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Die meisten Übungen sollten mindestens zweimal durchgeführt werden. Das hat einen tieferen Grund: Um ein Muster zu erkennen, braucht man mindestens zwei oder drei Beispiele. Einmal ist in diesem Fall keinmal. Für Maschinen ergibt eine Wiederholung keinen Sinn. Zweimaliges Speichern erzeugt keine höhere Datendichte und keine erweiterte Sicherheit. Die zweite Speicherung überschreibt einfach die erste. Bewusstseinssysteme hingegen brauchen mehrere Beispiele, um eine Regelmäßigkeit zu erkennen. Eine Übung noch einmal mit einer anderen Person durchzuführen, bedeutet nicht, dass es beim ersten Mal nicht geklappt hat und man jetzt noch mal ranmuss, etwa im Sinn einer maschinellen Produktion. Nein, der menschliche Geist braucht weitere Beispiele, um zu wachsen, um Strukturen zu erkennen und diese auszubilden. Ohne Wiederholungen gibt es keine Muster, keine Struktur, und ohne Muster und Struktur wird es schwierig, Wissen aufzubauen und auszubilden.
Wenn eine Übung ein zweites Mal durchgeführt wird, so wirkt es nur für einen äußeren Beobachter als Wiederholung – für das erlebende Subjekt läuft intern nie das Gleiche ab, weil seine Wahrnehmung und damit es selbst sich geändert hat. Menschen können sich erinnern, sie können ihre Perspektive verändern – Maschinen nicht. Haben Sie also keine Angst vor Wiederholungen.
Gruppeneinteilung und «Wir-Gefühl»
Fast alle hier beschriebenen Übungen finden in Gruppen statt. Für das entstehende «Wir-Gefühl» der Gruppe ist es hilfreich, wenn immer die Teilnehmenden zusammenarbeiten, die sich am wenigsten kennen. Die Aufforderung könnte etwa so lauten: «Bildet bitte Gruppen mit Leuten, die ihr noch möglichst wenig kennt. Zieht bitte bewusst in die Fremde!» Diese Aufforderung lässt den Teilnehmenden die Wahlfreiheit und hat zugleich viele Vorteile:
•«Gleich und Gleich gesellt sich gern!» Der Mensch strebt nach Sicherheit und nach Nähe. Das ist menschlich, begünstigt in einem Kurs jedoch eine Grüppchenbildung. Wenn nach Unvertrautem statt Vertrautem gesucht wird, entstehen neue Gruppen.
•Stellt man sich die Gruppe als die Summe einzelner Pflanzen (Teilnehmende) vor, so sind manche von Beginn an schon recht eng zusammengewachsen (etwa ein Ehepaar), andere sind hingegen noch isoliert. Möchte man, dass die gesamte Gruppe zusammenwächst, ist es eine effektive Strategie, wenn immer die Pflanzen zueinander finden, die bisher am wenigsten miteinander zu tun hatten. Auf diese Weise entsteht in der Gruppe schnell ein «Wir-Gefühl».
Kommunikation schafft die Fäden und die Vernetzung zwischen den Teilnehmenden. Als Leiterin oder Leiter können Sie die Kommunikationsstruktur im Kurs mitgestalten. Zwar können Sie ein «Wir-Gefühl» nicht erzwingen, jedoch günstige Bedingungen dafür schaffen.
•Im Heimatgebiet (vgl. Kapitel 6.4, S. 108) fühlt man sich geborgen und sicher, aber meist lernt man mehr in der Fremde. «Reisen bildet», und zwar durch die Erfahrung mit fremdem Gedankengut. In einem Kurs oder einem Workshop bedeutet das für alle Teilnehmenden eine Erfahrung mit anderen Bewusstseinssystemen.
•Der Mensch ist ein Subjekt. Grundlegend für jegliche Kommunikation beziehungsweise deren Modelle ist die Subjektivität: Jeder Mensch ist anders, denkt anders und erlebt anders. Dieselbe Äußerung kann auf verschiedene Menschen völlig anders wirken, weil jede Person einen anderen Hintergrund hat, anders denkt und andere Erfahrungen gemacht hat.
•Um Strukturen zu erkennen, bedarf es mehrerer Beispiele (vgl. «Doppelte Durchführung der Übungen», S. 18). Wer immer mit denselben Personen zusammenarbeitet, der kann schwerlich erkennen, was individuell und persönlich ist und was von allgemeiner Natur ist. Wer nur mit einem Menschen zusammenarbeitet, der kann auch nur aus den mit diesem Menschen gemachten Erfahrungen seine Wirklichkeit konstruieren. Mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern kann mehr «Datenmaterial» gesammelt werden, um Wissen und Strukturen aufzubauen.
Leitungsrolle
Behalten Sie als Leiterin oder Leiter stets die Gruppe im Blick und bleiben Sie bei den Übungen außen vor. Sie sind Leiterin oder Leiter und nehmen nicht direkt teil an der Übung. Nur so können Sie von außen intervenieren. Achten Sie auf die Dynamik im Raum. Die Gruppe kann (als System) ihr eigenes Handeln und Erleben nicht von außen beurteilen. Sie hält häufig nur den unmittelbaren Moment für sehr wichtig, hat wenig Gespür für zeitliche Abläufe und verliert sich gerne in Einzelheiten. Wenn Sie als Spielleiterin oder Spielleiter nicht auf das gesamte Seminar blicken, tut es niemand. So wird nach Ablauf eines erfolgreichen Lehrgangs von der Gruppe häufig die Besonderheit der Teilnehmenden betont. Hingegen werden Ihre Klarheit als Leiterin oder Leiter und Ihr strukturelles Handeln eher nicht wahrgenommen. Last but not least: Es ist leichter, zu zweit eine Gruppe anzuleiten. Als alleinige Leiterin oder alleiniger Leiter stehen Sie (in Ihrer Rolle) auch allein da.
Kapitel 2 Wissenskonstruktionen
Allgemein betrachte ich Kommunikation nun anders und frage mich ständig: Was will diese Person mir nun sagen? Interpretiere ich vielleicht zu viel in die Aussagen hinein?
2.1 Konstruktionen
Was sehen Sie?

Was denken Sie?
Interessant. Unser Gehirn fängt automatisch an, einen Zusammenhang zu suchen.9 Was hat ein Salzstreuer mit einem Klebstoff zu tun? Muss der Salzstreuer repariert werden, sitzt der Deckel nicht richtig? Kann aus Klebstoff und Salz ein noch besserer Klebstoff hergestellt werden? Ist Salz selbst eine Art Kleber, vielleicht ein schlechter, aber dennoch verwendbar für bestimmte Zwecke? Und so weiter.
Sie können nicht anders: Sie denken automatisch (lateinisch automatus: «freiwillig, aus eigenem Antrieb handelnd»; griechisch αUTόμαTOς automatos: «von selbst geschehend»), auch wenn es für die Vermittlung von Wissen äußerst geschickt wäre, wenn man als Geschäftsführer, Abteilungsleiterin, Redner oder Lehrerin bestimmen könnte, was der Empfänger denken sollte. Aber: Ich kann Ihnen nicht befehlen, was Sie denken sollen. Das entscheiden Sie beziehungsweise Ihr Bewusstseinssystem. Das Gehirn ist ein autonomer Datengenerator10 und keine Maschine, die Daten nach einem vorhersehbaren Schema bearbeitet.
Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihre Gedanken im Augenblick etwas mit einem Salzstreuer, einem Klebstoff, diesem Text oder mit dessen Autor zu tun haben. Als Autor kann ich eine Richtung vorgeben, ich kann den Fokus auf bestimmte Dinge legen und Ihre Aufmerksamkeit lenken. Es braucht lediglich eine Bühne, um das Gehirn arbeiten oder etwas konstruieren zu lassen. Hier ist die Bühne diese Buchseite.

Zeigen Sie das Bild mit dem Salz Ihrem Partner, Ihrem Kind, Ihrer Nachbarin: Jedes Mal werden Sie eine andere Konstruktion erhalten. Als ich (als Sender) das Bild gemacht habe, suchte ich in meiner Wohnung zwei Gegenstände, die nichts miteinander zu tun haben sollten. Das war für Sie höchstwahrscheinlich nicht vorhersehbar.
Es gibt keine Schnittstelle zwischen Sender und Empfängerin
Es gibt keine direkte Schnittstelle zwischen Mensch und Mensch. Vielmehr muss der Empfänger aus dem vom Sender angebotenen Material (verbal und nonverbal) die eigene Wirklichkeit konstruieren. Es gilt die auf den ersten Blick paradoxe Aussage der Kommunikationspsychologie:
Der Empfänger entscheidet, was gesagt wurde.

Aber der Empfänger ist nur ein Teil der Kommunikation. Es kommt natürlich darauf an, was der Sender an Material anbietet, aus dem sich der Empfänger die persönliche subjektive Wirklichkeit aufbaut. Somit gilt auch:
Der Sender beeinflusst, worüber der Empfänger nachdenkt.
Aber diese «Beeinflussung» ist sehr individuell. Der Empfänger kann Dinge komplett übersehen, andere aber hinzufügen. In der kommunikativen Praxis werden Dinge vergrößert und verkleinert. Die Skizze oben ist demnach nicht ganz richtig, der Empfänger puzzelt dort «nur» die Bauteile des Senders zusammen. Es ist aber so, dass der Empfänger die ganze persönliche Vergangenheit für die Konstruktion nutzt und benutzt. Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, er kann sich «erinnern». Diese Erinnerungen sind grundlegend für künftige Konstruktionen und das persönliche Kommunikationsverhalten.
2.2 Unterschiedliche Empfänger, unterschiedliche Deutungen
Obwohl es in der Theorie klar ist, dass «der Empfänger entscheidet», überrascht die Praxis häufig. Ich bin mir sicher, dass Vorträge, Vorlesungen und der ganze Unterricht anders verlaufen würden, wenn der Sender Einblick in die Gehirne des Publikums beziehungsweise in deren Konstruktionen hätte.11

Ein leerer Tisch (Bühne) wird an einen zentralen Ort geschoben, sodass alle Zuschauenden freie Sicht haben. Die Leiterin oder der Leiter legt einen Gegenstand, zum Beispiel ein Stück Papier, auf den Tisch. Automatisch beginnt das Gehirn zu konstruieren.
Es wird nicht gesprochen. Wer einen Gedanken hat, verschränkt die Arme. Wenn alle Arme verschränkt sind, dürfen die Teilnehmenden sich äußern.

Es gibt die unterschiedlichsten Konstruktionen:
•Ich muss noch das Altpapier rausbringen.
•Ist das ein Brief?
•Wem gehört es?
•Jetzt wird etwas darauf geschrieben.
•Machen wir jetzt eine Faltübung?
•Das ist ein Rechteck.
•Das Papier liegt nicht in der Mitte des Tischs.
•Warum wird hier kein Umweltschutzpapier verwendet?
•Ein leeres Blatt.
•Ein unbeschriebenes Blatt.
•Steht auf der Rückseite etwas drauf?
•Das ist der Beginn einer Symmetrieübung. Mit einer Schere werden Formen hineingeschnitten und anschließend aufgefaltet.
•Weiße Farbe.
•Das ist ein DIN-A6-Postkartenformat.
Und so weiter.
Sehr interessant. Die (nonverbale) Äußerung bestand lediglich aus dem Hinlegen eines Stücks Papier. Der Sender hat sich vielleicht gar nichts dabei gedacht, und trotzdem wird alles Mögliche – je nach Vorerfahrung des Empfängers – konstruiert. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass der Sender bei vielen Antworten recht irritiert darüber ist, was man alles aus der Äußerung herauslesen kann. Man stelle sich eine Lehrperson vor, deren Klasse die Aussage interpretiert. Es wundert nicht, wenn diese mit den Worten «Das habe ich nicht gesagt!» oder «Ich habe doch ganz klar gesagt, dass …» reagiert. Tatsächlich ist eine Äußerung alles andere als klar. Auch wenn die Lehrperson sich klar ausdrücken kann: Kommunikation geschieht zwischen Lehrperson, und Lernenden und Letztere haben die Macht der Deutung.

Sie können einen Schritt weitergehen und ein bestimmtes Denken aufzwingen beziehungsweise diktieren: Etwa «schreiben», «schneiden» oder «anzünden»:



Didaktisch eine wunderbare Sache: Die meisten Zuschauenden denken jetzt ähnlich. Die Assoziation mit dem Papier ist vom Kontext, seiner Umgebung, abhängig. Und doch denken immer noch nicht alle das Gleiche. Es gibt zwei Gründe für die Unterschiedlichkeit der Konstruktionen.
Erster Grund: Uneindeutigkeit der Assoziation durch Vorerfahrung
Der Mensch ist keine triviale Maschine. Es kommt auf die Vorerfahrung der Person an. In den obigen Beispielen herrscht weitgehend Einigkeit, weil Sie als Leserin oder Leser in einem Kulturkreis aufgewachsen sind, in dem Sie unzählige Male gesehen haben, dass man mit einem Stift schreiben, mit einer Schere schneiden und mit Streichhölzern ein Papier anbrennen kann. Die Bilder docken unmittelbar an Ihre Erfahrung und Umwelt an. Wenn diese Übung mit Marsmenschen gemacht würde, kämen diese bei Papier und Bleistift wahrscheinlich auf ganz andere Gedanken. Was für Assoziationen oder Gedanken entstehen, hängt entscheidend vom Kulturkreis und der sozialen Prägung ab.
Legt die Leiterin oder der Leiter weitere Gegenstände hinzu, ist die Sache weniger eindeutig.

Die Gegenstände «er-innern»12 mich an den Modellbau mit meinem Sohn. Mit der Schere werden Hölzchen in einen Flugzeugrumpf an- und eingepasst und mit Papier anschließend verstärkt. Ich bin mir sicher, dass Sie nicht an das Einpassen eines Hölzchens in einen Flugzeugrumpf gedacht haben – das ist eine zu spezifische Erfahrung. Irgendetwas mit «Basteln» werden Sie vielleicht gedacht haben, und je nachdem, was Sie beim Basteln erlebt haben, ist Ihre Assoziation mit positiven oder negativen Gefühlen besetzt.
Das Gehirn konstruiert aus vorhandenem Wissen und persönlichen Erlebnissen zusammen mit dem vorgelegten Material eine Bedeutung.
Zweiter Grund: Unser Gehirn versucht zu vereinfachen.
Was sehen Sie hier? Was denken Sie?

Die Suche nach einer Struktur ist immer auch die Suche nach einer Vereinfachung. Einfachheit kommt vor Komplexität. Aus der scheinbar willkürlichen Anordnung vieler Dinge ist ein Chaos entstanden. Ab einer bestimmten Anzahl von Elementen beginnen wir abzuzählen. So erfassen wir eine Anzahl von vier Dingen mit einem Blick, ab fünf zählen wir nach. Auf diese Weise werden bei Strichlisten meist Fünferpäckchen zusammengefasst. Statt


2.3 Unterschiedliche Sender ergeben unterschiedliche Beobachtungen
Jede Äußerung stammt von einem Beobachter und ist somit subjektiv.13 Jeder Sender ist immer ein Beobachter.
Man könnte grundsätzlich den Eindruck erhalten, dass der Sender sich prinzipiell klar ausdrücken kann, dass eine Art objektive Beschreibung geäußert wird. Aber auch diese Äußerung, die auf der individuellen Wahrnehmung basiert, ist letzten Endes ein Konstrukt der persönlichen Erfahrung und der Umwelt, was die folgende Übung eindrucksvoll zeigt.

1. Vorbereitung
Diese Übung lässt sich ab einer Gruppengröße von zirka acht Teilnehmenden durchführen. Es wird ein für die Teilnehmenden unbekannter Ort gewählt. Das kann ein Museum, eine Kirche, ein bestimmter Raum, eine Seitenstraße, eine Waldlichtung oder eine Kunstsammlung sein. Die Teilnehmenden gehen paarweise zusammen und einigen sich, wer Sender und wer Empfänger ist. Dem Empfänger werden vor der Begehung die Augen verbunden.

Das Ausschalten von Sinnesorganen bedeutet für den Empfänger immer auch einen Kontrollverlust. Die Person muss der anderen «blind» vertrauen. Da das Gehirn stets lernt, lernt es auch, dass man enttäuscht werden kann, wenn man vertraut. Daher ist es wichtig, dass sich die Sender ihrer Fürsorgepflicht bewusst sind. Wenn das Bewusstsein für Verantwortung in der Gruppe noch nicht ausgeprägt ist, ist diese Übung nicht zu empfehlen.
Anschließend wird die Gruppe zu einem für sie unbekannten Ort geführt.

Ergänzung
Wird der Weg schweigend zurückgelegt, ist die anschließende Übung wertvoller. Dabei reicht es, wenn die sehenden Sender nicht sprechen dürfen. Die Kommunikation «erstirbt» automatisch, wenn der Sender sich gegenüber der Blinden oder dem Blinden weder verbal noch nonverbal äußern kann.
Das Schweigen kann durch ein Spiel beziehungsweise ein Rätsel «erzwungen» werden: Auf ein Zeichen der Führungsperson suchen sich die sendenden Personen einen neuen Empfänger. Dieser wird dann zu dem unbekannten Ort geführt. Aufgabe des Empfängers ist es, auf dem Weg herauszufinden, von wem er geführt wird. Die führende Person «kann» jetzt nicht mehr sprechen, weil sie sich sonst verrät.
Beim Ankommen muss der Sender die Identität nicht preisgeben. Es ist interessanter, wenn die Person unerkannt bleibt. Es gibt noch einen weiteren Grund, die Sache zumindest nicht sofort aufzulösen: Die Konzentration beziehungsweise die Stille bleibt beim Ankommen erhalten.
2. Verschiedene Sender äußern sich
Ist das Ziel erreicht, bleiben die Blinden stehen. Die Sender wechseln ihre Plätze, sodass jeder ein neues Gegenüber erhält. Jetzt wird der unbekannte Ort begangen und beschrieben. Jeder Sender beschreibt der blinden Person den Ort so gut wie möglich. Nach zirka drei bis vier Minuten suchen sich die Sender einen neuen Empfänger. Der Wechsel kann – muss aber nicht – von der Gruppenleitung getaktet werden.
Insgesamt wird mindestens dreimal gewechselt, sodass jeder Empfänger am Schluss drei verschiedene Darstellungen derselben Realität erhalten hat. Die Beschreibungen sind häufig grundlegend verschieden. Was der einen Person sehr wichtig ist, lässt die andere komplett aus, manche versuchen, «alles» zu beschreiben beziehungsweise eine Übersicht zu geben, andere gehen exemplarisch vor und beschreiben «nur» ein Detail. Die einen beschreiben sachlich nüchtern (zirka zwölf Meter hoch, die Säule hat einen Durchmesser von zirka vierzig Zentimetern; Bänke sind aus hellbraunem Holz und so weiter), die anderen arbeiten mit emotionalen Bildern («es wirkt mystisch», «beängstigend», «es könnte eine Szene aus Herr der Ringe sein» …).

3. Rollenwechsel
Anschließend führt die Gruppenleitung alle zu einem neuen Besichtigungsort. Auf halbem Weg werden die Rollen von Sender und Empfänger getauscht, und die Übung findet an einem neuen Ort ein zweites Mal mit vertauschten Rollen statt.
4. Die Fantasie retten?
Die Blinden können im Anschluss den jeweiligen Ort sehend aufsuchen. Die Gruppenleitung achtet darauf, dass die erste sehende Begegnung nicht zu lange diskutiert wird. Eine schweigende Begehung besitzt eine magische Wirkung. Auch leises Flüstern drängt den Teilnehmenden Gedanken auf, egal wie leise gesprochen wird. Sobald es gehört wird, ist es beim Empfänger im Kopf. Nach ein bis zwei Minuten kann das Schweigen gebrochen werden.
Wohlgemerkt, die Teilnehmenden «können» den Ort sehend aufsuchen, sie «müssen» aber nicht. Für die, die nicht hingehen, bleibt das Geheimnis bestehen. Viele erleben die «Auflösung» als Enttäuschung, da sie blind ein viel «wertvolleres Bild» in sich hatten. Man wird ein bisschen an den kleinen Prinzen erinnert: «[…] das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»
Systeme sind nicht additiv
Das sehende Begehen ist ein bisschen so, wie wenn man ein Buch liest und hinterher den Film dazu schaut. Der Film nimmt einem die Fantasie. Dass jedes Hinzufügen auch gleichzeitig etwas nimmt, bleibt häufig unerkannt. Man kann nicht einfach etwas hinzufügen und gleichzeitig mehr haben.
Ein Beispiel: Seit der Entwicklung der digitalen Kamera braucht es keine Entwicklung der Filme mehr. Man hat die Aufnahme auf dem Bildschirm unmittelbar vor sich. Früher brauchte es einige Tage, bis man die Urlaubsfotos betrachten konnte. Es wurde viel weniger fotografiert, das einzelne Bild ging nicht in der Masse unter. So wird der Gewinn mit der Vorfreude und der Entwertung des einzelnen Bilds bezahlt. Den Ort sehend zu begehen, wird mit der eigenen Fantasie und dem Geheimnis bezahlt.
Die technische Entwicklung soll hier nicht negativ erscheinen. Es soll lediglich gezeigt werden, dass man nicht einfach eine Sache durch eine «bessere» ersetzen kann. Es ist nicht möglich, etwas hinzufügen, ohne etwas fortzunehmen. Es gibt prinzipiell (!) keinen Fortschritt, ohne dass auch etwas verloren geht. Alles hat seinen Preis: Der Internethandel geht auf Kosten des Einzelhandels. Man kann nicht erwachsen werden und dabei Kind bleiben, sonst wird kindlich zu kindisch.14 Fortschritt ist keine «Besserung», Fortschritt bedeutet nur, dass etwas weitergeht, nicht dass etwas besser wird. Einem System kann man nicht additiv etwas hinzufügen, ohne dass sich das ganze System ändert. Die Erfindung der modernen Kommunikationssysteme beziehungsweise deren Geschwindigkeit (mobiles Telefon, E-Mail) mag auf den ersten Blick eine Bereicherung sein. Gleichzeitig haben sich damit aber auch Werte verändert: «Zuverlässigkeit» ist häufig durch «Erreichbarkeit» ersetzt worden. Auch wenn moderne Bildtelefone und Konferenzschaltungen einen raschen Austausch ermöglichen: Nicht alles passt durch die Schnittstellen der technischen Apparate. Viel Unsichtbares bleibt auf der «Strecke». Ein Beispiel: Es ist nicht möglich, dass ein Orchester über solche Schnittstellen gemeinsam musiziert. Wenn jeder vom anderen isoliert in einem Raum sitzt, kommt es schwerlich zu Resonanz. Es scheint so, aber die stillschweigende Annahme, dass alles durch das «Kabel» passt, ist ein technischer Irrglaube.15
Erweiterungen und konstruktivistischer Hintergrund
Höhlengleichnis (Erweiterung von Übung 4 nach Schritt 3)
Die Blinden setzen sich zusammen und tauschen sich darüber aus, wie der Ort «wirklich» ausgesehen hat – ohne ihn zuvor gesehen zu haben. Sie können sich die Vorstellungen mit verschiedenen Methoden gegenseitig veranschaulichen (ein Modell des Orts nachbauen, Bilder zeichnen und so weiter). Die Sehenden sitzen schweigend außerhalb und hören sich die Konstruktionen an.

Mit dieser Übung steigt man in Platons Höhle hinab.16 Man kann die Parallelität zum Gleichnis noch weiter steigern, indem sich eine Sehende oder ein Sehender nach einiger Zeit an der Diskussionsrunde beteiligt. Auch bei dieser Übung muss anschließend keine Auflösung stattfinden. Alle in der Gruppe mögen für sich entscheiden, ob sie den Ort sehen möchten. Die Entscheidung bleibt beim Einzelnen.
Mitunter kommt es bei den Blinden zu einer höchst ungewöhnlichen «Sichtweise»: Wenn Sie den Ort jetzt sehen würden, dann würden sie ja auch nicht alles wahrnehmen, sondern den Ort lediglich mit einem weiteren Sinnesorgan erkunden. Es handelt sich somit nur um eine scheinbare Auflösung – eine Begegnung mit dem platonischen Denken.
Kunstaustellung der Blinden (Erweiterung von Übung 4 nach Schritt 3)
Alle Blinden zeichnen oder malen ein Bild von dem Ort, den sie besucht haben. Hinterher werden die Werke in einem Raum ausgestellt. Diese Übung kann mit dem Höhlengleichnis verbunden werden.




