Lerntherapie – Geschichte, Theorie und Praxis (E-Book)

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Die einst so gepriesene pluralistische Gesellschaft mit den Erscheinungen Hedonismus, Werteverfall und Bindungslosigkeit birgt für die soziale und emotionale sowie für die geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen leider auch Bedrohungen und Verletzungen unbekannten Ausmasses. Insofern müssen pädagogische Grundfragen im Hinblick auf diese Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft neu aufgegriffen, reflektiert und beantwortet werden. Das geschieht auch durch Umorientierung von der traditionellen Diagnostik hin zu einer verstehenden mehrdimensionalen Förderdiagnostik (Bundschuh, 2019a, S. 75–135). Heilpädagogik und Lerntherapie bemühen sich prinzipiell um eine solide verstehende pädagogische Basis, die vor allem auch erfüllte Lebensbewältigung ermöglichen soll. Die pädagogische Aufgabe der Zukunft liegt auch darin, die Komplexität und Vielfalt der Möglichkeiten unserer Zeit auf ein für Kinder verträgliches und erträgliches Mass zu reduzieren. Die Ergebnisse der PISA-Studien lehren uns, dass manchmal weniger mehr sein kann, indem sie für eine Reduktion von starren, abstrakten Lehrplänen im Sinne konkreter Handlungsorientierung und damit auch Orientierung am Schüler und an der Schülerin sprechen. Diese Implikationen gelten prinzipiell für alle Schultypen. Das Kernproblem im allgemeinpädagogischen, speziell im lerntherapeutischen Arbeitsfeld liegt in der Frage der weiteren Erziehung angesichts ins Stocken geratener Prozesse in den Bereichen Lernen, Kommunikation im weiten Sinne und Sozialverhalten beziehungsweise emotionales Erleben. Frustrationen, zusammenbrechende und zusammengebrochene Erziehungsfelder, schlichtweg Notsituationen begleitet von Zweifeln, Konflikten, Demütigungen der Eltern und Kinder und der ständigen Suche nach Hilfe, Unterstützung und neuen Möglichkeiten, sind Ausdrucksformen solcher Probleme. Prozesse, die Familien bedrücken, angesichts übermächtiger Institutionen, die zwar das Angebot der Schulen bereitstellen, es bisher jedoch nicht erreicht haben, die mit dem Besuch dieser Schulen immer noch bedrückende, Ängste sowie Minderwertigkeitsgefühle erzeugenden und auch diskriminierenden Begleiterscheinungen in Institutionen, Gesellschaft, Nachbarschaft und Freundeskreis zu neutralisieren (vgl. Bundschuh, 2008, S. 43–49). Meist bedeutet es für die Betroffenen Leid, zusätzliche Erschwernis menschlicher Alltagsbewältigung und Problemhaftigkeit, mit den Phänomenen und Begleiterscheinungen einer Behinderung und behindernden Bedingungen unmittelbar, hautnah im wahrsten Sinne des Wortes, konfrontiert zu werden.
Ähnlich, wenn auch etwas distanzierter betroffen, sind Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen, Erzieher und Therapeutinnen und Therapeuten, die sich ständig bemühen, trotz auftretender Widerstände und häufigen Scheiterns bei Grenzproblemen, pädagogisierbare Möglichkeiten zu erkennen. Mit Diagnostik traditioneller Art kann hier nicht weitergeholfen werden. Es setzt im lerntherapeutischen Bereich die differenzierte Suche nach neuen Möglichkeiten für Erziehung und Förderung und damit nach erweiterter Handlungsfähigkeit des betroffenen Kindes, der Eltern, der Lehrerinnen und Lehrer ein. Förderdiagnostik (Bundschuh, 2019a) übernimmt hier die wichtige Aufgabe der Problemanalyse sowie Vermittlung zwischen Kindern und Jugendlichen mit ihren Nöten sowie Problemen und der Lerntherapie. Was heisst Förderung und Therapie angesichts solcher Not- und Problemsituationen? Was bedeutet das für die Frage der Erziehung? Welche Rolle spielen Förderung und Therapie im Rahmen der Entfaltung der Persönlichkeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen? Können Förderung und Therapie auch mit Problemen und Gefahren verbunden sein? Inwiefern bedeuten Förderung und Therapie Entdeckung und Wahrnehmung neuer Möglichkeiten? Solche Fragen müssen gestellt werden, können jedoch im Rahmen dieses kurzen Beitrages nicht systematisch beantwortet werden.
Grundlegende Überlegungen zu Fragen des Verstehens, der Erziehung und der Förderung sind notwendig, Fragen nach der Orientierung am Kind und nach dem Kindgemässen (Bundschuh, 2019a, S. 249f.). Lerntherapie bedeutet Neuanfang, Neuorientierung, Aufbruch, und den Gedanken der Erziehung und des Verstehens in die Frage nach der Diagnose und Förderung beziehungsweise in den lerntherapeutischen Prozess unmittelbar zu integrieren, das heisst:
Individuell gesehen Weiterführung, Dynamisierung ins Stocken geratener Lernprozesse, Nöte von Kindern und Jugendlichen angesichts übermächtiger institutioneller Mächte wahr- und ernst nehmen, die Entwicklung hemmender – negativer – Kreisprozesse aufbrechen, behindernde Bedingungen in der Umwelt mit aller Entschiedenheit diagnostizieren, in Wort und Schrift benennen und nach Möglichkeit durch Handeln beseitigen. Das betroffene Kind selbst durch Aufzeigen und Bewusstmachung eigener Handlungsfähigkeit sowie positiver Erweiterung des Selbstbildes und der Selbstkompetenz ermutigen, eigene Kompetenzen und Ressourcen zu erkennen und zu nutzen;
Belebung sozialer Prozesse – Interaktionen und Begegnungen – durch Förderdiagnostik und Analyse separierender sowie behindernder Bedingungen sowie Anschluss an neue soziale Gemeinschaften im Sinne von Integration und Inklusion (Bundschuh, 2010, S. 93–99);
im Bereich der Eltern durch Vermittlung von Hoffnung, Mut und Stärkung des Willens zu Erziehung und Förderung, Öffnung von besseren Perspektiven für die Zukunft angesichts deprimierender Erfahrungen – «Unser Kind leistet zu wenig oder nichts, passt sich nicht dem Unterricht an», «stört ständig im Unterricht», «erreicht die nächste Klasse nicht» – im Kontext Schule und Lernen sowie Verhalten.
Insgesamt gesehen meint «Aufbruch» das Aufbrechen und Zerbrechen hemmender Erfahrungen und Strukturen im Bereich Familie, Alleinerziehender, im System Schule, insbesondere aber auch im Bereich des Kindes selbst, das geprägt ist von einer Fülle negativer, hemmender und behindernder Erfahrungen, die auch als «Teufelskreis Lern- und Verhaltensstörungen» bezeichnet werden können.
Therapie und Unterricht gehen von zwei unterschiedlichen Konzepten aus. Unterricht vermittelt aktiv Inhalte und Techniken. Bei der Therapie stehen Prozesse wie Selbstbestimmung und Entwicklung sowie die Beziehung zwischen Lernendem oder Lernender und Therapeut oder Therapeutin im Zentrum des Interesses. Auch wenn die Lerntherapiestufe I der «Vermittlung» sehr nahekommt, versteht sich diese wie die «Lerntherapie» als Ganzes sowohl von der «Verknüpfung» von Persönlichkeit und Lernen als auch von ihrem therapeutischen Handlungsansatz her als Therapie. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil ihr die Persönlichkeit der Lernenden letztlich immer wichtiger ist als ihr Lernen: «Das Wichtigste ist immer der Lernende» (Metzger, 2008, S. 235). Man kann in Erweiterung auch sagen, dass Lerntherapie quasi ein «Learning-System» in sich darstellt. Es spricht vieles dafür, dass Lerntherapeuten mit jedem Klienten neue Erfahrungen machen und auch dabei lernen, dass sich die Lerntherapie entsprechend den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft verändern, neu orientieren und sich auch weiterentwickeln muss, ohne dabei die Grundprinzipien aus dem Auge zu verlieren. Da Persönlichkeitsentwicklung und Lernen miteinander einhergehen, ist das eine nicht ohne das andere zu betrachten. Lernen geschieht durch die Persönlichkeit. Die Persönlichkeit ihrerseits entwickelt sich in und durch Beziehung. Um diese Prozesse zu fördern, verhalten sich die Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten nicht als «Lehrmeisterin» oder «Trainer», sondern begeben sich in eine sensible therapeutische Haltung und Beziehung. Diese fördern und erleichtern Veränderungen und damit Entwicklungs- und Lernprozesse.
3.9 Grundlegende Prinzipien lerntherapeutischen Vorgehens im Kontext Orientierung am Kind
Zuerst geht es darum, das Kind zu verstehen zu versuchen, eine Vertrauensatmosphäre und eine gute Beziehung herzustellen.
Jedes Kind hat einen Entwicklungsstand, eine Lernausgangsbasis beziehungsweise Lernausgangslage. Diese gilt es mit förderdiagnostischen Methoden wie Anamnese, Verhaltensbeobachtung, Kind-Umfeld-Analyse, Screenings und gegebenenfalls psychologischen Tests zu finden.
Jedes Kind hat Ressourcen, Stärken, Kompetenzen und Möglichkeiten, daran sollte man anknüpfen.
Dann gilt es, einen – vorläufigen – an den individuellen Möglichkeiten orientierten Förder- und Lerntherapieplan zu erstellen, wobei die Ziele erreichbar sein müssen. Diese Planung muss für zukünftige Entwicklungen offen sein.
Die Erfahrungen des Klienten «Ich kann nichts oder nur wenig» lässt sich durch die Erfahrung «Ich kann ja etwas, ich habe Erfolge» ablösen.
Lernprozesse sollen in Richtung Zone der nächsten Entwicklung initiiert werden, also Lernen Schritt für Schritt, dabei ist es wichtig, Eigenkonstruktionen des Klienten oder der Klientin zu berücksichtigen, das heisst Über- oder Unterforderung zu vermeiden, gegebenenfalls Lernprozesse zu variieren.
Das bedeutet, auf Motivation, das heisst, auf Freude am Lernen beziehungsweise Handeln, zu achten und den Förderprozess entsprechend den grundlegenden Bedürfnissen von Kindern nach Emotionalität, Beziehung, Neugierde, Bewegung und Wahrnehmung zu gestalten. Der Förderprozess sowie konkrete Förder- und Lernangebote werden in spielerische Prozesse eingebettet, denn das Spiel als spezielle, intrinsisch motivierte, grundlegende Handlungs- und Lernform vermittelt Freude.
Über erfolgreiche Lernschritte wird gesprochen, neues Können wird transparent gemacht und Lernfortschritte, die zwischen der Lernausgangslage (Ist-Stand) und dem Fortschritt, beziehungsweise dem Lern- und Therapieziel (Soll) passiert sind werden aufgezeigt.
Personen, die Lernende unterrichten und fördern, brauchen Flexibilität und die Fähigkeit, aktuelle Bedürfnisse zu erkennen und in den Förderungsprozess einzubeziehen (vgl. Bundschuh, 2008, S. 189ff.).
Meist findet Lernen als kommunikativer Prozess in enger Verbindung mit der Eigenaktivität und Eigenkonstruktion der jeweiligen Person statt. Entwicklung ist auch in hohem Masse von der Umwelt insgesamt abhängig, die geistige Entwicklung und damit das Lernen von der Kommunikation, von Anregungen und Begegnungen. Der Weg zum Kind, zum Menschen überhaupt, führt über die emotional bedeutsamen und beziehungsstiftenden Prozesse mitmenschlicher Kommunikation.
Lerntherapie trägt dazu bei, dass sich eine Klientin oder ein Klient neu wahrnehmen und sich von behindernden Bedingungen befreien kann. Neuwahrnehmung heisst hier, Möglichkeiten, Fähigkeiten, Ressourcen, Eigenaktivitäten und Kompetenzen kognitiver, sozialer, emotionaler und motorischer Art – trotz behindernder Bedingungen – in den Vordergrund der Wahrnehmung eines Klienten zu stellen. Erziehung und Bildung dürfen nicht vom unversehrten, störungsfreien, vollkommenen menschlichen In-der-Welt-Sein als Voraussetzung und Zielsetzung ausgehen. Jedes Kind trägt die ganze Würde des Menschen in sich und ist in seinem Sosein zu achten, zu akzeptieren und wertzuschätzen. Lerntherapie geht auf der Basis pädagogischer Verantwortung und Fachkompetenz Beziehungen ein, gestaltet und reflektiert sie.
Der Begründer der hier akzentuiert vorgestellten Lerntherapie, Armin Metzger, hat durch seine Publikationen «Lerntherapie. Wege aus der Lernblockade – Ein Konzept» (2001) und «Lerntherapie in Theorie und Praxis» (2008) sowie durch die Gründung des «Instituts für Lerntherapie» in Schaffhausen nicht nur zu einem neuen Verständnis von Lernblockaden, Konzentrationsschwierigkeiten, Motivationsmängeln, Prüfungsängsten und Frustrationspotenzial beigetragen, sondern vor allem auch praktische Wege der therapeutischen Begegnung aufgezeigt.
Literatur
Buber, Martin: Das dialogische Prinzip. 10. Auflage. Heidelberg: Schneider Verlag, 2006.
Bundschuh, Konrad (Hrsg.): Wahrnehmen – Verstehen – Handeln. Perspektiven für die Sonder- und Heilpädagogik. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 2000.
Bundschuh, Konrad: Emotionalität, Lernen und Verhalten. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 2003.
Bundschuh, Konrad: Heilpädagogische Psychologie. 4. Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag, 2008.
Bundschuh, Konrad: Allgemeine Heilpädagogik. Stuttgart: W. Kohlhammer, 2010.
Bundschuh, Konrad: Förderdiagnostik konkret. Theorie und Praxis für die Förderschwerpunkte Lernen, geistige, soziale und emotionale Entwicklung. 2. Auflage. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, 2019a.
Bundschuh, Konrad & Winkler, Christoph: Einführung in die sonderpädagogische Diagnostik. 9. Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag, 2019b.
Haeberlin, Urs: Das Menschenbild für die Heilpädagogik. 3. Auflage. Bern: Haupt Verlag, 1994.
Kobi, Emil E.: Diagnostik in der heilpädagogischen Arbeit. 5. Auflage. Luzern: Verlag der Schweizerischen Zentralstelle für Sonderpädagogik, 2003.
Kobi, Emil E.: Personale Heilpädagogik. Kulturanthropologische Perspektiven. Berlin: BHP Verlag, 2010.
Metzger, Armin: Lerntherapie – Wege aus der Lernblockade. 2. Auflage. Bern: Haupt Verlag, 2002.
Metzger, Armin: Lerntherapie in Theorie und Praxis. Bern: Haupt Verlag, 2008.
Metzger, Armin: Lerntherapie. In: Wember, Franz; Stein, Roland & Heimlich, Ulrich (Hrsg.): Handlexikon Lernschwierigkeiten und Verhaltensstörungen. Stuttgart: W. Kohlhammer, 2014, S. 143f.
Möckel, Andreas: Das Paradigma der Heilpädagogik. Würzburg: Bentheim, 2019.
Moor, Paul: Heilpädagogik. Ein Pädagogisches Lehrbuch. 3. Auflage. Bern: Verlag Hans Huber, 1974.
Palfi-Springer, Sandra: Paul Moor – Impulsgeber einer Sinnorientierten Heilpädagogik. Berlin: BHP, 2019.
4 Lerntherapie – was ist das? Der therapeutische Aspekt der Lerntherapie
Barbara Indlekofer
Was ist Lerntherapie? Der im Wort Lerntherapie enthaltene Begriff Therapie weist darauf hin, dass es dabei um etwas anderes als um Nachhilfe geht. Im Vordergrund der Nachhilfe steht nämlich das fehlende, nicht verstandene Fachwissen: Zunächst werden mittels Lernstandkontrollen fachspezifische Wissenslücken eruiert, dann beginnt das gemeinsame Aufarbeiten des fehlenden Schulstoffs unter fachkundiger Anleitung und Begleitung des Nachhilfelehrers. Ziel ist das raschestmögliche Schliessen der Wissenslücken, sodass bessere Noten erreicht werden und die Ausbildung erfolgreich weitergehen respektive abgeschlossen werden kann. Die in der Nachhilfe thematisierten Fragen betreffen den Unterrichtsstoff, den man sich anzueignen hat. Das Subjekt des Lernens, der Lernende in seiner psychischen Befindlichkeit, spielt dabei kaum eine Rolle. Das muss auch nicht zwangsläufig sein: Sind die Lernschwierigkeiten primär Verstehensschwierigkeiten, die im Nachhilfeunterricht so aufgearbeitet werden können, dass ein Lernfortschritt objektiv in Form von besseren Noten sichtbar wird, und bleibt diese Leistungsverbesserung in etwa auch stabil, braucht es auch keine Lerntherapie. Was aber, wenn die Nachhilfe nicht fruchtet? Wenn die oder der Lernende den Stoff in der Übungsstunde zwar begriffen, in der Prüfungssituation aber das Wissen und Können einfach nicht mehr zur Verfügung hat? Hier geschieht etwas mit dem Subjekt, das keine Nachhilfe zu beheben weiss. Zudem treten Lernschwierigkeiten ja nicht einzig in Form von kognitiv bedingten Verstehensschwierigkeiten auf; auch Konzentrations- und Motivationsprobleme können das Lernen behindern und auch in solchen Fällen greift Nachhilfeunterricht als Fördermassnahme nicht. Denn Nachhilfeunterricht setzt genau dies: ein sogenannt lernwilliges und lernfähiges Subjekt als unabdingbare Basis schon voraus.
4.1 Die Grundgedanken der Lerntherapie
Lernen und Lernerfolg ist aber mehr als eine rein kognitive Leistung, die losgelöst vom Subjekt und seiner psychischen Verfassung stattfindet, daher lassen sich Lernschwierigkeiten und ausbleibender Lernerfolg auch nicht immer mit dem Verweis auf fehlendes Fachwissen und fehlende Fachkompetenz erklären. Es kann sein, dass die Lernfähigkeit aufgrund der psychischen Verfassung des oder der Lernenden blockiert ist, dann ist eine Lernschwierigkeit Anzeichen oder Ausdruck einer psychischen Schwierigkeit und in solchen Fällen kann die Lerntherapie weiterhelfen. Denn die Lerntherapeutin, der Lerntherapeut geht zwar auch auf die Lernschwierigkeiten des Subjekts ein, betrachtet und thematisiert diese aber nicht isoliert, sondern fragt immer auch nach dem Verhältnis von Subjekt und Lernschwierigkeit: Seit wann bestehen die Lernschwierigkeiten, in welchen Situationen treten sie auf, wie äussern sie sich? Und: Wie wirken sie sich auf die Lernende aus, wie reagiert das (familiäre) Umfeld? Was könnten die möglichen Gründe für die Lernschwierigkeit sein, welchen Sinn und Zweck auch könnten sie haben?[19] Indem der Lerntherapeut Fragen dieser Art stellt, behandelt er eine Lernschwierigkeit nicht primär als Wissenslücke, die es so schnell als möglich zu beheben gilt, sondern als ein Phänomen, das etwas über das Subjekt selbst aussagt, etwas mit ihm und seiner Geschichte zu tun hat. Und darum auch kann die Lernschwierigkeit nicht losgelöst vom Subjekt und seiner psychischen Verfassung und seiner Geschichte angegangen werden.[20] Diese Grundgedanken der Lerntherapie sollen anhand des folgenden Einblicks in ein Erstgespräch illustriert werden.
4.2 Einblick in ein Erstgespräch – Illustration der lerntherapeutischen Grundgedanken
Sophia[21] ist eine 14-jährige Jugendliche, die seit neun Monaten das Gymnasium besucht. Zurzeit hat sie jedoch in vier Fächern ungenügende Noten, die sie nicht kompensieren kann, und das heisst, dass ihre Promotion in drei Monaten gefährdet ist. Für die Fächer Mathematik und Französisch nutzt sie bereits seit vier Monaten das kostenlose Nachhilfeangebot der Schule, dieses Engagement hat aber bislang noch zu keiner Leistungsverbesserung geführt. Da sie in der vorhergehenden Schulstufe eine gute Schülerin gewesen ist und die für das Gymnasium erforderlichen Noten auch erbringen konnte, vermuten ihre Eltern, dass Sophia «falsch» lernt. Dies ist dann auch das Anliegen, das sie an die Lerntherapeutin haben: Sie soll mit Sophia die dem Gymnasialstoff angemessenen Lerntechniken und Lernstrategien erarbeiten.
Im Erstgespräch, bei dem auch die Eltern präsent sind, berichtet Sophia, dass sie am Gymnasium viel Zeit ins Lernen investiere, sie gehe regelmässig in die Nachhilfe und lerne zudem auch zusammen mit ihrer Mutter. Sie wolle ja unbedingt am Gymnasium bleiben, darum organisiere sie sich dort, wo sie etwas nicht verstehe, Hilfe.
Zu den einzelnen Fächern erzählt sie, dass sie in Mathematik dem Unterricht einfach nicht folgen könne, alles gehe so schnell und sie begreife die Erklärungen des Lehrers nicht.
In Französisch habe sie mittlerweile eher Angst, da sie die Arbeitsaufträge während der Stunde wie auch die Fragen im Test oftmals nicht verstehe. Im Fach Geschichte würde sie vielfach die Jahreszahlen verwechseln, sie habe jeweils auch Mühe, die Texte zu verstehen, da würden so viele neue Wörter vorkommen, die sie nicht verstehe. In Biologie sei die Zeit zum Lernen für die Prüfung eher knapp, es seien nämlich stets sehr viele Lernziele, die sie erreichen müsse. Sowieso sei Biologie für sie ein neues Fach, das habe sie in der vorhergehenden Schule gar nicht gehabt, auch darum bereite ihr dieses Fach Schwierigkeiten.
Auf die Nachfrage der Lerntherapeutin, wie denn ihre jetzige Schulsituation auf sie wirke, antwortet sie, sie habe keine Bauchschmerzen oder Schlafprobleme; stressig empfinde sie aber die dauernden Raumwechsel von einem Fachzimmer ins andere – sie habe auch jetzt, nach neun Monaten, noch Mühe, das jeweilige Zimmer zu finden, obwohl sie eigentlich einen guten Orientierungssinn habe. Zum Glück könne sie sich da auf ihre Freundin verlassen, die sie jeweils mitnehme.
All dies erzählt Sophia freimütig und unbefangen, insgesamt wirkt sie recht heiter. Nun übernimmt die Mutter das Wort und erzählt:
Sie lerne viel mit Sophia zusammen. Damit das möglich ist, hat die dreiköpfige Familie den Alltag umgestellt: Früher gab es ein kaltes Mittag- und ein warmes Abendessen, nun gibt es für die dreiköpfige Familie ein warmes Mittagessen, das die Mutter am Morgen, wenn Sophia in der Schule ist, vorkocht, am Abend gibt es ein kaltes Abendessen, am Nachmittag lernt sie mit ihrer Tochter. Die Mutter tritt dabei recht engagiert auf; sie beschreibt, wie sie zusammen mit Sophia lernt, und sagt bezüglich des Faches Biologie: «Wir lernen das so», und führt dann aus, dass sie mit Sophia den Lernstoff zusammenfasst, Sophia diesen dann auswendig lernt und die Mutter sie schliesslich darüber abfragt. Vielleicht aber, so meint die Mutter, gebe es ja bessere Methoden, das sei eben ihr Anliegen an die Lerntherapeutin: professionelle Unterstützung im Bereich von Lerntechnik und Lernstrategien, dies im zeitlichen Rahmen von fünf Stunden, da die Finanzierung der Lerntherapie für die Familie doch eine Budgetbelastung darstelle.
Hier schaltet sich der Vater ins Gespräch ein und meint, dass sie alle beim Wechsel ins Gymnasium «auf die Welt gekommen» seien. Es sei doch eine grosse Umstellung hinsichtlich der Anforderungen. Sophia müsse nun aber halt selbst «den Knopf aufmachen und sich durchbeissen».
Sophia verhält sich während der Ausführungen der Eltern sehr ruhig, sagt kaum etwas. Sie wirkt aber keineswegs bedrückt, sondern vielmehr als aufmerksame und interessierte Zuhörerin.
Welche Informationen erhält die Lerntherapeutin nun aufgrund dieses Erstgesprächs?[22] Da sind zunächst einmal die Aussagen zu den konkreten Lernschwierigkeiten, die wie folgt zusammengefasst werden können: Sophia bekundet Schwierigkeiten beim Nachvollzug mathematischer Erklärungen und im Französisch fehlt ihr wohl ein Teil des nun erwarteten Vokabulars; zudem hat sie Mühe beim Lesen und Verstehen von Sachtexten, beim Memorieren von Jahreszahlen sowie beim Erarbeiten von umfangreichen Stoffmengen. Diese Schwierigkeiten bestehen seit dem Wechsel von der Sekundarstufe I ins Gymnasium und äussern sich in Form von ungenügenden Noten.
Welche Auswirkungen haben diese Schwierigkeiten auf Sophia? Da die Promotion gefährdet ist, steht sie, die am Gymnasium bleiben möchte, zwar unter einem gewissen Leistungsdruck, sie reagiert darauf aber nicht mit psychosomatischen Beschwerden – diesbezüglich scheint sie also stabil zu sein. Hinsichtlich der Auswirkungen der Lernschwierigkeiten auf das Umfeld, die Familie sind dann aber doch recht grosse Veränderungen zu verzeichnen: Der Familienalltag wurde umorganisiert, so dass die Mutter mit Sophia lernen kann, und das heisst ja auch, dass die Mutter und Sophia aufgrund des gemeinsamen Lernens mehr Zeit miteinander verbringen. Zudem kann auch vermutet werden, dass die Mutter, die über keinen Gymnasialabschluss verfügt, selber auch einiges für sie Neues erlernt. Der Vater, der einen handwerklichen Beruf ausübt, bleibt hingegen bei diesem Lernsetting von Mutter und Tochter aussen vor, ist dabei eher ein passiv Beteiligter. Indem sich die Lerntherapeutin nach dieser Bestandsaufnahme nun nach dem Warum von Sophias Lernschwierigkeiten fragt, und damit sowohl deren mögliche Gründe wie auch deren potenziellen Sinn und Nutzen meint, formuliert sie eine vorläufige Hypothese.
4.2.1 Eine erste vorläufige Hypothese
Es kann gut sein, dass Sophia von den höheren Anforderungen, die nun am Gymnasium an sie gestellt werden, sowohl kognitiv wie auch bezüglich der Lerntechniken und Lernstrategien ziemlich stark gefordert ist. Es kann auch sein, dass die Umstellung an sich, sich in eine neue Lernumgebung einleben zu müssen (neues Schulhaus, neue Lehrpersonen, neue Fächer, neue Klasse) für Sophia nicht einfach ist – darauf deuten gleich mehrere ihrer Aussagen: Biologie sei für sie ein neues Fach, Fremdwörter, also: ihr fremde Wörter, würden ihr Schwierigkeiten bereiten wie auch die Aussage, dass sie trotz grundsätzlich gutem Orientierungssinn immer noch Mühe habe, sich im Schulhaus zurechtzufinden. So betrachtet kann es auch sein, dass die Umstellung, der Schritt von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II an die weiterführende Schule bei Sophia Unsicherheit und Angst auslöst und sie darauf mit Regression reagiert, und das heisst, dass sie bereits erworbene Positionen der Reife aufgibt und sich auf eine frühere Position zurückzieht, in der sie wieder vermehrt mütterliche Zuwendung und Pflege erfährt. Darin würde dann auch Sinn und Nutzen der Lernschwierigkeit bestehen: Sie und ihre Lernschwierigkeiten geben zu reden, sie erhält von mehreren Personen viel Aufmerksamkeit, in der Familie wurde der Ablauf extra für sie umgestellt, auf dass ihre Mutter sich wieder intensiv um sie kümmern kann. Angesichts dieses Nutzens, den Sophia aus ihren Lernschwierigkeiten ziehen kann, stellt sich der Lerntherapeutin die Frage, ob denn Sophia den «Knopf» überhaupt aufmachen will, wie es der Vater ja von ihr fordert. Die Frage nach dem Nutzen der Lernschwierigkeit stellt sich aber nicht einzig in Bezug auf Sophia; sie stellt sich ebensosehr in Bezug auf die Mutter: Beim gemeinsamen Lernen – sie meinte ja: «Wir lernen das so» – erweitert sich auch das Wissen der Mutter und das scheint etwas für sie zu sein, was ihr zusagt, sonst würde sie wohl kaum den tradierten Tagesablauf umstellen, und von ihr kam auch die Frage, ob es bessere Lerntechniken gebe. Und nicht zuletzt gilt es auch zu fragen, ob die Mutter denn überhaupt will, dass Sophia diesen «Knopf», mittels dessen sie ihrer Tochter derart verbunden bleiben kann, auflöst.



