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»Danach«, schreibt Hans Helfritz, »verliert sich die Gestalt Quetzalcoatls in einem unentwirrbaren Durcheinander von Mythos und Geschichte. Immer wieder taucht jedoch die Sage auf, dass Quetzalcoatl eines Tages hier als Gott zurückkehren werde.«
Mehr über das Gottwesen Quetzalcoatls erfahren wir in dem Buch von Jose Lopez Portillo. Dort heißt es:
»... er ist Gott der Vorsehung, der Ernährung ... ist Herr der Morgenröte, stellt das Gleichgewicht zwischen Geist und Materie her, ist Herr der Buße. Doch über all seine mythischen Taten ragt jene heraus, mit der Quetzalcoatl nach der vierten Zerstörung der Welt die Menschheit neu erschuf.
Die Götter fürchteten sich vor einer unbewohnten Erde. Wie in allen Religionsmythologien brauchten die Götter den Kult der Menschen. In diesem Mythos wird ein Kampf zwischen Leben und Tod begonnen. Als Quetzalcoatl in die Unterwelt hinabsteigt, um die Menschheit neu zu schaffen, stellt sich Mictlantecuhtli diesem Vorhaben entgegen und erschwert die Aufgabe Quetzalcoatls. Zuerst stellt er ihn auf die Probe und gibt ihm eine Spiralmuschel zu blasen, welche keine Löcher aufweist. Würmer, Bienen und Hummeln eilen Quetzalcoatl zu Hilfe. Als er die kostbaren Knochen in seinen Besitz gebracht hat, fällt er in ein Loch, eine Falle, welche Mictlantecuhtli hatte graben lassen. Die Knochen werden zerstreut und untereinandergeworfen und von Wachteln angepickt. Xolotl, sein Zwillingsbruder oder Nahual, hilft ihm, nach kurzem Tod und Wiederauferstehung nach Tamoanchen zu gelangen. Quilaztli, eine irdische Gottheit, mahlt die Knochen, und Quetzalcoatl tut Buße, indem er sein männliches Glied über ihnen ausbluten lässt; auf diese Art erschafft er die Macehuale. Seinem Beispiel folgen auch alle anderen Götter, welche bereits in Teotihuacan Opfer dargebracht hatten, um die Sonne und den Mond zu schaffen; nun sühnen sie, um die Menschen zu verdienen. So beginnt das Leben in der Fünften Sonne, und aus den genannten Gründen wird der gewöhnliche Mensch Macehualli genannt, was heißt ›der, welcher durch das Opfer [der Götter] verdient wurde‹.«
Damit erweist sich die Funktion Quetzalcoatls als eine ganz ähnliche wie die von Jesus im jüdisch-christlichen Religionszusammenhang. Man begreift damit besser, in welche Aufregungen, Schwierigkeiten und Zweifel die Ankunft Cortes, den die Azteken für Quetzalcoatl hielten, diese gestürzt haben mag.
Die Situation ist durchaus jener vergleichbar, die entstehen würde, wenn in unsere Welt der abermals auferstandene Christus käme. Indem Quetzalcoatl mit der Erschaffung der jetzigen Menschen verbunden ist, die er durch Selbstopfer erreicht hat, klärt sich einmal die Bedeutung der Menschenopfer, und man sieht diese in einem nicht mehr so grausamen Licht. Wie sich der Gott für die Menschen opferte, will sich der Mensch für den Gott opfern.
Darüber hinaus wird auch verständlich, warum, über die Katastrophe des Untergangs des Aztekenreiches hinaus, gerade diese mythologische Gestalt in der Volkstradition und Folklore Mexikos weitergelebt hat. Sie hat mit dem Beginn der indianischen Welt zu tun. Sie steht für einen der wichtigsten religiösen Bezüge dieses Kulturkreises.
Der Mann, der in der Hängematte im Café Altamira liegt, der Mann, dem die Bilder aus der frühen Geschichte jenes Landes durch den Kopf gehen, in das er entflohen ist, um vergessen zu werden und das Paradies zu suchen, kennt das Argument, dass die Spanier nur deshalb Mexiko erobern konnten, weil sie mit ihren Musketen und Feldschlangen das überlegene Waffensystem besaßen.
Aber haben die Waffen wirklich alles entschieden? Wenn ihn diese Frage nicht loslässt, so deshalb, weil hinter ihr eine andere Frage steht, die ihn seit Langem beschäftigt: Wer siegt im Lauf der Geschichte? Wer geht unter? Wer überlebt? Nach welchen Gesetzmäßigkeiten regeln sich Überleben oder Untergang?
Es fallen ihm Sätze ein, die er kürzlich gelesen hat »Wenn die Azteken auch nicht selten überraschend aus dem Hinterhalt zuschlugen, so hielten sie sich doch an die altüberlieferten Kriegsregeln, und wenn sie Verträge schlossen, so hielten sie sich auch daran. Den Spaniern aber, die einen ›totalen Krieg‹ führten, war jedes Mittel recht.
Sie kannten keine Gnade und keine Duldung einer fremden Religion; für sie gab es nur eine einzige Religion, die Religion ihres Kaisers Karl V. ›Die Mexikaner unterlagen‹, sagte Jacques Soustelle, ›weil ihr Denken, das auf politischem und religiösem Gebiet einer überlieferten Vielheit gehorchte, einem Kampf gegen die Dogmatik der staatlichen und religiösen Einheit nicht gewachsen war.‹«
Der Schauspieler
... ein Wahlrecht, dass demjenigen Mann, der eine oder zwanzig große Zeitungen besitzt oder sich die Mühe macht, einige Millionen geschickt abgefasster Flugblätter drucken und verbreiten zu lassen, die Möglichkeit bietet, soviel Einfluss auf die Wahl zu gewinnen, als er nur immer mag. Ein Wahlrecht, das den Beichtstuhl und die Kanzel, das Ehebett und das Sterbelager zu politischen Propaganda-Zwecken gebrauchen lässt, ist in der Tat das freieste Wahlrecht der Welt.
B. Traven, Im freiesten Staate der Welt
Zurück durch die Zeit. Zurück durch den Raum. Zurück aus der Provinz Chiapas nach Wallensen in Niedersachsen, in die gute Stube der Familie Feige.
Aus dem Militärdienst heimgekehrt, hat sich dort der älteste Sohn eingerichtet. Er ist völlig verändert. Er bekennt sich plötzlich zu einer sehr radikalen Form des Sozialismus3. Oder war es gar Anarchismus? Durch seine Geschwister, die fast achtzig Jahre später glaubhaft über sein plötzlich erwachtes Interesse an Politik berichten, wissen wir um die Spannungen in der Familie, die sich dadurch ergaben. Wir wissen gar nichts darüber, wie es zu dieser Radikalisierung bei ihm gekommen ist.
Vermutungen sind möglich: Die Wut über den Drill und den Schliff bei den »Preußen«, also beim Militär; die Begegnung mit einem Menschen, der Eindruck auf ihn gemacht hat und ihm solche Gedanken nahebrachte, könnten der Anlass gewesen sein. Vielleicht aber ist er auch in einem Buch darauf gestoßen. Denkbar auch, dass die Aktionen der Anarchisten in Frankreich, die »Politik der Tat«, von der er in jeder Tageszeitung hätte lesen können, ihn begeisterten und mitrissen.
Nun klebt er Plakate an die Wände der guten Stube, und auf dem Buffet stapeln sich Flugblätter. Er nimmt keine Arbeit an, stattdessen probt er Reden. Die Arbeiter müssen über die Ausbeutung durch die Fabrikherren aufgeklärt werden.
Die Arbeiter haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, aber eine Welt zu gewinnen. [ ... ] Der Arbeiter muss eines Tages die politische Gewalt ergreifen, um die neue Organisation der Arbeit aufzubauen; er muss die alte Politik, die die alten Institutionen aufrechterhält, umstürzen, wenn er nicht, wie die alten Christen, die das vernachlässigt und verachtet haben, des Himmelreichs auf Erden verlustig gehen will ... Gewalt ist es, an die man eines Tages appellieren muss, um die Herrschaft der Arbeit zu errichten.
Solche Sätze kommen in den Reden vor, die er übt. Die Eltern und Geschwister lauschen hinter der geschlossenen Tür, und was sie da hören, verstört sie beträchtlich. Was ist nur aus ihrem Otto geworden? Wer hat dem Jungen dieses rote Gift in die Hirnwindungen gespritzt? Kaum hat man einigermaßen sein Auskommen, ist gesichert gegen Krankheit und Alter, da muss dies geschehen. Wenn er noch wenigstens ein Sozi wäre. Die Sozialistengesetze, die die Partei in die Illegalität zwangen, sind 1890 aufgehoben worden. Dass man sozialdemokratisch wählt, dafür hätten zumindest die Landarbeiter in Wallensen noch Verständnis. Aber ihr Otto ist ja einer, der vor Gewalt nicht zurückschreckt. In seinen Reden kommt auch der Satz vor: »Dem guten Willen die offene Hand, dem schlechten die Faust.« Er findet die Sozialdemokratie, die auf parlamentarischem Weg Reformen anstrebt, zu zahm. Von ihm kann man hören, dass die Sozialdemokratie ein Papsttum züchte, schlimmer als die katholische Kirche.
»Kannst du dich nicht ein bisschen mäßigen, Junge«, bittet die Mutter, »wir werden in Verruf kommen, wenn das so weitergeht. Und immer diese Zänkereien mit Vater beim Abendbrot. Es hat doch nun mal keinen Zweck. Du wirst ihn nicht überzeugen. Und er dich nicht. Und die Welt ist auch immer noch die gleiche, seit sie Gott geschaffen hat.«
Er liest ihr als Antwort ein Zitat vor, das von seinem Lieblingsdichter Shelley stammt, ein Zitat, mit dem die biedere Frau wohl nicht viel anfangen konnte:
»Kein Gesetz hat das Recht, die Menschen abzuschrecken, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zu üben. Der Mensch soll die Wahrheit sprechen, bei welcher Gelegenheit auch immer. Eine Pflicht kann niemals ein Verbrechen sein; und was nicht verbrecherisch ist, kann folgerichtig auch nicht schädlich sein.«
Er war doch immer still, schüchtern, unauffällig – aber lass ihn reden oder schreiben, und plötzlich wird er frech, aufsässig, rücksichtslos und ungebärdig. Er denkt nicht daran, seine Ansichten zu verbergen. Es macht ihm ausgesprochenen Spaß, die Familie und seine Umgebung damit zu schockieren. Ein wenig ist es auch die Rache dafür, dass man ihn um die Chance gebracht hat, aufs Gymnasium und danach auf die Universität zu gehen. Der Vater sagt eines Tages: »So geht das nicht weiter. Solange du die Füße noch unter unseren Tisch streckst, hast du dich anständig zu benehmen.«
»Und was ist anständig, lieber Vater?«, fragt Otto. »Ist es etwa anständig, eine Frau für drei Monate ins Gefängnis zu schicken, nur weil sie behauptet hat, der deutsche Kaiser wisse wenig davon, wie ein Arbeiter lebe?«
»Lass den hohen Herrn aus dem Spiel!«
Otto schießt der Gedanke durch den Kopf, dass dieser hohe Herr vielleicht sein Vater ist. Nein, das kann nicht sein. So ein Scheißkerl ist nicht sein Vater, darf nicht sein Vater sein. Er verbittet sich das. Und dann fällt ihm ein, dass niemand sich seinen Vater aussuchen kann. Er muss grinsen. Das reizt Adolf Feige. Er springt plötzlich auf, haut die Faust auf den Tisch. Er nennt Otto einen Tagedieb, einen Faulenzer, einen Schmarotzer, einen vaterlandslosen Gesellen und was nicht alles noch. Adolf Feige stellt seinem Sohn ein Ultimatum:
»Entweder du hast dir bis nächste Woche eine Arbeit gesucht, oder ich werde deinen Krempel eigenhändig raus auf die Gass' werfen.«
»Ich gehe schon von allein«, sagt Otto, »und du kannst gewiss sein: Für immer!«
Das nimmt niemand ernst. Am nächsten Morgen ist Otto verschwunden. Er hat, wie sich später herausstellt, alles Geld von seinem Sparbuch abgehoben. Er hat seinen Koffer gepackt, den er während seiner Militärzeit gekauft hat.
»Wenn er nichts mehr zu fressen hat, wird er schon wieder heimkriechen, der Lauser«, sagt der Vater grob. »Das glaube ich nicht«, wagte die Mutter zu erwidern, »dazu ist er viel zu stolz.«
»Stolz würde ich das nicht nennen ... hochnäsig ... hat ja immer gemeint, er sei was Besseres. Und du und deine Leut ihr habt ihn auch noch darin bestärkt.«
»Und du und seine Geschwister ... ihr habt, seitdem er bei uns ist, immer auf ihm herumgehackt. Das hat auch alles noch schlimmer werden lassen.«
Otto kommt nicht zurück. Sie werden sich nach ihm umgehört haben, nachdem ihre erste Wut verraucht war. Bei ihrem engen Familienzusammenhang müssen sie erklären, warum Otto an diesem Geburtstag oder jener Hochzeit nicht teilnimmt.
Es gibt ein Bild von der Silberhochzeit der Eltern. Da hat man einfach einen anderen jungen Mann mitfotografiert, dem den Kopf abgeschnitten, und Ottos Kopf auf diesen Hals gesetzt. Otto selbst finden sie nicht.
Zum ersten Mal in seinem Leben hat er es verstanden, sich unauffindbar zu machen. Was er treibt, wovon er lebt, wie er sich durchschlägt, ist ein Rätsel.
Niemand hat es je in Erfahrung bringen können.
Er selbst hat später nur Andeutungen gemacht. Er habe als Agitator unter den Arbeitern im Ruhrgebiet gelebt und sei von dem kompromisslerhaften Verhalten der Sozialdemokratischen Partei schwer enttäuscht worden.
Nach den Erfahrungen der Revolution 1918, nachdem die Räteherrschaft im Freistaate Bayern und der sogenannte Spartakusaufstandes4 in Berlin durch die von einer sozialdemokratischen Regierung herbeigerufenen Freikorpsverbände niedergeschlagen wurden, wird er schreiben:
Der freiste Staat der Welt in der Tat: Wucherer und Schieber, Raubmörder und Mörder von Revolutionären leben in Wonne und Wollust. Arbeiter und Revolutionäre werden hingeschlachtet, in Gefängnissen und Zuchthäusern gemartert. Dass es einmal so kommen würde, wenn die Sozialdemokraten die Macht hätten, habe ich sozialdemokratischen Arbeitern bereits im Jahr 1905 gesagt.
Wenn das stimmt, und man traut ihm solche Äußerungen durchaus zu, dann sind die Folgen vorstellbar.
Ist er als Agitator dieser Partei oder einer Gewerkschaft aufgetreten, so dürfte ihn nach der Familie nun auch noch die Partei hinausgeworfen haben.
Eine Kommunistische Partei gibt es damals in Deutschland nicht. Es gibt einen linken Flügel, eine kleine Gruppe innerhalb der Sozialdemokratie, die dem Revisionismus, wie ihn Eduard Bernstein Ende des Jahrhunderts vorgeschlagen hat, energischer widerspricht als die Mehrheit der Partei, ein Grüppchen von Männern und Frauen, das unter Umständen mit Massenstreiks die bürgerliche Gesellschaftsordnung umstürzen will, wie das eben in diesen Jahren im zaristischen Russland versucht worden ist, eine Gruppe, die entschieden jedem Militarismus und allen Rüstungsprogrammen entgegentritt. Und sie haben es schwer, diese Männer und Frauen. Schwer auch mit den eigenen Genossen. Eine wichtige Persönlichkeit auf diesem Flügel der Partei ist Rosa Luxemburg, die sich allerdings zu diesem Zeitpunkt in Warschau in Haft befindet. Sie hat geholfen, die Revolution von 1905 vorzubereiten und ist festgenommen worden. Die deutsche Sozialdemokratie wird sie freikaufen.
Es fällt schwer, sich Otto Feige, der sich nun bald »Ret Marut« nennen wird, als linientreues, dem Revisionismus zuneigendes Parteimitglied vorzustellen. Aber bei aller Radikalität seiner Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus wird er auch immer ein eifriger Verteidiger der Rechte des Individuums sein. Er wird klar zu machen wissen, dass der Sowjetkommunismus mit seinem Gesellschaftsideal wenig zu tun hat. Im Grunde kritisiert er schon sehr früh, zunächst im Rahmen der bürgerlich-monarchistischen Gesellschaft, eine Form der Herrschaft, die später gerade in sozialistischen Staaten zu den fürchterlichsten Auswüchsen führt: die Bürokratie. Er widersetzt sich »der entsetzlichen Angewohnheit, alles … in ein Register einzutragen, in eine Rubrik zu bringen«. Verlogenheit empört ihn, Heuchelei ebenso.
Standesdünkel, die sinnlosen Kriege der imperialistischen Mächte, die das Lebensglück einfacher Menschen zerstören; die wahnwitzige Gewohnheit, Glück oder Unglück des Menschen von einem Stück Papier oder einem Stempel abhängig zu machen.
Hier muss nun auf einige Schriftsteller und einen Philosophen hingewiesen werden, mit deren Werken Otto Feige bzw. Ret Marut in dieser Zeit in Berührung gekommen ist. Da ist vor allem der Philosoph Max Stirner mit seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum. Um besser Widerstand gegen Zeitgeist und Gesellschaft leisten zu können, wird darin dem Menschen geraten, ein Doppelleben zu führen: Als registrierte Person soll er sich untergehen lassen, für die Öffentlichkeit tot sein. Hinter der Maske eines Pseudonyms, die ihn tarnt und schützt, soll er die Position des »Empörers« um so entschiedener vertreten.
Ein anderer Gedanke knüpft sich an die geometrische Figur der Spirale. Das Leben ist eine Folge von Toden und Auferstehungen. Man muss untergehen, um sich in Wahrheit zu erfahren. Man muss sterben, um lebendig zu werden. Oder, um Stirner wörtlich zu zitieren: »Die Wahrheit besteht in nichts anderem als in dem Offenbaren seiner selbst«, (man könnte auch sagen der eigenen Identität) »die Befreiung von allem Fremdem, die äußerste Abstraktion oder Entledigung von aller Autorität, die wiedergewonnene Naivität.«
Es ist hier nicht die Frage, wie originell diese Philosophie ist, und was sich für oder gegen sie sagen lässt. In unserem Zusammenhang ist entscheidend, dass sie doch offenbar auf eine ganze Anzahl von Schriftstellern auf der Schwelle zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert beträchtlichen Eindruck gemacht hat. Romain Rolland greift in seinem großen Entwicklungsroman Johann Christof solche Gedanken auf, wenn er in der Einleitung zum letzten Band schreibt: »... was meine Seele war, ich werfe sie hinter mich wie eine leere Hülle. Das Leben ist eine Folge von Toden und Auferstehungen. Lass uns sterben, Christof, auf dass wir wiedergeboren werden.«
Der anarchistische Schriftsteller und Philosoph Dr. Ernst Samuel publiziert unter dem aus einem Anagramm gebildeten Pseudonym Anselm Ruest. Ein Verwandter von ihm, Salomo Friedlaender, der heute gerade wieder als Autor von phantastischen Kunstmärchen bekannt wird, dreht einfach das Wort »anonym« um und nennt sich Mynona. Gustav Landauer benutzt für frühe Arbeiten den Decknamen »Kaspar Schmidt«, bei dem es sich nun wiederum um den bürgerlichen Namen von Max Stirner selbst handelt. Inwieweit auch Tucholskys zahlreiche Pseudonyme – sieben an der Zahl – unter denen er in der Weltbühne schrieb, solche Wurzeln haben, wäre zu untersuchen. Fragt man sich ganz allgemein nach dem Grund für diese Lust am Pseudonym, so gibt darauf Rolf Recknagel in der Einleitung zu B. Traven/Ret Maruts Frühwerk eine meiner Ansicht nach sehr einleuchtende Antwort: »All diese Autoren«, so schreibt er, »gerieten meist als Jugendliche in krassen Widerspruch zu ihrem Elternhaus einschließlich der ganzen Sippschaft und Klasse. Sie brachen aus, entschwanden hinter Decknamen für ihre Attacken ...«. Hinzuzufügen ist höchstens noch, dass vielen – und unter ihnen auch Otto Feige/Ret Marut – das Land, in das sie hineingeboren waren, Deutschland, zuwider war:
Könnte ich doch nur ein Fremdstämmiger werden, um keine Blutgemeinschaft mit diesem ... Deutschland mehr zu besitzen.
Und es entspricht nun gewiss auch der literarischen Zeitströmung des Expressionismus, wenn man die ganze alte Welt als dem Untergang geweiht ansieht und Hoffnung nur in einer neuen Welt zu sein scheint, in die man aufbrechen will, um neu geboren zu werden.
»Rettung kommt durch Fragen und Suchen und Wandern! Deshalb lasst uns dorthin wandern, wo Wahrheit, Weisheit, Errettung und Licht ist.«
Und ab er so gesprochen hatte, brach er auf in ein fernes Land noch am selben Abend.
In diesem Zusammenhang ist dann auch die Wahl des Pseudonyms »Marut« zu verstehen. Die Marut (Plural) kommen in den altindischen Gesängen des Rigveda vor. »Sie treten auf als Sturmwesen, welche die Wolken lockern und weichmachen; sie sind Rudras Genossen beim Sieg über die Dämonen ... ihren Ursprung weiß keiner; nur sie allein wissen um ihren Geburtsort untereinander. Mit Schwingen bedecken sie einer den anderen und kämpfen zusammen.« (Max Schmid)
Bilder der Anonymität und der Solidarität sind also in Ottos neuem Namen verbunden. Es ist, als ob dieser Name ausdrücken solle: Ich will einer von jenen Empörern sein, die sich mit einem Pseudonym vermummen, um wirksamer kämpfen zu können.
Nach drei Jahren, die im Dunkel liegen, und die Otto als politischer Agitator, auf jeden Fall aber unter höchst unsicheren und schwierigen materiellen Verhältnissen verbracht hat, taucht er unter dem Namen Ret Marut und als Schauspieler wieder auf.
Diese Berufswahl scheint so konsequent, dass man von selbst darauf kommen könnte, auch, wenn sie sich durch kein Dokument belegen ließe.
Wie der Geschichtenerzähler, der aus der Phantasie Wirklichkeit werden lässt, sich ganz und gar in seine Geschichte versenken und in ihr aufgehen muss, so muss der Schauspieler sich vollkommen mit seiner Rolle identifizieren.
Schauspieler sein heißt unter anderem, in eine andere Gestalt schlüpfen, sie zu Leben erstehen und sie sterben zu lassen.
Es ist dies ein ganz ähnlicher Prozess, wie ihn Ottos Lieblingsphilosoph als Lebenshaltung empfiehlt. Eine gewisse Begabung für die Schauspielerei mag Otto durch seine Mutter gehabt haben, die, wie wir hörten, mit den Kindern Laientheater spielte. Man muss dazu bedenken, dass Schauspieler einer der wenigen Berufe ist, in die man unter Umständen auch ohne Zeugnisse und Papiere hineinspringen kann. Jedenfalls war dies zu Anfang des Jahrhunderts noch möglich.
Dass man sich als Schauspieler durchaus im Widerstand gegen die bestehende Gesellschaftsordnung empfinden kann, erweist sich an einer von Ret Marut verfassten Groteske mit dem Titel Der Schauspieler und der König. Ein König und ein Schauspieler sind befreundet. Sie treffen sich gelegentlich. Es ist das vermeintlich so ganz Andere des Künstlerdaseins, was den Schauspieler für den König interessant macht. Der Schauspieler hingegen scheint ein Mensch zu sein, der genau weiß: Man darf nur spielen, was dem König gefällt, sonst ist es bald mit dessen Theater-Begeisterung und der Freundschaft zwischen zwei Menschen aus so unterschiedlichen sozialen Gruppen vorbei. Wörtlich heißt es bei Ret Marut weiter:
Eines Nachmittags gingen beide im Park spazieren. Den Abend vorher hatte der Künstler einen König gespielt. Ein Shakespearscher König war es nicht. Die mochte der königliche Theaterfreund nicht leiden. Denn die Könige Shakespeares waren trotz ihres Gottesgnadentums ganz richtige Menschen, die lieben und hassen, morden und regieren – je nachdem, wie es ihnen gerade in den Kram passte.
Die Rolle des am letzten Abend dargestellten Königs hatte jedoch ein Dichter geschrieben, der mit achtzehn Jahren Anarchist, später aber Geheimer Hofrat wurde.
Begreiflich, dass diese Rolle dem König sehr gefiel und Anlass wurde, dass er sich mit dem Schauspieler über das Königsproblem unterhielt.
»Was hast Du für ein Empfinden, lieber Freund, wenn Du einen König darstellst?«
»Ich fühle mich ganz und gar als König, so dass ich keine Geste machen könnte, die dem Charakter des Königs nicht entsprechen würde.«
»Das begreife ich sehr gut. Die Masse Statisten, die sich, den Regie-Anordnungen folgend, vor Dir zu beugen haben, halten das Gefühl königlicher Würde in Dir wach und suggerieren dem Publikum, Du seiest ein echter König.«
»Für das Publikum bleibe ich auch ohne Statisterie ein König – selbst dann noch, wenn ich ganz allein auf der Szene stehe und einen Monolog spreche!«
Diese rein künstlerische Auffassung des Schauspielers reizte den König, zwischen sich und dem Bühnenkönig einen scharf begrenzten Vergleich zu ziehen: »Eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem wirklichen und dem Theaterkönig ist aber doch vorhanden. Du magst noch so vorzüglich den König gespielt haben: Mit dem Augenblick, wo sich der Vorhang senkt, hörst du auf, König zu sein. Die Suggestion und die Statisterie machen Deiner Herrlichkeit ein Ende, sobald sie versagen. Ich aber, mein Lieber, bleibe König, selbst, wenn ich im Bett liege!«
Darauf sagte der Schauspieler: »Mein lieber Freund, der Vergleich passt auf uns beide. Wir fuhren vorhin im Wagen bis zum Tor des Parkes. Auf den Straßen standen und liefen unzählige Leute. Sie grüßten – Du danktest. Sie schrien aus Leibeskräften: Vivat – und Hoch – Du lächeltest etwas blasiert. Aber wenn diese Leute einmal aufhören, freiwillig Statisterie zu bilden, dann hörst Du – nicht nur im Bett, sondern am hellen Tage – dann hörst auch Du, mein Freund, auf, ein wirklicher König zu sein!«
Der König blieb mit einem scharfen Ruck stehen. Er sah den Schauspieler fest an. Seine Lippen wurden blass und zuckten. Plötzlich drehte er sich um.




