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»Heute Morgen, da war ein Mann auf dem Hof«, sagte ich.
»Crippen!«, lachte Miranda Fowley auf. »Bei Gott, nein!«
»Crippen?«
Ihr Finger deutete in eine Ecke des Raumes irgendwo hinter mir. Als ich mich umwandte, sah ich das wächserne Abbild des Mörders Dr. Hawley Crippen, und ich konnte eine Ähnlichkeit mit dem Mann, den ich gesehen hatte, nicht verhehlen. Das Abbild eines verklemmten Einzelgängers. Das Gegenteil eines Mannes, der Frauen mit seinem Charme anzuziehen vermochte.
»Wir nennen den Kerl Crippen, weil Cathy uns seinen richtigen Namen nicht nennen mag. Er hat sie schon ein paar Mal hier aufgesucht, und das scheint ihr irgendwie unangenehm zu sein. Sie sagt, er sei ein entfernter Verwandter.« Miranda Fowley begann, Anselms Werkzeuge aufzulesen und in einer ledernen Tasche zu verstauen.
Anselm legte nachdenklich den Finger an die Unterlippe. »Ich habe sie einmal in Hampstead Heath gesehen. Sie saßen zu zweit auf einer Bank und blickten auf London herunter. Sah irgendwie nicht nach einem trauten Tête-à-Tête aus.«
Ich versuchte, mir noch einmal die Szene vom Vormittag ins Gedächtnis zurückzurufen. Der Mann hatte sie beim Kinn gefasst. Oder war es die Wange gewesen?
»Aber warum interessiert Sie das eigentlich alles?« Anselm lächelte unsicher. »Hat der Kerl was verbrochen?«
»Man weiß es nicht«, murmelte Merridew nachdenklich und rieb sich mit dem Zeigefinger die Spitze seiner krummen Nase. »Man weiß es nicht. Wo wohnt Miss Markham? Ich fürchte, wir haben Grund, ihr schleunigst einen Besuch abzustatten.«
Die beiden sahen uns alarmiert an.
»Denken Sie etwa, sie ist in Gefahr?«, fragte Anselm.
Statt einer Antwort deutete Merridew nun auf die Ledertasche. »Haben Sie Papier da drin?« Die einfühlsame Befragung war abrupt beendet, und er schlug wieder seinen üblichen Kommandoton an: »Zwischen ihrem ganzen Wachsklimbim werden Sie doch sicher einen Block und einen Bleistift da drin haben.«
»Sicher«, stammelte Anselm. »Stift … Block …, aber, äh …«
Seine Assistentin hatte schon mit flinken Fingern beides hervorgeholt.
»Heute Morgen haben Sie ja ein paar halbwegs akzeptable Skizzen von mir fabriziert. Und nun zeichnen Sie uns doch mal ganz flott ein brauchbares Portrait dieses Kerls mit dem Hut, wenn ich bitten darf.«

An Cathy Markhams Adresse, die Miranda Fowley in der Registratur erfragt hatte, fanden wir ganz in der Nähe der King’s Cross Station, am Ende der Frederica Street ein zweigeschossiges, freistehendes Backsteinhäuschen mit zwei großen Dacherkern. Ein Schild wies es als Pension aus. Auf unser Klingeln hin öffnete eine kleine, alte Dame mit silbernem Dutt und rosigen Bäckchen. Sie stellte sich uns als die Pensionswirtin Mrs Wilberforce vor.
»Miss Markham? Aber gewiss, die wohnt bei mir. Ich fürchte, ich kann Ihnen jedoch keinen Besuch bei ihr erlauben. Herren haben dort oben keinen Zutritt.«
Merridew blickte auf die kleine Gestalt hinab. »Aber was denken Sie denn von uns, Madam?«
»Ganz egal, wie respektabel Sie auch erscheinen mögen, meine Herren, ich mache da keine Ausnahme!« Sie führte uns in ihr Wohnzimmer, das eng und plüschig war, mit üppig grünen Pflanzen, schweren, gerafften Vorhängen, Borte und Litze überall und dicken Orientteppichen – und mit drei Papageien, die auf Stangen und in Käfigen vor sich hin plapperten und flatterten.
Mrs Wilberforce wies auf das mit rotem Samt bespannte Sofa. »Überhaupt möchte ich eigentlich nur noch ungern Herren in dieses Haus lassen. Ich habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gesammelt. Miss Markham ist da mit mir einer Meinung. Ein anständiges Kind. Setzen Sie sich hin.«
»Hinsetzen!«, befahl ein Papagei.
Trotz ihrer schildkrötenhaften Statur wirkte Mrs Wilberforce ungeheuer resolut, und wir fügten uns notgedrungen und nahmen Platz.
»Ist Miss Markham denn wohl zuhause?«, fragte Merridew.
»Sie sollte auf der Arbeit sein. Sie hat eine Anstellung auf der Marylebone Street als …«
»Wissen wir«, grunzte Merridew. »Dort ist sie aber nicht. Wir wollen wissen, ob sie in ihrem Zimmer ist.«
»Nun, sie könnte vorhin gekommen sein, als ich hinterm Haus nach den Kürbissen gesehen habe, und …«
»Würde Sie wohl bitte nachsehen, ob sie da ist?«
»Wenn Sie die Güte hätten, mir zuerst einmal zu sagen, welche Legitimation Sie überhaupt …«
»Himmelherrgott«, platzte es aus Merridew heraus. »Gehen Sie jetzt rauf, und schauen Sie nach, ob sie in ihrem Zimmer ist!«
Die alte Frau stemmte die Hände in die Seiten und schob trotzig das Kinn vor. »Sie mögen einen feinen Zwirn tragen und eine goldene Uhrkette haben, Ihre Fliege mag aus reiner Seide sein, und Ihre Schuhe sind vermutlich aus der Savile Row, aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ihre ungehobelten Manieren auf eine höchst fragwürdige Kinderstube schließen lassen, mein Herr.«
Ein Papagei flatterte mit den Flügeln und rief: »Kinderstube!«
Dann wandte sie sich um und trippelte auf die Zimmertür zu. »Sie rühren sich nicht vom Fleck, Gentlemen!«
»Nicht vom Fleck!«, schnarrte ein Papagei. Und bevor die Pensionswirtin hinausging, wandte sie sich noch einmal zu uns um. »Sind Sie musikalisch?«
Wir schüttelten beide simultan den Kopf.
»Sie spielen kein Instrument?«
Erneutes Kopfschütteln.
»Gut«, sagte sie. »Das spricht für Sie.«
»Eins ist schon mal sicher«, sagte ich, als sie verschwunden war, »hier hat der Mann mit Hut bestimmt keinen Zutritt. Kein Wunder, dass er Cathy Markham auf der Arbeit belästigt.«
»Warum flüstern Sie?«
»Wir werden belauscht«, sagte ich leise und zeigte auf unsere gefiederten Bewacher.
»Papperlapapp«, knurrte Merridew ungeduldig. »Ich hoffe, die alte Schachtel legt einen Zahn zu, sonst mache ich ihr eine Federboa aus ihren drei Krummschnäbeln.«
»Nicht so ruppig, Merridew. Glauben Sie wirklich, Cathy Markham ist in Gefahr?«
»Vielleicht wollte sie ja diese Entführung verhindern. Wenn man nur wüsste, mit wem sie telefoniert hat.« Er knetete seine Hände, die er auf dem Knauf seines Gehstocks gefaltet hatte. »Mrs Wilberforce!«, rief er schließlich laut, sodass die alte Frau es gewiss bis in den ersten Stock gehört haben musste. Die Papageien flatterten alle drei aufgeregt mit den Flügeln.
Und fast im selben Augenblick erschien die kleine Gestalt der Pensionswirtin wieder im Türrahmen. »Bedaure, aber sie ist nicht da, Gentlemen.«
»Haben Sie geklopft?«
»Ja, das tat ich!«
»Haben Sie ins Zimmer hineingesehen?«
»Auch das habe ich gemacht!«
Merridew sprang vom Sofa auf. »Jetzt reicht’s aber! Wir müssen sofort einen Blick in das Zimmer der jungen Dame werfen!«
Jetzt war es mit der Geduld der Alten endgültig vorbei. »Das werden Sie keinesfalls tun, Gentlemen! Miss Markhams Zimmer betreten Sie nur über meine Leiche!«
»Da müssen wir ja nicht mehr lange warten«, entfuhr es meinem Freund.
Einen kurzen Moment blickten die beiden Kontrahenten einander starr in die Augen.
Ehe wir’s uns versahen, hielt Mrs Wilberforce plötzlich einen Regenschirm in der Hand und erhob zitternd die Stimme. »Zeter und Mordio werde ich schreien, hören Sie! Man kennt mich auf der hiesigen Polizeistation, und im Nu wird jemand kommen und Sie verhaften! Verlassen Sie auf der Stelle mein Haus. Hören Sie, auf der Stelle!«
»Auf der Stelle!«, krähte einer der Papageien hinter uns her, während wir das Wohnzimmer verließen.
Merridew drehte sich noch einmal um und versuchte es ein letztes Mal: »Können Sie uns wenigstens sagen, wo Miss Markham sein könnte, wenn sie nicht auf der Arbeit oder in ihrem Zimmer ist?«
»Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben!« Sie hatte die Schirmspitze immer noch auf uns gerichtet. »Sie hat keine Verwandten. Vielleicht ist sie bei einer ihrer Freundinnen. Bei Miss Peabody oder Miss Menzies oder Miss Fitzwilliam womöglich.«
»Oder bei diesem Mann?« Geistesgegenwärtig hatte ich die Zeichnung hervorgeholt, die uns Mr Anselm kurz zuvor angefertigt hatte.
Sie warf nur einen flüchtigen Blick darauf. »Ich sagte bereits, dass Miss Markham keine Männerbekanntschaften pflegt!«
»Kennen Sie den Mann?«
»Nein! Macht er Musik?«
»Das wissen wir nicht. War er schon mal vor dem Haus?«
»Nein! Gehen Sie jetzt!«
»Gehen Sie jetzt!«, echote es von nebenan.
Wir gaben uns schließlich geschlagen und stolperten auf die Straße hinaus.
»So ein zähes, altes Reptil«, zischte Merridew wütend. Es geschah nur sehr selten, dass es ihm nicht gelang, verstockte Zeugen zum Reden zu bringen, aber an dieser hartleibigen Alten hatte er sich zweifellos die Zähne ausgebissen.
»Da vorne ist ein Telefon, Nigel. Kommen Sie, wir rufen Smith an. Vielleicht hat der inzwischen etwas herausgekriegt, das uns weiterbringt.« Und dann stapfte er mit so gewaltigen Schritten auf die rote Telefonzelle zu, als wollte er sie umstoßen.
4

Noch nie zuvor in meinem Leben war ich in einem Filmstudio gewesen. In der Wochenschau hatte ich schon einmal den ein oder anderen Einblick in die großen Londoner Studios bekommen. Es war aus Elstree berichtet worden, aus Twickenham, Shepperton und Ealing, aber als wir uns jetzt vor den Fachwerkgiebeln des Eingangsgebäudes der Pinewood Studios in Iver im Westen Londons wiederfanden, war ich doch etwas aufgeregt. Smith empfing uns vor der Pförtnerloge mit tief herunterhängenden Mundwinkeln und winkte unseren Wagen durch. Zur Rechten standen zahlreiche andere Autos auf einem Parkplatz, auf dem wir den Nash-Healey abstellten.
Mit großen Schritten kam Smith auf uns zu. »Ich bleibe dabei, das ist keine gute Idee«, knurrte er. »Wenn einer von euch auch nur ein einziges falsches Wort sagt, wittern die gleich was.«
Merridew lachte süffisant. »Wer trügen will, kann einen Schein wohl stehlen!«
»Kein Sterbenswort über die Entführung!«
»Machen wir doch mal eine Frage draus«, konterte Merridew. »Hat es schon ein Sterbenswort über die Entführung gegeben?«
Smith schüttelte den Kopf. »Nichts. Alle denken, sie liegt in Parkside in der Heia.« Er bedeutete uns mit einer Handbewegung, ihm zu folgen.
Wir gingen eine belebte Straße entlang. Arbeiter kamen Kisten schleppend oder mit Gabelstaplern vorbei, schwatzende Personengruppen standen mit oder ohne Kostüm herum, teilweise in Zivil, teilweise als Weltkriegssoldaten ausstaffiert … es war ein buntes Durcheinander. Smith führte uns zwischen großen Gebäudekomplexen und an kleinen Parkanlagen vorbei, und vor dem Eingang zu einer großen Halle zeigte er einen Ausweis und sagte zu einem Uniformierten barsch: »Gehören zu mir«, woraufhin wir passieren konnten.
Die Decke im Inneren des gewaltigen Gebäudes war in unerreichbarer Höhe, die Seitenwände waren in weiter Ferne zu erahnen. Schwarze Vorhänge verhinderten größtenteils den Durchblick, und überall wanden sich dicke Kabelstränge auf dem Boden herum.
Bei jedem Schritt mussten wir jemandem ausweichen, der uns entgegenkam. Wenn wir irgendwo stehen blieben, standen wir unweigerlich irgendwem im Weg.
Metallisches Hämmern war zu hören und großes Stimmengewirr in der Ferne.
»Wenn es irgendwie geht, halte ich mich von diesem Chaos fern.« Roger Smith machte ein Gesicht, als müsse er sich durch einen Käfig voller Aussätziger kämpfen. »Alles Verrückte, wenn ihr mich fragt.«
Irgendwie kamen wir nicht an das eigentliche Set heran. Aktuell stellte es nach Smiths Angaben den rotvioletten Salon in der Botschaft des fiktiven Balkanstaats Karpathia dar. Ich hätte zu gern einen Blick darauf geworfen, aber ich hatte den Verdacht, dass Smith uns in konzentrischen Kreisen drum herum führte, weil er fürchtete, wir könnten jemandem begegnen, bei dem wir uns verplappern könnten.
»Sagen Sie mal, Smith, wann kommen wir denn endlich an? Ostern?«, rief mein Freund Merridew. »So finden wir ja nie einen, den wir befragen können!«
Smith fuhr herum und legte verärgert den Finger auf die Lippen. »Schschscht! Sprechen Sie nicht von befragen! Erwähnen Sie auch nicht so was wie Indizien oder Alibi! Am besten, es merkt niemand, dass Sie überhaupt hier sind!«
»Na, da brat mir doch einer nen Storch! Merridew!«, ertönte laut eine Stimme hinter uns. Wir fuhren herum und sahen uns einem großgewachsenen Mann im mittleren Alter gegenüber, der in einer über und über mit Goldlitze und Troddeln verzierten Paradeuniform steckte. Sein schmallippiger Mund war zu einem breiten Lächeln verzogen, und unter der langen, spitzen Nase hatte man ihm einen künstlichen Schnurrbart angeklebt.
Merridew riss die Arme hoch und hätte beinahe mit seinem Stock einem Requisiteur die Vase in den Händen zertrümmert. »Wattis, Donnerwetter! Sagen Sie bloß, Sie machen bei diesem Hokuspokus mit!«
Natürlich kannte ich Richard Wattis. Sein erkahlender Schulmeisterschädel mit der runden Brille tauchte irgendwann in nahezu jedem Film auf, der in unserem Land gedreht wurde. Dass er zu Merridews Bekanntenkreis gehörte, war mir allerdings neu.
Er trat näher, strich mit seinen dünnen Fingern über das Revers meines Jacketts und schnurrte süßlich: »Und eine stattliche Begleitung hast du mitgebracht, Merridew.«
Merridew stellte mich vor und erklärte, dass uns sein alter Freund Smith einen Rundgang am Set versprochen hatte.
Wattis ließ die dünnen Augenbrauen in die Höhe wandern, wandte sich an Smith, der nervös auf der Unterlippe kaute, und sagte tadelnd: »Na, na, na! Das sollte Sir Larry wohl besser nicht erfahren. Sie wissen doch, dass Olivier … na, dass wir eigentlich alle ein bisschen unter Strom stehen. Diese Dreharbeiten sind ein Desaster. Der Film dürfte eigentlich gar nicht gedreht werden. Monroe und Olivier! Du meine Güte, das sind Sonne und Mond, aber fragt mich nicht, wer wer von beiden ist. Die begegnen einander auch nie, und das hat seinen guten Grund, möchte ich meinen.« Er fasste mich beim Arm und schob mich stellvertretend für alle in Richtung Ausgang. »Kommt mit, Ihr Buben, wir gehen eine qualmen.«
Wenige Minuten später befanden wir uns wieder draußen vor der Halle. Smith blickte ununterbrochen die Studiostraße hinauf und hinunter.
Wattis hielt uns seine Zigarettenschachtel hin, aber keiner von uns griff zu. Der Schriftzug Olivier war auf die Schachtel gedruckt.
»Larrys eigene Sorte bei Benson und Hedges. Er kriegt zwei Pence pro tausend verkaufte Stück, hat alle zwanzig Wochen 500 Päckchen zur freien Verfügung und verteilt sie an uns, als wären’s Sahnebonbons. Schmecken scheußlich.« Wattis inhalierte tief, legte den Kopf in den Nacken und flatterte dramatisch mit den Wimpern. »Noch zwei Monate und der Albtraum ist vorüber.«
Plötzlich zuckte er zusammen und sah Merridew mit weit offenem Mund an. »Bist du etwa beruflich hier, Merri Mouse? Sag schon, hat jemand Marilyn ermordet?«
Smith unterdrückte ein Stöhnen und rieb sich in einer verzweifelten Geste durchs Gesicht.
Mein Freund lachte auf. »Ach was, Dickie, wo denkst du hin! Mein Freund hier wollte mal Filmluft schnuppern. Er ist ein großer Cineast, weißt du?«
Nun galt Wattis’ Aufmerksamkeit wieder ganz mir. »Oh wirklich, ist das so?«, säuselte er. »Nun, ich könnte Ihnen allerhand erzählen, mein lieber Nigel. Und auch zeigen …«
Ich räusperte mich nervös und schoss die erste Frage ab, die mir durch den Kopf ging und halbwegs sinnvoll erschien: »Gäbe es denn wohl Menschen, die Marilyn Monroe etwas antun könnten?«
»Na, ich zum Beispiel!«, rief Wattis aufgebracht. »Mir wäre es wirklich egal, wenn Marilyn morgen tot umfallen würde. Wir zwängen uns jeden Tag frühmorgens in diese abscheulichen, steifen Kostüme mit den brettharten Krägen und schwitzen uns da drinnen halb zu Tode. Und sie schläft gemütlich aus oder kommt einfach überhaupt nicht. Ihr Leben besteht aus Pillen, Sprit, Sex, noch mehr Pillen …« Er seufzte sehnsüchtig. »Mein Gott, das muss wundervoll sein.«
Merridew kicherte tonlos in sich hinein. Sein gewaltiger Bauch zitterte vor Vergnügen.
»Ist sie denn hier?«, fragte ich aufs Geratewohl.
»Ach so …« Wattis musterte mich jetzt abschätzig. »Sie kommen wohl nur wegen ihr, stimmt’s? Alle kommen immer nur wegen ihr. Die haben ja keine Ahnung.«
»Sie ist gar nicht so übel wie alle tun«, murmelte Smith in einem schwachen Versuch, die Hollywood-Diva zu verteidigen. Ich glaubte ihm. Er war ein abgebrühter Bursche mit einem Blick für das Wesentliche. Wenn er einen Funken Sympathie für seine Schutzbefohlene verspürte, kam das nicht von ungefähr.
Wattis ruderte mit einem Kopfwackeln zurück. »Na gut, mag ja sein. Aber sie ist hier einfach fehl am Platz. Frag da drinnen mal jemanden. Da gibt es keinen, der mit ihr was zu tun haben will. Außer der Maskenbildnerin, aber die ist seit zwei Tagen auch weg.«
»Weg?« Merridew hob den Kopf.
»Gefeuert. Fristlos. Hat Requisiten mitgehen lassen, um sie zu verhökern. Das muss man sich mal vorstellen.«
Auch Smith sah ihn verwundert an. »Hab ich gar nicht mitgekriegt.«
»Peabody, die kleine, pummelige mit dem schiefen Mund«, erklärte Wattis. »Man hat einen von Marilyns langen, weißen Handschuhen aus der Ballszene bei ihr im Auto gefunden. Zack – kurzer Prozess.«
»Peabody?«, fragte Merridew. Auch er hatte sich offenbar gleich an den Namen erinnert, den Mrs Wilberforce in ihrer Aufzählung von Cathy Markhams Bekanntschaften erwähnt hatte.
»Ja, Belinda Peabody aus Watford. Langweilige Person, ein richtiges Pflänzchen Rührmichnichtan. Nicht, dass ich ihr irgendwelche Avancen gemacht hätte … Wir haben ab und zu hier draußen gestanden und gepafft. Sie war so verschlossen wie eine Auster. Na, die kann froh sein, wenn sie überhaupt noch mal einen Job kriegt.«
Merridew sah mich auffordernd an. »Zeigen Sie unserem Freund Dickie doch mal die Zeichnung, mein lieber Nigel.«
Ich holte das Blatt Papier aus der Innentasche meines Jacketts und faltete es auseinander.
»Den kenne ich!«, rief Richard Wattis aufgeregt. »Der streunt hier ab und zu rum. Die Aufseher haben ihn schon ein paar Mal rausgeworfen, aber die Peabody scheint ihn irgendwie immer wieder reingeschmuggelt zu haben! Ich weiß nicht, ob er bei ihr landen konnte. Hab sie mal mit dem Auto in Hampstead Heath rausgelassen. Da war sie, glaube ich, mit dem verabredet.« Er nahm die Skizze und blickte noch einmal genauer hin. »Ja, doch, ich bin mir ganz sicher. Das ist der Kerl. Schmieriger, kleiner Bursche, oder?« Er legte plötzlich die Stirn in Falten. »Ich glaube fast, der hat sich nur an die Peabody rangemacht, um hier reinzukommen. Und wisst Ihr auch, warum ich das glaube?«
Wir zuckten mit den Schultern.
»Wartet hier mal einen Moment!« Er huschte durch die Tür ins Innere der Filmhalle.
»Merri Mouse?«, fragte ich. »Habe ich richtig gehört? Merri Mouse?« Ich konnte ein Lachen kaum unterdrücken.
Merridew schnaufte nur und ging nicht weiter darauf ein. Er wandte sich zu Smith um und redete sehr energisch auf ihn ein. »Belinda Peabody aus Watford – aufschreiben, den Namen! Sie sollten schleunigst versuchen, etwas über diese Frau herauszukriegen!«
»Aber wie denn?«
»Ihre ehemaligen Kollegen? Da gibt es doch bestimmt jemanden, der Ihnen noch was schuldig ist!«
»Wie kommen Sie denn ausgerechnet auf diese Maskenbildnerin?«
Merridew erzählte ihm in groben Zügen, was wir bei Mrs Wilberforce in Erfahrung gebracht hatten, und als er damit fertig war, erschien auch schon wieder Richard Wattis und wedelte mit einem großen, braunen Umschlag. »Habe ich aus Larrys Garderobe.« Er sah sich rasch nach allen Seiten um, bevor er ihn öffnete und ein paar großformatige Fotografien herausholte.
Der Anblick des eng beieinanderstehenden Trios amüsierte mich: Wattis und Smith gaben sich mit hin und her gehenden Köpfen überaus geheimniskrämerisch und mein Freund Merridew stellte ganz unverhohlen seine Neugier zur Schau, indem er mit vorgereckter Adlernase die Fotos betrachtete.
»Das sind Fotos von Marilyns Ankunft im Juli«, erklärte Wattis. »Am Abend gab es eine große Pressekonferenz im Savoy in London.«
Auf den Fotos waren fast ausnahmslos Sir Laurence Olivier und Marilyn Monroe zu sehen. Auf einigen aber auch ihre Ehepartner Vivien Leigh und Arthur Miller.
»Guckt mal hier, sogar ihr hat er sein Kraut aufgedrängt.« Olivier zündete Marilyn auf einem der Bilder eine Zigarette an. Ein Foto, das scheinbar große Intimität widerspiegelte – oder sie vielmehr vortäuschte, wenn ich all das bedachte, was ich inzwischen über dieses Filmprojekt erfahren hatte.
»Hier!« Richard Wattis wedelte mit einem Foto. »Hier ist es!«
Die Aufnahme war von irgendjemandem gemacht worden, der bei der Pressekonferenz ungewöhnlicherweise hinter den beiden weltberühmten Schauspielern gestanden hatte. Man sah ihre Hinterköpfe und ihre Rückenpartien. Vor allen Dingen aber sah man vor ihnen eine ganze Meute von Journalisten, deren Köpfe hinter den Fotoapparaten verborgen waren. Sie schienen alle gleichzeitig auf den Auslöser zu drücken, weil das Motiv, das sich ihnen in diesem Augenblick bot, offenbar besonders lohnenswert war. Alle schossen dasselbe Bild.
Nur einer nicht.
Einer von ihnen hielt seine Kamera mit dem Objektiv nach unten. Er dachte nicht daran, ein Foto zu machen. Er starrte nur in Richtung der platinblonden Kino-Göttin, die gerade erst über den großen Teich nach England gekommen war. Es gab keinen Zweifel: das war der Mann, den ich am Vormittag in London gesehen hatte.
Merridew fingerte aufgeregt in seiner rechten Westentasche nach einer kleinen, ausklappbaren Lupe im Lederetui, die an einer Kette hing. Als er sich damit über das Foto beugte, gab er ein zufriedenes Brummen von sich, so wie ein Bär, der doch tatsächlich das verflixte Honigglas aufgeschraubt bekommen hat.
»Oho! Der Presseausweis an der Brust … Daily Mail!«, murmelte er. »Na bitte, wer sagt’s denn! A. Gilchrist.« Er sah zu uns auf und strahlte mit rot glänzenden Wangen. »Dickie, damit machst du uns eine große Freude.«
»Ich merke es«, sagte der Schauspieler mit zusammengekniffenen Augen. »Und ich fresse einen Besen samt knackigem jungem Straßenfeger, wenn du hier nicht doch in irgendeiner Sache ermittelst, Merri!«
Merridew senkte vertraulich seine Stimme, und ich merkte, wie Smith zur Salzsäule erstarrte. »Weil ich dich nun mal so gut leiden mag, Dickie, verrate ich es dir. Es geht …« Diesmal blickte er sich vorsichtig um. Smith biss sich auf die Fingernägel. »… um eine Bande von räuberischen Film-Devotionalien-Händlern!«
»Ha! Wusste ich’s doch!«
»Jede Menge Taschentücher, Schlipse und Manschettenknöpfe von Danny Kaye sind in Umlauf. BHs und falsche Wimpern von Diana Dors. Und ein Rasierapparat von Dirk Bogarde ist gerade für fünfhundert Pfund verhökert worden! Alles von den Filmsets gemopst!«
»Dirk Bogarde?«, hauchte Wattis ergriffen. »Der dreht gerade hier in Halle drei. Hach, da wäre ich lieber. Ein Weltkriegsdrama und nicht so ein Kostümtingeltangel!« Er zündete sich eine neue Zigarette an.
Merridew klopfte ihm auf die Schulter. »Bleibt aber unter uns.«
»Selbstredend.«
Als wir gingen, rief Wattis noch: »Ach, und Nigel … Wenn Sie doch mal Lust auf ein Ründchen durch Soho haben – Merri Mouse hat meine Nummer!«

Kurz darauf saßen wir wieder in meinem Auto und verließen das Studiogelände auf dem Weg, auf dem wir gekommen waren. Mein erster Besuch in einem Filmstudio hatte keine prägenden Eindrücke hinterlassen. Dazu hatten wir einfach nicht tief genug ins Herz des cineastischen Kreißsaals vordringen können
Smith war unterwegs zu Scotland Yard. Widerwillig zwar, doch überzeugt davon, dass es von großer Wichtigkeit war, alle Quellen anzuzapfen, derer er habhaft werden konnte.




