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Ich nahm ein üppig mit Karamellcreme verziertes Törtchen vom Tisch und biss hinein. Eine Mischung aus geschmolzenem Zucker und weichem, flauschigem Biskuit überzog meine Zunge und ließ mich vor Wonne seufzen. Jeffreys Mundwinkel verzogen sich nach oben, und sein Blick klebte an meinen Lippen. Zwischen meinen Beinen wurde es warm und feucht. Der Gedanke, dass ich noch heute etwas lernen konnte, über meinen Körper, meine Sinnlichkeit, über mich, faszinierte mich mehr und mehr.
»Ich kenne einen Ort, wo es gemütlicher wäre als hier«, sagte Jeffrey.
»Ach ja?«
Er grinste. »Wesentlich gemütlicher.«
Mein Bauchgefühl riet mir dazu, nichts zu übereilen. Dummes Bauchgefühl, dachte ich. Es hatte mich vier Jahre an Christian verschwenden lassen. »Klingt gut«, sagte ich.
Keine halbe Stunde später nahm Jeffrey mir in seiner Wohnung den Mantel ab. Ich fühlte mich mutig, verwegen, fast wild. Trotzdem hatte ich Olga auf dem Weg hierher, unterwegs durch die ruhigen Wohnstraßen von Bethnal Green, eine SMS mit Jeffreys Adresse geschickt, als kleine Vorsichtsmaßnahme.
Jeffrey verschwand in der Küche und ich sah mich in seinem Wohnzimmer um. Mir fielen ein Regal auf, das vor lauter Kochbüchern überquoll, und ein Barhocker, dessen Beine aussahen, als hätte Jeffrey unten ein Stück abgesägt. Vielleicht war ihm der Hocker einfach zu hoch gewesen, dachte ich, ein mythischer Riese war er ja nicht gerade.
Ich setzte mich auf die Couch und zupfte meinen Rock zurecht, so, dass der Stoff nach oben rutschte und meine Knie und den unteren Rand meiner Oberschenkel freilegte. Mal sehen, was der Abend so bringen wird, dachte ich.
Jeffrey brachte eine Kanne Tee und einen Teller voller Sandwiches, die nicht so aussahen, als hätte er sie selbst gemacht. »Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich natürlich etwas gekocht«, sagte er. Er nahm meine Hand und streichelte sie. »So hübsche, runde Fingerchen.« Seine kühlen Finger tanzten leicht über meine Haut und sein Blick war voll echter Bewunderung. Schweigend sah er zu, wie ich zwei der Brötchen genoss.
Als ich ein drittes dankend ablehnte, war er so enttäuscht, dass ich es trotzdem noch aß.
»Warum bist du eigentlich mitgekommen, Romy?«, fragte er.
Ich hatte den Eindruck, dass die Erregung seinen schottischen Akzent verstärkte.
»Du hast mich neugierig gemacht«, sagte ich. »Ich will wissen, was ein Körper wie meiner hat, das ein dünner nicht hat.«
Er erhob sich, nahm meine Hand und führte sie an den Mund. Kühle Lippen berührten meinen Handrücken. »Darf ich es dir jetzt zeigen?«
Mein schlechtes Bauchgefühl von vorhin kam mir dumm vor. Ich spürte, wie die Erregung in mein Becken floss und sich Feuchtigkeit zwischen meinen Schenkeln ausbreitete.
»Entschuldigst du mich kurz?«, fragte ich.
»Lass mich nur nicht zu lange warten.«
Ich trollte mich ins Bad, das genauso bieder und langweilig wie der Rest der Wohnung war. Wegen der seltsamen englischen Armaturen wusch ich meine Hände abwechselnd mit eiskaltem und brühheißem Wasser, zupfte dann meine Haare zurecht und zog mein Top etwas nach unten. Dann stutzte ich. Im Spiegel sah ich hinter mir mehrere große Trichter auf dem Badezimmerschrank. An den Spitzen von zweien waren lange Schläuche befestigt, die aufgerollt auf dem Schrank lagen. Was machte Jeffrey damit? Hatte der arme Kerl ein Verdauungsproblem, oder waren die Utensilien für dunklere Rituale gedacht? Sollte ich mich nicht doch rasch verabschieden und ins Hotel zurückfahren? Nein, dachte ich. Die Erfahrung mit Jeffrey ist Teil deiner Quest, Romy. Zieh das jetzt durch.
Jeffrey empfing mich in einem schwarzen Satinmorgenmantel, der ihm bis zur Mitte der rötlich behaarten Waden reichte und der inmitten der unauffälligen modernen Möbel viel zu pompös aussah. »Komm mit, damit ich dich anbeten kann«, sagte er.
Ich folgte ihm ins Schlafzimmer. Mein Blick fiel auf die Kunstdrucke über seinem Futonbett, nackte Venusfiguren von Botero, Gauguin und Kustodijew, dazwischen Postkarten von fetten Frauen in Pinup-Posen und Schwarz-Weiß-Bilder von Wagnersängerinnen vergangener Epochen. In einer Ecke stand noch so ein Barhocker mit abgesägten Beinen. Ich hatte Lust, Olga anzurufen und um Rat zu fragen, aber das ging jetzt nicht mehr.
Jeffrey setzte sich auf die Bettkante. Ich beugte mich zu ihm und wollte ihn sanft auf die Lippen küssen, doch er wich zurück. »Ich würde gerne zusehen, wie du dich ausziehst«, sagte er.
Na gut, dann eben gleich zur Sache, dachte ich. Für einen Moment war ich versucht, Dirty Martinis Burlesque-Performance zu imitieren, ließ es aber bleiben. Ich würde mich vermutlich hoffnungslos in meinen Kleidern verheddern. Also zog ich mich so elegant ich konnte aus, neugierig auf seine Reaktion.
Jeffrey starrte mich an, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Meine leichte Anspannung schien er nicht zu bemerken, er schaute nur auf meinen Bauch, meine Hüften und meine Schenkel. Sein Blick schien jede Wölbung und Erhebung genau zu kartografieren.
»Darf ich dich noch genauer ansehen?«, fragte er.
Ich nickte verhalten.
Jeffrey ging langsam um mich herum und sank hinter mir auf die Knie. Er fasste mich nicht an, sondern schien einfach nur meinen breiten Hintern und meine dicken Oberschenkel zu betrachten. Ich drehte meinen Kopf und sah ihn hinter mir knien, ganz in sich versunken, fast wie in einer Meditation. Eine Stimme tauchte in meinem Kopf auf. Sie fragte, was ich da eigentlich machte. Eine andere mischte sich ein und befahl mir, stillzuhalten. Nur nicht zu grübeln beginnen, Romy. Es geht nur um XP, also kannst du nur gewinnen.
Jeffrey stand auf und legte sich auf die Matratze. »Setz dich auf mich«, sagte er.
Ich versuchte, aus seinem Wunsch schlau zu werden. Um mich auf seinen Schoß zu setzen und ihn in mich eindringen zu lassen, war es noch zu früh. Was hat er vor, fragte ich mich, während ich auf das Bett kletterte und spürte, wie die dicke Matratze unter meinem Gewicht einsank. Vorsichtig kniete ich mich über seine Schultern, sodass meine Pussy über seinem Gesicht war.
Jeffreys Hand grub sich in meinen Schenkel. »Nicht so«, sagte er. »Setz dich auf meinen Oberkörper. So richtig, mit dem ganzen Hintern«.
Ich fragte mich, ob ich nicht zu schwer war für diesen schmächtigen schottischen Kerl. Vorsichtig setze ich mich auf seine Brust und spürte seine wenigen Härchen an meinem Hintern und an meinen Oberschenkeln. Sein Stöhnen war ein unerwartet tiefer Laut, als würde gerade alle Luft aus seinem Körper entweichen. Ich hoffte, dass mein warmer Körper die Kälte seines Körpers vertreiben würde. Mein Hintern bedeckte den Großteil seines Torsos. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen, dachte ich, und griff hinter mich, um mich abzustützen und ihn zu entlasten.
Er stieß meine Hand zur Seite. »Nicht«, keuchte er.
Anscheinend wollte er wirklich mein ganzes Gewicht auf sich spüren.
»Du machst das genau richtig«, brachte er hervor.
Ich legte meine Hände in den Schoß und wartete. Mein Blick glitt über die runden Frauen auf den Postern und ich fragte mich, wie oft sie wohl schon Zeuginnen von Jeffreys kleinen Ritualen geworden waren. Schade, dachte ich, dass sie nicht reden können.
Ich wartete weiter. Mehrere Minuten vergingen. Nichts geschah. Nur ab und zu drang ein Stöhnen aus Jeffreys Mund. Er hatte die Augen geschlossen und sah aus wie in Trance. Sein Schwanz war nur halb steif und wippte bei jedem Stöhnen über den rötlichen Locken, aus denen er herauswuchs. Als ich ihn anfassen wollte, schob Jeffrey meine Hand weg. Allmählich langweilte ich mich. Ich war mir nicht sicher, was genau ich mir vorgestellt hatte, das war es jedenfalls nicht.
Jeffrey kniff den Mund zusammen. »So richtig dick bist du eigentlich nicht.«
»Wie würdest du rund hundert Kilo denn sonst bezeichnen?«
»Als mittelprächtig. Ich war mal mit einer 240-Kilo-Frau zusammen«, keuchte Jeffrey. »Oh, Himmel, unter der bin ich verschwunden.«
Das konnte ich mir gut vorstellen. Schon ich fühlte mich auf Jeffrey wie eine Fruchtbarkeitsgöttin, die sich irrtümlich auf einen Volksschüler gesetzt hatte. Seine Hüftknochen drückten sich unangenehm in das Fleisch meines Hinterns, und ich rutschte auf seinem Torso herum, um bequemer zu sitzen.
Jeffrey hatte die Augen noch immer geschlossen, als würde er sich auf seine wachsende Erregung konzentrieren. Während mir zusehends kalt wurde, richtete sich zumindest sein Schwanz auf, ein langsamer Lindwurm, der aus einem tiefen Traum erwachte. Langsam kam mir die Situation etwas absurd vor. Ich saß nackt auf einem fremden Mann, der mich kaum wahrzunehmen schien und spürte eine Gänsehaut auf Rücken und Waden, die definitiv nicht von meiner Erregung kam. Schließlich hatte ich genug. Ich erhob mich und verschränkte die Arme vor den Brüsten.
Jeffrey schien enttäuscht, sagte aber nichts. Stattdessen nahm er mich an der Hand und führte mich zu dem Barhocker in der Ecke des Raums. Ich sah mich nach meinen Kleidern um und war jetzt richtig froh darüber, dass Olga Bescheid wusste, wo ich war. »Was ist das für ein Ding?«, fragte ich und deutete auf den Hocker.
»Du wolltest doch wissen, welche Freuden ein dicker Körper einem Mann schenken kann«, sagte er.
Wollte ich das? Inzwischen war ich mir da nicht mehr so sicher.
Jeffrey lächelte. »Nimm bitte Platz. Ich bin sicher, dass du so etwas noch nie gemacht hast.«
Einfach gehen oder noch ein bisschen mitspielen? Ich überlegte. Jeffrey war vielleicht ein bisschen irre, aber er kam mir nicht gefährlich vor. Außerdem hatte ich die Situation im Griff, ein so schmächtiges Männchen, wie er es war, konnte ich notfalls einfach am Genick packen und schütteln. Also würde ich auch das nächste Level mitspielen und sehen, was passierte. Ich erwartete mir nichts mehr, frustrierender als bisher konnte es nicht werden. Zumindest würde ich am Ende alles über Typen wie ihn wissen.
Ich folgte seinem Wunsch und nahm auf dem Hocker Platz. Jeffrey griff nach einer Tube Gleitgel, die am Fensterbrett lag und die ich bisher übersehen hatte.
»Wenn du dir ein bisschen Mühe gibst, brauchen Frauen so was gar nicht«, sagte ich.
»Das wird nicht das übliche, einfallslose Reinstecken, falls du das meinst«, sagte er.
»Nicht?«
Kühle Finger schmierten das Gel in die Falte zwischen meinem Bauch und meinem Oberschenkel. Jeffrey stellte sich neben mich, hob meinen Bauch und steckte seinen Schwanz in die besagte Falte.
»Ganz sicher nicht«, stöhnte er.
Dann stieß er zu, zuerst langsam, dann allmählich schneller. Er krallte dabei seine Finger so fest in meinen Bauch, dass es wehtat. Seltsame Mhm-Laute kamen dabei aus seinem Mund. Gerade hatte ich noch Sandwiches gegessen und mich auf netten Sex mit einem Kurvenliebhaber gefreut, und jetzt fühlte ich mich wie American McGee’s Alice im bizarren Irrenhaus-Wunderlandspiel.
Jeffrey drückte mein Fleisch noch mehr zusammen. »Enger, enger, gut, ja …« Seine Hüften ruckelten und er warf den Kopf nach hinten. Sein Gesicht verkrampfte sich, bis es nur noch eine Masse aus verspannten Muskeln war. Dann spürte ich, wie sein Sperma an meinem Oberschenkel nach unten rann. Ich fischte nach einem Taschentuch aus der Box, die auf dem Nachttisch stand, wischte alles ab, so gut es ging.
Jeffrey rückte von mir ab und sah mich überrascht an. »Was denn, hat es dir nicht gefallen?«
»Hätte es sollen?«
»Du bist aber erregt, ja?«
»Sieht das so aus?«
Jeffrey legte sich aufs Bett. »Dann setz dich doch über mein Gesicht. Das, was ich jetzt machen werde, gefällt dir ganz sicher.«
Ich zögerte. Sollte ich ins Hotel gehen? Andererseits, wenn auch nur eine kleine Chance bestand, den Abend doch noch mit etwas Vergnügen zu beenden, würde ich mich nicht darum bringen. Vielleicht gehörte Jeffrey ja zu der Sorte Männer, die zuerst auf ihre Kosten kamen, und sich hinterher um die Frau kümmerten.
Also kniete ich mich vorsichtig über ihn und senkte mein Becken über sein Gesicht, bis meine Pussy über seinem Mund schwebte und ich seinen Atem an meinen Schamlippen spürte. Das Kribbeln der Erregung war so sanft, dass ich es kaum spürte, aber es war immerhin ein Anfang. Jeffrey drückte mich nach unten, bis sein schmales Antlitz fast ganz in meiner fleischigen Fülle verschwand. Dann lag er wieder nur da, während ich darauf wartete, dass etwas geschah. Nichts passierte. Er liebkoste mich nicht, und seine Lippen blieben seltsam geschlossen. Langsam ging mir dieser dürre, reglose Schotte auf die Nerven.
Als ich aufstehen wollte, drückte er mich noch fester auf sein Gesicht. Ich hörte ihn japsen. Seine Beinchen zappelten und seine Finger, die er in meine Schenkel drückte, zitterten. Ich fürchtete, das er jeden Moment unter mir ersticken würde. Ich fuhr zusammen, als die Erkenntnis mich traf, scharf und präzise wie der Pfeil eines Düsterwaldelben. Jeffrey benütze mich, meinen Körper offenbar dazu, um sich die Luft abzuschnüren.
Ich schnellte hoch und wollte nur noch weg, nur noch runter von ihm, doch das ließ er nicht zu. Jeffrey krallte seine Hände noch fester in mein Fleisch, mit mehr Kraft, als ich ihm zugetraut hätte. Er drückte immer noch das Gesicht in meinen Schoß, während ich mich zu befreien versuchte. Schließlich konnte ich mich losreißen. Ich rollte von ihm und sammelte hektisch meine Kleider ein.
Jeffrey sah mir verärgert vom Bett aus zu. »Was ist denn los, um Himmels willen? Warum unterbrichst du mich, wenn ich deinen Körper genieße?«
Ich sperrte mich im Bad ein und wusch seine Spuren von mir ab, so gut es auf die Schnelle ging.
»Du gehst?«, rief er durch die Tür. »Warum denn?«
Angezogen und bereit zum Aufbruch kam ich wieder aus dem Bad. »Hast du dich schon einmal gefragt, was einer Frau an deinem Liebesspiel gefallen könnte?«
Er baute sich vor der Wohnungstür auf, breitbeinig, aber immer noch nackt, immer noch schmächtig, und sein Schwanz baumelte zwischen seinen Schenkeln. »Was einer Frau daran gefallen kann?«, fragte er. »Das Wissen, dass ihr Körper einem Mann Lust bereitet, natürlich. Andere Frauen sind nicht so undankbar wie du. Die wissen, was sie an einem Mann wie mir haben.«
Ich schob ihn beiseite und öffnete die Wohnungstür. Er hopste mir nach, hinaus ins Stiegenhaus. »Du gehst?«, fragte er.
»Sieht das hier für dich so aus, als würde ich bleiben?«
»Dann hau ab. Du bist sowieso nicht dick genug, du undankbare, prüde dumme Kuh.«
Für diese Kammerspiel des Absurden sollte ich ihm auch noch dankbar sein? Ich langte nach seiner Wohnungstür und gab ihr einen Schubs. Sie knallte gegen die Flurwand, prallte zurück, und fiel ins Schloss. Ich hörte, wie der Wohnungsschlüssel gegen die Türinnenseite klatschte.
Jeffrey riss panisch seine Fetischistenärmchen hoch. Im kargen Licht des Stiegenhauses wirkte er auf einmal so winzig, so verletzlich mit seiner unbedeckten Scham, und für einen Moment verspürte ich so etwas wie Sympathie und Mitgefühl für ihn.
»Hau nur ab, du blödes, prüdes Biest«, fauchte Jeffrey und bedeckte seine Scham notdürftig mit den Fingern.
»Noch viel Spaß heute Abend«, sagte ich. »Und verkühl dich nicht.«
KAPITEL 5
Im Hotel verbrachte ich eine gute halbe Stunde unter der Dusche, und wusch mich immer wieder, um ja alle Spuren von Jeffrey loszuwerden. Ich würde ihm nicht den Gefallen tun, mich schmutzig und benutzt zu fühlen, dachte ich fast trotzig, als ich den Rest des kleinen Hotelduschgels aufbrauchte. Ich würde auch nicht eine Sekunde daran denken, meine Quest abzubrechen, nur weil ich einen Abend in einer bizarren Gegenwelt verbracht hatte, die die Regeln von allem, was ich erotisch fand, auf den Kopf stellte.
Meine Quest würde weitergehen. Musste weitergehen. Auch wenn ich den Anfang irgendwie verpatzt hatte, konnte und wollte ich nicht mehr zurück. Ich durfte nicht mehr in alte Romy-Muster verfallen, mich nie wieder in meine einsame kleine Wehrburg hinter Mauern aus Illusionen und Träumen verkriechen, belagert von Mutlosigkeit und Verzweiflung, heimgesucht vom Geist meiner Niederlage in Sachen Christian. Auch wenn es verlockend schien, in Deckung zu gehen, ich wusste, wenn ich die alten Programme laufen ließ, würde ich nie die Art von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen finden, wie Sonja und die Plus-Models sie hatten. Ich musste meinen Weg weitergehen, in unvertraute Gefilde. Auch wenn die Reise mich ängstigte, ahnte ich, dass ich auf dem Weg Schätze finden würde, Beutestücke. Wie eine Spielfigur, die sich durch die Level kämpft und nach und nach die Einzelteile einer besonders wertvollen Rüstung einsammelt, würde ich mir alles aneignen, was ich brauchte, um die Romy zu werden, zu der ich geboren war. Und was, wenn ich mich manchmal verlief? Schließlich passierten den Heldinnen diverser Spiele und Sagen am Anfang ihrer Abenteuer ähnlich dumme Dinge, ganz so, als wolle das Schicksal ihre Entschlossenheit prüfen. Insofern konnte ich die Episode mit etwas gutem Willen sogar als Bestätigung betrachten, dachte ich. Außerdem konnte es eigentlich nicht mehr blöder laufen, und das war irgendwie auch ermutigend.
Also lag ich in dieser Nacht noch lange wach, um mir die nächsten Schritte meines Abenteuers zu überlegen. Vielleicht sollte ich diesen Manfred anrufen, dachte ich, als der Morgen schon graute. Er war eigentlich ganz nett gewesen, und er hatte mich an einem Abend anziehend gefunden, an dem ich mich mit meinem verlaufenen Make-up ungefähr so sexy gefunden hatte wie den Joker aus Batman. Sicher, die ganz große Liebe würde sich zwischen dem forschen Sportartikelverkäufer und mir vermutlich nicht entwickeln, aber darum ging es auch nicht. Je länger ich über die Begegnung mit Manfred nachdachte, desto eher konnte ich mir vorstellen, ihn zu mir einzuladen, zu küssen und zu sehen, wie er reagierte.
Ich hatte seine Karte nach unserer ersten Begegnung zwar am Tresen liegen gelassen, an den Namen des Ladens, in dem er arbeitete, erinnerte ich mich aber noch. Mit wenigen Klicks fand ich seine Kontaktdaten heraus, und rief ihn an, kaum dass ich in Wien gelandet und Tamsin per Mail für die nette Begegnung gedankt hatte.
Ich erwischte Manfred am Heimweg von der Arbeit. Seinen Vorschlag, uns in Cems Bar zu treffen, schlug ich aus. Nach noch mehr Geplauder war mir jetzt wirklich nicht, und ich wollte nicht riskieren, dass ein stundenlanger Monolog über Gangschaltungen und Crosstrainer mir die Lust raubte, ihn zu küssen.
»Ich wohne im Sechsten, hinter dem Flakturmpark. Du könntest bei mir vorbeikommen …«
»Ich kann in einer halben Stunde da sein.«
»Sagen wir in einer Dreiviertelstunde.«
Ich legte auf und spürte, wie sich die Vorfreude in mir breitmachte. Ich fühlte meinen Hunger, die Sehnsucht, endlich wieder Lippen an meinen zu spüren, den Geschmack eines Mannes auf meiner Zunge, seinen Körper auf mir und in mir und um mich.
Einen Mann einfach so zu mir einzuladen, war so untypisch für mich, dachte ich, amüsiert über meinen Mut. Olga wäre jedenfalls ziemlich angetan, wie ich meine Quest anging.
Ich räumte schnell die halb ausgepackten Koffer ins Schlafzimmer und machte mich frisch. Als ich meinen Lippenstift auftrug, blitzte in meinem Kopf das Bild meiner Mutter auf, und ich fragte mich, was sie jetzt sagen würde. Nicht nur zu meiner Quest, sondern dazu, dass ich begann, ihre dummem Prophezeiungen Lügen zu strafen, dass dicke Frauen aus Grundprinzip unattraktiv und unerotisch waren. Dann verdrängte ich den Gedanken, und konzentrierte mich darauf, mich möglichst wie eine Venus aussehen zu lassen. Fünfzig Minuten nach unserem Telefonat stand Manfred vor meiner Wohnungstür. Während ich in meinem Kühlschrank nach einem Bier suchte, spazierte er durch mein Wohnzimmer und ließ seinen Blick über meine Comicsammlung und meinen Zeichentisch gleiten. »Du hast einen Freund, oder?«, fragte er.
»Wieso?«
»Du hast mehr Ego-Shooter und Fantasy-Spiele rumliegen als mein dreizehnjähriger Neffe.«
»Ich arbeite in der Spielebranche.«
»Als Sekretärin oder was?«
»3D-Artist.«
»Echt? Kannst du davon leben, ich meine als Frau und so?«
Ich zupfte mein Top zurecht, um seinen Blick auf meinen Ausschnitt zu lenken und ihn zum Schweigen zu bringen. »Schon«, sagte ich.
Ich reichte ihm das Bier, und sah zu, wie sich sein Bizeps und seine Brust unter seinem Poloshirt bewegten. Der Stoff hob sich hell von Manfreds bronzefarbenen Haut ab und weckte in mir den Wunsch, es hochzuziehen, über seine Haut zu streicheln und die Muskeln darunter zu spüren. War er am ganzen Körper gleichmäßig gebräunt? Vermutlich würde ich es bald wissen. Der Gedanke schickte ein kleines Lächeln über meinen Mund.
»Was macht man so, als 3D-Artist?«, fragte Manfred.
»Ich zeichne die Kostüme, die Umgebung, die Waffen, hauptsächlich aber die Figuren.«
Sein Grinsen fiel eindeutig lüstern aus. »Die einzige Figur, die mich im Moment interessiert, ist deine.« Er trat ganz nah an mich heran, und als er »du hast ganz fantastische Titten« flüsterte, klang seine Stimme belegt. Dann senkte er den Kopf und küsste mich auf den Mund, sanfter und vorsichtiger, als ich es erwartet hatte. Mit der Zunge öffnete er meine Lippen, und ich schmeckte eine Mischung aus Minz-Zahnpasta und etwas Bier. Gar nicht mal so unangenehm, fand ich, und erwiderte seinen Kuss. Manfred legte seine Hände auf meine Brüste, und meine Haut begann zu prickeln, obwohl zwischen ihr und seinen Fingern zwei Schichten Stoff lagen.
»Magst du das?«, fragte er.
Ich nickte, bog meinen Rücken durch und drückte meine Brüste der Wärme seiner Finger entgegen.
Manfred griff nach dem Saum meines Kleids und zog es mir über den Kopf. »Wow«, sagte er. »Welche Körbchengröße hast du?«
»Neunzig G.«
»G wie geil. Das ist einer der Vorteile von euch fetten Weibern.«
»Danke?«
Er knetete meine Brüste unter den Körbchen. »Fantastische Titten«, sagte er noch einmal. Als er sein Gesicht zwischen sie steckte, hinterließ sein Haargel eine leicht klebrige Spur auf meiner Haut. »Du bist eine richtige Wuchtbrumme. Ein Megamädel«, sagte er.
Ich zog ihm das Poloshirt aus der Hose, strich über seinen Bauch und konnte fühlen, wie seine Muskeln sich direkt unter der Haut zusammenzogen.
»Ein Pfundsweib, bist du.«
»Hm. Soll ich den BH ausziehen?«
»Lass mich machen.«
Er zog den Büstenhalter nach unten, sodass meine Brüste über den Spitzenrand quollen. »So ist es geil«, sagte er und trat einen Schritt zurück, um mich im Ganzen betrachten zu können. »Himmel«, sagte er, »bist du fett.«
»Ich glaube, das sagtest du schon.«
Manfred zog sich das Poloshirt über den Kopf. Seine Haut sah ein bisschen nach Grillhähnchen aus, fand ich, während ich zusah, wie er sich auch seiner übrigen Sachen entledigte. Seine Bräune war tatsächlich nahtlos, bloß über seine Füße konnte ich nichts sagen. Ich fragte mich, ob er seine Socken auch im Solarium anließ. Sein Schwanz begann, sich zu regen und aufzurichten. Beim Anblick des immer praller werdenden Fleisches, das aus einem hellbraunen Nest ragte, leckte ich unwillkürlich über meine Lippen.
»Wollen wir ins Schlafzimmer gehen?«, fragte er.
»Dort hab ich meine Katzen eingesperrt.«
Er sah sich um. »Das Wohnzimmer ist auch nicht schlecht.«
Er drückte mich aufs Sofa, und zwar so, dass ich kniete und die Wand vor mir und das Poster von Dragon Age Origins anstarrte. Morrigan, Duncan, die Zwerge und die dunkle Brut starrten zurück.
Manfred packte meinen Hintern und fing an, über mein Höschen zu rubbeln. »Was für ein geiler fetter Arsch«, sagte er dabei.
»Hör zu, Manfred«, sagte ich. »Du kannst gerne ein bisschen derb sein, wenn du das brauchst. Aber sei bitte ein bisschen langsamer und vorsichtiger.«
Er nickte, schien es zu mögen, dass ich ihm klare Anweisungen gab. »Klar«, sagte er. »Du sollst schließlich auch Spaß haben. Sag, warum hast du damals in der Bar eigentlich so geweint?«
Wenn Manfred es klug fand, eine Frau mitten im Liebesspiel so etwas zu fragen, hatte er offenbar in ungefähr das Feingefühl des Wrestler-Schurken Zangief aus den Street-Fighter-Spielen.
»Was ist dir gerade wichtiger?«, fragte ich. »Liebe machen oder Konversation treiben?«




