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Kalzan warf einen vielsagenden Blick zu KRAWUMM!.
Dabei spielte er geistesabwesend an einem Armreif herum, den er um das lächerlich dürre Handgelenk trug. Der ehemalige Finanzminister hätte schwören können, dass noch vor wenigen Augenblicken ein kleines Licht an der Seite geleuchtet hatte, aber jetzt war es erloschen.
»Beispielsweise könnten Sie die drei Individuen dort an der Theke sicher problemlos aus dem Weg räumen. Jedenfalls außerhalb der Kneipe. Hier drin macht Ihnen Ihr schickes Spielzeug mit dem Gewaltblocker im Nacken nicht einmal eine Dose Ravioli auf«, ergänzte Kalzan. »Aber selbst wenn Ihnen die Beseitigung gelingt, kommen schon bald die nächsten. Ihre Feinde aus dem Weg zu räumen ist nicht zielführend, wenn es derart viele gibt. Um Ihre Ruhe zu haben, müssen Sie schon selbst sterben.«
Der ehemalige Finanzminister hüstelte dezent. »Genau um das zu vermeiden, habe ich meine Heimat verlassen.«
Kalzan schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln.
Was hatten diese Menschen doch für stumpfe Zähne. Der ehemalige Finanzminister verstand nicht, warum eine solche Spezies überhaupt lächelte. Es wirkte nicht im Mindesten bedrohlich.
»Sie müssen das Sterben nicht selbst übernehmen«, sagte er. »Sie können es outsourcen. Vertrauen Sie mir. Ich bin Profi.«
Der ehemalige Finanzminister verstand genug von dubiosen Geschäften, um allmählich Kalzans Geschäftsmodell nachvollziehen zu können.
»Klingt als hätten Sie da eine echte Marktlücke entdeckt«, stellte der ehemalige Finanzminister fest.
Kalzan lächelte noch immer. »Sie würden sich wundern, Herr Minister«, sagte er. »Falls Sie Interesse an meinen Diensten hätten, sollten wir die Details vielleicht in privaterem Rahmen besprechen. Ich habe ein Torpedorohr reserviert. Damit unsere Freunde nicht mithören.« Er nickte vielsagend zu ihren drei Beobachtern hinüber. Dann erhob er sich und streckte dem ehemaligen Finanzminister auffordernd die Hand entgegen.
KRAWUMM! begann unheilvoll zu surren.
»Fremde Lebensform sondiert. Menschlich«, verkündete er mit unpersönlicher Stimme. »Bitte ziehen Sie sich umgehend aus dem Schutzbereich zurück, oder Sie werden liquidiert.«
Hastig zog Kalzan die Hand wieder zurück und blickte den Roboter finster an. Obwohl er selbst kurz zuvor noch auf die Einschränkung durch den Gewaltblocker hingewiesen hatte, schien er von der Sondierung nicht besonders begeistert.
Der ehemalige Finanzminister erhob sich ebenfalls. Er war tatsächlich beeindruckt. Kalzan war es gelungen, sogar die Sensoren des Roboters zu täuschen. Seine menschliche Tarnung war wahrhaft perfekt. Nur einem G-O-2T konnte das gelingen. Der Fremde musste also tatsächlich das sein, wofür er sich ausgab. Wenn er noch einen weiteren Beweis benötigt hatte, so hatte KRAWUMM! ihm diesen soeben geliefert.
»Sie sollten ihn hierlassen.« Kalzan und deutete auf den Roboter. »In den Torpedorohren ist nicht genug Platz.«
Der ehemalige Finanzminister zögerte für einen Augenblick. In der Gegenwart von KRAWUMM! fühlte er sich sicher. Möglicherweise handelte es sich um eine Falle. Vielleicht arbeitete Kalzan mit den Kopfgeldjägern zusammen.
Doch andererseits hatte ein G-O-2T es wohl kaum nötig, auf diese schäbige Art sein Geld zu verdienen. Und er hatte es ganz bestimmt nicht nötig, sich dafür Komplizen zu suchen.
»Warte hier«, wandte der ehemalige Finanzminister sich an KRAWUMM!. Dessen grüne Leuchte in Kopfhöhe sprang dank der Stimmerkennung sofort auf Rot und versetzte sich vorübergehend in den Ruhemodus.
Kalzan nickte beifällig und ging voraus in Richtung der Torpedorohrbar. Hier sah es schon eher nach einer Gegend aus, in welcher der ehemalige Finanzminister früher einmal verkehrt hatte. Während seiner Amtszeit hatte er beträchtlich viel Zeit in Hinterzimmern verbracht.
Er quetschte sich zuerst auf die Sitzbank in einem Rohr, während Kalzan mühelos hinter den Tisch glitt. Vielleicht hatte er bloß deshalb die Gestalt eines Menschen gewählt, dachte der ehemalige Finanzminister bitter. Hier drin war es ganz schön eng für jemanden von seiner eindrucksvollen, wohlgenährten Gestalt.
»Möchten Sie etwas trinken?«, erkundigte Kalzan sich höflich.
»Danke, nein«, lehnte der ehemalige Finanzminister ab und schaute durch die Glaskuppel, die eine atemberaubende Aussicht hinaus in die Dunkelheit bot. Derzeit hatte der ehemalige Finanzminister jedoch keinen Blick dafür.
»Ich werde die Bedienung bitten, uns den Bierbrunnen nachzuschicken«, sagte Kalzan. »Es wäre unhöflich, nichts zu bestellen, meinen Sie nicht?« Er gab seinen Wunsch umständlich lange durch den Interkom durch.
Der ehemalige Finanzminister wurde langsam unruhig.
Womöglich war es ein Fehler gewesen, diesen Fremden zu begleiten. Kalzan schien Zeit schinden zu wollen. Entweder handelte es sich dabei um seine Verkaufsstrategie, oder der ehemalige Finanzminister war bereitwillig in eine Falle getappt.
»Ich bin sicher, Sie interessieren sich dafür, was ich im Detail für Sie tun kann«, sagte Kalzan völlig unvermittelt, nachdem er ebenfalls eine Weile stumm aus dem Fenster gesehen hatte.
»Sie können meinen Tod vortäuschen«, sagte der ehemalige Finanzminister.
Energisch schüttelte Kalzan den Kopf, wobei das Haar auf einem Kopf erneut zu wippen begann.
»Nein, nein«, korrigierte er ungeduldig. »Ich kann für Sie sterben. Nichts an dem Tod wird vorgetäuscht sein. Haben Sie vom Diktator von UwU gehört?«
»Natürlich«, bestätigte der ehemalige Finanzminister. »Es war ja überall in den Nachrichten. Eine schreckliche Geschichte. Den ehemaligen Herrscher eines ganzen Systems einfach so in einem Hinterhof zu erschießen. Man sollte doch meinen, die Leute hätten noch ein wenig Respekt vor der Größe, die er einst besessen hat.« Traurig schüttelte er den Kopf. Natürlich konnte er die politische Verfolgung, die Arbeitslager und Massenhinrichtungen, die auf UwU betrieben worden waren, laut seiner offiziellen Philosophie nicht öffentlich gutheißen. Aber privat war er mit dem Diktator immer sehr gut zurechtgekommen. Auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren waren sie beide leidenschaftliche Golfer gewesen.
»Dem Diktator geht es derzeit prächtig«, sagte Kalzan. »Macht gerade Urlaub auf Dalyss, zusammen mit seiner ehemaligen Sekretärin, wenn mich nicht alles täuscht. Hier, schauen Sie.«
Aus der Tasche seines Raumanzugs zog er ein altmodisches Tablet und hielt dem ehemaligen Finanzminister das Display entgegen. Er beugte sich vor und inspizierte die Fotografie, die darauf zu sehen war, misstrauisch. Sie zeigte ganz ohne Zweifel den ehemaligen Diktator von UwU, der irgendwo an einem sonnigen Strand lag und grinsend eine Zeitung von vergangener Woche in die Kamera hielt, deren Schlagzeile verkündete: Skrupelloser Diktator seinem gerechten Schicksal zugeführt. Offensichtlich ging es ihm blendend.
»Also ist der Diktator nicht tot«, sagte der ehemalige Finanzminister.
Die Eröffnung löste keinen sonderlichen Gefühlssturm in ihm aus. Sie waren Golfpartner gewesen, keine Freunde. Der ehemalige Finanzminister hatte schon eigenhändig den Tod von Personen verursacht, die ihm nähergestanden hatten. Er verspürte jedoch vage Erleichterung, die sich auf seine eigenen Aussichten bezog.
Kalzan hob die Hand und rieb sich demonstrativ den Hinterkopf. »Exekutiert haben sie mich. Von hinten. Ich hatte noch tagelang Kopfschmerzen.«
Bedächtig nickte der ehemalige Finanzminister. »Und ich gehe davon aus, kaum jemand weiß, dass der Diktator noch lebt?«
Kalzan lächelte, diesmal jedoch ohne die Zähne zu zeigen. »Wie gesagt«, wiederholte er. »Ich bin Profi. Kein Opfer ist so unbekannt wie ich. Die Kunden, für die ich sterbe, bleiben tot.«
»Ich nehme an, dass sich die Qualität auch im Preis niederschlagen wird«, bemerkte der ehemalige Finanzminister.
»Und ich nehme an, dass Sie über Konten verfügen, die nicht offiziell gelistet sind«, hielt Kalzan dagegen.
Knapp nickte der ehemalige Finanzminister. Einige Konten, die auf andere Namen liefen und auf die nur er allein Zugriff hatte, waren für ihn selbstverständlich. Wer wie er in einem Sektor arbeitete, dessen Sicherheit so stark von der Stimmung der Bevölkerung abhängig war, der überließ seine Rentenpläne nicht unbedingt einer Behörde.
»In diesem Fall beläuft sich mein Honorar auf die Einsetzung als Alleinerbe«, sagte Kalzan.
Der ehemalige Finanzminister zögerte.
»Sie werden tot sein«, erinnerte Kalzan ihn gleichmütig. »An Ihre offiziellen Konten werden Sie also ohnehin nicht mehr herankönnen.«
»Das leuchtet ein«, gab der ehemalige Finanzminister zu.
Dennoch widerstrebte ihm die Vorstellung, seinen eigenen Tod für einen anderen derart lukrativ zu gestalten.
»Ich habe ein Standardtestament dabei«, sagte Kalzan und wählte ein Dokument auf dem Screen seines Tablets aus.
Schnell scrollte er ans Ende der Seite, bevor der ehemalige Finanzminister Gelegenheit erhielt, sich näher mit dem Inhalt zu befassen. Am Schluss des Dokumentes angelangt, wies Kalzan auf eine gestrichelte Linie.
»Wenn Sie hier unterschreiben würden«, sagte er.
Diesmal konnte der ehemalige Finanzminister sein Zögern nicht völlig überspielen.
»Ich hätte gerne etwas Bedenkzeit. Es handelt sich schließlich um eine gewaltige Investition.«
Kalzan lächelte noch immer ganz ruhig. Der ehemalige Finanzminister hatte sich getäuscht, was das Lächeln der Menschen anging. Es wirkte auch ohne spitze Zähne verschlagen.
»Natürlich, lassen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen. Schlafen Sie eine Nacht drüber. Vorausgesetzt, Ihre Freunde vorne an der Theke gönnen Ihnen diese Nachtruhe noch.«
Die Drohung hinter den Worten war nicht zu überhören.
»Wenn ich unterschreibe«, sagte der ehemalige Finanzminister. »Wie bald wird mein Tod dann eintreten?«
Kalzans Lächeln verwandelte sich in ein breites Strahlen.
»Oh, Sie werden aus dem Torpedorohr hinausgehen, zu Ihrem Roboter zurückkehren und mit ihm gemeinsam die Bar verlassen. Eine Gruppe gemeiner Kopfgeldjäger wird Ihnen folgen. Leider wird das Sicherheitssystem Ihres Raumschiffs einen Defekt haben und Sie werden noch vor dem Abflug das Zeitliche segnen. Wenn Sie sich nur etwa eine Stunde gedulden würden, können Sie anschließend als toter Mann hier herausspazieren. Natürlich steht Ihnen Ihr Schiff dann nicht mehr zur Verfügung.«
»Verzeihen Sie die Frage«, wechselte der ehemalige Finanzminister das Thema und schob das Tablet ein Stück von sich. »Aber wie genau wird man zum Auftragsopfer?«
Kalzans Argumentation leuchtete ihm durchaus ein, aber er wusste noch viel zu wenig über den G-O-2T, um ihm einfach so zu vertrauen. Nach allem, was man so hörte, waren sie eine sehr egozentrische Spezies und ihre Wege oft unergründlich.
»Ich bin wirklich durch reinen Zufall auf meine Berufung gestoßen«, setzte Kalzan an. »Eine lustige Geschichte eigentlich. Ich war auf einem kleinen Planeten, wahrscheinlich haben Sie noch nie davon gehört: Zy33. Wirklich provinziell. Die Bewohner dort haben mich angebetet, Sie wissen ja, wie das mit primitiven Lebensformen und uns G-O-2Ts ist. Jedenfalls sollte es ein Fest zu meinen Ehren geben und das wollte ich mir aus der Nähe ansehen. Aber weil meine natürliche Gestalt so beunruhigend auf weniger entwickelte Völker wirkt, habe ich natürlich eine andere Erscheinungsform gewählt, um meine eigene Sicherheit zu gewährleisten. Ich bin als junges, unschuldiges Weibchen erschienen, in der Annahme, dass ich damit den Beschützerinstinkt der Anwesenden wecken und keiner Gefahr ausgesetzt würde. Nun, dummerweise sollte es bei diesem Fest mir zu Ehren ein Jungfrauenopfer geben. Ironie des Schicksals, nehme ich an.«
Kalzan zuckte mit den Schultern und fingerte an seinem Armreif herum, als wollte er überprüfen, dass er noch da war.
»Sie wurden von Ihren eigenen Gläubigen geopfert?«, vergewisserte der ehemalige Finanzminister sich.
»Danach habe ich sie verklagt«, erklärte Kalzan. »Habe mir einen der besten Anwälte des Universums genommen und Schadenersatz gefordert. Denn glauben Sie mir, ich bleibe zwar nicht tot, aber das Sterben ist doch jedes Mal auf’s Neue wieder äußerst unangenehm. Ist eine ordentliche Entschädigungssumme bei rausgesprungen und da kam mir die Idee, dass ich mir den ganzen Gerichtsprozess ja auch sparen könnte, indem ich meine Dienste einfach direkt anbiete. Ich habe als rituelles Opfer angefangen, ganz bescheiden. Jungfrauen, Priester, so etwas halt. Für die Bevölkerung hat das gleichzeitig den Vorteil, dass sie ihren traditionellen Bräuchen nachgehen können, ohne gleich eine Mordanklage fürchten zu müssen. Irgendwann bin ich dann aber in den Privatsektor gewechselt. Die Bezahlung ist dort einfach besser. Ein paar Mal habe ich mich von Amateuren umbringen lassen, die den Nervenkitzel wollten, ohne nachher den Ärger mit dem unauffälligen Entsorgen der Leiche zu haben. Aber ganz ehrlich? Das ist nicht das Richtige für mich. Die meisten dieser psychopathischen Mörder sind einfach bloß Sadisten. Nach so einem Tod braucht man Wochen, um sich wieder zu erholen. Ich habe mich deshalb auf Berühmtheiten spezialisiert. Gute Bezahlung, meistens ein schneller und sauberer Tod. Sie wissen schon, Attentate, hin und wieder mal eine Überdosis. Politiker, Schauspieler, Musiker.« Er beugte sich vertraulich ein Stück nach vorne. »Auf manchen Planeten ranken sich Gerüchte um mich, aber nachweisen konnte mir nie jemand irgendetwas. Und ganz im Vertrauen: Die meisten halten es für Unsinn, aber glauben Sie mir – Elvis lebt.« Er lehnte sich wieder zurück und lachte.
Der ehemalige Finanzminister verstand den Witz nicht. Aber er lachte ebenfalls jovial.
»Von diesen Massenveranstaltungen bin ich ganz abgekommen. Nur einmal im Jahr fliege ich noch nach Xul, für die Treibjagd dort. Ein wirklich bezaubernder Planet. Ich gehöre dort quasi schon zur Familie. Inzwischen laufe ich natürlich nicht mehr ganz so schnell wie noch vor 30 Jahren, aber die Leute sind sehr fair, lassen mir immer einen gehörigen Vorsprung.« Er schüttelte leicht den Kopf, als wäre er ganz in Gedanken versunken. »Aber ich muss Sie ja schrecklich langweilen, Herr Minister«, unterbrach er sich dann selbst, als wäre ihm gerade erst wieder eingefallen, worüber sie ursprünglich gesprochen hatten. »Ich spreche nur von der Vergangenheit, wenn es hier doch eigentlich um Ihre Zukunft geht.«
Demonstrativ schob er das Tablet wieder auf den ehemaligen Finanzminister zu.
Der gab sich einen Ruck. Er hatte nach einem Ausweg gesucht, und hier bot sich der optimale Ausweg an. Wäre er erst einmal tot, ließe das Universum ihn endlich in Ruhe. Er könnte an den Strand fahren, wie es der Diktator von UwU gemacht hatte. Vielleicht könnten sie sogar wieder einmal eine Partie Golf miteinander spielen.
Er presste seinen Daumen auf die gestrichelte Linie am Ende des Testaments und gab auf Nachfrage sein Passwort ein. Diese Kombination aus Biosensor und klassischer Technik entsprach dem Standard, da so das Risiko eines Missbrauchs minimiert wurde. Man ging davon aus, dass man entweder den Notizzettel mit den festgehaltenen Passwörtern verlor, oder seinen Daumen – nicht jedoch beides zugleich.
Ein grünes Häkchen leuchtete hinter seiner Unterschrift auf und Kalzan zog das Tablet wieder zu sich.
»Ich danke Ihnen, Herr Minister«, sagte er gut gelaunt und als der ehemalige Finanzminister den Blick hob, saß er sich selbst gegenüber. Nur lange Übung hielt ihn davon ab, erschrocken zusammenzuzucken. Ihm glückte sogar ein anerkennendes Nicken.
Er fand die Erscheinung um einiges stattlicher als die des armseligen Menschen davor. An den Rändern flirrte sein Abbild ein wenig, aber der G-O-2T hatte auch nicht besonders lange Zeit gehabt, um ihn zu kopieren.
»Wie läuft das jetzt?«, erkundigte er sich, nur um sicherzugehen.
Das Abbild des ehemaligen Finanzministers des Alterta Mondes lächelte ihn an. Er hatte genau die richtige Menge an Zähnen, um das Lächeln bedrohlich wirken zu lassen.
»Sie geben mir den Zugangscode zu Ihrem Raumschiff und ich verlasse die Bar. Sie warten hier und nachdem genug Zeit verstrichen ist, machen Sie sich auf den Weg. Erkundigen Sie sich ruhig über das Interkom bei der Bedienung, ob die Herren an der Theke bereits verschwunden sind. Wenn alles glatt läuft, hören Sie morgen früh in den Nachrichten von Ihrem Tod.«
Widerstrebend nannte der ehemalige Finanzminister den Zugangscode zu seinem Raumschiff. Er hätte es lieber selbst behalten – es war ein Luxusmodel der Extraklasse – aber er verstand die Notwendigkeit einer falschen Fährte. Seine Karriere hatte er auch nicht ohne Opfer hinter sich gebracht und darunter waren bereits wertvollere Dinge gewesen – seine Villa auf dem Alterta Mond, eine xitelische Vase und seine dritte Ehefrau.
Kalzan erhob sich und lächelte ihm ein letztes Mal zu. Dann verließ er die Torpedorohrbar. Der ehemalige Finanzminister blickte ihm nach und fragte sich, ob er wirklich noch länger auf den Bierbrunnen warten, oder sich doch lieber gleich einen FiftyNiner bestellen sollte. Ihm war nach Feiern zumute.
In der Bar begegnete Kalzan – noch immer in Gestalt des ehemaligen Finanzministers, auch wenn ihm diese Gestalt nicht sonderlich schmeichelte – der Bedienung, die sich endlich seiner Bestellung angenommen hatte. Er lächelte ihr freundlich zu.
Kalzan war schon die ganze Zeit über nach Lächeln zumute, was hauptsächlich daran lag, dass der ehemalige Finanzminister ein Idiot war.
Neben dem Tisch, an dem die künstliche Intelligenz mit dem bezeichnenden Namen KRAWUMM! auf ihn wartete, hielt er kurz.
»Wir machen uns auf den Weg«, verkündete Kalzan und dank der manipulierten Stimme reagierte KRAWUMM! sofort. Er schaltete aus dem Ruhemodus und erhob sich schwerfällig, um seinem neuen Besitzer zu seinem neuen Raumschiff zu folgen. Kalzan hatte schon immer einen KRAWUMM! haben wollen. Außerdem hatte er sich auch ein neues Raumschiff gewünscht.
An der Theke lösten sich drei zwielichtige Individuen aus ihrer bisherigen Position und folgten der Gestalt des ehemaligen Finanzministers ebenfalls.
Sie passierten den Waffencheck und durchquerten den Hangar. Die drei Verfolger benötigten deutlich länger am Waffencheck, denn sie gehörten zu der Fraktion Gürtel-und Hosenträger – oder in diesem Fall Schusswaffe und Nahkampfklinge. Er selbst hatte sich nur einen kurzen Moment aufhalten müssen, während KRAWUMM! seinen Gewaltblocker entfernt bekam.
Kalzan wartete nicht auf seine Verfolger, sondern betrat sein neues Schiff. Er war äußerst beeindruckt. Die Sitze waren gepolstert und die Einrichtung modern. Der ehemalige Diktator von UwU war mit deutlich weniger Stil gereist. Das Sicherheitssystem war ebenfalls hervorragend. Es kam allerdings nicht zum Einsatz, denn Kalzan hatte es bereits deaktiviert und die Luftschleuse unverschlossen gelassen.
Zugegebenermaßen hätte das die Verfolger vielleicht misstrauisch stimmen sollen, da man von Kopfgeldjägern einen gewissen Intelligenzquotienten erwarten konnte. Im Gegensatz dazu waren sie Kalzan für den Job eher unterqualifiziert vorgekommen. Kalzan pfiff fröhlich vor sich hin, während er auf die Schritte hinter sich lauschte.
Dann fragte eine Stimme: »Wie ist es gelaufen, Boss?«
»KRAWUMM!«, sagte Kalzan.
Dank der Stimmerkennung reagierte die künstliche Intelligenz sofort. Augenblicklich machte sie ihrem Namen alle Ehre.
Es blieb nur zu hoffen, dass das Reinigungssystem seines neuen Raumschiffes genauso effizient funktionierte wie KRAWUMM!. Drei Kopfgeldjäger hatten sich soeben zu ungleichen Teilen über den gesamten Innenraum verteilt.
»KRAWUMM!«, fuhr Kalzan fort. »Lege neuen Besitzer fest. Stimmerkennungsbasis.«
»Stimme wird aufgezeichnet«, verkündete KRAWUMM! dumpf. »Bitte sprechen Sie jetzt.«
Kalzan schaltete das Simulationsarmband an seinem Handgelenk aus und augenblicklich änderte sich seine Gestalt. Laut und deutlich sagte er: »Neue Stimme übernehmen.«
KRAWUMM! surrte, dann blinkte ein grünes Licht in Kopfhöhe auf.
»Stimme übernommen. Schutzperson menschlich.«
Kalzan lächelte zufrieden und ließ sich auf dem Steuersitz nieder. Doch sein richtiger Name lautete Karl – und er war tatsächlich ein Mensch.
Menschen waren weder eine besonders widerstandsfähige Spezies, noch waren sie besonders intelligent. Aber sie waren kreativ. Wo andere bloß von einem Kopfgeld träumten, dachte Karl an all die Ersparnisse, die ein Toter unmöglich ausgeben konnte. Deshalb hatte er sich mit den Auftragsmördern zusammengeschlossen.
Außerdem waren Menschen gut in Mathematik. Karl hatte ausgerechnet, dass sehr viel geteilt durch eins mehr ergab als sehr viel geteilt durch vier.
Karl zog sein Tablet hervor und tippte eine Nachricht an die Regierung des Alterta Mondes, in der er ihnen die Koordinaten ihres ehemaligen Finanzministers in der Torpedorohrbar ebenso wie die Nummer von Karls Bankkonto mitteilte, auf das sie das Kopfgeld überweisen sollten.
Obwohl Menschen weder besonders widerstandsfähig noch besonders intelligent waren, hatten sie sich nicht grundlos über das ganze Universum ausgebreitet. Neben ihrer Kreativität und ihren Rechenkünsten hatten sie den meisten übrigen Spezies noch etwas anderes voraus. Sie waren echte Drecksäcke.
Karl blickte auf die Steuerkonsole vor sich und überlegte, wohin er als Nächstes aufbrechen sollte. Er hatte ein Simulationsarmband, auch wenn dessen Funktion nur für wenige Minuten zu täuschen vermochte. Er hatte ein nagelneues Luxusraumschiff und er hatte einen KRAWUMM! Das Universum stand ihm offen.
Er könnte wieder einmal nach Dalyss, überlegte er. Der letzte Urlaub mit der Sekretärin des ehemaligen Diktators von UwU hatte ihm eigentlich ganz gut gefallen. Schöne Golfplätze gab es dort.
Und leisten konnte er es sich jetzt auch. In Kürze würde er wieder einmal erben.
Der Raumfahrer
(Ein Intermezzo von Günther Kienle)
Im Korridor vor den Toiletten rammte mich beinahe ein Stahlkoloss, der aussah wie ein Kampfroboter. Seltsam, dass Security-Jack so ein Ding überhaupt reingelassen hatte.
»Pass doch auf«, rief ich. Aber der Blechklotz reagierte nicht und der Typ daneben grinste nur frech. Ein merkwürdiges Paar. Eine klobige Maschine neben einem stattlichen Wesen, dessen bedrohliche Zähne sein Grinsen nicht gerade sympatisch machten.
Der Betrieb in der Bar brummte so langsam. Alien, Elfen und ein paar abgerissene Gestalten bevölkerten den Raum. Letztere wahrscheinlich Stammgäste, die den ganzen Abend an ihrem Tisch kauerten und systematisch ihren Alkoholrausch aufschichteten, wie die Eingeborenen auf Neu-Biebergemünd eine Ziegelmauer. Aber nirgendwo sah ich Jörg. Da ging man mal pinkeln und schon war der Kurze weg.
Ein junger Typ in blauer Borduniform hing am Tresen herum. Er trank einen Schluck Bier und sah gleichzeitig der Bedienung auf den Hintern. Unsere Blicke kreuzten sich. Von all den Anwesenden wirkte er am wenigsten abgeranzt. Vielleicht konnte er mir weiterhelfen.
»Staubige Gegend hier«, sagte ich zu ihm.
Er wies auf den Barhocker neben sich. »Dem kann man abhelfen.«
Ich setzte mich. Der Raumfahrer schien noch keine dreißig zu sein und trug braune kurze Haare unter einer blauen Schildmütze mit Captainstreifen.
»Cap Sierenmoser«, stellte er sich vor. Dabei tippte er lässig an seine Mütze.
»Günther«, sagte ich. »Hallo.«
»Du hast das Vergnügen mit dem Besitzer, Captain und Pilot der Pride of Königstetten.« Er drehte sich zum Barkeeper. »Hey Virginio, ein Bier für meinen durstigen Freund hier.«
»Königstetten«, murmelte ich vor mich hin.
»War auf der Akademie der zweitbeste Pilot aus diesem wunderschönen Ort.«
Ich verkniff mir die Frage nach der Anzahl der Einwohner.
»Besser hatte nur noch Major Ferry von Gravensteiner abgeschnitten … dieser Angeber.«
»Nie von ihm gehört«, sagte ich.
Cap grinste. »Du gefällst mir.«
Der Mexikaner hinter der Theke zapfte ein großes Glas Bier und stellte es vor mir ab. »Ein Älpler Spezial. Sehr zum Wohle, Señor.«




