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Wie aber kommen die absolut nicht »stillschweigend« entweichenden Leibesdünste zustande – im »teutschen« Werk Simplicissimus gibt es dafür noch keine Erläuterung. Nun, im Normalbetrieb funktioniert die körperliche Gasverteilung hinreichend, sind die Gasdrücke im Darm so gering, dass das fachlich sogenannte sphinkterale Resonanzgeschehen ausbleibt. Fast Dreiviertel der Fürze bleiben bei gesunden Menschen schlicht stumm. Für hörbare Krepitationen sorgen schon leichte, unvermeidliche Ungleichgewichte im Verdauungstrakt, die je nach gegebener Kontraktionsstellung des Schließmuskels Töne produzieren. Letztere variieren je nach Spannung des Schließmuskels, dem Druck, mit der das Gas ausgestoßen wird, sowie dem Mengenvolumen.
Das Befinden gewiss nicht nur meines Organismus hängt immer auch von dem täglich ablaufenden Verdauungsvorgang ab; wenn er partout nicht reibungslos vonstattengeht, sinkt die Stimmung, sind womöglich das Aufsuchen des Arztes oder eine Darmspiegelung angezeigt. Nach einer mittelschweren Nahrungsaufnahme entstehen während des Verdauungsvorgangs immerhin bis zu fünfzehn Liter Darmgas. Diese gesamte Menge stößt jedoch kein Homo sapiens rektal aus. Täte Mensch es, wären konventionelle Kraftwerke überflüssig – reichten die eigenen Winde zur Energieerzeugung völlig aus … Der größte Teil des Darmgases wird über die Darmwand ins Blut diffundiert und über die Lungen abgeatmet. Übrigens ohne dabei einen schlechten Atem zu verursachen; der entsteht anders. Nur wenn sich bei heftig in Wallung geratenen Verdauungsprozessen das Gas so schnell entwickelt, dass die Resorption über den Atemweg an ihre Grenzen kommt, erfolgt plötzlich die rektale Abgabe, entfährt ein Furz. Wohlgemerkt: aus einem verdrießlichen Arsch kein fröhlicher. Und schon stellt sich die seit der Neuzeit in deutschen Landen gern in Rätseln ausgedrückte Frage:
Was ist ein Furz? (Ein unglücklicher Versuch, den Hintern zum Sprechen zu bringen.)
Was ist der Furz für ein Landsmann? (Ein Darmstädter.)
Was hat der Furz für eine Religion? (Er ist ein Quäker.)
Wie kann man den Furz am meisten ärgern? (Wenn man durch ein Sieb furzt, dann weiß er nicht, aus welchem Loch er hinaus soll.)
Was ist spitzer als die Nadel? (Der Furz, er geht durch die Hose und macht doch kein Loch.)
Die Flatulenz kann zuweilen mit dem ungewollten Abgang von Kot einhergehen, etwa in den Anfangsstadien einer Diarrhöe. Vom Volksmund wird dieses Syndrom »falscher Freund« genannt.
Wie sehr verpönt, störend, erwünscht, erheiternd und bejubelt (ich sage nur: abwarten) der die Menschheit von Beginn an treu begleitende Flatus auch immer war und ist – seit dem Aufkommen der Schrift hat er sich einen festen Platz in Texten aller Art erobert. Schon in den Überlieferungen des Altertums sind zahlreiche Anmerkungen zu den Leibwinden und ihren Auswirkungen zu finden – etwa von Aristophanes, Horaz, Martial und Sokrates. Von dem griechischen Philosophen Metrokles (400 – 300 v. u. Z.) wird erzählt, er habe sich in der Öffentlichkeit nicht mehr blicken lassen, nachdem ihm ein wohl gut hörbarer Furz entfahren war. Der römische Lexikograf und Grammatiker (des 2. Jahrhunderts) Sextus Pompeius Festus soll befunden haben, abgelebt sei der Mensch, der wegen des hohen Alters sich nicht bewegen, noch einen Furz lassen kann; der christliche Theologe Origenes (185–ca. 254) spottete über die Windverehrung der Alten und so weiter.
Fest steht, dass schon frühzeitig viele von Winden überraschte Individuen auf die Idee verfielen, aus der Not einfach eine Tugend zu machen. Darmwinde reinigen den Körper, hieß es prompt, sie stärken die Gesundheit und sorgen für Frohsinn. Im frühen Mittelalter hatte sich der Flatus auch in deutschen Landen insoweit emanzipiert, dass er Eingang in die Literatur finden konnte. Die Kanonisse und große Dichterin Hrotsvitha bzw. Roswitha (ca. 935 – 973), die im Kloster Gandersheim lebte, neigte zwar einem strengen Keuschheitsideal zu. Was sie während ihres Lebens in der stillen Studierstube in lateinischer Sprache etwa über Liebeskonflikte notierte, beinhaltete aber durchaus so einiges Verfängliches. In ihrer Legende Passio St. Gongolfi martyris kommt zudem ein nicht gerade atemfrischer Hauch zur Sprache. Eine Ehebrecherin, die ihren Gemahl (Gangolf) hatte ermorden lassen, bezweifelt wortreich Berichte, an seinem Grabe gäbe es wunderliche Vorgänge. Und die Erzählerin verdeutlicht, dass sie das nicht nur mit dem Mund tat:
Kaum war entfahren ihr das Wort,
So folgt ein Zeichen nach,
Wie es der Art entsprach
Des angeführten Körperteils:
Sie ließ in schändlichem Getön
Vernehmen einen Laut,
Den anzugeben graut
Dem schamhaft stummen Munde mein,
Und brachte fernerhin, so oft
Sie nur ein Wort verlor,
Auch dabei wieder vor
Unfehlbar diesen garst’gen Ton,
Auf daß sie, die nicht nach Gebühr
Die Scham bewahren wollte,
Zum Anlaß werden sollte
Unmäß’gen Lachens überall,
Indem sie ihre Lebenszeit
Bis hin zu ihrem Tod
An sich zu merken bot
Die Strafe ihres Lästermauls.41
Soweit die Moral der »schändlich« tönenden Geschicht’. Hrotsvitha von Gandersheim hatte der Sage von Gangolf und seiner bösen Frau wahrlich eine besondere Note hinzugefügt. Wobei der Hinweis auf den »schamhaft stummen Munde« insoweit für sich spricht, als er verdeutlicht, dass bereits im 10. Jahrhundert Peinlichkeitsschwellen auslagen. Die mittelhochdeutsche Literatur glänzt besonders durch das episch-didaktische Werk Der Ring von Heinrich Wittenwiler. Von ihm selbst ist wenig bekannt, höchstwahrscheinlich wirkte er Ende des 14. Jahrhunderts als adeliger Advokat und Hofmeister am Hof des Bischofs von Konstanz. Er beschreibt sehr sprachkräftig eine Bauernhochzeit, bei der gegen die gängige höfische Tischsitte nach allen Regeln der Kunst verstoßen wird. Fastnachtspiele und Schwänke, in denen Fressgier und Trunksucht der Bauern verspottet werden, hatten damals Hochkonjunktur. Und zwar obwohl bzw. weil die Ernährungssituation der meisten Bauern mehr als bescheiden war – und bei den häufig schlechten Ernten eher das Darben denn die Völlerei den Alltag bestimmte. Ein Auszug aus der »ungeheuerlichen Schlacht des Hochzeitsmahls« in der Übertragung von Rolf Bräuner lässt nun bestimmt keinen Wind verwehen:
Da sagte sich jeder: Eh ich sterbe
vor Hunger, so will ich vergessen
den Dreck, den Kot und die Reste fressen,
und wär es noch übler beschissen,
es bliebe nicht ein einziger Bissen! […]
Zur gleichen Zeit war Frau Hürel verwirrt,
ein Flöhlein hatte sich verirrt,
ausgerechnet zwischen den Beinen
und biß sie so, daß sie anfing zu greinen.
Da wollte sie sich niederbücken,
um das Flöhlein totzudrücken,
doch seht, die Haut war ihr zu kurz,
und ihr entfuhr ein gewaltiger Furz!
Um nicht die Schande zu offenbaren,
begann sie laut mit den Füßen scharren,
um die andern glauben zu machen,
daß ihre Füße so seltsam krachen.
Doch Henritze war viel zu schlau
und sprach: ›Das ist unpassend, gute Frau,
ihr kennt doch wohl das schöne Gedicht:
Kratzen und Furzen gleichen sich nicht.‹
Hüreln schmerzte der Spott im Ohr,
sie ließ einen großen Furz wie nie zuvor,
und dann noch drei, so warn’s schon vier,
den Schreiber brüllte sie an wie ein Stier …«42
Ich springe nun direkt ins Zeitalter der Reformation. Und schon scheint es auf, das berühmte Zitat: »Was rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?« Der deftige Tischspruch wird gemeinhin Martin Luther (1483 – 1546) untergeschoben, das Dumme ist nur, dass es dafür keinen Nachweis gibt. Aus seinem Munde kam er mit ziemlicher Gewissheit nicht. Wäre der Reformator und sprachmächtige Bibelübersetzer noch mit von der Partie, würde er wohl eher zu verstehen geben: »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom.«43 Nicht zu vergessen eine zielsichere Stelle aus einer seiner Auslegungen: »Aber jetzt haben wir Erkenntnis. Käm mich der Geist an, daß ich zum Grimmental laufen wollte, wollt ich einen Furz tun. Das ist Klugheit! Ich bin ein Mann, in Gottes Namen getauft. Ich will ein Mann bleiben.«44
Wenn nicht alles täuscht, lebt der in vielen Schriften vermittelte Eindruck, zu Zeiten Martin Luthers wäre es nachgerade ein Gebot der Höflichkeit gewesen, bei Tisch zu rülpsen und zu furzen, um damit zu hörbar zu bekunden, wie gut das Mahl gemundet hätte, munter fort. Spätestens seit dem Vorliegen von Hans Peter Duerrs materialreicher Studie Der Mythos vom Zivilisationsprozeß lässt sich diese Auffassung freilich nicht länger aufrechterhalten. In seiner (umstrittenen) Auseinandersetzung mit der Zivilisationstheorie von Norbert Elias (Über den Prozeß der Zivilisation) betont der Ethnologe: »Daß man zur Zeit der Reformation in Mitteleuropa ungehemmt furzen konnte, ist ganz und gar unwahrscheinlich.«45
Die Wissenschaft vom Darmwind kann rein historisch davon ausgehen, dass der Flatus schon im Mittelalter verpönt und schambehaftet war. So wurde laut der Frankfurter Zunftordnung von 1377 bestraft, wer »fruczte oder anders unhubisch (= unhöflich) were«, und in einer von Duerr zitierten spätmittelalterlichen Tischzucht heißt es: »Ist eyn gauch inn all meinn sinnen, / Im möchte wol eyn furtz entrinnen, / Es sei unden oder oben, / Dann es ist schamper und unreyn.«46 Selbst die Kinder hatten um 1518 ihre Winde unter Kontrolle zu halten, wie Aussagen des humanistischen Gelehrten Johannes Murmellius (1480 – 1517) nahelegen. Der nicht minder humanistische Joachim Camerarius der Ältere (1500 – 1574) stipulierte denn auch, »es sei völlig überflüssig, das Unterlassen des ›crepitus‹ pädagogisch anzumahnen, da selbst ein primitives Bauernweib eine solche Unflätigkeit bei ihrem Sohn nicht dulden würde«. Hans Peter Duerr ergänzt: »Denn ein öffentlicher Furz wurde nicht allein als Schamlosigkeit, sondern unter gewissen Umständen auch als bewußte Ehrabschneidung betrachtet. Als nämlich beispielsweise in der Grafschaft Lippe der Witwe eines Wildschützen im Beisein einer Frau ›ohn versehens‹ ein Wind entwich, beschimpfte die andere sie wüst und hob einen Stein auf, um die Unglückliche damit zu bewerfen.«47
Gewiss, in den Manierenbüchern und sogenannten Tischzuchten aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die literaturhistorisch unter dem Begriff »Grobianismus« abgehandelt werden, wird nicht zuletzt das Furzen so dargestellt, als wäre es eine hemmungslos ausgeübte, mithin beklagenswerte Alltagsrealität. Allerdings ging es den Verfassern am Ende des Mittelalters – einer Zeit, zu der ein Verfall der Sitten befürchtet wurde – nicht um die Schilderung tatsächlichen Verhaltens, sondern vor allem um die nach Kräften satirisch überzogene Darstellung von verpöntem Fehlverhalten. Die grobianischen Schriften leben gleichsam davon, dass sie etwas als normal ausgeben, was im Alltagsleben als unanständig und für die Subjekte höchst peinlich empfunden wurde. Ein bezeichnendes Beispiel aus dem von Kaspar Scheidt (um 1520 – 1565) aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragenen Grobianus von Friedrich Dedekind will ich nicht schuldig bleiben. In dem 1549 erschienenen Text möchte der Held nach einer Mahlzeit nicht nur nach Herzenslust furzen, er verteidigt es sogar, weil ein Unterdrücken gesundheitsschädlich sei (was es ja auch ist). Ein Auszug:
Da schlaff dann sanfft, und lig fein still,
Biß man das nachtmal nehmen will.
Im Schlaff laß fürtz in lufft hin stieben,
So wirt dichs gantze hausgsind lieben.
Wolt aber jemandt dich drum straffen,
Daß du mächst solch rumor im schlaffen,
Sprich, es ist nicht in meinem gwalt,
Daß ich die fürtz in henden halt,
Laß farn was nit hat lust zu pleiben,
Ich müß den unflat von mir treiben.
Und laß jm dann ein par darzu,
Daß er die naß verhalten thu. […]
Spricht, lantzmann wo hastu gelert,
Daß fartzen auff die gaß gehört?
Ey lieber (sprich) ist’s gefroren drauß?
Besser ein furtz dann ein aug auß,
Solt ich von eines fürtzleins wegen,
Kranck werden, ist mir nicht gelegen.
Besser ist dieser dampff hinweg,
Dann daß ich lang beim Doctor leg. […]
Will lieber grob sein und gesund,
Dann kranck und höflich alle stund.48
Dass ausgangs des Mittelalters die »groben unhöflichen Sitten« eines Grobian lediglich so etwas wie ein wenig frommer Wunsch waren, verdeutlichen viele offizielle Dokumente. So bedrohte 1530 etwa die Berner Schützenordnung jedem »schyeß-gesell«, der »furtzte«, mit der Abstrafung.49 Wie schlau die Bauern an der Schwelle der Neuzeit sein konnten, verrät Martin Montanus (ca. 1537 – 1566) in seinem »Büchlein« Wegkürtzer von 1557, laut Titelblatt »sehr lustig zu lesen«. Darin findet sich der längere Schwank: »Ein Baur läßt (mit Gunst zu melden) ein Furtz und spricht zum Teuffel, er soll ein Knopff daran machen.« Ich mache es kurz – das schafft natürlich selbst ein böser Teufel nicht …50
Der Flatus, der gern zum unpassenden Moment entweicht und in anderer Leute Nasen steigt, ist in vielen Anekdoten verewigt worden. In deutschen Landen stand zum Beispiel Friedrich der Große (1712 – 1786) im Mittelpunkt einer wahrlich donnernden. Sie lautet so: Bei einer Besichtigung fragt der Alte Fritz den einen Rekruten: »Was war Er von Beruf?« – »Schnellläufer, Majestät!« – »Nun, so hole Er mir den zurück!« und Friedrich ließ einen streichen. Sofort setzte sich der Soldat zu des Königs großem Erstaunen in Bewegung, kam nach einigen Minuten wieder zurück, stellte sich vor dem König stramm, ließ einen donnern und meldete: »Ausreißer zurückgeholt, Majestät!«51
Was Wunder, dass der herrlich »lachende Philosoph« Karl Julius Weber (1767 – 1832) um 1800 im Demokritos unkt: »In unsern Zeiten, wo das hypochonderhysterische Temperament Mode ist, und das ruhige ewige Sitzen zu Verstopfungen führt, trotz aller Einweihungen von unten und oben, ist der Deus Crepitus ein wahrer Hausdrache. Die Gedärme und Muskeln sind dadurch so schwach geworden, daß sie keine Blähung mehr zurückhalten, oft auch nicht mehr die Feuchtigkeiten aus Nasen und Blasen; viele können sich nicht einmal mehr neigen, ohne einen Ton von sich zu geben, wenn sie nicht mit einem kleinen Zäpfchen das Instrument vernageln, das allein pfeift. Eine ehrwürdige Dame ging nie in Gesellschaft ohne diesen Stöpsel; einst versah sich das Kammermädchen, nahm statt dessen das elfenbeinerne Pfeifchen, womit ihr die Dame zu pfeifen pflegte, und nun denke man sich den Jammer, als dies mitten in der Gesellschaft zu pfeifen anfing.«52
Wie weitsichtig Weber – im »Kapitel Pfui« – den gesellschaftlichen Begleitumständen der Flatulenz zu Leibe rückt, zeigen seine Überlegungen zum Brummen der Winde: »Es gibt ganze, halbe und Vierteloctaven, wie bei der Leier Amphions, förmliche Ronladen, Läufe und Octaven, und die Feuerwerkerkunst mag auch daher ihre Kunstausdrücke genommen haben. Es läßt sich unstreitig eine Art Musik dabei denken, deren Vervollkommnung vielleicht den Musikern künftiger Zeiten vorbehalten ist. Die Verschiedenheit des Tons hängt von eines Jeden Organ, oder besser Caliber ab, so gut als die gröbere oder feinere Stimme der beiden Geschlechter von einem größeren und kleineren, weitern oder engern Luftröhrenknopf. […] Ein geschickter Musiker hat bereits beobachtet, daß sich zweiundsechzig verschiedene Töne herausbringen lassen.«53
Die von Karl Julius Weber erwähnten 62 Furztöne soll übrigens der Humanist, Arzt und Universalgelehrte Jerome Cardan (1501 – 1576) festgestellt haben – genauer: vier Grundtöne nebst 58 Variationen. Weber starb am 20. Juli 1832 in Kupferzell, wo er auch begraben liegt. Gut zwanzig Jahre später trat im Ratssaal von Pozega (im heutigen Kroatien) ein Mann öffentlich auf, der in der Kunst des musischen Furzens eine außerordentliche Fertigkeit erlangt und sogar die chrowotische Hymne aus seinem Allerwertesten ertönen lassen konnte. Der bis heute wohl unübertroffene Meister dieses Metiers hieß mit bürgerlichem Namen Joseph Pujol (1857 – 1945). Die Karriere des in Marseille aufgewachsenen Künstlers, der sich Le Pétomane nannte, begann in den 1880er Jahren, nachdem er intensiv trainiert hatte, mit den ihm leicht fallenden Blähungen Kerzen auszublasen und schließlich durch Modulation des Schließmuskels die Tonhöhe zu verändern. Als er sich auf die rektale Vertonung von Violinstücken, Gewittern und Kanonenschläge spezialisierte, rieten ihm Freunde 1887 zu öffentlichen Auftritten. Sie wurden ein voller Erfolg in vielen Städten Europas.
Internationalem Ruhm gewann der schnauzbärtige Le Pétomane, nachdem er 1892 vom legendären Pariser Moulin-Rouge engagiert worden war. Fortan gab der mit Frack und weißen Handschuhen ausstaffierte Künstler einen schier unglaublichen Anschauungsunterricht im Tabubruch des Furzens. Wenn Pujol sich feierlich verneigte, um dann französische Kinderlieder, die Marseillaise, den Radetzkymarsch, imitierte Tierstimmen und donnernde Kanonenschüsse aus seinem Hinterteil ertönen zu lassen, tobte das Publikum vor Begeisterung. Le Pétomane konnte das nur recht sein – seine Gagen waren schließlich deutlich höher als die der zu seiner Zeit berühmten Schauspieler.
Im September 1914 gab Le Pétomane seine Abschiedsaufführung. Als er 1945 im Alter von 88 Jahren starb, bot die medizinische Fakultät des Collège de Sorbonne den Hinterbliebenen 25 000 Francs, um die Leiche obduzieren zu können. Die Familie lehnte ab.54 Die Rektalphysiologie des einst weltberühmten Flatus-Künstlers blieb der Wissenschaft verschlossen. In der Folgezeit geriet die Kunst der Pétomanie ziemlich aus dem Fokus; in Deutschland meldete sie sich vernehmlich im August 1987 zurück, als in Hamburg der vom Aktionskünstler André Heller initiierte Vergnügungspark Luna Luna seine avantgardistischen Pforten öffnete. Dort lockte der »Palast der Winde«, in dessen Zuschauerraum bei den Vorstellungen der Radetzky-Marsch ertönte. Eine Zeitzeugin schildert, was bei ihrem Besuch im Palast geboten wurde:
»In der von Manfred Deix gestalteten Jahrmarktsbude betraten zwei Männer im Frack die Bühne und kündigten ihre Nummer an. Als sie sich umdrehten um hinter den Paravent zu gehen, sahen wir, dass der gesamte Bereich ihrer Gesäße vom Stoff ausgespart geblieben war. Erst jetzt begriffen wir, was ›Palast der Winde‹ bedeutete. Die beiden Männer pressten ihre Popos durch die Löcher und pupsten Beethovens 9., was man durch die Bewegungen ihrer Schließmuskel deutlich sehen konnte. Es war geruchsfrei und hat uns sehr amüsiert, andere Gäste aber waren sichtlich echauffiert und gingen vorzeitig.«55
Die Ansichten über das Furzen sind seit der Antike so vielfältig wie geteilt.56 Ich schätze das Bekenntnis von Karl Julius Weber: »Der Wind reinigt die Luft und den Dunstkreis, und so reinigen auch die Afterwinde den Körper, und wenn sie auch nicht laut genug ihre Verrichtung der Nase predigen, so hat mich schon oft ihre leise Musik in schlaflosen Nächten ergötzt.«57
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