber vom Eingang, in der sechs runde Verschlüsse etwas erhöht eingelassen waren. Er blieb vor Rohr I stehen und betätigte einen Kontaktschalter, das Schott öffnete sich. Ein schmaler Tisch und zwei noch schmalere Bänke füllten das Rohr aus. Am hinteren Ende sah man durch eine gläserne Kuppel ins All.
»Der ideale Ort, um Geschäfte abzuwickeln, die keinen etwas angehen«, sagte Harry. »Man kann die schalldichten Rohre von innen verriegeln.« Er machte eine auffordernde Geste.
»Au ja, das probieren wir gleich mal aus.« Jörg rutschte die linke Bank entlang und bestaunte die Aussicht. Die Sterne flimmerten in einer Dichte, als handle es sich um die Jahreshauptversammlung terranischer Glühwürmchen. Sie leuchteten in allen Farben, die das sichtbare Spektrum hergab. »Reichlich eng hier, aber was für ein geiler Blick!«
Günther setzte sich auf die andere Bank und verriegelte das Schott. Er leerte das Bierglas und rülpste. Theatralisch sah er Jörg an. »Jetzt kann uns niemand stören. Lass uns über die Übernahme der literarischen Weltherrschaft sprechen.«
»Du bist ein Arsch.«
»Was?«
»Du hast das ganze Bier allein ausgetrunken.«
»Öhm … ich hatte Durst.«
»Glaubst du, ich nicht?«
»Aber ich bin doch dein durstiger Kumpel.«
»Hat sich was mit Kumpel. Du bist so doof, wie du lang bist.«
»Komm schon. Das nächste Bier geht dann irgendwann auf mich.«
»Ja, irgendwann, Blödmann! Die Hälfte war meins.«
»Nun jammer nicht rum. Außerdem bist du doch noch zu klein für ein ganzes halbes Bier.«
»Ich hatte aber gar keins.« Jörg verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.
Im nächsten Moment hallte ein ziemlich eindeutiges Geräusch durch das ehemalige Torpedorohr.
»Jetzt lässt du auch noch einen fahren!«, rief Jörg.
»Wieso ich? Ich war das nicht!«
»Verarschen kann ich mich alleine. Das stinkt ja wie in den Dungeons von Kalypso VII.«
»Das war ich!«, sagte eine unbekannte Stimme, gefolgt von einem diabolischen Lachen.
Jörg und Günther zuckten zusammen, während sie die Flucht antraten.
»Ich hoffe, mein Gesprächspartner hat euch … nicht belästigt«, schmunzelte Harry.
»Äh …«, sagte Günther. »Welcher … was …?«
»Salgonen kommen mit biologischen Tarnfeldern auf die Welt. Man kann sie nicht sehen.«
»Dafür aber ziemlich gut riechen«, stöhnte Jörg, der sich langsam erholt hatte.
»Jetzt entschuldigt ihr mich.« Harry stieg in Rohr I und schloss das Schott.
»Viel Spaß mit deinem Stinker«, sagte Günther und hob das Glas Richtung Jörg. »Lass uns das hier abgeben und verschwinden. Ich hab noch einen kleinen Schotten im Handschuhfach.«
»Whisky?«
»Logo.«
Auf dem Rückweg zur Bar kam ihnen erneut die Riesenfrau mit dem Fell entgegen. An ihren Armen klebten zahlreiche, volle Bierkrüge. Im Schlepptau schwebten drei der autonomen Bierbrunnen.
Jörg wurde etwas rot. »Hallöchen. Das nächste Mal kostet es aber was.«
Die Frau verzog das Gesicht. »Steht mir nicht im Weg rum.«
Brachial drängte sie sich vorbei. Beinahe hätte sie die äußersten Bierkrüge an Jörgs und Günthers Köpfe gerammt. Fassungslos sahen sie ihr nach, wie sie hinter einer Biegung verschwand.
»Meintest du nicht, sie hätte mich angeglüht?«
»Huiuiui. Lieber eine Nacht in Jacks Waffencheck als eine Stunde mit der.«
Schweigend liefen sie weiter.
In der Bar tummelten sich mittlerweile ein paar Gäste mehr. Günther knallte das Glas auf den Tresen.
»Das Bier war lecker. Nur eure Bedienung ist uns zu launisch.«
»Mora?«, fragte Virginio.
»Na die mit den vielen Haaren.«
»Die Zwillinge haben beide Fell. Wahrscheinlich meinst du Mora. Kann schon mal vorkommen, dass sie einem Gast das Getränk mit einem sparsamen ›da!‹ serviert. Ihre Schwester Sora ist okay.«
Jörg schlug sich vor die Stirn. »Zwillinge.«
Günther zog ihn am Arm. »Wir hauen ab, bevor du dich restlos verliebst.«
»Wartet!«, rief Virginio. »Ich habe eine Botschaft für euch.« Er stellte einen Holoprojektor auf die Bar.
Jörg und Günther setzten sich auf zwei Barhocker und musterten das hellblaue Flackern, aus dem sich ein menschlicher Kopf formte.
»Ist das der Imperator?«, fragte Günther.
Jörg schüttelte den Kopf. »Sieht nicht so aus. Äh, Moment mal, jetzt erkenne ich ihn. Das ist Marc.«
Die Holoprojektion begann hastig zu sprechen. »Sorry, Jungs! Mit den Tantiemen ist was schiefgelaufen. Erklär ich ein anderes Mal. Hättet ihr Bock auf ein Geheimprojekt? Ihr schreibt was über das Waypoint FiftyNine. Wenn ihr fertig seid, geht euer Bier auf mich. Einen ganzen Tag lang. Alles, was ihr trinken wollt. Alles! Die Rohfassung muss allerdings bis morgen früh um Fünf auf dem Tisch liegen. Ihr könnt sogar die Herausgeber der Anthologie werden. Dann reichen die Tantiemen für einen Bierbrunnen – und zwar für jeden von euch. Wir sehen uns dann ja eh auf …« Die Projektion flackerte noch einmal kurz und verblasste.
»Pah!«, schrie Jörg außer sich. »Hat er schreiben gesagt? SCHREIBEN?«
»Hat er.«
»Der Hund weiß doch genau, dass wir eine Blockade haben.«
»Schrei es noch lauter«, knurrte Günther. »Aber ich komm mir auch ziemlich verarscht vor. Erst das mickrige Bier für zwei und dann sollen wir uns trotz unserer Blockade eine Geschichte aus den Fingern saugen. Bis um fünf! Sein Geheimprojekt kann er sich sonst wohin schieben. Lass uns abhauen, ich muss dringend auf’s Klo.«
»Von einem Bier, alter Mann? Hättest du mal lieber nicht alles allein ausgetrunken.«
»Quatsch nicht, es drückt.«
Missmutig traten Jörg und Günther in den Waffencheck vor ihrem Hangar. Hinter ihnen schloss sich die Tür.
»Sieh an«, hörten sie Security-Jacks Stimme. »Die beiden Klugscheißer sind wieder da. Braucht ihr noch ein paar Ampere?«
»Mist«, sagte Günther. »An den hatte ich gar nicht mehr gedacht.«
»Ich auch nicht.«
Hinter den Wänden summte es unheilverkündend. Wie in Zeitlupe fuhren die leidvoll bekannten Spieße aus ihren verborgenen Öffnungen. Zwischen den Enden sprühten und knallten leuchtend blaue Entladungen. Sie kamen bedrohlich näher.
Jörg und Günther stürmten durch eine winzige Lücke zum Schott der Innenseite und hämmerten ihre Fäuste gegen den Stahl.
»Nooovaaa!«
Das Wunder geschah. Das Schott öffnete sich und Nova Kazumi sah auf sie herab.
»Gott sei Dank!« Jörg wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Hast du ein Radar für Schwierigkeiten?«
Nova zog sie auf den Korridor. »Raus mit euch. Oder steht ihr auf die Reizstromnummer?«
Jörg und Günther schüttelten den Kopf.
»Und glaubt bloß nicht, ihr könntet mich durch einen der Waffenchecks vor den Dimensionsschleusen austricksen«, wetterte Security-Jack. »Dort kommt ihr auch nicht ungeschoren davon.« Beleidigt schloss er das Schott.
»Wir wollen uns ja echt nicht beschweren.« Jörg schielte auf Novas Schraubenschlüssel. »Aber Jack ist im FiftyNine Shades of Grey-Modus. Könnte man nicht …«
Nova verschränkte die Arme. »Dieser Blechkasper lässt sich nur was von Bick Mack sagen. Und der ist gerade … nicht zu sprechen. Amüsiert euch in der Bar und irgendwann, in hundert Jahren, renkt sich das mit Jack wieder ein. Er ist zwar eine Diva, aber bisher hat er sich noch jedes Mal beruhigt.«
Günther zappelte von einem Bein auf’s andere. »Ich muss jetzt wirklich dringend. Hängt der Batramorphier noch in der Schüssel?«
»Ich habe ihn runtergespült. War nicht zu vermeiden. Da lang«, sagte Nova.
Schon im Gehen, rief Günther über die Schulter: »Such uns einen Tisch aus! Viel Spaß in der Bar.«
»Ohne Geld?« Jörg zog eine Schnute. »Du mich auch, Scherzkeks!«
McGintleroy trinkt (von Dennis Frey)
Fitz McGintleroy saß mit hängendem Kopf am hintersten Tisch des Waypoint FiftyNine. Hier war das Licht noch ein wenig schummriger als vorne in der Nähe der Theke. Das kam ihm gerade recht. Er reizte heute zum dritten Mal in Folge die Öffnungszeiten aus. Saß in mehr oder weniger der gleichen Position am selben Tisch, aber solange ihm die Credits nicht ausgingen, schien sich niemand daran zu stören, dass er jedes Mal einen Platz für sechs belegte. Ab und an, wenn er das Gefühl hatte, dass die Kellnerinnen drauf und dran waren ihn zum Gehen aufzufordern, bestellte er eine neue Schale mit Erdnüssen, die er dann aber doch nicht anrührte. Mittlerweile stand der ganze Tisch voll mit Schälchen. Nur in dem Bereich, in dem er seine Arme aufstützte und zwischen denen ein Glas mit dem berühmt-berüchtigten FiftyNiner auf ihn wartete, konnte man überhaupt noch die Holzplatte sehen.
Fitz sah das als Investition in die Zukunft. Sollten irgendwann die Erdnussplantagen auf Fabaceae und mit ihnen die Erdnusspreise explodieren, war er bereit.
Eine Kakerlake rutschte ihm aus dem Gesicht und fiel mit rudernden Beinchen in das Glas. Eine der vielen Zutaten in dem FiftyNiner reagierte mit etwas, das auf dem Insekt klebte und die resultierende chemische Reaktion brachte das Getränk dazu, gelbliche Wölkchen auszustoßen. Mit einem tiefen Seufzer fischte Fitz das Tier aus dem Glas und setzte es auf seine Schulter. Für den Dienst als Nase musste die Kakerlake sich erst einmal von dem Schreck erholen – und wahrscheinlich ausnüchtern.
»Soll ich dir ein neues Glas bringen, Schätzchen?«, flötete Sora. Fitz schüttelte langsam den Kopf, ohne den Blick von seinem Drink zu lösen. »Passt schon«, murmelte er undeutlich, weil er seinen Mund nicht zu weit aufmachen wollte. Trotz der Vorsicht entwischte ein mittelgroßer Tausendfüßler und krabbelte in Richtung Fußboden. Das freche Ding. Kakerlaken, Mistkäfer … alle anderen waren eigentlich recht leicht zu kontrollieren. Es war ja auch nicht so, als würde Fitz sie zwingen mit ihm zu arbeiten! Aber unter den verfluchten Tausendfüßlern waren einfach zu viele Individualisten. Wenn sie nicht so nützlich gewesen wären, hätte er sie längst rausgeschmissen. Das wussten sie natürlich ganz genau. Als die einzigen unter Fitz’ Kollegen, die über ein starkes Gift verfügten, konnten sie nicht ausgetauscht werden. Ihre Fähigkeiten waren so unersetzlich wie die der Ameisen, nur dass die kleineren Kerle trotz allem die Bescheidenheit in Person waren.
»Was ist denn überhaupt los?«, fragte Sora und zog sich einen Stuhl heran, während sie Fitz den Tausendfüßler reichte, den sie auf dem Boden eingefangen hatte. »Den hier musst du wieder einpacken Fitzi. Hygieneverordnungen, du verstehst.«
Fitz legte den Kopf schief, als sei er einfach zu schwer geworden und er müsse ihn ausruhen. »Hast du mich mal angesehen?«, nuschelte er. Das war nicht wirklich der Grund für seine Laune, konnte nach einem Blick in sein entstelltes Gesicht aber durchaus glaubwürdig klingen. Fitz hatte nur noch ein Auge, das linke, und die leere Augenhöhle des rechten diente den fetten Fliegen als Landeplatz. Seine Nase fehlte ebenfalls, weswegen er immer eine der Kakerlaken bat sich daraufzusetzen. Es war ihm unangenehm, wenn ihm jemand bei einem Gespräch in die ausgefransten Löcher starrte.
»Ach komm schon, McGintleroy«, schnarrte Mora und trat ebenfalls an seinen Tisch. »Du warst doch noch nie hübscher. Also?«
Das war so nicht ganz wahr. Fitz McGintleroy war sogar sehr viel hübscher gewesen, aber das war, bevor er starb … versuchte zu sterben. Nein, nicht absichtlich.
Sein Vater hatte ihm immer erzählt, was für ein Versager er war und er musste Recht gehabt haben. Selbst mit Hilfe einer ungewöhnlich aggressiven Krankheit bekam Fitz das mit dem Sterben nicht richtig hin und er wachte nach ein paar Tagen in seinem Grab wieder auf. Da sich niemand die Mühe gemacht hatte ihm einen Sarg zu zimmern und er nur in der aufgeweichten Pappkiste lag, in der Vaters Stereoanlage geliefert worden war, hatten Würmer bereits seine Nase gefressen. Wahrscheinlich war sie köstlich gewesen und er hatte das den kriecherischen Bastarden bis heute nicht verziehen. Seine Nase hatte ihm sehr am Herz gelegen. Einmal hatte er sogar einen Preis dafür gewonnen! Da er sich kaum rühren konnte, hatte er einen Deal mit den Insekten um ihn herum geschlossen und sie hatten ihn ausgegraben. Danach hatte Fitz die Insektenfamilien in seinem Innern einfach behalten und war mit ihrer Hilfe zu einem der erfolgreichsten Kopfgeldjäger des bekannten Universums geworden. Die Tatsache, dass er das mit dem Sterben auch weiterhin nicht richtig hinbekam, war dabei sogar hilfreich, obwohl es stetig an seinem Stolz fraß. Es konnte doch nicht so schwer sein, wenn sogar Billy-Bob Bärserker Bendoza es hinbekommen hatte! Der Typ war nicht gerade die hellste Leuchte gewesen, wobei man ihm wohl Extrapunkte dafür anerkennen musste, dass er sich alles selbst beigebracht hatte. Und es gab nicht viele Bären, die wussten, wie man im Waypoint FiftyNine einen anständigen Humpen am Bierbrunnen zapfte.
Eigentlich eine Schande, dass der haarige Kerl bei dem Versuch gestorben war, einen dreizehn Meter langen aliosischen Lachs zu fangen. Er hatte noch so viel, für das es sich zu leben gelohnt hätte. Auf jeden Fall mehr als Fitz.
Das war auch der wirkliche Grund hinter seiner schlechten Laune. Fitz hatte in den vergangenen Jahren jede Todesart ausprobiert, die ihm eingefallen war, doch nie hatte er es geschafft, mehr als ein paar Stunden tot zu bleiben. Sein Vater hatte Recht: Er war ein Versager. Und wenn er im Waypoint FiftyNine nach Hilfe fragte, mochte er vielleicht jemanden finden, der sich mit dem Sterben auskannte, doch jeder hier würde wissen, wie nutzlos er war. Aber jetzt starrten ihn die beiden Schwestern an und einige Silberfische flitzten über seine Stirn, um den klammen Schweißfilm zu entfernen. Spürte er das Ziehen der Angst, oder war das nur eine besonders große Brut Maden in seinem Brustkorb? War jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu fragen?
Fitz räusperte sich. Schlürfte den beinahe entschlüpften Tausendfüßler wie eine Spaghetti zurück in den Mund und senkte die Stimme. Die beiden Schwestern beugten sich in seine Richtung, um ihn besser verstehen zu können.
»Ich weiß nicht, wie man stirbt«, murmelte er und Mora lachte rau auf.
»Also bitte, McGintleroy. Alleine hier im Raum sehe ich gute hundert Möglichkeiten zu sterben. So schwer ist das nicht. Sollen wir dir helfen?«
Die Art, wie sie den leeren Bierkrug in ihrer Hand hielt, hatte plötzlich etwas Bedrohliches. Und Fitz dachte über ihr zuvorkommendes Angebot nach, obwohl er nicht glaubte, dass sie eine bahnbrechend neue Idee hatte, ihn umzubringen. Sora zischte ihre Schwester an und schickte sie mit einer wedelnden Handbewegung an einen überfüllten Tisch. Dort spielten einige alte Männer mit spitzen Hüten ein Trinkspiel, bei dem es darum ging, kleine bemalte Figuren von halbnackten, muskelstrotzenden Helden über ein Feld voller Monsterfiguren zu bewegen. Jedes Mal wenn einer von ihnen einen Humpen leeren musste, grölten die anderen wie ein ganzes Stadion voller Laserball-Fans. Und als einer aus der Runde unter den Tisch kotzte, steigerten sie die Lautstärke sogar noch.
»Hör nicht auf sie, Fitzi. Sie ist heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden.« Sora hob die Stimme gerade genug, um sicherzustellen, dass ihre Schwester die nächsten Worte verstehen konnte. »So wie jeden Tag.«
»Aber sie hat ja Recht«, murmelte der untote Kopfgeldjäger und trommelte mit den Fingerspitzen unrhythmisch auf den Tisch. »Ich bin ein Versager. Es gibt nichts Einfacheres im Universum und ich bekomme es nicht hin.«
»Aber warum willst du denn sterben?«
Fitz sah sie mit großem Auge an. Eine besonders fette Fliege startete aus der leeren Augenhöhle und ihr Brummen durchbrach die Pause vor seiner Antwort.
»Ich muss doch beweisen, dass ich es kann. Dass ich wenigstens das kann. Wie sonst sollte ich Vaters Meinung über mich widerlegen?«
Sora wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, überlegte es sich aber anders, bevor ihre Fellhärchen sich an irgendwelchen Insekten festsaugen konnten. »Ist die Meinung deines Vaters wirklich so wichtig? Was denkst du denn über dich?«
Fitz drehte den Kopf, um sich ihr richtig zuzuwenden, anstatt sie nur aus dem Augenwinkel zu betrachten. Seine Nackenmuskeln knarrten dabei. Er vermied solche Bewegungen normalerweise, weil er Angst hatte, dass ihm der Kopf irgendwann abfallen würde, aber der Moment schien richtig.
Soras Frage konnte er allerdings nicht beantworten. Er hatte immer nur die Meinung von anderen auf sich bezogen. Seine Schultern hoben sich ratlos und er spürte wie die Ameisen, die in seinen Achselhöhlen wohnten hin und her wuselten. Normalerweise warnte er sie vor, bevor er die Arme bewegte.
Die Kellnerin lächelte. »Ich weiß, dass du einer der besten Kopfgeldjäger bist. Wie du damals Prexo für mich ausgeschaltet hast …« Sie sah mit einem fast schon verträumten Lächeln auf die Plakette an der Wand, die den unechten Kopf eines Kuranariers hielt. Darauf saß das sehr echte Toupet von Prexo, der genauso schnell rennen konnte, wie man es von so einem schleimigen Widerling erwartet hätte.
Fitz erinnerte sich noch daran, als wäre es gestern gewesen. Überhaupt war sein Erinnerungsvermögen sehr gut geworden, seit man ihn das erste Mal begraben hatte. Er vergaß keine Beleidigung, keine unfreundliche Geste – und abgesehen von seinem Vater hatte er sich an jedem gerächt, der es seiner Meinung nach verdient hatte.
»Ich bin keine gute Person«, sagte er zögernd und legte dabei eine Hand vor den Mund, um weitere Ausbrecher aufzuhalten.
Sora zuckte mit den Schultern. »Wer ist das schon?«
Prexo ganz sicher nicht. Der Kuranarier hatte seine geschuppten Finger in mehr finsteren Geschäften gehabt, als Fitz Lust hatte zu zählen. Und immer hatte er sich herausreden oder fliehen können.
Bis er versucht hatte, Sora als Sicherheit für ein Darlehen an interstellare Sklavenhändler zu verkaufen.
Die Kellnerin war ein liebenswürdiges … Wesen, aber das hatte sie Prexo übel genommen. Und weil sie im Waypoint FiftyNine zu viel zu tun hatte, um dem Ganoven eine Lektion zu erteilen, hatte sie Fitz angeheuert, der sich damals schon einen ganz ordentlichen Ruf erarbeitet hatte.



