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Arthur setzt ebenfalls den Stampfer ab und schaut hoch. »Du meinst, er hat gleich gewusst, dass es der Borodinsky war.«
»Er muss ihn mit dem Hut auf der Treppe gesehen haben, als er nach oben gekommen ist. Er hat sich das mit dem Scherenschleifer ausgedacht und dem Gendarmen dann alles vorgesetzt, was er sagen sollte. Und der konnte es nicht mal richtig lesen.«
»Vom Gendarmen ist also nichts zu erwarten«, sagt Arthur.
»Von niemandem ist etwas zu erwarten. Außer von uns selbst. Wir müssen an Borodinsky ran. Die Gräfin von Hohenembs hat gesagt, er kriegt seinen Hosenstall nicht zu. Also sucht er dauernd Frauen wie die Sophie. Was, wenn wir ihm eine Falle stellen?«
»Was für eine Falle?«
»Mit einer Frau, die ihn anlockt und ins Hotel bringt. Kennst du noch mehr solcher Frauen?«
»Nein, natürlich nicht. Außerdem müssten wir so eine bezahlen«, sagt Arthur verächtlich.
»Sophie war auch so eine.«
»Das war anders. Sophie konnte nichts dafür.«
»Vielleicht können die anderen auch nichts dafür.«
»Mag sein. Auf jeden Fall kenne ich keine.«
»Dann mach ich das«, sagt Elise. »Natürlich nicht ... Aber ich locke ihn ins Hotel. Ich lege Sophies Rouge auf und locke ihn hierher.«
»Gut. Wir brauchen aber ein anderes Zimmer als die 316. Ich kann schauen, welches gerade frei ist, und den Schlüssel nehmen. Das machen wir, bevor du ihn anlockst.«
»Und wenn er dann im Zimmer ist?«, fragt Elise.
»Dann bin ich auch da. Mit einem Gewehr.«
»Wo kriegst du das her?«
»Ich nehme eins von denen, die hinter dem Wildschweinkopf im Speisesaal hängen. Das sind echte Jägergewehre. Der Herr von Hess holt sie jedes Jahr für die Neujahrsjagd herunter. Munition ist in einer Schachtel im Haushaltsraum.«
»Willst du den Borodinsky umbringen?«
Arthur schüttelt den Kopf. »Ich will ihm Angst einjagen, damit er’s zugibt. Und ich will wissen, warum er es getan hat.«
»Und dann?«
»Dann weiß ich auch nicht.«
Elise seufzt. »Und ich auch nicht. Am Ende kommen wir selber ins Gefängnis. Also, das wäre der Plan. Ist es ein guter?«
»Nein. Aber der einzige.«
»Wir machen es. Heute Abend. Ab neun Uhr habe ich frei.«
Arthur steht auf. »Ich zeig dir, wie du den Grafen anlockst. Ich bin der Graf. Geh auf mich zu und lauf an mir vorbei.«
Elise nähert sich Arthur, den Blick zu Boden gesenkt.
»Ganz falsch«, sagt er. »Das ist genau der Punkt. Du musst mich anschauen. Sobald wir auf einer Höhe sind, schaust du mich an. Direkt in die Augen.«
»Ich traue mich nicht.«
»Du musst. Hebe deinen Blick. Ja, genau. Und jetzt lächeln. Nicht zu viel, nur ein bisschen. So, ja. Das ist der ganze Unterschied. Mehr ist es nicht.«
Elise zählt drei Schläge der Stadtkirchenglocke drüben auf der anderen Seite der Saale. Sie steht seit einer halben Stunde hier im Park gegenüber vom Kursaal, geht immer zehn Schritte vor, dreht sich um und geht dann zehn Schritte rückwärts, wie Arthur es ihr erklärt hat. Auf dieser Seite des Flusses ist weniger los, hier ist es privater, hier gibt es wild wachsende Bäume statt Alleen, kaum Beleuchtung und keine Gendarmen. Und heute Abend auch sonst niemanden – abgesehen von den zwei Männern, die tief im Gespräch ihre Runden drehen; offenbar keine Freier, sonst wären sie wohl alleine unterwegs. Doch, eine kleine verschleierte Frau geht noch spazieren, am entgegengesetzten Ende der Umlaufbahn, auf der die Männer sich befinden. Zwei Runden sind sie schon gelaufen, jetzt stehen sie unten am Fluss, bei der einzigen Lampe diesseits der Saale.
Acht, neun, zehn Schritte nach hinten. Elise dreht sich um. Ein Mann kommt auf sie zu. Ein dicklicher Mann mit Zylinder. Er ist vielleicht sechs Schritte von ihr entfernt. Wo kommt er auf einmal her? Elise starrt zu Boden, dann zwingt sie sich, wieder zu ihm hochzuschauen. Er starrt mit einer Mischung aus Erschrockenheit und Empörung zurück, und dann ist er schon weiter. Es ist der Portier. Er wohnt hier irgendwo, fällt Elise ein. Morgen wird sie von ihm hören. Morgen wird sie wahrscheinlich ihre Stelle los sein. Sie seufzt und schaut wieder zu den zwei Männern unten am Fluss. Es ist nur noch einer da, und er sieht zu ihr hoch. Wo ist der andere? Da, er kommt auf sie zu. Er hebt seinen Hut zur Begrüßung und entblößt eine Glatze, nackt und knochig wie ein Totenschädel. »Mein Herr lässt fragen, ob Madame eventuell Interesse an einem Treffen mit ihm hätte.«
Elise schaut zu dem Mann am Fluss. Auch er hebt den Hut zum Gruß. Es ist kein Ausseer Hut, sondern eine Melone, aber der Bart des Mannes ist kinnfrei und an den Wangen spitz ausgezwirbelt. Graf Borodinsky.
»Ferner lässt er fragen«, fährt der kleinere Mann fort, »ob Madame einen Ort für ein solches Treffen bereits kenne, und wenn, wo dieser sich befinden möge.«
»Hotel Karl von Hess. Zimmer 209 im zweiten Stock. Fragen Sie Ihren Herren, ob das in Ordnung ist. Dann treffen wir uns dort in fünfzehn Minuten.«
»Wissen Sie, wer ich bin?« Graf Borodinsky sitzt mit dem Rücken zur Wand neben der Tür auf dem Boden. Seine Arme und seine langen Beine hat er jeweils überkreuzt.
Arthur steht über ihm und hält ein Jagdgewehr auf ihn gerichtet. Elise befindet sich gegenüber am Fenster neben dem Bett.
»Sie sind Graf Borodinsky«, sagt Elise. »Die Gräfin von Hohenembs hat es mir erzählt.«
»Ich bin Zar Alexander von Russland, und die Gräfin von Hohenembs ist in Wirklichkeit die Kaiserin Elisabeth von Österreich.«
»Das trifft sich gut«, sagt Arthur. »Ich bin nämlich König Ludwig von Bayern.«
»Machen Sie sich nicht lächerlich«, sagt der Graf. »König Ludwig hat keine roten Haare.«
»Sie wollen doch nur ablenken«, sagt Elise. »Sophie war meine Schwester, und Sie haben sie umgebracht.«
»Ich sagte doch schon, ich weiß nichts darüber. Es tut mir leid wegen Ihrer Schwester, aber ich habe nichts mit ihrem Tod zu tun. Ich war mit ihr auf dem Zimmer, ja, aber als ich ging, war sie gerade eingeschlafen. Mehr weiß ich nicht. Sie werden beide in allergrößte Schwierigkeiten kommen, wenn Sie mich nicht sofort freilassen. Morgen früh reisen wir ab.«
»Um wie viel Uhr haben Sie gestern das Zimmer verlassen?«, fragt Elise.
»Um halb zwölf ungefähr.«
»Aber Sie sind doch wiedergekommen«, sagt Elise. »In der Früh. So kurz nach fünf. Sie sind wiedergekommen und haben Ihren Hut geholt. Damit kein Beweisstück mehr da ist.«
Der Graf sieht sie verdutzt an. »Welchen Hut?«
»Den Filzhut mit der Kordel«, sagt Elise.
Der Graf nickt. »Ach ja. Wo ist er bloß?«
Die Tür geht auf. Ein barfüßiger Mann kommt herein und macht sie hinter sich zu, ohne sich umzudrehen – alles in einer schleichenden, raubtierähnlichen Bewegung. Er hält eine Pistole in der rechten Hand und zielt auf Arthur. Es ist der Begleiter des Grafen von vorhin.
»Darf ich vorstellen?«, sagt der Graf. »Pjotr, mein Leibwächter. Pjotr, warum haben Sie so lange gebraucht?
»Es ist nicht so einfach, Herr, den richtigen Moment zu erwischen. Ich wollte nichts unterbrechen, neulich war mir das ganz unangenehm.«
»Ist schon recht, Pjotr. Würden Sie den Leuten erklären, wer ich bin, bevor wir gehen?«
»In Wirklichkeit?«
»In Wirklichkeit.«
»Wo soll ich anfangen? Also, das ist Alexander der Zweite, Kaiser und Selbstherrscher von ganz Russland, von Moskva, Kiev, Wladimir, Nowgorod, Zar von Astrachan, Zar von Polen, Zar von Sibirien …«
Der Graf winkt ab. »Kürzen Sie’s ab.«
»… Herr zu Pikow und Großfürst von Smolensk, Litauen und so weiter, Gebieter aller nördlichen Lande …«
»Das reicht. Ich bin der Zar von Russland, und Sie lassen mich jetzt gehen.«
»Graf oder Zar, Sie sind ein Mörder«, sagt Arthur. »Geben Sie es zu.«
»Legen Sie das Gewehr auf das Bett«, sagt Pjotr. »Sie haben fünf Sekunden. Eins …«
»Und ich gebe Ihnen drei«, sagt Arthur. »Zwei …«
Ein Schuh quietscht außen im Korridor.
»Das ist der Mörder«, ruft Elise.
»Drei«, sagt Pjotr.
Arthur spannt sein Gewehr.
Das Quietschen kommt näher.
»Hört doch auf, ihr zwei!«, flüstert Elise. »Der Mörder ist draußen auf dem Korridor!«
»Welcher Mörder?«, fragt Pjotr.
»Ach«, sagt der Graf. »Das dauert jetzt zu lang. Machen Sie es wie vorhin: Drehen Sie die Lampe herunter und wieder auf, wenn die Person im Zimmer ist. Und seid nun alle still.«
Elise dreht die Lampe am Bett herunter, sodass nur ein kleiner Kreis um den Nachttisch herum beleuchtet ist.
Man hört nun auch die leiseren Schritte des anderen Schuhs zwischen den Quietschgeräuschen vor der Tür. Quietsch, Schritt. Quietsch, Schritt.
»Da kann ich gar nicht zuhören«, flüstert Arthur. »Der Schuh gehört gewachst.«
»Psst!«, zischt Pjotr.
Die Schritte stoppen unmittelbar vor der Zimmertür. Nun ist es der Türgriff, der quietscht, und die Tür geht auf. Im fahlen Licht der Öllampe im Korridor ist eine schwarze Silhouette zu sehen. Die Tür wird geschlossen, und im gleichen Moment dreht Elise das Licht der Nachttischlampe auf.
Vor ihnen steht eine Frau mit einem Messer in der Hand. Elise erkennt sie, es ist die Frau aus dem Park. Den Schleier hat sie zurückgeschoben. Es ist dieselbe Frau, die heute Nachmittag oben auf der Ruine Botenlauben neben der Gräfin Borodinsky stand. Sie wendet dem Grafen den Rücken zu, steht genau zwischen Arthur und Pjotr, die beide ihre Waffen auf sie gerichtet haben. Sie scheint die zwei Männer aber kaum wahrzunehmen.
»Wo ist Sascha?« Sie hält das Messer auf Elise gerichtet und macht einen Schritt auf sie zu. Ihr Blick ist voller Hass.
»Lassen Sie das Messer fallen, Gräfin Dolgorukaia«, sagt Pjotr.
»Warwara«, sagt der Graf müde und seufzt. »Was machst du bloß für Sachen.« Es ist keine Frage – es klingt, als wüsste er genau, was sie für Sachen macht.
Die Gräfin dreht sich um. »Sascha, ich habe doch gesagt, wenn du fremdgehst, bring ich sie um. Ich bring sie alle um.«
Pjotr greift nach ihrer Hand, entwendet ihr das Messer.
»Aber das ist ja gar nicht Ihre Frau«, sagt Elise.
»Natürlich nicht«, sagt der Graf. »Meiner Frau ist das einerlei.«
»Ich bin seine Geliebte«, sagt die Gräfin. »Seine einzige Geliebte.«
»Und Sie haben meine Schwester umgebracht und später den Hut geholt. Um ihn zu schützen«, sagt Elise und zieht an der Kordel der Bedienstetenglocke.
Kissinger Intelligenz-Blatt, 15. Juno 1864:
Eine Tat seltener Unmenschlichkeit ist im Hotel Karl von Hess in Kissingen in der Nacht auf Mittwoch verübt worden. Eine Bedienstete desselben Hotels wurde auf grausigste Art ermordet aufgefunden. Die Tatverdächtige, eine Dame aus dem russischen Hochadel, wurde von der örtlichen Gendarmerie auf vorbildlichste Weise kurz darauf überführt, und die Bevölkerung darf sich auf das Sicherste aufgehoben fühlen. Das Motiv liegt vermutlich im privaten Bereich. Für den Nachkommen des elendlich umgekommenen Opfers wird eine großzügige Stiftung eines anonymen Spenders sorgen.
Fünf Jahre später, ein sonniger Sonntagnachmittag auf der Kurpromenade. Ein Ehepaar sitzt auf einer Bank und schaut zu, wie eine Schar Kinder im Park vor dem Kursaal spielt. Auf einmal lösen sich zwei aus der Gruppe, ein siebenjähriger Junge und ein vierjähriges Mädchen, und kommen auf das Paar zugerannt.
»Was ist los, Paul und Sophie?«, ruft die Frau. »Wollt ihr nicht mehr mit den anderen spielen?«
»Ach, Mama, die streiten«, sagt der Junge. »Die spielen wieder Kaiserkur.«
»Ja«, sagt das Mädchen. »Die Jungs wollen alle der Zar sein. Die sagen, das ist mehr als Kaiser oder König. Und die Mädchen wollen Sisi sein, weil sie die Schönste ist.«
»Und was habt ihr ihnen gesagt?«, fragt der Mann.
»Was die Mama immer sagt«, sagt Paul.
»Ja«, pflichtet ihm seine Schwester bei. »Dass alle, Zar und Zarin, Kaiser, Kaiserin und König, dass die alle gleich blöd sind.«
Der Mann lacht und dreht sich zu seiner Frau. »Na, Elise, da hast du ganze Arbeit geleistet.«
»Weil es doch wahr ist, Arthur. Und jetzt gehen wir Eis essen. Ich habe gehört, es soll jetzt Eis aus Erdbeeren und Schokolade geben. Was haltet ihr davon, Kinder?«
»Eis aus Erdbeeren?«, ruft Paul. »Ja!«
»Und für mich bitte aus Schokolade!«, sagt das Mädchen.
Das Ehepaar steht auf, nimmt die Kinder an der Hand und läuft weiter die Promenade entlang zum Eisstand.

Horst Prosch: Beten oder flüchten
Er klopft wieder. Einmal hier und einmal dort, aber immer ans Fenster. Mit seinem Stecken. Diesem dunklen, abgewetzten, speckigen Stock mit dem rechtwinklig angebrachten Griff am oberen Ende, an dem er sich sonst festhält und über die Straße wankt. Der Herr Winter.
»Freuln Schmiedl …?«
Jetzt ruft er sie auch noch, mitten in der Nacht. Und er ruft sie. Anna Franziska Gertrude Leopoldine Schmiedel. Geborene Schmiedel. Nie verheiratet. Niemals verlobt. Manchmal verliebt. Vor fünfzig Jahren oder so. Er sagt nicht »Frau« und auch nicht »Fräulein« zu ihr, sondern Freuln Schmiedl. Ihr Nachname wird dabei ohne das zweite e bedrohlich in die Höhe gezogen. Da bekommt sie sofort ein schlechtes Gewissen, als hätte sie etwas Unrechtes getan. Dabei gibt es seit Jahrzehnten keine Fräuleins mehr, die wurden abgeschafft. Nur bis zum früheren Oberleutnant Herrn Theodor Winter ist das noch nicht vorgedrungen.
Ein heftiger Schlag gegen die dünne Fensterscheibe lässt das Glas klirren. Sie beginnt zu beten.
Liebe Heilige Bilhildis, du erste Heilige des Frankenlandes, pflege die Wunden und Narben des Herrn Winter, damit er von seiner Pein befreit wird und mich schlafen lässt.
Für einen Moment ist Ruhe. Kein Klopfen an der Fensterscheibe, auch sonst nichts, was Beunruhigung hervorruft. Anna löst langsam ihre alten, knorrigen, abgearbeiteten Finger von der Bettdecke, die sie sich bis zu den Ohren hochgezogen hat, damit sie weniger hört.
Ihr Herz schlägt schnell, viel zu schnell. Wenn er nur endlich seine ewige Ruhe finden würde, der Herr Winter. Wenn er sich endlich an einem dieser unsäglichen Schnäpse zu Tode saufen würde.
Sofort bereut sie, was sie gedacht hat, und im gleichen Moment wird sie für ihren Wunsch bestraft. Der Stock trifft die Fensterscheibe schräg hinter ihrem Bett, mehrmals hintereinander, immer an derselben Stelle. Die Scheibe wimmert unter den harten Schlägen, vibriert wie bei heftigem Donner über der Stadt, und Anna erwartet, dass jeden Augenblick das Glas birst und in tausend Stücke zersplittert. Sie setzt sich in ihrem Bett auf, das unter ihrem Gewicht ächzt. Anna ächzt mit, so leise wie möglich. Hoffentlich hat das der Herr Winter jetzt nicht gehört, sonst weiß er, dass sie nur einen Meter von ihm entfernt ist. Die Wände sind dünn und nicht isoliert, da hilft auch die Lage Styroporplatten wenig, die sie zwischen dem Bett und der Wand eingeklemmt hat, um die Kälte zu mildern.
»Freuln Schmiedl …«
Anna hält sich die Hand vor den Mund, sie darf keinen Mucks machen. Und so faltet sie die Hände unter der dicken, schweren Bettdecke, dreht den Kopf nach links in die Ecke, wo ein Kruzifix an der Wand angebracht ist mit einem Heiland daran, der immer auf sie achtgibt, und schickt ein lautloses Stoßgebet zum Himmel.
Heiliger Bruno von Würzburg, lass den Herrn Winter draußen unter dem Fenster sanft einschlafen bis morgen früh. Dann werde ich mich um ihn kümmern und ihn in sein Bett verfrachten, die schrecklichen Narben aus dem Krieg mit der Tinktur aus der Apotheke behandeln und Tee für ihn kochen. Amen.
Sie könnte auch nach draußen gehen und ihm zu Diensten sein, damit er Ruhe gibt, aber das will sie nicht. Es ist mitten in der Nacht, es ist kalt, sie hat die Eingangstür zu ihrer Wohnung in diesem kleinen Haus mit drei zusätzlichen Riegeln gesichert und gleich in der Ecke neben der Tür einen dicken Eichenknüppel bereitgestellt. Sie weiß schon, warum.
Zumindest glaubt sie, alle drei Riegel zugeschoben zu haben, sicher ist sie sich nicht. Das Bett knarrt, obwohl sie sich kaum bewegt hat, und schon ist der Stock wieder da, und in das Klopfen des Stockes hinein wälzt sie sich aus dem Bett, so hört es der Herr Winter vielleicht nicht, weil er mit seinem Stock beschäftigt ist und sich mit der anderen Hand an der Hausmauer abstützt, sonst kann er in seinem Zustand nicht stehen. Sie sieht ihn in Gedanken vor sich, wie er mit den alten, schwarzen Lederstiefeln aus seiner Zeit bei der Armee auf den Pflastersteinen steht, den Uniformmantel offen, weil er die Knöpfe längst verloren hat, bis auf einen, ganz unten, aber der nützt nichts mehr, der hängt auch nur noch an einem langen Faden.
Anna muss aufs Klo, es drückt schon die ganze Zeit über. Die Blase ist voll, obwohl sie zum Abendbrot kaum etwas getrunken hat, das ist so bei ihr, seit über zwanzig Jahren schon. Als das nächste Klopfen einsetzt, lässt sie die Beine vom Rand des Bettes herunterhängen und hofft, dass direkt unter ihr die Pantoffeln stehen. Dann braucht sie nur hineinzuschlüpfen, sie muss sich hinunterfallen lassen ins platt getretene Lammfell, hineinsteigen kann sie nicht, dazu sind ihre Beine zu kurz.
Sie ist ja nur eins sechsundvierzig groß. Das steht so in ihrem Ausweis. Früher war sie mal zwei Zentimeter größer, aber mit den Jahren ist sie geschrumpft. Ein altes, gottesfürchtiges Weib ist sie, sonst nichts.
Als ihre Füße den Boden berühren, knarren die alten Dielen.
Sie hat die Glockenschläge gehört, die von der Stadtkirche am Marktplatz kürzlich durch die Nacht gedrungen sind. Ein tiefer Schlag. Gleich darauf ein hellerer. Also ist es Viertel nach eins. Alles schläft. Alles ist ruhig. Nur der Herr Winter draußen vor ihrem Fenster in der Färbergasse schläft nicht.
»Freuln Schmiedl!«
Anna hält sich am Stuhl fest und tastet sich im Dämmerlicht mit ihren kurzen, alten, krummen Beinen voran; ihre Hände fühlen rechts die Ecke der alten Nähmaschine, die gebeizte Oberfläche der Kommode, dann die Wand; links davon breitet sich ein schwerer Vorhang aus, der das Schlafgemach von der Stube trennt. Eine Tür gibt es nicht.
Die Füße kommen nur langsam voran, erspüren diese kleine Unebenheit unter dem Flickenteppich, wo ein paar lockere Bodenbretter sind, unter denen sie immer einen Rest ihrer Rente aufbewahrt, zur Sicherheit. Unter dem Teppich und den lockeren Brettern würde niemand suchen, das wäre zu viel Aufwand. Nicht einmal der Herr Winter käme auf diese Idee, doch ist sie sich dessen plötzlich nicht mehr sicher. Die lockeren Bodenbretter fallen auf, sie müsste sie anders verlegen, das Geld von der Rente zusätzlich abdecken oder unter die anderen Dielen schieben. Sie muss das erledigen, bald.
Noch drei Meter hat sie vor sich. Fast lautlos gleitet der schwere Vorhang zur Seite, und schon spürt Anna die Restwärme vom Ofen. Sie schließt den Vorhang hinter sich. Durch das Fenster in der Stube dringt ein matter Schein herein. Es ist das Licht des Hinterhofs. Fünf Meter breit und fünf Meter lang ist er. Ein Quadrat, genau ausgemessen. Wer immer diesen Hinterhof gebaut hat, er hat sich etwas gedacht dabei. Nur an die Ratten hat er nicht gedacht, Anna muss selbst schauen, wie sie mit denen zurechtkommt. Deswegen geht sie nachts auch nicht über den Hinterhof aufs Klo, das dort in einer Nebenkammer untergebracht ist, sondern tastet sich zum Stuhl vor, der neben dem Tisch in der Stube steht. Leise legt sie die abgewetzte, gepolsterte Abdeckung zur Seite, sucht mit den Fingern nach der kleinen Ausbuchtung im Metalldeckel, der den Topf abdeckt, greift hinein, hebt den Deckel hoch, legt ihn zur Seite, alles geht gut. Sie rafft das Nachthemd nach oben und hockt sich auf den Topf und während sie ihr Geschäft verrichtet, klopft er schon wieder ans Fenster.
»Freuln Schmiedl!«
Es ist ein Befehl. Die Stimme klingt wie aus dem Hof einer Kaserne, die lallende Zunge hört man trotzdem durch. Der Oberleutnant Winter hat gesprochen, und sie hat zu gehorchen. Egal, wo sie ist. Egal, was sie gerade tut. Und obwohl der Befehl nur gedämpft bis zu ihr vordringt, weiß sie, was sie zu tun hat.
Beten oder flüchten.
Der Herr Winter ist auch nur ein Mensch, ein armer, verlassener, verwundeter Mensch, der es einmal gut mit ihr gemeint hat, als er ihr diese Wohnung verschaffte. Er nannte es tatsächlich »Wohnung«. Dabei ist es nur eine Behausung. Die Decken sind niedrig und krumm, die Wände schief, und wenn sie einen Nagel einschlagen will, um ein Bild ihrer Tochter oder der Enkelkinder aufzuhängen, quillt das Stroh unter dem dünnen, abblätternden Putz hervor. Es ist eine Unterkunft für Leute wie sie, die nur die niedrigste Rente bekommen, mit Aufstockungsbetrag und Kinderzulage und anderen Zuschlägen; sie ist froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.
Der Herr Winter hat sie herausgeholt aus dem noch viel schlechteren Loch in der Fuchsgasse, wo sie sich die ausgetretenen Stiegen zwei Stockwerke hochschleppen musste, nur ein einziges Zimmer hatte und sich das Klo im Treppenhaus mit anderen Leuten teilen musste. Da sind ihr die vier Stufen vor dem Eingang und die zwei Zimmer und der vorhandene Ofen und der Gang und der Hinterhof und das Extraklo im Anbau wie Luxus erschienen. Von der Stadt Haßfurt bekommt sie sogar einen Mietzuschuss für Härtefälle, vier Mark und dreißig Pfennig. Das ist nicht viel, aber besser als nichts, und wenn sie das in Mehl und Zucker und Kaffee umrechnet, ist das ganz schön viel Geld.
Der Herr Winter hat sie aus einem Dutzend Bewerber ausgesucht, ausgerechnet sie, die damals schon weit über siebzig war. Er hat die Leute angeschaut, alle einzeln, wie sie auf der Straße vor dem Haus standen, seinen Blick auf ihr verweilen lassen, ganz intensiv, sie von Kopf bis Fuß gemustert, und dann mit dem Holzstecken auf sie gedeutet. Anna konnte ihr Glück kaum fassen. Sie musste dem Herrn Winter für sein Entgegenkommen den Rücken eincremen, fast täglich, als würde er wissen, dass sie einmal in einer Apotheke gearbeitet hatte und sich ein wenig auskannte mit Wunden und anderen Dingen. Vom Krieg hat Herr Winter eine Wunde mit nach Hause gebracht, so was hat auch sie noch nie gesehen, rötlich eingefärbt in der Mitte, wie ein Trichter, in den etwas hineingeschüttet werden konnte. Aber in den Trichter auf diesem Rücken konnte nichts hineingeschüttet werden. Da kam ständig etwas heraus. Immer wieder. Es war eine Erinnerung an Russland. An Leningrad. An die Schützengräben. Er hat ihr Geschichten erzählt und eine Schnapsflasche in der Hand gehalten, um den Schmerz besser ertragen zu können, während sie eine Tinktur aus der Apotheke um diesen Trichter herum verteilte; dabei wollte sie seine Geschichten von den langen, eisigen Nächten und vom Granatenbeschuss und den vielen Toten gar nicht hören.
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