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»Stehen Sie auf!«
Ich reagierte nicht.
»Sie stehen entweder auf, oder ich werde Sie dazu zwingen lassen.«
Durch die kaum geöffneten Augen sah ich einen Stiefel kommen. Ein scharfer Tritt traf mich in den Unterleib.
Ich krümmte mich vor Schmerzen. Meine Tarnung war aufgeflogen.
Instinktiv nutzte ich die Bewegung, meine Rückenmuskulatur und die Beine unter Spannung zu setzen. Mit einem ansatzlosen Sprung kam ich hoch. Trotz Zellaktivator war ich bei nicht mehr als vierzig Prozent meiner Leistungskraft. Für den ersten Arkoniden reichte es noch; der, dem ich den Tritt verdankte. Der Kerl lag am Boden, bevor er begriff, was geschah. Den zweiten Mann besiegte ich ebenfalls mit einer schnellen Dagor-Trittkombination.
Person Nummer drei stand jedoch an der Tür. Es war die Arkonidin. Und sie machte keine Anstalten zu fliehen.
Stattdessen wartete sie auf mich in der Grundhaltung der Dagor-Schule. Sie schien nicht erschrocken zu sein. Ihre hautenge Kombination in hellblauer Farbe erlaubte geschmeidige Bewegungen. Die Stiefel reichten bis zu den Knien hoch, sie liefen spitz zu und konnten zweifellos als wirksame Waffe eingesetzt werden.
Ich begriff, dass ich in meinem Zustand gegen sie keine Chance besaß. Mein Blick fiel auf den Thermostrahler, der neben einem der Männer zu Boden gefallen war.
»Versuchen Sie es, und ich breche Ihnen die Arme«, kündigte die Frau gelassen an.
Ich kalkulierte die Möglichkeiten durch, die mir zur Verfügung standen. Die Dagor-Angriffstechnik war mir wohl vertraut, wahrscheinlich besser als ihr. Der Verlauf eines Gefechtes ließ sich bis zu einem gewissen Grad vorausplanen. Egal, was ich tat, das Resultat würde immer ein gebrochener Arm sein, bei großem Widerstand auch zwei. Ihre vermeintliche Drohung erwies sich als realistische Ankündigung.
Einige Sekunden lang starrten wir uns an. Die Männer am Boden regten sich bereits wieder. Am Ende sagte ich:
»Ich gebe auf.«
»Gut. Wir werden ein Verhör durchführen.«
»Zuerst habe ich eine Frage!«, sagte ich schnell.
Die Arkonidin hob die Augenbrauen, nicht ohne eine gewisse Belustigung.
»Nur zu.«
»Welches Datum schreiben wir heute?«
Die Arkonidin sah mich sehr seltsam an. Dann antwortete sie:
»Heute ist der 14. Prago des Tedar 12.402 da Ark.«
Ich fühlte mich wie vor den Kopf geschlagen. Das Datum war zwar noch lange kein Beweis; schließlich hätte die Frau sich irgendein Datum ausdenken können. Die Hinweise, dass tatsächlich eine Zeitreise stattgefunden hatte, mehrten sich jedoch.
Ich begann, daran zu glauben. Das genannte Datum stimmte mit der Ausrüstung überein, die der bewaffnete Trupp in der Wüste getragen hatte. Auch der Dialekt schien zu passen.
Der terranische und der arkonidische Kalender unterschieden sich sehr stark voneinander. Es war nicht leicht, ohne Computer die Daten des einen Systems in das andere umzurechnen. Verschiedene Termine, das Datum meiner Geburt beispielsweise, konnte ich jedoch in beiden Kalendern ausdrücken. Das verschaffte mir einen Anhaltspunkt.
Der 14. Prago des Tedar 12.402 da Ark entsprach grob gerechnet einem Tag im März des Jahres 5772 vor Christi Geburt. Schaltung Sternentau hatte mich demnach zwischen zehn- und elftausend Jahre in die Vergangenheit geschleudert.
Ich machte mir klar, dass ich zu diesem Zeitpunkt zweimal existierte. Der eine Atlan hockte in einer Gefängniszelle auf dem Planeten Traversan – der andere schlief auf der Erde in seiner Tiefseekuppel.
Ich beschloss, die Zeitreise als Realität hinzunehmen. Eine andere Wahl blieb mir nicht. Es sei denn, ich wollte fest die Augen schließen, mich kneifen und hoffen, dass ich aus einem Traum erwachte.
Ich lachte leise.
Die beiden Wachen, deren Thermostrahler auf meinen Kopf gerichtet waren, blickten mich finster an. Einer strich über das geronnene Blut in seinem Mundwinkel, Andenken an den Dagor-Tritt, mit dem ich ihn niedergestreckt hatte.
»Du da! Setz dich hin und halt dein Maul!«
Ich wollte ihn darauf hinweisen, dass ich bereits saß und kein Wort von mir gab. Es schien mir jedoch unnötig, mich auf einen Streit mit Gefängniswärtern einzulassen.
Stattdessen ließ ich die Vergangenheit Revue passieren. Mit arkonidischer Geschichte hatte ich mich häufig befasst. Mein photographisches Gedächtnis hielt über das Jahr 12.402 da Ark zahlreiche Informationen bereit.
Damals hatten Millionen von Transitionsschiffen den Kugelsternhaufen Thantur-Lok durchflogen; das heutige M 13. Kugelraumer über 800 Meter Durchmesser waren unbekannt, die fünfdimensionale Technik steckte noch in den Kinderschuhen.
Als die Menschheit noch in Einbäumen über das Wasser gerudert war, hatten die alten Arkoniden bereits die halbe Milchstraße unterworfen. Man bekriegte sich mit den Methanatmern, den furchtbaren Maahks, gegen die ich selbst noch als Admiral gekämpft hatte. Geschossen wurde mit Thermokanonen. Syntronische Rechner waren unbekannt, primitive Positroniken galten als die höchste technische Errungenschaft.
Die großen Maahk-Kriege waren im Jahr 12.402 noch nicht ganz beendet, allerdings herrschte eine Phase relativer Ruhe ohne wirklich große Schlachten.
Von der großen Expansion früherer Tage konnte keine Rede mehr sein. Der Hang zu Prunksucht und Dekadenz, der sich in Adelskreisen breitmachte, führte bereits in Riesenschritten auf den bevorstehenden Untergang zu. Der Niedergang, der das arkonidische Volk in eine tagträumende Herde Vieh verwandeln würde, hatte noch nicht begonnen, stand allerdings kurz bevor.
Als Imperator jener Zeit kannte ich Reomir IX., einen wenig brillanten Mann ohne sonderliche Bedeutung in der arkonidischen Ahnentafel. Meine Erinnerung sagte mir, dass Reomir IX. in wenigen Jahren einem Giftanschlag seiner Gattin Siamanth zum Opfer fallen würde. Siamanth würde dafür hingerichtet werden, ein Kristallprinz namens Laschotsch die Macht übernehmen.
Über den Planeten Traversan in dieser Zeit wusste ich nichts. Dem Großen Imperium gehörten aktuell etwa 50.000 Kolonial- und Fremdvölkerwelten an. Niemand wusste über alle Arkonidenvölker Bescheid, auch ich nicht.
Mir war jedoch klar, dass im Jahr 12.402 das Große Imperium zunehmend von Degeneration durchzogen wurde. In den Randgebieten war dies noch nicht sehr deutlich sichtbar. Dafür waren Korruption, Verselbständigungstendenzen und kleinere Kolonialkriege bereits an der Tagesordnung. Anzunehmen, dass auch das Traversan des 12. Jahrtausends da Ark davon nicht verschont geblieben war.
Die Traversaner hatten immer schon als stolzer, separatistischer Teil des Imperiums gegolten. Dies traf für das aktuelle Kristallimperium ebenso zu wie für das Große Imperium der Vergangenheit.
Ein Geräusch riss mich plötzlich aus der Versunkenheit. Die Tür sprang auf, und diesmal kamen vier Personen herein. Ihre finsteren Mienen verhießen nicht viel Gutes.
Beide Wachen salutierten.
»Für Traversans Ehre, Erhabener!«, riefen sie.
Drei der Gestalten waren Leibwächter, martialisch ausstaffierte Typen mit wilden Gesichtern. Der Gruß der Gefängniswachen schien jedoch Person Nummer vier zu gelten. Es handelte sich um einen betagten, breitschultrigen Mann von beeindruckender Körpergröße und natürlicher Autorität. Seine schulterlang wallende Mähne fiel auf einen knielangen Cape-Umhang, der mit Bildern aus der She‘HuhanMythologie verziert war.
Die Wachen hatten ihn als einen Erhabenen bezeichnet, also als einen Mann von hohem Stand. Mir fiel ein, dass auch die Frau aus der Wüste so bezeichnet worden war. Gehörten die beiden möglicherweise zusammen? Waren sie verwandt?
Narr! Siehst du nicht das Wappen?
Jetzt erst drang die kunstvolle Zeichnung eines aufgerichteten Traversan-Büffels an mein Bewusstsein. Es war das Da-Traversan-Wappen, dasselbe, das Fürst Ligatem getragen hatte, ebenfalls die Frau in der Wüste.
Der alte Mann setzte sich vor mir auf den Stuhl. Einige Sekunden lang fühlte ich mich von ihm gemustert. Ich erwiderte den Blick mit derselben Aufmerksamkeit, allerdings nicht unverschämt, sondern höflich.
Seine tiefen Krähenfüße fielen mir ins Auge. Die faltige Augenpartie zeugte von tiefer Sorge, die ihn oft erfüllen musste. Der Mann hatte eine schmale, lange Nase und trug einen kurzen Vollbart. Seine Augen waren tiefrot, dunkler als die des Durchschnittsarkoniden.
»Mein Name ist Nert Kuriol da Traversan«, sprach der Mann plötzlich. »Wer sind Sie?«
Ich antwortete respektvoll:
»Mein Name ist Atlan, Erhabener.«
Ein Nert, überlegte ich, eine Art Baron. Dieser Mann war der Herrscher des Planeten. Es musste sich um einen Vorgänger des Fürsten Ligatem handeln.
»Wie sind Sie in die Yssods-Wüste gekommen? Was wollten Sie dort?«
Einen Moment lang überlegte ich, mir eine Geschichte einfallen zu lassen, die plausibler klang als die Wahrheit. Irgendetwas von einem Absturz, genauso gut schien mir eine Entführungsstory. Aber auch Lügen konnte eine knifflige Sache sein, wenn man nicht genügend über die wahre Lage wusste.
»Ich habe eine Geschichte zu erzählen, die schwer zu glauben ist …«
Nert Kuriol da Traversan lächelte, und die Krähenfußfältchen gruben sich tief in seine Augenwinkel.
»Wir haben nicht sehr viel Zeit. Aber wir hören dir zu.«
Die Blicke der Arkoniden ruhten auf mir, in einer Mischung aus Neugierde und vorweggenommener Skepsis. Speziell die Augen der Frau fielen mir auf. Sie schaute beinahe glasig durch mich hindurch, ließ sich dennoch kein Detail entgehen.
»Ich komme aus der Zukunft. Genauer gesagt, aus einer Zukunft, die von dieser Zeit gut zehntausend Jahre entfernt liegt.«
Es wurde plötzlich still im Raum. Niemand atmete mehr.
Der Nert sah mich ausdruckslos an. Ob er schockiert war oder nicht, ob er die Auskunft für dummes Geschwätz hielt, ließ sich schwer erkennen. Ich an seiner Stelle hätte so reagiert.
»Weiter«, forderte er mich nach einer Weile auf.
»In der Zukunft bin ich eine Person von einiger öffentlicher Bedeutung. Meine Wissenschaftler riefen mich und mein Raumschiff RICO nach Traversan. Sie führten mich zu einer uralten Hinterlassenschaft, zu einer Anlage eines längst ausgestorbenen Volkes. Anfangs schienen alle Geräte, die wir entdeckten, ausgeschaltet zu sein – aber das erwies sich bald als Irrtum. Wir müssen irgendwie einen Fehler begangen haben. Jedenfalls wurde gegen meinen Willen ein technischer Vorgang ausgelöst, der mir bis jetzt noch nicht ganz erklärlich ist. Die fremdartigen Anlagen, von denen ich spreche, erwiesen sich als eine Zeitmaschine. Jedenfalls, wenn dies hier wirklich das Jahr 12.402 da Ark ist – wie man mir berichtet hat.«
Die Frau, die hinter dem Nert stand, versetzte feindselig:
»Es ist nicht angebracht, meine Worte anzuzweifeln.«
Ich erwiderte:
»Muss ich das nicht? Diese Zeitreisegeschichte ist für mich ebenso schwer zu glauben wie für Sie!«
Nert Kuriol hob die Hand.
»Still! Ich will keinen Streit hören! Mich interessiert, wie die Sache weiterging.«
»Nun, die Anlage transportierte mich also in die Vergangenheit. Der Sturz durch die Zeit endete erst, als sämtliche Energiereserven zu Ende gingen. Ich durchsuchte die Station, und als ich gerade aufgeben wollte, da nahmen mich Eure Leute fest, Erhabener. Und Eure Helferin hier«, ich deutete auf die hochgewachsene Arkonidin hinter Kuriol, »… Eure Helferin ließ mich betäuben, bevor ich noch etwas sagen konnte.«
Die Augen der Arkonidin blitzten vor Zorn. Sie erklärte stolz:
»Ich bin Prinzessin Tamarena da Traversan, Nert Kuriols Tochter! Bestimmt keine Helferin.«
Ich schwieg. Meine Geschichte war zu Ende.
Der alte Nert schien minutenlang über meine Worte nachzudenken.
»Wir haben die Station durchsucht. Es gab dort keine Energie, keine Nahrung, kein Wasser, kein Fahrzeug. Ist Ihnen klar, dass Sie innerhalb kürzester Zeit dort verdurstet wären?«
»Ich fürchtete bereits Ähnliches.«
»Sie verdanken dem Eingreifen meiner Tochter also Ihr Leben.«
»Das ist wahr.«
Die Stimme des Nert wurde plötzlich laut:
»Also gut. Für die Rettung Ihres Lebens will ich nicht auch noch belogen werden. Die Wahrheit, Fremder, oder ich werde Sie exekutieren lassen!«
»Was ich sagte, ist die Wahrheit.«
»Wenn Sie nicht sprechen wollen: Auf dem Gerichtsplaneten Celkar haben sie eine besondere Technik entwickelt, die infinite Todesstrafe. Ich versichere Ihnen, man quält sich nirgendwo mehr beim Sterben.«
»Erhabener, ich habe nichts zu korrigieren und nichts zu bereuen.«
Die Fragen kamen nun wie aus der Pistole geschossen:
»Warum hat Pyrius Bit Sie hierhergeschickt?«
Unbeeindruckt gab ich Antwort:
»Ich kenne den Namen Pyrius Bit nicht.«
»Sollten Sie unsere Raumschiffe sabotieren? Die Forschungsstätten von Erican, den Palast?«
»Nichts dergleichen, Erhabener. Ich schwöre es bei Arkon.«
Kuriol verzog abschätzig die Mundwinkel.
»Auf das Imperium sollten Sie lieber nicht schwören, Atlan! Arkon im Munde zu führen bringt Ihnen keinen Vorteil ein. Außerdem sollten Sie nicht glauben, dass Sie hier lebendig herausgeholt werden. Wenn die Hauptstadt fällt, dann geht auch dieses Gefängnis unter. Bevor Ihre sauberen Vorgesetzten Sie noch bergen können.«
Der alte Nert und ich, wir starrten uns eine Weile an. Ich war hilflos, er unversöhnlich.
Unter anderen Umständen wäre der Mann mir sympathisch gewesen. Er besaß Charisma und anscheinend einen messerscharfen Verstand. Ich musste jedoch zugeben, dass die Wahrscheinlichkeit gegen mich stand. Ein Unfall der Art, wie ich ihn erlebt hatte, konnte einfach nicht passieren.
Kuriol nannte einige interessante Details, meinte der Extrasinn. Traversan scheint sich im Krieg zu befinden. Der Name Pyrius Bit dürfte von Bedeutung sein. Außerdem fällt auf, dass der Nert schlecht über das Imperium spricht. Es ist davon auszugehen, dass derzeit gewisse Streitigkeiten ausgetragen werden.
Ich dachte darüber nach. Der Hinweis des Logiksektors schien mir wertvoll. Welchen Ausgang Streitigkeiten zwischen dem Imperium und einer Kolonie zu nehmen pflegten, wusste ich genau. Und der Nert schien es ebenfalls zu wissen, wobei er mich mit den Streitigkeiten offensichtlich in Zusammenhang brachte.
Nert Kuriol schaute mich ratlos an.
»Ich werde Sie nicht exekutieren lassen. Jedenfalls noch nicht gleich. Meine Militärärzte behandeln Sie zunächst mit Medikamenten, die die Wahrheit aus Ihnen herauspressen werden. Nur werden Sie hinterher nicht mehr bei Verstand sein, Atlan; und ich gebe zu, dass ich das bedauere.«
Kuriol schaute sich um und winkte den Wachen.
Doch die Frau aus der Wüste – Prinzessin Tamarena! – legte ihm schnell eine Hand auf die Schulter.
»Nicht, Vater!«, bat sie. Ihre Miene wirkte plötzlich so entgeistert, als habe sie ein Gespenst gesehen.
»Warte noch! Es ist nicht leicht zu glauben – aber der Fremde vom fernen Camelot spricht die Wahrheit.«
Ich schwieg wie vom Donner gerührt.
Es war nicht die Tatsache, dass sie für mich sprach. Damit hatte ich insgeheim gerechnet, weil ich ihre Arroganz als Maske durchschaute. Vielmehr lag es daran, dass ich den Ausdruck Camelot niemals erwähnt hatte. Prinzessin Tamarena gab eine Information preis, die sie eigentlich nicht besitzen konnte.
7.
DER STOLZ VON TRAVERSAN
Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark
Nert Kuriol da Traversan musterte den Fremden lange und gründlich. Er hoffte, dass sein aktivierter Extrasinn ihm Hinweise gab. Kuriol gewann unwillkürlich den Eindruck, dass der andere ihm überlegen war. Einen solchen Gedanken hatte er in seinem Leben nicht sehr oft gehegt.
Atlan war ein sehr beeindruckender Mann. Obwohl er sich in einer wenig beneidenswerten Lage befand, machte er einen gelassenen, stets überlegten Eindruck. Diese Qualitäten besaßen nur ausgesuchte Leute.
Auf sein Gefühl konnte er sich verlassen; hätte er die Möglichkeit besessen, er hätte Atlan sofort in seine Dienste genommen. Und wäre es nur für die wenigen Stunden, maximal Tage gewesen, die bis zum Eintreffen der Strafexpedition übrigblieben. Dann musste mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Atlan sterben.
Ein zweites Mal ließen sie den Fremden seine Geschichte erzählen. Und diesmal, mit dem Wissen um die Wahrheit, klang der Bericht erstaunlich plausibel.
Kuriol fielen die Blicke auf, die Atlan mit seiner Tochter tauschte. Dass Tamarena einen Mann dieser Sorte offensichtlich interessant fand, schien dem Fürsten nicht ungewöhnlich.
Tamarena war daran gewöhnt, mit fähigen, teils auch charismatischen Männern umzugehen; doch Männer von Atlans Sorte waren nicht oft darunter.
Kuriol bemerkte ihre Maske aus Überheblichkeit sehr genau. Aber auch Atlan reagierte auf sie; der Fremde schien irgendetwas an Tamarena höchst interessant zu finden.
Ist es nicht tragisch, kommentierte sein Extrasinn, dass diesen beiden keine Zeit mehr bleiben wird?
Kuriol hob die Hand. Er vermerkte mit einem Lächeln, dass die Blicke der zwei sich wieder ihm zuwandten.
»Ich habe eine Entscheidung getroffen«, sprach der Nert. »Atlan, Sie werden ab sofort freigelassen. Nach allem, was ich weiß, stellen Sie keine Bedrohung für uns dar. Sie können sich frei auf diesem Planeten bewegen.«
»Danke, Nert.«
Der hochgewachsene Fremde richtete sich aus seiner hockenden Position an der Wand langsam auf. Man musste bedenken, dass er vor knapp sechs Stunden von einer Paralysatorsalve erwischt worden war. Kuriol konnte nicht verstehen, weshalb er schon wieder auf seinen Beinen stand. Normalerweise hätte er bis zum kommenden Sonnenaufgang reglos auf dem Boden liegen sollen.
Atlan sagte:
»Ich habe jedoch einige Bitten an Euch zu richten, Nert. Die Zeitmaschine, mit der ich gekommen bin, ist ohne Energie. Ich benötige Hilfe, um diese Energiereserven wieder aufzufüllen. Außerdem ist der Steuerchip beschädigt, mit dem die Energiezufuhr der Station geregelt wird. Ohne eine gut ausgerüstete Forschungswerkstatt kann der Chip höchstwahrscheinlich nicht wieder repariert werden.«
Kuriol zeigte bedauernd seine leeren Handflächen.
»Traversan wäre gewiss bereit, Sie bei dem Problem zu unterstützen. Aber das ist nicht möglich. Ich muss Ihnen leider die Mitteilung machen, Atlan, dass wir alle sterben werden. Wir erwarten stündlich eine Strafexpedition des Sonnenkurs Pyrius Bit, vom nahe gelegenen Flottenstützpunkt BRY 24 aus. Bit wird Traversan vermutlich vernichten lassen.«
Atlan ließ sich nicht anmerken, ob er schockiert oder verstört war.
»Aus welchem Grund, Nert Kuriol?«
Er schien daran gewöhnt zu sein, selbst in der verfahrensten Lage noch einen Ausweg zu suchen.
»Ich möchte es als eine Frage der Ehre bezeichnen. Und eine finanzielle Frage, nicht zu vergessen. Die ganze Geschichte wäre jetzt zu lang. In diesen Stunden lasse ich den Planeten Traversan gegen einen Angriff aus dem All befestigen. Meine Anwesenheit ist an anderen Orten dringender erforderlich.«
»Wartet, Nert!«
Kuriol hatte sich bereits vom Stuhl erhoben. Der drängende Tonfall, in dem Atlan sprach, ließ ihn jedoch innehalten.
»Worauf, Atlan?«
»Ihr sagt, Traversan steht die Vernichtung bevor. Ich bin allerdings vollkommen sicher, dass das nicht geschehen wird.«
Der alte Nert machte eine wegwerfende, müde Geste.
»Was für eine naive Vorstellung. Pyrius Bit wird unsere Provokationen niemals hinnehmen. Er hat vor einem halben Tag im Orbit von Traversan zwölf Schlachtschiffe eingebüßt.«
»Trotzdem!«, beharrte der Fremde. »Ihr vergesst wahrscheinlich, dass ich aus der Zukunft stamme. Oder Ihr habt den Gedanken noch nicht konsequent verarbeitet.«
»Vater!«, rief Tamarena plötzlich.
Sie fasste Kuriol aufgeregt an der Schulter. Ihre Augen fingen zu tränen an, Zeichen einer heftigen Erregung.
»Begreifst du, Vater, was er uns sagen will? Er kommt aus der Zukunft – das bedeutet, dass er die Vergangenheit kennt! Er weiß, wie die Schlacht um Traversan ausgegangen ist!«
Nert Kuriol sah dem Fremden aus der Zeitmaschine gerade ins Gesicht.
»Stimmt das?«
»Bedauerlicherweise nein«, erklärte Atlan. »Ich konnte nicht wissen, in welche Lage ich geraten würde. Vor der Katastrophe habe ich mich mit der traversanischen Geschichte nicht beschäftigt. Allerdings habe ich Erican und die Yssods-Wüste gesehen, wie sie in zehntausend Jahren aussehen.«
»Nämlich wie?«, fragte Kuriol scharf.
»Ich sah einen blühenden Planeten. Das Große Imperium wird in den kommenden Jahrtausenden untergehen; es wird aufgehen im Vereinten Imperium, sich zeitweise auflösen und dann als Kristallimperium wiederauferstehen. Aber Traversan existiert immer noch. Hätte es einen verheerenden Krieg an der Oberfläche des Planeten gegeben, die Narben wären auch in zehntausend Jahren nicht verheilt.«
Nert Kuriol da Traversan empfand eine alles beherrschende Verwirrung. Das Große Imperium konnte nicht untergehen; in einer Million Jahren nicht.
Auf der anderen Seite hatte Prinzessin Tamarena die Echtheit des Zeitreisenden Atlan bestätigt. Und was Tamarena sagte, das musste zwangsläufig die Wahrheit sein.
»Traversan … geht nicht unter?«
»Keineswegs, Nert.«
»Wie sollen wir dann …« Den Rest ließ er offen.
»Ich weiß nicht, wie die Krise aussieht, die Traversan erfasst hat. Ihr sagt, Pyrius Bit ist ein Sonnenkur. Das bedeutet, dass das Imperium hinter ihm steht. Aber selbst wenn Bit mit hunderttausend Schlachtkreuzern des Imperiums kommt, er kann Traversan nicht vernichten. Die Geschichte beweist es.«
Nert Kuriol ließ sich auf den Stuhl sinken. Er hatte es nicht mehr eilig.
»Ich benötige Ihre Hilfe, Atlan«, bekundete er. »Ich halte es für möglich, dass Sie der unvorhergesehene Faktor sind, der uns noch einmal rettet. Sie kommen aus der Zukunft. Mit Ihnen konnte niemand rechnen.«
Atlan dachte ein paar Sekunden lang angestrengt nach. Er schien auf eine innere Stimme zu horchen. Kuriol hätte sich keineswegs gewundert, hätte der Fremde ebenso wie er oder Kapitän Irakhem einen aktivierten Logiksektor besessen.
»Ich würde gern helfen, Nert. Aus Gründen der Kausalität ist jedoch kein Eingreifen von meiner Seite möglich. Wie Ihr bereits sagtet, meine Anwesenheit ist nicht vorgesehen.«
»Erklären Sie das!«
»In dem Augenblick, da meine Handlungsweise die Vergangenheit ändert, könnte sich auch die Zukunft verändern. Im Klartext bedeutet das: Solange ich mich still verhalte, ist Traversan vor der Vernichtung sicher – weil die Geschichte immer ihren Gang geht. Wenn ich aber beginne, die Vergangenheit zu verändern, dann könnte das Traversan der Zukunft durchaus ein toter Planet sein. – Versteht Ihr mich? Ich muss mich nur still verhalten. Dann bin ich Eure Lebensversicherung, Nert.«
Kuriol versuchte, die Argumente des Fremden nachzuvollziehen.
Er hat recht!, kommentierte sein Logiksektor. Allerdings ist es nicht immer möglich, die Gesetze der Zeit in arkonidische Logik zu zwingen. Außerdem sagt Atlan lediglich aus, dass die Oberfläche dieser Welt intakt bleibt. Er sagt nichts über die Bevölkerung und unsere Raumschiffe.
Kuriol gab sich einen Ruck. Seine Entscheidung fiel nicht aufgrund logischer Erwägungen, sondern durch einen zutiefst unlogischen, emotionalen Impuls.
»Ich bin nicht bereit, auf Ihre Hilfe zu verzichten, Atlan!«, sprach er. »Sie werden mich als Berater in den Palast von Erican begleiten. Prinzessin Tamarena wird Ihnen als Adjutantin zur Verfügung stehen.«
Er drehte sich um und wollte die Zelle verlassen – da stoppte ihn ein Ausruf seiner Tochter.
»Vater!«, protestierte sie.
Tamarena hatte sich hoch aufgerichtet, sie war blass geworden und starrte mit blitzenden Augen den Fremden an.
»Ich werde nicht die Adjutantin dieses Mannes sein! Ich bin doch keine … keine …«



