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Drachen «existiren» in der Schweiz bis ins 18-Jahrhundert: Der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer hat sie in seiner «Naturgeschichte des Schweitzer Landes» auch abgebildet.
Immerhin gehört Scheuchzer zu den ersten Gelehrten, die sich aus ihren Studierstuben hinauswagen und in die Alpen reisen. Auf hohe Gipfel schafft er es jedoch nie. «Theils wegen körperlicher Erschöpfung, theils wegen der noch zurückzulegenden Entfernung.» Und er stellt fest: «Nicht jeder vermag es, sich an der Besteigung von Hügeln zu erfreuen, die bis zu den Wolken reichen. Sehr wenige schätzen ein mühsames Unterfangen dieser Art, das keineswegs lukrativ ist.»
Scheuchzers enorm umfangreiche Forschungen zeigen, wie wenig noch im 17. Jahrhundert von den Alpen und den Talbewohnern bekannt gewesen ist. Nebst den Drachen beinhalten seine Bände Kapitel wie «von des Sennen Person», «von Bergen, Neblen und Wolken», «von den wässrigen und winddichten Luftge-schichten des Schweitzerlandes» oder «von den Überbleibseln der Sündflut». Er glaubt, die Berge seien hohl, und er zeichnet erste Karten «von den Gletschern, Schnee- und Eisbergen» im Berner Oberland und im Rhonetal, die allerdings etwa so verlässlich sind wie seine Drachentheorie. Nach ihm wurden später das Scheuchzerhorn und das Scheuchzerjoch benannt, die zum Gebirgszug zwischen Finsteraar- und Oberaargletscher gehören.
STÜRMER, DRÄNGER, ROMANTIKER
Ein ganz neues Gesicht bekommt das Gebirge im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung. Diese begegnet der Natur insgesamt mit den nüchternen Methoden der Wissenschaft, aber gleichzeitig wächst das Unbehagen und die Kritik am Glauben an die Messbarkeit. Empfindsamkeit, Sturm und Drang und schliesslich die Romantik suchen einen ganz anderen Zugang zu ihr und finden nicht zuletzt in der Natur Erholung von Zivilisation und gesellschaftlicher Konvention. Sie verweisen auf die irrationalen Seiten des Lebens, auf Leidenschaften, Unberechenbarkeiten, und so entdecken sie auch die «barbarischen» Alpen mit ihren schroffen Felsen und tiefen Schluchten als ihre Seelenlandschaft. Schon 1729 macht der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller mit seinem Gedicht «Die Alpen» Furore, in dem er der «verweichlichten Zivilisation» die Augen für die Schönheit der Berge zu öffnen versucht. Er verachtet Städter, die in Luxus und Genuss leben. Jean-Jacques Rousseau sieht die Alpenbewohner noch in einem unverdorbenen Naturzustand, Joseph von Eichendorff schreibt vom «reinen, kühlen Lebensatem», den die Bergbewohner «auf ihren Alpen einsaugen». Schriftsteller aus ganz Europa schreiben von «süssen Schauern», wenn sie in den Alpen «trotzig hinabschauen in die Schrecken». Lord Byrons «Manfred» von 1817, ein Hauptwerk der Romantik und oft vertont und gemalt, spielt unter anderem auf dem Gipfel der Jungfrau. Reisen in die Schweiz kommen in Mode. Aber weder Rousseau, Byron noch die Stürmer und Dränger sind Alpinisten. Johann Wolfgang von Goethe steigt auf unbedeutende Gipfel wie die Rigi oder den Brocken in Deutschland und macht Passtouren.
Gleichzeitig beginnt auch die Wissenschaft, die geheimen Schlupfwinkel und verborgenen Einöden der Alpen zu erobern. Eine Welt, «die mehr wundervoll als bequem, mehr schön als nützlich ist».
DIE GEISTLICHEN UND DIE GELEHRTEN
In der Schweiz werden die ersten namhaften Gletscherberge von Geistlichen bestiegen. Unter anderem der Titlis 1739, der Vélan 1779, die Dents du Midi: 1784. Zu den bemerkenswertesten frühen Pionieren gehört Placidus a Spescha (1752 bis 1835). Alleine oder nur von einem Schafhirten oder Diener begleitet, besteigt er eine ganze Serie von Gipfeln als erster: Rheinwaldhorn, Oberalpstock, Piz Cristallina, Urlaun, Uffiern, Terri, Ault, Stoc Grond, Scopi, Muraun, Güferhorn. Er ist Pater im Kloster Disentis, Kartograf, Geograf, Natur- und Sprachenforscher.
Als «geistiger Vater des Alpinismus» geht der vermögende Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure in die Geschichte ein. Am 3. August 1887 steht er auf dem 4810 Meter hohen Mont Blanc, nachdem er 27 Jahre zuvor demjenigen eine hohe Geldsumme versprochen hatte, der eine Route auf den Gipfel findet. Begleitet wird er von seinem Diener, dem «Weg-Finder» Jacques Balmat und siebzehn Trägern. Sie schleppen Saussures «physikalische Werkzeuge und alle nöthigen Geräthe». Dazu gehören auch seine persönlichen Gegenstände wie Sonnenschirm, Zelt, Klappbett mit Matratze, Betttücher, Decken, zwei Überröcke, drei Jacken, drei Westen, sechs Hemden, ein weisser und ein Reiseanzug, Stiefel, Gamaschen, ein Paar Schuhe mit grossen und zwei Paar mit kleinen Spitzen, zwei Paar gewöhnliche Schuhe und Pantoffel. Für den mühseligen Aufstieg von Chamonix bis auf den Gipfel brauchen sie drei Tage. Ab den Grands Mulets muss Saussure alle fünfzehn Schritte pausieren, um Atem zu schöpfen. Oben angekommen, fühlt er aufgrund der Höhe «eine leichte Neigung zum Erbrechen». Das mitgebrachte Essen ist gefroren, und die Begleiter, denen die «Dünnigkeit der Luft» ebenfalls zur Last fällt, «bekümmerten sich nicht einmal um den Wein und gebrannte Wasser», schreibt Saussure später in seinem vier Bände umfassenden Werk «Voyages dans les Alpes». «Sie hatten wirklich gefunden, dass die starken Getränke die Unpässlichkeit vermehrten, wahrscheinlich weil sie den schnellen Umlauf des Geblütes noch beschleunigen. Bloss frisches Wasser that gut und war uns angenehm; aber es kostete Zeit und Mühe, Feuer anzumachen, und sonst war keines zu haben.»
Die Delegation verbringt vier Stunden auf dem Gipfel. Während Saussures Begleiter auf ihren auf den Schnee gelegten Säcken schlafen, nimmt er allerlei Messungen vor. Das Wasser zum Siedepunkt zu bringen, so stellt er fest, erfordert auf dem Mont Blanc eine halbe Stunde. Zu Genf lediglich fünfzehn bis sechzehn Minuten. Eine Pistole, die er auf dem Gipfel abfeuert, «machte nicht mehr Lärm als ein kleiner chinesischer Schwärmer im Zimmer». Der Puls von Bergführer Balmat schlägt nach den vier Stunden Ruhe 98-mal, der von Saussures Diener 112-mal und sein eigener 100-mal in einer Minute. In Chamonix sind es 49, 60, 72-mal.
In den folgenden Jahrzehnten dringen weitere Gelehrte ins Hochgebirge vor, jedoch nur einzelne und wie Saussure weniger der Berge wegen, sondern zu Forschungszwecken. Wie können Vögel und Insekten in diesen Höhen überleben? Weshalb bewegen sich die Gletscher, wie sie sich bewegen?
Oder die Meyers aus Aarau, die 1811 und 1812 mit Gemsjägern vom Wallis auf die Jungfrau klettern, um von dieser unbekannten Gegend Kartenmaterial zu erstellen. Eine Besteigung, ohne Messungen oder andere der Menschheit dienliche Beobachtungen durchzuführen, wird zu der Zeit als nutzlos angesehen oder gar nicht anerkannt. Wie etwa die Finsteraarhornbesteigung von 1812, als Meyer erschöpft auf dem Grat zurückbleibt und seine Führer angeblich alleine den Gipfel erklimmen. 1813 wird dann in der Schweiz noch das Zermatter Breithorn (4164 m ü.M.) von einer Gruppe um Henry Maynard erstmals bestiegen. 1819/20 im Monte-Rosa-Massiv die Vincentpyramide (4215 m ü.M.) und die Zumsteinspitze (4563 m ü.M.) von Joseph und Johann Vincent sowie Joseph Zumstein, 1822 die Ludwigshöhe (4341 m ü.M.) von Ludwig Freiherr von Welden.
WIRTSCHAFTSKRISE, KALTE WINTER, HUNGERJAHR
Trotz des alpinistischen Enthusiasmus’, den Saussure mit dem Mont Blanc ausgelöst hat, kommt die Bewegung ins Stocken. Man hat dringendere Probleme in der Folge der napoleonischen Kriege. Zwischen 1806 und 1814 verhängt der französische Kaiser eine Wirtschaftsblockade über die britischen Inseln – als Antwort auf die vorangegangene britische Seeblockade der französischen Küste. Dadurch geraten die Handelsbeziehungen fast aller Länder des Kontinents ins Schleudern, allen voran Frankreich selber. Am wenigsten trifft die Sperre jedoch Grossbritannien, es findet sogleich neue Absatzmärkte. In der Schweiz ist insbesondere die Textilindustrie betroffen, in der auch die Meyers aus Aarau tätig sind. Statt weitere Gipfel zu besteigen und Reliefs zu erstellen, müssen sie sich um das Überleben ihrer Fabrik kümmern. Alleine in der Schweiz werden gegen 200 000 Weber und Sticker arbeitslos.
Zudem bewirken klimatische Einflüsse grosse Katastrophen: Nach zwei ausserordentlich harten Wintern spuckt 1815 in Indonesien der Vulkan Tabora so viel Asche aus, dass danach achzehn Monate lang weltweit kaltes Wetter herrscht. 1816 wird «das Jahr ohne Sommer». Es schneit jeden Monat bis auf mindestens achthundert Meter herab. Darauf folgt eine Wärmeperiode mit rascher Schneeschmelze und Überschwemmungen. Die Missernten führen zu fürchterlichen Zuständen – auch in der Schweiz. In Sankt Gallen verhungern zwischen 1816 und 1817 sechstausend Menschen, Appenzell verliert sechs Prozent der Bevölkerung.
So wundert es wenig, dass in diesen Jahren, wo Schweizer gezwungen sind, Heu zu essen, Katzen und Hunde als seltene Delikatessen gelten, in der alpinistischen Technik ein deutlicher Rückschritt zu verzeichnen ist. Jungfrau und Finsteraarhorn sind seit den Meyers nie mehr angegangen worden und fast schon in Vergessenheit geraten. Erst 1827 nimmt Gletscherforscher Franz Josef Hugi, Professor am Gymnasium und Direktor des Museums in Solothurn, einen erneuten Anlauf auf die Jungfrau, dann auch mehrere auf das Finsteraarhorn. Er scheitert bei all seinen Versuchen. Den Finsteraarhorn-Gipfel erreichen 1829 seine Haslitaler Bergführer. Er selber muss wegen eines verstauchten Knöchels im Sattel zurückbleiben.
Bemerkenswert sind nicht nur Hugis Komplikationen am Berg, sondern auch jene im Tal. Im Lötschental begegnen die Einheimischen Hugi und seinen Begleitern höchst misstrauisch. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Männer den weiten Weg unter die Füsse genommen haben, nur um Gletscher zu erforschen. So etwas hat man hier noch nie gehört. Man glaubt, sie seien Viehdiebe, Schmuggler oder anderes Gesindel. Keiner will ihnen Unterkunft geben. «Die Walliser staunten mächtig über unsere Ankunft von jenen weissen Himmelshöhen herab», schreibt Hugi in «Naturhistorische Alpenreise». «Zwischen den Dörfern Zneisten und Platten hielt ich mit meinen acht Trägern am Bache, in hohes Gras gelagert, noch einen Abendtrunk. Wie die Einwohner unser aufgepflanztes Fass, die Hutten und Reisegeräthschaften sahen, und Peter einige Worte von Krieg fallen liess, wurde es ihnen unheimlich. Ein altes Mütterchen kreuzte sich und eilte so schnell als möglich vorbei. Überhaupt sah ich wohl, dass man wenig Gutes uns zutraute. In Kippel, wo der Pfarrer zugleich Wirth ist, wurden wir erst nach langer Deliberation mit den Nachbarn ins Haus gelassen. Wohl eine halbe Stunde sassen wir so ungewiss auf der Mauer des Kirchhofes. Meine Gefährten waren aber alle von ungewöhnlicher Grösse, Baumann tüchtig benarbt, und die meisten so bebartet, dass ihre Kraftgesichter und der ganze muskulöse Gliederbau wohl geeignet war, Besorgnisse zu erregen.»
EINE BERNER JUNGFRAUFAHRT
Im Sommer 1828 macht sich auch der Zürcher Caspar Rohrdorf, Präparator am naturhistorischen Museum in Bern und Aufseher des Bärengrabens, zur Jungfrau auf. Er meint, er erweise dem Kanton einen Bärendienst, wenn er als erster Mensch von der Berner Seite auf den Gipfel steigt und Kartenmaterial zeichnet. Aber er bleibt ebenfalls auf der Strecke. Wie unwissend und amateurhaft Rohrdorf unterwegs ist, vernimmt man aus seinen Beschreibungen in «Reise über die Grindelwald-Viescher-Gletscher auf den Jungfrau-Gletscher». Mit vier Führern, acht Trägern und zwei Hirten startet er von der Stieregg oberhalb von Grindelwald. Sie biwakieren eine Nacht in der Eigerhöhle und erreichen am nächsten Nachmittag das Mönchsjoch. Rohrdorf als letzter. Er schreibt: «Wir staunten eine Weile; wo ist jetzt die Jungfrau? fragte ich den Führer Christian Roth; das weiss ich nicht, antwortete er; und ich eben so wenig, sagte ich.» Auf dem Hosenboden rutschen sie den Hang hinab und folgen dem Pfad ihrer Begleiter, die vorausgegangen sind. «Als wir sie erreicht hatten, rufte ich, ob nicht dort unten die Jungfrau sey? Ob ich denn das nicht wisse? versetzten sie; ich gab ihnen zur Antwort, wie ich das wissen könnte, ich sey ja so wenig je hier gewesen als sie; jetzt kamen die beyden anderen zurück und Hildebrand Burgener sagte ein wenig hitzig: das da drüben sey die Jungfrau und nicht die untere; die Vernünftigeren suchten ihn zu besänftigen; ich sagte, ich wollte dahin gehen, wo er gewesen sey, dann werde ich wohl so gut als er sehen, ob das die Jungfrau sey oder nicht.» Auf dem Grat zwischen Jungfrau und dem Mönch erkennt Rohrdorf «ganz deutlich» die beiden Silberhörner und in der Tiefe die Wengernalp und den Thunersee. «Ihr habt ganz recht, sagte ich nun Burgener; er aber fieng wieder an zu jammern: jetzt müssen wir alle sterben wie die Mücken, wer will hier eine Nacht auf dem Gletscher aushalten! sterben müssen wir alle, wir kommen heute nicht mehr in die Höhle zurück! Ich sagte, warum habt ihr mir nicht gefolgt, als ich euch befohlen, wenigstens die Decken mitzunehmen, es geschieht euch recht, ich will auch mit euch erfrieren, dann hat Einer was der Andere, und lachte ob diesem Geschwätze; die Hälfte meiner Leute aber glaubte an seine Reden. Ich sagte: wisset ihr was, wer mit mir will, der komme, und wer nicht will, der gehe in die Höhle zurück, bey 12 Grad Wärme wird keiner erfrieren.»
Alle bleiben und sie errichten mit Steinen eine Lagerstätte, laben sich mit Wasser und Kirschwasser, Brot, Fleisch und Käse. Zum Schlafen legen sich die älteren wie Löffel ineinander. Die Jungen hingegen, vor Angst zu erfrieren, tanzen und lärmen bis nach Mitternacht. Das Thermometer sinkt «auf vier volle Grad über Eis.» Am nächsten Morgen um 4 Uhr befiehlt Rohrdorf seinen Leuten, aufzubrechen «und eine Probe zu machen, wie weit man auf die Jungfrau Vordringen könne». Er selber macht keine Anstalten mitzugehen, bleibt mit Roth zurück, trinkt Wasser mit Wermuth-Extrakt auf deren Gesundheit und zeichnet dilettantisch die Jungfrau ab. Bald darauf kehren die anderen zurück und erzählen, dass sie auf dem Rottalsattel umgekehrt wären, weil sie «von dem Winde so ergriffen worden, dass es unmöglich gewesen sey, weiter fortzukommen.» Noch ein anderer Umstand habe sie zurückgetrieben, meint Rohrdorf: «Nämlich die Besorgnis, dass sie nicht mehr in die Höhle zurückkehren möchten und noch einmal auf dem Gletscher übernachten müssten.»
Zurück im Flachland gibt er Christian Roth einen Geldvorschuss und den Auftrag, noch andere Männer von Lauterbrunnen zu engagieren. Rohrdorf will die Jungfrautour wiederholen. Aber Roth hat Eigenes im Sinn: Mit Rohrdorfs Geld engagiert er sechs Grindelwaldner und führt die Besteigung eigenmächtig durch – ohne Rohrdorf zu benachrichtigen. Selber erreicht Roth den Gipfel nicht, aber die anderen. Sie pflanzen Rohrdorfs 36 Pfund schwere Fahne und behaupten, keine Anzeichen eines früheren Besuchs aufgefunden zu haben. Für diese Besteigung erhalten sie von der Kantonsregierung, welche damals noch Pioniere mit Vorbildcharakter belohnt, je einen Doppeldukaten Prämie.
DIE ERSTE HOCHALPINE KATASTROPHE
Einzig am Mont Blanc, dem höchsten Alpengipfel, bleibt in diesen Jahren das Interesse konstant. Von 1787 bis 1850 wird dieser vergletscherte Riese rund fünfzigmal bestiegen. 1820 ereignet sich hier auch der erste hochalpine Unfall überhaupt. Der russische Wissenschaftler Dr. Joseph Hamel lässt einen Käfig voller Brieftauben hochschleppen, um zu testen, ob diese in der verdünnten Luft fliegen können. Bei diesem weltbewegenden Experiment begleiten ihn ein Genfer Ingenieur und zwei Engländer der Universität Oxford. Unterhalb des Gipfels geraten sie in eine Lawine. Drei der zwölf Führer sterben. Die Tragödie wirkt einerseits abschreckend, andererseits bewirkt sie, dass die Besteigung noch prestigeträchtiger wird. «Sind Sie auf dem Berg gewesen?», sei in Chamonix eine notorische Frage geworden, berichtet ein Engländer. Die Antwort habe über das generelle Ansehen des Gefragten entschieden. Besonders bei den ausländischen Damen.
1838 steigt die französische Comtesse Henriette d’Angeville auf den höchsten Alpengipfel. Nachdem das erste «Frauenzimmer» auf dem Mont Blanc, Marie Paradies, 1808 ab dem Grand Plateau getragen und am Seil gezogen worden ist, will sie die Anstrengungen bis zuoberst aus eigener Körperkraft bewältigen und lässt sich dafür «Mannskleider» anfertigen – weite Hosen, die sie unter einem langen Mantel trägt und erst am Berg anzieht, damit sie Chamonix noch in betont femininer Kleidung verlassen kann. Im Gepäck hat sie Kölnischwasser, einen Fächer, einen Schuhlöffel, Thermometer und Fernglas, sowie einen Spiegel, um die Gesichtshaut auf Sonnenbrand hin zu kontrollieren, damit rechtzeitig Gurkencreme zur Kühlung aufgetragen werden kann. Beim Aufstieg kommt sie an die Grenzen ihrer Kräfte. Eine «unwiderstehliche Müdigkeit» zwingt sie zu einer kurzen Schlafpause. Den Gipfel schafft sie dennoch. Dort soll sie sich auf die Schultern ihrer Führer gesetzt haben, damit sie eineinhalb Meter höher gewesen sei als alle vor ihr.
Der grosse Mont Blanc bleibt ein Magnet. Rundum und im restlichen Hochalpenraum bleibt es dagegen noch immer relativ still. In dieser Zeit beginnen die ersten Schweizer Bergsteiger ihre Freizeit regelmässig in der Höhe zu verbringen. Unter ihnen etwa der Berner Gottlieb Studer, der Zürcher Theologe Melchior Ulrich, der Sankt Galler Textilhändler Jakob Weilenmann oder der Churer Forstingenieur und Gebirgstopograf Johan Coaz, der zwischen 1845 und 1850 im Bündnerland achtzehn Gipfel besteigt, darunter den 4049 Meter hohen Piz Bernina. Ihre Bergfahrten haben jedoch noch keinen Wettkampfcharakter und dienen nach wie vor dazu, für die Nachwelt nützliche Kenntnisse heimzubringen.
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