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»Und deshalb sind wir also hier?«, fragte ich. »Was hoffen Sie hier denn heute Abend zu erfahren?«
Er klopfte mir gönnerhaft auf die Schulter. »Ich habe bereits alles erfahren, mein Junge. Versuchen Sie doch bitte einmal, sich möglichst präzise daran zu erinnern, was ich vorhin tat, bevor das Stück losging.«
Damit erwischte er mich auf dem falschen Fuß. Alles war eine einzige wilde Hetze gewesen. Ich war am frühen Abend aus der Kanzlei nach Hause gehastet, um mich rasch umzuziehen. Dann war ich in Windeseile hierher ins West End gerast, wo Merridew bereits stirnrunzelnd auf das Ziffernblatt seiner Taschenuhr guckte und verstimmt mit der Zunge schnalzte.
»Sie standen am Eingang, gleich neben der Kasse. Es sah fast so aus, als gehörten Sie zum Personal.« Ich legte nachdenklich den Zeigefinger an die Unterlippe. »Warten Sie mal, Sie sagten, Sie seien der Erste gewesen und hätten ganz schön lange auf mich warten müssen.«
Merridew grunzte zustimmend. »Man kann wirklich die Uhr nach Ihnen stellen, Nigel. Man muss nur mit einkalkulieren, dass Sie gelegentlich in einer anderen Zeitzone leben.«
»Jaja. Dann gingen wir ins Theater und gaben unsere Mäntel und Hüte ab. Sie überreichten der Garderobiere auch Ihren Gehstock. Wir waren spät dran, aber Sie bestanden darauf, unbedingt noch etwas zu trinken. Also gingen wir zur Bar, und da hat Sie dieser Mann angerempelt und Ihnen den Kaffee über den Ärmel gekippt. Dann haben wir rasch unsere zwei Scotch Soda hinuntergestürzt, und Sie sagten, Sie müssten noch kurz zur Toilette. Um den Fleck auf Ihrem Ärmel abzutupfen, erklärten Sie mir, und ich solle schon einmal hineingehen.«
»Ja, genau, und das taten Sie dann ja auch ganz brav. Als ich zu Ihnen hineinkam, öffnete sich gerade der Vorhang.«
Ich nickte bestätigend. »Sie erinnern sich an das verärgerte Flüstern und Tuscheln, als Sie sich durch die Reihe zu mir durchkämpften?«
»Soll sich nicht so anstellen, das Volk. In der ersten Viertelstunde passiert sowieso nie was Wichtiges.« Er blieb stehen und sah den letzten Leuten nach, die durch die Tür in das Theater strebten. Er lehnte sich gemächlich gegen die Wandtäfelung und faltete die Hände vor dem gewaltigen Bauch. »Ich erzähle Ihnen noch fix, was weiterhin geschah, bevor das Stück schließlich begann.«
»Aber wirklich ganz fix. Es geht gleich los.«
»Keine Drängelei, Sie Jungspund!« Er hob mahnend den Zeigefinger. »Also gut, ich war, wie gesagt, so ziemlich der erste, der ins Theater kam, und das hatte auch seinen guten Grund. Schließlich wollte ich die Leute in Augenschein nehmen, die heute besonders frühzeitig ankamen. Die Person, die ich erwartete …«
»Sprechen wir etwa von diesem ABC?«
»Unterbrechen Sie mich nicht. Immer der Reihe nach! Ich wartete auf den Mörder aus der Clumber Street in Nottingham. Und ich war der Meinung, dass dieser Mann …«
»… oder diese Frau?«
»Ach, Mumpitz, Nigel! Ein Würgemord! Auch wenn es nur ein schmächtiger, alter Physiker war, ist das nun wirklich nicht das Mittel, dessen sich Frauen bedienen! Dieser Mann …!« Er funkelte mich an, um mir jede weitere Unterbrechung zu untersagen. »… würde allein kommen, da war ich mir sicher. Und er würde so früh auftauchen wie möglich, weil er nervös war und keinen Fehler machen wollte. Nur sechs Leute kamen in der ersten halben Stunde allein. Eine vertrocknete Jungfer, ein hinkender Pfaffe, eine Matrone mit Körpergeruch … entweder zu jung oder zu alt, zu locker, zu irgendwas … keiner passte. Aber dann beobachtete ich aus nächster Nähe, wie ein Mann ohne Begleitung mit nervösen Fingern seine Brieftasche öffnete und ein Billett herausholte. Es war mit einer Büroklammer an einer Karte befestigt, auf der in der Handschrift einer Frau – gottseidank trotzdem einigermaßen klar leserlich – geschrieben stand:
Gonzago an ABC 6. Oktober – Endlich lernen wir uns kennen!
Das ist jetzt mal ausnahmsweise kein Shakespeare mehr. Dafür war aber zu meiner Überraschung und zu meiner Freude eine Unterschrift auf dieser Karte. Der Name, den ich dort las, lautete Mignon O’Doherty.«
Ich konnte mich nicht zurückhalten. »Aber das ist doch die Darstellerin der Mrs Boyle! Die Frau, die gerade auf der Bühne erwürgt wurde!«
Es schellte jetzt ein drittes und letztes Mal.
»So ist es!«
»Aber warum? Was soll das? Warum lädt sie ihn hierher ein? Will sie ihn erpressen? Das ist doch sehr riskant, ihm dabei Auge in Auge gegenüberzutreten!«
»Genau das ist es! Riskant! Gefährlich für diese Schauspielerin! Brandgefährlich! Und genau das war Dreh- und Angelpunkt des Plans! Der Mann, der hierhergekommen ist, ist nervös! In Panik! Er steht bis in die Haarspitzen unter Strom!«
Mein Blick wanderte zur Bar, und ich erinnerte mich plötzlich an die Szene, die sich vor einer guten Stunde dort abgespielt hatte. Ich sah plötzlich einen sehr dünnen, sehr nervösen Mann mit geröteten Wangen und flackernden Augenlidern vor mir. Er balancierte eine Tasse Kaffee und stieß meinen Freund an.
»Der Mann mit dem Kaffee? Ist er es? Der, der Sie angerempelt hat?«
»Ich habe ihn angerempelt, Nigel! Aber alle glaubten, es sei umgekehrt passiert. Er selbst glaubte das auch. Man braucht natürlich ein bisschen Geschick und ein wenig schauspielerisches Talent … Jedenfalls hat er sich wortreich bei mir entschuldigt und bat darum, für die Kosten der Reinigung aufkommen zu dürfen. Und da habe ich ihn schlicht und ergreifend nach seiner Visitenkarte gefragt. Tusch!«
Er hielt mir mit triumphierender Geste eine kleine Karte hin. Sie war recht schmucklos gehalten, mit einer einfachen Druckschrift: Prof. Archibald Benjamin Carruthers stand dort zu lesen, und darunter seine Adresse und Telefonnummer in Oxford.
»ABC! Daher wissen Sie also seinen Namen!«
Merridew nestelte am Revers seines Jacketts herum. »Ich tätigte dann drei kurze Telefonate, bevor ich endlich zu Ihnen in das Theater kam. Zuerst habe ich die Nummer auf der Karte gewählt. Als sich am anderen Ende eine Frauenstimme meldete und sorgenvoll fragte: ›Archie, bist du das? Wo um alles in der Welt steckst du?‹, war ich schon hocherfreut, denn Carruthers trug keinen Ehering an der rechten Hand, jedoch am linken Ringfinger dafür gleich zwei, was bedeutet, dass er verwitwet und noch nicht wiederverheiratet ist.«
»Verblüffend«, sagte ich ehrlich begeistert.
»Dann fragte ich ganz unverfänglich: ›Verzeihung, mit wem bin ich denn verbunden?‹, und sie erwiderte in ihrer Verwirrung: ›Geraldine Ponsonby‹.« Er breitete mit der Geste eines Zauberkünstlers die Hände aus. »Tja, und somit wäre auch das Mordmotiv aus dem Oktober geklärt! Carruthers liebte Ponsonbys Frau. Die alte Leier, man kennt das ja.«
»Alle Wetter«, hauchte ich. »Das ist ja ein unglaublicher Zufall.«
Merridews Gesicht rötete sich schlagartig. Er ballte die Hände zu Fäusten. »Zufall?«, polterte er laut. »Wo denken Sie hin? Das sind Taktik und Kalkül! So etwas fällt einem nicht mal gerade eben vor lauter Langeweile beim Fünfuhrtee ein!«
»Ist ja schon gut. Sie haben natürlich recht, das war sehr klug eingefädelt. Und der zweite Anruf?«
»Mit dem verschaffte ich mir die allerletzte Gewissheit. Ich rief im Black Boy Hotel in Nottingham an und erkundigte mich, ob ein gewisser Mr Carruthers in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober dort übernachtet hat.«
»Aber wie kamen Sie denn darauf?«
»Wenn es jemand aus der Theatertruppe war, der ihn mit dem Wissen um seine Tat unter Druck setzt, dann konnte das nicht nur aus einem einmaligen Beobachten am Tatort erwachsen. Da musste mindestens eine zweite Begegnung nebst Wiedererkennen stattgefunden haben. Warum nicht beispielsweise auf dem Hotelflur? Jedenfalls lag ich auch hier richtig! Er trug sich mit seinem echten Namen ein. Wie unglaublich einfallslos! Aber so konnte auch seine Peinigerin herausfinden, wer er war.«
»Sie meinen also, es war diese Schauspielerin Mignon O’Doherty, die ihn per Annonce gequält hat!«
»Aber nein.«
Ein junger livrierter Mann gab uns in diesem Moment ein deutlich sichtbares Zeichen, nun wieder unsere Plätze einzunehmen. Merridew forderte mit einem ruppigen Wedeln der rechten Hand einen Moment Geduld.
»Nein?«, fragte ich ungläubig. »Wieso nicht? Ihre Unterschrift stand doch auf der Einladung!«
»Falsch!« Merridew kramte ein kleines Notizblöckchen aus der Innentasche seines Jacketts und blätterte mit seinen dicken Fingern darin herum. »Das Autogrammbüchlein meines Butlers Cresswell. Er ist klammheimlich ein gefühlsduseliger alter Bursche und liest heimlich Romane von Barbara Cartland. Sein Herz schlägt für den Kintopp und das Theater, und als er erfuhr, dass ich heute Abend hierhin wollte, bat er mich, ein paar Autogramme für ihn einzusammeln. Besonders scharf ist er auf die Signatur von Sheila Sim, die er wohl vergöttert.« Dann hielt er mir das Heftchen aufgeschlagen entgegen. »Schauen Sie mal, das ist die Unterschrift von Mignon O’Doherty, die hat er bereits. Ich kann Ihnen versichern, dass das Geschreibsel auf Carruthers’ Einladung ohne jeden Zweifel eine plumpe Fälschung ist. Den Unterschied konnte ich mit großer Deutlichkeit erkennen.«
»Aber wer hat Carruthers denn dann in Wirklichkeit eingeladen? Und warum wurde er überhaupt mit der Eintrittskarte hierherbestellt?«
»Er wurde von einer Person in diese tückische Mausefalle gelockt, die der Überzeugung war, dass er jetzt endlich völlig verzweifelt und ausreichend alarmiert war, dass er nun zu allem bereit sein würde. Jemand, der ihn dazu bringen wollte, seine angebliche Peinigerin, die völlig ahnungslose Mignon O’Doherty zu ermorden!«
Ich starrte ihn an. Das, was er da vor mir ausbreitete, war schlichtweg unglaublich.
»Ich tippe auf die Zweitbesetzung, eine Schauspielerin mit Namen Marjorie Blankinsopp. Die Dame an der Kasse erzählte mir, dass sie wohl bei der Besetzung der Mrs Boyle den Kürzeren zog und jetzt Abend für Abend hinter den Kulissen herumlungern muss, in der Hoffnung, Mignon O’Doherty breche sich endlich mal die Hand, ein Bein, oder noch besser gleich das Genick. Ja, ich denke, sie wird es gewesen sein, die vom Hotelzimmer aus den Mord beobachtete, danach dem Mörder im Hotel begegnete und ihre Chance witterte! Wenn sie es war, wird ihre Handschrift auf der Einladung sie überführen. Aber andererseits ist es irgendwie auch egal, wer die anonyme Strippenzieherin war, denn sie hat ja schließlich keine echte Straftat begangen.«
Der Jurist in mir meldete sich zu Wort. »Na, na, sie hat immerhin einen Mord beobachtet und ihn nicht gemeldet.«
»Dafür ist aber letztendendes gerade durch ihre Aktivität der Mörder in die Falle gegangen.« Er trat in den Saal ein und drehte sich grinsend zu mir um. »Und durch meine natürlich.«
Der livrierte Saaldiener hatte schon den Griff der Tür in seiner Hand, um sie hinter uns zu schließen, da schoss mir mit einem Mal ein fürchterlicher Gedanke durch den Kopf: »Hören Sie, Merridew!« Ich fasste ihn am Arm. »Mignon O’Doherty starb am Ende des ersten Akts ihren Bühnentod. Das heißt doch, dass sie sich bis zum Schlussapplaus in großer Gefahr befindet! Wenn gleich irgendwann alle anderen auf der Bühne sind, kann Carruthers sie doch in aller Ruhe hinter den Kulissen zum Schweigen bringen!«, zischte ich. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass einige Theaterbesucher verärgert zu uns herübersahen. Besonders diejenigen, an den wir uns jetzt gleich würden vorbeiquetschen müssen, hatten überaus angriffslustige Mienen aufgesetzt.
»Keine Sorge, mein Guter«, sagte Merridew und schob mich sanft auf die Stuhlreihen zu. »Sie glauben doch nicht, dass ich so etwas zugelassen hätte. Beim Schlussapplaus, das verspreche ich Ihnen, wird Mrs O’Doherty unbeschadet auf der Bühne erscheinen. Bevor das Stück begann, habe ich mir nämlich im allerletzten Moment erlaubt, diesen Carruthers in der Toilette einzusperren, nachdem ich ihn zuvor ein wenig unsanft aus dem Verkehr gezogen habe. Sie dürfen mir glauben, dass ich mit diesem Hänfling im Handumdrehen fertiggeworden bin. Dazu hätte ich noch nicht einmal meinen Gehstock gebraucht. Und dann habe ich noch rasch den dritten und letzten Anruf getätigt, mit dem ich die Polizei davon in Kenntnis gesetzt habe, dass sie hier im Ambassador Theater einen Mörder abholen kann. Das scheint wohl auch geschehen zu sein. Haben Sie mitbekommen, dass während des ersten Akts hinter den Kulissen eine Verhaftung stattgefunden hat? Sehen Sie, ich auch nicht. Die Burschen von Scotland Yard waren offenbar überaus diskret.«
Mit mühsam unterdrückten Flüchen erhoben sich die Leute in unserer Reihe aus ihren Sitzen, um uns vorbeizulassen. Wir blickten in grimmige Gesichter und ernteten hasserfüllte Blicke. Merridew verspürte offenbar nicht den Anflug von Peinlichkeit, denn er gluckste und kicherte nur allenthalben und rief immer wieder laut »Verzeihung, Teuerste« oder »Hoppla, mein Bester«. Und irgendwann saßen wir auf unseren Stühlen und atmeten tief durch.
»Glauben Sie, das Stück wird lange laufen?«, fragte ich.
Er überlegte einen Moment, bevor er antwortete: »Vermutlich nicht so lange wie das Zeug von Sophokles oder Euripides, aber jedenfalls länger als die neue Show von Frankie Howerd in Blackpool.«
Ich fand diese Antwort sehr diplomatisch.
Es wurde still um uns herum, und das Saallicht verlosch langsam.
Da kam mir noch eine letzte Sache in den Sinn: »Sie haben nun also einen Mord aufgeklärt und sogar einen zweiten Mord verhindert«, wisperte ich meinem Freund so leise es ging zu. »Aber Sie sprachen vorhin doch sogar noch von einem dritten Mord.«
Bevor es im nächsten Moment um uns herum völlig finster wurde, sah ich gerade noch Merridews Augen aufblitzen. Er beugte sich mit einem schwerfälligen Schnaufen zu mir herüber und raunte mir ins Ohr: »Ich werde Ihnen jetzt verraten, wer die einzige Person ist, die den Mord in Monkswell Manor begangen haben kann.«
Als sich der Vorhang mit einem leisen Rauschen öffnete, nannte Merridew mir den Namen, und ich wusste ganz genau, dass er auch in diesem Fall wieder einmal richtig liegen würde.
DAS RÄTSEL DER VERSCHWUNDENEN TÄNZERIN
(1956)

1

In der Tube herrschte an diesem Vormittag drangvolle Enge, so wie an jedem Arbeitstag. Berufspendler mischten sich mit Touristen aller Hautfarben. Im Sommer war London bis zum Rand gefüllt mit einem quicklebendigen Vielvölkergemisch, das es schaffte, uns steife Briten mit unseren Bowler Hats, den schwarzen Businessanzügen und dem am Arm baumelnden unentbehrlichen Schirm noch mürrischer aussehen zu lassen als sonst. Man versteckte seine griesgrämigen Gesichter hinter dem Daily Mirror, dem Guardian, der Times oder der Daily Mail, je nach politischer Gesinnung. Doch wohin ich auch blickte, in diesen Tagen schien es für sämtliche Zeitungen lediglich zwei Themen zu geben, die es wert waren, die Titelseiten zu dominieren: Die sich anbahnende Suez-Krise und der Besuch der berühmtesten Schauspielerin der Welt.
Premierminister Eden hatte sich vorgenommen, den ägyptischen Präsidenten Abdel Nasser zu stürzen, und es schien durchaus möglich, dass zu diesem Zweck schon bald Bomben auf Alexandria fallen würden. Eine Bombe der ganz anderen Art hingegen war Marilyn Monroe, die im Juli über den großen Teich gekommen war und nun schon seit zwei Monaten zu Gast in unserem Land war. Der Grund ihres Aufenthalts waren Dreharbeiten zu einem Film in den Pinewood Studios. An der Seite unseres berühmten englischen Shakespearedarstellers Sir Laurence Olivier spielte sie in einer romantischen Komödie ein Revuegirl, und seit sie ihren Fuß auf englischen Boden gesetzt hatte, war ganz England verliebt in sie.
Der Sommer war so regnerisch gewesen wie schon lange nicht mehr, aber der September schien nachholen zu wollen, was nachzuholen ging. Es war heiß. Und in der Tube war es schier unerträglich. Ich war froh, an der Station Baker Street endlich wieder aussteigen und mich von der Rolltreppe ans Tageslicht hinaufbefördern lassen zu können.
Ich hatte eine Verabredung mit meinem Freund Reginald Lord Merridew, der mich ohne Angabe von Gründen mit einer knappen Notiz hierher beordert hatte, wie das so seine Art war. Auf der anderen Seite der mehrspurigen Marylebone Road sah ich ihn bereits stehen und mir mit seinem Gehstock zuwinken. Ich schlängelte mich mutig durch den unablässig fließenden Verkehr und begrüßte ihn schon wenige Minuten später. Mein helles Sommerjackett hatte ich mir über die Schulter gehängt. Merridew steckte in einem sandfarbenen Anzug mit maisgelber Weste und weinroter Fliege.
»Mein lieber Junge«, rief er fröhlich. »Was für ein wunderbarer Tag, da werden Sie mir doch zustimmen, oder?«
Ich wackelte vage mit dem Kopf. »Für September ist es ziemlich heiß. Aber Sie blühen doch sonst erst im Nieselregen so richtig auf. Was macht Sie so fröhlich, Merridew? Die Freude quillt Ihnen ja aus allen Knopflöchern.«
»Hatten Sie nicht vorgestern Geburtstag?«
»Ja, allerdings. Ein paar Freunde haben mich zum Dinner ins Bianchi’s in der Frith Street entführt, und hinterher sind wir im Gargoyle Club gelandet, einem Tanzschuppen in Soho.«
»Haben Sie sich davon erholt?«
»Gerade so. Wo gehen wir hin?«
Er fasste mich am Arm und lenkte mich mit sanfter Gewalt in die Richtung eines großen Gebäudes, das wohl jeder nur allzu gut kennen dürfte, und vor dessen Eingangstür eine große Menschenschlange geduldig darauf wartete, hineingelassen zu werden.
»Jetzt kommt mein Geburtstagsgeschenk für Sie, mein alter Knabe.«
»Madame Tussauds?«, fragte ich ungläubig. »Sie haben doch nicht etwa vor, mich in dieses Wachsfigurenkabinett zu schleppen?«
Er lachte kollernd. »Das überrascht Sie, was? Nein, nein, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Es soll ja ein Vergnügen für Sie werden.«
»Ich kann mir wirklich etwas Unterhaltsameres vorstellen, als mir all diese versteinerten Gesichter mit den starren Augen und dem gequälten Lächeln anzugucken.«
»Ich weiß, ich weiß. Und ich teile Ihre Aversion durchaus, aber heute gibt es für Sie etwas ganz Besonderes!« Er ließ mich nicht los und streckte die Hand mit dem Gehstock nach vorne, den er hin und her schwingen ließ als sei er eine Machete, der Bürgersteig der afrikanische Dschungel und die Passanten gefährliche Schlingpflanzen.
Zu meiner Überraschung ließen wir die Warteschlange rechts liegen, und er dirigierte mich links in den Allsop Place. Dann ging es rechter Hand in die York Terrace, und nach ein paar Metern passierten wir eine Toreinfahrt und fanden uns in einem großen Hinterhof wieder, auf dem ein paar Autos und Lieferfahrzeuge parkten. Wir befanden uns auf der Rückseite des weltberühmten Wachsfigurenkabinetts.
»Kein roter Teppich, kein Empfangschef in Livrée, aber dennoch ist es nicht immer ein Abstieg, wenn man den Hintereingang nimmt«, plauderte Merridew fröhlich, während er sich von den zahlreichen Nebeneingängen und Türen eine auswählte, die ihm die richtige zu sein schien. Er öffnete sie, und vor uns führte eine Treppe hinauf.
»Lord Merridew!«, rief eine junge Frau im weißen Kittel erfreut. »Wie schön, dass Sie es heute einrichten konnten!« Sie hatte ihr malzbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, der keck auf und ab tanzte, als sie uns auf der Treppe entgegenkam.
Sie musterte mich und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.
»Mein Freund Nigel Bates hatte jüngst Geburtstag, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als bei unserer kleinen Unternehmung Mäuschen spielen zu dürfen.«
»Dann gratuliere ich noch nachträglich.« Sie reichte mir ihre Hand. »Mein Name ist Cathy Markham. Selbstverständlich darf er zuschauen. Wir wollen ihm doch seinen sehnlichsten Wunsch nicht abschlagen.« Ihr Lachen war bezaubernd wie überhaupt ihre ganze Erscheinung, und ich konnte nicht umhin, mir ihre schlanke Figur unter dem unförmigen Kittel vorzustellen, als sie vor uns die Treppenstufen hinaufstieg. Ich wurde immer begieriger, herauszufinden, welches denn wohl mein großer Geburtstagswunsch war. Eine Ahnung, worum es sich dabei handeln konnte, hatte ich immer noch nicht.
Wir folgten einigen Gängen, bogen ein paar Mal rechts und links ab, bis wir schließlich in einen Raum eintraten, in dem es chemisch roch. In zahlreichen Regalen stapelten sich Kisten, Körbe, Pakete aus braunem Packpapier, Dosen und Kartons unterschiedlicher Größe. Es gab künstliche Hände, Schachteln voller Glasaugen, Perücken, und auf zwei von mehreren großen Tischen lagen künstliche Körper ohne Köpfe. Wir waren augenscheinlich in der Werkstatt des Wachsfigurenkabinetts gelandet.
»Mr Anselm kommt gleich«, sagte Cathy und bot uns Sitzplätze an. Zwei ziemlich alte, zerschlissene Sofas waren mit Überwürfen aus geblümtem Vorhangstoff halbwegs einladend hergerichtet worden.
»Möchten Sie einen Tee?«
Oh ja, den mochten wir. Und als sie entschwand, um uns diesen Wunsch zu erfüllen, wäre sie in der Tür beinahe mit einem bärtigen Mann im schlabbrigen, gestreiften Pullover zusammengestoßen. Seine Brille hatte er hinaufgeschoben, sodass sie beinahe in seinem lockigen, grau melierten Haar verschwand.
»Frederick Anselm«, stellte er sich uns mit Handschlag vor. »Schön, dass Sie herkommen konnten. Ich verspreche Ihnen, dass es auch gar nicht wehtut.« Er machte den Eindruck eines zerstreuten Professors. Mit ausgestrecktem Arm dirigierte er Merridew auf einen drehbaren Hocker ohne Lehne. »Es ist wichtig, dass Sie aufrecht sitzen. Das kommt der späteren stehenden Position am nächsten. Hat Cathy Ihnen die Skizzen gezeigt?«
Merridew verneinte, und Anselm holte einen flachen Karton aus einem der Regale, dem er mehrere Fotografien und ein paar Zeichnungen entnahm, die er auf dem Tisch vor Merridew ausbreitete. »Nun, was sagen Sie?«
Die Fotos zeigten allesamt meinen Freund in unterschiedlichen Posen. Es waren Pressefotos, die bei verschiedenen Anlässen aufgenommen worden waren. An einige der Ereignisse konnte ich mich sogar erinnern.
»Hm, man könnte denken, Sie hätten mit Absicht die unvorteilhaftesten Bilder ausgewählt«, sagte Merridew mit einem angedeuteten Naserümpfen. Er sah mich an. »Was meinen Sie, Nigel?«
Nun, da ich endlich begriffen hatte, worum es bei unserem Besuch ging, lachte ich ihn frech an. Er tat so, als sei es das größte nur denkbare Vergnügen, anwesend zu sein, wenn eine Wachspuppe dieses aufgeblasenen Aristokraten angefertigt wurde. Ich deutete auf eine Bleistiftzeichnung, die den großen, massigen Körper meines Freundes darstellte. Es waren nur die Gliedmaßen und der grob skizzierte Kopf. Er sah aus wie eine aufgeblähte, unbekleidete Schaufensterpuppe. »Das sind Sie, wie Sie leiben und leben. Vor allen Dingen, wie Sie leiben. Dieser Bauch, das Doppelkinn … Das sind Sie, Merridew.«
Cathy kam mit dem Tee.
»Für mich zwei Stück Zucker«, sagte ich.
Merridew wehrte ab. »Ich muss ein bisschen auf mein Gewicht achten.« Das konnte nur ein soeben spontan gefasster Vorsatz sein. Dergleichen hatte ich noch nie von ihm gehört.
»Kürzlich saß noch Marlon Brando auf diesem Platz«, erklärte Cathy mit einem gewissen schwärmerischen Ton in der Stimme.
Merridew grunzte verächtlich. »Sie sind ja nicht gerade wählerisch.«
Dann machten sich Anselm und seine Assistentin ans Werk und begannen, meinen Freund minutiös zu vermessen. Ich unterdrückte ein Gähnen. Es gab durchaus spannendere Darbietungen.
Maßbänder wurden um die Unterschenkel und Oberarme geschlungen, Zahlen wurden notiert, mit einem großen Feldzirkel wurden die Abstände zwischen Scheitel und Kinn, zwischen den Mundwinkeln und den Pupillen erfasst.
Irgendwann kam eine andere junge Frau im Kittel und rief Cathy zur Tür. Dann tuschelten sie miteinander, und Cathy verließ wortlos den Raum, ohne sich zu uns umzusehen.
»Ich übernehme für einen Moment«, sagte die Frau zu Mr Anselm gewandt und lächelte uns freundlich zu.
»Kommen etwa alle Aspiranten persönlich hierher, um sich vermessen zu lassen?«, fragte ich.




