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AL: »Kann einer nicht versuchen Kelly aus dem Klo rauszukriegen in mir rumorts. Und ich versuch’ immer noch zu verdauen.«
(Kelly kommt die Treppe herunter.)
KELLY: »Nächste.«
AL: »Ach, endlich. […] Als junger Mann hatte ich zwei Träume. Einer war Astronaut zu werden und auf dem Planeten Jane Mansfield zu landen. Der andere war ein Klo zu haben für mich ganz allein. Naja, Janey ist von der Bahn abgekommen und musste auf einem dunkleren Planet notlanden. Aber Familie, ich verwirkliche jetzt meinen zweiten Traum. Ich habe beschlossen, ein Klo zu bauen. Das tollste Klo auf der ganzen Welt und ich möchte, dass ihr euch gleich etwas merkt. Niemand wird dieses Klo benutzen außer mir.« […]
(Al entfernt die Holzverkleidung der Kiste und zum Vorschein kommt eine weiße Toilette mit Spülkasten.)
KELLY: »Ist das ’ne Fata Morgana oder ’ne Toilette?«
AL: »Nicht nur eine Toilette. Eine Ferguson. Die Königin der Schüsseln. Bud, setz dich. Ich will dir die Geschichte der Ferguson erzählen. Also … diese Babys werden in Maine fabriziert, in der kleinen Ferguson Fabrik. Sie ist die Stradivari der Toiletten und mein Dad konnte darauf spielen wie auf ’ner Geige. Ja, ich werde nie vergessen, wie mein Dad mich mitgenommen hat nach Maine, um die Fabrik zu besichtigen. Ich musste dringend pinkeln. Ich habe ihn gebeten, mal rechts ran zu fahren. Aber er hat gesagt: Nein, warte bis wir dort sind, es lohnt sich. Und er hatte recht.«
BUD: »Entschuldige bitte, Dad. Aber eine Toilette ist eine Toilette.«
AL: »Toiletten von heute verdienen nicht mal den Namen. Sie kommen in Designerfarben daher und sind zu niedrig. Und wenn du spülst machen sie einen kleinen, schwachen, fast um Verzeihung bittenden Ton. Nicht die Ferguson. Die gibt es nur in Weiß. Und wenn du spülst … bah … wuusch … Das ist ’ne männliche Spülung. Eine Ferguson sagt: Ich bin ’ne Toilette. Setz dich und gib mir deinen besten Schuss.«13
In der Serie South Park gibt es in der dritten Episode der siebten Staffel sozusagen die Ergänzung – sprich: »Das Schweigen des Klopapiers«. Kinder die im Kunstunterricht zum Nachsitzen verdonnert wurden, kaufen sich anschließend Unmengen von Klopapier und bewerfen damit das Haus ihrer Lehrerin. Das WC samt sämtlicher Utensilien und damit verbundener Gänge dient in Fernsehserien spätestens seit den 1990er Jahren ganz selbstverständlich dazu, möglichst alle Tiefen der menschlichen Existenz auszuloten. Und im Film? Georgi Gospodinovs Ich-Erzähler spielt in dem das 00 in jeder Hinsicht auslotenden Werk Natürlicher Roman (2007) in einem Gespräch auf die noch häufig vertretene Auffassung an, auf der Leinwand wäre das stille Örtchen nicht nur still, sondern einfach weg gewesen:
»– Und als ich klein war, konnte ich mir, wenn ich ins Dorfkino ging, überhaupt nicht erklären, warum in den Filmen niemand aufs Klo ging. Du siehst Indianer, Cowboys, ganze römische Legionen, und keinen zeigen sie dabei, wie er scheißt oder pinkelt. Ich rannte nach den zwei Stunden im Kino wie verrückt aufs Klo, und jene Typen aus den Filmen nicht ein einziges Mal in einem ganzen Leben. Bitteschön, sagte ich mir, echte Männer hocken sich nicht mit warmen Hintern hin, und ich nahm mir vor auszuprobieren, wie lange ich es aushalten würde, ohne zumindest das große Geschäft zu verrichten. Ich verkniff es mir drei Tage lang. Ich krümmte mich vor Bauchschmerzen, ging leicht vornübergebeugt, meine Eltern erschraken und wollten mich schon zum Arzt bringen. Am Abend des dritten Tages hielt ich es nicht mehr aus. Ich schloss mich im Klo ein und lief aus. Ich fühlte mich wie ein losgebundener Ballon, der zusammenschrumpelt, es zischt, und am Ende bleibt nichts von ihm übrig. Damals zweifelte ich zum ersten Mal am Kino. Es lag etwas Falsches in ihm, etwas … wie soll ich sagen … etwas Unehrliches.
– Nur, weil du dir die falschen Filme angeschaut hast. Eines werde ich dir sagen, du kannst nur dadurch herausfinden, ob ein Film etwas taugt, wenn seine Kamera auch ins Klo geht. Nehmen wir zum Beispiel ›Pulp Fiction‹, als Bruce Willis zurückkommt, um seine Uhr zu holen, und beschließt, sich zwei Scheiben Brot in den Toaster zu hauen, während Travolta auf dem Klo hockt. Die Toastbrote springen heraus. Bruce erschrickt und erschießt den anderen. Der Toaster drückt also den Abzug, und die Küche reißt dem Klo den Arsch auf. Siehst du, wie das zusammenhängt?
– Und der Bulle in ›Reservoir Dogs‹, hieß er nicht Mister Orange, der die Geschichte mit den Drogen im Klo mit allen Details erzählt, um sie glaubhafter zu machen. Während er die Geschichte auswendig lernt, ruft sein Chef: Du musst dich nur an die Details erinnern. Das wird sie dazu bringen, dir zu glauben. Die Handlung, sagt er, spielt sich im Männerklo ab. Du musst alles über dieses Klo wissen. Ob es Papiertücher gibt oder einen Föhn für die Hände, was für eine Art von Seife es ist. Ob es stinkt. Ob nicht irgendein Bastard eine der Kabinen mit dünnflüssiger Scheiße vollgeschissen hat … Alles.
– Oh, ich glaube, ich muss mich übergeben … […]
– Das Größte in den 90er Jahren bleibt die Tauchszene in der schmutzigsten Toilette Schottlands in ›Trainspotting‹.
– Oder nimm die Filme von Fassbinder und Antonioni, überall wirst du mindestens eine Szene in einem Klo sehen. Und Kusturica mit diesem komischen Selbstmordversuch im Klo.«14
Im Kinofilm gehört der wie auch immer von der Kamera eingefangene menschliche Akt der Erleichterung seit den 1960er Jahren fest zur fiktiven Realität. Philipp Alexander Tschirbs verzeichnet in seiner wissenschaftlich fundierten Studie Das Klo im Kino »eine anschwellende Flut« einschlägiger Szenen.15 Seine Untersuchung legt die Vermutung nahe, dass es im Bereich der schambesetzten menschlichen Bedürfnisbefriedigungen heute schon deshalb keinen überraschenden Tabubruch mehr geben kann, weil sämtliche vorstellbaren Tabus schon viel zu häufig gebrochen worden sind. In Filmen aller Genres, so viel steht fest, dienen Toiletten neben ihrem eigentlichen Zweck vor allem als Orte des Drogenkonsums, der Gewaltausübung und sexueller Abenteuer gleich- und andersgeschlechtlicher Heldinnen und Helden. Sie dienen natürlich auch als Versteck oder – wenn sie ein Fenster haben – als willkommener Fluchtweg. Titelgebend sind sie auch, sonst hieße eine 1981 in die Kinos gekommene Komödie ja nicht Taxi zum Klo.
Tschirbs’ akribischer Recherche verdanke ich vor allem die Erkenntnis, dass das Klosett in namhaften Filmen eine zentrale Funktion in der Handlung einnimmt. Alfred Hitchcock war einer der ersten Regisseure, der 1960 in Psycho das WC für eine Schlüsselszene nutzte, und das noch gegen erhebliche Widerstände. In dem berühmten Streifen landet die ums Leben gebrachte Marion Crane (Janet Leigh) direkt neben der Kloschüssel, in deren Wasser die papierenen Beweise für ihre illegalen Machenschaften und den Mord an ihr schwimmen. Altmeister Hitchcock rühmte sich in einem Interview übrigens dafür, »er verlasse die Toilette stets so sauber, daß niemand, der den Raum genauer inspiziere, auf die Idee käme, daß er dort gewesen sei«.16
Spätestens ab 1928, als der Stummfilm The Crowd (Ein Mensch der Masse) in den USA gedreht wurde, rücken Aborte auf der Leinwand zunehmend vor. Einer der ersten Tonfilme, in denen das WC eine Rolle spielt, erschien 1930: Das goldene Zeitalter von Luis Buñuel. Allerdings in verfremdeter Form. Eine sitzende Frau wird von Meereswogen bedrängt, deren Rauschen sich beim näheren Hinhören als das einer Klospülung entpuppt. Als der berühmte Regisseur und Filmemacher 1974 das aus einer lose zusammengehaltenen Folge surrealer Szenen bestehende Werk Das Gespenst der Freiheit in die Kinos entließ, wurde gleichsam Hand an Röcke, Hosenbünde und allemal das Klo-Tabu gelegt. Zwar bildet das unnachahmliche Toiletten-Dinner keine eigenständige Episode. Aber als Beispiel in einer Rede eines etwas verwirrten Professors, der an der Polizeiakademie ein Seminar über die Relativität des Gesetzes abhält, entfaltet die Szene plötzlich Wirkung. Nachdem der Professor auf Melanesien und die Forscherin Margarete Mead zu sprechen gekommen ist, fährt er fort: »Ja, die Polygamie, bei uns verboten, dort ganz normal. Oder stellen Sie sich vor, meine Frau und ich sind zum Essen eingeladen …« Prompt werden zum Dinner geladene gutbürgerliche Gäste in einem Wohnzimmer an einen Esstisch platziert, dessen Sitzgelegenheiten aus WC-Becken bestehen. Die Gäste klappen folgsam die Klodeckel hoch, ziehen Kleider hoch und Hosen runter und nehmen Platz. Die Hausangestellte reicht Toilettenpapier auf Silbertabletts. Die Spülung rauscht. Als ein Kind vom Essen spricht, folgt umgehend die Ermahnung: »Nicht bei Tisch!« Dann erhebt sich einer der Herren, und bedeutet, er müsse mal austreten. Er sucht eine kleine Kammer auf, in der Baguette und Aufschnitt angerichtet sind.
Wofür Buñuel diese Szene dient, wird spätestens deutlich, als die sich manierlich erleichternde Gesellschaft die Übervölkerung und die vielen Tonnen Exkremente beklagt, die Menschen produzieren. (Mich erinnert diese Szene an die römischen Prachtlatrinen, auf denen die Angehörigen der Oberschicht der Überlieferung zufolge gemeinschaftlich defäkierten und dabei in jeder Hinsicht Geschäfte machten.) Nur zwei Jahre nach diesem Highlight der Filmgeschichte legte Wim Wenders quasi eine Schippe nach. In seinem Film Im Lauf der Zeit (1976) kackt der Schauspieler Rüdiger Vogler vor laufender Kamera reell in den weißen Sand.
Toilettenräume, Pissoirs und WC-Becken dienen seit den 1960er Jahren als fast schon unverzichtbare narrative Stilmittel. Der außerhalb des Kinos als intimer Rückzugsort verstandene stille Ort wurde und wird seitdem nicht nur von cineastischen Großmeistern wie Hitchcock, Buñuel, Pier Paolo Pasolini (z. B. Die 120 Tage von Sodom; 1975), Bernardo Bertolucci (z. B. Der letzte Tango in Paris; 1972) oder Stanley Kubrick (z. B. Lolita; 1962, Uhrwerk Orange; 1971, Eyes Wide Shut; 1999) in jeder Hinsicht enttabuisiert.
Nicht zu vergessen das skandalträchtige Werk Das große Fressen des Regisseurs Marco Ferreri. Als sein Film 1973 in die Kinos kam, liefen die derben Sex- und Fress-Szenen, Letztere begleitet von unüberhörbaren Verdauungsgeräuschen und Blähungen der Protagonisten, den damals noch üblichen Seh- und Hörgewohnheiten ziemlich zuwider. In Irland verfügten die Behörden umgehend ein Aufführungsverbot. Bemerkenswert ist vor allem die sich aus einer Fress-Szene entwickelnde Katastrophe auf der Toilette. Philipp Alexander Tschirbs vermerkt: »Nachdem sich die zügellos Speisenden abwechselnd auf dem Klo erleichtert haben, wird die Kongruenz von Nahrungsaufnahme und Ausscheidung visuell verdeutlicht: Das Klosett läuft über und die ›Scheiße‹ ergießt sich in einer Schwemme über das gesamte Badezimmer und dringt unaufhaltsam in die Wohnräume vor.«17 O-Ton des Protagonisten Ugo, als er das Badezimmer betritt und ins Becken schaut: »Hier liegt noch Scheiße drin. Nicht mal spülen können diese Schweine!«
Sind menschliche Exkremente und die konkreten Orte, an denen diese Produkte der Verdauung ausgeschieden werden, ein Tabuthema? In der Vergangenheit schon, heute bestenfalls bedingt. Sprachliche wie auch bildliche Unantastbarkeiten gibt es so gut wie keine mehr – und einen Gesichtsverlust muss niemand befürchten, der etwa beiläufig erzählt, er habe den 2009 erschienenen Roman Feuchtgebiete von Charlotte Roche mit Interesse gelesen. Immerhin laut Der Spiegel ein »Mega-Seller« mit circa drei Millionen verkauften Exemplaren allein in Deutschland. Hier ein kleiner, nicht unbedingt feiner Auszug:
»Hygiene wird bei mir kleingeschrieben. Mir ist irgendwann klar geworden, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich beigebracht kriegen, ihren Intimbereich sauber zu halten. Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders aber gar nicht. Der darf sogar pinkeln ohne abwischen und den Rest in die Unterhose laufen lassen. Aus Muschiwaschen wird bei uns zu Hause eine riesenernste Wissenschaft gemacht. Es ist angeblich sehr schwierig, eine Muschi wirklich sauberzuhalten. Das ist natürlich totaler Unfug. Bisschen Wasser, bisschen Seife, schrubbel-schrubbel. Fertig. […] Eine andere Muschiregel meiner Mutter war, dass Muschis viel leichter krank werden als Penisse. Also viel anfälliger sind für Pilze und Schimmel und so. Weswegen sich Mädchen auf fremden oder öffentlichen Toiletten niemals hinsetzen sollten. Mir wurde beigebracht, in einer stehenden Hockhaltung freischwebend zu pinkeln, ohne das ganze Igittigitt-Pipi-Mobiliar überhaupt zu berühren. Ich habe schon bei vielen Dingen, die mir beigebracht wurden, festgestellt, dass die gar nicht stimmen. Also habe ich mich zu einem lebenden Muschihygieneselbstexperiment gemacht.
Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille zu setzen. Ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis sauber. […] Das mache ich jetzt schon seit vier Jahren auf jeder Toilette. […] Und ich habe noch nie einen einzigen Pilz gehabt. Das kann mein Frauenarzt Dr. Brökert bestätigen.«18
Zurück ins WWW. Unter Verwendung der Begriffe Toilette und Knigge verwandelt es sich unversehens in eine irreale Verbesserungsanstalt. Vorausgesetzt wird in vielen Beiträgen, wie auch immer formuliert, folgendes Szenario: »Aufreger Nummer eins in vielen Haushalten ist die Toilettenbenutzung und -hygiene. Besonders in WGs, doch auch in Familien oder bei jungen Paaren ist das Ignorieren einfachster Hygieneregeln ein ständiges Streitthema. Der offene Toilettendeckel, Spritzer rund um die Kloschüssel oder das penetrante Ignorieren der Toilettenbürste – diese Aufreger kennt wohl jeder, der sich mit anderen eine Toilette teilt. Damit das heimische WC nicht zu einer verwahrlosten Bahnhofstoilette wird, gelten auf dem stillen Örtchen bestimmte Benimmregeln. Mit nur wenigen Hygienemaßnahmen haben unschöne Hinterlassenschaften und miese Gerüche keine Chance.«19
Und welche Benimmregeln beinhaltet im Zeitalter der Digitalisierung und Individualisierung ein selbst ernannter »WC-Knigge«? Die auf vielen Websites (und in der ausgeuferten Ratgeberliteratur) dargebotenen Winke mit dem Zaunpfahl und Tipps lesen sich in meiner Zusammenfassung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, so:
Die Toilette wird täglich genutzt und gebraucht. Daher sollte an diesem Ort aus Respekt vor den Mitmenschen Wert auf Sauberkeit und Hygiene gelegt werden.
Selbst wenn sich das Urinieren, Pinkeln, Pullern oder Pissen im Stehen für den Mann anbietet, sollte er sich auch zum Urinieren hinsetzen, denn so werden unerwünschte Spritzer und Gerüche verhindert. (Tipp: Beim Aufstehen die Tropfen mit einem Stück Klopapier auffangen.)
Nach dem großen Geschäft sollte jede und jeder die Toilettenbürste benutzen, um eventuelle Bremsspuren zu beseitigen. (Tipp: Durchgeweichtes Klopapier setzt sich in den Borsten fest und schreckt nachfolgende Toilettenbenutzer von der Benutzung ab.)
Nach jedem Geschäft muss ordentlich gelüftet werden. Vor allem, wenn sich die Toilette im Badezimmer befindet. (Tipp: Wenn keine Entlüftung möglich ist, ein Streichholz anzünden. Dann entweicht Schwefel, der wiederum den unangenehmen Geruch bindet.)
Nach der Säuberung mit der Klobürste wird der Toilettendeckel wieder aufgelegt. Das minimiert ebenfalls Gerüche. Auch schaut niemand gerne in den offenen Abfluss. Beim Verlassen der Toilette muss die Klotür hinter sich geschlossen werden.
Nach jedem Toilettengang Hände waschen nicht vergessen. Gründliches Reinigen verhindert, dass Fäkalkeime im gesamten Haushalt und an andere Personen verteilt werden.
Binden und Tampons gehören nicht in die Toilette, wo sie für Verstopfung und Überschwemmung sorgen. Auch Speiseabfälle und Essensreste haben nichts in der Kloschüssel zu suchen. Sie machen die Klärung der Abwässer schwieriger; außerdem sind nahrhafte Stoffe ein gefundenes Fressen für Ratten.
Wer das letzte Toilettenpapier einer Rolle verbraucht, hat für Nachschub sorgen. Der nächste Benutzer würde es nach seinem Geschäft empört vermissen.
Viele Menschen lesen gern auf der Toilette. Die Tageszeitung oder Zeitschrift auf der Toilette kann aber schnell unhygienisch werden. (Tipp: Bitte nur kurze Sitzungen einplanen, das Klo ist keine Bibliothek …)
Mit dieser Übersicht heute vielfach kommunizierter Benimmregeln könnte ich es gut sein lassen, wenn es da nicht noch die viel beschworene Geschäftswelt gäbe und mit ihr den Business-Knigge. Merke: »Zunächst gehört es zum guten Ton, die Toilette auch als solche zu bezeichnen. Der Begriff ›Klo‹ zeugt in der Geschäftswelt nicht gerade von Stil. Auch Ankündigungen wie ›Ich geh aufs stille Örtchen‹ oder ›Ich muss mal für kleine Mädchen/Jungen‹ sind außer unter sehr vertrauten Kollegen fehl am Platz. Das Handy lassen Sie bitte vor der Tür oder machen es aus. Es ist sehr unhöflich, andere Toilettenbesucher durch einen Anruf zu stören.«20
All das, was heute mit dem Begriff Knigge verbunden wird, hat mit dem profilierten Republikaner Adolph Freiherr Knigge (1752 – 1796) und seinem aufklärerischen Werk Ueber den Umgang mit Menschen von 1788 nichts zu tun. Knigge hatte kein Benimmbuch, sondern einen kritischen Leitfaden zur Lebensphilosophie vorgelegt.21 Obwohl der ob seines Eintretens für die Ideale der Französischen Revolution von konservativen Kreisen gehasste Freiherr posthum durch Umschriften seines Hauptwerks nachgerade seiner Ideale beraubt wurde, scheut sein 1968 geborener Nachfahre Moritz Freiherr Knigge nicht davor zurück, sich auf genau den »Benimm-Knigge« zu beziehen, den es leibhaftig nie gab. Er nutzt den inzwischen wohlklingenden Namen für seine Beratungstätigkeit in Umgangsfragen. Und wie lauten die zentralen Benimmregeln von Moritz Freiherr Knigge (allerdings nur für Herren)?
»Es gibt eine einfache Faustregel am Urinal: Pinkeln und Mund halten. Dies ist weder der Ort, um geschäftliche Gespräche weiterzuführen, noch gar Intimes zu besprechen. […] Steht der Vorgesetzte direkt neben einem, verbieten sich sowohl verstohlene Blicke in seine Richtung als auch der Einsatz karrierefördernder Selbstmarketingstrategien! Spülungen sind dazu da, um sie zu betätigen, Klobürsten, um sie zu benutzen, Fenster, um zu lüften, und Wasserhähne, um sie aufzudrehen und sich die Hände zu waschen. Wer meint, auf Letzteres verzichten zu können, dem sei ein Satz Adolph Freiherr Knigges ans Herz gelegt, der gerade auf dem Herrenklo seine zeitlose und allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf: ›Tue nichts im Verborgenen, dessen Du Dich schämen müsstest, wenn es ein Fremder sähe.‹«22
00 2 Tierisch menschlich
Körperliche Ausscheidungsprozesse sind eine alltägliche Herausforderung für sich. Selbst im Falle des »kleinen« Geschäfts. Die menschliche Blase hat ein Volumen von gut einem halben Liter. Wenn ihre Füllung ein Volumen von 200 bis 300 Millilitern überschreitet, erhält das Gehirn die Information: Harndrang. Wird der Drang häufig unterdrückt, meldet sich die Blase seltener. Zudem können wir die Füllmenge der Blase ausdehnen, indem wir viel trinken. Nun gibt es – unabhängig vom Geschlecht – Menschen, die den Harndrang weniger unterdrücken als andere, und eben häufiger eine Toilette aufsuchen. Rein statistisch betrachtet scheinen Frauen ihrem Harndrang häufiger nachzugeben als Männer – sie suchen durchschnittlich fünf- bis siebenmal täglich die Toilette auf, während Männer es bei drei bis vier Gängen belassen. Wie dem auch sei, sicherlich empfinde nicht nur ich ein schnell erreichbares und gepflegtes WC als einen Segen, vor allem außerhalb der eigenen vier Wände. Die Heldin Annabel in Ildikó von Kürthys Roman Freizeichen nicht minder. Sie reist eines Tages spontan zu ihrer exzentrischen Tante nach Mallorca, die aber nicht wie vereinbart zu Hause ist. Da Annabel dringend auf Toilette muss, beschließt sie, in nächster Nähe eine Erleichterungsmöglichkeit zu suchen:
»Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber wenn ich auf die Toilette muss, dann muss ich immer ganz plötzlich und dringend auf die Toilette. Vor langen Autofahrten zum Beispiel trinke ich immer tagelang nichts. Vergeblich. Schon bei der ersten Raststätte muss ich raus. Immer. Ben sagt, ich hätte eine Altherrenblase, und meine Freundin Mona schlug vor, ich solle beim nächsten Mal Windeln tragen oder mir einen Katheter legen lassen. […] Aber es ist tatsächlich so: Eigentlich befinde ich mich die meiste Zeit meines Lebens auf der Suche nach einem Klo.
Für mich also eine absolut vertraute Situation: Annabel Leonhard eilt mit zusammengepressten Schenkeln durch irgendeine völlig toilettenfreie Zone dieser Welt. […] Glücklicherweise habe ich durch jahrzehntelange Praxis ein seismografisches Gespür für Toiletten entwickelt oder für Gegenstände, die man als Toilette benutzen kann. Ich […] denke, der Satz, den ich in meinem Leben am häufigsten gesagt habe, ist: ›Dürfte ich wohl mal Ihre Toilette benutzen?‹ […] Unter Blasendruck verliert man viele seiner ansonsten hartnäckigen Hemmungen. Ich habe schon in Spelunken gepinkelt, die ich bei klarer geistiger Verfassung nur mit Schutzanzug und Atemmaske betreten hätte.«23
Um unserer vornehmsten Eigenschaft als Stoffwechsler zu genügen, müssen wir ausreichend essen und trinken. Um die unser Überleben sichernden Körperfunktionen gut zu versorgen, sind Fette, Kohlenhydrate, Mineralstoffe, Proteine, Vitamine und Wasser essenziell. Der Körper benötigt sie für das Wachstum, für die Zellteilung und die Blutgerinnung, zur Deckung des Energiebedarfs des Herzens, der Bewegungsabläufe und anderem mehr. Stoffwechselprodukte, die der Körper nicht verwerten kann, müssen wieder ausgeschieden werden. Während die Haut Wasser, Salze und Gifte herausschwitzt und die Lunge beim Ausatmen Kohlendioxid ausstößt, entsorgt der Darm die Abfallstoffe der Verdauung und befreit das Harnsystem den Körper vor allem von Stickstoff. Ohne die zuverlässig entgiftende Arbeit der Nieren, die pro Minute einen Liter Blut filtern (und ein Prozent davon in Urin verwandeln), kommt kein Mensch über die Runden. Der Urin sammelt sich in der Harnblase an, deren Wand dadurch mehr und mehr unter Spannung gerät. Ist die einen guten halben Liter Urin fassende Blase voll, entsteht Harndrang.
Der Mund fungiert als Tor und »Eingangshalle zu einer Welt, in der Fremdes zu Eigenem wird«, statuiert Julia Enders in ihrem Bestseller Darm mit Charme.24 (Mit »Charme« lassen sich Tabus übrigens auch gut entsorgen.) Nach der bereits in der Mundhöhle einsetzenden Verdauung wird die aufgenommene Nahrung dann mittels Säuren und Enzymen im Magen aufbereitet. Im bis zu fünf Meter langen Dünndarm erfolgt die Aufspaltung der Nähr- und Abfallstoffe, wobei die löslichen Nährstoffe durch dessen Zotten wieder in die Blutbahn und zur Leber gelangen. Der Dünndarm wird bei seiner Kärrnerarbeit von der Bauchspeicheldrüse unterstützt. Sämtliche unverdaulichen Stoffe gelangen in den anderthalb Meter langen Dickdarm, wo Bakterien sie zersetzen. Der verbleibende Rest des eingedickten Breis wird sukzessive weitergeschoben und steht dann zur Ausscheidung durch den After parat. Das kann freilich dauern. Bis die aufgenommene Kost ihre Verwertung und Verwandlung im Körper hinter sich hat, vergeht mindestens ein Tag.
Wie viele andere Körperfunktionen auch unterliegt der Verdauungsvorgang individuellen Schwankungen. Verstopfungen liegen aus medizinischer Sicht vor, wenn die Darmentleerung nicht dreimal wöchentlich erfolgt oder nur durch schmerzhaftes Pressen möglich wird. Hinzu kommen Störungen wie Stuhlinkontinenz und andere mehr. Die Häufigkeit des Stuhlgangs ist bei jedem Menschen individuell speziell – sie variiert bei gesunden Erwachsenen zwischen dreimal täglich bis dreimal wöchentlich. Auch die Konsistenz des Kots kennt keine feste Regel – sie schwankt zwischen hart und weich je nach individueller körperlicher und seelischer Verfassung und natürlich auch der jeweils präferierten Nahrung.
Die sich mehrmals täglich füllende Blase signalisiert durch den Harndrang, dass sie entleert werden muss. Erweist er sich als besonders stark oder unbeherrschbar, gilt das als Symptom für eine Störung. Der Harndrang kommt nicht von ungefähr. In der Blasenwand registrieren reizaufnehmende Zellen bzw. Rezeptoren stets die anliegende Spannung und melden sie an die zuständigen Kontrollstellen im zentralen Nervensystem. Muskelgeflechte rund um den Blasenausgang und an der hinteren Harnröhre sowie die Beckenbodenmuskulatur halten die Blase unter Verschluss. Gesunde Menschen können ihre Urinabgabe bewusst steuern, indem sie diese Muskeln erschlaffen lassen, wobei sich gleichzeitig der Blaseninnendruck durch die Anspannung der harnaustreibenden Muskeln erhöht. Und schon kommt es zur Miktion, der Blasenentleerung. Sie ist bekanntlich umso häufiger notwendig, als die Trinkmenge gesteigert wird. Und wenn das nicht klappt? In Günter de Bruyns 1984 publizierten Roman Neue Herrlichkeit erfährt Viktor telefonisch, dass es seinem Vater nicht gut geht:




