Sigurd 3: Im Auftrag des Königs

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Sie drangen durch ein offenes Tor in die Stadt ein. Nach wenigen Schritten schon wich das Licht des Tages der Dämmerung, in der die Durchgänge lagen. So hätte Sigurd auch beinahe den einzelnen Mann übersehen, der im Schatten einer Säule stand.
»Vorsicht, Bodo«, raunte er seinem Freund zu. »Eine Wache.«
Er zog seinen Dolch und schlich langsam vorwärts. Erst als er den Mann, der in eine echsenhaft anmutende Rüstung gekleidet war, fast erreichte hatte, machte er eine schnelle Bewegung nach vorne. Er packte den rechten Arm, mit dem die Wache eine Lanze mit mächtiger Klinge hielt, und legte seinen linken Arm so um die Schulter des Mannes, dass sein Dolch an dessen Kehle ruhte.
»Keinen Laut, wenn dir dein Leben lieb ist!«, machte Sigurd ihm unmissverständlich klar, und der Wachposten nickte zögerlich.
Er drehte den Mann herum und packte ihn mit einer Hand an der Kehle, während er den Dolch drohend auf die Brust seines Gegners richtete. »Sage mir sofort, wo ihr die beiden Frauen gefangen haltet oder …«
Er musste seine Drohung nicht zu Ende sprechen.
»Gnade!«, stieß die Wache hastig aus und wies mit dem freien Arm in eine Richtung. »Sie sind in der Arena! – Aber ihr kommt zu spät. Der Dämon ist frei …« Bei diesen Worten lachte der Mann unterdrückt auf.
Sigurd versetzte ihm einen Schlag, der ihn zu Boden schickte. Bodo nahm zudem die Lanze der Wache an sich und reichte seinem Freund ein Seil. Nachdem sie die Wache gefesselt und geknebelt hatten, eilten sie mit gezogenen Schwertern in die angegebene Richtung. In dem Gewirr an Gängen hätten sie beinahe die Orientierung verloren, hätte ihnen nicht der lauter werdende Jubel von Menschen den Weg gewiesen. Vor ihnen wurde das Licht in den Gängen wieder heller. Übergangslos blickten sie auf eine gewaltige Arena.
Sigurd wurde der Gefangenen gewahr, die an die Pfähle gebunden waren.
»Schrecklich!«, murmelte er. »Wir müssen versuchen, sie zu befreien.« Er drehte sich zu seinem Freund um und sah dessen entschlossenen Ausdruck in den Augen. »Komm. Jetzt gibt es kein Zurück mehr!«
Sie stürmten in die Arena, an einer Gruppe von Männern vorbei, die an einer Winde standen und sie verwundert ansahen. Sigurd erkannte, dass sie unbewaffnet waren und eilte weiter.
»Schnell, Bodo! Wir müssen die Überraschung der Inselbewohner ausnutzen!« Doch dabei übersah er, dass sich das riesenhafte Tor, das die Männer an der Winde bedienten, nun ganz geöffnet hatte.
Bodo sah das Ungetüm, das sich aus dem Schatten dahinter löste, als Erster.
»Teufel, was ist das?!«, stieß er aus.
Sigurd wusste zuerst nicht, was sein Freund meinte, als ein ohrenbetäubendes Brüllen aus dem Tor drang. Er drehte sich um und hatte das Gefühl, das Blut gefriere bei dem Anblick der Bestie in seinen Adern.
»Alle guten Geister! Welch ein Scheusal!«, rief er und rannte, so schnell er konnte, vor dem Ungetüm davon, das sich im Torbogen abzeichnete.
In diesem Augenblick stürzte das grauenvolle Untier auf den Schauplatz. Es mochte gut fünf Mannslängen hoch sein und wischte mit einem langen Schwanz um sich. Die echsenhafte Kreatur richtete sich auf ihre Hinterbeine auf und stieß einen urwelthaften Schrei aus. Ihre funkelnden, bernsteinfarbenen Augen fuhren suchend umher, und dann richtete sich der drachenartige Kopf, der von einem gewaltigen Horn auf der Stirn gekrönt wurde, auf die Gefangenen an den Pfählen.
Sigurd mochte kaum glauben, dass es sich bei dieser Bestie um die Gottheit der Inselbewohner handelte. Doch die Begeisterung von den Rängen machte ihm deutlich, dass die Menschen keine Angst vor ihr hatten.
Er konnte den Odem des Ungetüms förmlich in seinem Rücken spüren, als er die Pfähle fast schon erreicht hatte. Unter den Jubel der Zuschauer mischten sich nun auch zornige Rufe, und zahlreiche Finger deuteten auf Bodo und ihn.
»Gib mir die Lanze, Bodo!«, forderte Sigurd seinen Freund auf. »Ich lenke das Untier von dir ab, während du die Gefangenen befreist.«
Dieser sah sich um und blickte mit einem entsetzten Gesichtsausdruck auf das Monster, das immer näher kam. Im Laufen reichte er die Lanze an Sigurd weiter und hastete auf den ersten Pfahl zu.
»Schaut, die Fremden dort!«, schallte auf einmal eine Stimme zu ihnen herab. Sigurd sah empor und erblickte einen Mann, der ebenso in eine echsenhafte Rüstung gewandet war wie die Wache. »Sie kommen zur rechten Zeit! Der Dämon erhält zwei Opfer mehr!«
Sigurd lächelte grimmig. Er hatte nicht vor, im Bauch dieser Bestie zu enden.
Er wedelte mit den Armen und schrie aus Leibeskräften, und wie erhofft richtete das Untier seine Aufmerksamkeit auf ihn. Mit schnellen Schritten brachte er so viel Abstand, wie er konnte, zwischen sich und die Pfähle, damit Bodo genug Zeit blieb, die Gefangenen loszuschneiden. Grollend stapfte das Ungetüm auf ihn zu und öffnete hungrig sein breites Maul. Unterarmlange Reißzähne funkelten drohend, und eine Zunge leckte über die schuppigen Lippen.
Sigurd sah seine Chance gekommen.
Mit aller Kraft holte er aus und schleuderte den Speer in den geöffneten Rachen des Ungeheuers. Die breite Klinge bohrte sich tief in den Gaumen. Vor Schmerzen bäumte sich das Untier auf und stieß grollende Schreie aus.
Es wand sich und taumelte und schnappte mit dem Maul ins Leere, um sich von der peinigenden Waffe zu befreien. Doch mit jeder Bewegung drang die Klinge tiefer in das weiche Fleisch.
Sigurd verlor keine Zeit und rannte auf eine der beiden hoch aufragenden Säulen zu, auf denen mächtige Feuerbecken ruhten. Auf dem rauen Stein fand er sicheren Halt und konnte so rasch in die Höhe klettern.
Die Bestie suchte inzwischen nach ihrem Gegner, der ihr diese Schmerzen zugefügt hatte. Halb wahnsinnig vor Schmerz lief sie durch die Arena und erkannte den Junker, der gerade das obere Ende der Säule erreicht hatte. Wütend blitzten ihn die blutunterlaufenen Augen an. Das Ungeheuer stellte sich auf die Hinterbeine und wollte nach ihm schnappen.
Auf diesen Augenblick hatte Sigurd gewartet!
Er stemmte sich mit dem Rücken gegen die Unterseite der Feuerschale. Zuerst schien es, als könne es ihm nicht gelingen, sie zu bewegen, als ein Knirschen folgte und die Schale in ihrer Verankerung wankte. Gerade als das Ungetüm ein weiteres Mal in die Höhe sprang, um nach seinem Gegner zu schnappen, überschlug sich das Feuerbecken und ergoss seinen glühend heißen Inhalt über den Kopf des Ungeheuers.
Von der Glut geblendet und durch schwere Brandmale gezeichnet, taumelte das vor Schmerz brüllende Untier hilflos umher. Sigurd rutschte die Säule auf der abgewandten Seite so schnell wie möglich herab und eilte zu Bodo herüber, der gerade Gubo als Letzten von seinen Fesseln befreite.
Er sah das ungläubige Entsetzen in Dagmars und Bettinas Augen und zog sie mit sich.
»Kommt schnell!«, machte er ihnen mit eindringlicher Stimme klar und riss sie aus ihrer Starre. »Wir müssen so rasch wie möglich aus der Nähe dieses Ungeheuers!«
Die Bestie setzte ihnen jedoch nach. Sie hatte nicht vergessen, wer ihr diese Schmerzen zugefügt hatte. Sigurd und Bodo zogen die entkräfteten Frauen mit sich, doch Gubo und seine Spießgesellen fielen zurück. Blind vor Wut und Schmerz stürzte sich das Ungeheuer auf die drei Männer.
»Seht!«, schrie Bettina gellend. »Das Scheusal hat sich Gubo gepackt!«
Sigurd verharrte in seinem Schritt und blickte sich um. Er sah, wie der Abenteurer verzweifelt die Arme in die Höhe warf, und dann erstickte sein Schrei.
»Furchtbar …«, murmelte Sigurd und senkte den Kopf. »Ihm ist nicht mehr zu helfen.«
Er sah den erschütterten Ausdruck in den Gesichtern seiner Gefährten. »Kommt!«, trieb er sie an und eilte auf den offenen Durchlass zu, durch den sie die Arena betreten hatten.
Während die kleine Gruppe in den Gängen Schutz fand, begann das geblendete Untier rasend voller Schmerz ein grauenvolles Zerstörungswerk. Aus dem Jubel der Inselbewohner waren längst angsterfüllte und panische Schreie geworden, als die mächtigen Pranken wild um sich schlugen und die Tribünen zum Einsturz brachten. Menschen stürzten zu Boden oder wurden unter den Trümmern begraben.
Es dauerte unendlich lange Augenblicke, bis das Untier seinen Verletzungen erlegen war und in der Arena leblos zusammenbrach. Nachdem die überlebenden Inselbewohner ihr Entsetzen überwunden hatten, stellte Vathu einen Trupp Bewaffneter zusammen. Voller Wut hatte er die Flucht der Gefangenen festgestellt und schwor sich, die Fremdlinge nicht entkommen zu lassen.
*
Doch der Vorsprung der Fliehenden war bereits zu groß. Sigurd holte Cassim aus seinem Versteck, der ihn nur fragend und fassungslos ansah. Er hatte aus der Ferne das Wüten und Toben mitangehört, ohne ahnen zu können, was vorgefallen war.
Arnulfs Augen weiteren sich vor Überraschung, als er die Menschen auf sein Boot zuhetzen sah. Er stellte keine Fragen, als Sigurd ihn zur Eile antrieb. Die Männer halfen Dagmar und Bettina ins Boot und stießen dann den Rumpf mit aller Kraft vom felsigen Untergrund ab.
Aus dem Wald waren nun die ersten Rufe und Schreie zu hören, die rasch näher kamen. Arnulf setzte mit schnellen Handgriffen das Segel, und sofort spannte sich der Stoff unter dem frischen Wind.
Als die Wilden am Ufer erschienen und dem Boot einen Pfeilhagel hinterherschickten, lachte der alte Fischer auf. Er sah, wie die Geschosse weit hinter ihnen ins Wasser klatschten.
»Seid unbesorgt«, meinte Sigurd, der sich neben ihn stellte, erleichtert. »Die Pfeile können uns nicht mehr schaden. Jetzt sind wir bereits in Sicherheit.«
»Ja, wir sind gerettet …«, entfuhr es Dagmar ungläubig. »Das verdanken wir nur Euch und Euren tapferen Freunden!«
»Wir taten es gerne für Euch, Gräfin. Ihr braucht uns nicht zu danken«, antwortete Sigurd mit einem Lächeln und genoss die frische Brise, die ihm durchs Haar fuhr. Er wandte sich an Arnulf. »Aber nun zu, Alter – lass den Wind in das Segel blasen. Die Damen werden erwartet!«
VIER
Graf Gebhart schloss seine Tochter überglücklich in die Arme, als sie zurück auf der Burg angekommen war. Sie ließ sich jedoch sofort entschuldigen und wollte nach ihrem Bräutigam sehen, nachdem sie von seiner Verwundung erfahren hatte.
Gebhardt bat inzwischen Sigurd, ihm zu berichten, was vorgefallen war, und lauschte erstaunt den Erzählungen. Er schwor, sich darum zu kümmern, dass die Inselbewohner von ihrem Götzenkult abließen und die Insel keine Gefahr mehr darstellte.
Als er die drei Freunde für ihre Rettungstat entlohnen wollte, lehnten diese dankend, aber entschlossen ab. Sie seien schließlich hier, um einer Hochzeit beizuwohnen, und das Brautpaar glücklich vereint zu sehen, sei Belohnung genug.
Graf Gebhardt ließ es sich aber nicht nehmen, Sigurd, Bodo und Cassim in der Zeit bis zu Graf Hartmuts Genesung als Gäste auf seiner Burg zu bewirten. Sigurd ließ einen Boten mit einem Brief an seinen Vater schicken, in dem er alles erläuterte, und nahm wie seine Freunde das Angebot des Grafen an.
Wochen später wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert. Hartmut bat Sigurd, nach all dem, was er für ihn und seine Braut getan hatte, als sein Trauzeuge teilzunehmen. Sigurd war sich der Ehre bewusst und nahm voller Stolz an.
Die anschließende Feier dauerte ganze drei Tage, und schließlich brachen die Freunde auf, um die Heimreise anzutreten. Der Abschied fiel herzlich aus, und Sigurd wusste, neue Freunde gewonnen zu haben.
Als sie auf Burg Eckbertstein ankamen, konnten sie sehen, dass die Arbeiten zwar inzwischen weit fortgeschritten, aber noch lange nicht abgeschlossen waren. Sigurd, Bodo und Cassim nutzten die Zeit, um sich von dem vergangenen Abenteuer zu erholen. Bald jedoch übergab Sigurds Vater ihm einen neuen Auftrag, da er sehen konnte, welche Rastlosigkeit seinen Sohn schon nach einem Tag wieder erfüllte.
Die Freunde brachen am nächsten Morgen auf, um eine Botschaft für einen befreundeten Fürsten zu überbringen. Der Frühling war inzwischen endgültig ausgebrochen, und an den Bäumen zeigte sich das frische Grün junger Blätter. Selbst der Wind hatte die schneidende Kälte des Winters verloren, und so genossen die Freunde den Ritt in den wärmenden Sonnenstrahlen.
Als der Weg vor ihnen eine Biegung machte, sahen sie vor sich in einiger Entfernung einen Handelswagen. Es war ein Gespann mit vier Pferden, das langsam über die staubige Straße ruckelte.
Sigurd kniff die Augen zusammen und versuchte, den Fahrer auf dem Kutschbock zu erkennen.
»Du, Bodo, sag mal, ist das da vorne nicht der Wagen Mertens, des alten Handelsmanns?«
Sein Freund schloss zu ihm auf und spähte nach vorne. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Ja, jetzt sehe ich es auch. Das ist unser alter Freund!«
Merten war ein fahrender Händler, der seit langen Jahren schon auf Burg Eckbertstein ein- und ausging. Er überraschte seine Kunden immer wieder damit, aufgrund seiner guten Beziehungen in aller Herren Länder Köstlichkeiten und Kostbarkeiten besorgen zu können, nach denen andere sich vergebens umsahen. Daher war er auf jeder Burg ein gern gesehener Gast.
Sigurd drückte die Fersen in die Flanke seines Pferdes.
»Los, Freunde«, sagte er zu Bodo und Cassim, »Wir wollen ihm auf seiner Fahrt Gesellschaft leisten. Merten wird sich freuen, uns wiederzusehen.«
Die Freunde beschleunigten ihren Ritt und schlossen rasch zu dem Karren auf. Eine Plane spannte sich über den Wagen und ließ so keinen Blick auf die Ladefläche zu. Ein Lächeln huschte über das bärtige Gesicht, als er sah, wer ihm zuwinkte.
»Hallo, Merten!«, rief Sigurd, um das Rumpeln des Fahrwerks zu übertönen. »Wie geht es dir? Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.«
»Ho, Sigurd mit seinen Freunden«, begrüßte Merten sie, als er auch Bodo und Cassim erblickte. »Das ist ja eine Überraschung! Wo kommt ihr denn so plötzlich her?«
Sigurd erwiderte etwas, doch das Rattern und Poltern der Räder verschluckte seine Worte, und so zügelte der alte Handelsmann seine Pferde.
Sigurd lenkte sein Pferd nahe an den Kutschbock. »Ich glaube, wir haben den gleichen Weg wie du«, antwortete er. »Da können wir ja gemeinsam reisen.«
»Aber gern!«, sagte Merten und das Lächeln unter seinem weißen Bart wurde breiter. »Bleibt nur bei mir.« Er zog die Zügel straffer, um seinen Pferden den Befehl zu geben, ihren Trab wieder aufzunehmen. »Ha, das wird eine unterhaltsame Fahrt«, fuhr er fort. »Sonst bin ich ja immer so allein …«
Er seufzte bei diesen Worten und lehnte sich auf der Sitzbank zurück.
*
Die Reisenden setzten ihren Weg ohne Zwischenfälle fort und erreichten gegen Abend ein bewaldetes Tal. Knorrige Eichen wuchsen zu beiden Seiten der Straße in die Höhe. Dennoch war der Weg breit genug, um die Sicht auf die umgebende Landschaft freizugeben.
Sigurd erblickte auf einem hoch aufragenden Hügel eine mächtige Festung.
»Was ist denn das für ein Bauwerk dort oben auf dem Fels, Merten?«, fragte er. »Weißt du, wem es gehört?«
Der Handelsmann verlangsamte die Fahrt und strich sich mit einer Hand durch den Bart.
»Das? Das ist ein altes, verfallenes Kastell«, erwiderte er und überlegte. »Ich glaube, es gehört zum Besitz des Grafen Henning von Gerburg.« Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sich die Konstruktion. »Dort oben hat sich nichts verändert seit dem vorigen Jahr, als ich zum letzten Mal hier vorbeikam. Es gibt auch keinen Weg mehr dort hinauf. Die Auffahrt ist zugewachsen, und die Treppen zum Kastell sind längst zusammengestürzt.« Er zuckte mit den Schultern. »Weiß Gott, was es mit diesem Kastell für eine Bewandtnis hat.«
Sie setzten die Reise fort, und nur wenige Minuten drauf wies der alte Merten nach vorne. »Siehst du die Burg da auf dem Hügel? Das ist die Gerburg. Dort wohnt Graf Henning mit seiner Tochter Helga.«
Von den hohen Turmspitzen wehten die Banner im frischen Abendwind, und mehrere Fenster waren erleuchtet.
»Ja, Graf Henning«, hörte Sigurd die Stimme des Handelsmannes, »Das ist ein guter Herr! Die Leute hier lieben und verehren ihn.« Er deutete über die Schulter zurück zum Kastell. »Er kümmert sich mehr darum, dass es den Menschen gut geht, und nicht um diese alten Raubnester, die noch überall hier in den Bergen verstreut liegen.«
Bald darauf erreichte die Gruppe ein Stück des Waldes, an dem die Bäume so eng wuchsen, dass der Handelskarren kaum durchkam. Das Geflecht der Äste schloss sich zu einem Blätterdach, durch das kaum Licht fiel. Zudem war die Nacht inzwischen hereingebrochen, und so verschwand auch bald der letzte Rest Tageslicht. Merten entzündete eine Laterne und befestigte sie neben dem Kutschbock, doch sie erhellte kaum mehr als eine Armlänge von ihm entfernt.
Der Weg wurde immer schmaler, und so ritten Sigurd, Bodo und Cassim hinter dem Handelsmann her, wobei sie darauf achten mussten, dass sich ihre Pferde in der zunehmenden Dunkelheit in keiner Wurzel am Boden verfingen.
Gerade als sich der Mond hinter den Baumkronen hervorschob, erreichten sie eine kleine Lichtung, auf der wie aus dem Nichts ein unheimlicher Reiter aus dem Wald auftauchte.

Merten schrie auf. »Seht nur, wie furchtbar! Der Kerl hat gewiss nichts Gutes vor!«
Der fremde Reiter riss ein Langschwert in die Höhe, das im Mondlicht blitzte. Sein Pferd wieherte auf und schnaubte wild.
»Haltet an, alter Mann, wenn Euch Euer Leben lieb ist«, rief er mit einer Stimme aus, die durch ein Tuch vor dem Mund gedämpft wurde, das selbst die Augen verbarg. Er wartete Mertens Antwort nicht ab. Auf einen Wink hin stürmten sechs übel aussehende Banditen auf ihren Pferden aus dem Unterholz auf den Wagen zu.
»Die Schurken wollen ihn niedermachen und die Waren aus Mertens Wagen rauben«, knurrte Sigurd, der im Schatten des Wagens verborgen blieb. Er sah sich zu Bodo um. »Aber das soll ihnen übel bekommen!«
Sein Freund nickte entschlossen.
»Los, Bodo, das Schwert heraus!«, forderte Sigurd ihn auf und zog seine eigene Waffe. »Die Kerle sollen uns kennenlernen.«
Er trieb sein Pferd an und preschte auf den ersten Banditen zu. »Ho, kommt nur heran!«, rief er und schwang sein Schwert durch. Wie ein Wirbelwind fuhren Bodo und er unter die verblüfften Räuber, die Merten allein wähnten. Entsetzte und überraschte Schreie hallten durch die Nacht. Es zeigte sich schnell, dass die Schurken offenbar nur Handelsleute überfielen, die kein großes Waffengeschick besaßen, denn gegen die gekonnt geführten Klingen von Sigurd und Bodo richteten sie wenig aus.
Binnen weniger Augenblicke fielen zwei von ihnen getroffen vom Pferd und blieben stöhnend und wimmernd am Boden liegen.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Räuber gegen die beiden Ritter unterliegen würden, als plötzlich der alte Merten aufschrie. Sigurd hörte es, doch ihm blieb keine Zeit, sich nach ihm umzudrehen. Er musste eine wuchtig geführte Klinge abwehren.
Der alte Mann fasste sich an die Brust und richtete sich im Kutschbock auf. Ein aus dem Dickicht abgeschossener Pfeil hatte seinen Wams durchbohrt. »Diese hinterhältige … Bande«, stöhnte er. »Helft mir, Freunde …«
Mit diesen Worten stolperte er vom Wagen und taumelte zu Boden. Cassim sprang von seinem Pferd und eilte auf den Verwundeten zu.
»Merten, was ist mit dir?«, rief er aus. Auch er hatte nicht gesehen, was geschehen war und schrak zusammen, als er den Pfeil in der Brust erblickte. »Das sieht nicht gut aus«, sagte er und presste die Lippen aufeinander. Ihm war klar, dass er den alten Mann sofort verbinden musste.
Sigurd und Bodo blieb keine andere Wahl, als Cassim bei seiner Hilfe alleine zu lassen. Sie wehrten sich gegen die Räuber, die ihre erste Überraschung überwunden hatten. Doch als auch der dritte von ihnen sterbend am Boden lag, hörten sie erneut die gedämpfte Stimme.
»Zurück, Männer!«, rief der Maskierte. »Es hat keinen Zweck … wir treffen uns in unserem Schlupfwinkel!«
Umgehend ließen die Banditen von ihrer vermeintlich leichten Beute ab, rissen ihre Pferde herum und ritten in die Dunkelheit des Waldes.
»Ah, siehst du«, entfuhr es Bodo. »Diese Räuber geben den Kampf auf. Wir haben gesiegt!«
Sigurd sah den Davoneilenden nach. »Das ist der Rädelsführer! Schnell, Bodo«, stieß er aus, »den kriegen wir noch! Komm!«
Er packte die Zügel fester und wollte losreiten.
»Lass, Sigurd, das ist sinnlos«, beeilte sich sein Freund zu sagen und sah den Schurken nach, die kaum mehr als Schemen in der Nacht waren. »Wir kennen den Wald nicht. Die Bande ist im Vorteil. Wir würden nur in einen Hinterhalt reiten.«
Sigurds Pferd tänzelte auf der Stelle, denn der Junker war noch nicht bereit, von seinem Vorhaben abzulassen. Schließlich entspannte sich sein Körper, und er sah zu seinem Freund hinüber.
»Du hast recht, Bodo«, antwortete er mit verschlossener Miene. »Lassen wir den Schuft laufen.« Er wandte sein Pferd und ritt zum Wagen zurück. Verwundert sah er, wie sich Cassim über den Handelsmann beugte.
»Was ist mit dem alten Merten?«, fragte er.
»Ein Pfeil hat ihn schwer verwundet. Hoffentlich kann er noch gerettet werden!«, schoss es aus Cassim heraus.
Sigurd und Bodo sprangen entsetzt vom Pferd und liefen auf den Verwundeten zu. Sie knieten neben ihm und sahen die Schwere der Verwundung. Für einen Augenblick kam Merten zu sich. Aus flackernden Augen sah er die Männer um sich herum an.
»Bringt mich auf die Gerburg … zum Grafen Henning«, brachte er mit krächzender Stimme hervor. »Er kennt mich … dort bin ich sicher …« Mit diesen Worten stöhnte er auf und sackte zurück.
Die Freunde befürchteten das Schlimmste, doch als sie den Herzschlag erspüren konnten, atmeten sie auf. Dennoch durften sie keine Zeit verlieren.
»Ja, Merten, das tun wir«, murmelte Sigurd. »Los, Cassim, du steigst auf den Bock und lenkst den Wagen. Bodo und ich werden ihn auf der Ladefläche so weich es geht betten, damit sich die Wunde nicht weiter öffnet.«
Nur kurze Zeit darauf rollte der Wagen mit dem Schwerverwundeten auf die nahe Burg zu. Zum Glück verdeckten keine Wolken den Vollmond, so konnte die Gruppe im bleichen Licht den Weg vor sich deutlich ausmachen.
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