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»Das ist erschreckend und erheiternd zugleich. Den kraftstrotzenden Mann, dem Schwäche bisher defätistisch und Krankheit moralisch anrüchig erschien, kann man sich als Patienten nicht vorstellen. Jetzt fühlt sich der Löwe als Wurm; der Halbgott, der Ärzte sowenig gebraucht hat wie Priester, merkt, daß auch er sterblich ist. So gewaltig wie früher die Kraft, ist nun der Jammer. Er fühlt sich nicht nur geschlagen vom Schicksal, sondern auch noch verhöhnt, weil es ausgerechnet die Prostata ist, die ihn quält. Ehrenvoll zu Boden geht man in seinen Kreisen durch Herzinfarkt, nicht aber so. Ein Riese, der vor Schmerz schreit, wenn der Urin kommen soll und nicht will, ist kein Mann mehr, sondern eine Schießbudenfigur …«25
Die Ausscheidung der Stoffwechselendprodukte erfolgt in Form von Urin und Fäzes. Während es der Urin in aller Regel eilig hat, unserem Körper Ade zu sagen, nimmt sich der Darm, immerhin unser größtes sensorisches Organ, mehr Zeit. Aber irgendwann will auch er entleert sein, und wie das funktioniert, hat Giulia Enders in ihrem Werk Darm mit Charme trefflich zur Sprache gebracht:
»Unser Klogang ist eine Meisterleistung – zwei Nervensysteme arbeiten gewissenhaft zusammen, um unseren Müll so diskret und hygienisch wie möglich zu entsorgen. […] Unser Körper hat dafür allerlei Vorrichtungen und Tricks entwickelt. Es fängt schon damit an, wie ausgetüftelt unsere Schließmechanismen sind. Fast jeder kennt immer nur den äußeren Schließmuskel, den man gezielt auf- und zubewegen kann. Es gibt einen ganz ähnlichen Schließmuskel, wenige Zentimeter entfernt – nur können wir ihn nicht bewusst steuern. Jeder der beiden Schließmuskeln vertritt die Interessen eines anderen Nervensystems. Der äußere Schließmuskel ist treuer Mitarbeiter unseres Bewusstseins. Wenn unser Gehirn es unpassend findet, jetzt auf die Toilette zu gehen, dann hört der äußere Schließmuskel auf das Bewusstsein und hält so dicht, wie er eben kann. Der innere Schließmuskel ist der Vertreter unserer unbewussten Innenwelt. […]
Diese beiden Schließmuskeln müssen zusammenarbeiten. Wenn unsere Verdauungsreste beim inneren Schließmuskel ankommen, macht dieser reflexartig auf. Er lässt allerdings nicht einfach alles auf den äußeren Schließmuskelkollegen los, sondern erst einmal nur einen Testhappen. In dem Raum zwischen innerem und äußerem Schließmuskel sitzen viele Sensorzellen. Diese analysieren das angelieferte Produkt darauf, ob es fest oder gasförmig ist, und schicken ihre Information hoch an das Gehirn: Ich muss aufs Klo! … oder vielleicht auch nur pupsen. Es macht dann, was es mit seinem ›bewussten Bewusstsein‹ so gut kann: Es stellt uns auf unsere Umwelt ein. Dazu nimmt es Informationen von Augen und Ohren und zieht seinen Erfahrungsschatz hinzu. In Sekundenschnelle entsteht so eine erste Einschätzung, die das Gehirn zurück an den äußeren Schließmuskel funkt: ›Ich habe geguckt, wir sind gerade bei Tante Berta im Wohnzimmer – Pupse gehen vielleicht noch, wenn du sie ganz leise raustwitschen lässt. Fest eher ungut.‹ Der äußere Schließmuskel versteht und verschließt sich voller Loyalität noch fester als zuvor. Dieses Signal bemerkt dann auch der innere Schließmuskel und respektiert erst mal die Entscheidung seines Kollegen. Die beiden verbünden sich und schieben den Testhappen in eine Warteschleife. Raus muss es irgendwann, nur eben nicht hier und jetzt auch nicht. Einige Zeit später wird es der innere Schließmuskel einfach noch mal mit einem Testhappen probieren. Sitzen wir mittlerweile gemütlich zu Hause auf dem Sofa: freie Fahrt!«26
Nach der – hoffentlich wohlschmeckenden und bekömmlichen – Speisenaufnahme folgen die Verdauung und irgendwann später der Gang auf die Toilette. Was nun diesem Ablauf mit anschließender »freier Fahrt« gleichsam eingeschrieben ist, verdeutlicht Elias Canetti (1905 – 1994) in seinem Werk Masse und Macht in akribischer Klarheit. Sämtliche Nahrungsmittel, die wir uns zum Überleben einverleiben müssen, bestehen ja biologisch betrachtet aus anderen Lebewesen, und deren Verzehr bestimmt unsere Wirklichkeit aus der Sicht des Literaturnobelpreisträgers entschieden mehr, als es im alltäglichen Hin und Her den Anschein hat. In dem von Canetti unzweideutig betitelten Kapitel »Eingeweide der Macht« heißt es:
»Nichts hat so sehr zu einem gehört, als was zu Kot geworden ist. Der konstante Druck, unter dem die Speise gewordene Beute steht, während der ganzen langen Weile, die sie durch den Leib wandert, ihre Auflösung und die innige Verbindung, die sie mit dem Verdauenden eingeht, das vollkommene und endgültige Verschwinden erst aller Funktionen, dann aller Formen, die einmal ihre eigene Existenz ausgemacht haben, die Angleichung oder Assimilation an das, was vom Verdauenden als Leib bereits vorhanden ist – all das läßt sich sehr wohl als der zentralste, wenn auch verborgenste Vorgang der Macht sehen. Er ist so selbstverständlich, selbsttätig und jenseits alles Bewußten, daß man seine Bedeutung unterschätzt.«27
Unsere Exkretion, daran lässt Elias Canetti keinen Zweifel, hat weit größere Dimensionen, als die rein physiologische Funktion erkennen lässt. Die Bewältigung der Wirklichkeit durch das Ergreifen, Erkaufen, Zubereiten, Einverleiben und Verdauen von Beute, die die überlebenssichernden Nährstoffe, Mineralien und Vitamine enthält, bleibt für instinktentbundene Mängelwesen vom Schlage Homo sapiens offenbar nicht folgenlos. Weder im Psychischen noch im Sozialen und Kulturellen. Und eben deshalb kommt für Canetti beim Stuhlgang auch weit mehr ans Tageslicht, als es scheint:
»Der Kot, der von allem übrigbleibt, ist mit unserer ganzen Blutschuld beladen. An ihm läßt sich erkennen, was wir gemordet haben. Er ist die zusammengepreßte Summe sämtlicher Indizien gegen uns. Als unsere tägliche, fortgesetzte, als unsere nie unterbrochene Sünde stinkt und schreit er zum Himmel. Es ist auffallend, wie man sich mit ihm isoliert. In eigenen, nur dazu dienenden Räumen entledigt man sich seiner; der privateste Augenblick ist jener der Absonderung; wirklich allein ist man nur mit seinem Kot. Es ist klar, daß man sich seiner schämt. Er ist das uralte Siegel jenes Machtprozesses der Verdauung, der sich im Verborgenen abspielt und ohne dieses Siegel verborgen bliebe.«28
Ich kommentiere das nicht weiter. Ein durchschnittlicher Europäer verdaut in seinem Leben gut zwanzig Tonnen Nahrung. Und was gibt er davon an die Umwelt zurück? Schätzungsweise mindestens 30 000 Liter Urin und bis zu 8000 Kilogramm Kot. Allerdings haben auch die Fäzes viel Flüssigkeit in sich – gut drei Viertel der Menge sind nichts als Wasser. Einer der großen Universalgelehrten seiner Zeit, Leonardo da Vinci (1452 – 1519), kommentierte die Existenz ihm unliebsamer Mitmenschen denn auch spöttisch mit den Worten: »Zahlreich sind jene, die sich als einfache Kanäle für die Nahrung und als Erzeuger von Dung und Füller von Latrinen bezeichnen könnten, denn sie kennen keine andere Beschäftigung in dieser Welt. Sie befleißigen sich keiner Tugend. Von ihnen bleiben nur volle Latrinen übrig.«29
Übrigens hinterlassen Vegetarier fast doppelt so viele Fäzes wie Fleischesser, weil sie mehr unverdauliche Ballaststoffe zu sich nehmen. Die Fleischesser hingegen produzieren stärker riechenden Kot, weil beim Abbau tierischer Eiweiße chemische Stoffe entstehen, die für ein von Mitmenschen zuweilen als unangenehm empfundenes Odeur sorgen. Fäzes entwickeln ihren spezifischen Duft nach der Ausscheidung vor allem aufgrund der Verbindungen von Skatol und Indol, die beim Abbau der Aminosäure Tryptophan entstehen. Auch die sich bei der Verdauung von Proteinen bildenden Alkanthiolen nebst Schwefelwasserstoff tragen zur Geruchsbildung bei. Normaler Menschenharn entfaltet seinen strengen, von ausgasendem Ammoniak herrührenden Geruch hingegen erst mit der Oxidation an der Luft – zunächst duftet er mehr nach Fleischbrühe oder, nach dem Genuss von Spargel, Baldrian und Lauch, nach Methylmerkaptan. Bei manchen jedenfalls. Denn nach dem Spargelessen scheiden sich Untersuchungen zufolge die Menschen in zwei Gruppen. Bei der einen verströmt der Urin ein spezifisches Aroma, bei der anderen riecht er wie immer. Verursacht wird dieser Unterschied durch ein Enzym, das die im Spargel enthaltene Asparaginsäure zersetzt, und das die einen unter uns haben und die anderen nicht.30
Die natürlichen Ausgasungen und anderen anrüchigen Düfte, die mir in oder nahe der Örtchen für unaufschiebbare Bedürfnisse täglich mehr oder weniger intensiv um die Nase wehen, sind eine Tatsache des Lebens. Alois Gmeiner hebt sie in seiner Tour de Toilette wie folgt ins Bewusstsein: »Das mit dem Klogang ist so eine Sache. Die Erleichterung, die jeder nach dem Abdrücken verspürt, widerspricht der Peinlichkeit, die man nach dem Verlassen der Toilette zurücklässt. Der infame Geruch hat heutzutage im Gegensatz zu den letzten 100 000 Jahren Menschheitsentwicklung selbstverständlich seine Gegner, die alles daran setzen, den letzten Rest des Besuchs und den unvermeidlichen Beweis für das große Geschäft zu vernichten, oft aber bitter scheitern – der üble Geruch bleibt! Nicht bloß das, die bösen Gase suchen sich dann auch noch ihren Weg aus der Toilette und lösen sich erst langsam und gänzlich und von allen ›bemerkt‹ in Luft auf. Meist ist es dann auch schon zu spät. Andere rümpfen bereits ihre Nasen, und den Produzenten überkommt eine seltsame Scham. […] Doch wie so oft – der Mensch ist schlau und erfinderisch, wenn es darum geht, etwas zu verdrängen. Beliebt sind Duftsprays, die ein geradezu witziges Geruchsgemisch erzeugen …«31
Der Geruchssinn zählt zu den klassischen fünf Sinnen; er ist entwicklungsgeschichtlich älter als der optische oder akustische. Schon Säuglinge erkennen wenige Tage nach der Geburt die Brust ihrer Mutter am Geruch. Die Wahrnehmung, Interpretation und der Umgang mit dem Geruch hat einen historisch langen kulturellen Vorlauf.32 Nicht zuletzt die Geschichte der Parfümerie umspannt Jahrtausende. Der Geruchssinn dient zur Kontrolle von Nahrungsmitteln und zur Appetitanregung, er fördert die Verdauung und dient der Gefahrenerkennung, etwa wenn Feuer ausbricht. Er ermöglicht sowohl die Identifizierung von Krankheiten wie nicht zuletzt eine »passende« Partnerwahl. Während nun bis ins 18. Jahrhundert hinein allgemein eine recht hohe Toleranz gegenüber auch streng riechenden Körperausdünstungen, Schlachtereien, Jauche- und Latrinengruben etc. herrschte, ist diese Schwelle seitdem erheblich niedriger geworden. Eine maßgebliche Ursache für die sich wandelnde Interpretation des Olfaktorischen war nicht zuletzt die gleichsam explodierende Urbanisierung und die damit einhergehende Verengung des sozialen Raums. Die wachsende Zahl der europäischen Großstädte geriet ab dem 18. Jahrhundert jedenfalls in den Ruch, ein Sinnbild von Elend, Gestank und Verschmutzung zu sein.
Von Kindheit an werden von uns Menschen die jeweils kulturspezifisch vorgegebenen Auffassungen mit erlernt, die ein grobes Raster für all die Gerüche vorgeben, die gesellschaftlich als wohlriechend oder eben stinkend und ekelig gelten können. Sie unterliegen dem historischen Wandel. Alain Corbin schreibt in seiner überwiegend aus französischen Quellen gespeisten Geschichte des Geruchs, menschlicher und tierischer Kot hätte früher in gewissen Kreisen als wohlriechend und sogar heilsam gegolten. Dass insbesondere die Ausgasung der eigenen Exkremente in aller Regel nicht als Gestank wahrgenommen wurde und wird, bestätigt Michel de Montaigne (1533 – 1592). In seinen Essais zitiert der Philosoph eine bezeichnende Überlieferung aus dem Altertum: »Unser liebster Duft, was ist es? / Der Gestank des eigenen Mistes!«33
Dass das Odeur der eigenen Exkremente und Winde in aller Regel keine Ekelgefühle erregt, die Düfte der Ausscheidungen von Mitmenschen im Zweifelsfall aber sehr wohl, gehört offenbar seit ehedem zur (ontologischen) Begleiterscheinung des kleinen und großen Menschengeschäfts. In einem düsteren Männer-WC las ich vor Jahren den Kommentar: »Eigenlob stinkt, aber hier riecht’s auch nicht nach Flieder.«
00 3 Vom Winde verweht
Über einen verachtenswerten Mensch heißt es: Er ist keinen Furz wert; über einen Choleriker: Jeder Furz kommt ihm in die Quere. Vom Kirchenpersonal ist überliefert: Luft ist Luft, sagte der Pfaffe, und ließ einen streichen. Angeberische Mitmenschen müssen mit der Warnung rechnen: Man muss nicht stärker furzen wollen, als der Arsch vermag. Und ich? Hei is ’n Dichter! seggt de Buer, hei makt ut’n Furz ’n Dunnerschlag. Nun mal sachte. Ich thematisiere in diesem Kapitel die Darmwinde, weil sie seit Menschengedenken eng mit den toilettenkulturellen Gegebenheiten verbunden sind. In der gegenwärtig von Ratgeber-Traktaten durchsetzten Welt des WWW wird das umgehend nachvollziehbar, wenn etwa der Klick die wikihow.com wählt, wo auch Kinder und Jugendliche eine streng ins Auge genommene Zielgruppe für die Beherrschung des »leisen Furzens« sind. Die grafisch unterhaltsam aufgemachte – ellenlange – Unterweisung hebt so an:
»Auch wenn es als Kind natürlich immer großartig gewesen ist, möglichst laut zu furzen, wird dir in der Welt der Erwachsenen ein lauter Furz wohl keine Freunde verschaffen – und wohl kaum anziehend auf das andere Geschlecht wirken. Du solltest dich nicht dafür schämen, pupsen zu müssen, aber es gibt ein paar Tricks, wie du deine Flatulenzen verstecken und so leise wie möglich ablassen kannst. Sie werden unter Umständen natürlich immer noch furchtbar stinken, aber zumindest werden sie auch leise sein.«34
Unter den vielen, mich erheiternden Kniffen, »wie du leise furzen kannst« – vom laut eingestellten Klingelton des Handys bis zum Buchstapelumkippen als Übertönungsvarianten –, zählt nicht zuletzt der Hinweis: »Gehe ins Badezimmer. Der einfachste Weg, leise furzen zu können, ist, dich zu entschuldigen und dich ins Badezimmer zurückzuziehen. Drehe den Wasserhahn auf und lasse deinen Druck ab. Wenn du Angst hast, dass du dennoch gehört werden könntest, kannst du sogar die Spülung betätigen.«35 Auch vielen anderen einschlägigen Benimmratgebern zufolge soll der im Beisein von Mitmenschen sich ankündigende Flatus möglichst unhör- und nicht wahrnehmbar auf der Toilette bzw. im Badezimmer entfahren. Schon deshalb verdient er eine nähere kulturhistorische Betrachtung.
Es mag ja sein, dass die Wissenschaftler aller Fakultäten alles Mögliche im Griff haben oder zu haben glauben. Die Meteorologen zum Beispiel verstehen sich auf die ziemlich genaue Vorhersage von Stürmen und Orkanen, andere Fachleute auf Berechnungen sturmflutsicherer Deichbauten, Sprachforscher auf das Sprichwort: »Wo Wasser ist, da ist auch Wind, sagte jener, schlug sein Wasser ab und ließ einen streichen.« Zu den Winden, für die es weder eine zeitlich genaue Vorhersage, noch ein absolut wirksames Gegenmittel gibt, gehört der 2015 im Kino nachgerade explosiv zu allen Ehren gekommene Flatus bzw. Crepitus, auch Darmwind, Leibwind, Blähung, Furz oder Pups genannt.
In Doktor Proktors Pupspulver, der Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Jo Nesbø, kommen die beiden Nachbarskinder Lise und Bulle groß raus und haben großen Spaß an den Experimenten eines eigenwilligen Tüftlers.36 Zu den Erfindungen des Doktor Proktor zählt nicht zuletzt das Pupspulver, das geruchlose, explosive Winde produziert. Es eignet sich dank menschlicher Fantasie sogar dazu, Leute raketenschnell durch die Gegend fliegen zu lassen. Lise wird von der zwölf Jahre alten Emily Glaister gespielt. Als sie in einem Interview gefragt wurde, ob das Pupspulver wirklich wirkt und ob sie während der Dreharbeiten auch pupsen musste, bekannte sie: »Nein, es hat nicht wirklich funktioniert. Aber ich denke, wenn man genug davon isst, dann kann man schon viel pupsen. Aber anders als im Film stinkt es trotzdem wie immer. Manchmal mussten wir wirklich pupsen, ja. Ansonsten haben sie das Geräusch aber auch einfach eingespielt. Oft mussten wir auch nur so tun, als ob wir pupsen, und dann noch passende Geräusche machen.« Eine Superpups-Empfehlung hatte die junge Schauspielerin auch in petto: »Also, ganz klar: Esst Bohnen! Das funktioniert wirklich gut. Das ist mein Tipp. Obwohl, wenn man viel Limonade trinkt, dann kann man auch gut pupsen. Zumindest hat das bei mir funktioniert.«37
Apropos Flatulenz. So bezeichnen die Mediziner die verstärkte Entwicklung von Gasen wie Methan, Kohlenstoffdioxid und Schwefelwasserstoff in Magen und Darm und deren mit spezifischen Gerüchen verbundenes rektales Entweichen (von lat. flatus = Wind). Wenn sie Meteorismus diagnostizieren, verbieten sich Scherze oder Weisheiten wie: »Besser einen Furz lassen, als den Arzt zu Rate ziehen«, denn dann geht es um eine übermäßige Ansammlung von Verdauungsgasen im Margen-Darmtrakt, die Blähsucht, die problematisch verlaufen kann. Etwa bei Menschen, die unter Obstipation (Verstopfung) oder Dyspepsie (Darmverschluss) leiden.
Über die Ursachen, das Fahrenlassen und Zurückhalten, den Geruch und alle sonstigen Begleitumstände des Flatus machen sich Menschen seit Langem so ihre Gedanken – nicht zuletzt der Begründer der Medizin als Wissenschaft, Hippokrates Kos (ca. 460– ca. 370 v. u. Z.). Das überlieferte Corpus Hippocraticum besteht aus rund sechzig Schriften. Sie wurden allerdings von unterschiedlichen Personen verfasst, und womöglich stammt keine dieser Schriften direkt von Hippokrates. Wie dem auch sei, in Johann Grimms Übersetzung aus dem Griechischen von 1837 klingen die frühen medizinischen Einkreisungsversuche belebend so:
»Der Körper der Menschen und der übrigen lebenden Wesen werden durch dreifache Nahrung ernährt, und diese sind namentlich: Speise, Trank, Luftgeist (die Lebensluft). Der Luftgeist innerhalb des Körpers wird Blähung, der außerhalb des Körpers Luft genannt. Diese übt auf Alles, was dem Körper zustößt, einen sehr großen Einfluß aus, und es ist wohl der Mühe wert, ihre Kraft in Betrachtung zu ziehen. Wind ist nämlich ein Wogen und Ausströmen der Luft. Wenn also eine Menge Luft einen starken Luftstrom erregt, so werden die Bäume durch die Gewalt des Luftgeistes mit der Wurzel aus der Erde gerissen, das Meer braust und schlägt Wellen, und die ungeheuren großen Lastschiffe werden in die Höhe geschleudert. Eine solche Kraft übt der Luftgeist also auf diese Gegenstände aus; wiewohl er mit den Augen nicht gesehen wird, so ist er doch der Vernunft sichtbar. […] Dieser Abhandlung muß ich sogleich hinzufügen, daß die Krankheiten wahrscheinlich kaum irgendwo andersher als aus der Luft entstehen, wenn dieser Luftgeist in zu großem oder in zu geringem Maße, oder zu dicht oder mit Miasmen [Verunreinigungen] geschwängert, in den Körper eindringt.«38
Blähungen und Winde wurden von den Hippokratikern auf den »Luftgeist« zurückgeführt. Gut, dass ihre pathologischen Vorstellungen nur mehr von historischem Interesse sind. Ihr Verständnis der Flatulenz ist schon deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil sie zum Beispiel zur mit schwindender »Denkkraft« einhergehenden »heiligen Krankheit«, der Epilepsie, führen sollte. Der Darmwind ist von Flatologen inzwischen hinreichend erforscht. So wissen die Nachfolger des Hippokrates exakt zu sagen, in welchen Regionen des Darmes er entsteht: in der rechten (aufsteigenden) Seite des Dickdarms durch Gärung des Verdauungsbreis und in der linken (absteigenden) durch Fäulnis. Die sich dabei bildenden Wasserstoff- und Kohlendioxidgase treffen auf Sauerstoff- und Stickstoffgase, die durch das Essen oder Trinken begleitende Luftschlucken über den Magen in den Verdauungstrakt gelangt sind. Zwar gleicht kein Flatus dem anderen, aber rein statistisch besteht er aus sechzig Prozent Stickstoff, zwanzig Prozent Wasserstoff, fünfzehn Prozent Kohlendioxid und fünf Prozent Sauerstoff. Noch besser: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass rund 99 Prozent dieser entweichenden Gase erstaunlicherweise anaromatisch sind, also geruchsfrei. Präziser: Nur ein Prozent der Fürze haben die fatale Neigung, wie stark auch immer übelriechend aus dem Rektum zu entweichen – übrigens mit Geschwindigkeiten zwischen 0,1 und 1,1 Meter pro Sekunde. Warum sie Gestank verbreiten, ist längst kein Rätsel mehr. Vor allem irreguläre Verdauungsprozesse sorgen für die Bildung flüchtiger Eiweißabbauprodukte wie Indol, Skatol und vor allem Schwefelwasserstoff, die genau die Bestandteile des Flatus bilden, die fachlich als »fötid« bezeichnet werden. Bei darmgesunden Menschen machen diese olfaktorisch intensiven Spurengase freilich nur ein Prozent der intestinalen Gasproduktion aus.
Erforscht ist nicht zuletzt, wie viele Fürze ein gesunder Mensch im statistischen Tagesmittel fahren lässt. Rund fünfzehn, wenn die Wissenschaftler nicht irren. Dabei variiert das abgegebene Gasvolumen individuell und je nach Beschaffenheit der von der Verdauung erfassten Nahrungsmasse; es beträgt zwischen 0,2 und gut zwei Litern täglich und wird in Ausstößen von durchschnittlich vierzig Millilitern entlassen.39
In einem wohl allseits bekannten, schlicht gereimten Gedicht wird eine bemerkenswerte These laut: Salomon der Weise spricht: / Laute Fürze stinken nicht, / aber die so leise zischen / und so still dem Arsch entwischen,/Mensch, vor denen hüte Dich, / denn die stinken fürchterlich. Leise Fürze stinken mehr als laute? Einmal abgesehen vom zweifelhaften Wahrheitsgehalt dieser Aussage gibt es bereits in dem wichtigsten Prosawerk der deutschen Barockliteratur eine wunderbare Auseinandersetzung mit dieser duftenden Sache. Der 1668 erschienene Abentheurliche Simplicissimus Teutsch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1625 – 1676) spielt zur Zeit des für die Bevölkerung so fürchterlichen wie traumatisierenden Dreißigjährigen Krieges, der 1648 ein Ende gefunden hatte. Held des laut Titelblatt »überauß lustig und männiglich nutzlich« zu lesenden Romans ist der »seltsame« Vagant Simplicius, der bei einem Einsiedler aufgewachsen und im Jahr 1635 in der Gegend von Hanau festgenommen wird. Er wird von dem ihm gewogenen Gouverneur Ramsay als Page eingesetzt und von dessen Sekretär beschult. Am Ende des 27. Kapitels gerät Simplicus während einer Debatte mit dem Lehrer in eine Verlegenheit, die im 28. mit dem Erlernen einer »andere zierliche Kunst« einen versöhnlichen Abschluss findet. Wohlan:
»Der Secretarius mußte meiner lachen, und nahm die Mühe, mir eines und des andern Titel und alle Wort insonderheit auszulegen, ich aber beharrete darauf, daß die Titel nicht recht geben würden, es wäre einem viel rühmlicher, wenn er Freundlich tituliert würde, als Gestreng […]; das Wort Wohlgeborn sei eine ganze Unwahrheit, solches würde eines jeden Barons Mutter bezeugen, wenn man sie fraget’, wie es ihr bei ihres Sohns Geburt ergangen wäre? Indem ich nun dieses also belachte, entrann mir ohnversehens ein solcher grausamer Leibsdunst, daß beides ich und der Secretarius darüber erschraken; dieser meldet’ sich augenblicklich sowohl in unsern Nasen als in der ganzen Schreibstuben so kräftig an, gleichsam als wenn man ihn zuvor nicht genug gehöret hätte. ›Troll dich du Sau‹, sagt‹ der Secretarius zu mir, ›zu andern Säuen in Stall, mit denen du Rülp besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren kannst!‹ Er mußte aber sowohl als ich den Ort räumen, und dem greulichen Gestank den Platz allein lassen. Und also habe ich meinen guten Handel, den ich in der Schreibstub hatte, dem gemeinen Sprichwort nach auf einmal verkerbt.
Ich kam aber sehr unschuldig in dies Unglück, denn die ungewöhnlichen Speisen und Arzneien, die man mir täglich gab, meinen zusammengeschrumpelten Magen und eingeschnorrtes Gedärm wieder zurechtzubringen, erregten in meinem Bauch viel gewaltige Wetter und starke Sturmwind, welche mich trefflich quälten, wenn sie ihren ungestümen Ausbruch suchten; und demnach ich mir nicht einbildete, daß es übel getan sei, wenn man dies Orts der Natur willfahre, maßen einer solchen innerlichen Gewalt in die Läng zu widerstehen […], ließ ich ihnen Luft, und alles passiern, was nur fort wollte, bis ich erzähltermaßen mein Kredit beim Secretario verloren […].
Mein Herr hatte einen […] Pagen neben mir, welcher schon ein paar Jahr bei ihm gewesen, demselben schenkt ich mein Herz, weil er mit mir gleichen Alters war […]. Einsmals schwätzten wir im Bett lang miteinander, ehe wir entschliefen, und indem wir vom Wahrsagen redeten, versprach er mich solches auch umsonst zu lehren; hieß mich darauf den Kopf unter die Decke tun, denn er überredet’ mich, auf solche Weis müßte er mir die Kunst beibringen. Ich gehorchte fleißig, und gab auf die Ankunft des Wahrsager-Geistes genaue Achtung, potz Glück! derselbe nahm seinen Einzug in meiner Nasen, und zwar so stark, daß ich den ganzen Kopf wieder unter der Decken hervortun mußte. ›Was ists?‹ sagt’ mein Lehrmeister. Ich antwortet’: ›Du hast einen streichen lassen‹; ›Und du‹, antwortet’ er, ›hast wahrgesagt, und kannst also die Kunst am besten.‹ Dieses empfand ich für keinen Schimpf, denn ich hatte damals noch keine Gall, sondern begehrte allein von ihm zu wissen, durch was für einen Vorteil man diesen Kerl so stillschweigend abschaffen könnte? Mein Kamerad antwortet’: ›Diese Kunst ist gering, du darfst nur das linke Bein aufheben, wie ein Hund der an ein Eck brunzt, daneben heimlich sagen: Je pète, je pète, je pète, [ich platze] und mithin so stark gedrückt, als du kannst, so spazieren sie so stillschweigends dahin, als wenn sie gestohlen hätten.‹ ›Es ist gut‹, sagte ich, ›und wenns hernach schon stinkt, so wird man vermeinen, die Hund haben die Luft verfälscht, sonderlich wenn ich das linke Bein fein hoch aufgehoben werde haben.‹ Ach, dachte ich, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstuben gewußt.«40




