Der Sonnensturm Teil 2 Graffiti

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Charles: »Kaum zu fassen, dass ihr damit Saddam Husain gefunden habt. Ich kenne noch die Probleme, die wir damals mit dem Funkverkehr hatten. Bei der ganzen Menge an Informationen sind wir nur von Büro zu Büro gehastet, mit Papiertüten über dem Kopf, damit kein anderer mitbekommen konnte, über was wir brüteten. Ich kann hier mit meiner niedrigen Sicherheitsstufe ein und ausgehen. Hier, ich habe sogar mein Foto-Telefon behalten können und die Tür da drüben ist nur angelehnt. Dafür würde ich jemanden doch degradieren, oder nicht?«
Daniela: »Was wollen Sie denn fotografieren? Die E-Mails werden nicht gelesen, nur nach Schlüsselwörtern durchsucht und die sozialen Gewohnheiten aufgezeichnet. Google macht das gleiche, nur, dass sie die Informationen zum Verkaufen verwenden. Die haben große Glastüren. Wenn Sie bei uns diese Sicherheit suchen, gehen Sie zu den Schattenkriegern mit ihren Viren und Würmern. Die sollen sogar diese Nacktscanner haben!«
Charles: »Ihr werdet auch viel Mist haben, wenn ihr immer jede E-Mail mit dem Wort Bombe beachten müsst.«
Daniela: »Ja, wir müssen sie aber nicht lesen. Das geht automatisch in Millisekunden. Kaum vorstellbar, welche Hundertschaften früher hier Top-Secret waren.«
Fast 500 Tausend Euro ließ Charles in Teeside. Er hatte sich auf Martins Kosten mit Programmen eingedeckt, die in 6 Monaten nur noch Mittelklasse waren. Es waren auch Spezialanfertigungen dabei für den recht bizarren Südpol mit seinem Funkstörer. Seneca zahlte nichts für weit fortgeschrittene Programme aus der Zukunft, die ausnahmsweise einmal Charles überwachten. Der Supercomputer des Präsidenten der USA aus der Zukunft konnte sie auch abhören auf dem halben Weg zur Wostokstation und aus dem Funkstörer. Er wusste genau, wieso Charles neues Material brauchte. Die Hälfte des Gewichts der Station Nica bestand doch aus Abhöranlagen. Seneca sollte schon ein paar Sekunden rechnen, um zu ermitteln, ob er Martin diese Information gab. Bei der Menge an Geld, die Martin hatte und ständig ausgab, war es zu unwichtig, dads er jetzt dafür bezahlte selbst abgehört zu werden. Seneca entschied sich stattdessen für das Klebeband, das die künstliche Haut nur scheinbar vor Erfrierungen auf dem Motorschlitten schütze und drückte es fest zu. Die Kontrollwut Chinas war fast groß genug, dass Deng es in seinen Bericht, der natürlich ausschließlich von Sebastian Seneca handelte, aufgenommen hätte. Martin war immer noch beschäftigt und die Erinnerung an die anderen großzügig ausgestatteten Konten hätte ihm gutgetan. Er wollte einkaufen. Er griff zur Brieftasche.
Martin: »Autsch, nichts mehr da. Soll ich den Molke erst fragen, ob er bei den Zeugen ist?«
Gedankentrunken und völlig abwesend war die nächste Haltestelle Martins der Geldautomat. Etwas war anders beim Geldautomat. Erst lief alles wie gehabt. Er steckte die Karte in den Schlitz, aber dann, als er zum Eingeben der Geheimzahl kam, wurde der gewöhnliche Trott unterbrochen. Der mit voller Absicht absolut blickoffen konstruierte Geldautomat hatte einen aufgeklebten Sichtschutz, für Blöde. Eine Mutmaßung meinerseits, der aufgeklebte Sichtschutz, der verhinderte, dass ein anderer von hinten die Geheimzahl ausspähte, wurde von jemandem vorgeschlagen, der noch nie die auf dem freien Markt, zum Beispiel in den Niederlanden, erhältlichen, genauso aufklebbaren Kameras gesehen hatte, die natürlich exakt unter den Sichtschutz passten. Martin kniete sich hin, um unter dem Sichtschutz die Lage zu sondieren, bevor er die Geheimzahl eingab. Hinter ihm sagte jemand Amen.
Martin: »Amen, genau!«
Als ob die Bank nicht schon lange genug sein Leben kontrollierte, jetzt verlangte sie noch ein Gebet.
Beim Blick auf das Konto stellte Martin fest.
Martin: »0 Euro. Seneca, was ist eigentlich der Sinn der Null?«
In dieser Stadt verwunderte es keinen, dass Martin Selbstgespräche führte.
Seneca: »Die Null ermöglicht das Konto und die Bank. Sie gibt an, dass noch Immaterielles existiert, den Besitz des Kontos. Ohne Null würde das Konto, das sich genau zwischen Soll und Haben befindet, gelöscht. Bevor die Null aus Indien nach Europa kam, konnte es keine Bank, kein Konto und keinen Wechsel geben. Etwas später kamen noch Aktien dazu. Es ist eine sehr wichtige Angabe, die eine Bestätigung von mathematischen Formeln ermöglicht und ein Grundpfeiler der Zivilisation. Sie ist seit dem Mittelalter die eigentliche Zahl des Teufels.«
Richtig, unvorstellbar war es für den Papst jener Zeit, dass eine Zahl ohne Wert, eine andere Zahl mit Wert verzehnfachte, wenn sie hinter ihr stand, Hexerei.
Martin: »Dann habe ich gerade zum Teufel gebetet!«
Die Bestätigung kam wieder von hinten. Martin hatte leichten Hunger und schon lange kein Bier mehr gehabt. Zeit, die Wohnung der Mutter zu besuchen. Dort waren immer ein Bier und etwas Geld. Jetzt war wieder etwas anders. Die Wohnung hatte wieder eine andere Farbe und Martins Laune hatte sich aus irgendeinem Grund nicht verschlechtert. Das Bier und das Geld waren Notgroschen, wenn Martin einen Monat schlecht gehaushaltet hatte. Das war schon lange nicht mehr passiert. Ein Rückfall in die Zeit, wo Martin noch von seiner Mutter abhängig war. An sich eine kleine Katastrophe, doch jetzt dachte Martin nur an Dr. Molke und die Zeugen. Der mandelförmige Bereich in Martins Kopf glühte regelrecht. Das Bier, das in einer solchen Situation einfach für gute Laune sorgen sollte, wurde mehr gewohnt als gewollt herunter gekippt. Es hatte anscheinend keine Wirkung auf Martin. Da war dann aber doch eine, die man nicht spürte. Martin erinnerte sich auch nicht an die Regeln des Einkaufens. Einfache Regeln, die das Überleben eines Hartz-IV-Empfängers erst ermöglichten. Ein Discounter war nicht umsonst immer nach demselben System aufgebaut. Der erste Grundsatz besagte, dass der Weg des Kunden immer gegen den Uhrzeigersinn zur Kasse führte, damit die rechte Hand immer die war, die mehr nach Waren griff. Martin kürzte nicht ab und lief auch nicht mit Scheuklappen vor den Augen direkt zu dem, was er haben wollte. Er sah wohl zum ersten Mal, dass es im Discounter auch Markenware gab und Aktionsware, die immer an den Orten stand, wo Martin hinsah. Martin sah auch die Ware, die sich immer im Winkel von 30 Grad nach unten eigentlich gut präsentierte. Er überprüfte sogar die Preise, ein absolutes Tabu für Hartz-IV-Empfänger, die immer von dem., was man anstarrte,. in die unterste oder oberste Reihe des Regales blicken mussten, ohne die teureren Produkte wahrzunehmen. Martin verfiel dem Kaufrausch endgültig, als er sich noch an der Kasse einen neuen Beutel kaufte, weil er seinen vergessen hatte.
Kassierer: »Ist das Ihre Tasche?«
Martin: »Äh, ja, nein, ich verstehe die Frage nicht! Sie ist meine, aber bezahlt habe ich sie noch nicht. Gestohlen ist sie auch nicht!«
Kassierer: »Sie gehört zum Einkauf?«
Martin: »Natürlich!«
Kassierer: »Sie werden sie jetzt erwerben und damit mitbezahlen?«
Martin: »Ja!«
Das gab eine dicke Rechnung. Am 1. Tag sollte es zu Gael gehen nach Stralsund. Weder war Martin bedrückt, weil er im Zug zahlen musste, noch war Martin erfreut, weil er nicht zahlte. Er hatte nicht geschlafen, und verträumte, ob er nun zahlte oder nicht zahlte, einfach ohne zu schlafen. In Stralsund war Gael sehr froh Martin zusehen. Gael erzählte gleich vom Wunder der Psychoedukation. Es war der Unterricht, der dem Patienten beibrachte, sich mit dem Arzt zu verständigen, über die Dinge die in seinem Kopf passierten.
Gael: »Das ist alles Reizüberflutung. Es war zu viel für mich.«
Es war die einzige Gelegenheit, dass sich Gael dank eines Dolmetschers verständlich machen konnte und er warf ihm völlig überdreht Fachbegriffe an den Kopf, die er aufgeschnappt hatte. Er stand natürlich unter Drogen. Der Zug fuhr nach Hause und Martin sollte dank der Frage auch diese Nacht nicht schlafen. Am 2. Tag beschloss Martin spazieren zu gehen. Er nahm seinen üblichen Weg. Zwei Mädchen kreuzten seinen verträumten Weg und grüßten.
Mädchen: »Hallo!«
Sie sahen sich danach lächelnd an und stießen sich gegenseitig in die Seiten.
Martin lächelte und grüßte zurück.
Martin: »Hallo!«
Ein Stückchen weiter wiederholte sich die Szene mit einer Frau, die ihren Hund ausführte.
Dann wurde er angehupt von einer VW-Fahrerin. Hätte er es doch nur geahnt! Hier wurde Martin stutzig. In Mecklenburg-Vorpommern sind einer Studie zu Folge die unhöflichsten Menschen Deutschlands. Man grüßte nicht einfach so auf der Straße. Hatte er einen Hemdschniepel oder einen Workaholic Urinfleck? Er lief zu einem Schaufenster und kontrollierte sein Spiegelbild. Als er sich in die Augen sah, machte es laufend Bang Bing. Er verguckte sich in sich selbst! Er spazierte ein Stück weiter und fragte sich, was wohl gerade passierte? Martin musste stehen bleiben. Eine Ampel zeigte rotes Licht, das ihn hypnotisierte. Um das Licht zu ändern, musste man einen Knopf drücken, ein Signal für Blinde wäre ertönt und dann könnte man theoretisch, bei grünem Licht, über die Straße gehen. Eine Schaltung verhinderte sogar, dass gleichzeitig verschiedene, widersprüchliche Signale gesendet wurden. Der Schlüssel war der Knopf für Fußgänger. Wieso erschien kein neues Licht? Martin hatte vergessen den Knopf zu drücken!
Martin: »Seneca, wie bringt man das rote Licht dazu grün zu werden?«
Seneca: »Man bewegt sich schnell davon weg!«
Martin dachte an den Energiekrieg und sah bei Senecas Anweisung wieder denselben Bug. Charles müsste sich mit Schaltungen auskennen, oder? Von Autofahrern hörte man Aussprüche wie ‚in jeder Farbe steckt ein bisschen grün‘. Seneca gab Martin anscheinend den Tipp, nun ja bei Rot über die Straße zu rennen und Charles könnte schlimmstenfalls noch den Hinweis bekommen, die Ampel zu erschießen. Martin holte sein Telefon aus der Tasche, Charles war noch irgendwie in Amsterdam. Martin hatte ein neues Problem, das Telefon bestand auch aus Knöpfen, die Martin nicht bedienen konnte. Die Ampel hatte einen Knopf und das Telefon hatte 20, die in der richtigen Reinfolge gedrückt werden mussten. Martin war im Kampf mit etwas, das Denkzerfahrenheit genannt wurde. Das Gehirn war zu solchen Leistungen nicht mehr fähig. Denis, der Lieferjunge von Herbert und anderen Pensionsbesitzern, kam von hinten, im Auto, an Martin, herangefahren. Auch ihn erwischte der Blick, was dank Freundin kein Grund war sich für schwul zu halten, aber danach zu fragen, wie es mit Martin stand.
Denis: »Bluetooth?«
Martin: »Endlose Zahlenreihen, ich kann mein Telefon nicht bedienen!«
Denis dachte eigentlich an eine Freundin von Martin. Das neue Geld, das macht doch attraktiv, vor allem für Binzer Kellnerinnen, denn dass Martin nicht oder kaum geschlafen hatte, sah man ihm an. Jetzt dachte er an Herbert.
Denis: »Diabetiker? Haben Sie schon mal einen Test gemacht?«
Martin: »Nein, wieso?«
Denis: »Das klingt wie unterzuckert!«
Martin: »Schokoriegel?«
Denis: »Wenn das noch nie gemessen wurde, besser Strahlsund Krankenhaus. Sie sehen gar nicht gut aus!«
Mathew war auf dem Weg zu Jeff um zu beraten, wie er entweder den Wagen nach Deutschland bekommt, oder bei Martins übermächtigen Spesenkonto und der dummen Angewohnheit, den Kontinent im Stundentakt zu wechseln, wohl eher überall Mietwagen zu bekommen, die den Sicherheitsstandard erfüllten. Und Martin fuhr zum sechsten Mal in seinem Leben Taxi.
Martin: »Kennen Sie Haki?«
Taxifahrer: »Kennen Sie die Stones?«
Martins Gesicht war auch auf Rügen bekannt geworden und auch der Kontostand dahinter. Ein gutes Ticket für die Rolling Stones war nur schwer unter 500 Euro zu ergattern. Der Taxifahrer nutzte aber nur zum Schein Zahlen, die Martin wieder nicht gesehen hatte. Senecas Geschäftskonto war ihm völlig fremd, obwohl es seines war und Ulla Martins Anwältin, Jeff, Mathew, und selbst Personen, die von Seneca eher als Feinde eingestuft wurden, wie Charles, bedienten sich kräftig davon. Es war untergegangen und der Satz »Sie sind reich« war ohne richtige Geldkarte nicht greifbar und gehörte ins Reich der Phantasie. Er hatte doch die Null mit eigenen Augen gesehen. Martin kam dank des Symptoms der Denkzerfahrenheit, wie diese Unfähigkeit hieß, die Menschen dazu brachte sich vor der eigenen Haustür zu verirren oder beim Raten der Anzahl der eigenen Finger daneben zu liegen, ins Klinikum West, welches damals zu Damp gehörte, auf die offene psychiatrische Station. Der standardisierte Ankunftstermin für Patienten, die sich einfach nur überarbeitet fühlen, ist übrigens, bei fast allen Krankenhäusern, um 11 Uhr vor dem Mittagessen. Martin kam nach dem Abendessen. Nach dem er angegeben hatte, wieso er kam, sprich Seneca und Horst, verlegte man ihn auf den Flur der geschlossenen Station. Wäre er um 11 Uhr gekommen, hätte er ein Zimmer bekommen. Zuckertest um 9 Uhr abends, eine hilflose Ochsendosis vom Barbiturat Valium und um 23 Uhr, also 12 Stunden nach dem Zeitpunkt nach dem ihm der volle Service offeriert werden müsste, bekam er das, was sein Körper und vor allem sein Geist, zumindest nach den Richtlinien unserer westlichen Gesellschaft, brauchte. Tavor, ein Tranquilizer, eine Droge. Merken Sie sich den Namen, das Zeug ist nicht nur legal, es verwandelte einen auch in den perfekten Menschen. Humor, Einfallsreichtum, gesunder Appetit, nicht nachtragend, einfach perfekt. Ok, ok, es gibt Nebenwirkungen wie Verstopfung, Entzugserscheinungen, unkontrollierter Speichelfluss, Kurzsichtigkeit und der Tatsache, dass man mit Schlagertexten mitfühlte. Ja, für mich ist das auch unheimlich. Ach, der Grund, weshalb Sie sich den Namen merken sollten, es unterbricht lange Grübeleien. Ich hatte selbst mal die Ehre, dieses Medikament zu konsumieren, und es unterbrach damals hervorragend höheres Denken, wie Quantenmechanik, methodische Schauspielerei oder sogar Kombinatorik. Ich bekam es und war 6 Monate lang regelrecht arbeitsunfähig und beliebt. Das Zeug jagt mir immer noch ein Schauder über den Rücken. Es hat die Fähigkeit, lange Gedanken einfach zu beseitigen. Dieser Assassine im Trinkwasser und wir haben in Tagen den Polizeistaat. Medizinisch aber richtig! Martins Hirn hatte sich im Leerlauf aufgehangen. Er war zwischen wach und schlafend stecken geblieben. Schlafwandeln? Nun fast, es gab noch die andere Möglichkeit, die Psychose. Während man beim Schlafwandeln das tat, was man im Traum erlebte, träumte man bei der Psychose, was man im Leben tat. Versuchen Sie sich mal im Traum zu orientieren. Die Psychose brachte sehr kurze Gedanken mit sich. Das, was man dachte, wurde sofort umgesetzt, aber fliegende Menschen gab es nicht, auch nicht unter Psychose. So waren Brücken Orte, an denen man besser völlig wach war, auch Martin. Er war eher in Gefahr als ein Lebensmüder, der noch denken konnte und da Martin schon schlief, konnte selbst das Valium nicht wirken. Eines der bemerkenswertesten Dinge, die einem Schlaflosen auffielen, war zudem noch, wie der Körper langsam versagte. Herzflattern, oder auch das seltsame Gefühl, Kristalle zu schwitzen, war gegen klassische Kopfschmerzen noch angenehm. Ich kenne die Probleme ziemlich gut, nach 3 Tagen riecht und schmeckt die Haut nach Blut und dass wir Autoren manchmal von Blut schwitzen reden, kam nicht von ungefähr. Martin schlief im Flur und um 7 Uhr 30 begann der unglaublich kurze Tag mit Tavor.
Schwester: »Guten Tag, Herr Bretz, die Liste für die wählbaren Mittagessen nächste Woche.«
Es war Routine, die sich beim Lösen dieser Aufgabe einschlich.
Martin: »Ok, Fisch, ok, Kantinen Fisch, ok, Fisch aus dem Gemüsedämpfer. Da kann 10 Mal stehen Dorsch, es ist geschmackloser Pamps. Vegetarisch, oh Grießbrei!«
Schon stand fest, wo Martin sein Kreuz machen würde.
Das war alles, was Martin dort tun musste, und der ehemalige Hartz-IV-Empfänger machte das sogar sehr gut. Berufserfahrung, die einem Reichen fehlte, der wohl Calamaris oder gleich Pommes angekreuzt hätte und dabei vergaß, dass in Kantinen nicht gebraten und nur selten ordentlich frittiert wurde. Martin war wieder da und das Problem mit Dr. Molke schwebte noch im Raum.
Martin: »Seneca, ich glaube, ich weiß nicht ob bei Dr. Molke Jehova spricht oder sein Lehrbuch.«
Seneca: »Fehlschluss! Man nähert sich dem Metabereich, nicht berechenbar, zu theoretisch zur Auswertung.«
Martin: »Meta, von Metaphysik.«
Seneca: »Korrekt, sich ergebende Lösungen sind praktisch nicht umsetzbar.«
Ich kläre mal auf. Meta bedeutete Theorie zur Theorie und der Grund, wieso Sie vielleicht dieses Adjektiv kennen, ist seine Gespaltenheit. Es hat mehrere Bedeutungen, will man es erläutern. Zum Beispiel glauben Sie, Jesus starb am Kreuz, christliche Theorie, und Sie glauben, er nahm Ihnen dadurch die Sünde, Theorie. Somit ist das schon meta und wenn Sie jetzt sagen, Jesus sei für Sie gestorben und verteidigen das mit einem Buch, dann könnten Sie ebenfalls einen Nobelpreis dafür erhalten, denn, wenn man das auf die Theologie bezieht, dann ist die Definition der höchste Gedankengang, da Sie so fest an eine These geglaubt haben, dass Sie dazu eine These entwickeln konnten. Besser können Sie ihren Glauben nicht beweisen. Und das ist etwas. Das klingt wie ein Kompliment, aber nicht in der Wissenschaft, wo so etwas unerlaubt ist. Soweit dürfen Sie nicht denken. Weswegen? Gael glaubt an den Krieg zwischen Xuianern, und Habierern, Theorie und nun sah er keine Xuianer mehr. Philippinischer Shit ist eben nicht so gut wie US-amerikanischer. Die Habierer haben die Xuianer ausgelöscht. Es waren keine mehr da. Meta war ein sich selbst beweisendes Etwas ohne jede Aussagekraft. Tarot-Karten sind aussagekräftiger als das Adjektiv, das von jeder Seite als Zierde des Verstandes gelobt wurde. Das ist es! Sollten Sie sich aber mal in der Situation befinden, danach Entscheidungen zu treffen, fragen Sie vorher Ihren Frisör.
Seneca und Glauben, auch für Martin klang das nach einer Fehlbesetzung, aber es war Glauben. Martin wusste, nach was er suchen musste. Die geschlossene Station war alles andere als ein Quell des Wissens.
Patient: »5, 6, 0, auslassen.«
Martin: »Was rechnen Sie da?«
Patient: »Ich häkele, morgen häkel ich mir eine Mütze!«
So nahm Martin Kontakt mit dem Bücheregal im Aufenthaltsraum auf.
Martin: »Häkeln von Mützen, ok.«
Regal: »Dieter!«
Martin: »Sri Krishna, Quelle aller Freude.«
Martin musste nicht suchen, es stand ganz am Anfang, Goranga. Die Beschreibungen passten. Es war ein Bewusstseinszustand, aber eben auch wie wach und schlafend. Goranga, es befand sich kurz vor dem Nirvana. Seltsam für Martin, wenn man wach und schlafend zum höheren Denken zählte, wie er kombinierte, wären dann nicht Messen um 3 Uhr früh bei dieser Sekte viel effektiver als die um 12 Uhr mittags, wo der Rezipient noch denken konnte? Das Buch mit nur 80 Seiten war anscheinend medizinisch. Nach kurzer Zeit gesellte sich doch ein Nicht.PatientNicht-Patient zu Martin. Er war perfekt getarnt, Jack Wolfskin von oben bis unten, mit einem Gesicht wie der Weihnachtsmann.
Weihnachtsmann: »Suchen Sie Trost?«
Martin: »Eher Erklärungen, wieso ich hier bin.«
Weihnachtsmann: »Glauben Sie an Krishna?«
Martin: »Wen? Nein!«
Weihnachtsmann: »Dann sollten Sie das nicht glauben.«
Martin: »Das ist doch ein medizinisches Buch, es beschreibt mich zurzeit gut.«
Weihnachtmann: »Schauen Sie sich doch mal das Cover an.«
Martin begriff sofort, wieso er in einem Krankenhaus war und hatte also seine Antwort. Krishna war so blau wie Papa Schlumpf und Martin hatte dasselbe.
Martin: »Ah, Sie glauben an etwas Anderes, an was?«
Der Weihnachtsmann gab ihm 20 Cent. Es sollte sich ein paarmal wiederholen. Etwas später informierte Martin die Pfleger über den Weihnachtsmann im dicken Pelz, der mit Geld um sich schmiss. Er selbst gab das Geld ab, fand es aber beim Verlassen des Krankenhauses in seinen Sachen wieder. Ja, man hat ihn später noch herausgelassen, aber sein Verdienst war das nicht, oder fast nicht. Zwar fühlte sich Martin wohl, aber dass er etwas unternehmen musste, sah er täglich im Aufenthaltsraum. Mensch ärgere dich nicht, eine Partie mit 4 Spielern dauerte nur 2 Minuten und niemand achtete auf das Spielfeld. Man blickte wie Pokerspieler ins Leere. Es war nicht schwer zu erkennen, dass ein Platz für einen selbst schon bereit gestellt war, und so vergingen nur wenige Tage bis Ulla, Martins Anwältin, ihn da raus boxte, bevor Martin Mau Mau murmelte. Danach wohnte Martin aber erst mal in der offenen Station und zwar mit Gael. Gael war sehr reizbar, aber nie aggressiv. Er war mit Entzugserscheinungen vertraut, denn durch die Diagnose drogeninduzierte Psychose bekam man viel weniger Tavor. Auch im Vergleich zu ganz normalen Patienten schwamm Martin regelrecht im Tranquilizer. Er war eben reich. Architektonisch oder medikamentös betrachtet waren beide Stationen gleich. Die Patienten waren etwas anders, selbstbewusster.
Patientin: »50% Pfefferminztee und 50% Hagebutte, Ha, Pfefferbutte. Am Wochenende lass ich das patentieren!«
Natürlich waren sie immer noch Patienten. Die wichtigsten Neuerungen waren entweder die Therapien oder dass man raus durfte. Man durfte zu den Therapien nämlich raus. Selbst um 7 30 Uhr zum Frühsport war Martin gerne draußen. Gael mit seiner Reizbarkeit war vom Frühsport weniger begeistert. Man saß natürlich im Stuhlkreis.
Therapeut Sporttherapie: »Das Spiel geht so, jeder nennt eine essbare Pflanze und solange sie nicht schon mal genannt wurde, muss man nicht eine ganze, eine ganze Runde um den Stuhlkreis.«
Gaels Laune war ansteckend, jeder war auf Entzug.
Gael: »Weizen.«
Martin: »Aloe Vera.«
Klara: »Kohlrübe.«
Gael blickte zur Uhr. Was ich von Gael verstand war seine eigenartige Intelligenz. Er sah sehr schnell, was andere von ihm wollten.
Gael: »Seegurke.«
Therapeut: »Eine Runde rum, das ist ein Tier.«
Martin: »Manjok.«
Gael: »Kannst du das nächste Mal falsch antworten? Der lässt uns erst gehen, wenn jeder eine Runde rum ist. Dann ist Frühstück und ich bekomme Kaffee! Ok, Mann?«
Martin: »Dönerbaum.«
Der Therapeut war nur wenig begeistert vom Gesprächsinhalt und verstand englisch, aber Gael hatte natürlich Recht. Man brauchte nicht zu gewinnen, denn Martin war durch seine Arbeit mit Seneca schon ein kleiner Globalisierungsexperte und Gael lebte auf der Straße, Xuianer jagend, auf dem ganzen Planeten. Er aß viele seltsame Dinge und wusste auch um den Namen des Mageninhalts. Es war kein Wettkampf ausgemacht, aber nach dem Frühstück unterhielt man sich weiter über ess- und nicht essbares.
Gael: »…den Wog voll Kokosmilch und dann LSD 157. Man will kotzen, kann aber nicht. Es ist wirklich irre, und ich glaube, das liegt nur an den Cashew Kernen. Ich werde das schon knacken, gleich als erstes, wenn wir hier raus sind.«
Oh, je der Pfleger sprach auch gut Englisch.
Pfleger: »Nicht so laut! Es gibt zwei Orte ohne Privatsphäre, Gefängnisse und Krankenhäuser. Wo möchten die Herrschaften denn hin?«
2011 argumentierte der deutsche Verfassungsschutz, dass er seine Ermittlungen nicht abrechen konnte, da es die verdeckten Ermittler enttarnen würde. Man könnte, und das ist nur meine Meinung, auch aufhören ihnen allen dieselbe Armbanduhr zu schenken. Der Pfleger sah natürlich fast sofort auf diese verchromte Uhr, um sich zu merken, wann Gael über Drogen sprach. Die Vorgesetzten mochten keine ‘kurz nach‘. Ein präzises 9.23 Uhr sah auf den Akten einfach besser aus. Bei dem, was folgte, half die ganze Station vergeblich. Gael färbte in der Ergotherapie die bunte Flagge der Xuianer, grüner Streifen, gelber Streifen, blauer Streifen, roter Streifen..
Therapeutin: »Schön bunt, wo haben Sie das denn her? Haben Sie was eingeworfen? Was für eine Phantasie!«
Martin: »Eingeworfen, das Bild ist weltbekannt, Wal vor Japan!«
Therapeutin: »Ein Wal ist grau oder doch schwarz. Na, vielleicht nach dem Salzen.«
Martin: »Ok, im roten Streifen schwimmen nicht seine Eingeweide.«
Martin und das Militär schienen sich ein Hirn zu teilen. Er verschwieg seine Gedanken zum Weltuntergang. So war die einzige Gemeinsamkeit die Vorstellungskraft.



