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Kurz darauf hatte er wieder sicheren Boden unter den Füßen. Da lagen Metallverstrebungen, aus dem Chaos herausgeschnitten und an der Wand gestapelt. Zögernd ließ Oros seine Last von der Schulter gleiten, dann umklammerte er ein meterlanges breites Stahlstück und wirbelte es hoch. Der Schwung ließ ihn den Halt verlieren und versetzte ihn in der annähernden Schwerelosigkeit in eine drehende Bewegung. Doch er traf – der Widerstand, als der Stahl gegen die Sonde schmetterte, war deutlich zu spüren.
Die Welt drehte sich, stand plötzlich kopf. Um sich abzufangen, ließ Oros das Stück Stahl los, das sich wie ein Geschoss zwischen die Verstrebungen bohrte.
Die Magnetsohlen griffen wieder. Die Arme wie haltsuchend ausgebreitet, klebte Oros an einer bizarr verformten Wand und sah schräg über sich ein faustgroßes, funkensprühendes Etwas, das rasend schnell rotierte und dabei von einer Stichflamme zerrissen wurde.
Maccom und die anderen hatten das unmöglich Scheinende geschafft und den Zugang zum Torpedoschacht freigelegt. Der gegnerische Strahltreffer hatte das Magazin um Haaresbreite verfehlt, dabei jedoch die positronische Steuerung verschmort und die Verbindung zur Feuerleitzentrale gekappt. Falls die PADOM sich erneut verteidigen musste, konnten die Torpedos nur an Ort und Stelle abgefeuert werden.
Ein Wartungsschacht konnte als Einstieg benutzt werden. Die Röhre, eigentlich halbtransparent, war durch den Energieausfall nahezu undurchsichtig geworden. Lediglich schemenhaft war zu erkennen, wie Maccom sich darin langsam vorwärts arbeitete. Mehrfach kam es zu Entladungen von Speicherenergie, die sein Raumanzug jedoch mühelos ableitete.
Urplötzlich ein Aufschrei, dem ein gequältes Keuchen folgte.
»Was ist los, Maccom?«
»Nichts. Es … geht schon wieder.«
Die gesamte Innenwand der Röhre flackerte jetzt in grellen Farben. Es hatte den Anschein, als wolle sie zu pulsieren beginnen.
»Die Abschusssequenz ist labil«, keuchte Maccom.
Er war der Torpedospezialist, deshalb hatte er gehen müssen.
»Ich messe Kriechströme an, aber ich weiß nicht, woher sie kommen.«
Wieder ein Aufschrei.
»Ich … kann den Arm nicht mehr bewegen.«
»Nur den Arm?«
»Auch meine Beine … sind taub.«
»Kommen Sie zurück, Maccom!«
»Drei Meter noch, dann habe ich die Schalt… Bei allen Geistern, Oros, ich habe kein Gefühl mehr für meinen Körper.«
»Nicht mehr bewegen, Maccom, hören Sie! Ihr Rückenmark ist geschädigt. Ich lasse Sie da rausholen.«
»Der Vere‘athor will das nicht, Oros, ich muss meine Arbeit tun. Wenn Sie … Ich schaff‘s nicht, ich … ich kriege den Arm nicht mehr vor.«
Mit einer unwilligen Handbewegung scheuchte Oros die anderen Männer zur Seite und schwang sich selbst in den Durchstieg. Nie zuvor hatte er sich in einem Wartungsschacht befunden. Bunte Schlieren huschten über die Wände und weckten in dem Mediziner die Assoziation von Verdauungsbewegungen.
Mit ruckartigen Bewegungen stemmte er sich vorwärts. Aber das fiel ihm schwerer als erwartet.
»Das Transportsystem arbeitet nicht«, stöhnte Maccom. »Halt finden Sie nur in den Wandvertiefungen.«
Kurz darauf hatte Oros Maccoms Füße vor sich.
»Ich versuche, Sie halbwegs erschütterungsfrei nach draußen zu ziehen. Bewegen Sie sich möglichst wenig.«
»Danke für den guten Rat, Wunderheiler. Glauben Sie, ich ließe mich von Ihnen hier rausholen, wenn ich noch in der Lage wäre, wenigstens auf allen vieren zu kriechen?«
Das klang sarkastisch. Weitaus weniger aggressiv fügte Maccom hinzu:
»Sie kriegen mich doch wieder hin, oder?«
»Mit ein paar Halbleiterchips und nachgezüchteten Nervensträngen bestimmt.«
Allmählich lernte Oros, sich in der Wartungsröhre zu bewegen. So schlimm, wie er anfangs geglaubt hatte, war es gar nicht. Das Gefühl beklemmender Enge wich sogar einer Art wohliger Geborgenheit. Dies war ein eigenes Reich, ein Ruhepol fernab der hektischen Betriebsamkeit an Bord eines jeden Raumschiffs. Und irgendwie schien es dem Mediziner, als hätte Luceiver hier jede Macht verloren.
Fahle Elmsfeuer huschten über seine Fingerspitzen, ein deutliches Zeichen des gestörten Energiehaushalts am Ende der Röhre. Oros ignorierte die flackernden Erscheinungen, die in unregelmäßigen Abständen entstanden und wie Nebel verwehten.
Zehn Minuten brauchte er, um Maccom nach draußen zu schaffen.
»Wie geht es Ihnen?«
»Gut«, log der Techniker, und Oros wusste, dass er log. Er brauchte nur in das verzerrte Gesicht zu sehen, um zu wissen, woran er war.
»Sie erklären mir jetzt, was ich zu tun habe, Maccom. Anschließend werde ich eine Antigravtrage beschaffen und Sie zur Operation bringen, ob das Luceiver passt oder nicht. Aber ein gelähmter Mann kann keine Wunder vollbringen.«
»Worauf warten Sie dann noch, Oros?«, stieß Maccom hervor. »Umso eher bin ich wieder auf den Beinen.«
»Bilden Sie sich nicht ein, dass Sie von heute auf morgen …«
»Ich weiß, ich werde Wochen brauchen. Gerade deshalb sollten Sie sich beeilen.«
Maccom lachte gequält und brach mit einem krampfhaften Husten ab.
»Ist schon gut«, stieß er schwer atmend hervor. »Ich bin ein Wrack – genau wie die PADOM.«
Geschmeidig glitt Oros voran. Zwei Sicherheitssperren, die verhindern sollten, dass Techniker versehentlich in eine Abschusssequenz hineingerieten, lagen noch vor ihm. Die erste Kontrolle hatte Maccom bereits deaktiviert, die zweite reagierte nicht mehr.
»Sie müssen die Schaltung überbrücken, Oros. Lösen Sie die Verschlusskappe und …«
»Welche?«
»Sie haben drei Sensorpunkte vor sich.«
»Nein.«
»Sehen Sie die Kapazitätsanzeige, Oros?«
»Das Hologramm?«
»Richtig.«
Maccoms Husten wurde zu einem qualvollen Nach-Atem-Ringen. Offenbar hatte der Knochensplitter in seiner Lunge weitere Zerstörungen angerichtet.
»Das Holo aktiviert sich, sobald Sie …«
»Schon geschehen. Und weiter?«
»Die Anzeige für die Abschussfreigabe …«
Maccoms Stimme erstarb in einem dumpfen Wimmern. Augenblicke später krächzte er nur noch:
»Oros, Sie dürfen nur weitergehen, solange die Torpedos im Arsenal liegen …«
»Woran erkenne ich …?«
»… mittlere Sensor …«
Würgend brach Maccom ab. Augenblicklich meldete sich einer der anderen Männer:
»Er spuckt Blut. Hören Sie, Oros? Was sollen wir tun?«
»Ich komme zurück.«
»Nein!«
Schneidend scharf Maccoms Ausruf.
»Wir … brauchen die Torpedos … Der mittlere Sensor, dann …«
Das Hologramm wechselte, es zeigte erst die nach außen verriegelte Abschussröhre, danach die in ihren Halterungen liegenden Torpedos. Sechs Stück waren es noch: schlanke, blauschwarze Fische, ausgerüstet mit Triebwerkssätzen, die sie innerhalb kürzester Zeit auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigten. Oros wusste das auch erst seit kurzem. Er hatte sich erst nach dem Start von BRY 24 mit den Waffensystemen vertraut gemacht.
Maccom kämpfte mit einem neuen Erstickungsanfall.
»Umschalten … auf manuelle … Steuerung … Code eingeben, Oros: Er lautet … Tai Ark‘Tussan.«
Der Mediziner brauchte längere Zeit, um die entsprechenden Sensorfelder zu finden. Halb auf dem Rücken liegend, tippte er über sich den Code ein.
Nichts geschah.
»Ich schaffe es nicht, Maccom. Vielleicht liegt es an der ungenügenden Energieversorgung.«
»Wiederholen Sie … den Vorgang!«
Verbindung zur Feuerleitzentrale unterbrochen, flammte ein Schriftband auf. Manuelle Aktivierung wird bestätigt. Bislang ruhender Aktivierungsimpuls hat Vorrang – bitte Vorrangschaltung löschen. Zündung erfolgt in zehn Sekunden.
»Bei allen Göttern, Maccom, was heißt Vorrangschaltung?«
… sieben Sekunden.
Die holographische Wiedergabe wechselte, blendete auf einen im Abschusskanal liegenden Torpedo um. Offenbar war die Kommandostruktur Sekunden vor dem geplanten Abschuss durch den gegnerischen Treffer unterbrochen worden. Die manuelle Manipulation ließ nun die Speicherdaten wirksam werden.
… fünf Sekunden.
»Wie lösche ich die Vorrangschaltung? Maccom!«
Ein ersticktes Röcheln war das Letzte, was der Mediziner im Helmfunk hörte. Von aufwallender Panik getrieben, schlug er wahllos auf die Sensorfelder. Der Schacht war verschlossen. Sobald der Torpedo startete …
Blendende Lichtflut hüllte ihn ein. Oros hatte noch den Eindruck einer heranschießenden Flammenwand. Sein Raumanzug hielt den entfesselten Gluten nur Sekundenbruchteile stand, dann löschte die Sonnenhitze Oros‘ Denken aus.
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