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Lina und
der magische Schmetterling
Kiki Kreuder

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Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Titelbild: Walburga Wedig / Kristina Kreuder
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2014
Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-86196-439-1 – Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-356-9 – E-Book
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A
Es war einmal ein kleines Dorf mit dem Namen Blumheim. Die Sonne strahlte jeden Tag vom blauen Himmel. Überall wuchsen Bäume und wunderschöne gelbe, rote und blaue Blumen. Jenen wunderschönen Blumen verdankte das Dorf seinen Namen, denn nirgends leuchteten die Blumen stärker in all ihren Farben.
In Blumheim lebte ein Mädchen von acht Jahren. Es hatte langes, blondes Haar, winzige Sommersprossen auf der Nase, blaue Augen und hörte auf den Namen Lina. Ihr Vater Norman war Dachdecker und Lina liebte es, ihm bei der Arbeit zuzuschauen, wie er in schwindelerregender Höhe zerbrochene Dachziegel durch neue ersetzte. Linas Mutter arbeitete als Schneiderin. Lina liebte die Kleider, die ihre Mutter für sie anfertigte.
Doch am allermeisten liebte sie es, kunterbunte Blumen zu sammeln oder stundenlang in die Luft zu schauen. Dann träumte sie von Wolkenschlössern, Wolkenpferden und weißen lachenden Wolkenkindern, die vom Wind in die Ferne getragen wurden. Lina liebte außerdem die Geschichten, die ihre Mutter ihr abends vor dem Schlafengehen vorlas. „Eines Tages werde ich mit den lachenden Wolkenkindern in die Ferne gehen“, sagte Lina dann und schlief mit einem Lächeln ein.
Viele Jahre lebten die Bewohner des Dorfes glücklich und zufrieden. Die Felder warfen eine gute Ernte ab und die Bauern züchteten gesundes und starkes Vieh, das sie auf dem Markt in der großen Stadt Fulalla verkauften. Einige Bauern hatten etwas mehr Glück beim Verkauf als andere und so kam es, dass sich Neid unter den ärmeren Bauern verbreitete.
Manche Bauern hatten etwas mehr Geld und das gönnten die ärmeren Bauern ihnen nicht. Böse Worte fielen auf dem Markt und schon bald stritten sie so sehr, dass niemand mehr den anderen leiden mochte. Wenn sie nach Blumheim zurückkehrten, schrien sie sich an und drohten einander mit Fäusten.
Die Blumheimer fühlten sich nicht mehr wohl in ihrem Dorf und schließlich kam es, dass Gregory, dem Hufschmied, der Kragen platzte. „So kann es doch nicht weitergehen! Alle haben genug zu essen! Niemand muss Hunger leiden! Wir waren alle glücklich und zufrieden. Und nun streiten alle, weil manche etwas mehr und manche etwas weniger haben. Was ist denn nur passiert?“
Die Bewohner Blumheims schauten verlegen auf den Boden. Der Neid war groß in ihren Herzen, doch noch größer war ihr Stolz und so kam es, dass sie sich nicht beieinander entschuldigen wollten.
Wenn es im Dorf Probleme gab, dann wurde eine Versammlung einberufen, um sich zu beraten, wie das Problem gelöst werden könne. So taten sie es nun auch und beriefen eine Ratsversammlung im großen Saal des Rathauses ein, um zu klären, wie sie wieder friedlich zusammenleben konnten.
Auch Norman und Gerta waren eingeladen. Als sie das Haus verließen, drückten sie Lina und versprachen, schnell wieder zurückzukommen: „Wir sind bald wieder da, versprochen.“
Doch Lina war sehr neugierig und so folgte sie ihren Eltern heimlich. Sie spähte durch ein Fenster des Rathauses und entdeckte das perfekte Versteck. Auf Zehenspitzen schlich sie in den Raum und verbarg sich hinter einem Vorhang, damit sie mithören konnte, was die Erwachsenen besprachen.
Doch zunächst besprachen die Dorfbewohner gar nichts. Stattdessen stritten sie erneut und brüllten sich an: „Du hast doch noch zehn Säcke Mehl in deinem Keller gelagert! Schäm dich und gib uns etwas ab. Wir haben nur noch einen Sack Mehl und der reicht auch nur noch bis zum Ende des Monats!“
Ein anderer Bauer schrie: „Dir etwas abgeben? Pah! Du willst doch nur mein Mehl haben, damit du nicht dein eigenes Mehl zum Brotbacken nehmen musst, du Geizhals!“
Sie stritten und stritten und stritten, bis der Bürgermeister laut „Ruuuuhe!“ brüllte. Mit hochrotem Kopf stand er da und schüttelte den Kopf. „Ich schäme mich für euch. Ihr wart einmal Freunde und nun seid ihr Feinde. Wir müssen eine Lösung finden, jetzt. Denn so kann es nicht weitergehen.“
Sie überlegten lange hin und her. Lina hörte den Erwachsenen erstaunt zu. Ihr Streit war sehr ernst und wenn sie keinen Weg fanden, wieder glücklich miteinander zu leben, dann würde noch jemand verletzt werden. Gregory hatte schließlich eine Idee: „Ich habe von einem Schmetterling in einem fernen Land gehört, der alles verändern kann, wenn er mit den Flügeln schlägt.“
Die Leute sahen sich erstaunt an. „Er kann alles verändern, wenn er mit den Flügeln schlägt?“
Ein anderer fragte: „Wenn er mit den Flügeln schlägt, dann vertragen wir uns wieder und alles ist gut?“
„Aber wenn er in einem fernen Land lebt, wie kann sich dann bei uns etwas verändern, wenn wir doch so weit von ihm weg leben?“ Neugierig sahen sie den Hufschmied an.
„Aber liebe Leute“, sagte er und lächelte. „Es ist ein magischer Schmetterling!“
„Ahh“, riefen da die Dorfbewohner. „Und wie finden wir den Schmetterling?“
Gregory antwortete: „Die Legende besagt, dass nur ein Kind mit reinem Herzen den magischen Schmetterling finden kann.“ Linas Herz klopfte schneller. War das ihre Chance? Würde sie endlich mit den weißen Wolkenkindern in die Ferne ziehen?
„Wir können doch kein Kind losschicken! Was, wenn dem Kind etwas passiert?“, rief eine Frau entrüstet.
„Aber es kann doch so nicht weitergehen. Wir streiten tagtäglich. Es dauert nicht mehr lange und die Streitigkeiten enden in einer handfesten Prügelei. Es wird noch jemand zu Schaden kommen“, warnte der Bürgermeister. Die Bewohner schwiegen.
„Das ist meine Chance“, dachte Lina. „Sie sind verzweifelt und sie brauchen ein Kind mit reinem Herzen. Ich möchte ihnen unbedingt helfen.“ Mutig trat sie hinter dem Vorhang hervor. „Ich werde es tun“, sagte Lina mit fester Stimme. „Ich werde den magischen Schmetterling suchen und ihn bitten, uns zu helfen!“
Mutter Gerta sprang auf. „Aber Lina! Nicht doch! Du bist viel zu jung!“
Doch Norman zog sie am Arm auf den Stuhl zurück. Er sah Lina in die Augen und entdeckte großen Mut und Entschlossenheit. Dann nickte er ihr zu. „Ich vertraue dir, du wirst es schaffen.“
Niemand erhob Einspruch, denn sie wussten, dass Lina ihre einzige Chance war, die Probleme im Dorf zu lösen. Alle waren dem Mädchen sehr dankbar.
Bereits am nächsten Tag packte ihr Vater Norman einen ledernen Beutel mit Proviant zusammen. Mutter Gerta war zutiefst traurig und voller Angst, sie könnte ihr Kind nie wiedersehen.
„Aber Mama, ich werde sehr vorsichtig sein. Ich werde heil zurückkommen. Versprochen!“, beruhigte Lina ihre weinende Mutter.
Ihr Vater umarmte sie und drückte ihr einen kleinen, spitzen Gegenstand in die Hand. „Das ist mein Leuchtstern. Er wird dir an dunklen Tagen und Nächten den Weg weisen.“ Lina schaute den Stern überrascht an.
„Und wie leuchtet er?“, fragte sie.
„Du musst ihn tagsüber in die Sonne halten, denn er sammelt die Sonnenstrahlen in sich. Nachts gibt er sie wieder ab und dann leuchtet er.“
„Oh, vielen Dank!“ Sie nahm ihn und hängte ihn an den Lederbeutel, denn dort sollte er Sonnenstrahlen sammeln.
Lina drehte sich zu ihrer Mutter Gerta um. „Mein liebes Kind, du wirst mir so sehr fehlen. Auch von mir sollst du etwas bekommen.“ Linas Mutter zog ein kleines Säckchen aus der Tasche. „Das sind Sorgenpüppchen. Hast du schon einmal davon gehört?“ Lina schüttelte den Kopf. „Auf deiner Reise wirst du manchmal alleine sein. Und vielleicht wirst du Sorgen oder Angst haben. Dann erzählst du einfach einem Sorgenpüppchen deine Angst und legst dich schlafen. Am nächsten Morgen hat das Sorgenpüppchen deine Angst von dir genommen. Aber du darfst immer nur einem Püppchen eine Sorge erzählen.“
Lina nahm die Sorgenpüppchen entgegen und steckte sie in den Lederbeutel. „Danke, Mama“, sagte sie und umarmte sie fest.
Auch Gregory, der Hufschmied, war gekommen, um sich von ihr zu verabschieden. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn nur durch seinen Vorschlag wurde ein junges Mädchen auf eine gefährliche Reise geschickt. Als Lina sich von Gregory verabschieden wollte, sah er sie ernst an. „Ein so kleines Mädchen soll eine so große Reise machen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich möchte dir auch etwas mitgeben.“ Er streckte ihr ein kleines Kästchen entgegen und sagte: „Das ist mein magischer Ring. Er warnt dich vor Gefahren. Wenn er rot leuchtet, dann musst du ganz schnell weglaufen!“
Lina öffnete das Kästchen und fand darin einen Ring, der die Form eines Pferdekopfes und eines Hufeisens hatte. Er war blau. „Danke, lieber Gregory! Diesen Ring werde ich nie verlieren!“ Lina umarmte auch ihn und drehte sich um. „Ich muss nun gehen. Ich werde euch alle sehr vermissen!“
Sie winkte ein letztes Mal und machte sich auf den Weg. Als sie das Ende des Dorfes erreichte, blickte sie zum Himmel und sah einen wunderschönen, bunten Regenbogen. „Ahh, wie schön“, sagte sie und machte sich auf den Weg in das ferne Land.
*
L
Viele Stunden war Lina bereits gegangen, als es immer dunkler wurde. „Ist es wirklich schon so spät? Ist es schon Abend? Dann muss ich schnell ein Dorf oder eine Hütte finden, in der ich übernachten kann“, sagte sie sich. Der Himmel wurde grauer und es fiel ihr schwer, die weit entfernten Bäume zu erkennen. Da fiel Lina etwas ein: „Ich habe doch Papas Leuchtstern! Er wird mir den Weg weisen!“ Sie zog ihn vom Lederbeutel. Er strahlte hell und deutlich in der mittlerweile düsteren Landschaft.
Sie ging weiter und hörte plötzlich ein leises Brummen. „Was ist das?“, fragte sie sich. Sie ging weiter und das Brummen wurde lauter. Die Luft veränderte sich und sie stellte fest, dass es in der Luft nach Rauch roch. „Es wird ja noch gar nicht Abend!“, rief sie erstaunt aus. „Das ist ja Rauch! Irgendwo in der Nähe muss ein großes Feuer sein!“ Nach einigen Metern sah sie ein Schild. Sie hob den Leuchtstern und las Dorf der Düsternis.
„Na, das ist ja mal ein passender Name“, sagte sie sich und ging weiter. Links und rechts konnte sie Häuser erkennen. Die grauen Fassaden waren über und über mit Ruß bedeckt und aus den Schornsteinen qualmte ebenfalls Rauch. Die Fenster waren so schwarz, dass man unmöglich nach draußen gucken konnte.
Plötzlich rief jemand neben ihr: „Hey, ein Neuankömmling! Ein kleines Mädchen ist in unser Dorf gekommen!“ Lina blieb stehen und sah sich um, konnte aber niemanden sehen. „Hier unten, meine Liebe! Hier unten!“, rief die Stimme erneut. Lina blickte nach unten und sah einen kleinen, grauen Maulwurf mit einer dicken Brille.
„Nanu, du kannst ja sprechen!“, rief sie überrascht.
„Aber natürlich kann ich sprechen!“, antwortete der Maulwurf entrüstet. „Alle hier können sprechen.“
„Warum ist hier so viel Rauch? Alles ist grau und ich kann kaum etwas sehen!“
„Ja, der Rauch, ich weiß, er ist überall. Ich kann ihn riechen. Aber weißt du, wir Maulwürfe sind blind. Die Düsternis stört uns nicht so sehr. Doch der Rauch, der stinkt ein bisschen.“
„Ja, in der Tat. Das ist ja kaum auszuhalten!“, sagte Lina und rümpfte die Nase. Plötzlich rumpelte ein großes Ungetüm an ihnen vorbei und hinterließ eine große Rauchwolke. Lina musste husten. „Was war denn das?“, fragte sie entsetzt.
„Das war ein Auto. Es fährt mit Feuer! Toll, nicht?“
„Nein, ich finde das ganz und gar nicht toll. Wie könnt ihr denn Auto fahren? Ihr seid doch blind!“, rief sie.
„Na ja, ich muss zugeben, hier passieren viele Unfälle“, gestand er ein. „Aber manche von uns sind nicht vollkommen blind. Ein paar wenige können ein kleines bisschen sehen. Komm, ich führe dich herum und zeige dir alles.“
Der Maulwurf nahm Lina an der Hand und führte sie durch das Dorf. „Wir heizen unsere Häuser mit Feuer, wir kochen unser Essen mit Feuer, wir heizen das Wasser mit Feuer, wir machen Licht mit Feuer. Eigentlich machen wir hier alles mit Feuer. Daher auch der viele Rauch“, erklärte er stolz. Lina wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte.
„Na ja, also ich weiß nicht. Ihr braucht dafür sehr viel Holz, nicht wahr?“ Der Maulwurf trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Aber ihr müsst doch nicht mit Feuer heizen oder mit Feuer Auto fahren oder mit Feuer Licht machen. Mein Leuchtstern braucht ja auch kein Feuer und er leuchtet mir den Weg!“, schimpfte Lina.
Der Maulwurf drehte sich zu Lina und fragte: „Dein Leuchtstern?“
„Ja, schau her.“ Lina streckte ihm die Hand entgegen. „Das ist mein Leuchtstern!“, sagte sie stolz. „Er leuchtet mir den Weg, wenn es dunkel ist.“
„Ich bin blind! Schon vergessen? Kannst du ihn mir in die Hand legen?“ Der Maulwurf tastete vorsichtig über die Spitzen.
„Er sammelt am Tag die Sonnenstrahlen und am Abend, wenn es dunkel ist, leuchtet er“, erklärte Lina.
„Das ist ja ... also das ist ja ...“ Der Maulwurf war sprachlos. „Das gibt es ja nicht! So eine tolle Erfindung! Das muss ich sofort unserem Ober-Maulwurf Wuli sagen. Haha!“ Er sprang vor Freude in die Luft.
Lina begleitete den Maulwurf zum Ober-Maulwurf. Dieser dachte nach und sagte: „Wenn der Leuchtstern Licht machen kann, dann speichert er irgendwie die Energie der Sonne. Lina, weißt du, wie das funktioniert?“ Lina schüttelte den Kopf, darüber hatte sie noch nie so richtig nachgedacht und niemand hatte es ihr erklärt. Der Ober-Maulwurf Wuli runzelte die Stirn, strich mit den Fingern die Zacken entlang und fragte schließlich: „Lina, kannst du uns ein kleines Stück von deinem Leuchtstern überlassen, damit wir herausfinden, aus welchem Material er ist?“
„Aber natürlich, wenn ich euch helfen kann, gebe ich euch gerne eine Spitze von meinem Stern“, sagte sie strahlend.
Die Maulwürfe sahen sie dankbar an und Wuli sagte: „Liebe Lina, wie können wir dir nur danken?“
Lina schaute auf den Boden. „Na ja, also, ich benötige ein Bett zum Schlafen, aber nur für diese Nacht. Morgen muss ich wieder weiter!“, druckste sie rum.
„Ein Bett sollst du haben. Wir haben sogar ein Haus, in dem es keinen Rauch gibt, aber da ist es ein bisschen kalt“, sagte der Ober-Maulwurf.
„Das macht nichts“, antwortete Lina. „Hauptsache, ich muss diesen fürchterlichen Gestank nicht länger ertragen!“
So kam es, dass Lina im Dorf der Düsternis übernachtete. Am nächsten Morgen verabschiedete sie sich und wünschte den Maulwürfen viel Glück für den Bau ihres großen Leuchtsterns. „Komm uns besuchen, wenn du den Schmetterling gefunden hast. Wenn wir einen großen Leuchtstern haben, dann geben wir unserem Dorf einen neuen Namen. Dorf des Lichts!“, rief der Ober-Maulwurf Wuli und winkte ihr nach.
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O und E
Je weiter Lina sich vom Dorf der Düsternis entfernte, umso klarer wurde die Luft und die Sonne wanderte hoch am blauen Himmel. Lina spazierte über grüne Wiesen und durch schattige Wälder. Wenn sie andere Wanderer traf, erkundigte sie sich nach dem magischen Schmetterling: „Könnt ihr mir sagen, wo ich den magischen Schmetterling finde?“
Doch die Antwort war stets die gleiche: „Magischer Schmetterling? Noch nie gehört!“ Lina sank der Mut. Wie sollte sie den magischen Schmetterling finden, wenn ihn niemand kannte?
Lina ging am Rande dichter Brombeerhecken entlang, hinter denen hohe Bäume wuchsen. Plötzlich erklang eine dunkle Stimme: „Oh du lieber Augustin, Augustin, Augustin, oh du lieber Augustin ... verflixt! Jetzt habe ich schon wieder den Text vergessen!“
Lina schaute sich um und fragte sich: „Wer singt dort im Wald? Ob ich es wagen soll, herauszufinden, wem die Stimme gehört?“ Vorsichtig ging sie weiter. „Und wenn es ein böser Mann ist?“ Lina blieb stehen. „Vielleicht ist es aber auch jemand, der mir sagen kann, wo ich den magischen Schmetterling finde.“
Unschlüssig sah Lina sich um und entdeckte eine hochgewachsene Gestalt auf einer kleinen Lichtung zwischen den Bäumen. Sie wagte sich ein paar Schritte weiter und erkannte, dass die Gestalt ein Esel war! Ein Esel, der sprechen und singen konnte!
„Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, ding dong, ding dong. Nein, ich glaube, das ist wieder der falsche Text.“ Der Esel kratzte sich am Kopf und entdeckte Lina. „Wer bist du? Was willst du hier?“, fragte er.
„Du kannst sprechen!“, rief Lina.
„Aber natürlich kann ich sprechen!“, polterte der Esel entrüstet. „Wenn ich singen kann, dann kann ich auch sprechen!“ Wütend sah er das kleine Mädchen an.
„Entschuldige bitte, in meiner Heimat können die Tiere nicht sprechen“, erzählte Lina.
Der Esel sah sie mit großen Augen an. „Dann musst du von sehr weit her kommen, denn hier können alle Tiere sprechen. Und jetzt störe mich nicht weiter, ich muss meine Lieder üben, ich will ein großer Sänger werden!“
Er drehte sich um und begann erneut zu singen. „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, ding ... verflixt!“ Lina musste kichern. Wütend drehte sich der Esel um. „Wenn du es besser weißt, dann sing du doch.“
Lina begann zu singen: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp klapp, klipp klapp. Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach.“ Sie sang das Lied zu Ende und der Esel sah sie nachdenklich an.
„Kannst du noch andere Lieder?“, fragte er.
„Ja natürlich!“, antwortete Lina stolz.
„Oh, mein liebes Kind“, sagte der Esel. „Kannst du mir helfen, die Lieder zu lernen? Ich möchte doch so furchtbar gerne ein großer Sänger werden und ich fürchte, alleine schaffe ich es nicht.“ Der Esel sah sie mit großen, bittenden Augen an.
„Hm, ich würde dir ja gerne helfen, aber ich muss den magischen Schmetterling finden. Weißt du, Esel, in meinem Dorf sind alle zerstritten und niemand redet mehr miteinander. Wir möchten, dass alles wieder so wird wie früher und deshalb muss ich den magischen Schmetterling finden, damit er uns hilft.“ Lina blickte ihn mit ihren blauen Augen an.
„Der magische Schmetterling?“ Der Esel runzelte die Stirn. „Ich habe mal eine Geschichte vom magischen Schmetterling gehört, der mit einem Flügelschlag alles verändern kann. Vor vielen Jahren traf ich einmal einen Seemann, der um die ganze Welt gereist ist. Vielleicht kann er dir helfen.“
Lina fragte aufgeregt: „Und wo finde ich den Seemann?“
„Nun ja“, sagte der Esel, „wenn du mir hilfst, die Lieder zu lernen, dann sage ich dir, wo du den Seemann findest. Und du kannst heute Nacht in meiner Hütte schlafen. Ein kleines Mädchen wie du sollte nicht nachts allein im Wald umherstreifen.“
Lina strahlte. „Abgemacht!“, sagte sie.
So kam es, dass Lina und der Esel bis spät in die Nacht sangen und sangen und sangen. So lange, bis der Esel alle Lieder auswendig konnte. Müde und matt und alle Arbeit satt legten sie sich schließlich hin, Lina in des Esels Strohbett und der Esel auf den Boden. „Nur für diese Nacht, morgen möchte ich wieder in meinem Bett schlafen“, beschwerte er sich und drehte sich auf die Seite.
Sie schliefen tief und fest bis zum nächsten Morgen. Lina erwachte zuerst und weckte den Esel. „Wach auf, ich muss nun gehen. Bitte sage mir, wo ich den Seemann finde.“
„Oooh“, gähnte er und erzählte müde: „Wenn du den Wald verlässt, nimm den rechten Weg. Er wird dich zur roten Palme führen. Dort findest du auf dem obersten Palmenwedel eine Wegbeschreibung.“
„Eine Wegbeschreibung auf einer roten Palme?“, fragte Lina ungläubig.
„Ja, die Blätter der Palme sind rot. Und jetzt lass mich weiterschlafen. Ein großer Sänger braucht ausreichend Schlaf!“ Mit diesen Worten drehte er sich um und fing sogleich an zu schnarchen. Lina musste ein bisschen schmunzeln, echt klang dieses Schnarchen nicht.
„Nun denn“, dachte Lina. „Auf zur roten Palme!“
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M
Auf ihrem Weg hielt Lina immer wieder Ausschau nach einer roten Palme. Doch nirgends konnte sie sie sehen! Grüne Blätter, braune Äste, gelbe Blüten. Doch keine rote Palme! Es war zum Verzweifeln!
Die Sonne schien unablässig auf ihren Kopf herab und als sie ihren höchsten Stand erreichte, war es so warm, dass Lina sich ein schattiges Plätzchen am Fuße einer hohen Eiche suchte. „Puh, ist das warm!“, schnaufte sie und nahm aus ihrem Reisebeutel eine Flasche kühles Wasser. „Ahh, das tut gut.“
Lina war viele Stunden gewandert und hatte sich keine Pause gegönnt. Die Hitze und der angenehm warme Wind machten sie schläfrig. „Uaah“, gähnte sie und streckte die Arme weit nach oben. „Ich bin soo müde. Ich gönne mir ein kleines Nickerchen.“ Lina legte sich auf das weiche Moos, das unter der Eiche wuchs, und bettete ihren Kopf auf ihren Lederbeutel. Es dauerte nicht lange und sie fiel in tiefen Schlaf.
Zwei Stunden schlief sie tief und fest, sie hörte nicht die zwitschernden Vögel oder die wiehernden Pferde, die nahe auf einer Weide standen. Sie hörte auch nicht das Kinderlachen, als ein helles Glöckchen erklang. Sie erwachte durch einen süßen Geruch, der ihr in die Nase stieg. Langsam öffnete sie die Augen. Die Nase in die Luft gestreckt, schnupperte sie. „Mh, was riecht denn hier so gut?“, fragte sie sich. „Es riecht nach ... nach ... also, was ist das für ein leckerer Duft!“ Es roch nach frischen Erdbeeren, nach cremiger Vanille, nach dunkler Schokolade. „Mh, ich muss sofort herausfinden, woher dieser Duft kommt“, sagte sie und das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Schnell nahm sie ihren Lederbeutel und sprang auf.
Lina schaute sich um und entdeckte am Ende des Weges, den sie vor wenigen Stunden gegangen war, eine rote Spitze. „Das könnte ein Haus sein“, murmelte sie. „Ja, das sieht aus wie ein rotes Spitzdach. Mal sehen, ob der süße Duft von dort kommt!“
Freudestrahlend hüpfte sie den Weg entlang und je näher sie der roten Spitze kam, umso stärker wurde der betörende Duft. Lina erkannte ein weißes Haus mit einem großen, rechteckigen Fenster neben der Tür. Das Fenster war mit vielen bunten Schleifen geschmückt, Kinder liefen aufgeregt vor dem Eingang umher, eine Glocke aus Gold hing über der Tür und klingelte hell und deutlich, wenn ein Kind das Haus betrat oder es verließ.
„Das muss es sein. Aus diesem Haus mit den hübschen Schleifen kommt der himmlische Duft!“ Aufgeregt rannte sie los, so schnell, dass sie fast gegen einen Jungen gelaufen wäre, der ein Eis in der Hand hielt. Sie blieb verwundert stehen und starrte ihn an.
Lina hatte noch nie ein Eis wie dieses gesehen. Die Waffel war abwechselnd mit weißer und brauner Schokolade überzogen, die unterste Kugel war strahlend blau wie der Himmel an einem wunderschönen Sommertag. Eine leuchtend rosa Kugel mit kleinen lila Pünktchen lag darauf. Als Lina die dritte und oberste Kugel sah, stockte ihr der Atem. Die Eiskugel leuchtete silbern und golden und kleine Glitzersteinchen verzierten sie rundherum!




