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Dass er jetzt nichts sagte, schien Sora als Aufforderung zu sehen weiterzusprechen.
»Wahrscheinlich wärst du nicht so gut darin schlechte Personen zu fangen, wenn du eine völlig gute Person wärst.«
Fitz zeigte keine sichtbare Reaktion auf ihre Worte, doch er dachte über sie nach.
Prexo war vor ihm so ziemlich jedem Kopfgeldjäger mindestens einmal entwischt. Man machte Witze darüber, dass jemand einen Prexo gezogen hatte, wenn derjenige sein Ziel verlor und es nicht wiederfinden konnte. Auf den Kuranarier waren Kopfgelder von achtzehn verschiedenen Stellen ausgeschrieben gewesen, darunter so prestigereiche Institutionen wie dem Amt für Konstellationskoordination, der Akademie für umgekehrte Ernährung und dem Fischereiverein von Sabylus III. Fitz hatte sie alle eingestrichen, aber warum hatte er etwas geschafft, bei dem jeder andere versagt hatte?
Vielleicht einfach nur, weil er so unsagbar stur war. Zu dumm, um aufzugeben, wie sein Vater sicher gesagt hätte.
Egal wie schnell man rennen konnte, das brachte nicht viel, wenn man vor Fitz McGintleroy floh, der niemals müde wurde und niemals aufgab. Irgendwann musste man sich ausruhen. Schlafen. Selbst ein Roboter musste seine Batterien aufladen. Und wenn man dann aufwachte, oder aus seinem Ladezyklus bootete, sah diese zerfallene Ruine von einem Gesicht aus einem einzelnen, milchigen Auge auf einen herab.
Selbst gestandene Söldner und Piraten hatten bei so einem Erwachen schon die Kontrolle über ihre Blase verloren, was Fitz’ insektoide Passagiere jedes Mal mit überschwänglicher Begeisterung erfüllte. Er fand es doch ein klein wenig beunruhigend, wie gerne sie größere Rassen in Angst sahen. Wenn Fitz begonnen hätte, Leute mit einem Schuh umzubringen, hätten sie ihn wahrscheinlich zu einem Propheten ernannt.
Das war es doch. Er machte Verbrechern Angst. Er, Fitz McGintleroy, war der dunkle Schatten, mit dem Weltraumpiraten ihren Kindern beim zu Bett bringen Respekt einflößten. Die Gestalt am Horizont, die den Sklavenhändler noch einmal überlegen ließ, ob er sich nicht lieber selbst verkaufen sollte.
Fitz straffte sich, so gut das mit seinen ausgeleierten Sehnen eben möglich war. Sora hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Er mochte ja zu dumm zum Sterben sein, aber selbst er hatte seine Talente. Selbst ohne seine Nase. Und auch wenn er niemals eine gute Person sein würde, konnte er diese doch zumindest beschützen.
»Du hast Recht. Ich kann etwas. Ich mache einen Unterschied. Ich bin jemand!«
Ohne Rücksicht auf seine kleinen Mitbewohner zu nehmen, klatschte er beide Hände auf die Tischplatte und stemmte sich in einer für ihn geradezu unerhörten Geschwindigkeit hoch.
»Ich bin Fitz McGintleroy und wenn ich nicht sterben kann, dann werde ich eben leben!«
Er griff sich das Glas mit dem FiftyNiner, das er jetzt seit guten zwei Stunden angestarrt hatte, und leerte es in einem Zug.
Drei Dinge geschahen gleichzeitig.
Die geheime Zutat Nummer 16 brannte genug totes Gewebe weg, um Fitz zum ersten Mal in seinem Untod etwas schmecken zu lassen. Er hatte ganz vergessen, dass Dinge einen Geschmack hatten und das Erlebnis kam einer göttlichen Offenbarung gleich.
Zutat Nummer 38 verursachte den Maden in Fitz’ Magen üble Blähungen, was nicht weiter schlimm war, in einer von ihnen aber den Wunsch weckte, Stand-Up Comedian zu werden und Witze voller Fäkalhumor zu erzählen.
Geheimzutat 3 und 22 verursachten mit einer ungewöhnlichen Substanz, die in dieser Form nur in Fitz’ Körper vorkam, eine chemische Reaktion, die den Kopfgeldjäger zu faulig riechendem Schleim zerfallen ließ. Er war in diesem Moment noch so mit dem Geschmackserlebnis des FiftyNiner beschäftigt, dass er es gar nicht merkte. Die zähe Masse stieß gelbliche Dampfwolken ab, während die insektoiden Freunde des endlich Verstorbenen sich aus dem Glibber heraus kämpften.
Bis auf die alten Männer, die noch immer vollauf mit ihrem Trinkspiel beschäftigt waren, starrten alle Gäste des Waypoint FiftyNine auf den Haufen der sich langsam weiter verflüssigte und sich dabei auf dem Boden ausbreitete. Sora hatte sich noch nicht von dem Anblick erholt, als Mora ihr grinsend einen Wischmopp in die Hand drückte. »Ich habe unter dem Magierplenum aufgewischt. Du bist dran, Schwesterchen.«
Ohne Bier kein Klavier
(Ein Intermezzo von Jörg Fuchs Alameda)
Zahlungsunfähig eine Weltraumkneipe zu betreten, fühlte sich noch mieser an als der letzte Männerausflug auf der Erde, bei dem Günther und ich den Barfußpfad über die Hundewiese voller Tretminen abgekürzt hatten. Aber da waren wir wenigstens zu zweit gewesen. Nun musste ich alleine nach einem Tisch suchen, während Günther unsere in Bier umgewandelten Tantiemen in der Bordtoilette abführte.
Ich überlegte noch, ob ich mich ohne Credits überhaupt setzen durfte, da rauschte ein Bierbrunnen über meinen Kopf hinweg. Einer der Landefüße streifte meine in Beton gemeißelte Igelfrisur. Der Brunnen kippte leicht, sodass ein guter Schluck des Gebräus über den Rand schwappte und auf meine Schuhe platschte. Das Pils-Aroma stieg mir in die Nase. Sehnsüchtig folgte mein Blick der Flugbahn des Brunnens, der zuerst über einem menschengroßen Seepferdchen und einem gehörnten Grünling kreiste, dann aber bei einem insektoiden Alien landete.
Eine der Zwillingsschwestern blieb mit einer Schüssel, deren Inhalt wie frittierte Sardellen aussah, vor mir stehen. »Greif zu! Als Entschädigung für die nassen Füße.«
Sie lächelte mich herzerwärmend an. Es musste Sora sein.
»Noch vor meinen drei Abendessen? Da sagt ein Alameda doch nicht nein. Danke!« Ich steckte mir gleich zwei Stück in den Mund und kaute. Sofort wurde mir heiß. Auf der Zunge und in der Nase brannte es. Tränen schossen mir in die Augen. »Schmeckt nach Flammenwerfer«, nuschelte ich und überlegte, wo ich das Zeug hinspucken könnte.
»Eine Schärfe von einer Million Scoville wird einen Alameda doch nicht etwa umhauen?« Die Bedienung schmunzelte hinterhältig. »Durstig? Das Wasser auf dem Klo kostet nix. Meinetwegen kannst du auch McGintleroys Erdnüsse haben, wenn du hilfst, den Schleim dahinten wegzuwischen.« Sie zeigte auf eine Tischplatte, die fast komplett mit kleinen Schälchen zugestellt war. Darunter kniete ihre Schwester und schrubbte fleißig den Boden. Gelbe Dampfwölkchen stiegen von ihrem Lappen empor. Wieder hielt sie mir die Schüssel unter die Nase. »Nachschlag?«
Ich schüttelte den Kopf und schluckte, ohne weiter zu zerkauen. Zweifellos war es Mora, die Giftige der beiden Zwillinge, die nun lachend mit dem höllischen Snack davon schritt.
Nach ihrer Ansage direkt auf die Toilette zu rennen, war mir eigentlich zu peinlich, denn ich wusste, dass es nur eine zusätzliche Stichelei war und Wassertrinken das Brennen noch verschlimmern würde. Trotzdem trieb mich mein glühendes Gesicht in Richtung Ausgang.
»Du bist ja hart drauf!« Ein Typ im roten Strampelanzug packte meinen Arm und zog mich zur Theke. Da mein Kreislauf rebellierte, nahm ich die Einladung an und setzte mich neben ihn auf einen Barhocker. »Mit naturgefüllten Echsendärmen rührt man den Flaming Lizard um, nur ganz kurz, damit der Cocktail nicht zu scharf wird. Die Dinger isst man doch nicht.« Er schob mir seinen Krug hin. »Hier, zum Feuerlöschen.«
»Naturgefüllt?« Ich musste würgen. Gierig trank ich den letzten Schluck seines Bieres. Dann knallte ich den Krug auf den Tresen und wischte mit dem Ärmel den Schaum von meinem Mund. »Wenn mein bester Freund mir das Kölsch wegsäuft und mein Verlag mir die Schreibmaschine auf die trockene Kehle setzt, kann ich auch Echsenscheiße fressen. Das kommt gleich in mein Tagebuch der intergalaktischen Weisheiten. Nummer 236.«
Er klopfte mir auf die Schulter. »Das ist mein Mann! Ich bin Ziggy Stardust. Hat dir schon mal jemand das Leben gerettet?«
»Nein. War noch nicht nötig.«
»Dann hast du auch keinen besten Freund. Vielleicht kann ich das ja für dich werden. Wo genau drückt denn das Suspensorium?«
Das war die Chance, ein Mitleidsgetränk herauszuschlagen. »Ich bin Autor …«
»Mein Beileid«, unterbrach er mich.
»Ich war noch nicht fertig. Also ich bin Fantasyautor …«
Er stand auf. »Sorry, da kann dir niemand mehr helfen.«
Nun hielt ich ihn am Arm fest. »Ohne Bier kein Klavier! Wie soll ich nüchtern in die Tasten hauen? Da fällt mir bis morgen früh nie und nimmer ’ne schräge Story ein.«
»Stimmt. Durst ist schlimmer als die Weltraumpest.« Er setzte sich wieder. »Du hast Glück. Ich bin ein Veteran im Schleusenreisen. Dir schuldet doch bestimmt jemand ein Bier.«
Ich überlegte kurz. »Ja schon. Von Laurence bekomme ich noch zwei, drei Flaschen Schlabberstöffsche. Aber ich würde mir auch was von dir ausgeben lassen.«
»Siehst du den Einarmigen dahinten? Das ist Sam. Ich hab gerade alles an ihn verloren. Beim 3D-Billard. Und das nicht zum ersten Mal.« Er legte seine Hand auf meine Schulter und sah mich mit glasigen Augen an. »Ich brauche auch ein Bier. Wo finden wir diesen Laurence?«
»Keine Ahnung. Aber ich weiß, dass er beim letzten Buchmesse Convent war. Dreieich. Erde. 2019. Da sind alle meine Schreibkumpels.«
»Kein Problem!« Ziggy klopfte sich stolz auf die Brust. »Mit mir kommst du, wohin du willst, und zwar in jede Zeit. Ich kann Dimensionsschleusen kurzschließen.«
»Ich auch«, sagte ich und seufzte. »Aber Security-Jack lässt mich nicht gehen.«
»Du hast ihn beleidigt?«
Ich nickte.
»Das renke ich schon wieder ein, Frischling.«
»Wir müssen auf Günther warten.« Ich blickte an ihm vorbei zum Eingang. »Der kahlköpfige Headbanger lernt bestimmt das Klopapier auf der Bordtoilette auswendig. Hab gehört, da sollen Weltraumwitze aufgedruckt sein.«
»Die sind wirklich gut«, bestätigte Ziggy. »Habe selbst mal drei Stunden dort verbracht.«
»Da fällt mir ein, letztes Silvester hab ich einen Fleischkäse gegessen, der abgelaufen war. Günther hat mir einen Eimer gebracht und meine damals noch langen Haare beim Kotzen gehalten.«
»Das grenzt an Lebensrettung«, mischte sich Virginio ein, der scheinbar unser Gespräch belauscht hatte und nun mit einem Lappen den Tresen abwischte.
Ziggy beugte sich zu mir und flüsterte: »Kannst Günther doch ein Bier von diesem Laurence mitbringen.«
»Tolle Idee!« Aufgeregt hüpfte ich vom Hocker und legte den Arm um Ziggy. »Auf geht’s zum BuCon! Aber erst noch ein Wir-sind-unterwegs-Selfie für meine Spacebook-Seite!«
Vor dem Waffencheck zu den Dimensionsschleusen wimmelte es von Leuten. Menschen, Aliens und andere fantastische Wesen liefen uns im Korridor grüppchenweise über den Weg. Obwohl es mehrere Räume gab, mussten wir warten. Neuankömmlinge hatten Vorrang gegenüber Abreisenden.
»Sieh mal«, flüsterte Ziggy und deutete auf ein Schott, aus dem ein Außerirdischer entstieg, dem der Schnurrbart schief über der Oberlippe hing. Als der Typ mein Grinsen bemerkte, zog er eine Sonnenbrille aus der Brusttasche seines Hawaiihemdes und setzte sie auf. Erschrocken rückte er den falschen Bart gerade und versuchte, ihn unter der Nase anzudrücken, doch der Klebstoff wollte nicht mehr halten. Nun riss er die Rotzbremse ganz ab, steckte sie hastig in die Hosentasche und lief mit schnellen Schritten an uns vorbei in Richtung Bar.
Ziggy lachte. »Hast du ihn erkannt?«
»Den ehemaligen Finanzminister des Alterta Mondes? Bei der Verkleidung könnte er auch gleich ein T-Shirt mit seinem Fahndungsfoto tragen.«
Mein Begleiter trat aus der Schlange heraus und sah dem Minister nach. »Wollen wir uns ein paar Credits verdienen?«
»Seh ich so aus, als würde ich eine pandamorianische Rüstung unter meinem Pullover tragen?« Ich zerrte ihn zurück in die Reihe. »Kopfgeldjäger gibt es hier genug. Denen will ich nicht in die Quere kommen.«
Opferbereitschaft (von Lea Baumgart)
Der um Anonymität bemühte ehemalige Finanzminister des Alterta Mondes starrte niedergeschlagen auf den Bierbrunnen. Das Bier schmeckte nicht schlecht, aber er hätte etwas Stärkeres vertragen können. Was er dringender benötigte als einen Alkoholrausch, war jedoch ein klarer Kopf.
Misstrauisch hob er den Blick und sah sich prüfend in der Kneipe um.
Es war ein fragwürdiger Laden, den er auf dem Höhepunkt seiner Karriere niemals frequentiert hätte – es sei denn, die Übergabe von Bestechungsgeldern hätte ihn dazu genötigt.
In der Nähe der Theke lungerten drei Gestalten herum, die überaus zwielichtig wirkten. Doch in einer Kneipe wie dieser war die Klientel von Natur aus dubios. Kein Grund in Panik zu geraten. Allerdings schauten diese drei auffällig oft in seine Richtung und die Bevölkerung des Alterta Mondes hatte einen beträchtlichen Finderlohn auf den Kopf ihres ehemaligen Finanzministers ausgesetzt. Ob der Kopf dabei am Ende seines Halses gefunden wurde, oder einige Meter davon entfernt, blieb dem Finder überlassen.
Der ehemalige Finanzminister empfand die Hetze der Medien, die seit dem Einsatz der neuen Regierung auf dem Alterta Mond gegen ihn betrieben wurde, als überaus ungerecht. Zunächst hatte sich seine eigene Bevölkerung gegen ihn gewandt, und dann der ganze Rest des Universums. Dabei hatte er die Finanzen seiner Bürger aufopferungsvoll verwaltet. Nicht nur während seiner Arbeitszeit hatte er die Steuereinnahmen betreut, sondern auch in seiner Freizeit. Er war sogar so weit gegangen, sich nicht nur im Namen der Regierung um die ihm unterstellten Finanzmittel zu kümmern, sondern sich ihrer auch auf seinem Privatkonto anzunehmen. Derart in seiner Arbeit aufgegangen, hatte er sie eines Tages nicht einmal mehr von seinem Privatleben unterscheiden können. Mehr Engagement konnte man von einem Minister doch nun wirklich nicht erwarten.
Eine der Gestalten an der Theke nickte jetzt in seine Richtung. Sie trug Hörner. Der ehemalige Finanzminister hatte natürlich keine Vorurteile. Seiner offiziellen Philosophie zufolge war er ein aufgeschlossener Alterta, der an Chancengleichheit glaubte und keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Rassen sah. Davon abgesehen hatte er allerdings noch nie eine Spezies mit Hörnern getroffen, die sich nicht als Bande von ausgemachten Mistkerlen herausgestellt hätte.
Er warf einen Blick auf den Roboter – Modell KRAWUMM! – neben sich und wurde augenblicklich ruhiger. Selbstverständlich war Roboter nicht der politisch korrekte Terminus. Heutzutage bevorzugte man außerhalb der Stammtische den Begriff künstliche Intelligenz. Seiner offiziellen Philosophie zum Trotz, lag dem ehemaligen Finanzminister jedoch wenig an politischer Korrektheit. Seiner inoffiziellen Meinung nach verhielt es sich mit politischer Korrektheit ebenso wie mit Mord, Steuerhinterziehung und Erpressung – er duldete sie nur, solange sie von ihm selbst ausging und ihm einen Vorteil vor der Konkurrenz verschaffte. Hinzu kam in diesem Fall, dass das Wort Intelligenz nun wirklich nicht auf KRAWUMM! zutraf.
Der Stahlriese mit der Schlagkraft eines kleinen Meteoriten und einer entsprechend potenten Leibwächterfunktion hatte den ehemaligen Finanzminister ein kleines Vermögen gekostet. Glücklicherweise nicht sein eigenes Vermögen.
Beim Waffencheck hatte es natürlich Probleme gegeben, allerdings war die Androidenrechtebewegung derzeit so stark im Kommen, dass es sich jeder Ladeninhaber lieber zweimal überlegte, bevor er einem Roboter den Zutritt zu seinen Räumlichkeiten verwehrte. Vor allem auch deshalb, weil Androiden leichter Ersatzteile für sich beschaffen konnten, als Prothesen für organische Lebewesen verfügbar waren, da die Vernetzung der Algorithmen untereinander ganz hervorragend funktionierte. Wer seinem Staubsauger nicht mit genügend Respekt begegnete, der erhielt vielleicht bald schon Besuch von einem autonomen Panzerbataillon. Davon abgesehen hatte man am Waffencheck darauf bestanden, KRAWUMM! einen Gewaltblocker zu installieren. Seine Leibwächterfunktion wurde dadurch stark eingeschränkt, aber trotzdem fühlte der ehemalige Finanzminister sich mit dem Roboter an seiner Seite wohler. Er baute auf den psychologischen Abschreckungseffekt.
Die Gestalt mit den Hörnern starrte mittlerweile ganz offenkundig zu ihm hinüber.
Der ehemalige Finanzminister rutschte unruhig hin und her. Vielleicht wurde es Zeit, sich möglichst dezent abzusetzen. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass er tief genug im Orkus des Universums versunken war, um unauffindbar zu werden, aber diese Blicke ließen auf etwas anderes schließen. Wenn ihm sein Leben teuer war – und es war ihm teuer, wie die Bürger des Alterta Mondes bezeugen konnten, die es jahrelang finanziert hatten – wäre ein rascher Abgang ratsam.
»Herr Finanzminister«, sprach ihn plötzlich eine Stimme an.
Der ehemalige Finanzminister zuckte zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass sich jemand genähert hatte, doch als er jetzt ganz leicht den Kopf drehte, entdeckte er eine Person, die ihm genau gegenübersaß. Das beunruhigende an ihrem unvermittelten Auftauchen war vor allem, dass er absolut nicht sagen konnte, wie lange der Fremde schon dort saß und ihn beobachtete.
»Ehemaliger Finanzminister«, korrigierte der ehemalige Finanzminister.
Der Fremde hatte ihn unvorbereitet getroffen, doch dasselbe war ihm bereits mit öffentlichen Anschuldigungen, Steuerbescheiden und wütenden Mobs passiert – und es war ihm stets gelungen, den Anschein der Ruhe zu bewahren und jemand anderen ans Messer zu liefern.
»Zu Unrecht«, sagte der Fremde. »Gänzlich zu Unrecht. Eine rechtschaffene Amtsperson wie Sie.«
Obwohl die Worte schmeichelnd klangen, war die Stimme des Fremden durch und durch unangenehm. Weshalb konnte der ehemalige Finanzbeamte nicht genau sagen. Dasselbe galt leider auch für sein Äußeres. Er kniff die Augen zusammen, um sich besser auf sein Gegenüber fokussieren zu können, aber sein Blick schien regelrecht von ihm abzugleiten. Der Fremde war durchschnittlich groß, durchschnittlich alt und verfügte über die durchschnittliche Anzahl an Extremitäten. Das war eine ganz beachtliche Leistung, in einem Universum, in dem die Größe seiner Bewohner um mehrere Kilometer voneinander abweichen konnte und die Lebenserwartung irgendwo zwischen einem Atemzug und einigen Jahrmillionen lag. Ganz zu schweigen von der Anzahl der Extremitäten.
Genauere Details ließen sich nicht ausmachen, denn sein Äußeres schien zu flimmern, was es erschwerte, den Blick lange auf ihn fokussiert zu halten.
»Darf ich fragen, welcher Spezies Sie angehören?«, erkundigte sich der ehemalige Finanzminister.
In den meisten Gesellschaftskreisen galt diese Frage als unhöflich, aber im Waypoint FiftyNine konnte man eigentlich nicht von einem Gesellschaftskreis sprechen, sondern vielmehr von einer Abwärtsspirale.
»Oh, entschuldigen Sie, meine natürliche Erscheinungsform verunsichert die meisten Lebewesen«, entschuldigte der Fremde sich und plötzlich sah der ehemalige Finanzminister ihn klar und deutlich vor sich.
Er war klein, schmal und rosig; eindeutig ein Mensch. Inzwischen traf man diese Spezies überall im Universum an, obwohl sie weder besonders widerstandsfähig, noch besonders intelligent war. Daheim auf dem Alterta Mond hatte der ehemalige Finanzbeamte sich manchmal von einem Menschen die Schuhe putzen lassen und einmal – bei einem wirklich exklusiven Dinner auf Roe-3 – hatte er einen von ihnen verspeist. Der Geschmack war nicht übel gewesen, ein bisschen wie uglarisches Hühnchen.
»Sie sind doch nicht etwa ein G-O-2T?«, erkundigte sich der ehemalige Finanzbeamte überrascht über die plötzliche Veränderung seines Gegenübers.
Natürlich war es grundlegend möglich, technisch eine Simulation zu erzeugen, die das Äußere ebenso wie die Stimme vorübergehend veränderte, aber solche Tricks ließen sich nicht lange aufrechterhalten. Außerdem war diese Art von Technik nahezu unerschwinglich. Einige Spezies im Universum verfügten über die natürliche Gabe der Gestaltwandlung, aber nur ein G-O-2T konnte eine solche Illusion wirklich überzeugend vermitteln. Und die Gestalt vor ihm sah überzeugend aus. Nur bei den Haaren war dem Wesen ein kleiner Fehler unterlaufen. Sie glänzten viel zu gepflegt für eine Spezies, die gerade erst aus dem Ozean gekrochen war.
Bescheiden nickte sein Gegenüber. Die rosige Haut sah sehr verletzlich aus und die Gliedmaßen dünn und zerbrechlich. Er hatte die Gestalt offenbar frei gewählt, aber dem ehemaligen Finanzminister blieb es ein Rätsel, warum er sich ausgerechnet für das Auftreten als Mensch entschieden hatte. Vermutlich sollte die harmlose Erscheinung eine beruhigende Wirkung auf ihn ausüben. Mit einem G-O-2T war wirklich nicht zu spaßen. Sie konnten nicht nur ihre Gestalt nach Belieben verändern, sie waren auch so gut wie unsterblich.
»Ich fürchte, Sie liegen mit Ihrer Vermutung ganz richtig. Mein Name ist Kalzan«, sagte der G-O-2T. »Vielleicht haben Sie bereits von mir gehört.«
Seine Stimme hatte sich ebenfalls verändert. Sie war jetzt hoch und nicht besonders sauber akzentuiert. Der ehemalige Finanzminister fand sie immer noch unangenehm, aber nun auf eine Art, die er ganz klar benennen konnte. Es war dasselbe Gefühl, das ihn sonst nur überkam, wenn er sich mit einer unterentwickelten Spezies unterhielt. Obwohl das Wort unterentwickelt in seiner offiziellen Philosophie natürlich keinen Platz fand.
»Der Name kommt mir bekannt vor«, stellte der ehemalige Finanzminister unverbindlich fest.
Das war natürlich gelogen, aber einen G-O-2T verärgerte man lieber nicht. Viel lieber schmeichelte man ihrer Eitelkeit und entfernte sich dann zügig – ohne ihnen den Rücken zuzukehren.
»Ich«, setzte Kalzan an und drückte die stolzgeschwellte Brust durch – bei einem armseligen Geschöpf wie dem Menschen sah das ziemlich lächerlich aus. »Ich bin das wahrscheinlich unbekannteste Auftragsopfer des gesamten Universums.«
Der ehemalige Finanzminister versuchte, einen verständnisvollen Laut auszustoßen, ohne sich in irgendeiner Weise auf eine Stimmung, Meinung oder Grundhaltung festzulegen. Als Politiker hatte er darin zum Glück Übung.
»Wenn Sie derart unbekannt sind, ist es nicht verwunderlich, dass ich nicht von Ihnen gehört habe«, sagte er.
Kalzan nickte. Das blonde Haar auf seinem Kopf wippte dabei. Der Kopf war nun wirklich eine sehr eigenartige Stelle für Körperbehaarung. Die Evolution steckte auf dieser Erde tatsächlich noch immer in den Kinderschuhen.
»Natürlich, natürlich«, stimmte Kalzan zu. »In meinem Geschäft ist es geradezu essenziell, unbekannt zu sein. Als Auftragsmörder, ja, da muss man sich natürlich einen Ruf erwerben. Man muss gefürchtet werden, sonst heuert einen niemand an. Keiner beauftragt heute noch einen einfachen Killer. Es muss schon ein Profi sein. Dafür braucht man ein vorzeigbares Portfolio. Im Keller nützen die Leichen einem überhaupt nichts, man muss sie schon im Schaufenster präsentieren. Die meisten Assassinen sind ja inzwischen selbstständig, wenn sie nicht gerade bei irgendeinem Großkonzern angestellt sind. Da muss man sich schon richtig ins Marketing reinhängen, um Aufträge zu erhalten.«
Kalzan machte eine Pause und der ehemalige Finanzminister nickte, weil er das Gefühl hatte, dass das an dieser Stelle von ihm erwartet wurde.
Ihm war nicht klar, wohin dieses Gespräch eigentlich führen sollte, aber die ständige Erwähnung von Auftragsmorden verursachte ihm Unbehagen – aus persönlichen Gründen.
»Bei mir hingegen ist es genau umgekehrt. Die Tatsache, dass Sie noch nicht von mir gehört haben, sollte Ihnen als Aushängeschild für meine Arbeit dienen. Ich bin nicht nur ein ordinäres Opfer. Ich bin ein Profiopfer.«
»Ah was«, sagte der ehemalige Finanzminister.
»Sie könnten meiner Dienste bedürfen«, erklärte Kalzan.
Der ehemalige Finanzminister war sich nicht ganz im Klaren darüber, was ein Profiopfer eigentlich leistete, geschweige denn welchen Nutzen er davon haben könnte.
»Ist das so?«, erkundigte er sich und bemühte sich, süffisant zu klingen. Er wollte den Eindruck von Überlegenheit vermitteln, während er gleichzeitig hoffte, dass Kalzan eine Erklärung folgen lassen würde.
»Selbstverständlich. Ein Leibwächter nützt Ihnen hier überhaupt nichts.«




