- -
- 100%
- +
Und so kam es, daß es Johannes und die Zeit langsam schafften, den Makel, der ihm anhing, aus der Erinnerung der Leute zu streichen und er die Vergangenheit vor ihnen schließlich abstreifte wie eine Haut, die keiner mehr brauchte. Daß er selbst das, was damals geschehen war, niemals vergessen würde, brauchte er sich nicht einmal zu schwören, denn er dachte schon, ohne es zu wollen, oft genug an die tote Schwester und die Mutter, die ihr wenig später nachgestorben war. Und immer dann fiel ihm natürlich auch der Vater ein, und er nahm sich wieder und wieder vor, nicht so zu werden wie er, jedenfalls wie er gewesen sein mußte, als er sie im Stich gelassen hatte. »Ein Mann muß immer zu dem stehen können, was er tut!« – das war Johannes´ Lebensregel geworden, denn er führte sich immer, wenn es darauf ankam, vor Augen, wie der Vater damals verlegen zu Boden geschaut hatte, als er vom Sohn aufgefordert worden war, im Sterbezimmer seiner Frau zu übernachten.
Johannes konnte zu dem stehen, was er tat, zu allem, auch damals, 1930, als er sich zum Bürgermeister von Kleeberg wählen ließ. Sicher, er hatte immer davon geträumt, im Dorf eine Rolle zu spielen, doch wäre er deshalb niemals auf den Gedanken gekommen, seinen Vorgänger, den er äußerst schätzte und den er bei der Wahl auch unterstützt hatte, ablösen zu wollen. Erst als er richtig gedrängt worden war, und das sogar von demjenigen, der gerade noch für eine neue Amtszeit kandidiert hatte, jetzt aber wegen der Begünstigung eines Verwandten ins Zwielicht geraten war, da hatte er den Widerstand aufgegeben und die Entscheidung des Rates angenommen. Johannes selbst hatte sich freilich nicht gewählt – dies mochten andere tun, ihm selbst wäre es anrüchig erschienen.
´33 hatten dann bereits die Nazis die Macht übernommen, wovon man aber in Kleeberg – wenigstens am Anfang – zum Glück noch wenig merkte. Hier schnitt die NSDAP bei sämtlichen Wahlen, die sie noch zuließ, nicht besonders gut ab: Johannes prägte sich die Ergebnisse so ein, daß er sie auch Jahre später, als selbst der Krieg längst der Vergangenheit angehörte, noch stolz Besuchern aus der Stadt präsentierten konnte, die meinten, besonders in Gegenden, die ihrer Ansicht nach durch eine dicke Bretterwand von der zivilisierten Welt abgetrennt waren, hätten die Nazis einen ungebremsten Zulauf verzeichnen können. Gerade hier aber verfügte man über eine solche Bremse, und diese sah Johannes darin, daß in katholischen Dörfern, wie auch Kleeberg eines war, die Nazis niemals ein leichtes Spiel hatten, da die Partei der Katholiken nun einmal das Zentrum war: Noch bei der letzten Reichstagswahl vom 5. März 1933 hatte es in Kleeberg mit 62,5 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit erhalten, und wenn das Zentrum bei der Wahl zum Kreistag eine Woche später von der NSDAP um einen Sitz überflügelt wurde, so lag das für Johannes nur an den vielen evangelischen Ortschaften in dieser Region.
Sie hatten jetzt schon eine ganze Weile Ruhe vor den Parteigenossen: eigentlich war die Geschichte mit dem Pfarrer der letzte Angriff der hiesigen Nationalsozialisten gewesen, und Johannes hoffte, daß dies auch so bliebe. Franz war scheinbar verstummt, und Vollmer mußte sich viel zu sehr schämen, um Johannes und seine Agnes ein weiteres Mal herauszufordern. Meinten sie jedenfalls, und langsam glaubten die beiden bereits, das Leben verlaufe wieder normal, so wie damals, bevor alles anders geworden war, wenn dann nicht der Tag gekommen wäre, an dem Johannes aus heiterem Himmel zu Kreisleiter Schulz bestellt wurde. Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was der von ihm wollen konnte, höchstens daß jetzt er statt Vollmer versuchen würde, ihn endlich zum Eintritt in die Partei zu überreden. Bestimmt war es so, redete sich Johannes ein, und er sah sich einmal mehr in der Meinung bestätigt, daß es falsch gewesen war, am Ende doch die Hilfe von Gregors Bruder in Anspruch zu nehmen. Aber sie hatten ihm ja keine Ruhe gelassen, Agnes nicht, die Gesinnungsgenossen aus dem Dorf nicht und auch Gregor nicht, der, als er ihm von den letzten Vorfällen erzählt hatte, geradezu mit Worten auf ihn eingehämmert hatte, er solle das Angebot doch endlich annehmen. »Du weißt ja noch gar nicht, was aus Deutschland geworden ist. Bei uns gibt es Dinge, die kann man sich kaum vorstellen«, war dabei einer der geheimnisvollen Sätze, die er in letzter Zeit so oft von sich gab, und Johannes, der der Meinung war, er könne diese Aussage ohnehin nicht weiter belegen, hatte auch nicht weiter nachgefragt, dann aber, damit nicht noch mehr auf ihn eingeredet wurde, zu Gregor gesagt, er könne jetzt mit seinem Bruder sprechen.
Nach dem, was Gregor immer über ihn erzählte, hatte der dem Kreisleiter dann aber bestimmt nicht die Wahrheit berichtet, sondern wahrscheinlich alles mit Mißverständnissen zu erklären versucht, so daß Johannes jetzt als hundertprozentiger Nazi dastand, der nur niemals als solcher erkannt worden war. Ihm war das Ganze äußerst unangenehm, und es wäre ihm jedenfalls sehr viel besser gegangen, wenn er jetzt schon gewußt hätte, wie gering letztlich der Einfluß von Gregors Bruder war!
Als wenig später dann Schulz im »Braunen Haus«, dem Sitz der Kreisleitung, zu ihm sprach, wußte Johannes nicht, was er von ihm halten sollte, denn der hohe Parteigenosse hielt dermaßen mit seiner Meinung hinter dem Berg, daß nicht einmal zu ahnen war, was er umgekehrt über Johannes dachte. »Der Pg Weber aus Kleeberg war bei mir. Können Sie sich denken, was der von mir wollte?« Nein, Johannes hatte nicht einmal eine Vermutung, zu wenig hatte er sich immer aus Weber gemacht, der, obwohl Mitglied der SA, bisher auch kein Interesse an seiner Person gezeigt hatte. Nun kam es dafür um so geballter: Johannes sollte doch tatsächlich beim Bürgermeister des Dorfes, aus dem Weber stammte, schlecht über den Kreisleiter gesprochen haben! Natürlich, so war das nun einmal bei Gerüchten, konnte ihm Schulz nicht sagen, was der SA-Mann denn nun genau dort erzählt hatte, nur halt eben schlecht sollte es gewesen sein. Offensichtlich aber glaubte der Kreisleiter Webers Lügenmärchen mehr als Johannes´ Beteuerungen, noch niemals mit dem Lorbacher Bürgermeister gesprochen zu haben. Das stimmte übrigens sogar: er kannte den Mann wirklich nicht, denn sein Dorf lag nicht einmal in der unmittelbaren Nachbarschaft von Kleeberg, und was er hier hin und wieder über die Partei und ihre Streiter geäußert hatte, war im Moment schließlich nicht gefragt. Er habe schon mehrere Geschichten über Johannes erhalten, die ihm allesamt nicht gefallen hätten, meinte Schulz nur, aber jetzt wolle er endlich wissen, woran er mit ihm sei. »Weber soll sich seine Äußerungen in Lorbach schriftlich bestätigen lassen, habe ich ihm gesagt. Sollte er damit keinen Erfolg haben, Sie dasselbe aber für ihre Aussage schaffen, dann will ich die Sache auf sich beruhen lassen!« Mit diesem Angebot entließ der Kreisleiter Johannes, und der wußte, daß er wieder einmal auf der Kippe stand. Sollte Weber tatsächlich erreichen, daß der Kollege seine Aussage unterschrieb, dann war es vorbei mit ihm, und die Kleeberger Pgs hatten endlich ihr Ziel erreicht!
Höchste Eile war geboten, denn wenn es auch eher unwahrscheinlich war, so mußte man doch die Chance nutzen, Weber in Lorbach zuvorzukommen. Wer wußte schließlich, mit was für Argumenten der dem dortigen Kollegen einheizte, denn irgendeinen Trumpf mußte er ja doch im Ärmel haben, sonst hätte er schließlich nicht eine so absurde Behauptung aufstellen können. Johannes trat die wenigen Kilometer bis nach Hause in die Pedale, wie er es eigentlich nur damals, kurz vor dem Krieg, getan hatte, als er, nach wochenlangen heimlichen Übungsstunden auf einem Feldweg, im Dorf stolz seine Fahrkünste auf einem der seinerzeit noch seltenen Gefährte gezeigt hatte, die heute nicht mehr wegzudenken und fast schon wieder überholt waren.
Nach Lorbach würde es ihm mit dem Fahrrad heute aber zu lange dauern, für diese Strecke mußte er Wilhelm fragen, damit der ihn mit seinem Motorrad chauffierte. Hoffentlich war der gute Nachbar nur zu Hause, denn bei einem so schönen Wetter wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn er auf dem Feld war. Zum Glück war diese Befürchtungen jedoch umsonst – Wilhelm war gerade heimgekommen, und als Johannes ihm von seinem Gespräch mit dem Kreisleiter erzählte, ließ er, wie es sich für einen guten Freund gehörte, sofort alles stehen und liegen und warf seine Maschine an. War er wirklich zu gutgläubig? grübelte Johannes auf der Fahrt. Wilhelm hatte das jedenfalls schon immer behauptet, nicht nur eben wieder. Aber wie konnte er dem Weber auch etwas Böses unterstellen? Außer daß er sich in der Partei hervortat, was ja heute bei vielen, die seit einigen Jahren nicht mehr Herr ihrer Sinne zu sein schienen, der Fall war, hatte Johannes ihn immer für einen rechtschaffenen Mann gehalten!
Und er würde auch weiter so denken, so lange jedenfalls, bis er felsenfest davon überzeugt war, daß Weber ihm tatsächlich am Zeug flicken wollte. Der Kreisleiter konnte ihm viel erzählen, ganz davon abgesehen, daß etwas Zwietracht in dem Dorf, das als einziges in der ganzen Gegend einen parteilosen Bürgermeister hatte, seiner Sache gewiß nicht schaden konnte.
Während ihm der Fahrtwind angenehm erfrischend ins Gesicht blies, mußte Johannes unwillkürlich an einige der Sätze seiner Mutter denken, die sie ihm in ihren letzten Stunden hastig, eben wie jemand, der weiß, daß er keine Zeit mehr hat, mit auf den Weg gegeben hatte: »Du mußt immer an das Gute im Menschen glauben, Johannes, versprich´ mir das! Der liebe Gott hat jeden Menschen gut erschaffen. Wenn er es dann nicht bleibt, dann kann er einem nur leid tun, denn er hat eine große Gabe verschenkt.«
Nein, Johannes nahm sich fest vor, auch weiter nur an das Gute im Menschen zu glauben: bisher war es ihm nicht schwer gefallen, den Rat der Mutter zu beherzigen, warum sollte sich das nun plötzlich ändern? Er war Optimist, und das galt auch für das, was er von den Leuten dachte. Lieber wollte er selbst enttäuscht werden, als auch nur Gefahr laufen, einem anderen von vornherein Unrecht zu tun. Den Schmerz in sich selbst konnte man wieder gutmachen, über den, den man anderen zufügte, hatte man dagegen keinerlei Gewalt mehr. Weisheiten seiner Mutter, die auch heute, nach all den Jahren, nichts von ihrer Gültigkeit verloren hatten.
Der Lorbacher Bürgermeister, ein Herr Jung, wußte von nichts. Weber war also noch nicht bei ihm gewesen. Sicher, er kannte den Mann von früher, ließ zwar, wie das in dieser Zeit nun einmal war, nicht durchblicken, was er über ihn dachte, doch erklärte er sich gleich bereit, seine Unterschrift unter ein rasch aufgesetztes Papier zu setzen, in dem festgehalten war, daß er bis jetzt noch niemals ein Wort mit Johannes gewechselt hatte. Zum Abschied beeilte er sich noch, ihnen zu versichern, daß er in nichts hineingezogen werden wolle, und fügte dabei so auffällig ein »von niemandem« hinzu, daß Johannes sich genötigt sah, ihn zu beruhigen, er brauche sich nicht die geringsten Sorgen zu machen. Schließlich habe er nur einen wahren Sachverhalt bestätigt, mit Gesprächen an »übergeordneter Stelle« müsse er deswegen ganz bestimmt nicht rechnen.
Als er wenig später mit Wilhelm alleine war, atmete Johannes erst einmal tief durch. »Was soll das jetzt gewesen sein? Wollten die mich vielleicht nur auf die Probe stellen?« meinte er unschlüssig, worauf Wilhelm um so fester entgegnete: »Wart´ ab, der Weber kommt schon noch. Er kann ja durch irgendwas aufgehalten worden sein, was weißt denn du?«
»Ach was, jetzt kommt der nicht mehr. Wenn der schon vor mir bei Schulz war, und das kann ja schon gestern oder vorgestern gewesen sein, dann hätte er es auch schaffen müssen, vor mir in Lorbach zu sein!«
»Wart´ ab, Johannes, wart´ ab!« sagte Wilhelm nur wieder sicher. Auf dem Heimweg machten die beiden dann die für Johannes so enttäuschende Feststellung, daß der Nachbar, obwohl ihm dem alten Freund gegenüber zwanzig Jahre an Lebenserfahrung fehlten, mit seiner Einschätzung recht behalten sollte: Kurz nach dem Ortsausgang von Lorbach kam ihnen auf seinem Fahrrad der SA-Mann Weber entgegen: sichtlich angestrengt und schwitzend, sie beide keines Blickes würdigend, stur nur auf den Boden stierend, so daß jetzt auch Johannes begriff, daß er endlich die bittere Pille schlucken mußte, die ihm sein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen gerade wieder einmal eingebracht hatte.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.




