Ardeen – Band 10 | Teil 1

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„Ein sehr gutes Buch, und man erfährt wirklich viel darüber, wie die Welt vor ein paar Jahren geheilt wurde“, meinte der Verkäufer voller Überzeugung. Der war nun doch wieder aus seiner Ecke hervorgekommen und hatte sich ganz unauffällig neben Eryn gestellt.
„Nun, ich weiß nicht so recht. Riesenkröten und Einhörner, das klingt mir doch reichlich weit hergeholt.“ Eryn klappte das Buch zu und schob es wieder zurück in das Regal. Der schmächtige Verkäufer fürchtete schon seinen einzigen Kunden zu verlieren und redete seine Ware gut:
„Es ist nicht so verwirrend, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Mikuss beruft sich gleich auf mehrere verlässliche Quellen und erklärt schlüssig bis ins kleinste Detail, wie sich alles zugetragen hat.“
Mit Sicherheit hatte unser Mikuss-Lügenfluss verlässliche Quellen. Wenn Ravenor oder ich geredet hätten, dann hätte uns Meister Raiden auf der Stelle den Kopf abgerissen. Die hohen Magier reden sowieso nicht mit Unmagischen und der Forscherdrache hätte Mikuss allenfalls in seinen Zoo gesperrt.
Dieses verheerende Urteil behielt Eryn für sich und meinte höflich:
„Trotzdem ist es nicht das, was ich suche.“
„Dann lassen Sie mich Ihnen helfen. Wonach suchen Sie denn?“
Inzwischen war Eryn zu der Ansicht gelangt, dass ihm der Verkäufer vielleicht doch helfen könnte.
„Es ist so, ich suche ein Geburtstagsgeschenk für meine Tochter“, begann Eryn eine Geschichte zu erfinden. Eine Tochter ist besser als ein Sohn. Weiß doch jeder, dass Jungs freiwillig keine Bücher lesen. Das kommt erst ab einem gewissen Alter. Vorher muss man sie regelrecht dazu zwingen. Außerdem soll der Buchhändler auch nicht denken, es wäre für mich. „Sie hat eine stärkere Begabung in einem der Kreise und ist ganz verrückt nach allem, was mit Magie zu tun hat. Ich meine, richtige Magie. Aber Artefakte sind immer so teuer, und da dachte ich, sie freut sich sicherlich auch über ein Buch zu diesem Thema.“
„Dann lassen Sie sie ausbilden?“
Eryn wehrte ab. „Nein, dafür reicht die Begabung leider nicht aus, aber ich will ihr auch nicht die Illusionen nehmen. Sie ist so begeistert.“
Der Händler nickte verständnisvoll und murmelte: „Wahre Magie. Mal sehen.“ Dann bückte er sich zum Regal hin und durchsuchte sein Sortiment. Schnell hatte er vier Werke herausgesucht, die er Eryn dann stolz präsentierte.
„Hier, sehen Sie. Wie wäre es mit: ‚Lichtzauber als Kunstwerke‘ oder ‚Verschollene magische Schätze‘, dann habe ich noch ‚Gefährliche magische Monster‘, und als Letztes ‚Der Kreis der Magie‘.“
Eryn fand die dargebotene Auswahl nicht gerade überwältigend, doch er wollte dem Laden auch nicht erfolglos den Rücken kehren, darum entschied er sich für die Schätze und die Monster. Der Händler strahlte über das ganze Gesicht und verkündete:
„Das macht zusammen 250 Goldstücke. Soll ich Ihnen die Bücher gleich als Geschenk einpacken?“
Was! „Das ist aber sehr teuer. Da sind ja Artefakte noch günstiger.“
Nun erklärte der Händler Eryn lang und breit, wie immens schwierig es war, an diese besondere Fachliteratur heranzukommen. Fachliteratur, zu der normalerweise nur Magier Zugang hatten. Am Ende erwarb Eryn das Buch über die Schätze für 80 Goldstücke und verließ verärgert das Geschäft.
Ich hätte ihn manipulieren sollen. Aber Eryn wusste auch, dass sich gerade die misstrauischen Händler gegen solche Versuche zu schützen wussten und außerdem galt dergleichen als Diebstahl im weiteren Sinne. Eryn wollte kein Aufsehen erregen und schließlich tröstete er sich damit:
Der Bücherwurm verkauft sicherlich nicht viel und somit war das auch gleich eine gute Tat. Die Götter sehen das mit Wohlwollen. Außerdem sollte ich nicht so kleinlich sein, als Magier kann ich Gold aus der Erde ziehen und selbst Münzen prägen. Tatsächlich hatte Eryn das selbst noch nie ausprobiert, sondern lediglich Prinz Raiden davon reden hören.
Aber wie sich herausstellte, war diese Art der Bereicherung gar nicht so schwer – wenn man die Schwierigkeit der Zauber betrachtete. Die weitaus größere Arbeit bestand darin, erst einmal ein Goldvorkommen in den Bergen zu entdecken und dann etwas von dem Metall an die Oberfläche zu ziehen. Je tiefer das Gold im Gestein verborgen lag, umso anstrengender wurde das Schürfen und Eryn konnte trotz Aufbietung all seiner Kräfte nur faustgroße Klumpen emporziehen. Allerdings waren zehn solcher Klumpen schon ein Vermögen wert und Eryn kehrte mit seinem Schatz auf die Insel zurück, wo er mit der Münzprägung begann.
Nach getaner Arbeit ruhte sein Blick auf der prall gefüllten Holzkiste. Die Münzen hatten unterschiedliche Prägungen, die er mithilfe eines abgewandelten Kopierzaubers und seines restlichen Münzvorrats bewerkstelligt hatte. Warum habe ich mich früher mit einem kläglichen Gehalt zufriedengegeben, wenn ich hierzu imstande bin?
Die Antwort war einfach. Weil er meine Arbeitskraft so oder so ausgebeutet hätte und das Gehalt war nur dazu da, mich nicht schlechter zu stellen als die andern. Aber wenn er gewusst hätte, dass ich mein eigenes Geld herstellen kann, dann hätte er mein Gehalt umgehend gestrichen und voller Überzeugung behauptet, dass ein wahrer Magier mit Wissen bezahlt wird und ich deswegen aus reiner Dankbarkeit für ihn arbeiten müsse.
Die finanzielle Unabhängigkeit bescherte Eryn ganz legal ein paar weitere Bücher, die allerdings bestenfalls mittleres Magierwissen enthielten. Die Lektüre konnte ihm bei seinen schwierigen Problemen kaum weiterhelfen und er trat mit seinen Forschungen auf der Stelle. Nach mehreren Stunden vergeblichen Brütens sprang Eryn auf und verkündete:
„Mir langt es für heute!“ Sein Weg führte ihn zunächst in die Küche und als er gestärkt zurückkam, griff er nach dem Buch über die Schätze. Das hatte sich als Ansammlung netter kleiner Geschichten herausgestellt, denen Eryn zwar keinen großen Wahrheitsgehalt zubilligte, die sich aber unterhaltsam lesen ließen und somit für etwas Zerstreuung sorgten. Da wurde von einem Füllhorn des fließenden Goldes berichtet, welches in die Hände eines armen, jungen Mannes fiel, der somit unerwartet zu großem Reichtum kam. Natürlich tat er mit dem Gold nur Gutes und die Götter belohnten ihn dafür. Er heiratete eine wunderschöne Prinzessin und wurde König des Landes.
Prinz Raiden musste eine widerliche Zicke heiraten und wollte nie König eines Landes sein. So haben ihn die Götter wohl für seine Missetaten bestraft, weil er den armen Eryn oftmals schlecht behandelt hat. Obwohl Eryn sich vorgenommen hatte, einen Schlussstrich unter sein altes Leben zu ziehen, ließen ihn die Geister der Vergangenheit nicht so schnell los. Vielleicht wäre es deutlich besser gewesen, wenn er sich in der Gesellschaft anderer Menschen befunden hätte. Doch er wagte es nur große, fremde Städte aufzusuchen, wenn er dringend etwas einkaufen musste. Auch suchte er vorsichtshalber dasselbe Geschäft nie zweimal auf.
Eryn las die nächste Geschichte über einen Magier, der durch die Erschaffung des perfekten Golems berühmt geworden war. Sein wahrer Name war in Vergessenheit geraten und er wurde nur mehr ‚der Mechaniker‘ genannt. Das Buch wusste zu berichten, dass der Mechaniker sich in Wahrheit eine Gefährtin erschaffen wollte. Doch im Prozess des Entstehens kamen ihm immer neue Gedanken, was sein Golem alles können sollte. Putzen und Aufräumen standen an erster Stelle, denn schließlich hatte der Mechaniker für solch langweilige Dinge weder Zeit noch Lust. Darüber hinaus sollte der Golem kochen können und ihm stets Speisen und Getränke aufwarten, wenn es ihn danach verlangte. Natürlich sollte das Wesen auch nach seiner Erschaffung in der Lage sein, etwas dazuzulernen ... allerdings keine schlechten Dinge. Dabei sollte es stets heiter und höflich sein und sich anmutig wie eine Tänzerin bewegen. Der Mechaniker arbeitete viele Jahre an diesem Golem und als er ihn endlich fertiggestellt hatte, musste er erkennen, dass er sich von seinem ursprünglichen Ziel ziemlich entfernt hatte. Denn der Golem war nicht die perfekte Frau geworden, sondern der perfekte Helfer. Deswegen war der Mechaniker jedoch keineswegs traurig, denn er hatte dieses kleine Helferlein bereits sehr in sein Herz geschlossen, und er sagte sich:
„Was brauche ich noch eine Gefährtin, wenn ich doch mein perfektes Helferlein habe?“
Ein intelligenter Golem, also das möchte ich sehen. Oder hat diese Geschichte vielleicht einen moralischen Wert? Den verstehe ich allerdings auch nicht wirklich. Warum kann der Mechaniker nicht ein Helferlein und eine Gefährtin haben?
Das nächste Kapitel handelte von einem verzauberten Schwert. Geschichten über verzauberte Waffen gab es in dem Buch viele und darüber hinaus noch eine Auflistung von verzauberten Gegenständen, die es einst gegeben haben soll. Eryn fand darunter sogar Dobrix’ Schwert und erinnerte sich, wie er mit Ravenor zusammen nach diesem Artefakt gesucht hatte. Der Erfolg ihrer Bemühungen förderte aber letztendlich nur eine total verrostete und lediglich schwach magische Klinge zutage.
Trotzdem war es ein aufregendes Abenteuer – weil schließlich alles gut ausgegangen ist. Solch eine Schatzsuche ist schon spannend, vor allem, wenn man etwas findet. Und Eryn spielte schon mit dem Gedanken, sich auf die Suche nach einem dieser wertvollen Artefakte aus dem Buch zu machen. Es war mehr eine Träumerei als eine feste Absicht, da ihm die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens durchaus bewusst war. Aber noch jemand anderes hatte eine Meinung zu diesem Thema und meldete sich jetzt zu Wort:
„Lächerlich, tausende von fähigen Magiern haben sich schon auf die Suche nach verschollenen Artefakten begeben und keines davon wurde jemals wiedergefunden. Wieso glaubst du, Nurin, dass gerade du derjenige sein wirst, dem die Götter des Schicksals Glück bescheren? Nur unwahrscheinliches Glück alleine kann dich zum Erfolg führen, denn wissenschaftliche Überlegungen werden es mit Sicherheit nicht sein. Pha, Eryn, der Schatzsucher.“
Eryn sah auf und der verhasste Ador stand direkt neben dem offenen Kamin.
„Lange nicht gesehen, Illusionsesel. Hältst du mich wieder einmal für einen Idioten, der nichts kann. Diese Meinung teilst du übrigens auch mit Meister Raiden. Dabei frage ich mich, woher dann das brennende Interesse an meiner Person kommt, und was sind das eigentlich für Leute, die sich gerne mit Idioten umgeben.“ Dieser Ador aus Eryns Unterbewusstsein hatte seinen Schrecken schon lange verloren und bot jetzt zumindest die Möglichkeit für ein Gespräch.
„Und auch da liegst du falsch. Ich umgebe mich mit niemanden, da ich mir selbst genug bin. Außerdem, als Hybrid zählst du nicht zu den Personen, sondern bist lediglich ein Objekt. Ein Objekt der Forschung – und hier gilt es immer noch, meine Theorie zu beweisen“, argumentierte der illusorische Ador leicht verärgert.
„So, so, da wirst du dich wohl auch auf die Hilfe der Glücksgötter verlassen müssen, denn wissenschaftlich lässt sich da nichts beweisen. Dieses Unterfangen ist nämlich noch aussichtsloser als eine Schatzsuche.“ Daraufhin verschwand die Imagination Adors.
Scheint so, als ob ich diese Runde gewonnen habe, folgerte Eryn. Er klappte das Buch zu und machte sich auf den Weg nach unten, denn es war wieder einmal an der Zeit, sich um den Garten zu kümmern.
Der Gedanke an eine Schatzsuche ließ ihn jedoch nicht mehr los. In seiner Vorstellung reiste er direkt durch die Wege in eine geheime Kammer voller Schätze, aber sein logischer Verstand tadelte ihn sofort für solch unrealistische Träumereien. In der Tat konnte man sich in den Wegen zu genauer bezeichneten Orten treiben lassen. Doch kostbare Schätze waren durch Verschleierung und weitere Schutzzauber gesichert, weswegen man sie auf diese Art und Weise weder aufspüren noch erreichen konnte. Ganz ähnlich wie die gut geschützten Türme der Turmherren. Um zu ihren Kollegen zu reisen, mussten sich selbst die hohen Magier eine entsprechende Genehmigung einholen.
Daraus schloss Eryn: Wenn es so einfach wäre, dann hätten es schon viele andere vor mir versucht. Außerdem, von den Türmen weiß man wenigstens, wo genau sie sich befinden – was man von verborgenen Schätzen nicht sagen kann.
Dieses Problem beschäftigte ihn eine Weile vergeblich. Dann, am Abend, entschied er, die Grübelei für heute sein zu lassen und briet sich ein Huhn über dem Feuer. Von Zeit zu Zeit drehte er den Spieß, damit das Fleisch nicht verbrannte. Dabei sah er dem Spiel der Flammen zu, wie die orangegelben Drachenzungen nach oben schossen und an dem Fleisch leckten. Ein köstlicher Geruch breitete sich im Raum aus, der Eryn das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Die tänzelnden Flammen waren ähnlich schön wie der Anblick fließender Magie und da hatte Eryn plötzlich eine Eingebung.
„Das ist es!“, rief er laut aus und klatschte in die Hände. Ich darf nicht nach dem Hühnchen suchen, sondern ich muss nach den Flammen suchen. Die Wege sind ein Ort der Muster und auch eine Verschleierung hinterlässt ein magisches Muster. In der realen Welt kann eine gute Verschleierung alles verbergen, sodass auch ein versierter Magier nichts zu finden vermag. Aber wenn ich recht habe, dann verhält sich dies in den Wegen anders. Und sein Gefühl sagte ihm, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Er war so aufgeregt, dass er sofort Gewissheit haben wollte und darüber sogar das köstliche Hühnchen vergaß.
Er eilte nach draußen und reiste zu seinem Tor-Experimentierfeld. Das waren seine selbst auferlegten Sicherheitsvorkehrungen, denn auf der Sichel-Insel wurden keine Torzauber durchgeführt und er reiste dorthin stets nur durch ein Tor im Wasser.
Als er zu später Stunde wieder zurückkehrte, hatte er gleich zwei Erkenntnisse gewonnen: Hühnchen, die zu lange über dem Feuer hängen, verbrennen. Und die Muster der Verschleierung konnte man tatsächlich aufspüren.
Doch von dieser Erkenntnis bis hin zum Erfolg war es noch ein langer Weg. Aber schon am nächsten Tag machte sich Eryn voller Eifer an die Arbeit. Lediglich nach einer Verschleierung zu suchen, funktionierte nicht. Das scheint zu unbestimmt zu sein. Erst als er die Adresse des Ortes mit angab und sich schon nahe am Austrittspunkt befand, konnte er das magische Muster als Lichtpunkte im grauen Nebel entdecken. Aber darin liegt mein Problem. Denn den genauen Ort eines Schatzes kenne ich nicht. Ich brauche mehr Variablen, um letztendlich an die richtige Position zu gelangen. Ich muss mich in die Lage des Versteckers hineinversetzen. Welche Zauber würde ich wirken, um etwas zu verbergen? Und wenn es mir gelingt, eine dieser Hüllen nachzubauen, dann müsste ich den Ort finden. Natürlich ist dabei auch noch eine gehörige Portion Glück vonnöten, da ich auch nicht weiß, wie diese Hülle im Detail aussieht.
Allerdings gab es gewisse Regelmäßigkeiten, wie Magier üblicherweise vorgingen, wenn sie etwas verbergen wollten. Diese Regeln hatte Eryn bei seiner Ausbildung in Naganor frühzeitig gelernt und später auch oftmals selbst angewendet. Natürlich gab es einen gewissen Spielraum, doch die meisten Magier waren Gewohnheitsmenschen mit einem deutlichen Hang zur Faulheit. Kurzum, man erledigte die Aufgabe der Sicherheit mit einem minimalen Aufwand.
Auf Schatzsuche
Die Arbeit brachte es mit sich, dass sich auf dem Schreibtisch bald ein Haufen Papier angesammelt hatte. Aber nicht nur dort, sondern die Notizen waren auch auf jede andere Ablagefläche in dem Raum gewandert. Kritisch sah sich Eryn um.
Hier sieht es so unordentlich aus wie in Prinz Raidens Wirkungsbereich. Höchste Zeit, etwas Ordnung zu schaffen. Eines Tages habe ich vielleicht auch einen Eryn, der für mich aufräumt. Aber so wie es gerade aussieht, bin ich hier der einzige Eryn. Er seufzte und machte sich an die Arbeit.
Wenigstens ist die Plackerei nicht für jemand anderen und obendrein kann ich meine eigenen Systeme aufbauen.
Nur zu gut erinnerte sich Eryn daran, wie oft ihn Meister Raiden angekeift hatte, dass der eine oder andere Zettel absolut nicht hierhin oder dorthin gehöre. Dabei hatte besagter Zettel zuvor noch auf dem Boden gelegen, wo er sicherlich auch nicht hingehört hatte. Der Abdruck einer Stiefelsohle war der eindeutige Beweis dafür, doch Eryn hatte sich gehütet, seinen Meister darauf hinzuweisen.
Er war unglaublich schlampig, was der ordentliche und organisierte Eryn nicht ist.
Im Handumdrehen verschwanden die Notizen in sauber beschrifteten Mappen und dann legte Eryn eine Aufstellung an. ‚Eryns direkte magische Adressen‘ schrieb er auf das Deckblatt. Kurz zögerte er und fügte schließlich noch den Titel Meister vor seinem Namen ein.
Alles muss seine Richtigkeit haben, den Titel habe ich mir redlich verdient.
Dann begann er seine Notizen durchzusehen. Dort hatte er jede Adresse akribisch notiert, wann immer er in letzter Zeit eine Stadt bereist hatte. Und nun übertrug er die magischen Formeln in das neue Buch. Eine große Stadt in den Wegen zu finden, war einfach, denn nirgendwo sonst in der Natur gab es so unglaublich viele viereckige Steine, die sich auch noch ein Stück weit in den Himmel erhoben. In welcher Stadt er letztendlich gelandet war, fand er aber meistens erst heraus, wenn er aus den Wegen ins Freie trat.
Es dauerte nicht lange, da waren drei Seiten in Meister Eryns Adressbuch eng beschrieben, während die Notizen entweder ins Feuer wanderten oder auf den Stapel ‚Da steht noch was anderes Wichtiges drauf‘. Als der Ordnung Genüge getan war, nahm sich Eryn seine Aufzeichnungen zur Schatzsuche zur Hand und kam zu dem Schluss:
Ich kann die Muster der Zauber in den Wegen tatsächlich finden, allerdings tauchen sie erst auf, wenn ich mich in der näheren Umgebung befinde. Eryn hatte die Distanz mehrfach gemessen und kam so an die 30-Meter-Marke heran. Das war nicht das Ergebnis, welches er sich erhofft hatte, denn es zwang ihn, sich schon sehr nahe an einem Schatz zu befinden, bevor er die Magie sehen konnte. Womit ich kaum weiter wäre als zuvor.
„Habe ich dir nicht gleich gesagt, dass das nichts wird?“ Diesmal war der große Zweifler nicht Ador, sondern Vedi, der dann auch noch leise hinzufügte: „Das Forschungsobjekt Nummer eins hat doch nicht allen Ernstes gedacht, es könne es dem Forscherdrachen gleichtun und große Schätze finden.“ Dabei bewegte Vedi seine Lippen, als würde er die Worte formen.
„Seit wann kann ein Drache wie ein Mensch reden? So ganz ohne Golem?“, tat Eryn den Einwand ab, da er sich durch die Illusion im Augenblick gestört fühlte. Die Trugbilder ad absurdum zu führen, ließ sie schneller wieder verschwinden, doch wer, wann und wie auftauchte, konnte Eryn nicht kontrollieren.
Ob das jemals wieder aufhört? Zumindest kamen diese ungebetenen Besuche inzwischen seltener, was er durchaus als hoffnungsvolles Zeichen deutete.
Eryn richtete seine Gedanken wieder auf die Schatzsuche. Vielleicht muss ich dieses Unterfangen anders angehen. Wo findet man üblicherweise Schätze? In Gräbern, in Höhlen, auf versunkenen Schiffen und in alten Ruinen. Nach dem Prinzip des Städtesuchens waren versunkene Schiffe am einfachsten zu finden, denn Holz und Eisen kamen auf dem Meeresboden üblicherweise nicht vor.
Das könnte klappen. Und Eryn machte sich auf den Weg zu seinem Experimentierfeld. Dort begann er seine Suche. Weil Schiffe meistens im Bereich der Küste auf Grund liefen, bezog er diesen Umstand in seine Überlegung mit ein. Als Erstes fand er ein altes Fischerboot, welches keine 100 Meter entfernt an den Klippen zerschellt war. Eryn tauchte nicht einmal in die reale Welt ein, um zu wissen, dass dieses Wrack keine Schätze barg.
Bei der unbestimmten Suche scheint die Zeit mit der Entfernung zusammenzuhängen, allerdings gilt das auch nicht immer. Die Wege sind wahrlich komplexe Systeme. Sein nächster Versuch brachte ihn zu einem gesunkenen Handelsschiff. Er trieb am Rand der Barriere, um das Wrack genauer zu untersuchen. Im Schiffsrumpf befanden sich Fässer und Amphoren, die die Prägung von Weinreben erkennen ließen. Allerdings waren sie größtenteils zerbrochen.
Der ist sicherlich nicht mehr gut, witzelte Eryn und ging weiter. Doch plötzlich tauchte vor ihm eine graue Wand auf. Was ist das? Er suchte in den Wegen nach Mustern der Magie, doch da waren keine. Dann glitt er an der grauen Wolke entlang, bis er sie ganz umrundet hatte. Sie verdeckte ungefähr die Hälfte des Schiffes und hatte eine annähernd runde Form.
Ein spezieller Zauber, der einen geheimen Schatz verbirgt? Jetzt wollte er es genau wissen, doch das bedeutete, dass er in die reale Welt hinaustreten musste.
Ich muss mir sofort eine Luftblase zaubern. Also entfernte er sich zwei Schritte von der seltsamen Nebelwand, bereitete den Zauber vor und verließ dann das Tor. Die schützende Kugel aus Magie hüllte ihn sogleich ein und drängte das Wasser beiseite. Einmal draußen, verbarg keine seltsame Nebelwand mehr den Blick und Eryn konnte deutlich sehen, was vor ihm lag. Als er noch damit beschäftigt war, sich alles genau anzusehen, zerplatzte seine Magie plötzlich und sofort stürzten die Wassermassen auf ihn ein. Dummerweise wurde er dann auch noch nach vorne gedrückt und landete in jenem Bereich, den er von den Wegen aus nicht hatte einsehen können. Instinktiv wollte er eine neue Schutzhülle erschaffen, doch das war nicht möglich und dann wurde ihm schlagartig schlecht. Scheiße, Unhaer.
Panik drohte ihn zu übermannen, denn jemand mit seiner Begabung konnte im Unhaer nicht lange überleben – mal ganz abgesehen davon, dass er ohne jegliche Art von Magie auch nicht unter Wasser atmen konnte. Er bekam ein Geländer zu fassen und zog sich mit hektischen Bewegungen in Richtung der Weinfässer. Ihm wurde bereits schwindelig, als seine Magie mit einem Schlag zurückkehrte. Sofort sprang er durch ein Tor, um dann schwer atmend auf seinem Experimentierfeld aufzutauchen.
Bei den Göttern, das war knapp. Ich muss mir unbedingt wieder einen Schutzring gegen das Unhaer anfertigen. Das war eine geradezu gemeine Falle, die mir die Natur hier gestellt hat. Man tritt ahnungslos aus einem Tor und schwupps, zerstört das Unhaer jegliche ehrliche Magie. Mein Schutzschild ist daran wie eine Seifenblase zerplatzt.
Trotz dieses Ereignisses ließ er sich nicht entmutigen und setzte seine Schatzsuche fort. Er arbeitete sich von Wrack zu Wrack und am Ende des Tages hatte er drei Kisten voller Münzen und zwei verzauberte Halsketten geborgen. Die zwei Artefakte waren mit den üblichen Schutzzaubern gegen Gedankenspionage und Manipulation belegt und stellten somit nichts Besonderes dar.
Geldnöte habe ich jetzt keine mehr, doch auf diese Art und Weise komme ich auch nicht an Bücher heran. Auch seltene Artefakte werde ich so kaum finden. Hätte mir eigentlich von Anfang an klar sein sollen. Wer nimmt sein kostbarstes Gut schon mit auf ein Schiff und Bücher überdauern im Wasser sowieso nicht lange. Eryn selbst hatte eine Abneigung gegen diese Art des Reisens, weil er sehr schnell seekrank wurde. Überhaupt schätzte er das Element Wasser nicht sonderlich. Trotzdem hatte er zuerst diese Methode gewählt, weil sich das Auffinden von Schiffen am leichtesten bewerkstelligen ließ.
Doch nun machte er sich darüber Gedanken, wie er Gräber, Höhlen oder Ruinen aufspüren könnte.
Das Muster dieser Orte ist zu unbestimmt. Ein paar bearbeitete Steine können mich zu jedem einzelnen Haus auf dem Kontinent führen. Hohlräume in den Bergen sind genauso aussichtslos und Gräber sind eine Ansammlung von Stein, Erde, Knochen und ein wenig Metall. Dazu ist das Sammelsurium dann meist mit ein wenig Grünzeug überzogen. Das könnte mich auch zu jeder Müllgrube führen, die in den letzten tausend Jahren angelegt wurde.
Etwas ratlos starrte er vor sich hin. Nur gesunkene Schiffe kann ich leicht finden, aber die beherbergen nicht die Schätze, die ich suche. Ich muss dieses Problem anders angehen. Wo verstecken Magier üblicherweise ihr Zeug?
Die Antwort war einfach. In der Nähe ihrer Wohnstätte, damit sie die Dinge schnell zur Hand haben, wenn sie sie doch einmal benötigen sollten. Stichwort ‚Artefaktekammer‘. Und natürlich hat jeder Magier auch seine eigene Bibliothek – außer mir, aber das kann ja noch werden. Nein, das muss werden und dafür sind die Ruinen der geeignete Ort, denn Magier wohnen üblicherweise nicht in Gräbern oder Höhlen.
Sie wohnen bevorzugt in Türmen und solch ein Bauwerk steht üblicherweise auf einem Berggipfel. Außer Naganor, welches am Fuße eines Berges steht, weil die Schwarzen Magier die Welt sowieso mit anderen Augen sehen. Und Gahaeris liegt inmitten eines Waldes, weil die Grünen ein noch absonderlicheres Weltbild haben. Aber die anderen Türme sind auf landschaftlichen Erhebungen errichtet, so wie es sich gehört. Doch diese Türme sind bewohnt und kommen somit nicht in Betracht.






