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»Wo ist er jetzt? Was machen sie mit ihm?« fragte Johannes seine Tochter. »Vollmer läßt ihn von SA-Männern durch alle Ortschaften der Ortsgruppe führen! In Rabenbach waren sie schon, nachher werden sie auch zu uns kommen!«
»So ein Lump!« empörte sich Johannes, »nicht Jupp, sondern Vollmer hätte man das Schild umhängen sollen!«
Was er da gesagt hatte, schien ihm zu gefallen, denn er wiederholte es noch mehrere Male, zu Hause, bei Nachbarn, die mittlerweile auch von der Sache erfahren hatten, und, sonst wäre er nicht Johannes gewesen, natürlich auch bei denen, die sich neugierig um den jungen Mann scharten, dem man tatsächlich ein Schild vor die Brust gehängt hatte mit der niederträchtigen, sorgfältig in großen Buchstaben gemalten Aufschrift, die allerdings so gar nicht zu dem hocherhobenen Haupt und dem stolzen Blick passen wollte, mit dem sein Träger die für Vollmers Geschmack viel zu kleine Menschenmenge musterte, die ihn umgab.
Johannes regte sich an diesem Tag mächtig auf, und er beschloß, dem Ortsgruppenleiter einmal so richtig die Meinung zu sagen. Agnes, die nicht weniger erregt, aber wie stets mehr beherrscht war, gelang es nur schwer, ihn zu beruhigen. »Sie werden ihm schon nichts tun!« und: »Denk doch auch mal an deine Familie«, redete sie immer wieder auf ihn ein und glaubte damit beinahe schon Erfolg zu haben, als nur Stunden später plötzlich ein Pg vor dem Haus auftauchte, den sie gleich als einen von Vollmers Wachhunden erkannte: »Sind Sie Frau Zimmermann?« fragte er sie und wartete nicht einmal ihr Nicken ab: »Dann richten Sie ihrem Mann aus, er möge zum Ortsgruppenleiter kommen. Morgen abend, 20.00 Uhr.« Mit einem schmissigen »Heil Hitler!« drehte er sich auch schon auf seinem Absatz herum und eilte von dannen.
Nun war es also soweit. Johannes wurde für seinen Dickschädel zur Rechenschaft gezogen: sie hatten Vollmer angetragen, was er gesagt hatte. Wahrscheinlich würde er verhaftet werden und sie mit den Kindern so, wie er es immer von seiner Mutter erzählt hatte, alleine dastehen. Agnes hätte die Nachricht am liebsten ihrem Mann verschwiegen, doch wußte sie, daß sie das nicht tun durfte. Vollmer würde die Angelegenheit niemals auf sich beruhen lassen, und Johannes nähme es ihr garantiert furchtbar übel, wenn sie für seine Person auch nur den Verdacht von Feigheit aufkommen ließe. Als sie ihm dann von der Vorladung berichtete, reagierte er selbstverständlich genau so, wie sie es erwartet hatte: »Na wunderbar, da kann ich ihm ja doch noch ins Gesicht sagen, was ich von ihm halte! Wurde auch höchste Zeit!«
»Bitte Johannes, reiß dich zusammen, der Vollmer sitzt am längeren Hebel!« flehte Agnes geradezu. »Das werden wir schon noch sehen«, brummte ihr Mann nur grimmig, wobei es ihm allmählich durchaus dämmerte, daß er nun vielleicht doch nicht mehr anders konnte, als die Dienste von Gregors Bruder in Anspruch zu nehmen. Gregor war nämlich ein netter Mensch, der in einem kleinen Städtchen, Hadamar, in der Nähe von Limburg wohnte; mit ihm konnte man wunderbar auf die Nazis schimpfen, und schließlich war er sein Cousin: letzteres war sein Bruder zwar auch, aber im Gegensatz zu Gregor war er ein gestandener Nazi, der es in dieser Gegend bis zum Ortsgruppenleiter gebracht hatte. Wohl nur aus der Position heraus war es ihm sogar möglich gewesen, die Freundschaft von Kreisleiter Schulz zu erwerben, und die, so betonte Gregor immer wieder, konnte man im Ernstfall leicht ausnutzen, denn sein Bruder war für ihn ein viel zu großer Wichtigtuer, als daß er sich eine Gelegenheit entgehen lassen würde, der Familie zu beweisen, was für ein einflußreicher Herr aus ihm geworden war.
Bevor er diese Beziehung in Anspruch nahm, wollte Johannes aber erst selbst ein ernstes Wort mit Vollmer reden – vielleicht war die Hilfe Gregors dann gar nicht mehr nötig. Er überlegte sich genau, was er sagen würde: »Herr Ortsgruppenleiter, wenn Sie meinen, daß man so mit Menschen umspringen darf, wie Sie das tun, dann muß ich diese Meinung ja nicht unbedingt teilen«, – dieser Satz gefiel ihm besonders gut, und er hatte auch lange suchen müssen, bis er die richtige Formulierung fand. Nicht nur über das, was sie mit Jupp gemacht hatten, würde er sich beschweren, oh nein, noch eine ganze Reihe von anderen Dingen würde er zur Sprache bringen, und wenn ihm dann noch Luft blieb, wollte er vielleicht auch die lächerlichen Intrigen von Franz aufs Tapet bringen.
Es kam jedoch alles ganz anders. Am nächsten Abend, Johannes war bereits dabei, die Karbidlampe seines Fahrrads zu füllen, um für die nächtliche Fahrt gerüstet zu sein, da kam Wilhelm zu ihm, der treue Wilhelm von nebenan, der zu den Leuten gehörte, die Johannes immer dann aufsuchte, wenn er einmal so richtig Dampf ablassen mußte: bei denen er nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen mußte und bei denen er, weil sie die Parteigenossen genauso wenig mochten wie er selbst, schon gar keine Angst haben mußte, daß sie ihn verrieten.
Als Wilhelm nach einer Viertelstunde nach Hause ging, hatte er ungewollt einen der wenigen Streits zwischen Agnes und Johannes vom Zaun gebrochen, die wirklich diese Bezeichnung verdienten, und es stand jetzt schon fest, daß sie an diesen selbst dann noch denken würden, wenn die Erinnerung die unangenehmen Dinge des Lebens weitgehend gestrichen hatte: In der Küche stand einsam Johannes, mit zorniger Miene zunächst; nach einer Weile setzte er sich, sein Gesichtsausdruck war immer noch sehr ernst, bis er sich dann ganz allmählich entspannte und schließlich sogar Platz ließ für ein stilles, nach innen gekehrtes Lächeln, das von niemandem gehört zu werden brauchte, weil es nur eine vollkommene Zufriedenheit ausdrückte, von der der eben noch so wütende Mann trotz aller Wirren um ihn herum plötzlich erfüllt war. Und zu verdanken hatte er dieses wohlige Gefühl natürlich niemand anderem als seiner Frau: Wie sehr hatte sie ihm heute abend den Kopf gewaschen!
Wie mit einem Schuljungen war sie mit ihm umgesprungen, und, je mehr Johannes nachdachte, so kam er immer deutlicher zu dem Ergebnis, daß sie – wie so oft – recht gehabt hatte. Er wäre tatsächlich kein guter Vater gewesen, vom Ehemann ganz zu schweigen, wenn er trotz Wilhelms Warnung zu Vollmer gefahren wäre. Wenn der tatsächlich eine Reihe von SA-Männern zusammenbestellt hatte, um ihn zu verprügeln, und es bestand kein Grund, an Wilhelms Worten zu zweifeln, dann mußte Johannes notgedrungen den kürzeren ziehen, und es war eigentlich Unsinn gewesen, wenn er sich nun, wo schon die Sachargumente nicht mehr zählten, allein auf seinen stattlichen Körperbau verlassen wollte.
Sicher, bei Prügeleien hatte er früher meist die Oberhand behalten, doch waren, wie Agnes natürlich richtig bemerkt hatte, seither Generationen vergangen, und Johannes, den sie damit eben noch bis ins Mark getroffen hatte, war heute nun wirklich fast ein alter Mann. Die Familie hatte an erster Stelle zu stehen, das hatte ihm Agnes eben klar gemacht, und wenn so ein sturer Basaltbrocken, wie er das ihrer Ansicht nach war, dies partout nicht begreifen wollte, dann mußte man ihm eben kräftig die Leviten lesen!
Trotz oder gerade wegen der Auseinandersetzung mit Agnes war Johannes von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt: Niemals hätte er es als junger Mann, dem die Schande anhing, die der Vater über die Familie gebrachte hatte, auch nur in seinen kühnsten Träumen gewagt, sich eine solche Frau auch nur zu wünschen: heute hatte er sie, hatte mit ihr zwei wohlgeratene Kinder und wollte das alles aufs Spiel setzen, nur um einem Menschen wie Vollmer zu zeigen, daß er kein Feigling war!
Und so gab er seiner wunderbaren Agnes im nachhinein, still natürlich, ohne daß sie jemals davon erfahren hätte, die Einwilligung, die er ihr vor wenigen Minuten noch versagt hatte, nämlich – das Bürgermeisteramt hatte damals noch kein eigenes Telefon – zur Post zu gehen, Vollmer anzurufen und ihm zu sagen, ihr Mann sei mit dem Fahrrad gestürzt und könne heute abend nicht kommen, genauso wie sie es gewollt hatte und nun eben ohne seine Zustimmung tat. Was Johannes jedoch seinerseits wieder nicht wußte, war, daß sie in dem kurzen Gespräch hinzufügte, es stehe dem Ortsgruppenleiter, sofern er dies wünsche und es ihm besonders eilig sei, selbstverständlich frei, den Bürgermeister in den nächsten Tagen zu Hause aufzusuchen! Dies war schon fast verwegen, doch sollte Vollmer – da vertrat die tapfere Frau genau die gleiche Meinung wie ihr Mann – nicht denken, daß sie sich vor ihm fürchteten. Nein, sie war sich ganz sicher: der Ortsgruppenleiter würde niemals auf ihren Vorschlag eingehen, denn beim Besuch im Bürgermeisteramt konnte er ja schließlich seine Kettenhunde nicht mitnehmen!
Doch Vollmer kam. Eines Tages, als Agnes alleine zu Hause war, stand er plötzlich in der Küche, mit gezogenem Säbel und einem Gesicht, das verriet, welche Mühe er sich machte, ihr Angst einzujagen. »Ist Ihr Mann da? Ich werde ihn jetzt verhaften, denn er hat einen Nationalsozialisten beleidigt!« schrie er sie mit seiner dünnen Fispelstimme an, wohl hoffend, daß er die kleine Frau dadurch gewaltig einschüchtern werde. Agnes jedoch blieb ihrerseits vollkommen ruhig, wischte sich die Hände an der Schürze ab und trat sogar noch einen Schritt auf den Ortsgruppenleiter zu, um ihm dann nur die wenigen Sätze ins Gesicht zu schleudern: »Auch wenn Sie mit Säbel kommen, mir können Sie keine Angst einjagen. Mein Mann hat nichts Unrechtes getan, und Sie haben überhaupt kein Recht, ihn festzunehmen!« Wohl war es mehr die Entschlossenheit, mit der die kleine Frau so unerwartet auftrat, als die Tatsache, daß er plötzlich über das nachzudenken begann, was sie ihm so dreist auf den Kopf zu gesagt hatte, die Vollmer, der doch eigentlich die Überraschung auf seiner Seite geglaubt hatte, sich seiner Sache plötzlich gar nicht mehr so sicher sein ließ, ihn schließlich sogar in völlige Verwirrung versetzte, so daß er am Ende nurmehr imstande war hervorzubringen: »Ich habe doch nur einen Scherz machen wollen. Nichts für ungut.« Und dann ging er, ging ohne ein weiteres Wort, in die Flucht geschlagen von einer unbedeutenden kleinen Bäuerin: in dem Moment, als er durch die Haustür verschwunden war, spürte Agnes ein Zittern in ihren Gliedern, wie sie es nur als Kind einmal verspürt hatte, nämlich da, als sie in der Schule die Lösungen von Rechenaufgaben auf ihre Hand geschrieben und der Lehrer angekündigt hatte, er werde sie alle kontrollieren – doch war sie sich sicher, daß ihre Aufregung eben im Gegensatz zu damals, als man sie deshalb erwischt hatte, nicht nach außen gedrungen war, denn sonst wäre der Ortsgruppenleiter, der mächtige Vollmer, der doch nur gekommen war, weil er wußte, daß Johannes nicht zu Hause war, nicht so ohne weiteres vor ihr davongelaufen.
Oft, wenn der Frühaufsteher Johannes an warmen Sommermorgen, die eigentlich noch gar nicht richtig hereingebrochen waren, die Kühe einspannte und aufs Kartoffel- oder Runkelrübenfeld fuhr, um die Pflanzen vom Unkraut zu befreien – er meinte immer ihre Freude darüber zu spüren, daß er ihnen so beim Wachsen half – dann vergaß er manchmal für einen kurzen Augenblick all das, was zur Zeit in der Welt vorsichging, genoß es, die frische, vom Tau noch feuchte Luft in die Lungen zu saugen, sah den Rehen zu, die am Waldrand ästen und sich nicht im geringsten an dem in der Ferne vorüberfahrenden Wagen störten, beobachtete manchen Fuchs, wie er nach einem Raubzug in seine Höhle schlich – einmal hatte er sogar einen Dachs beim Mausen gesehen – und ließ, wenn er spürte, daß es ihm trotz dieser Idylle nicht ganz gelingen wollte, die dunklen Wolken zu vertreiben, die momentan Zeit anscheinend sein ganzes Denken fest in ihrem Griff hatten, seine Gedanken einfach in die Vergangenheit schweifen, um sich hier die Zuversicht zu holen, die er heute oft nur vorgab zu besitzen: Er war schon ein ehrgeiziger Junge gewesen, damals, mit seinen vierzehn Jahren, als er begonnen hatte, Geld zu verdienen. Johannes mußte schmunzeln, wenn er daran dachte, wie zuversichtlich er einmal aufgebrochen war, die Welt zu erobern! Nein, er wollte sich niemals unterkriegen lassen, hatte er sich wieder und wieder gesagt, und das, was ein anderer konnte, konnte er schon lange. Und so machte ihm auch später, als er zum Mann gereift war, die schwere Arbeit unter Tage fast gar nichts aus. Wie auch? Johannes besaß schließlich einen stattlichen Körper, wog in seinen besten Zeiten gut zwei Zentner und war überzeugt, daß er es an Körperkraft sicherlich mit einem jungen Ochsen aufnehmen konnte.
In der Grube war das allerdings ein wenig anders, da das Essen hier so gut nicht war und der Körper doch ein wenig in Mitleidenschaft gezogen wurde. Johannes war aber stolz darauf, daß er die harte Arbeit so gut wegstecken konnte. Dabei hatten ihn viele vor dieser Maloche, wie sie es hier nannten, gewarnt. Menschen gingen vor die Hunde, selbst Kinder würden ausgenutzt, und was man ihm nicht noch alles gesagt hatte. Er jedenfalls hatte seinerzeit, als die Nachricht zu ihm gedrungen war, daß die großen Reviere im Ruhrgebiet nach wie vor Leute suchten, nicht gezögert, sich auf den Weg zu machen. Was hatte er auch zu verlieren? Schwester und Mutter waren tot, die eine, seine kleine Katt, wie er sie immer genannt hatte, vor ein paar Jahren fast wie ein Tier krepiert, wobei keiner wußte, ob es nun der Hunger war, der ihrem Leben letztlich ein Ende bereitet hatte, oder die Schwindsucht, gegen die sie ihrer Schwäche wegen kaum mehr anzukämpfen vermocht hatte. Es war nämlich die Zeit, als gerade die Armut bei ihnen eingezogen war und an ihrem Inneren zu nagen begonnen hatte wie ein Geschwür, das sehr wohl weiß, wann seine Zeit gekommen ist, und ganz genau gespürt hatte, daß der Familie, deren Ernährer nach seinen am Ende immer länger gewordenen Reisen schließlich ganz fortgeblieben war, damit sämtliche Grundlagen genommen waren, sich erfolgreich gegen jeglichen Angriff von außen zu wehren. Kein Wunder war es darum auch, daß – gerade mal fünfzig Jahre alt war sie geworden! – schließlich auch Mutter gestorben war: einerseits an ihrem Gram, andererseits an der Verzweiflung darüber, daß wegen der Schande, die ihr Mann über sie gebracht hatte, kaum jemand bereit gewesen war, der verarmten Familie ein wenig unter die Arme zu greifen. Johannes hatte damals am eigenen Leib erfahren, wie sich die Armut anfühlte: wie seine durchlöcherten und verspeckten Kleider, die schon längst auf der Haut juckten wie eine ganze Kompanie Ameisen; und er hatte auch erfahren, wie Armut schmeckte: genau wie das Stück Brot nämlich, das er in der Familie seines besten Freundes Matz gestohlen hatte, um den größten Hunger zu stillen, nachdem er bei den kargen Mahlzeiten zu Hause immer vorgab, schon satt zu sein, damit nur die Mutter und die beiden jüngeren Schwestern halbwegs satt zu essen bekamen. Und als ob das alles nicht schon genug gewesen war, hatte Johannes es dann auch noch selbst gespürt, wie es war, wenn der Tod nach einem verlangte, denn ihm steckte plötzlich der Knochenfraß im Bein. Wie er am Ende dann gesund wurde, wußte er nicht mehr genau, glaubte nur, daß es eigentlich nur seinem eisernen Willen, nicht aber den Ärzten, deren Kunst sie sich in dieser Zeit sowieso kaum einmal hatten leisten können, zuzuschreiben war. Ein Gutes hatte die Krankheit vielleicht sogar gehabt, denn Johannes konnte wegen ihr das letzte Schuljahr nicht besuchen und war darum noch früher in der Lage gewesen, sich voll und ganz auf die Landwirtschaft zu konzentrieren, die die Mutter unmöglich alleine bewältigen konnte.
Er hatte stets geholfen, so gut er eben konnte, doch war er, als der Vater fortging, leider selbst noch ein Kind. Rasch merkte er, daß auch die Arbeit im Steinbruch, die er doch so zuversichtlich angegangen war, mehr an seinen Kräften zehrte, als er dies Mutter gegenüber zugeben konnte, und als junger Mann bereute er manches Mal seinen Ehrgeiz, der ihn nicht einfach nur Kaffeekoch hatte bleiben lassen – eine Mark Lohn am Tag war ihm zu wenig gewesen – sondern ihn angespornt hatte, es so schnell wie möglich bis zum Steinbrecher zu bringen. Außerdem hatte er täglich gut zwei Stunden zur Arbeit und noch längere zwei wieder nach Hause laufen müssen, wobei er diese zusätzliche Anstrengung kaum beachtet hätte, wenn sie nicht mit dem ungehörigen Zeitaufwand verbunden gewesen wäre, der ihm kaum mehr Luft gelassen hatte, sich am Abend um den Hof zu kümmern. Ohne die Unterstützung der Mutter hätte er es damals nie geschafft! Noch heute dachte Johannes nur voller Dankbarkeit an diese Frau zurück: Den ganzen Tag hatte sie geschuftet und sich geplagt, versucht, noch weiteres Land zu pachten, die Pacht mit Buttergeld bezahlt, das Land dann aber doch wieder verkaufen müssen, um die Hausschulden zu bezahlen, denn der Vater hatte niemals auch nur einen Pfennig Unterhalt geschickt! Es war, was selbst Franziska, die ihm noch verbliebene Schwester begriffen hatte, ihr gemeinsamer Ehrgeiz gewesen, das Haus zu halten, das wegen seiner für die damalige Zeit so ungewöhnlichen Größe im Dorf nur das »Schloß« genannt wurde, und sie hatten es am Ende auch geschafft! Daß die Mutter hierfür aber ihre letzten Kraftreserven aufgebraucht hatte und dann, als feststand, daß sie ihr Ziel erreicht hatten, von ihnen gegangen war, hatte Johannes geradezu verzweifeln lassen und die langsam aufgekommene Freude über den Erfolg schon im Keim erstickt.
Er erinnerte sich nur zu genau: am Totenbett der Mutter hatte er sich so gefühlt wie damals als Kind, als er sich im Wald verirrt hatte. Drei oder vier Jahre alt mußte er gewesen sein, war von zu Hause fortgelaufen, weil der Vater mit ihm geschimpft hatte. Niemals mehr würde er wiederkommen, hatte er sich vorgenommen, höchstens wenn sich die Eltern vor Traurigkeit die Augen ausweinten, dann würde er vielleicht mit sich reden lassen. Und dann stand er plötzlich alleine, mitten im Wald, und wußte nicht, wo er war und was er machen sollte. Johannes hatte immer geglaubt, daß man sich nur an Tatsachen, nicht aber an Gefühle erinnern konnte. In dem Moment, als Mutter tot war, begriff er, daß er sich geirrt hatte, denn plötzlich war er wieder der kleine Junge, der gottverlassen auf der Welt war und verzweifelt nach jemandem suchte, der ihn an die Hand nahm und aus dem dichten Wald herausführte. Damals waren es Leute aus dem Nachbarort gewesen, die ihn heimgebracht hatten, nachdem er, worauf er sehr stolz war, sie selbst dazu in die Lage versetzt hatte, denn er hatte ihnen auf die Frage, wem er denn sei, die Auskunft »dem Zimmermanns Alfons« gegeben. Heute würde es dagegen nicht so leicht sein, sich helfen zu lassen, und anders als damals würde seine Traurigkeit auch nicht mit dem Trocknen der Tränen verflogen sein, deren es, schon Franziskas wegen, jetzt erst gar keine geben durfte.
Es war Johannes gleichgültig gewesen, daß mit einemmal plötzlich der ganze Besitz ihm gehört hatte, daß er ab jetzt der Hausherr sein sollte, da er im Gegensatz zu seiner Schwester bereits volljährig war, und schon gar nicht wäre ihm der Gedanke gekommen, aus diesem Umstand irgendwelchen Nutzen zu ziehen: Wie selbstverständlich, so daß es der entsprechenden Bitte der sterbenden Mutter gar nicht bedurft hätte, teilte er schon jetzt den Besitz mit Franziska, schnitt in Gedanken bereits jedes Stück Land, das nach dem Gesetz nun ihm gehörte, gerade einmal in der Mitte durch und verwaltete den Besitz der Schwester lediglich, bis sie das 21. Lebensjahr vollendet hatte.
Vielleicht weil er in den wenigen glücklichen Jahren ebenfalls frühmorgens mit ihm hinausgefahren war, fiel ihm jetzt der Vater ein: ein großer Mann, mindestens zwei Meter, hatte er als Kind geglaubt, mit stolzen Zügen, die nur manchmal streng sein konnten, dann aber sehr streng, wie damals, bei der Sache mit Berta. Und Johannes hatte genau das Gesicht vor Augen, mit dem sein Vater es immer genossen hatte, wenn die Leute mit neidischen Blicken sein großes Haus musterten, das Schloß, in dem er selbst als der Schloßherr residierte.
Einige von ihnen mußten sich bestimmt gefreut haben, als sie von der Familientragödie hörten, die sich wenig später abgespielt hatte: Er war eben ein Bruder Leichtfuß, der Vater, der alles stehenließ für eine andere und selbst das stolze Anwesen, an dem ihm doch so viel gelegen war, einfach dem Lauf der Zeit übergab. So jedenfalls hatte Mutter immer versucht zu erklären, warum alles so kommen mußte, wie es gekommen war, und der Vater heute mit seiner neuen Frau in Holland wohnte.
Einmal noch, kurz nach dem Tod der Mutter, hatte Johannes ihn wiedergesehen. Einesteils, das mußte er ja zugeben, hatte er sich schon auf den in einem Brief umständlich angekündigten Besuch gefreut, andererseits war es, wenn dies überhaupt jemals der Fall sein würde, doch noch lange nicht an der Zeit, das zu vergessen, was der Vater der Familie angetan hatte, und wenn er dann daran dachte, was der eigentliche Grund für sein Kommen war, nämlich die Sterbeurkunde der Mutter zu holen, damit er in Holland erneut heiraten konnte, dann platzte Johannes noch heute fast der Kragen. Und die Begegnung war dann auch entsprechend frostig verlaufen: ein kurzer Händedruck, wenige Belanglosigkeiten, die ausgetauscht wurden, nicht ein einziges Wort des Bedauerns auf der Seite des Vaters, nicht ein einziges Anzeichen für den Wunsch nach Verständigung im versteinerten Gesicht von Johannes und dann endlich die Frage, mit der die innere Kluft geradezu gewaltsam ans Tageslicht gezerrt wurde: »Du Johannes, kann ich vielleicht heute nacht hier schlafen? Du weißt doch, ich habe im Dorf niemand anderen mehr!« Johannes hatte diese Unverfrorenheit fast die Sprache verschlagen, zum Glück aber nur fast, denn wie er sich nach all den Jahren noch sicher war, hatte ihm der Herrgott damals genau die richtigen Worte in den Mund gelegt: »Du kannst hier schlafen, oben, in dem Zimmer, in dem Mutter gestorben ist«, hatte er nur geantwortet und sich überhaupt nicht gewundert, es schon gar nicht bedauert, daß der Vater daraufhin wortlos abgezogen war und sich ein Nachtquartier im nahegelegenen Kloster gesucht hatte. Nach dieser Begegnung waren sich Vater und Sohn nie wieder begegnet.
Johannes hatte sich wegen der schlimmen Erfahrungen eines ganz fest vorgenommen, nämlich sein Leben von Anfang an in geordnete Bahnen zu lenken: Schwer arbeiten wollte er, für die Familie dasein und vielleicht irgendwann einmal das wiedergutmachen, was sein Erzeuger – er bemühte sich, in seinen Gedanken nur diese Bezeichnung vorkommen zu lassen – an ihnen allen verbrochen hatte. Und denen im Dorf würde er es sowieso noch zeigen!
Es war gegen sieben Uhr, als Johannes an diesem schönen Sommermorgen vom Feld und seiner Reise in die Vergangenheit nach Hause kam: nachdenklich war er, wortkarg, schlürfte stumm den Kaffee, den seine fleißige Frau schon für sie beide gekocht hatte, obwohl sie noch gar nicht so lange mit dem Melken fertig sein konnte. »Na, hast wohl wieder simuliert, Johannes?« Mit einer Antwort rechnete Agnes offenbar nicht, denn sie schien sehr beschäftigt: tauchte nur wieder ein Stück ihres Brotes in die Untertasse, in die sie, damit er schneller kalt wurde, ein wenig Kaffee gegossen hatte, und wartete geduldig, bis es sich mit der braunen Flüssigkeit vollgesogen hatte. Ja, er hatte wieder simuliert, wie gut sie ihn doch kannte, dachte Johannes, und es war ihm fast so, als hätte er dies laut gesagt. Simulieren tat er auch noch, als er nach dem Frühstück die Kühe fütterte, und es war klar, daß ihn seine Gedanken noch eine ganze Weile gefangen halten würden: so wie ein nächtlicher Traum, der manchmal noch bei Tage ein unsichtbares Netz über einen warf.
Kleeberg war ein Dorf von gerade einmal vierhundert Einwohnern. Hier passierte nicht viel, was vor allem auf die Abge-schiedenheit des Ortes zurückzuführen war. Abgeschieden war er zum einen deshalb, weil er inmitten der Mittelgebirgsland-schaft des Westerwaldes lag und von mehreren für diese Gegend recht stattlichen Erhebungen umgeben war, zum anderen aber auch schon darum, weil die nächste größere Stadt viele Kilometer entfernt war – die Kreisstadt, die man zu Fuß erreichen konnte, durfte in diesem Zusammenhang nicht zählen, denn sie war kaum mehr als ein großes Dorf. Das Jahrhundert, in dem die Industrie ihren Siegeszug angetreten hatte, schien an Kleeberg spurlos vorübergegangen zu sein: seine Einwohner lebten fast ausschließlich von der Landwirtschaft. Wer hier geboren war, den bewegten meist nur ganz besondere Umstände dazu, sein Leben oder auch nur eine gewisse Zeit davon in einer anderen Gegend zu verbringen.
Bei Johannes hatte es diese außergewöhnlichen Verhältnisse gegeben: er war als junger Mann eine ganze Weile gezwungen gewesen, sein geliebtes Kleeberg zu verlassen, da damals gerade die großen Gruben im Ruhrgebiet gute Verdienstmöglichkeiten versprachen. Johannes hatte sich Arbeit in einem Kohlebergwerk in der Nähe von Essen gesucht, und, weil man dort mehr verdiente, später sogar als Eisengießer am Hochofen gearbeitet. Trotzdem, eine gute Zeit war dies für ihn nicht gewesen, zu verbunden war auch Johannes mit seinem Heimatdorf, und er war froh, als er genug Geld beisammen hatte, um dem Ruhrpott endgültig den Rücken kehren zu können. Landwirt – für ihn war das der freieste, unabhängigste und schönste Beruf, den es geben konnte, und den würde er nun bis an sein Lebensende ausüben. Dabei machte es ihm überhaupt nichts aus, wenn er dies lange Zeit wieder nur in den Abendstunden tun konnte, denn, um seine Existenz dauerhaft zu sichern, war er am Tage dazu gezwungen, in den Steinbrüchen, von denen es in Kleebergs Umgebung genügend gab, oder beim Bahnbau sein Geld zu verdienen. Und Schikanen, wie er sich sie in seiner Jugend gelegentlich hatte gefallen lassen müssen, war er heute schon gar nicht mehr ausgesetzt: zu rasch bemerkten alle den Feuereifer, mit dem er seinen großen Körper zu immer größeren Leistungen antrieb, seinen Ehrgeiz, der ihn im Steinbruch schnell vom einfachen Steinbrecher zum besserbezahlten Kipper aufsteigen ließ, der mit wenigen geschickten Hammerschlägen schon wieder einen Pflasterstein fertiggestellt hatte, wenn sein Nachbar noch mitten bei der Arbeit war.




