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Der Dorfkern von Meiringen, ca. 1888: Dunkle Holzhäuser inmitten einer pittoresken Wald- und Gipfellandschaft. So haben sich die ausländischen Gäste «ein wahres Bergdorf» vorgestellt.
Am 28. März 1828 geboren, wächst er im abgelegenen Weiler Zaun auf, vierhundert Meter oberhalb von Meiringen. Die kinderreiche Familie lebt wie der Grossteil der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Fleissige, einfache Leute. Viehhaltung, Alpgang, Nutzung der Allmenden und Wälder gelingt nur dank des starken Zusammenhalts in der Familie und der Nachbarschaft.
Im Tal sind die Schulklassen überfüllt, und die Lehrer verdienen so wenig, dass sie noch anderen Verdienstmöglichkeiten nachgehen müssen. Von einem weiss man, dass er weder schreiben noch rechnen, von einem anderen, dass er nicht schreiben kann. Zu Melchiors Einschulung 1835 tritt das Bernische Primarschulgesetz in Kraft, und die Lehrer werden verpflichtet, zur Ausübung des Berufes eine theoretische Prüfung abzulegen. Zu den obligatorischen Unterrichtsfächern gehören nun: Christliche Religion, Muttersprache, Kopf- und Zifferrechnen, Schönschreiben, Gesang. In der Oberstufe auch Linearzeichnen, Geschichte, Erdbeschreibung, Naturkunde, Verfassungskunde, Buchhaltung, Hauswirtschaft und Landwirtschaft.
Nach Abschluss der Grundschule hilft Melchior weiterhin auf dem elterlichen Bauernhof mit. In den ruhigeren Wintermonaten widmet er sich seiner künstlerischen Begabung, der Holzschnitzerei. Bären, Murmeltiere und Chalets sind beliebte Souvenirs bei den Touristen. Für den Fremdenverkehr liegt das Haslital ideal. Die Gäste kommen von Interlaken her, von Luzern über den Brünig, von der Gotthardstrasse via Wassen über den Susten, vom Oberwallis über die Grimsel, von Engelberg über den Jochpass und von Grindelwald über die Grosse Scheidegg. Zudem kommt Meiringen das «milde Klima» zugut. Das Dorf liegt auf lediglich sechshundert Metern über Meer.
Schon seit den frühen 1840er-Jahren verbringen hier ausländische Gäste längere Sommeraufenthalte und schwärmen von der «lieblichen Umgebung inmitten eines echten alpinen Tales». Besonders gefällt ihnen der Blick auf die hohen Schneegipfel und die vielen Wasserfälle, etwa die Kaskaden des tosenden Reichenbachfalls, in dem später Arthur Conan Doyle seinen Sherlock Holmes verschwinden lässt. «Die Einheimischen», so berichten die Reisehandbücher, «sprechen einen eigenen, angenehmen Dialekt und unterscheiden sich von den anderen Oberländern durch feineren, dennoch kraftvollen, fast durchgängig schönen Körperwuchs.» Und: «Die Frauen geniessen den Ruf, hübscher zu sein als jene der meisten Täler der Schweiz.»

Zu schmal und steinig für eine Kutsche: Auf dem Saumweg zur Handeck und auf den Grimselpass, um 1850.
Reich wird Melchior mit seinen Holzschnitzereien nicht. 1854 lässt er sich bei seinem Vetter Johann Frutiger im Grimsel-Hospiz als Knecht anstellen. Einst war das steinerne Gebäude auf dem historischen Passübergang eine wohltätige Stiftung, um Säumern eine Station zum Ausruhen zu bieten und mittellosen Wanderern eine kostenlose Zufluchtsstätte zu gewähren. Inzwischen ist es ein offenes Gasthaus, «in welchem für sehr dürftige Einrichtung, aber gute Verpflegung Preise der Hotels ersten Ranges gezahlt werden», wie ein Reisehandbuch informiert. Die Übernachtung in einer engen Bretterzelle mit Bett kostet 2 Franken, Abendessen ohne Wein 3 Franken, Kaffee 1.50 Franken, Service 1 Franken. Hinter dem Haus liegen zwei fischlose kleine Alpenseen, die auch im Hochsommer nicht selten nachts von einer dünnen Eisdecke überzogen werden.

Das historische Grimsel-Hospiz, 1852 durch Brandstiftung in Schutt und Asche gelegt, 1853 neu aufgebaut und in den 1930er-Jahren im Grimselstausee untergegangen.
Melchior hilft bei der Führung des Gasthauses und in den dazugehörenden Alpbetrieben. Zu tun gibt es hier auf zweitausend Meter über Meer rund um die Uhr. An schönen Tagen geht es zu wie in einem Taubenschlag. Säumer, Kaufleute und Touristen kommen und gehen – zu Fuss, zu Pferd oder mit dem Tragsessel. Für einen Karrwagen oder gar Kutsche ist der Saumpfad zu schmal und steinig. Die Wanderung von Innertkirchen bis zum Hospiz dauert sechs Stunden. Zwischenstation bietet die grosse Sennhütte an der Handeck, wo ein Matratzenbett 1.50 Franken pro Nacht kostet.
Wie viele Berggasthäuser damals vermietet auch das Grimsel-Hospiz seine stämmigen Knechte als Bergführer. Durch die Gletscherforscher in den 1840er-Jahren habe sich das Hospiz zur «Brutstätte für die künftige Generation Führer entwickelt», schreibt Carl Egger in «Pioniere der Alpen». Jäger, Strahler und Hirten aus dem Haslital begleiteten die Wissenschaftler auf ihren Exkursionen im vergletscherten Gebiet. «Junge Wagehalse», die «flink wie ein Affe» waren und sich im Gebirge «mit unerschrockener Kühnheit aus allen schlimmen Lagen herauszuziehen wussten». Gemäss Egger haben sie in der Entwicklung des touristischen Bergsteigens aber noch keine Bedeutung erlangen können.
Das ändert sich, als Anfang der 1850er-Jahre neuerdings ausländische Gäste auf der Grimsel eintreffen, die nach Führern verlangen, um mit ihnen in diese noch immer weitgehend jungfräuliche Gletscherwelt vordringen. Melchior Anderegg, der auch ein passionierter Gemsjäger war, trifft im Hospiz seine ersten englischen «Herren». Wie und wann er seine erste Gletscherfahrt unternommen hat, ist nicht überliefert.
WIEDERSEHEN IM «SCHWARENBACH»
Den Sommer 1856 verbringt Melchior Anderegg nicht mehr auf der Grimsel, sondern im Gasthaus Schwarenbach auf dem Gemmipass, der einzigen Unterkunft zwischen Kandersteg und Leukerbad. Man hat ihm das Angebot gemacht, dort seine Holzschnitzereien an die Touristen zu verkaufen und gleichzeitig als Lokalführer zu arbeiten. Thomas Hinchliff, den Melchior im Vorjahr über die Strahlegg geführt hat, weiss von diesem Wechsel nichts und staunt nicht schlecht, als er im «Schwarenbach» den Speisesaal betritt und Melchior sieht. Dieser trägt einen grünen Schurz und ist von einer Schar Gäste umringt, die ihm beim Schnitzen zuschauen. Erfreut schütteln sich die beiden die Hand, und Hinchliff teilt Melchior mit, dass er den Altels (3629 Meter) besteigen möchte.
Am Abend sitzen die beiden vor dem Haus auf der Holzbank, rauchen eine Pfeife und besprechen die Details für die Tour. Melchior war wenige Tage zuvor auf dem Altels und weil er Hichliff kennt, trägt er keine Bedenken, ihn allein auf den Gipfel zu führen. Für damalige Verhältnisse ein unerhörtes Wagnis, da sehr steile Eispassagen zu überwinden sind. Hinzu kommt, dass es geschneit hat und das Wetter noch immer nicht wirklich gut ist.
Wiederum macht Melchior den Nagelschuster. Um 3.30 Uhr weckt er Hinchliff, um 4.30 Uhr verlassen die zwei das Haus. Melchior trägt im Rucksack Brot, kaltes Fleisch, ein paar Flaschen Wein und ein Seil. Am Ledergürtel hat er ein Handbeil befestigt. Über Weidhänge, Geröll und Schneefelder gelangen sie an den Rand des mächtigen Hängegletschers, wo unaufhörlich Eistücke herunterfallen. Die Sache sieht bedenklich aus. Aber Melchior versichert Hinchliff, dass sich der Haupteissturz nur etwa alle hundert Jahre ereigne und das zuletzt vor etwa sechzig Jahren geschehen sei.
Ganz falsch liegt Melchior mit seiner zeitlichen Einschätzung nicht: Ein gewaltiger Eisabbruch ging dort am 18. August 1782 nieder, dabei starben auf der Alp unterhalb zwei Kinder, zwei Erwachsene und gegen hundertvierzig Tiere wurden «jämmerlich erschlagen und zerschmettert», wie Urkunden von Leukerbad und Kandersteg zu entnehmen ist. Der nächste, noch verheerendere Absturz folgte dann am 11. September 1895 um 5.10 Uhr. Im «Schwarenbach» nahm man ein anhaltendes, donnerähnliches Getöse wahr und sah eine weissliche, wolkenähnliche Lawine. Das Getöse und Erzittern ging bis Kandersteg. Etwas später fiel für kurze Zeit ein kalter Regen aus heiterem Himmel herab, «entstanden durch Schmelzung des Eisstaubes». Um 9.30 Uhr kam der Knecht vom «Schwarenbach» nach Kandersteg gerannt, «schweisstriefend und fürchterlich erregt». Er verkündete: «Der Altels ist herunter fallen, alles ist tot – Menschen und Vieh – alles!» Später wurde festgestellt, dass 4,5 Millionen Kubikmeter Eis abgestürzt waren. Vier Männer kamen darin ums Leben, darunter Kanderstegs Vize-Gemeindepräsident, welcher wie immer zwei bis drei Tage vor der Alpabfahrt zur Teilung von Käse und Butter auf der Alp Spittelmatte weilte. Getötet wurden zudem 220 Tiere. Auch die Vernichtung des gesamten «Sommernutzens», des Vorrats für den Winter, war für viele Familien ein unermesslicher Verlust. Diese Tragödie ereignete sich 39 Jahre nach Andereggs und Hinchliffs Fahrt, heute ist der Gletscher stark zurückgeschmolzen.
HAND IN HAND ÜBER DIE STEILE FLANKE
Am steilen Gipfelkegel schlägt Melchior Stufen in das Eis. Hinchliff macht es sich zur Ehrensache, das Seil, mit dem sie verbunden sind, nie straff werden zu lassen. Melchior ist mit dem Marschtempo sehr zufrieden, was er durch wiederholtes «Gut, gut!» bezeugt. Als der Engländer die Frage aufwirft, was geschehen könnte, wenn einer auf diesem Eishang ausglitte, zeigt ihm Melchior, wie er im schlimmsten Falle seine Axt einhauen und sich daran halten würde. Trotz eintretenden Wetterumschlags steigen sie weiter und betreten bereits um 8.15 Uhr den Gipfel, der von einer zehn Fuss hohen Stange markiert wird.
Im Enthusiasmus klettert erst Melchior, dann Hinchliff an der Signalstange empor. Oben stösst Melchior den «Oberländer Kriegsruf aus, als ob ihn irgendjemand in der Runde hätte hören können». Hinchliff wird im Wind der Hut Richtung Gasterntal weggeweht, und der riskante Versuch Melchiors, diesen zu erhaschen, wird durch das Seil, das die beiden noch verbindet, rasch gehemmt. Melchior seilt seinen «Herrn» los, knüpft das Seilende und sich an den Signalpfahl und will sich auf die überhängende Wächte hinauswagen, um nach dem Hut zu spähen. Hinchliff schaudert es beim Zuschauen, er zieht ihn am Seil zurück, lehnt auch Melchiors Anerbieten ab, ihm seinen Hut zu leihen, und bedeckt das Haupt mit einem Taschentuch.
Um sich während des Mahls vor der Kälte zu schützen, graben sie die Beine bis zu den Knien in Schneehöhlen ein. Der «berühmte Gemsjäger» Melchior erzählt, dass er schon oft in selbstgegrabenen Schneehöhlen übernachtet und bis zum Morgen herrlich darin geschlafen habe. Beim Abstieg schreitet Melchior über das harte Eis voran, tritt in die im Aufstieg geschlagenen Stufen, Hinchliff dicht hinter ihm. Als der Schnee weicher wird, gehen sie Hand in Hand, die genagelten Absätze der Schuhe fest einstossend, wobei Melchior von Zeit zu Zeit sein «Gut, gut!» hören lässt. Es beginnt zu regnen, sie beeilen sich und gelangen um elf Uhr zum «Schwarenbach», wo man erstaunt zur Kenntnis nimmt, dass sie lediglich sechseinhalb Stunden für die ganze Tour gebraucht haben, während man normalerweise nur für den Aufstieg deren sieben berechnet.
Sie trocknen ihre vom Niederschlag durchnässten Haare, geniessen eine Pfeife und einen Kaffee. Hinchliff will weiter nach Leukerbad, wo im Hotel des Alpes seine Reisebegleiter auf ihn warten. Bei diesem Wetter möchte Melchior seinen «Herrn» nicht alleine gehen lassen. Gutmütig gibt er vor, in Leukerbad «seinen Bruder» besuchen zu müssen. Arm in Arm, Hinchliff nun mit Melchiors Hut geschmückt, treten sie den Weg unter einem Regenschirm an. Hinchliff schreibt später: «Mit Bedauern schied ich von Melchior, indem ich ihn für einen ganz ausgezeichneten und zuverlässigen Gefährten halte, eines von jenen treuen und mannhaften Herzen, mit denen es immer ein Vergnügen ist, verbunden zu sein.» Sie nehmen sich zum Ziel, im nächsten Jahr gemeinsam den Wildstrubel zu besteigen – was sie 1858 zusammen mit Hinchliffs Freund Leslie Stephen machen werden.
DER STEINIGE WEG ZUM ALPINISMUS
DIE ENGLÄNDER KOMMEN — KRIEGSRHETORIK IN DEN BERGEN — RÜCKBLICK: DIE ALPEN SIND SCHRECKLICH, BERGBESTEIGUNGEN VERBOTEN UND «KEINESWEGS LUKRATIV» — MIT PANTOFFELN AUF DEN MONT BLANC — «WO IST JETZT DIE JUNGFRAU?»
Wäre Melchior Anderegg nicht von Thomas Hinchliff «entdeckt» worden, hätte ihn mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein anderer Engländer im Grimsel-Hospiz oder im «Schwarenbach» aufgespürt. Mit dem Aufkommen des touristischen Alpinismus tun sich zwar immer mehr Hochgebirgsführer hervor, aber nicht so viele, wie gefragt wären. Hinchliff publiziert 1857 sein Buch «Summer Months Among the Alps», ein Publikumserfolg. Es ist damals eine der ersten unterhaltsamen Lektüren über die Alpen ohne wissenschaftliche Abhandlung. Die Briten verschlingen Hinchliffs Reisen. Sie folgen ihm lesend auf die Alpengipfel, leiden mit ihm, wenn er sich etwa bei der Besteigung der Dufourspitze, mit 4634 Metern der höchste Gipfel auf Schweizer Boden, fast die Finger abfriert, weil ihm der Zermatter Führer nicht gesagt hat, er solle Handschuhe einpacken. Hinchliff beschreibt detailliert, was er gefühlt, gesehen und erlebt hat. Manche seiner Bergführer schienen ihm ängstlich und ungeübt, andere hat er als müde und weniger ausdauernd als er selber in Erinnerung. Jedenfalls erhält in «Summer Months Among the Alps» kein anderer so viel Lob wie Melchior Anderegg, den er seinen «good old friend» nennt. Dadurch wird der Haslitaler auf einen Schlag berühmt und begehrt. Also noch bevor seine grosse Zeit der Erstbesteigungen überhaupt angefangen hat.

Eintrag in Melchiors Führerbuch: 1959 sind Melchior Anderegg und sein «Entdecker» Thomas Hinchliff mehrere Wochen gemeinsam unterwegs und besteigen unter anderem das Finsteraarhorn.
In der Folge tauchen vermehrt Engländer auf der Grimsel und im «Schwarenbach» auf, um die grosse Blechflasche und Melchior zu finden. Sie reagieren enttäuscht, wenn sie nur erstere finden und zu hören bekommen: «Melchior ist weit weg über die Berge». Zu seinen Herrschaften zählt nun eine Reihe Bergsteiger, die ihm ehrgeizige Aufgaben stellen.
Die Anzahl der Touristen, die in die Hochalpen wollen, wächst ab den 1850er-Jahren rasant, die meisten bleiben Gelegenheitsbergsteiger und manche haben schon nach einem Gipfel oder einem vergletscherten Passübergang genug. Im Berner Oberland stellen Tschingel-, Strahlegg- und bei Zermatt der Théodule-Pass lange Jahre die grössten Ambitionen vieler dar.
Dagegen lassen sich die Namen jener, die sich um die Erstbesteigungen reissen und Saison für Saison von Gipfel zu Gipfel eilen, auf etwa drei, vier Dutzend beziffern. Allen voran sind es Briten. In ihrem kleinen Kreis verbrüdern sie sich zu einem Mikrokosmos von Alpinisten und gründen 1857 in London The Alpine Club, die erste Bergsteigervereinigung der Welt. An Meetings und in Jahrbüchern tauschen sie ihre Erfahrungen aus und diskutieren, wie sie ihr neu entdecktes Hobby weiterentwickeln können. Eine ähnliche Vereinigung konstituieren die Österreicher 1862.
In der Schweiz ruft 1863 eine Gruppe von Wissenschaftlern, Politikern und Mitgliedern des gebildeten Bürgertums mit dem Schweizer Alpen-Club (SAC) eine Gemeinschaft für «Hochgebirgsfreunde» ins Leben. Initiator ist Rudolf Theodor Simmler. Der Zürcher Chemie- und Geologieprofessor in Bern findet die Sachlage bemühend, ja sogar beschämend, «wenn das Publicum in der Schweiz über die Regionen des ewigen Schnee’s und Eises, über die Zugänglichkeit der Gletscher und Felsengipfel sich aufklären will, es zu den Beschreibungen des englischen Alpenclubs greifen muss.» Der SAC wird sogleich ein Erfolgsclub. Kurz nach der Gründung treten vier Bundesräte bei. Bei einigen SAC-Sektionen werden anfangs noch bergsteigende Frauen und «Fräuleins» akzeptiert, zumeist als «Tochter» oder «Ehefrau» registriert, 1907 dann aber offiziell ausgeschlossen. Bei den Engländern bleiben die Ladys von Anfang an draussen. Sie gehen gar soweit, dass die Hündin «Tschingel» Ehrenmitglied wird, aber nicht ihr «Frauchen», die Alpinistin Meta Brevoort. Mit ihr und ihrem Neffen William A. B. Coolidge hat «Tschingel» 66 grosse Bergtouren unternommen. Frauen nimmt der Alpine Club ab 1974 auf, der SAC erst ab 1980, also nachdem das Frauenstimmrecht auf Bundesebene bereits eingeführt war.
ATTACKIEREN, BESIEGEN, BEZWINGEN
Nachdem sich jahrtausendelang nichts oder nur wenig ereignet hat im Hochgebirge, folgen die Erstbesteigungen der Alpengipfel plötzlich Schlag auf Schlag. Das sogenannte «Goldene Zeitalter» in der Geschichte des Alpinismus dauert etwa von 1854 bis 1865. 1870 ist mehr oder weniger jeder namhafte Gipfel in der Schweiz bestiegen. Die Rhetorik, die damals in der alpinen Literatur gebraucht wird, könnte gar vermuten lassen, in der Zone des ewigen Eises sei Krieg ausgebrochen. Rudolf Theodor Simmler spricht im Zusammenhang mit dem SAC von «Feldzug», «Kriegsrat», «Generalstab», und «Hauptquartier». Bevor er mit seinen «Hochgebirgsfreunden» zum allerersten Vereinsabenteuer schreitet, der Tödi-Besteigung im Glarnerland, sagt er: «Diesen Moment stelle ich mir feierlich vor, wie ein Feldherr den Augenblick vor einer Schlacht, wo er vor der Front seinen Soldaten mit kurzen Worten die Situation enthüllt und ihnen Sieg und Ruhm verheisst.»

Das Niemandsland unter Kontrolle bringen: Schweizer Bergsteiger pflanzen eine Gipfelfahne. Skizze von Emil Rittmeyer, Mitbegründer der SAC-Sektion St. Gallen, publiziert 1861.
Ähnlich klingt die Wortwahl der Engländer. Auch in ihren Berichten geht es darum, einen Berg zu «attackieren» und zu «besiegen», als wäre er ein Gegner, den man buchstäblich mit Füssen tritt und mit Eispickeln schlägt. Leslie Stephen erklärt die Alpen mit seinem viel gelesenen Klassiker «Playground of Europe» ironisch zum «Tummelplatz». Und Edward Whymper, 1865 «Bezwinger» des Matterhorns, nennt sein Buch zweideutig «Scrambles Amongst the Alps». «Scrambles» kann sowohl als «Kletterei» wie auch als «Wettlauf» übersetzt werden.
Bergführer nennt man «Anführer», sie haben das «Kommando» respektive «Regiment», und ihre Zöglinge sind «Rekruten».
Am symbolischen Eroberungswettkampf der Alpengipfel beteiligen sich Bergsteiger verschiedner Nationalitäten, aber die Briten lassen den Rest weit hinter sich. «Eine besonders kräftige Pflege und Förderung, ja ein völlig sportliches Gepräge erhielt der Alpinismus durch die Engländer. Die Angelsachsen sind nicht nur die Pioniere des Westens, sie sind auch die Pioniere des europäischen Hochgebirges», schreibt der österreichische Alpinist Ludwig Purtscheller 1894 in einem Essay «Zur Entwicklungsgeschichte des Alpinismus und der alpinen Technik».
FURCHTBARER ANBLICK VON FELS UND EIS
Obschon die Eidgenossen die Alpengipfel gewissermassen auf dem Präsentierteller im eigenen Land haben, lassen sie sich Mitte des 19. Jahrhunderts vom Gipfelsturm englischer Touristen überrumpeln. Für den damals jungen Bundesrat ist das Hochgebirge ein Teil des Landesterritoriums, das er noch nicht unter Kontrolle hat. Der SAC habe seine Unternehmungen deshalb auch als «patriotische und wissenschaftliche Kolonisierung seines eigenen Niemandslandes» gesehen, schreibt Andrea Porroni in «Helvetia Club».
Heute mag sich man fragen, weshalb das Interesse an diesen Bergfahrten auf einmal schier politische Relevanz erlangt hat. Gleichzeitig aber auch, warum dieses Revier oberhalb der Vegetationsgrenze bisher grundsätzlich gemieden wurde. Immerhin stehen die Alpen schon seit ungefähr einer Million Jahre da.
Die Menschen hatten Angst vor dem Gebirge. Man wollte am liebsten nichts damit zu tun haben. «Es stand wie eine geistige Mauer dazwischen», schreibt Max Senger in «Wie die Schweizer Alpen erobert wurden». Diese Mauer musste durchbrochen werden. «Erst als diese Einstellung zwar nicht Allgemeingut, aber doch ‹gesellschaftsfähig› geworden war, durfte man daran denken, die physische Eroberung der Alpen in Angriff zu nehmen.»
Noch bis tief ins 18. Jahrhundert gilt des Römers Livius altes Wort von der Scheusslichkeit der Alpen – der Foeditas Alpium. Wer immer der unwirtlichen Einöde trotzt, die zwischen Nord- und Südeuropa liegt, tut das aus schierer Notwendigkeit und hält sich eng an die alten Passstrassen. «Gott gib mich meinen Brüdern zurück, damit ich sie warnen kann, diesen qualvollen Ort zu meiden», betet ein englischer Mönch, als er 1178 den Gotthard auf dem Weg nach Rom überquert. Der protestantische Missionar David Cranz beobachtet noch 1757 auf dem Flüelapass mit Bestürzung, wie nicht nur die Vegetation, sondern Sichtbares überhaupt verschwindet: «Wenn die Bäume und nach ihnen die Alpen wegen der grossen Kälte aufhören, sieht man noch ein wenig Gras zwischen den Steinhaufen, dann nur noch Moos und endlich gar nichts.» Sein Zeitgenosse Johann Joachim Winckelmann setzt sich gegen den Schrecken der Alpen zur Wehr, indem er 1760 auf dem Weg zu Italiens Kunstschätzen die Fenster seiner Kutsche verhängt, um sich den furchtbaren Anblick von Fels und Eis zu ersparen. Wer zu Pferd über die Saumwege muss, verbindet sich die Augen.
Dennoch gab es immer schon ein paar Verwegene, welche die Berge weder als «feindliche Macht» noch als «scheusslich» wahrgenommen haben. Etwa Peter II., König und Feldherr des heutigen Katalonien in Spanien. Um zu «entdecken und erkennen, was auf dem Gipfel ist», steigt er im Jahr 1250 in den Pyrenäen auf den Pic du Cnaigou (2780 m ü.M). Im Vordergrund steht sein Wissenstrieb und vielleicht auch Ergeiz. Der italienische Dichter Francesco Petrarca erreicht 1336 den Gipfel des Mont Ventoux, eine 1912 Meter hohe Erhebung in der Provence, «alleine von dem fieberhaften Wunsche beseelt, die bedeutende Höhe dieses Ortes zu sehen.» Petrarca ist er erste Mensch, der von einer Art «Gipfelextase» spricht. Im 16. Jahrhundert wird dann der Zürcher Arzt Conrad Gessner der erste Mensch, der die Anstrengung einer Wanderung als Genuss beschreibt: «Ich habe mir vorgenommen, fortan, so lange mir Gott das Leben gibt, jährlich mehrere oder wenigstens einen Berg zu besteigen, und zwar in der Jahreszeit, wenn die Pflanzen in der Blüte sind, theils um diese kennenzulernen, theils um meinen Körper auf ehrenwerte Weise zu üben und meinem Geist die edelste Erholung zu gestatten. Denn welche Lust ist es und welches Vergnügen, für den ergriffenen Geist, die gewaltige Masse der Gebirge wie ein Schauspiel zu bewundern und das Haupt gleichsam in die Wolken zu erheben.»
VERBOTE, VERHAFTUNGEN, DRACHEN
Aber weder Petrarca noch Gessner dringen bis ins Hochgebirge vor. Es gilt nach wie vor als wertlos. Am meisten Geringschätzung bringen ihm jene entgegen, die ihm am nächsten sind: Die Alpenbewohner. Bei grösster Mühe der Bewirtschaftung bringt der Gebirgsboden nur geringe, oder gar keine Erträge. Zudem verkörpern die unfruchtbaren, dem Menschen gar gefährlichen Stellen des Gebirges seit dem Mittelalter die Wohnstätten höllischer Geister und des Teufels. Diesem Glauben leistet die Kirche offen Vorschub. 1387 stecken die katholischen Behörden der Stadt Luzern sechs Mönche ins Gefängnis und verweisen sie dann des Landes, weil sie auf den mythenumrankten Pilatus wollten. Dessen Besteigung ist bis ins 16. Jahrhundert per Gesetz untersagt. Man glaubt, nur schon eine Annäherung an den Berg und den Bergsee, wo gemäss der Sage angeblich die Leiche von Pontius Pilatus, römischer Statthalter in Jerusalem, versenkt worden sei, bringe schreckliches Unheil. «Grusame, ungestüme wätter und Hagel, windschlegen und anlaufen der bergwasser» wären die Folge. Über hundert Jahre nach den Mönchen, 1518, holt Joachim Vadian, Reformator aus Sankt Gallen, eine offizielle Bewilligung für den Pilatus ein und besteigt den Gipfel. In den gefürchteten See wirft er Steine, worauf sich – oh Wunder – kein Unwetter zusammenbraut. Sowohl die Mönche wie auch Vadian haben die Besteigung des Pilatus in erster Linie aus Protest gegen den Aberglauben und die religiöse Intoleranz dieser Zeit geplant.
Die Furcht vor dem Gebirge und den bösen Wesen, die es möglicherweise bewohnen, bleibt lange verbreitet. Dazu verhelfen nebst der Kirche wissenschaftliche Theorien. Wie jene des Zürcher Arztes Johann Jakob Scheuchzer: 1716 veröffentlicht er sein Werk «Naturgeschichte des Schweitzer Landes» (Itinera Alpina). Darin bringt er ausführliche Beschreibungen von Drachen in den Schweizer Bergen. Zur Illustration hat er Skizzen von sagenhaften Ungetümen erstellt, manche mit dem Körper einer Schlange und dem Kopf einer Katze oder mit Fledermausflügeln, andere mit kurzen Beinen und einem Hahnenkamm oder einem behaarten, zweigezackten Schwanz. Scheuchzer kann das Vorkommen der Drachen sogar nach Kantonen ordnen. Betroffen sind seiner Meinung nach die beiden Appenzell, Bern, Glarus, Luzern, Unterwalden, Zürich sowie das «Pündtner-Land», die Grafschaft Sargans oder die Landschaft Gaster. Es sei klar, so schreibt er, dass es solche Lebewesen gebe. «Sie mögen eine besondere Art der Tiere ausmachen, oder, wie viele wollen, Missgeburten sein; denn man siehet, dass nicht alle von einerlei Art sind.»




