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»Schon. Aber laut meinen Berechnungen würden wir die Raumstation gerade so erreichen. Der alte Energiekern wäre dann endgültig aufgebraucht.«
»Ich kenne ein paar Schrotthändler, die immer im Waypoint abhängen. Die können uns sicher einen günstigen Kern besorgen. Bereite alles für den Sprung vor.« Sie mussten es nur noch aus der Atmosphäre des Planeten schaffen.
»Wissen Alfredos Unholde eigentlich, dass wir zum Waypoint Fiftynine unterwegs sind?«, fragte Susi.
»Ich hoffe nicht.« Vermutlich aber schon. »Sende außerdem eine Nachricht an Crandall, dass ich die Maden habe.«
»Erledigt.«
»Danke, Susi.« Cornelius beschleunigte. Er warf durch den Monitor einen Blick nach hinten, doch bis jetzt folgte die Brad Pitt ihnen nicht. Vielleicht hatte er ja ausnahmsweise mal Glück. »Wie weit ist die Lichtgeschwindigkeit?«
»Aufbau liegt bei 66,14 %.«
Das dauerte zu lange. Inzwischen passierten sie bereits einen von R108s Monden. Bald würde die Brad Pitt ihnen auf den Fersen sein. Cornelius beschleunigte nochmal.
»Wir nähern uns dem Sprung. Bist du angeschnallt?«
»Ach, richtig.« Hastig schnallte er sich an. »Jetzt bin ich bereit!«
»Sprung in drei … zwei … eins … Festhalten.«
Cornelius wurde in den Sitz gedrückt. Er klammerte sich an den Armlehnen seines Pilotensitzes fest und kniff die Augen zusammen. Ihm wurde beim Reisen in Lichtgeschwindigkeit immer schlecht.
Die Washington fiel mit einem Ruck wieder in Normalgeschwindigkeit zurück. Von hieraus war es nicht mehr weit bis zum Waypoint FiftyNine.
»Du kannst dich jetzt wieder abschnallen, mein lieber Cornelius«, informierte ihn Susi. »Übrigens: Du blutest das Cockpit voll. Das ist ein bisschen eklig.«
Das ganze Blut hatte er fast vergessen. Cornelius schaltete den Autopiloten ein und ging nach hinten, um etwas zu suchen, das die Blutung stoppen konnte.
»Haben wir noch Feuchttücher? Was macht man, wenn die Nase gebrochen ist?«
»In einem Medical Center einchecken, um sie wieder richten zu lassen. Da dies recht kostenintensiv ist, schlage ich Kühlen vor.« Sie war kurz still. »Wer ist Heidi-Katharina?«
»Jemand, den ich früher kannte.« Er nahm ein Kühlpad aus dem Gefrierschrank und griff nach einem Geschirrtuch, um das Blut abzufangen. Dann ließ er sich wieder auf dem Pilotensitz nieder.
»Wie lange ist früher her?«, fragte sie eifersüchtig. »Wenn du eine andere KI in deinem Leben hast, von der du mir nichts erzählen wolltest …«
»Wovon redest du denn? Wie soll ich mir denn noch eine andere KI leisten können? Du weißt doch am allerbesten, wie meine finanzielle Situation aussieht!« Das war ja jetzt wirklich nicht wahr. »Sie war jemand, die ich im Studium kennengelernt hatte.«
»Cornelius, ich muss dich das jetzt fragen und ich möchte eine klare Antwort von dir: Ist Heidi-Katharina eine Erotik-Androidin? Ist sie deine Erotik-Androidin?«
»Sag mal, spinnst du?« Wer zum Geier hatte beschlossen, KIs beizubringen, was Eifersucht war?
»Du beantwortest meine Frage nicht. Oh Cornelius, wie konntest du mir das nur antun?«
»Was genau ist eigentlich dein Problem? Sie war meine Freundin auf der Uni, bis Alfredo kam und sie sich von mir getrennt hat. Beantwortet das deine Frage?« Vor lauter Aufregung begann seine Nase noch viel stärker zu bluten.
Susi war eine Weile still. »Ich verstehe.«
»Schön für dich.«
Cornelius verriegelte das Schott. »Dieses Mal sagst du es mir aber, wenn jemand einfach so einbricht!«
»Er hat gedroht, mich kaputt zu schießen, wenn ich was sage!«, entrüstete Susi sich.
»Ja, ja.« Er straffte die Schultern, wobei die Artefakte in seinem Mantel leicht gegeneinander klirrten. »Wir brauchen einen Code für solche Fälle.«
»Einen Code? Was denn für einen?«
»Irgendwas halt.« Cornelius ging die Rampe hinunter und hielt auf die Sicherheitsschleuse zu. »Lass dir was einfallen.«
»Das mit dem Kühlschrank hast du ja auch nicht verstanden«, fauchte sie beleidigt. »Das ist nicht so einfach mit dir, Cornelius. Du lässt dich zu leicht von mumifizierten Überresten jeglicher Art ablenken. Denk nur an die Meerschweinskelette auf Planet PPX!«
»Das waren keine mumifizierten Überreste! Das war ein erstklassig erhaltener Schädel! Weißt du eigentlich, was das auf dem Schwarzmarkt einbringen kann?« Er trat in die Schleuse.
Susi räusperte sich in seinem Voice Plug, obwohl sie gar keine Kehle hatte, die belegt sein konnte. »Cornelius, denkst du wirklich, dass du dich nicht zumindest etwas waschen solltest, bevor du da jetzt reingehst? Und was hast du da in deinem Mantel?«
»Mit welchem Wasser denn? Das hast du alles Alfredo ins Gesicht gespritzt.« Das Schott der Sicherheitsschleuse schloss sich hinter ihm.
»Mit dem Wasser, das du erst einmal in mich hättest nachtanken sollen, bevor du in diese Bar gehst. Und denk an den Energiekern, Cornelius!«, entgegnete sie pikiert. »Ich bin völlig leer! So geht das nicht! Und meine Sensoren sind immer noch verdreckt.«
»Siehst du hier irgendwo ein Ersatzteillager? Wo zum Teufel hätte ich denn unterwegs einen Energiekern herbekommen sollen? Und außerdem haben wir gar kein Geld, um …« Er wurde vom Aufleuchten eines Displays unterbrochen.
»Willkommen«, ertönte eine Computerstimme. »Mein Name ist Security-Jack. Haben Sie irgendwelche Waffen abzugeben?«
»Äh … ja. Halt, nein. Nein, habe ich nicht.« Seine Laserkanone hatte er auf R108 im Kampf gegen Alfredos Männer verloren.
»Sind Sie sich sicher?«, fragte Security-Jack weiter.
»Ja, total sicher.«
»Scan wird durchgeführt.«
Leuchtend blaue Strahlen wanderten an Cornelius, der die Arme zur Seite ausgestreckt hatte, hinauf und hinunter. »Legen Sie bitte den Klappspaten in die vorgesehene Klappe«, wies die Sicherheits-KI ihn an.
»Wieso?«
»Weil es sich um eine potentielle Waffe handelt.«
»Das ist ein Spaten!«
»Wieso bei Galaktikas Schaltkreisen hast du den Spaten dabei?«, fragte Susi fassungslos.
»Ich hab vergessen, ihn auszupacken.« Dazu war nicht wirklich Zeit gewesen, nachdem sie von R108 geflohen waren.
»Legen Sie bitte den Spaten in die Klappe!«, verlangte Security-Jack, dieses Mal ein wenig energischer. »Die Hälfte unserer Gäste könnte sie damit erschlagen.«
»Ja, ja. Hetz mich nicht!« Cornelius kramte in seiner Umhängetasche und zog den Klappspaten hervor. »Können wir dann weiter?«
»Nicht so schnell!«, hielt Security-Jack ihn auf. »Was sind das für organische Materialien in Ihrer Tasche?«
»Hä? Meinst du meine Knochensammlung?« Cornelius öffnete eine Seite seines Mantels, und zeigte das Rückgrat, das er auf R108 ausgebuddelt hatte und in eine der extra eingenähten Schlaufen in seinem Mantel gesteckt hatte. Auch in den restlichen Schlaufen und Taschen in der Mantelinnenseite steckten allerlei Knochen, versteinerte Vogeleier und andere Artefakte.
»Handelt es sich dabei ausschließlich nur um Knochen?«, fragte Security-Jack.
»Nur Knochen«, bestätigte Cornelius. Die Maden ließ er besser unerwähnt. »Weißt du, ich bin Archäologe.«
»Aha.« Security-Jack klang unbeeindruckt.
»Ich verstehe wirklich nicht, weshalb du diesen Krempel mit in die Bar schleppen musst«, murmelte Susi.
»Zum Verkaufen natürlich!«, raunte er seiner KI leise zu. Langsam aber sicher wurde Cornelius ungeduldig. »Darf ich dann bitte weiter?«
Security-Jack schwieg eine Weile.
Cornelius trat von einem Fuß auf den anderen.
»Genehmigung erteilt.«
Endlich ging das Schott auf der anderen Seite der Schleuse auf und Cornelius konnte weiter gehen.
»Hat Crandall schon geantwortet? Kommt er?«, fragte Cornelius.
»Nein, aber der Termin ist in exakt vier Minuten, im Torpedorohr II. Wir kommen gerade rechtzeitig.«
»Ah, dann passt das ja.« Er lief den äußeren Ringkorridor der Raumstation entlang und erreichte schon bald die Torpedorohrbar. Dort stieg er in Rohr II und ließ sich auf die Bank sinken. Schönen Ausblick hatte man hier. Immerhin das.
Crandall war nicht da. Natürlich nicht. Immer kam dieser elendige Ultrareiche zu spät. So war das halt mit ihm. Wenn man das Geld hat, muss man nicht pünktlich sein.
Cornelius hatte kein Geld, deshalb war er ja pünktlich. Er bestellte trotzdem bei einer vorbeilaufenden Bedienung etwas zu trinken. Da er kaum noch Wasser an Bord hatte, war er kurz vor dem Verdursten.
Bald darauf kam auch schon die Bedienung zurück.
»Einmal gekühlten Orangensaft für den Herrn im staubigen Mantel.« Sie setzte das Glas vor ihm ab.
»Danke.« Er kannte Sora noch von seinem letzten Besuch in der Weltraumkneipe und war ganz froh, dass sie und nicht ihre übellaunige Schwester Mora sein Getränk brachte.
Cornelius warf einen Blick auf seine Uhr. Schon eine Minute zu spät. Eine Frechheit war das.
Er trank seinen Orangensaft.
Crandall kam nicht.
Er bestellte ein zweites Glas.
Dieser nichtsnutzige Ultrareiche war immer noch nicht da.
Dann bestellte er ein drittes Glas.
»Verzeihung, haben Sie Crandall hier zufällig irgendwo gesehen?«, fragte er Sora, als sie ihm sein drittes Getränk brachte. »Wir waren eigentlich vor einer Stunde verabredet.«
»Er war schon seit ein paar Wochen nicht hier«, entgegete sie. »Er kommt immer sehr unregelmäßig. Wir vermuten, um illegale Geschäfte abzuwickeln. Aber wir haben ihn noch nicht dabei erwischt. Das würde Bick Mack nicht dulden.« Sie sah ihn vielsagend an.
Cornelius ließ gespielt entsetzt das Glas wieder sinken. »Also damit habe ich nichts zu tun. Mein Geschäft ist seriös!«
In seinem Voice Plug lachte Susi lauthals auf.
»Ruhe!«, wies er sie an. »Gut, da lässt sich dann wohl nichts machen. Falls er kommt, könnten Sie ihm dann sagen, dass ich schon warte?«
Sora guckte ihn mitleidig an, dann nickte sie und ging weiter.
Irgendwann bestellte Cornelius einen vierten Orangensaft.
»Cornelius, ich muss dich darauf hinweisen, dass du dich mit diesem überteuerten Orangensaft erstens in den Ruin treibst und zweitens dein Magen völlig übersäuert«, teilte ihm Susi mit.
»Danke, du bist sehr hilfreich.« Aber leider hatte sie recht.
Cornelius stand auf, ging zum Klo, versuchte sich, das Blut ein wenig besser aus dem Gesicht zu wischen, und ging zurück zum Tisch.
Crandall war immer noch nicht da. Langsam könnte er aber wirklich mal auftauchen.
»Ich glaube, du wurdest versetzt«, stellte Susi fest.
»Nein, das glaube ich nicht. Er verspätet sich bestimmt nur.«
»Cornelius Napoleon Smith, so naiv kannst du doch nicht sein. Dieser Crandall glaubt, du wärst nicht dazu in der Lage, diesen Auftrag zu erfüllen. Deshalb hat er auch Alfredo zusätzlich beauftragt. Der denkt bestimmt, du wärst tot.«
»Hätte ich ihm dann eine Nachricht geschickt? Nein. Der kommt bestimmt noch.« Cornelius schlenderte mit seinem Orangensaft durch den Ringkorridor, dann über einen Steg zum Zentrum der Raumstation. Er passierte das Schott zur Bar.
»So wie du aussiehst, brauchst du etwas stärkeres als dieses Säftchen.« Der Barkeeper Virginio lehnte sich ihm gegenüber an den Tresen. »Wie wäre es mit einem Fifty-Niner?«
»Äh, nein danke.« Cornelius schüttelte den Kopf. Das konnte er sich bestimmt gar nicht leisten.
»Dann vielleicht ein nasses Handtuch, um das Blut abzuwischen?« Virginio zeigte auf die gebrochene Nase.
»Ich hab’s dir ja gesagt!«, zischelte Susi leise.
»Ich hab mich doch grade erst auf dem Klo gewaschen«, fauchte Cornelius zurück. »Besser wird’s nicht mehr!«
»Redest du mit mir?« Virginio runzelte die Stirn.
»Nein, meine KI geht mir auf die Nerven.«
»Verstehe.« Jetzt guckte er ihn auch mitleidig an. Das lief ja super.
»Wenn ich dich so nerve, kannst du dein Leben ja in Zukunft von Heidi-Katharina organisieren lassen«, rief Susi empört.
»Tolle Idee. Vielleicht rufe ich sie an. Falls Alfredo nicht hier auftaucht und ich die Geschichte überlebe.«
Susi sagte nichts mehr. Jetzt war sie wirklich beleidigt.
»Kann man irgendwas für dich tun?«, fragte Virginio.
»Sofern du keinen superreichen Idioten herzaubern kannst, der mir diese blöden Maden abkauft, leider nein.« Cornelius ließ den Kopf sinken.
»Ich kann dir aber einen Cocktail mixen.«
Und womit sollte Cornelius den Drink bezahlen? Wie sollte er einen neuen Energiekern besorgen? Mit welchem Geld sollte er Wasser tanken? Wovon sollte er sich denn um Himmels Willen ernähren? Die Kasse war leer. Er würde verhungern.
Vielleicht sollte er sich hier nach potentiellen Kunden umsehen. Ein kurzer Blick zeigte allerdings, dass der einzige, den er sich getraut hätte anzusprechen, ein äußerst unseriös wirkender Kerl war, der mit dem Kopf auf einem der Tische schlief und nicht so aussah, als könnte er bezahlen.
»Möchtest du zufällig ein Rückgrat kaufen?«, fragte er daher Virginio und öffnete seinen Mantel ein Stück, sodass die Knochen in seiner Schlaufe zu sehen waren.
»Ähm, nein. Gerade nicht.« Virginio entfernte sich.
Natürlich nicht. Seit er in dieser verfluchten Bar war, lief einfach gar nichts mehr nach Plan. Crandall tauchte nicht auf, seine andere Ware konnte er auch nicht loswerden, gar nichts funktionierte!
Dabei war alles einigermaßen in Ordnung gewesen, als er R108 verlassen hatte. Er hatte zusätzlich zu seinem gelungenen Auftrag auch noch ein vollständiges Rückgrat gefunden und außerdem hatte er es endlich, nach vielen Jahren geschafft, Alfredo eins auszuwischen! Dieser arrogante Schnösel hatte es verdient gehabt! Endlich hatte er sich für die jahrelange Schikane rächen können!
Alfredo so im Matsch liegen zu sehen, war das allerbeste Gefühl auf der ganzen Welt gewesen. Soll er Heidi-Katharina doch behalten, Cornelius war das jetzt egal. Er hatte gewonnen und das konnte ihm keiner nehmen!
»Hey, Virginio!«, rief er dem Barkeeper zu. »Ich würde jetzt doch gerne so einen FiftyNiner probieren.«
Fortsetzung folgt in der Story:
Von Maden und Halunken in Spelunken.
Schlimme Jungs
(Ein Intermezzo von Jörg Fuchs Alameda)
Ein dürrer Mann, der ein wenig wie ein Modeschöpfer aus den Neunzigern aussah, stolperte aus dem Waffencheck und fiel vor uns auf die Knie. Er schnappte nach Luft. »Die KI ist doch bekloppt!«
»Keine Sorge, die Lähmungen von den Elektroschocks verschwinden in ein paar Minuten«, sagte ich und half ihm aufzustehen.
»Ach Gottchen, wie nett. Danke. Und tut mir leid, wenn ihr wegen mir warten musstet.« Er reichte erst mir und dann Ziggy die Hand. »Crandall mein Name. Ich kann alles beschaffen. Sogar pestverseuchte Maden vom Planeten R108. Interesse?«
»Können die noch was anderes als Bevölkerungen ausrotten?«, fragte Ziggy.
»Also ich brauch keine«, sagte ich, bevor Crandall antworten konnte. »Scheint ein harter Wettbewerb zu sein im Madengeschäft. Eben hat noch ein anderer Typ solche Viecher direkt hier im Korridor angeboten. Wollte aber niemand was kaufen. Da ist er zurück in die Bar gelaufen.«
Crandall wirkte plötzlich angespannt. »Wie sah er denn aus?«
Ich überlegte kurz. »Blutige Nase, langer Mantel. Ich glaube, er hat sich mit Smith vorgestellt.«
»Cornelius?«, murmelte Crandall mehr zu sich selbst.
»Der ist ziemlich sauer«, ergänzte Ziggy. »Faselte was davon, seinem Auftraggeber auf den Riechkolben zu hauen, falls er das nach dem FiftyNiner noch schafft.«
Unwillkürlich rieb sich Crandall die Nase. »Tut mir leid die Herren, ich muss weg.« Er verschwand in dem Raum, aus dem er gekommen war.
»Schnell, da wird was frei!« Ziggy zog mich in einen der anderen Waffenchecks. Das Schott schloss sich hinter uns. Tadelnd sah er auf Security-Jacks blinkende Sensoren. »Jörg sagt, du bist gemein zu ihm. Stimmt das?«
»Ich bin doch nur ein Taschenrechner, der ein wenig Zerstreuung sucht. Außerdem haben die Stromschläge nicht einmal bleibende Schäden verursacht. Der Typ war vorher schon so hässlich.«
Wütend stampfte ich auf den Metallboden, woraufhin sich in den Wänden die Elektroschocker geräuschvoll aufluden.
»Jetzt bleiben wir alle mal ganz cool.« Ziggy streckte die rechte Hand in meine Richtung und die linke nach oben zur Kamera, so als würde er zwei Streithähne auseinanderhalten. »Nicht dass heute noch Blut fließt.«
»Oder Maschinenöl«, sagte ich und setzte meinen fiesesten Blick auf.
»Normalerweise ziehe ich es vor, meine Quantenprozessoren mit mathematischen Problemen zu beglücken.« Hörbar fokussierte Security-Jack sein optisches Auge auf mich. »Aber hier musste ich verhindern, dass dieser Idiot in der Kneipe mit seiner Grillzange die Gefühle der veganen Farciminis verletzt.«
»Nur weil die wie Riesenwürstchen aussehen, haben die doch noch lange keine Angst vor Grillzangen«, verteidigte ich mich.
»Jörg hat recht«, sagte Ziggy. »Lass uns einfach zur Schleuse, dann bleibt dein Irrtum unser Geheimnis.«
»Niemals. Ich habe im Weltraumknigge-Archiv der Milchstraße recherchiert. Günther und Jörg sind schlimme Jungs.«
Ziggy hob eine Augenbraue. »Haben sie etwa Kaugummi unter fremde Tragflächen geklebt?«
»Schäbiger. Sie schummelten im Maislabyrinth. Statt alle Stempel selbst zu finden, stahlen sie einem Siebenjährigen die Lösung.«
»Das war ein Tausch!«, rief ich empört. »Der Kleine hat dafür meinen angebissenen Schokoriegel bekommen.«
»Mehr haben sie nicht verbrochen?«, fragte Ziggy.
»Laut den Daten ihres Bordcomputers haben sie sich nach dem Frühstück nicht die Zähne geputzt.«
Ziggy packte mich am Nacken. »Jörg, ich bin sehr enttäuscht von dir. Zahnhygiene ist wichtig.« Er sah in eines von Jacks Kameraaugen. »Ich werde diesen Gauner seiner gerechten Strafe zuführen. Sein Gebiss wird eine extra lange Zahnreinigung erhalten. Und zwar ohne Betäubung, ganz egal ob er Zahnstein hat oder nicht.« Unsanft rüttelte Ziggy an mir, ohne den Blick von der Decke abzuwenden. »Nun lass uns durch.«
Das Schott öffnete sich und wir betraten die Dimensionsschleuse. Ziggy steuerte sofort auf das Transportfeld zu und fummelte an dem Touchdisplay herum.
Eine derbe Frauenstimme ertönte aus dem schwarzen Lautsprecher darüber: »Schatzilein, du denkst wohl, du bist das Universum.«
»Wieso das jetzt?«
»Dein Bauch dehnt sich immer weiter aus.« Die KI der Schleuse lachte über ihren eigenen Witz.
»Welches Update hast du denn gefrühstückt?«, fragte Ziggy. »Scherzkeks für Dummies?«
»Na, na, na, da musst du nicht gleich dicke Luft machen?« Wieder kicherte die KI. »Meine Geruchssensoren melden nämlich ein Hygieneproblem.«
Ziggy sah mich fragend an. Ich rümpfte die Nase und antwortete: »Du stinkst bestialisch nach Mottenkugeln.«
»Altes Hausfrauenrezept gegen Marsspinnen.« Er tippelte verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Möglicherweise habe ich mich beim Dosieren des Naphthalins verschätzt. Darf ich trotzdem verreisen?«
»Ziggy Stardust«, hauchte die Stimme versöhnlich, »ich würde dich sogar nach einem misslungenen Haarschnitt noch quer durch die Galaxis jagen. Wo soll es denn hingehen?«
Wortlos tippte Ziggy das Ziel auf dem Touchfeld ein.
Ein letztes Mal erklang die Frauenstimme: »Ihr könnt die Schleuse jetzt betreten. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ihr den Aufenthalt überleben solltet, besucht uns gerne wieder. Gute Reise.«
»Was meint sie damit?«, fragte ich meinen neuen Kumpel. »So tödlich ist der BuCon 2019 doch gar nicht. Außer einem Einhornmörder und einem bissigen Verleger laufen auf dem Convent nur harmlose Buchmenschen herum.«
Ohne zu antworten, schubste er mich in den flirrenden Torbogen.
Von Maden und Halunken in Spelunken (von Jasmin Aurel)
Ein einzelner Tropfen Blut lief ihr über das Handgelenk.
Kay zuckte zusammen und bemerkte erst jetzt, dass sie unbewusst ihre Fingernägel brutal in ihren Handballen bohrte. Mit einem Keuchen öffnete sie ihre Hand und betrachtete im bunten Lichtschein der Armaturenanzeigen die blutigen Male in ihrer Haut.
Sie seufzte und sah aus dem Fenster. Shuttles und Raumschiffe unterschiedlichster Größe und Bauart schwebten vor, hinter und über ihr in drei langen Reihen. Der Zubringertunnel war mehr als voll. Sie steckten fest, was im Zeitalter von Leitsystemen, in die sich Bord-KIs einwählen konnten, eigentlich kaum möglich war.
Und doch standen sie hier.
»Benedict, wie lange dauert dieser Stau noch?«
»Diese Gegend ist hartnäckig verstopft um diese Uhrzeit. Scheinbar müssen die Flugbahnen hier wegen dem großen Andrang per Zwang in Bahnen gelenkt werden. Es kam wohl in letzter Zeit zu einigen schweren Zusammenstößen. Ich bitte vielmals um Verzeihung für diese Unannehmlichkeiten, Darling«, schnurrte Benedict, die KI ihrer Spacelimousine, aus den Lautsprechern.
Die meisten KIs waren weiblich, aber es hatte sich sowas von gelohnt, sich die Stimme von Benedict Cumberbatch als Modul einzukaufen. Sein tiefer, britischer Bass kratzte wenigstens nicht wie rostige Nägel an der Innenseite ihres schmerzenden Schädels.
»Halte noch ein wenig durch. Möchtest du, dass ich Musik auflege? Sanfte klassische Klänge, Sweetheart?«
Kay überlegte, während sie ihre zittrigen Finger betrachtete und den blutigen Handballen dann gegen den schwarzen Stoff ihrer Hose presste. »Einverstanden.«
Die klaren Töne eines Klaviers perlten über sie hinweg und Kay rutschte tiefer in die weichen Polster.
»Vielleicht war es doch keine so gute Idee, unter Leute zu gehen.«
»Es war die einzig gute Idee. Du unterhältst dich seit Wochen nur mit mir, das ist nicht gesund, Beautiful.«
Jetzt war es soweit: Sie wurde von ihrer KI bemuttert. Jeder wusste, was das bedeutete: Man war ganz unten angekommen.
»Es wird Zeit, dass du nach deinem Umzug neue Sozialkontakte knüpfst. Mit lebenden Personen wohlgemerkt.«
Auch das entsprach leider der Wahrheit.
»Außerdem seien wir ehrlich, Darling, wenn du dich weiter so hängen lässt, musst du mich verkaufen, weil du dir deinen gewohnten Lebensstandard nicht mehr leisten kannst.«
»Aha, daher weht der Wind«, lachte Kay. »Du hast Angst, bei irgendeinem geleckten Schnösel zu landen.«
»Nun, die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch einmal bei einer Space Nekromantin lande und eine derart aufregende Existenz führe wie bei dir, ist statistisch gesehen sehr gering. Das musst du zugeben, my dear.« Benedict ließ die Spacelimousine ein Stück weiter rücken, als der Stau sich bewegte. Dann standen sie wieder.
»Möglicherweise wird es bei mir jetzt aber auch langweilig und öde werden, Benedict. Du weißt, ich habe aufgehört.«
»Sagen wir, du gönnst dir eine Auszeit.«
Auszeit. Das war keine Auszeit.
»Benedict, der letzte Auftrag war … das war … ein Massaker. Ein. Massaker.« Kay betonte jedes einzelne Wort. »Diese Bilder verfolgen mich immer noch. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich kann nicht mehr essen. Ich …« Tatsächlich konnte sie nicht einmal in Worte fassen, was sie empfand. Deshalb hatte sie auch noch mit niemandem darüber gesprochen. Nicht dass es irgendjemanden geben würde, der sich für ihr Seelenleben interessieren würde. Das Leben als freischaffende Auftragsnekromantin war zwar gut bezahlt, aber einsam. Sehr einsam.
So einsam, dass sie von Benedict bemuttert wurde.
Dieser schwieg höflich.
Das Klavier klimperte.
Sie standen immer noch im Stau.
»Benedict, gibt es denn noch eine andere Bar, wo wir hinfahren könnten? Bis wir beim Palace of Glass ankommen, habe ich eine Panikattacke.«
»Wenn wir hier rechts aus der Hauptverkehrsader abbiegen, könnten wir in zehn Minuten die große Dimensionsschleuse für Raumschiffe erreichen. So könnten wir relativ schnell den Rand unserer Galaxy erreichen. Dort gibt es eine Weltraumkneipe. Allerdings …« Er zögerte einen vielsagenden Moment lang. »Nun ja, sie ist nicht so hochklassig.«




