Lerntherapie – Geschichte, Theorie und Praxis (E-Book)

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Ueli Kraft / Claudia Stauffer
Lerntherapie – Geschichte, Theorie und Praxis
ISBN Print: 978-3-0355-1973-0
ISBN E-Book: 978-3-0355-1974-7
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© 2022 hep Verlag AG, Bern
hep-verlag.ch
«Nur eine Ansicht ist unwahr, die, dass nur eine Ansicht wahr sei.»
Ernst von Feuchtersleben (1806–1849)
Die Lerntherapie ist mittlerweile gut eingeführt: Im deutschsprachigen Raum gibt es nicht nur verschiedene Ausbildungsgänge, sei es in privaten Instituten oder an Hochschulen. Der speziellen Disziplin ist es über die Jahre zunehmend auch gelungen, im Bereich von Lernunterstützungen Fuss zu fassen, die über schlichte Nachhilfe hinausgehen. Viele Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten haben eigene Praxen oder arbeiten angestellt an Schulen und spezialisierten Beratungsstellen, um Menschen jeden Alters, im Sinn einer Hilfe zur Selbsthilfe dabei zu unterstützen, ihre Lernschwierigkeiten zu überwinden und ihren individuellen Lernweg zu finden.
Wir können die Entwicklung des Fachs als Erfolgsgeschichte verstehen, welche auch die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von gelingendem Lernen spiegelt: Grosse Teile der Wirtschaft sehen sich unter dem globalen und zunehmend alles beherrschenden Wettbewerb auf einen hochqualifizierten Nachwuchs angewiesen, den das Bildungssystem «vorproduzieren» soll. Dass die Anforderungen in Schule und Beruf in der Folge laufend gesteigert werden, hat nicht nur bewirkt, dass das Konkurrenzprinzip auch im Bildungswesen überhandgenommen hat: Wo sich Ausbildungs- und damit Lebensperspektiven schon früh in der Schulzeit mit bestandenen Schul-, Übertritts- und Eintrittsprüfungen verknüpfen, sorgen sich auch viele Eltern bereits ab der ersten Klasse um die Zukunft ihres Nachwuchses – mit allen innerfamiliären Begleitkonflikten. Wo Lernende an die Grenze dessen stossen, was sie noch verkraften können, wird Lernen emotional negativ besetzt, die Schule gerät zum subjektiven «Unort». Der freie Markt reagiert auch darauf rasch: Das Geschäft mit ausserschulischer Nach- und Aufgabenhilfe boomt. Dem Prinzip der Inklusion folgend setzen die öffentlichen Schulen auf den von schulischen Heilpädagogen angebotenen integrativen Förderunterricht, auf Unterrichtsunterstützung in Form von Klassenassistenzen und auf den Einbezug der Schulsozialarbeit; seit einigen Jahren beobachten wir eine wachsende Zahl von Schulen, die Lerntherapeutinnen in ihre Förderteams aufnehmen.
Trotz konzeptionellen Verwandtschaften der heilpädagogischen und der lerntherapeutischen Disziplin lassen sich die unübersehbaren Unterschiede auf einer Achse abbilden: Der heilpädagogische Pol sucht den Zugang primär über die Natur der vorhandenen Lernschwierigkeit oder -störung, der psychologisch-therapeutische Pol über die Persönlichkeit und Befindlichkeit der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Wenn sich die beiden aufeinander zubewegen, kommt das Adjektiv «integrativ» ins Spiel. Die Lerntherapie ist eine facettenreiche Disziplin, was wir auch als Stärke auslegen wollen.
Das vorliegende Buch beleuchtet einige dieser Facetten der in der Schweiz entwickelten Lerntherapie. Sie fokussiert einen psychologisch-therapeutischen Zugang, ohne die heilpädagogische Seite auszuschliessen. Dieses interdisziplinäre Denken steckte schon in der Person von Armin Metzger, der nach seinem Primarlehrerpatent Psychologie studiert und schulpsychologische, erziehungsberaterische und heilpädagogische Zusatzausbildungen abgeschlossen hat, bevor er sich als freischaffender Psychologe und Psychoanalytiker in Schaffhausen etablierte. Mit dem Institut für Lerntherapie realisierte er seine Vision einer Ausbildungsstätte für angehende Lerntherapeutinnen und -therapeuten. Zur Unterstützung seines Projekts gelang es dem gut vernetzten Wegbereiter, namhafte Fachleute aus den Bereichen der Psychologie, der Pädagogik und Heilpädagogik sowie der Psychotherapie als Dozierende zu gewinnen, denen er bewusst eine grosse Freiheit in ihren thematischen und theoretischen Zugängen gelassen hat, eine wichtige Voraussetzung für die inhaltlich-konzeptuelle Breite des Lerntherapiestudiums. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch nicht, als Metzger 2010 das Institut in andere Hände gegeben hat: Nach wie vor ist das Institut interdisziplinär ausgerichtet, denn nur so kann an den vielfältigen Ursachen und Auswirkungen von Lernschwierigkeiten und -störungen zusammen mit den Betroffenen adäquat gearbeitet werden. Die Fruchtbarkeit dieser Überzeugung spiegelt sich in der Tatsache, dass das Institut weiterhin im Wachstum begriffen ist.
Der Mensch entwickelt sich lernend. Dies führt zu Veränderungen in den neuronalen Netzen seines Gehirns, ja in seiner Persönlichkeit; ausgetretene Pfade können also verlassen werden. In der Lerntherapie geht es um den in Interaktion mit der Umwelt lernenden, also sich verändernden Menschen. Als Therapieform auf die Person ausgerichtet, kann und darf die Lerntherapie nicht auf eingefahrenen Gleisen bleiben, sondern muss ihrem weit und ganzheitlich ausgerichteten Ansatz folgend Veränderungen und damit Weiterentwicklung zulassen. Aus diesem Grund sieht sich auch das Institut für Lerntherapie (ILT) als lernende Organisation, die Bewährtes würdigt und Neues willkommen heisst. In Bezug auf das vom ILT angebotene Lerntherapiestudium bedeutet das, stets informiert zu sein über den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs in den verschiedenen Fachrichtungen, über die aktuelle bildungswissenschaftliche Forschung und über die Hintergründe bildungspolitscher Tendenzen. Diese Haltung hat sich auch auf das Verfassen dieses Buchs ausgewirkt: Die Auseinandersetzung mit dem Thema «Lerntherapie» soll nicht nur einen Überblick über den Status quo bieten, sondern auch die Entwicklung einer Lerntherapie der Zukunft als Angebot, das allen zur Verfügung stehen soll, anstossen.
Die Beiträge des ersten Teils dieses Buches beleuchten die Kerngedanken, also dasjenige theoretische Fundament, auf dem das interdisziplinäre Denken der Lerntherapie aufliegt. Umrahmt wird dieser Teil durch zwei Texte, welche einerseits die «Frühgeschichte» der Lerntherapie und andererseits deren Entwicklung bis hin zur Profession darstellen.
In der Vorbereitung der Publikation haben wir für den Titel vorübergehend mit dem Begriff des Kaleidoskops gespielt, welches immer wieder überraschend neue Perspektiven eröffnet. Die Vielfalt dieser Perspektiven möchten wir in Teil II des Buches aufzeigen, in dem unsere Fachdozierenden einerseits aus den Blickwinkeln ihrer unterschiedlichen Theoriezugänge, andererseits aus der Sicht verschiedener Lernbeeinträchtigungen berichten.
Im dritten Teil dieses Lesebuchs möchten wir primär ehemalige Studierende unseres Instituts zu Wort kommen lassen, welche sich – manchmal in der Art lustvoller Abenteurer – in kaum kartiertes Neuland wagten und innovative Anwendungen und Perspektiven der Lerntherapie eröffnen.
Lernen ist eine manchmal sehr, manchmal weniger anstrengende Arbeit. Lernen ist zugleich aber Freude über und Stolz auf das, was wir geschafft haben. Gelernt wird auch mit- und voneinander. Der Mensch ist ein soziales Wesen, angewiesen auf Mitmenschen – ein unendlich grosses Lernfeld. Selbstverständlich können auch Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten voneinander lernen. So wünschen wir uns, dass unser Buch auch einen regen Diskurs zwischen den verschiedenen lerntherapeutischen Schulen auslösen wird, dass neue Ideen entstehen und in die Weiterentwicklung der Lerntherapie einfliessen werden. Wir sehen seine Funktion aber auch als anregendes Lesebuch für all jene, welche in lerntherapeutischen Ausbildungen stehen, lerntherapeutisch in eigenen Praxen oder im Rahmen verschiedenster Institutionen arbeiten – oder aus den verwandten Umfeldern des Bildungswesens (wie Schule, Heil- und Sonderpädagogik) einen Blick über den Tellerrand riskieren. Und letztlich denken wir natürlich an unsere Klientinnen und Klienten, die auf lebendige, wache und auch lustvoll und engagiert arbeitende Fachleute angewiesen sind, welche sie darin unterstützen, sich aus den tiefen Brunnenschächten herauszuarbeiten, in die sie gefallen sind.
Ohne Unterstützung wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Deshalb danken wir sehr herzlich Leila Ochsenbein für ihre unentbehrliche Hilfe bei der Fertigstellung des Manuskripts, Carmen Mächler für das sorgsame Übersetzen des französischen Textes ins Deutsche, Harry Schaad für das Lektorat dieser Übersetzung und Christian de Simoni vom hep-Verlag für die geduldige Beantwortung unserer vielen Fragen. Und natürlich danken wir vor allem den Autorinnen und Autoren, die sich die Zeit genommen haben, einen Teil ihres Erfahrungswissens für uns aufzuschreiben, es mit uns zu teilen.
Die Herausgeberinnen und der Herausgeber
Basel, Forch, Schaffhausen, im März 2021
Teil I:
Grundlegendes zur Lerntherapie
1 Fragmentarisches zur Geschichte der Lerntherapie – ‹avant la lettre› bis zu den eigentlichen Anfängen
Ueli Kraft
In diesem Kapitel werden die Anfänge der Lerntherapie, welche weiter zurückreichen, als man vermuten würde, aus historischer Perspektive erkundet. Der Beitrag befasst sich zunächst mit der Frühgeschichte, während der Pionierinnen und Pioniere lerntherapeutisch gearbeitet haben, lange bevor der Begriff geprägt worden ist. Wir finden diese im Umfeld der psychoanalytischen Pädagogik, welche die vor circa 100 Jahren entstandene Erziehungsberatung stark beeinflusste, in deren Rahmen Schul- und Lernprobleme sehr häufig den primären Beratungsanlass boten. Im Zusammenhang mit der in etwa halb so alten Geschichte der eigentlichen Lerntherapie werden die frühen und zum Teil voneinander abgeschotteten Konzeptionen der wichtigsten Exponenten nachgezeichnet und die Antwort auf die Frage gesucht, wer den Begriff der Lerntherapie ursprünglich geprägt hat. Die reiche Vielfalt lerntherapeutischer Zugänge wird in der Hoffnung skizziert, daraus – auch auf der Metaebene verschiedener lerntherapeutischer Schulen – Lust auf bereichernde Begegnungen zu wecken.
1.1 Zur Sache
Der Versuch, wenigstens Teile der Entstehungsgeschichte der Lerntherapie zu rekonstruieren, setzt aus Schweizer Perspektive zunächst bei Armin Metzger (1945–2019) an – und stösst auf unerwartete Schwierigkeiten: bevor er 2011 sein von ihm 1990 gegründetes Institut für Lerntherapie verkaufte, liess er das Institutsarchiv aus unbekannten Gründen entsorgen. Abgesehen von seinen beiden Buchpublikationen – «Lerntherapie. Wege aus der Lernblockade – Ein Konzept» (2001) und «Lerntherapie in Theorie und Praxis» (2008) – hat er vergleichsweise wenig publiziert. Er erwähnt eine unveröffentlichte Diplomarbeit in Heilpädagogik aus dem Jahr 1972 («Schach in der Hilfsschule»), welche «Wechselwirkungen zwischen Kognition und Emotion» fokussiert (2008, S. 137). Eine zweite – ebenfalls unzugängliche – Diplomarbeit in Erziehungs- und Schulberatung aus dem Jahr 1975 («Apropos Beobachtungsklasse») wird lediglich im Literaturverzeichnis angeführt (2008, S. 408). Seine zeitnah zur Institutsgründung eingereichte Dissertation («Begegnung und Beziehung als Auslöser von Entwicklung und Genesung – Zur Bedeutung der Psychotherapie für die Sonderpädagogik» (1990) beinhaltet zwar Ansätze einer theoretischen Grundlegung – das Thema «Lernen» wird aber nur ganz am Rande aufgegriffen und der Begriff «Lerntherapie» kommt gar nicht vor. Zu dem von einer ehemaligen Studentin des Instituts herausgegebenen Buch «Lerntherapie in der Praxis» steuert er ein kurzes Vorwort und eine Darstellung seines Vierstufenmodells bei (Suter, 2003, S. 14–20). Ein Tagungsbeitrag «Lerntherapie – Auf den Spuren der Persönlichkeit» wurde 2003 veröffentlicht, ein kurzer Handbuchartikel («Lerntherapie») 2014.
Verweise auf die in Deutschland seit den Achtzigerjahren bestehende Tradition der Lerntherapie sind bei Metzger äusserst spärlich. 2008 erwähnt er – ohne inhaltliche Bezüge – Betz und Breuninger, welche den Begriff der Lerntherapie bereits 1987 verwenden. In seinem Handbuchartikel findet sich lediglich ein Satz: «Weitere Ausdifferenzierungen der lerntherapeutischen Konzepte lassen sich derzeit im Ansatz der ‹strukturellen Lerntherapie› (vgl. Betz & Breuninger, 1987), in der ‹integrativen Lerntherapie› (vgl. Nolte, 2008) und in der ‹bewältigungsorientierten Lerntherapie› (vgl. Ruff, 2007) erkennen» (Metzger, 2014, S. 153). Aus historischer Perspektive helfen die erwähnten Autorinnen und der Autor auch nicht weiter, abgesehen vom Ergebnis einer bereits 1987 belegten Verwendung des Begriffs.
Wer dann mit gleichschwebender Aufmerksamkeit zu Expeditionen in die Tiefen des World Wide Web aufbricht, häuft zunächst ein kaum überblickbares Konvolut an überwiegend unbrauchbaren Texten an, macht aber auch unerwartete Entdeckungen. Die erstaunlichste sei vorweggenommen: Idee und Praxis dessen, was wir heute als Lerntherapie bezeichnen, haben offenbar eine wesentlich längere Vorgeschichte, als die aktuelle Fachliteratur suggeriert. Wer diese allerdings detailliert beschreiben wollte, würde einige Lebensjahre übrig haben und einen potenten Financier oder eine potenten Financière finden müssen. Wer beides nicht hat, kann sich – in der Sprache der Archäologie – immerhin darauf konzentrieren, Sondiergrabungen vorzunehmen, welche das Feld wenigstens in einigen Hinsichten strukturieren helfen.
1.2 Biografische Reminiszenzen
Nichthistorikerinnen und -historiker auf Spurensuche nach Vorläufern heutiger Lerntherapie tun dies mit eingeschränktem Handwerkszeug. Aber seit Lindqvist 1978 «Grabe, wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte» (deutsch 1989) veröffentlicht hat, können historische Laien mit gutem Gewissen dort ansetzen, wo Erinnerungen aus dem Bereich eigener Erfahrungen zugänglich sind:
Zu meinen Kindheitsschätzen gehört eine von Kinderhand modellierte und bemalte kleine Schildkröte. Entstanden ist sie im Rahmen von Therapiestunden in der damaligen kantonalen Erziehungsberatungsstelle in Schaffhausen. Nach einem 1959 erfolgten Umzug aus einer Kleinstadt in ein Bauerndorf war ich sozial überfordert und zeigte grosse Mühe, mich in die neue 2. Klasse zu integrieren. Vor der Lehrerin hatte ich Angst (sie reagierte auf Verstösse gegen – mir nicht bekannte – Regeln mit Schlägen), meine Noten sanken. Die permanenten Ermahnungen meiner ängstlichen Mutter, mir mehr Mühe zu geben, halfen auch nichts. Ich wurde zu einer psychologischen Abklärung gebracht, woraus sich eine Therapie bei einem lieben älteren Mann ergab, dessen Namen ich heute noch weiss. Diese dauerte sicher 20 Stunden und folgten – wahrscheinlich nach einer testpsychologischen Abklärung, an die ich mich nur sehr vage erinnere – einem einfachen Ablauf: Jede Stunde begann mit einem für mich unvertraut langen Gespräch, anschliessend durfte ich malen, modellieren und mit dem wunderbaren kleinen Sandkasten auf Rädern und den kleinen Menschen- und Tierfiguren spielen. Ich genoss die geduldige Aufmerksamkeit des Therapeuten und war traurig, als meine schulischen Leistungen stiegen und ich nicht mehr hindurfte.
Jahre später: als frisch ausgebildeter «Psychologe mit Fachrichtung Berufsberatung» (inklusive bereits drei Jahren Teilzeiterfahrung als Berufsberater in Schaffhausen) war ich vom testdiagnostisch dominierten Arbeitsalltag bereits ernüchtert und verzichtete auf eine angebotene Festanstellung. Zufällig ergab sich an der bereits genannten Erziehungsberatungsstelle 1976 eine Möglichkeit, das parallel begonnene Studium der Psychologie und der Sonderpädagogik an der Uni Zürich weiter finanzieren zu können. Als gut ausgebildeter und bereits etwas erfahrener Test- und Psychodiagnostiker hatte ich – in Teilzeit – Schulabklärungen und Begutachtungen zu machen, aber auch Beratungen von Eltern. Ab und an liess man mich vertiefter mit einzelnen Kindern arbeiten, was man damals gleichermassen grosszügig und ungefähr als Spieltherapie bezeichnete. Da war er wieder, der kleine Sandkasten mit den vielen Figuren (meine Akte von 1959 wurde zu Beginn der 70er-Jahre allerdings leider geschreddert). Erinnern kann ich mich durchaus auch an stattgefundene supervisierende Gespräche mit dem vor der Pensionierung stehenden Stellenleiter; ich glaube auch zu wissen, dass der spätere neue Leiter die Auflage erhielt, eine psychotherapeutische Ausbildung nachzuholen.
Im Zusammenhang mit unserem Anliegen war ich überrascht, dass mir dies in all den Jahren noch nie aufgefallen war: Was ich 1959 als Kind auf einer Erziehungsberatungsstelle erlebte, war nach heutigem Verständnis eine psychologisch-therapeutische Lerntherapie. Sie ging die Schwierigkeiten an, welche hinter dem Symptom gestörten Lernens lagen – und beseitigte damit auch die Lernprobleme nachhaltig.
Anzumerken ist weiter: In der Schweiz war die Bezeichnung «Erziehungsberatung» für Dienststellen, welche sich mit schulpsychologischen Fragestellungen befassten, damals die gebräuchlichste. Allerdings zeichnete sich in den 50er- und 60er-Jahren bereits ab, dass die schulpsychologischen Dienste eher nahe der Schule selbst und in Kooperation mit der Heilpädagogik operierten, während die Erziehungsberatungsstellen ihre Arbeit eher psychologisch-therapeutisch verstanden. Ich entnehme dies Käser (1993), welcher die Entstehungsgeschichte der Schulpsychologie in der Schweiz seit 1920 in Bern detailliert nachgezeichnet hat. Zu diesen Anfängen verweist er (2016, S. 16) auf eine UNESCO-Konferenz zur Schulpsychologie von 1954 in Hamburg, welche in ihrem Bericht Folgendes lobend unterstreicht: «Die Schweiz war dank den Bemühungen Claparèdes in Genf (1912) und Heggs in Bern (1920) eines der ersten Länder mit psychologischen Diensten überhaupt.» Er übernimmt dies nach Hegg, S. (1977, S. 105), welche weiter aus dem Bericht zitiert:
Die Erziehungsberatungsstelle der Stadt Bern, die 1920 von Dr. Hegg gegründet wurde, ist zum Beispiel eine selbstständige Einrichtung innerhalb des schulärztlichen Dienstes. Ihre wichtigsten Aufgaben sind die psychologische Beratung der Schulen, die Erfassung, Untersuchung und psychotherapeutische, heilpädagogische oder andere Behandlung von schwierigen oder zurückgebliebenen Kindern und die allgemeine psychologische Aufsicht über die Sonderklassen der Stadt. (A.a.O., S. 105)
In diesem Pflichtenheft könnte der Begriff der Lerntherapie ohne Probleme untergebracht werden. Grund genug, uns vertiefter mit dieser verblüffenden Frühgeschichte zu beschäftigen.
1.3 Zur Frühgeschichte dessen, was wir heute Lerntherapie nennen
Datiert vom 3. März 1910, erhält Paul Häberlin, der spätere Ordinarius für Philosophie, Pädagogik und Psychologie der Universität Bern, einen Brief von Sigmund Freud. Dieser hoffte, ihn in seinen Kreis aufnehmen zu können, und schreibt unter anderem die folgenden Zeilen: «Ich weiss, dass die Psychoanalyse in Beziehung zur Pädagogik treten muss, kann aber selber nichts da für thun. Ich weiss auch, dass sie zur Selbsterziehung mächtig anregt und dass man grosse innere Widerstände überwinden muss, ehe man sich ganz mit ihr befreunden kann …» (zit. nach Hegg, S., 1977, S. 77).
Bevor Häberlin 1914 in Bern Professor wurde, hatte er in Basel Theologie studiert und in Philosophie, Zoologie und Botanik promoviert. Seine Beziehung zu Freud hatte sich über seine Freundschaft mit den Psychiatern Robert und Ludwig Binswanger angebahnt und war für seine Theoriebildung von grosser Bedeutung – obwohl er sich mit der Lehre Freuds nie völlig hat befreunden können. «Trotz aller Hochschätzung der durch die Psychoanalyse gewonnenen psychologischen Einsichten musste er die Lehre in ihren Grundlagen ablehnen, da die Weltanschauung und die Anthropologie, welche dahinter standen, einseitig naturwissenschaftlich-biologisch orientiert waren» (a.a.O., S. 77). Häberlin selber schreibt:
Religiöser Glaube, ethische Norm, und was damit zusammenhing, durfte nicht zu Recht bestehen, musste ‹zeranalysiert› werden, bis nichts anderes übrig blieb als nackter Trieb. Die psychoanalytische Theorie war mehr als Psychologie, sie entsprang aus anti-autoritativer Einstellung und mündete wieder in eine Art von kulturellem Nihilismus oder Relativismus. (Dies gilt sicher nicht von der Persönlichkeit Freuds, wohl aber von seiner Theorie.) (1959, S. 55).
Diese Reserviertheit hinderte ihn allerdings nicht daran, Person und Werk hoch zu schätzen, den Diskurs mit Freud auch persönlich zu führen und von ihm «starke Anregungen» für eine «wirklich psychologische Psychologie» zu gewinnen, welche ihm vorschwebte (a.a.O., S. 52). Seine Studenten hatten sich mit der Psychoanalyse vertraut zu machen – so auch Hans Hegg, der nachmalige Mitintiator und Leiter der bernischen Erziehungsberatung, deren Geschichte seine Tochter Suzanne Hegg minutiös aufgearbeitet hat (Hegg, S., 1977).
1.3.1 Zur Entstehungsgeschichte der bernischen Erziehungsberatung – ein Lehrstück
Die Geschichte – ich folge ab hier Suzanne Hegg (1977, S. 40ff.) – beginnt 1917 mit dem fortschrittlichen Schularzt Paul Lauener, welcher in Bern während der schwierigen Jahre während und nach dem Ersten Weltkrieg versuchte, seine Aufgabe nicht nur medizinisch zu fassen. Er kümmerte sich um Kinder, Jugendliche, Lehrlinge und deren Familien in Nöten.
Endlich kamen hinzu die vielen Klagen über Schule, Lehrer und Schulschwierigkeiten … Kurz, alles, was schief ging in der Schule [,] kam schliesslich vor unsere Ohren […] und da ich mich allein mit einer Schulschwester dieser Lawine gegenüber fand, bestand die Gefahr, von ihr erdrückt zu werden. Zudem war ich in keiner Weise dazu ausgebildet, mich nur einigermassen allen diesen Fragen gegenüber gewachsen zu fühlen. Da halfen auch die besten Schriften von Pestalozzi bis Häberlin nur eben so viel, uns die Schwierigkeiten nur noch deutlicher vor Augen zu führen.» (Lauerner, 1957; zitiert nach Hegg, S., 1977, S. 41f.).
Lauener fand in der Folge 1920 in der Person des mittlerweile promovierten Hans Hegg den gesuchten Fachmann – die beiden dürften damals bereits befreundet gewesen sein (vgl. Hegg, S., 1977, S. 42). Die Historikerin Hoffmann beschreibt in ihrer Lizentiatsarbeit zum Wirken Laueners diesen Einstieg so:
Hegg wünscht die Tätigkeit des Schularztes auf psychologischem Gebiet zu unterstützen und stellt sich der Schuldirektion hierfür vorerst ohne Honorar zur Verfügung – wogegen der Gemeinderat nichts einzuwenden hat. Zuvor hat sich Lauener selbst als Berater in Erziehungsfragen betätigt und seit 1918 eine ‹stark frequentierte› Elternsprechstunde angeboten. Der Schularzt ist es also, der die Erziehungsberatung in Bern begründet. 1920 überträgt der Gemeinderat diese Aufgabe mit Hegg einem Psychologen und Pädagogen und erweitert gleichzeitig das Schularztamt offiziell um eine Beratungsstelle für Erziehungsfragen (2008, S. 18).
Hegg – ich folge hier wieder dem Bericht seiner Tochter – begann also in einem Hinterzimmer des Schularztamtes (das für alle Zwecke gebraucht wurde) in Teilzeit zu arbeiten – ein Pionier ersten Ranges. Er versuchte parallel dazu zwar eine eigene Praxis aufzubauen, was aber daran scheiterte, dass er sich auf dem Schularztamt (wo die Beratung kostenlos war) selber konkurrierte. Im zweiten Jahr erhielt er für die psychologischen Untersuchungen, die er im Auftrag des Jugendamtes oder des Armeninspektorates vornahm, eine bescheidene Vergütung von 3 bis 5 Franken, ab 1922 zwar ein Salär von 4800 Franken pro Jahr, aber noch lange keine Anstellung. Er konnte sich, mittlerweile verheiratet, finanziell über Wasser halten, indem er ab 1925 jeweils circa 5–6 Pensionäre mit Schul- und Erziehungsschwierigkeiten in seinem Haus aufnahm und betreute. Eine feste Anstellung als Erziehungsberater der Stadt Bern (im Nebenamt) erhielt er erst 1943.



