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„Nein, nein“, entgegnete er rasch.
Sie hob die kräftigen dunklen Augenbrauen, die über der Nasenwurzel fast zusammenstießen. „Das sollt Ihr auch nicht!“ Sie nahm wieder Abstand, winkte tadelnd mit dem Zeigefinger und ergänzte: „Auch zu viel Wein ist nicht gut.“
„Ich …“, stammelte Philipp, der nicht wusste, was er sagen, wie er dieser Besorgnis auskommen sollte.
„Schon gut. Ich dringe nicht weiter in Euch. Ihr seid jung.“ Sie lächelte. Philipp wollte sich endlich erleichtert mit einem Gruß verabschieden, als die Augenbrauen sich erneut hoben und Wittib Ringeler, indem ihr Blick zur Treppe huschte, fragte: „Hab die Kleine noch nicht gehört. Ist doch alles in Ordnung? Ihr habt sie wohl doch mitgenommen gestern Abend?“
Das war nicht anders zu erwarten gewesen, er hatte es befürchtet. Was nun? Er sah die Dellen und Grübchen im Kinn seiner Vermieterin. Er kniff die Augen zusammen. Wand sich innerlich. Es half ja nichts. Er würde Beliers die gleiche Lüge erzählen müssen. Wie er es verabscheute!
„Hedwig ist gestern Abend nach Reilingen aufgebrochen. Ihre Mutter ist krank.“
„Herr im Himmel, hilf! Es ist doch nichts Schlimmes? Und Ihr habt das arme Ding allein ziehen lassen?“
Grundgütiger, daran hatte er nicht gedacht. Und jetzt? Er sah Wittib Ringelers Blick und erkannte, dass sie eher vermutete, er und Hedwig hätten einen handfesten Krach hinter sich und das Mädchen wäre in die Arme ihrer Familie geeilt. Aber all das war ja nicht so, weder das eine noch das andere stimmte, und am liebsten hätte er ihr dies ins Gesicht geschrien. Er wollte das hier nicht. Er wagte kaum, sie anzusehen. Er hatte Angst, sie könne ihm im Gesicht ablesen, dass er log. Wie er es hasste, dies tun zu müssen! Wie er hasste, dass es letztlich doch so einfach ging: „Nein, ihr Vater sandte einen Boten, mit dem ging sie mit. Ich hab beide zum Speyerer Tor begleitet“, hörte er sich sagen.
„Ach weh, und Euer kleines Mädchen? Sie hätte sie doch bei mir lassen können, nicht dass sie auch noch krank wird! Die Amme ist ja nicht weit. Ach je, der Herr erbarme sich, dass sie die Reise wohlbehalten übersteht! Na, kräftig ist sie ja.“
Philipp nickte unbestimmt.
„Ich dachte mir gleich, Ihr saht so bekümmert drein. Ich sah sofort, dass Euch etwas drückt.“ Sie tätschelte seinen Arm. „Eine Schüssel warme Grütze, Herr Eichhorn, bevor Ihr in die Kanzlei geht?“
Er zwang sich zu einem Lächeln, lehnte die Grütze dankend ab, er würde sich vorne beim Bäcker an Heiliggeist eine Brezel kaufen.
Ihre Hand lag noch immer auf seinem Arm, ihr Blick war forschend, sie schien nach den rechten Worten zu suchen. Und tatsächlich, nachdrücklich sagte sie: „Das wird schon wieder, sorgt Euch nicht.“ Es war nicht klar, ob sie die kranke Mutter oder den vermeintlichen Ehekrach meinte.
Philipp wollte nur noch weg. Mit einer Geste deutete er an, dass er nun aber aufbrechen müsse.
„Sicher, sicher, geht nur“, nickte sie. „Ihr müsst aufschließen, Feuer anmachen. Ich weiß, ich weiß, nun geht!“ Damit entließ ihn die gute Frau, die letztlich nichts weniger getan hatte, als ihrer nachbarschaftlichen Pflicht nachzukommen, weshalb ihn seine Lügen umso mehr schmerzten.
Er eilte durch die Pforte, die zur Gasse hinausführte – und prallte mit Kilian zusammen.
„Holla Freund, Guten Morgen!“, rief dieser. „Will eben zu dir.“
Vermaledeit, jetzt auch noch Kilian!
Sein Freund wohnte in der Jakober Vorstadt, sein Weg zum Marstall führte ihn schnurstracks an ihrem Haus vorbei.
„Haben auf euch gewartet gestern. Wurdest du so lange gebraucht?“
Weiterlügen. Am liebsten hätte er Kilian in die Stube gebeten, ihm anvertraut, in welch unsagbarer Not er sich befand.
„Auch Hedwig … Aber was ist nur? Ich seh dir an, etwas stimmt nicht. Ist etwas geschehen? Juli ist doch nicht krank?“ Kilians Miene, die zunächst ein wenig ungehalten gewirkt hatte, drückte nun neugierige Anteilnahme aus.
Philipp schüttelte den Kopf. „Nein. Aber Hedwigs Mutter. Hedwig brach gestern Abend nach Reilingen auf.“
„Wie das? Du sagtest doch, sie sei bereits in der Schenke.“
Verflucht! Wie sollte er sich da herauswinden? Gott, steh mir bei, auch wenn es beim Lügen ist.
„Und du ließest sie allein gehen?“, setzte Kilian ungläubig nach.
„Nein, nein.“ Philipp suchte nach einer Erklärung. Und wunderte sich fast nicht mehr, wie leicht sie ihm auch diesmal über die Lippen kam. „Nach meinem Amtsgang eilte ich noch einmal nach Hause, weiß gar nicht mehr warum. Hedwig hat dort auf mich gewartet, zusammen mit dem Boten, den ihr Vater sandte. Der begleitete sie.“
„Und du?“
„Was meinst du?“ War Kilian misstrauisch? Philipp wagte nicht, ihm offen ins Gesicht zu sehen. Wie er sich für seine Lügerei schämte.
„Hättest doch noch ins ‚Schwert‘ kommen können.“
Philipp machte eine unbestimmte Geste. „Ich ging bis zum Rabenstein mit. Auf dem Rückweg blieb ich am Speyerer Tor bei den Wächtern hängen. Denen hatte wer zwei Kannen Roten ausgegeben.“ Er zuckte die Schultern.
„Ah“, machte Kilian.
Nahm er ihm das krumm? Er konnte es nicht einschätzen. Gott, Kilian, wenn du wüsstest …
„Was hat ihre Mutter?“
Wieder zuckte Philipp die Schultern. „Etwas mit Fieber, man weiß es nicht genau.“
Verständnisvoll nickte Kilian. Plötzlich kniff er die Augen zusammen, sein Gesicht kam näher. „Herrje, was ist mit deiner Backe?“
Er würde ständig darauf angesprochen werden, er hatte sich bereits etwas einfallen lassen. „Ich hab mich gestoßen“, winkte er ab.
Kilian setzte ein schiefes Grinsen auf. „Der Rote schmeckte wohl. Und die Straßen sind rutschig.“ Er hieb ihm auf die Schulter. „War jedenfalls lustig, kannst dir ja denken. Conradt spielte den Zink, Ochsenkuhn die Sackpfeife, ein Flötist noch dazu – es ging heiter her. Ha, und zu später Stunde sang so ein schwarzer Vogel welsche Lieder.“
Als Philipp fragend schaute, ergänzte Kilian: „Der war gänzlich schwarz gewandet, wie ein Magister. Rabenschwarzes Haar dazu und Augen wie ein Muselmann, ansonsten bleich wie Milch. Sprach so gut wie nichts. Nach ’ner Kanne aber hob er an zu singen, keiner verstand sein Gekrähe, aber alle johlten mit.“ Kilian grinste.
„Da hab ich ja was verpasst“, sagte Philipp müde.
Kilian wurde ernst. „Hattest ja andere Sorgen. Was ist, willst du in der Mittagspause nicht zum Marstall kommen? Gut dreihundert Pferde sind schon da. Täglich werden es mehr. Sollen bis sechshundert werden für den Umzug nach Amberg.“ Er fasste Philipp am Arm. „Das wird dich ablenken.“
„Ich weiß nicht recht.“ Er fürchtete sich vor dem Zusammensein. Er würde weiterlügen müssen. Und andererseits hätte er sich Kilian nur zu gerne anvertraut.
„Denk drüber nach. Ich werde dort sein.“
Sie mussten einem Ochsenkarren Platz machen, der vom Jakober Tor heranrumpelte, drückten sich an die Hauswand. Kilian deutete die Gasse hinunter und sagte: „Lass uns das Stück zusammen gehen.“
Philipp nickte und trottete neben seinem Freund gen Marktplatz.
Später stand er in der Mauernische von Heiliggeist, stopfte den letzten Krümel Brezel in den Mund und schaute hinüber zum Belierschen Haus. Kaum dreißig Schritte bis zum Tor, sie erschienen ihm wie dreitausend.
Er hatte eigentlich keine Zeit mehr, lange zu überlegen. Heiliggeist schlug sechs, er musste in die Kanzlei. Und doch stand er hier und starrte auf die etwa vier Ruten breite Hausfassade, als könnten ihm Erkerbrüstung, Bogenfenster, Ornamente und Reliefs des neuen Gebäudes bei seinem Vorhaben irgendwie behilflich sein. Aber das konnten sie nicht. Er musste selbst entscheiden, ob er zum Hausherrn persönlich ginge oder ob er es dabei bewenden ließe, dem Knecht Bescheid zu geben. In Anbetracht der Zeit und weil es weniger unangenehm war, musste wohl Letzteres genügen. Doch noch waren die vertikal ausschwenkbaren Klappläden, die als Verkaufstische für die Tuche dienten, an den eingemauerten Eisenlaschen verriegelt und nicht heruntergelassen. Auch das Hofportal war noch geschlossen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als zu pochen. Er schaute noch einmal an der Vorderseite des Hauses empor und erkannte im zweiten Obergeschoss einen blassen Lichtschein. Er gab sich einen Ruck und ging auf das Tor zu. Hob den Arm und klopfte fest.
Sofort wurde geöffnet. Doch nicht Velten, dem Knecht des Hauses, sah er sich gegenüber, sondern Appel, im Wollumhang und mit zwei Eimern in den Händen. Sie war auf dem Weg zum Wasserholen. Sofort dachte er daran, dass Kilian ihm glücklich erzählt hatte, dass Appel gestern Abend tatsächlich gekommen war und bei ihnen gesessen hatte. Sie war wirklich schön, er verstand Kilian. Augenbrauen wie mit einem Pinselstrich hingeschwungen. Augen wie zwei schwarze Kirschen. Runde Lippen und ein Lächeln, das ihr erstarb, als sie ihn erkannte. „Ist etwas mit Hedwig?“, fragte sie sofort. „Oder Juli?“ Atemwölkchen vor ihren Lippen, duftig wie Schmetterlinge.
„Nein, den …“ Er stockte. „Den beiden geht’s gut“, hatte er sagen wollen. Aber jäh wurde ihm bewusst, dass er nicht wusste, wie es ihnen ging. Er wusste nicht einmal, ob sie noch am Leben waren. Er kämpfte die aufsteigende Angst nieder, die Verzweiflung. Rang mit sich. „Appel“, sagte er, und die Betonung, die er in ihren Namen legte, ließ sie aufmerken und ihn noch aufmerksamer anschauen. „Sag den Beliers, Hedwig musste nach Reilingen. Ihre Mutter ist krank und man schickte nach ihr. Bitte gib den Herrschaften Bescheid. Ich muss zur Kanzlei, bin ohnehin schon spät.“
Appel blickte ihn unverwandt an. „Und Juli?“, fragte sie.
„Ist bei ihr. Willst du es ausrichten, Appel?“
Sie nickte, und der Ernst in ihren Augen, die sonst so vorwitzig blickten, verfolgte ihn den gesamten Weg bis zur kurfürstlichen Kanzlei am Fuße des Schlossbergs.
Neun
Der Morgen war trüb und grau, wie es einem Novembermorgen anstand. Auf dem Küchentisch flackerte deshalb ein Öllicht. Hausherr Matthias Großhans schob den länglichen Eisenbehälter am Griff ein wenig zur Seite, damit die eineinhalbjährige Sophia nicht drankam. Seine Nichte konnte keine fünf Minuten stillhalten, zappelte auf dem Schoß ihrer Mutter, seiner Schwester Barbara, herum. Was war er froh, dass seine Kinder aus dem heraus waren! Hedwig war bald siebzehn und bereits unter der Haube, sein Sohn Michel fast elf.
Sein Weib Gundel kam mit einem Krug angewärmten Bieres zum Tisch und füllte die Tonbecher. Matthias schob Magister Baumann den ersten hin. Der Lehrer war zeitig aus Hockenheim nach Reilingen herübergekommen, um die morgige Reise nach Heidelberg mit ihnen zu besprechen. Deshalb war auch seine Schwester Barbara mit ihren beiden Stiefsöhnen Cornelius und David da. Der zwölfjährige David schielte augenblicklich neidisch zu seinem fast fünfzehnjährigen Bruder, weil der einen Becher Bier entgegennahm, während er selbst sich mit Milch begnügen musste.
Das wird was geben, dachte Matthias, mit vier heranwachsenden Jungen morgen nach Heidelberg! Sein eigener Sohn Michel, Cornelius und David sowie deren Vetter Sebastian hatten ihm die Ohren vollgejault, seit vor wenigen Tagen die Kunde umgegangen war, dass es in Heidelberg ein fremdländisches Tier zu bestaunen geben würde. Der Herzog von Württemberg gedachte, dem Kurfürsten von der Pfalz durch die Übersendung eines gefangenen Kamels nebst zugehörigem Tataren seine Achtung auszudrücken. Dass der protestantische Württemberger damit ein politisches Zeichen der Verbundsbereitschaft an seinen reformierten Nachbarfürsten sandte, dürfte Friedrich wohl gefallen, da war sich Matthias sicher. Die calvinistische Pfalz brauchte und suchte Verbündete. Und der Erhöhung der Ehre diente es zudem, wenn der übliche Pomp das Volk zusammenlaufen ließe, da Wein und Wecken umsonst ausgegeben würden. Ganz sicher gab es obendrein Wettschießen oder Ringlerennen. Matthias schnaufte durch. So machte man sich lieb Kind mit seinen Untertanen. Und die Herrscher sich gegenseitig. Nun, man würde hinfahren und es sich anschauen, man hatte es den Jungen versprochen, weil ihr Bitten und Betteln nicht nachließ.
„Seit Julianas Taufe im August haben wir sie nicht mehr gesehen, Magister Baumann“, sagte Gundel gerade zu dem Lehrer. „Wir wollen sie mit unserem Besuch überraschen.“
Natürlich war auch das ein Grund für die Reise. Sie wollten die Tochter besuchen, die in der Residenzstadt lebte. Sein Weib war im Sommer zwei Wochen dort gewesen, um der Tochter bei der Geburt beizustehen und ihr im Haushalt zu helfen. Zur Taufe hatte er ein Fest ausgerichtet, wie es üblich war, und war mit seiner Mutter, seiner Schwester und deren Familie nachgereist.
„Ruhig jetzt, Sophia!“, zwang Barbara ihre Tochter zur Ordnung.
Sophia bog und wand sich, wollte runtergelassen werden.
Lehrer Baumann nickte und fragte: „Mit dem Fuhrwerk geht alles klar?“
„Gib sie mir“, sagte Cornelius und streckte die Arme nach seiner Halbschwester aus. „Komm her, Plaggeist!“ Sophia strahlte und streckte ihrerseits die Ärmchen nach ihm aus. Cornelius nahm sie auf seinen Schoß und hielt ihr den Fuchsschwanz hin, den er am Gürtel festgebunden hatte. Damit hatte er sie eine Weile beschäftigt. Barbara lächelte zu den beiden hinüber und sagte: „Ja, Markward wird euch sein Fuhrwerk leihen.“
Markward war ein Freund von Barbaras Ehemann.
Baumann nickte. „Gut, ich komme mit dem Mietpferd herübergeritten, wir treffen uns am Hohen Stein.“
Matthias sagte: „Wir müssen sehr früh los. Wollen wir um die Mittagszeit in Heidelberg sein, sollten wir gegen acht Uhr aufbrechen. Eher früher. Vier Stunden brauchen wir sicher, erst recht bei diesem Schnee!“ Er wandte sich an seine Schwester. „Ich kann das Fuhrwerk heute Abend bei Markward abholen?“
Barbara nickte zustimmend.
„Dann komme ich mit Gundel und Michel morgen früh zu euch. Etwas nach sieben Uhr. Cornelius, nicht dass du dann erst anfängst, den Rappen aufzuzäumen! Du bist mit David und Sebastian bereit!“
Er blickte zu Baumann. „Am Hohen Stein. Halb acht.“
„Gut“, sagte der Lehrer.
„Und denkt an ein Licht. Euer Heimritt, Magister Baumann, wird im Dunkeln stattfinden. – Cornelius?“
„Ja, Oheim Großhans, ich vergesse die Leuchte nicht.“
Matthias nickte zufrieden. „Dann ist alles geschwätzt. Magister Baumann, ich denke, Ihr werdet mit drei Halbwüchsigen fertig beim Heimritt.“
Das meinte er scherzhaft, und der Lehrer verstand es auch so und lächelte.
Cornelius würde seinen Bruder David, Baumann deren Vetter Sebastian mit aufs Pferd nehmen und am Nachmittag den Heimritt antreten. Er selbst würde mit seiner Familie zwei Tage länger in der Stadt bleiben. Gundel wollte Hedwig und Juliana nicht so schnell wieder verlassen und schauen, wo sie ihrer Tochter helfen konnte. Michel wollte unbedingt den Marstall sehen, dieses neue Prachtgebäude, von dem man so viel hörte. Und da Hedwigs Ehemann einen Freund im Marstall hatte, konnte man da sicher etwas abmachen, denn im vergangenen Sommer, als sie zur Taufe in Heidelberg gewesen waren, war dafür keine Zeit mehr geblieben. Na, wenn er ehrlich war, freute er sich selbst auf diese Reise. Auch er wollte seine Tochter samt Enkeltochter wiedersehen. Und ein Erlebnis war die große Stadt allemal, man kam ja nicht alle Tage hin. Und nachdem man gehört hatte, dass der Lehrer Baumann zu seinem Heidelberger Buchhändler wollte, war man rasch einig geworden, den Weg gemeinsam zu machen. Zumal sie jemanden brauchten, der mit den Jungen heimkehren würde, wenn er, Gun-del und Michel noch in der Stadt blieben.
So war nun alles geregelt – morgen in der Früh konnte man also gen Heidelberg aufbrechen.
Zehn
Runde weiße Brüste.
Das war das Bild, das die abgeholzten, schneebedeckten Hügel südöstlich von Heidelberg in ihm wachriefen. Er hatte sie längst hinter sich gelassen, durchstapfte lichten Wald gen Süden, doch weiße Brüste hatte er noch immer im Kopf. Wollüstiger Zeitvertreib an diesem kalten, schneegrauen Morgen. Außerdem waren die Kopfschmerzen so erträglicher. Eindeutig hatte er zu viel gesoffen.
Ryss leckte sich über die Lippen, zog die Kapuze tiefer, brummte mit sich selber. Die hatten aber auch einen Wein hier in der Gegend!
Nefoedd Wen, sogar gesungen hatte er! Lieder seiner Heimat, die er längst vergessen wähnte. Nun, es hatte ja Spaß gemacht. Die jungen Gesellen an seinem Tisch waren leutselig und freundlich gewesen und hatten ausgelassen gefeiert. Jener, der ihm gegenübersaß, hatte ihm immer wieder aufmunternd zugelächelt und ihn letztlich angesprochen. Ob er ein Gelehrter sei, seine schwarze Gewandung ließe darauf schließen? Auch die Färbung in seiner Aussprache, sein fremdländisches Aussehen wiesen auf einen Magister hin? Nein? So hielt er sich also schlicht an die spanische Mode, man sähe ja auch hierzulande viel schwarze Kleidung? Auch nicht, es gefiele ihm lediglich? Diese Pfälzer aber auch, neugierig und einem Schwatz nie abgeneigt. Er hatte ausweichend geantwortet, auch, weil er zuerst nicht hatte einschätzen können, ob der Jüngling etwa ein Auge auf ihn geworfen hatte, etwas, das ihm immer wieder widerfuhr, sein langes schwarzes Haar, seine reine Haut – er gefiel nicht nur den Weibsleuten. Doch dann war ein schönes junges Weib herangekommen, lächelnd und keck, mit Wangen wie Nikolausäpfel, die Haare so schwarz wie seine eigenen, nur dass sich die ihren in munteren kleinen Locken ringelten. Die Augen des Jünglings glänzten mit einem Mal wie die dunklen Trauben der Pfälzer Weinberge im Tau, und er hatte kein Liebesorakel gebraucht, um zu sehen, dass der bis über beide Ohren in die Maid verliebt war. Sie hatten gelacht, sie hatten getändelt, sie hatten getrunken und schließlich gesungen. Man hatte ihn mit einbezogen, ihn ermuntert. Das musste man diesem ach so rechtgläubigen Volk lassen, sie feierten gern und ausgiebig. Hatten ja auch einen Fürsten, der die Lustbarkeiten liebte. Das hatte er unterwegs immer wieder gehört, und als ihm ein englischer Kavalier in Brügge erzählte, der großzügige Hof des jungen Fürsten in der Kurpfalz stehe weithin in gutem Ruf, hatte er beschlossen, hierherzukommen. In Speyer sowie in manch pfälzischem Dorf hatten sie allerdings die Nasen über den Kurfürsten gerümpft. Seine verschwenderische Hofhaltung sei schändlich, desgleichen sein tollkühner Lebenswandel, sein ungezügeltes Jagdgebaren. Allzu oft überspanne er den Bogen seiner Großmannssucht. Statt zu regieren, fröne er kostspieligen Liebhabereien und veranstalte ein Turnier nach dem anderen.
In Frankenthal hingegen war man voll des Lobes über den Herrscher gewesen. Ryss dachte an die Wallonen dort, bei denen er gute Geschäfte gemacht hatte. Wohlhabende Tuchmacher und Teppichwirker. Weber, die ihm, ohne mit den Wimpern zu zucken, seine wunderwirksamen Elixiere abkauften, denn deren Wandteppiche waren weithin gesucht und ihre Geldbeutel entsprechend gefüllt, da sie auch für den Hof des Fürsten arbeiteten. Sowohl sie als auch all die Juweliere, Gold- und Silberschmiede waren Fremde wie er selbst, mit dem Unterschied, dass sie in der Pfalz eine neue Heimat gefunden hatten, während er noch immer umherwanderte, seinem Schicksal folgte, das ihn in die Welt hinaustrieb. Waren jene hier sesshaft geworden zu Bedingungen, die ihren verfolgten Leibern und ihren geplagten Seelen wohltaten, so schien es für seine eigene Seele keinen Trost zu geben, noch immer nicht. O’r argol, jetzt nur nicht in Melancholie abgleiten! Auch hier war nicht alles eitel Sonnenschein, denn auch wenn die neuen Untertanen den hiesigen Fürsten für sein Vorgehen liebten, wussten sie doch, dass es Berechnung war, denn die Pfalz saß wegen der calvinistischen Religion noch immer auf einem gesonderten Ast im Baum des Reiches, und je mehr gleichgläubige Untertanen, desto besser.
Nun, ihm war’s gleich. Er kam zurecht, auch mit der Religion, wenn sie nicht gar zu streng gehandhabt wurde. Und Seelentrost? Nun, den schafften am ehesten eine Ecke im Stall, Kuhgeruch und wärmendes Heu. Er verscheuchte die altbekannten wehmütigen Gedanken und ergab sich von Neuem seiner lüsternen Fantasie: Heranhuschender Lichtschein, eine schüchtern-kecke Stimme, die ihm Brot und Bier anbot und fragte, ob er es auch warm genug habe. Ich wüsste, wie mir noch wärmer würde, meine Schöne, würde er raunen, sie an sich ziehen, was sie willig geschehen ließe. Er würde den weißen Busen streicheln, ihr unter die Röcke gehen, stöhnen würde sie, und er würde ihr den Hals küssen und sie schließlich nehmen.
Ryss spürte seinen Schwanz hart werden und wünschte, diese Fantasie, so oder so ähnlich schon geschehen, würde heute Abend Wirklichkeit werden. Also hieb er seinen Wanderstock in den Schnee und stapfte voran auf dem schmal ausgetretenen Pfad, den Wildspuren säumten. Den Rucksack hatte er wie stets unter dem Wollumhang geschultert. Und wie stets scheuerte der hölzerne Kasten darin an seinem Rücken. Die unterschiedlich großen Beutelchen an seinem Gürtel schwangen mit dem Trinkschlauch im Gleichmaß seiner Schritte.
Schnee rieselte von einem Ast. Eine Wildtaube gurrte.
Langsam schwanden die Kopfschmerzen. Duw Mawr, war ja nicht jedes Mittelchen, das er mit sich herumschleppte, wirkungslos. Rosenöl zum Beispiel brauchte er ohnehin für die Weiber. Es half auch gegen Kopfgrimmen. Und den Wirt der Herberge hatte er in aller Herrgottsfrühe genötigt, ihm ein Stück rohes Rindfleisch beizuschaffen, das er sich ins Genick legte. Nicht umsonst stand er in der Nachfolge Rhiwallons und seiner Söhne Cadwgan, Gruffydd und Einion, der Heiler von Myddfai, die diese Vorgehensweise bei einem Brummschädel empfahlen. Der viele Wein und sein unseliger Bettgenosse hatten ihm eine unruhige Nacht beschert. Er schlief ohnehin nicht sonderlich gut, doch diesen Stinkbolzen hätte er keine Minute länger ertragen. Nefoedd Wen! Der furzte im Schlaf und knirschte und schmatzte wie zehne zusammen. Da hatte auch sein altbewährtes Mittel nicht geholfen, die Anisbeutelchen, die er sich unter die Nase band, um erholsamen Schlaf zu fördern. Daher hatte er die Stadt zeitig im trüben Morgenlicht gen Osten verlassen. Ursprünglich hatte er bei den vier Steinacher Burgen den Anfang machen wollen. Aber nachdem er erfahren hatte, dass die Herren der Burgen, die Landschaden von Steinach, seit Generationen brav in Diensten der Heidelberger Fürsten standen, war er davon abgekommen. Die kannten die pfälzische Landesordnung sicher noch besser als jeder Bürger.
Also hatte er den Neckar nach Schlierbach hinter sich gelassen und war gen Süden weitergewandert. Dank der Auskünfte seiner Zechgenossen wusste er in etwa, dass er sich Richtung Südosten halten musste. Kraichgau hieß die Region, in der er sein Glück versuchen wollte. Dort lagen Ritterdörfer und Rittergüter versprenkelt inmitten der pfälzischen Lande. Dort würde er sein Glück machen, dort würde ein Mägdlein seiner harren.
Ryss hob den Kopf, weil das Gehen plötzlich anstrengender wurde und er hörte, wie er keuchte. Er sah die Atemwolken, die er in die grauweiße Luft entließ. Er war einen Hügel hinaufgewandert, umgeben von dichter werdendem Wald. Weiß behangen die kahlen Bäume, hier und da noch ein braunes Blatt, das an einem dürren Ast im Wind schaukelte.
Stille um ihn her. Allein auf Wanderschaft. Wie immer.
So ist mein Los, dachte Ryss. Hab’s mir selber zuzuschreiben. Die Melancholie wollte wiederkommen, und er eilte sich, sie zu verdrängen, indem er sich erneut einen wohligen Abend ausmalte. Er wusste, dass er an Mädchen dachte, um an jene eine nicht denken zu müssen. Und so stapfte er weiter und hoffte, dass er bis Mittag einen Flecken oder Weiler erreichen würde, wo er etwas essen und sich aufwärmen konnte.
„Er ist tot!“
Sofort war Hedwig hellwach.
Trotz des Grauens, trotz der Angst war sie eingeschlafen und nur einmal erwacht, um Juli zu stillen.
Das rasselnde Atmen des Sterbenden, anfangs noch übertönt vom wütenden Zanken der beiden anderen, hatte aufgehört. Sie rührte sich nicht. Sah nicht auf. Kauerte in ihrer Ecke, barg Juli in ihren Armen und verhielt sich ruhig.
„Du jähzorniger Idiot! Und jetzt?!“
„Was willst du hören?“
„Gott, ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen.“
Ein Auflachen, es klang wie auf die Gasse gekipptes Schmutzwasser. „Und dann? Immer sich weiter kränken lassen? Auf eine neue Anmaßung harren? Die Zeit ist günstig. All der Trubel in Stadt, Kanzlei und Schloss!“



