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„Was nützt es uns – nun?“
„Lass mich nachdenken.“
„Dann denke, wie du pisst, Vetter! Zügig!“
„Zunächst müssen wir ihn fortschaffen.“
„Dass wir ihn nicht hier liegen lassen können, weiß ich selbst.“
„Bring ihn nach Wiesenbach. Der Lange wird nicht viel fragen.“
„Du hast den angeschleppt! Du schaffst ihn auch fort!“
„Ich kenn dich doch, Vetter. Hier sitzen und warten ist deine Sache nicht.“
Ein Scheit Holz wurde aufs Feuer geworfen.
„Ich hab zudem die Lösung.“
Schweigen. Knistern des Feuers. Draußen rief ein Waldvogel.
„Der Knecht.“
„Den anschleppen?“
„Ist nicht gut, wenn noch mehr Bescheid wissen. Der wartet ohnehin auf dich. Wird brav mitkommen, da du ihm in Aussicht stellst, seine Holde zu sehen.“
Meinten sie Philipp? Sie wollten Philipp holen?
„Wir hätten es gleich selber tun sollen.“
„Greine nicht. Schaff den Hundsfott weg und den Knecht bei.“
Geraume Zeit sagte keiner etwas.
Dann: „Sagen wir, ich reite. Dass du sie nicht anrührst! Und lass das Kind zufrieden!“
Sofort pochte ihr Herz schneller vor Angst. Ausgeliefert einem Mörder. Was mochte ihm einfallen, wenn er allein mit ihr war?
Der Wald war dichter geworden. Kein Gehöft hinter der nächsten Biegung, der nächsten Baumgruppe. Er hatte Rast gemacht und die Brezeln verspeist, mit denen er sich in Heidelberg wohlweislich eingedeckt hatte. Seit einer halben Stunde etwa wanderte er wieder. Folgte noch immer einem ausgetretenen Pfad, auch wenn er bisher keiner Menschenseele begegnet war und nur seine eigenen Schritte im Schnee knirschen hörte. Ryss fragte sich, ob es nicht doch klüger gewesen wäre, noch in Heidelberg zu bleiben. Die jungen Männer gestern Abend hatten von einem Tataren erzählt, der morgen in die Stadt einziehen würde. Von nah und fern käme Volk, um das zu sehen. Er hätte womöglich doch gute Geschäfte gemacht, wenn er sich fernab aller Gesetzeshüter hielte? Ach was, sagte er sich, wo viel Volk, da auch viele Aufpasser. Es war besser gewesen, weiterzuziehen. Auch wenn seine Stiefel inzwischen durchnässt waren und seine Hände trotz seiner wollenen Pulswärmer rot gefroren. Er hatte vorhin überlegt, ein Feuer anzuzünden, es aber gelassen. Er wollte nicht so lange verweilen. Wollte zügig vorankommen. Brüste lockten. Vielleicht eine heiße Suppe.
Ryss blieb abrupt stehen. Das Knirschen seiner Schritte verstummte, die plötzliche Stille rauschte in seinen Ohren.
Rauch? War das Rauch, was er da roch?
Endlich ein Gehöft?
Er spähte durch die schwarzbraunen Stämme. Nach links. Nach rechts. Stapfte weiter. Schmunzelte über sich selbst, weil er merkte, dass er sich über Begegnung freuen würde. Keine Seele seit Stunden, der man zumindest ein „Guten Morgen“ hätte zurufen können. Wo waren die Pfälzer denn alle?
Da sah er Spuren, die links vom Pfad Löcher in den Schnee gestanzt hatten. Er blieb stehen und betrachtete sie. Pferdespuren? Ein Hirsch? Er sah in die Richtung, in die sie führten. Sie verliefen sich im Unterholz. Ob dort eine Ansiedlung lag? Er drehte den Kopf und sah auf den Pfad, den er weitergehen würde. So oder so nur Wald weit und breit. Ob er es hier versuchen sollte?
Und dann, eindeutig: Rauchgeruch. Ganz sicher. Ein warmes Herdfeuer. Die steifen Glieder aufwärmen. Ein Becher heißer Würzwein vielleicht. Seine Füße liefen von selbst, wadentief sank er im Schnee ein.
Nach einigen Minuten blieb er erneut stehen. Ein Kind schrie. Ein sehr kleines Kind, ein Säugling noch.
Also lebte dort wirklich wer.
Munter stapfte er voran.
O’r argol, das Kind schrie sich ja die Seele aus dem Leib! Es wollte sich gar nicht beruhigen. Jetzt zeterte auch noch ein Weib. Und dazu eine Männerstimme, die zornig Befehle spie. Herrje, in einen Zwist mochte er nicht hineingeraten. Das war selten ratsam. Besser man mischte sich nicht in die Belange anderer Leute ein.
Da verstummte das Schreien.
Kurz darauf erspähte er eine Hütte. Aufgetaucht aus dem Nichts. Sie war schwer auszumachen. Eingezwängt zwischen Stämmen und Büschen, windschief und winzig. Ryss blieb stehen. Er äugte hinüber. Männerstimmen drangen heraus. Und das Kind hob wieder zu greinen an. Er verharrte. Das Reisen hatte ihn vorsichtig gemacht. Man war besser auf der Hut. Umkehren? Aber eine warme Suppe … Die Tür schepperte mit dumpfem Knirschen auf, zwei Männer kamen heraus.
Ryss handelte unwillkürlich. In der Sekunde, da er begriff, dass sie einen Toten zwischen sich schleppten, machte er einen Satz hinter den nächsten Baumstamm. Er erfasste noch die Gleichzeitigkeit, mit der alles geschah, bevor er sich für seine Ungeschicktheit verfluchte: Seine Bewegung war zu rasch gewesen, es knackte und knarzte, als er umknickte, das Gleichgewicht verlor, stürzte und heiser aufschrie, weil ihm die Kanten seines Kastens in die Rippen stachen. Schnee rieselte auf ihn herab, die Männer ruckten die Köpfe in seine Richtung. Sie ließen den Toten fallen wie einen Mehlsack und stürmten mit grimmiger Entschlossenheit auf ihn zu.
„Dass dich der Teufel schände, was ist da drin?“
Der mit der roten Nase und der dünnen Stimme kniete neben seinem Rucksack und hielt ihm das bauchige Fläschchen aus grünem Waldglas hin. Der zweite Mann, der gepflegter aussah, stand daneben und ließ ihn nicht aus den Augen.
Ryss lag am Boden, eine Körperlänge von der offenen Feuerstelle entfernt. Er bewegte die Arme, die man ihm auf dem Rücken gebunden hatte, und verzog missfällig das Gesicht. „Getrocknete Mausköpfe“, antwortete er gleichmütig und hoffte, dass man nicht hörte, dass ihm das Herz im Halse schlug. Er verwünschte seine Tölpelhaftigheit. Ließ sich von diesen beiden Kalbsköpfen gefangen nehmen. Mit Genugtuung sah er zu, wie Rotnase das Glas von sich weg hielt und ungläubig darauf starrte, wobei er die schräg stehenden Augen zusammenkniff, dass die Haut der Unterlider schmale Wulste warf. Er sah grobschlächtig aus. Rote strähnige Borsten wie ein Ire, die dazu passende rote Knollennase, fleischige Lippen. Ein roter Kinnbart von gut zwei Zoll Länge und zerfranst wie bei einem Ziegenbock, zu dem das hellbraune Lederwams passte, das er über einem Lederhemd trug. Ein Haudrauf, wenn man ihn fragte.
„Was verschlägt dich in diese abgeschiedene Ecke?“, fragte der, der stand. Sein Mantel war aus gutem Wollstoff, wie er ihn bei den Wallonen gesehen hatte. Er hielt Stulpenhandschuhe in der Hand und schlug damit immer wieder auf die Innenfläche der anderen Hand. Er hatte sehr kurz geschorenes braunes Haar, einen dünnen Oberlippenbart, schmale Lippen, einen senkrechten Bartstrich zum Kinn, der in einen dürftigen braunen Kinnbart mündete. Verwirrend war, dass er in den Augen des Mannes eine Art melancholischer Trauer las, die ihn eigentümlich an die eigene erinnerte.
„Ich habe mich verirrt.“ Ryss’ Herz klopfte. Neben der Hüttentür, keine drei Schritte entfernt, lag die Leiche eines Mannes wie ein hingeworfener Sack. Schweinepisse und Teufelsdreck – der war keines natürlichen Todes gestorben! Das Blut an seiner Seite sprach eine deutliche Sprache. Und was hatte es mit dem Weib auf sich? Auf einer dünnen Strohschütte hinter ihm kauerte ein verängstigtes Mädchen, das einen Säugling in den Armen hielt. Sie gab keinen Mucks von sich. Gehörte sie einem der beiden Misthaufen?
Der Stehende kickte ihm die Stiefelspitze in die Seite. Ryss zuckte von ihm weg.
„Wer bist du? Und was ist das für eine Färbung in deiner Aussprache?“
„Nur ein umherziehender Krämer, Herr.“
Die beiden wechselten einen Blick.
Er deutete mit dem Kinn zum Glas, das Rotnase neben sich am Boden abgestellt hatte, und sagte leichthin: „Ich biete vielerlei Hilfliches an. Die Mausköpfe, sie erleichtern das Zahnen einem Kind. Nichts für Euch, nehme ich an.“
„Mach dich nicht lustig, Milchgesicht! Außerdem heißt es hilfreich.“ Rotnases Stimme schepperte dünn. Sie passte nicht zu diesem verschlagenen Rohling.
„Ich meinte nur, Herr, Ihr selbst braucht ihn nicht, so Ihr jedoch habt ein zahnendes Kind, ich empfehle Euch, ihn um den Hals zu binden dem Kind. Mein Ehrenwort, jede Maus sprang noch putzfidel umher, ehe ich ihr den Kopf abbiss.“
„Erzähl keinen Scheiß!“
„Das tue ich nicht, Herr. Ich handelte ehrlos, würde ich die Köpfe abkaufen dem erstbesten Bettler, von dem ich annehmen muss, dass er zuerst tötete die Maus, bevor er den Kopf abschnitt. Das wäre unwirksam und daher unlauter und daher ich verrichte die Schmutzarbeit selbst und beiße den lebenden Mäusen die Kö…“
„Quatsch mich nicht zu.“
Aber er horchte auf! Ryss äugte zu dem Stehenden, nickte dann zu dem Toten hin, bemühte sich um einen unterwürfigen Ton, gab sich dienstbar und bemerkte bedauernd: „Wäre ich früher zu Euch gefunden, hätte ich sicher helfen können Eurem armen Verwandten. Ich habe Mittel gegen mancherlei Gebrechen.“ Nahmen sie ihm ab, was er damit andeutete? Dass er einen gewaltsamen Tod nicht in Betracht zog? Wohl kaum. Es war ihm ein Gräuel, Rotnase zuzusehen, der Tiegel und Säckchen aus seinem Rucksack klaubte, den Kasten hervorholte und ihn öffnete. Er enthielt Fächer, damit zerbrechliche Dinge nicht kaputtgingen. Beide Männer starrten argwöhnisch auf das Gewirr aus Ton- und Glasgefäßen.
„Was ist das?“, fragte Rotnase und hob ein Gläschen hoch.
„Gummi Arabicum.“
Er schaute fragend, also erklärte Ryss: „Ich mische es mit anderem zu einem Gemenge, um gefeit zu sein gegen Gifte.“
Rotnase feixte – und ließ das Gläschen fallen. Es zerbarst nicht, sondern rollte weg.
Ryss schluckte.
Das nächste Gläschen.
„Pulverisierte Mäuse“, sagte Ryss so gleichgültig wie möglich. In Wahrheit mischte er Staub und Sand und gab vor, es seien pulverisierte Mäuse. „Gegen Fallsucht“, ergänzte er rasch, noch ehe Rotnase fragen konnte.
Diesmal warf der Haudrauf es mit Schwung ins Feuer, wo es mit einem hässlichen Knacken zerbarst.
„Also?“, fragte der, der stand.
„Bitte!“, sagte Ryss und grollte sich selbst für den flehentlichen Ton. Aber sie zerstörten sein Einkommen! Was er in Apotheken oder von Kräuterweibern erwarb, kostete Geld!
„Du bist also zufällig hier?“
Rotnase zurrte ein rotfleckiges Säckchen auf, äugte hinein und warf es dann grinsend ins Feuer. Das waren die getrockneten Wolfsbeeren. Ryss stöhnte auf. „Ja. Ich bin unterwegs nach Süden.“
„Im Winter?“
„Ein Händler wie ich kennt keine Jahreszeiten. Ich brauche auch etwas zu essen im Winter. Zudem – mit Verlaub – ist noch Herbst.“
Rotnase verpasste ihm eine Kopfnuss. „Werd nicht frech, Milchgesicht.“
„Verzeiht“, murmelte Ryss. Er sah, wie sie sich erneut mit Blicken verständigten.
Die Stiefelspitze des Dunkelhaarigen tippte nacheinander einige der umliegenden Gegenstände an. „Tönerne Räucheröfchen, der Fünfstern als glasierte Verzierung. Schmelztiegel, Hahnenkrallen. Und was ist das? Ziegenohren? Ein Krämer? Würzverfälscher wohl eher.“
Rotnase hielt ein Säckchen hoch und schüttelte es. Die Walnüsse darin klapperten. „Dass der Teufel dich schände, Geschäftemacher und Betrüger“, bemerkte er.
„Keineswegs, Herren“, widersprach Ryss und legte Selbstbewusstsein in Stimme und Haltung.
„Kräuter, Öle. Und das hier …“ Die Stiefelspitze trat auf einen mit einer Kordel zusammengehaltenen Bund Flugblätter, die Rezepte und Zaubermaßnahmen enthielten, was man an den Bildern erkennen konnte. „Damit führst du leichtgläubige Menschen hinters Licht.“
„Ich …“
Rotnase hielt ihm sein in schwarzes Leder gebundenes Buch hin, in das er seine Rezepturen und Erfahrungen einzutragen pflegte. Er trug es stets ums rechte Bein gezurrt, und sie hatten es ihm ebenso abgenommen wie seine Beutelchen, als sie ihn nach Waffen durchsuchten. Besonders überlegt waren sie dabei allerdings nicht vorgegangen. Die naheliegendste Stelle hatten sie nicht angetastet. Ryss versuchte, die niedergeschmetterte Miene beizubehalten und sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihn anwiderte, dass die dicken Finger mit den schwarzen Nägeln sein geliebtes Buch beschmutzten.
„Verwickelte Verzierungen im schwarzen Leder.“ Er drehte das Buch um und deutete mit dem Finger auf die Rückseite. „Noch einmal der Fünfstern. Und innen drin unverständliche Zeichen und Wörter. Die Zubehöre eines Zauberers, wenn Ihr mich fragt. Herr.“ Er warf das Buch zu den anderen Dingen am Boden.
„Aber Ihr irrt!“ Ryss gab sich empört und zog die Nase hoch. Unverständliche Zeichen und Wörter! Dieser Idiot! Nur weil er selbstverständlich in seiner eigenen Sprache schrieb, die dieser Dummkopf natürlich nicht kannte. Wenn der überhaupt lesen konnte!
„So?“ Der Stehende klang fast belustigt.
Ryss’ Kehle wurde eng, als er sah, wie Rotnase die Hand auf den Schwertknauf legte.
„Lass stecken, Vetter. Er kommt uns wie gerufen. Erspart uns unnötig Weg und Unbill. Und er ist ein Fremder. Wir nehmen ihn.“
Rotnase stieß ein überraschtes Grunzen aus.
„Quacksalber, sagen wir, du wirst uns einen Gefallen tun“, bemerkte der Dunkelhaarige.
Das hieß, dass sie ihn erst einmal nicht kaltmachten. Ryss spürte Erleichterung, auch wenn er Übles ahnte. Er rang sich ein steifes Lächeln ab und erwiderte: „Jederzeit, die Herren, zu Diensten, so es ist nicht unlauter und ich es vermag!“
„Unlauter?! Hirhirhir!“ Rotnases Lachen rasselte dünn. „Unlauter, ich fress dem Ochsen seine Eier! Unlauter!“ So ungestüm, wie er begonnen hatte, war er auch wieder still. Er beugte sich zu ihm herüber, Ryss konnte den üblen Atem des Gesellen riechen, als der ihm drohend langsam Wort für Wort entgegenspie: „Hausierer sind hierzulande keineswegs gut gelitten.“ Er deutete auf die umherliegenden Dinge. „Zauberer auch nicht. Schau dir deinen Mischmasch an. Und dann danke dem Herrn, dass wir dich nicht dem nächsten Büttel ausliefern.“
Ryss schluckte. Das hätte gerade noch gefehlt. Da war er aus diesem Grund aus der Stadt fort, nur, um ausgerechnet mitten im verlassensten Wald auf diese beiden Halunken zu treffen, die ihm damit drohten, ihm genau zu jenem Schicksal zu verhelfen, dem er zu entfliehen gedacht hatte. Oder die ihn umbrachten, wenn er sich nicht geneigt zeigte. „Ich bin sicher, wir kommen überein“, sagte er glatt – und lächelte. Gwae fi! Wie komme ich da wieder heraus?, überlegte er.
„Binde ihn los!“, befahl der Stehende.
Rotnase warf ihm einen warnenden Blick zu. „Keine Dummheiten, verstanden!“
Ryss schnitt eine Grimasse, von der er hoffte, dass sie leutselig und zustimmend aussah, drehte den Oberkörper, sodass der Kerl ihm die Fesseln abnehmen konnte. Er ächzte, als er die Hände nach vorne nahm und sich die Gelenke rieb. Man bedeutete ihm aufzustehen.
Als er es tat, warf er einen raschen Blick in die Ecke, wo zusammengesunken das Mädchen kauerte. Sie sah nicht her.
„Nur so, um Aufschluss zu erlangen“, sagte er beiläufig. „Die Gegenleistung für meinen Gefallen?“
Rotnases Faust schnellte nach vorne, traf ihn hart am Kinn, sein Kopf flog zur Seite, er taumelte rückwärts. Ein erstickter Aufschrei des Mädchens. Ryss spuckte auf den Boden, hielt sich den Kiefer, nickte. „Verstanden“, murmelte er. „Ihr seid gerade nicht so gut bei Kasse, um zu bezahlen mich. Ich habe Verständnis.“
Rotnase packte ihn am Brusteinschnitt seines schwarzen Überhemds.
„Du – quatschst – mich – nicht – dumm, Windhund!“
Beschwichtigend hob Ryss beide Arme.
Rotnase ließ ihn los.
„Genug jetzt!“, befahl der andere. Er hatte nahe der Feuerstelle herumgekramt, jetzt legte er ein großes Buch auf einen Baumstumpf und winkte ihn heran. Er schlug das Buch auf, blätterte zu einer Seite weiter und zeigte darauf. Ryss konnte die Schrift im schwachen Feuerschein kaum erkennen. Auch um welche Art Buch es sich handelte, vermochte er nicht zu sagen. Von der Größe her allerdings schien es nichts Alltägliches zu beinhalten.
„Ein Radiermesser stellen wir. Du musst mit äußerster Umsicht vorgehen. Hernach wird eine Behandlung erforderlich sein, die das Papier glättet, es in eine Art, sagen wir, jungfräulichen Zustand versetzt.“ Der Schmallippige grinste tatsächlich anrüchig. „Wir haben dafür vorgesorgt.“ Er wies auf Ryss’ am Boden verstreute Habseligkeiten. „Aber sicher findet sich zudem in deinem Zauberkasten Geeignetes.“
„Ich bin Krämer, kein Alchemist!“, widersprach Ryss und bereute es sofort, da Rotnase drohend an seine Seite trat.
„Schon gut!“, wehrte er ab. „Gestattet eine Frage mir?“
Die beiden verständigten sich einmal mehr mit Blicken, und Ryss, bemüht, dass es nicht wieder wie eben mit ihm durchging, sagte: „Ich nehme an, ich kann ziehen meiner Wege, wenn meine Aufgabe ist erfüllt?“
„Du wirst so lange bei uns bleiben, wie wir dich brauchen. Danach kannst du gehen“, bestimmte der Braunhaarige.
Ryss verneigte sich. Sie werden den Teufel tun und mich ziehen lassen, dachte er.
Da begann der Säugling zu keckern und Rotnase fuhr zornig herum. „Wenn das wieder losgeht, werf ich es ins Feuer!“
Sie sahen alle drei zu dem Mädchen hin, das aufschluchzte und eilig das Kind zu beruhigen suchte. Hastig schnürte sie ihre Kleidung auf und begann, es zu stillen. Ryss kaute seine Unterlippe. Damo!, wo war er da nur hineingeraten?
Elf
Der erste Glockenton von Heiliggeist hallte über den Marktplatz, weitere folgten, es schlug Mittag. Philipp lehnte an der Rathausmauer. Er hatte das rechte Bein angewinkelt und stützte den Fuß am Mauerwerk ab. Über seinem Kopf stoben laut flatternd die Tauben vom Balkon auf, der über die gesamte Stirnseite des Rathauses verlief. Benommen starrte er auf das Gewirr aus Schragentischen, Menschen, Hunden und Hühnern vor sich. Er gewahrte den langen braunen Mantel einer Bürgersfrau am Stand eines Goldschmieds, die Puffärmel, den hohen Kragen, der in die Halskrause mündete, die Kinn und Haaransatz im Nacken bedeckte. Er sah die rote Feder auf ihrem kleinen Barett bei jeder Bewegung ihres Kopfes wedeln. Wie konnte sie nur so sorglos um eine Kette feilschen, wo seine Welt doch aus den Angeln gehoben war? Wie konnte nur alles den gewohnten Gang gehen, wie konnte der Metzger so gleichgültig wie eh und je Schweinehälften in Stücke hacken, wie der Kammmacher so selbstverständlich am Horn herumfeilen? Er hatte ein solches Mühlrad im Kopf! Zu seiner Angst und Sorge um Hedwig und Juli kam die Wut darüber, was vorhin in der Kanzlei vorgefallen war. Er legte den Arm vor den schmerzenden Magen, fühlte sich noch ohnmächtiger. Er hatte sich gezwungen, seine Aufgaben mit dem gewohnten Fleiß zu verrichten, doch als wäre die ständige Besorgnis nicht genug, dass man das Fehlen des Kopialbuches entdecken könnte oder man ihn bei der morgigen Rückgabe des Buches ertappen würde, hatte ihn auch noch Nickel übel zugerichtet. Wieder sah er vor sich, wie dieser Teufelsbraten mit dem Besen auf ihn zukam, ihm den Stiel so hart in die Magengrube stieß, dass er einknickte.
„Scheißhaufen!“, zischte Nickel. „Du widersetzt dich nicht noch einmal meiner Anordnung!“ Rasch und zackig schlug Nickel ihm die Faust ins Gesicht. Philipp wankte, er war darauf nicht gefasst gewesen. Und noch ehe er sich wehren konnte, kam der zweite Schlag, der dritte. Philipp ging in die Knie, rang nach Luft. Nickel zog ihn hoch, stieß ihm den Besen vor die Brust. Streitsucht quoll aus jeder Geste des oberen Kanzleiknechts. Er brachte sein Gesicht nah an Philipps. „Ich sag ja, ich hau dir in die Fresse! Raus jetzt! Fegen!“
Das Herz schlug ihm vor Wut bis zum Hals, und er ballte die Hand zur Faust, als er daran dachte, wie er hinausgetorkelt war. Er hatte die Zähne zusammengebissen, durch den Schmerz geatmet und gefegt. Scheißnickel. Eine Stunde später hatte er den ihm zugeordneten Amtleuten ein kleines Mahl von der Garküche am neuen Markt gebracht. Jetzt hatte er selber Mittag, stand hier am Rathaus, ohne zu wissen weshalb, und sog die kalte Luft ein. Nachdenken. Die Schmerzen nicht beachten. Gab es etwas, das er tun konnte? Wieder und wieder überlegte er. Sich jemandem anvertrauen, vielleicht doch dem Vizekanzler? Es kam nicht infrage. Er würde es nicht über sich bringen, die unverzeihliche Tat zu offenbaren, die er begangen hatte. Um seine Familie zu retten, musste er schweigen – und bis morgen ausharren. Das brachte ihn schier um den Verstand. Dazu kamen die Schmerzen. Brust und Kehle taten weh, desgleichen sein Magen. Sein Gesicht war angeschwollen. Er sollte sich ausruhen. Aber daran war nicht zu denken, er würde ohnehin keine Ruhe finden.
Dann, ohne dass er wusste, woher der Anstoß dazu kam, setzten sich seine Füße in Bewegung, er wandte sich nach rechts, ließ die Verkaufstische des Marktplatzes links liegen und hielt auf die Untere Straße zu, die nördlich an Heiliggeist vorbei Richtung Fischmarkt führte. Spatzen stritten sich bei den Bäckerbuden an der Kirche im Schneematsch um heruntergefallene Krümel. Vorsichtig ging er auf dem unebenen Pflaster weiter. Karren, Vieh und Menschen hatten einen schmutzigen Pfad in das Weiß gefurcht. Als er den Fischmarkt am westlichen Ende der Kirche überquerte, vermied er den Blick nach links, wo die Haspelgasse nach wenigen Hundert Schritten in die Hauptstraße mündete und geradewegs auf das Beliersche Haus wies. Als ob er nicht ohnehin unablässig an Hedwig denken würde. Und daran, dass der Finsterling ihren Namen kannte und ihren Ring besaß. Wut raste durch seine Eingeweide wie ein Feuerball, vermischte sich mit den Körperqualen, und Philipp musste achtgeben, dass er nicht strauchelte und in den Matsch fiel. Ablenkung!, sagte er sich, während er auf den Brunnen am Heumarkt zuhielt. Der Anblick von Pferden würde ihn ablenken. Philipp passierte den Brunnen und folgte dem ansteigenden Schlenker der Gasse nach links, wo sie vor dem Mitteltor mit der Hauptstraße zusammenlief. An dem quadratischen Torturm drängten sich noch mehr Leute, Studenten vornehmlich, denn links vom Tor in der Grabengasse lag die Universität, das erst vor vier Jahren vollendete Collegium Casimirianum, und gleich daneben das Sapienzkolleg. Hier hatte man Sand ausgestreut, weil sich die Hauptstraße nach Westen hin leicht absenkte. Pferdeäpfel und Schweinekot mischten sich mit dem Matsch zu einer braunen Sudelei. Der Torwächter indes sorgte für ein fließendes Durchkommen in beide Richtungen. Philipp überquerte die Brücke und erreichte die westliche Vorstadt auf der anderen Seite des Grabens. Der Stadtgraben entlang der alten westlichen Stadtmauer war seit Langem zugeschüttet, der Teil des Grabens rechts vom Mitteltor jedoch, rundum von Mauern begrenzt, diente als Turnier- und Schießplatz. Man konnte ihn von der Straße aus nicht einsehen, ein mehrstöckiges Gebäude verhinderte die Sicht hinunter. Wehmütig dachte er daran, dass er zusammen mit Hedwig etliche Male auf dessen Aussichtsplattform gesessen und Wettspielen zugesehen hatte, die der junge Kurfürst auf dem Platz zu veranstalten liebte. Er passierte das Gebäude und die sich daran anschließende Backsteinmauer und bog schließlich rechts in die Untere Sandgasse ab. Kalter Wind fauchte ihm vom Neckar her ins Gesicht. An den Seiten der Eingänge der spitzgiebeligen Fachwerkhäuser türmten sich kleine Schneehaufen. Wieder wich er Leuten aus, die die Gasse heraufkamen und wie er in der Mitte gehen mussten. Dann stand er am Eingang zum Marstall. Der vorige Kurfürst Johann Casimir hatte das alte Zeughaus um den Marstall ergänzen lassen. Er war erst vor zwei Jahren fertiggestellt worden. Der Wächter ließ ihn passieren. Als er in den Innenhof trat, stieß er mit einem überraschten Pfiff die Luft aus. Welch ein Gewimmel, Gewieher, Gebell! Edle in gestreiften Kniehosen und pelzverbrämten langen Mänteln, Knechte in Wollkitteln, die dampfende Holzeimer schleppten. Helle Zelte in ordentlichen Reihen nahmen gut ein Drittel des geräumigen Hofgevierts ein. Man hatte schmalste Gassen zwischen ihnen gelassen, Stroh ausgestreut. Fässer und Holzkisten standen zwischen Schneehaufen, hier und da Holzgestelle, an denen Schwerter in Halterungen staken. Auf einem dicken Pfosten thronte ein Falke, vor einem Zelt färbte verschütteter Wein Stroh und Matsch rot. Bunte Wimpel wehten im Winterwind, Rauch kräuselte sich aus kleinen Feuern in Eisenpfannen gen Himmel, der Geruch mischte sich mit dem nach Pferden und Pferdemist, nach Leder und gebratenem Fleisch. Philipp wich zwei schwarzen Doggen aus, die sich im Spiel umkreisten, dass der Matsch aufspritzte, und hielt auf die Mitte des Innenhofes zu. An dessen östlichem Ende erkannte er zwischen Menschen und Zelten hinten bei der dicken Befestigungsmauer, die auf der anderen Seite den Turnierplatz am Graben begrenzte, Gäule in eigens dafür gezimmerten Stellplätzen. Er wusste, dass im kurfürstlichen Marstall gut einhundert Pferde Platz fanden. Dreihundert seien schon da, hatte Kilian gesagt. Und es sollten noch mehr kommen. Schon jetzt war das eine beachtliche Ansammlung. Philipp blieb inmitten des Hofes stehen. Um ihn her ein Gerufe und Gesumm aus unzähligen Kehlen. Er sah hinüber zu dem aus Buckelquadern erbauten Zeughaus. Es lag links von ihm, zum Neckar hin, und von dessen beiden Wehrtürmen am Fluss konnte er von seinem Standort aus lediglich die obersten Spitzen der Turmhelme sehen. Strebepfeiler stützten das Gebäude, in dem Versorgungsgüter und Ausrüstungen lagerten, mittig ragte ein Treppenhaus in den Hof, zwei Zeugwärter kamen herunter und riefen einem Knecht, der Schnee von den Stufen fegte, eine Anweisung zu. Rechts von ihm erhob sich der zweigeschossige neue Bau des Marstalls. Wahrlich, ein bewundernswertes Gebäude. Dreistöckige Spitzengiebel, zwei schlanke Treppentürme mit zwiebelartigen Hauben, kunstvoll gearbeitete Säulen an der – sicherlich fünfzig Ruten breiten – Vorderseite, eine doppelläufige, steinerne Freitreppe in deren Mitte, unter der sich der Eingang zu den Stallungen befand. Eine Weile stand Philipp nur da und staunte, roch Stein, Rauch und Leder, hörte Gelächter und von irgendwoher gar das Quäken einer Sackpfeife. Er vergaß, was ihm Sorgen bereitete. Doch von einem Augenblick zum nächsten fühlte er sich inmitten all diesen Gewühls allein und elend. Ihm wurde mit einem Mal beklemmend zumut, und er spürte sein Herz heftig gegen die Rippen schlagen. Eine so jähe Angst griff nach ihm, dass alles vor seinen Augen zu verschwimmen drohte. Das Blut pulste ihm in den Ohren, seine Hände waren eiskalt, er wollte gleichzeitig weglaufen und zu Boden sinken. Niemals zuvor hatte er ein solches Gefühl erlebt, etwas kehrte ihn von unten nach oben, er schnaufte tief durch, hatte plötzlich die Stimme des Scheißkerls im Ohr, die „Atme!“ zischte. Er wankte und musste sich irgendwo anlehnen! Er sah ein Fass, hielt darauf zu, doch dünkten ihn seine Beine schwer wie Blei. Das Fass war ein aufgerissenes Maul, schwarz wie die dunkelste Nacht. Gleich würde er stürzen, Herr im Himmel, was war ihm nur? Zwei Schritte noch, dann erreichte er das Fass und lehnte sich dagegen, neigte den Kopf, um niemanden ansehen zu müssen, legte den Arm um die Leibesmitte, suchte ruhig zu atmen, um das Herzrasen zu beruhigen. Dennoch fühlte er sich, als müsse er schreiend durch die Reihen rennen, alsdann erschöpft im Matsch zusammenbrechen.




