Die Gorillafalle

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Alex [A-lex]
JayJay [DSCHÄI-dschäi]
JayJays Vater
Kusuni [KuSUni]
Songo [SONG-go]
Onana [O-NAna]
Ysis [I-sis]
Enoka [E-NOka]
Fabrice [Fa-BRIS]
Henri [O-RI]
Thibault [Ti-BO]
1. Die grüne Hölle
„Steh auf!“ sagte JayJay als Alex zum wiederholten Mal mit dem Fuß an einer Schlingpflanze hängengeblieben oder über einen Ameisenhügel gestolpert war. „Steh auf und pass auf, wo du hintrittst.“ Alex wischte sich mit dem feuchten Ärmel seines T-Shirts den Schweiß aus den Augen und schaffte es gerade so wieder auf die Beine.
Er konnte nicht mehr. JayJay und sein Vater warteten in zehn Metern Entfernung auf Alex. Sie hatten bereits mit der Machete einen schmalen Pfad durch die grüne Wand aus Ästen, Blättern und Lianen geschlagen und schienen immer noch voller Tatendrang zu sein. Aber Alex war am Ende seiner Kräfte. Drei Stunden hatten sie sich durch den afrikanischen Dschungel gekämpft, und er konnte es sich wirklich nicht mehr erklären, warum er freiwillig hierher gekommen war. Warum er freiwillig auf sein akklimatisiertes Zimmer, den Kühlschrank, die Dusche, sein Bett und seine Abenteuerromane verzichtet hatte.
„Bitte! Ich brauche eine Pause!“ keuchte er.
„Das geht nicht“, antwortete JayJays Vater. „Wir müssen vor der Mittagssonne bei der Hütte angekommen sein. Es wird jede Minute heißer. Bitte beiß‘ die Zähne zusammen, es ist nicht mehr weit.“
Alex schloss resignierend die Augen und stöhnte leise. Ganz klar, so musste es in der Hölle sein. Heiß, brutal, unheimlich und er konnte nicht mehr. Nur war diese Hölle hier grün statt rot. Mühsam trottete er weiter hinter den beiden her und versetzte sich in Gedanken einen Monat zurück, als plötzlich JayJay vor seiner Tür gestanden hatte…
„Du wirst mir niemals glauben, was ich zum Geburtstag bekommen habe!“ rief JayJay, als er aufgeregt von einem Bein aufs andere trippelte. Wenn er aufgeregt war, redete er immer lauter, als es nötig war. „Meine Eltern haben mir eine Vier-Tages-Expedition in den Boumba-Bek Nationalpark geschenkt. Und ich darf jemanden mitnehmen! DAS wird ein Abenteuer! Echte Gorillas, Elefanten, mehrere Kilometer bis zur nächsten Straße! Bitte Alex, Du musst mitkommen!“ Alex wusste erst gar nicht, wovon JayJay sprach. „Du weißt doch,“ erinnerte ihn JayJay, „dass mein Vater Ranger im Nationalpark tief im Süden von Kamerun ist. Er kann uns alles zeigen! Ein Tagesausflug dorthin kostet normalerweise ein Vermögen! Aber weil er dort arbeitet, dürfen wir da für viel weniger Geld hin. Wir dürfen sogar dort schlafen! Stell Dir das doch mal vor!!!“
Alex dachte nach. Das war ihm alles nicht ganz geheuer. Was da passieren konnte! Andererseits verschlang er einen Abenteuerroman nach dem anderen, und das war die Gelegenheit, einmal aus der Hauptstadt Yaoundé herauszukommen und wirklich etwas zu erleben. „Na gut, ich bin dabei,“ hörte er sich sagen.
Das alles war jetzt eine gefühlte Ewigkeit her, und während ihm mal wieder ein riesiges dunkelgrünes Blatt ins Gesicht schlug, fragte Alex sich, warum er nicht einfach „nein“ gesagt hatte.
Als sie nach einer weiteren Stunde ankamen, war es kurz nach 10 Uhr und Alex hatte es aufgegeben, sich zu beschweren. Er war zu erschöpft, um wütend zu sein. „Endlich eine Dusche und ein Bett!“ dachte er bei sich. Aber selbst als JayJays Vater die aus Holzbrettern bestehende Tür mit den Worten „Willkommen in unserer 5-Sterne-Suite!“ öffnete, war Alex zu müde, um schockiert zu sein. Was er sah, war eine winzige Hütte aus Brettern, im Inneren gab es Essen in Dosen, mehrere Wasserkanister, einen Campingofen, eine zerbeulte Aluminiumschüssel (wahrscheinlich um sich zu waschen), und einen Stapel mit Papieren. Er schloss die Augen und setzte sich an die Außenwand gelehnt auf den Boden. Dort blieb er und war nicht mehr ansprechbar.
2. Im Camp
„Alex!“ weckte ihn JayJays Stimme. Alex versuchte, seine verklebten Augen zu öffnen. Er saß halb in sich zusammengesunken an der Hütte und sein ganzer Körper tat weh. Es war so unendlich heiß! Der Schweiß tropfte ihm vom Kinn auf die Brust.
Plötzlich bemerkte er noch andere Stimmen. Stimmen die er nicht kannte. Es waren Männer- und Frauenstimmen, sie sprachen französisch und englisch. Er öffnete das linke Auge und schloss ist gleich wieder, weil der weiße Himmel ihn blendete. Dann versuchte er es noch einmal. Dieses Mal konnte er es aushalten. Er sah, wie sich verschwommene Gestalten vor seinem Auge bewegten. Er öffnete auch das rechte Auge und langsam wurde das Bild schärfer. Da waren noch mehr Hütten, vier oder fünf, wie ein kleines Dorf, alle waren in einem Kreis angeordnet. Rund herum war rot-brauner schlammiger Boden. Die sich bewegenden Gestalten waren zu normalen Menschen geworden, die geschäftig hin und her liefen, ab und zu lachte jemand. Aber Alex beachteten sie nicht wirklich.
„Was ist passiert? Wo bin ich?“ fragte er wie benommen zu sich selbst.
„Wir sind im Camp. Du weißt doch, wo wir hin wollten. Hast du wirklich alles vergessen? Du hast über eine Stunde geschlafen, Alex. Im Sitzen. Du musst jetzt unbedingt etwas trinken…“
JayJay gab ihm eine Thermosflasche und Alex trank. Das kühle Wasser beförderte ihn langsam wieder zurück ins Leben.
„Alex“, drängte JayJay, „es ist jetzt zwei Uhr, und wir wollten heute eigentlich noch unseren ersten Versuch unternehmen, die Gorillas zu sehen. Kusuni sagt, die Gruppe, die wir zu sehen bekommen könnten, wäre heute nicht weit entfernt. Aber wir müssten bald los. Schaffst du das?“
„Puh, wenn es unbedingt sein muss. Aber wer ist dieser Kusuni?“
„Das ist unser Führer im Dschungel. Papa hat ihn mir gerade vorgestellt. Er ist ein Pygmäe, ein Einheimischer, und kennt den Dschungel wie seine Westentasche. Wenn Gorillas in der Nähe sind, dann ist er der erste, der es merkt. Er findet jede Spur.“
Alex stand auf und streckte seine müden Glieder. JayJay redete einfach weiter: „Aber bevor wir gleich aufbrechen, muss ich dir zuerst noch ein paar Dinge sagen, die für dich im Camp wichtig sind. Du musst daran denken, dass du immer viel trinkst. Das Wasser bekommen wir aus einer Quelle nicht weit vom Camp. Nur darfst du das Wasser niemals direkt aus der Quelle trinken, weil du da schlimme Krankheiten bekommen kannst. Wir müssen das Wasser immer zuerst im Camp abkochen. Überhaupt musst du dich vor Krankheiten in acht nehmen. Deswegen musst du auch jeden Abend eine Tablette gegen Malaria einnehmen.“
Alex hatte von Malaria gehört. Er hatte gelesen, dass sehr viele Menschen an der Krankheit gestorben waren, er hatte gelesen von dem Fieber, das Menschen für mehrere Tage oder Wochen ans Bett gefesselt und ihnen dabei fast den Verstand geraubt hatte.
„Außerdem“, fuhr JayJay fort, „darfst du niemals, wirklich niemals das Camp alleine verlassen. Sobald der Dschungel dich verschluckt, lässt er dich nicht wieder heraus.“
Alex überkam ein mulmiges Gefühl als gerade JayJays Vater zu den beiden Jungen trat. „Wie ich sehe, seid ihr beide gleich startbereit? Ich will euch vorher aber noch etwas über die Gorillafamilie erzählen: Wir haben hier eine Familie von insgesamt sechzehn Tieren. Songo ist der Silberrücken. Er beschützt seine Familie und er hat das Kommando. Erschreckt euch nicht - er ist riesig. Außerdem gibt es sieben Weibchen und acht Jungtiere.
Kusuni und ich werden immer mit euch unterwegs sein. Tut genau, was wir sagen. Ihr dürft euch niemals von uns entfernen. Seid immer möglichst leise und ruhig. Macht keine hektischen Laute oder Bewegungen. Die Gorillas sind an Menschen gewöhnt. Falls wir sie aber trotzdem verärgern sollten und einer der Affen uns angreift, dann bleibt einfach gerade stehen und tut gar nichts.
So, alles klar? Dann können wir ja starten. Macht euch bereit, in fünf Minuten geht's los!“
In Alex' Kopf schwirrte alles. Das waren zu viele Informationen auf einmal. Und so viele, die sein Leben betrafen. Wie sollte er sich das alles noch merken? Seit er geschlafen hatte, war er noch nicht einmal aufgestanden. Wie sollte er jetzt bereit sein für einen Marsch durch den Dschungel zu wilden Gorillas?
Aber es half alles nichts. Nach fünf Minuten hatte er seine beiden Flaschen mit Wasser gefüllt, seinen Rucksack überprüft, und die vier brachen auf in den Dschungel.
Das Wort „Silberrücken“ ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Was es damit wohl auf sich hatte?
3. Das dunkle Gesicht
Kaum hatten sie das grüne Dickicht betreten, fühlte sich Alex zurückversetzt in die grauenvolle Reise am Morgen. Ein Ast nach dem anderen schlug ihm ins Gesicht und zerkratzte seine Haut. Wie er diesen Dschungel hasste! Niemals hätte er sich darauf einlassen sollen. Aber jetzt war es zu spät. Jetzt war er dabei und musste die Sache irgendwie überleben.
Kusuni schien jeden Pfad, jeden Baum, sogar jedes Loch zu kennen. Für Alex sah alles gleich aus. Aber Kusuni bewegte sich mit einer Sicherheit durch das grüne Durcheinander, die Alex vollkommen unverständlich war. Zu so etwas konnte nur ein Einheimischer fähig sein, jemand, der sein ganzes Leben hier im Urwald verbracht hatte. Immer wieder blieb er stehen und lauschte oder betrachtete sich einen Ast oder den Boden.
Einmal als er stehenblieb, deutete er nach oben und blickte zu JayJays Vater. Dieser nickte den Jungen zu und wies mit seinem Kopf in die Höhe. Ganz hoch in den Bäumen konnte Alex etwas Dunkles, Großflächiges erkennen.
„Das“, erklärte JayJays Vater, „ist der Schlafplatz eines Gorillas. Weil der Platz so groß ist, vermute ich, dass hier ein Weibchen mit ihrem Jungen geschlafen hat. Gorillas bauen sich abends aus Zweigen, Ästen und Blättern ein Bett in den Bäumen. Sehr alt sieht dieser Schlafplatz nicht aus. Wir sind auf der richtigen Spur.“
Kusuni ging weiter und die anderen folgten ihm. JayJay schien irgendwie nervös zu werden. Ständig sah er sich nach Alex um, als wolle er ihm zeigen, dass sie gleich am Ziel seien. Seine Augen strahlten förmlich, er konnte seine Vorfreude kaum im Zaum halten. Alex schüttelte nur immer wieder voller Unverständnis seinen Kopf und kämpfte sich mühevoll Schritt für Schritt vorwärts. Manchmal schien es ihm, als würden ihn die Äste mit Absicht festhalten. Wenn es nur nicht so heiß und schwül wäre! Und wenn es nicht überall juckte und kratzte! Hinter jedem Blatt schien sich eine Ameise, Schnecke oder Mücke zu verstecken. Alex fühlte sich von unsichtbaren Augen beobachtet und dem unzähligen Leben wehrlos ausgeliefert. Er war zwar größer als das ganze Getier, aber deutlich in der Unterzahl.
Nach einer kurzen Zeit blieb Kusuni erneut stehen. Er hielt JayJays Vater einen Zweig hin. „Sie sind nicht weit“, flüsterte dieser. „Seht ihr, wie die Rinde hier vom Ast abgezogen wurde? Hier hat vor kurzem ein Gorilla gefressen.“
Während JayJays Vater erzählte, begutachtete Kusuni den Boden und winkte gleich die anderen herbei.
„Hier ist die Bestätigung.“ Die Augen von JayJays Vater begannen zu leuchten. „Das hier ist der Handknöchel-Abdruck eines Silberrückens. Songo war hier. Vor knapp einer halben Stunde. Jetzt ist besondere Vorsicht geboten. Denkt dran, Jungs, dass Ihr immer ruhig sein müsst.“
Vorsichtig verließ Kusuni die Stelle und ging der kleinen Gruppe voran. Jetzt macht er komische Schnalzlaute - immer wieder. JayJay tippte seinem Vater auf die Schulter und sah ihn fragend an: „Warum tut er das? Gerade jetzt sollen wir doch still sein.“
„Er zeigt den Gorillas, dass wir uns ihnen nähern. Sie kennen dieses Geräusch. So wissen sie, dass wir kommen. Dann erschrecken sie sich nicht und wissen, dass wir keine Feinde sind. Das haben wir Ihnen in mühsamer Arbeit beigebracht.“
Immer wieder blieb Kusuni stehen, lauschte und wiederholte den Schnalzlaut. Alex spürte, wie sich bei den anderen eine gewisse Spannung ausbreitete. Aber bei ihm machte sich nur noch mehr Lustlosigkeit breit. Er war müde und er hatte überhaupt keine Lust mehr, diese blöden Tiere zu sehen.
Mit einem Mal stockte Kusuni ganz plötzlich und gab mit seiner Hand ein unmissverständliches Zeichen: Bleibt stehen und bewegt euch nicht! Alex konnte nicht erkennen, was die Ursache für dieses Stehenbleiben war. Aber er spürte, dass er gehorchen musste. So blieben sie einige Minuten stehen und warteten. Alex merkte, wie sein Herzschlag schneller wurde. Irgendwas stimmte hier doch nicht. Fliegen setzten sich auf Arme und Gesicht. Er wollte sie verscheuchen, aber er durfte sich ja nicht bewegen. „Ich muss mich kratzen! Ich muss mich kratzen!“ dachte er wieder und wieder. Der Schweiß lief ihm in Strömen die Stirn hinab und zog nur noch mehr Fliegen an.
Während er in Gedanken immer noch mit den lästigen Tierchen beschäftigt war, hörte er es. Und es traf ihn wie ein Hammer mitten auf den Kopf. Ein lautes Schnauben, ein Schopf von Blättern raschelte, wie eine Welle ging eine Bewegung durch das Geäst und kam auf ihn zu. Da sah er es: das riesige dunkle Gesicht, fast schwarz. Er sah, wie durch die runden Nasenlöcher Luft ausgeblasen wurde.
„Nicht in die Augen sehen! Das provoziert ihn und er wird wütend!“ raunte JayJays Vater von der Seite.
Die Augen konnte Alex ohnehin nicht sehen, sie lagen im Schatten der großen Augenbrauenwülste. Aber er spürte, dass die beiden Augen jeden fest im Griff hatten. Die Fliegen waren plötzlich egal. Alex hielt die Luft an, er konnte sich nicht mehr rühren. Dann drehte sich der dunkle Schädel weg und verschwand in der dunkelgrünen Wand aus Blättern. Das Rascheln seiner Bewegungen wurde immer leiser.
„Das war der Silberrücken“ hauchte JayJays Vater. „Das war Songo.“
Alex, noch immer unfähig sich zu bewegen, war wie vom Blitz getroffen. Das riesige Gesicht hatte sich in sein Gehirn und sein Herz gebrannt. Er war wie gebannt. Er musste dieses Gesicht wiedersehen, und gleichzeitig spürte er noch immer, wie ihm die Angst ganz tief in den Knochen steckte. Seinen Ärger über die Hitze und die Fliegen gab es nicht mehr.
JayJays Vater fuhr fort: „Das war eine wichtige Begegnung. Der Silberrücken hat uns gesehen und er akzeptiert uns. Damit dürfen wir uns bei seiner Familie aufhalten und sie beobachten. Ihr habt euch sehr gut verhalten, Jungs! Vor allem du, Alex.“ Aber Alex hörte kaum zu. „Kommt, wir gehen noch ein Stück weiter, dann sehen wir vielleicht den Rest der Gruppe.“
Als er sah, dass JayJay und die beiden Männer sich wieder in Bewegung setzen, erwachte Alex aus seiner Starre und folgte ihnen.
Nach vielleicht fünf Minuten blieb Kusuni erneut stehen. Alex' Herz raste vor Aufregung. Er starrte in die tausend verschiedenen Grüntöne des Dschungels, in der Hoffnung irgendetwas zu sehen. Er meinte eine kleine dunkle Gestalt zu erkennen, aber es war ihm kaum möglich, durch die Schichten der Blätter irgendetwas Konkretes auszumachen. Dann hört er wieder das tiefe Grunzen von vorhin und er bekam eine Gänsehaut.
„Das war Onana,“ wisperte JayJays Vater. „Man kann das gut erkennen, denn er läuft oft auf zwei Beinen, nur wenige Gorillas können das. Die meisten stützen sich beim Gehen mit ihren Händen ab. Onana ist Songos Sohn. Normalerweise kümmern sich die Mütter um den Nachwuchs, aber Onanas Mutter wurde vor drei Monaten von Wilderern getötet. Seitdem kümmert sich Songo um ihn. Wenn ihr ihn seht, ist Songo nie weit entfernt.“
Kusuni lauschte kurz in den Dschungel, dann sah er auf die Uhr und gab ein Zeichen, dass der Ausflug für heute beendet sei. Mit Kusuni an der Spitze traten sie den Rückweg an – nicht weniger mühevoll und vorsichtig als den Hinweg.
Kurz nachdem sie erschöpft im Camp angekommen waren, verschwand innerhalb von wenigen Minuten die Sonne und der Urwald verlor seine Farben. Alex kam es vor, als wäre das Camp von einem riesigen schwarzen Felsen umgeben. Und aus diesem Felsen kamen die wildesten und unheimlichsten Geräusche: Zischen, Rascheln, Kreischen, dumpfe Schläge. Als er an diesem Abend unter seinem Moskitonetz lag und die Augen schloss, hatte er wieder das Gesicht des Silberrückens vor Augen. Noch immer wusste er nicht, was es mit diesem geheimnisvollen Wort auf sich hatte. Aber plötzlich war klar, dass Songo genauso war wie der vermeintliche schwarze Felsen: undurchschaubar und unbesiegbar.
4. Der zweite Tag
Alex hatte seinen Schlaf eigentlich bitter nötig, aber er bekam in dieser Nacht nicht viel davon. Nachdem er die Malaria-Tablette eingenommen und sich schlafen gelegt hatte, konnte er kein Auge zutun. Oder besser gesagt: seine Augen waren zu, sehen konnte er ohnehin nichts, aber er fand keine Ruhe. Seine Gedanken waren immer wieder bei den Gorillas und dem eindringlichen Gesicht von Songo. Er konnte es sich nicht erklären, aber der Blick dieser beiden unsichtbaren Augen ließ ihn nicht mehr los.
Daneben hielten ihn die Geräusche wach. Den nächtlichen Lärm der Großstadt Yaoundé war er gewohnt, aber hier im Dschungel hatte er eigentlich mit Natur und irgendeiner Form von Stille gerechnet. Genau das Gegenteil war jedoch der Fall und er wünschte sich, er könnte seine Ohren genauso schließen wie seine Augen.
Als dann auch noch der strömende Regen einsetzte, war an Schlaf gar nicht mehr zu denken. Er lag unter seinem Moskitonetz und kam sich vor wie jemand, neben dessen Kopf ein Wasserfall in einen Fluss kracht. Da lag er und fürchtete, der Wasserfall könnte einen halben Meter zur Seite rutschen und ihm mit voller Wucht ins Gesicht klatschen.
Aber das geschah nicht, der Regen verschonte ihn, und Alex bekam zu guter Letzt doch noch ein wenig Schlaf.
Am Morgen war Alex schnell wach. Das gesamte Camp schien direkt nach Sonnenaufgang wieder zum Leben zu erwachen. Der Regen hatte aufgehört und Alex war bereit zum Aufbruch.
Bevor sie starteten, fing JayJays Vater die beiden Jungen ab: „Ich weiß nicht, ob wir heute genügend Wasser für einen Tag mit uns herumtragen können. Und dank des Regens werden wir auch im Dschungel mehr Wasser finden. Ich habe hier diese Tabletten. Wenn ihr sie in einer Flasche klarem Wasser auflöst, könnt ihr das Wasser trinken. JayJay, kannst du die Tabletten bitte in deinen Rucksack stecken? Du hast wahrscheinlich mehr Platz als ich.“
JayJay packte die Tabletten ein und wenige Minuten später brach die Gruppe erneut in den Dschungel auf. Sie verließ das Camp in der gleichen Richtung wie am Tag zuvor, aber sobald sie zehn Schritte in den Urwald gegangen waren, hatte Alex wieder jede Orientierung verloren. Es war, als hätte ihm jemand die Augen zugebunden und ihn zwanzig mal im Kreis gedreht. Er war vollkommen vom Rest der Gruppe abhängig. Alles sah für ihn gleich aus. Er würde sich hier nie zurechtfinden.
Alles lief wie gestern. Kusuni ging voran, er lauschte, beobachtete und untersuchte den Dschungel. Die Gruppe musste immer wieder warten, konnte sich dabei aber vom endlosen Kampf gegen das Geäst erholen.
Während einer dieser Pausen wollte Alex wissen, was es mit dem Tod von Onanas Mutter und den Wilderern auf sich hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, warum jemand Jagd auf Gorillas machen sollte. Gorillas haben ja schließlich kein Elfenbein wie Elefanten oder ein besonderes Fell wie Tiger.
„Die Wilderer haben es meistens auf das Fleisch der Gorillas abgesehen“, erklärte JayJays Vater. „In vielen Teilen Afrikas gilt Gorillafleisch als Delikatesse, man nennt es bushmeat, also 'Buschfleisch'. Es wird sogar in andere Kontinente verkauft. Manche reichen Leute bezahlen dafür eine Menge Geld. Hier in Kamerun ist es mittlerweile zum Glück verboten, Gorillafleisch zu essen. Aber wer hält sich schon daran? Weißt du, die Wilderer sind meistens sehr arme Leute, die irgendwie versuchen müssen, ihre Familien zu ernähren. Wildern ist für sie oft ein leichter Weg, viel Geld zu verdienen. Und es ist unglaublich schwer, Wilderer zu fangen oder zu verhaften. Sie dringen unbemerkt und einen Nationalpark wie Boumba-Bek hier ein, sie sind sehr gut darin, die Tiere zu finden, schießen eins oder mehrere, und verschwinden wieder. Für uns als Ranger ist es fast unmöglich, etwas dagegen zu tun.“
„Und Ononas Mutter ist auch von einem solchen Wilderer erschossen worden?“ wollte Alex wissen.
„Nein, sie ist in eine Gorillafalle getappt. Das ist eine Drahtschlinge, die an einem gebogen Ast befestigt ist. Wenn ein Gorilla in die Schlinge hineintritt, schnellt der Ast nach oben und die Schlinge zieht sich blitzartig um den Fuß des Gorillas zusammen. Je mehr der Gorilla versucht, sich zu befreien, desto fester zieht sich die Schlinge zu. Das ist Onanas Mutter passiert. Mehr wissen wir nicht. Eines Tages war die Mutter nicht mehr da und ein Mitarbeiter aus dem Camp hat die Überreste der Falle gefunden. Die Wilderer hatten alles liegen gelassen. Wer das getan hat, wissen wir bis heute nicht. Seit diesem Tag kümmert sich Songo um den kleinen Kerl.“
Nachdenklich blickte Alex vor sich auf den Boden. Kusuni winkte der Gruppe weiterzugehen, aber Alex konnte er damit nicht aus seinen Gedanken reißen.
Nachdem sie noch eine Stunde gegangen waren, begann Kusuni mit den Schnalzlauten. Sie waren wieder in der Nähe der Gorillagruppe. Nach weiteren zehn Minuten kam man sie an eine Stelle, aus der sie einen guten Blick auf eine Reihe meterhohe Bäume hatten. Gleich an zwei Bäumen konnte Alex sehen, wie sich zwei Gorillas mit großer Leichtigkeit und Eleganz nach oben arbeiteten. Das mussten beides Weibchen sein. Alex suchte in den Bäumen und auf dem Boden nach weiteren Gorillas.
Da hörte er plötzlich weit hinter sich ein Geräusch, das er nicht einordnen konnte. Es war wie mehrere kurze Schläge auf den Boden eines Plastikbechers. Ein Ruck ging durch die verborgene Gorillagruppe, überall raschelte es und die beiden Weibchen verschwanden im Dickicht. Fast direkt nach den ersten Schlägen hörte Alex das gleiche Geräusch aus der Richtung der Gorillagruppe, und direkt danach einen erschütternden Schrei. Dann herrschte Stille.
JayJays Vater sagte nur einen einzigen Satz: „Da ist ein zweiter Silberrücken.“
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