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Ich hatte die Lampe auf dem Nachttisch so gedreht, dass mir das Licht nicht ins Gesicht schien. Es fiel auf das Fenster über meinen Füßen und auf die Wand um das Fenster. Und auf meine bloßen Füße, die sich immer noch am Verputz der Wand abstützten, die Zehen zu beiden Seiten gespreizt. Da sah ich, wie sich auf der Mitte der Fensterbank, in Höhe der ersten Lamelle der Bambusjalousie, direkt auf der Längsachse meines Körpers, etwa zwanzig Zentimeter über meinen Zehen, etwas bewegte. Etwas Schwarzes, das aus diesem merkwürdigen Blickwinkel heraus schwer zu identifizieren war. Bis ich plötzlich begriff: Es war ein Skorpion.
Ich muss zugeben, ich gehöre zu den Menschen, die gegenüber Spinnen und Spinnenartigen einen instinktiven Ekel verspüren. Ich weiß nicht, was für ein Atavismus das ist. Ich habe mir wiederholt Gedanken darüber gemacht, aber keine Zeit gehabt, Literatur darüber zu suchen. Die wird es kaum geben. Ein bisschen habe ich mich dieses Ekels geschämt. Weil er mir weiblich vorkam, da ich ihn hauptsächlich bei Frauen festgestellt habe. Junge Mädchen kreischen vor Schreck, wenn ihnen eine Kreuzspinne über die Hand läuft. Ich kann meinen Ekel natürlich jedes Mal überwinden. Aber er ist unverhüllt vorhanden. Wenn ich plötzlich auf meinem Handrücken beispielsweise nur eine Wespe spazieren sehe, lasse ich sie das ungestört tun, begreife ihren Mut und ihren Vertrauensbeweis und versuche (obwohl das etwas lächerlich klingt), ihr meinerseits mein Vertrauen einzuflößen. Dann genieße ich die imaginäre Beiderseitigkeit des Vertrauens. Aber wenn es eine Spinne oder nur ein Weberknecht ist, muss ich mich für eine Sekunde zusammenreißen, um nicht zusammenzuzucken, es kostet mich eine gewissen Anstrengung, mich zu sachlicher Langsamkeit zu zwingen, bevor ich das Tier von meiner Hand blase. Meine Abscheu verhält sich übrigens proportional im Quadrat zur Größe des Tieres. Der Skorpion auf der Fensterbank war, in der Schrägansicht, wie ich ihn sah, gut und gerne zwölf oder dreizehn Zentimeter lang. Ein derartiges Tier wirkt, als halbes Insekt, das es ist, allein aufgrund seiner Größe pervers. Ich schaute ihn mir eine Sekunde lang sehr genau an. Er hatte seine Vorderhälfte, sozusagen sein Gesicht, mir zugewandt, wenngleich ich auf der schwarzen Fläche dieses Gesichtes aus dieser Entfernung keine Augen ausmachen konnte. Sein Körper war zum größten Teil von seinem linken Vorderbein oder seiner Vorderklaue oder Kralle verdeckt. Überhaupt machte er den Eindruck eines kleinen Schiffsmodells aus Bronze, wie ich es Gott weiß wo einmal gesehen habe. Wie ein zerbrochenes Kriegsschiff aus Odysseus’ Zeiten. Vier oder fünf Paar Beine als Ruder und der hohe, nach vorne gebogene Schwanz wie ein antikes Heck. Dann machte das Schiff mit einer unbegreiflichen Ruderbewegung einen merkwürdigen drei Zentimeter weiten Sprung und hielt am Rande der Fensterbank an. Ich bin kein Fachmann, aber ich war mir ziemlich sicher, dass der Stich eines solchen Schwanzes einen Menschen zwar nicht unbedingt zu töten bräuchte, es aber tun könnte.
Nun, ich überwand meine Schockstarre und traf meine Wahl zwischen möglichst schnellen und möglichst langsamen Bewegungen. Zugunsten der möglichst langsamen. Ich hatte keine Ahnung, wie viel das Tier in einer Entfernung von anderthalb bis zwei Metern sieht und wie es reagiert. Ich weiß ja nichts von der Psyche eines solchen Wesens. Wir kennen den Skorpion weniger als sein Sternbild. Jedenfalls bewegte ich meine Hand ganz langsam zum Nachttisch und nahm, ohne meinen Kopf zu wenden, das aufgeklappte Taschenmesser vom Nachttisch, mit dem ich mir vor einer halben Stunde die Zehennägel geschnitten hatte. Es war ein sehr scharfes Messer mit einem steifen Scharnier. Ein Federmesser, wie man früher sagte. Angefertigt von meinem Urgroßvater Jakob auf Naissaar in seiner eigenen kleinen Werkstatt, und geschenkt hatte es mir mein Vater zu meinem zehnten Geburtstag, kurz vor seinem Tod. Wenn sich einer mit diesem Messer gegen das Tier verteidigen konnte, dann war ich das. Ich weiß nicht, wie gefährlich das Tier für mich war, aber für das Tier war ich in der gegebenen Situation auf jeden Fall der gefährlichste Gegner unter Zehntausenden, womöglich unter Hunderttausenden. Denn ich hatte jahrelang unermüdlich alle möglichen Handfertigkeiten trainiert. Inklusive Geigenspiel. Was ich dennoch aufgab. Wenn ich zur Befestigung des Bogens eine Klammer, die ich mir dazu ausgedacht hatte, am Ende meines Stumpfes festmachte, konnte ich zwar auf dem Niveau eines Bauerntanzfestes spielen, sagen wir den »Roslagen-Walzer« oder »Für des Vaterlandes Freiheit«, aber zu mehr reichte es nicht. Von der Geige hatte ich also widerstrebend Abschied genommen. Aber Zielwerfen mit dem Messer habe ich endlos trainiert. Mit Entfernungen von einem bis zwanzig Schritt. Mit allen erdenklichen Messern. Inklusive Besteck-, Küchen-, Jagd-, Fisch- und Robbenhäutungsmesser, Finnendolche mit einer Klingenlänge von zwei bis fünfzehn Zoll, wie es sie auf der Insel gab, und Taschen- oder Federmesser jeden Gewichts mit allen möglichen Klingen und Griffen. Ich hatte Millionen von Würfen absolviert. Meine Hand wählt bis heute unfehlbar den Schwerpunkt, an dem sie ansetzen muss, und den Schwung, den sie dem jeweiligen Messer auf das jeweilige Signal hin geben muss.
Ich hob die Hand ganz langsam ans linke Ohr, drückte das Messer zwischen Daumen und Zeigefinger, zielte – und zögerte. Der Skorpion an der Wand gab ein extrem unbestimmtes Ziel ab. Seine Beine waren ziemlich dünn, sein Körper in der Vorderansicht nur ein Dutzend Millimeter dick, und er befand sich ein Stück weit vor der Jalousie. Wahrscheinlich würde ich ihn treffen, gewiss. Trotz der schlechten Wurfposition. Aber der Schlag wird nicht schwerer sein als sein eigenes kümmerliches Gewicht. Das Messer schleudert das Tier einfach zur Seite und bleibt in der Bambusjalousie stecken. Ich vermag nicht zu sagen, ob ich sofort oder erst später dachte: Der Skorpion fliegt zur Seite und fällt von der Fensterbank oder schafft es sogar hinunterzuspringen, denn er ist ein teuflisch flinkes Tier, und dann landet er auf meinem nackten Fuß und wird vor Schreck unweigerlich seinen Stachel in meinen Spann rammen. Ich zögerte also einen Moment. Und dann geschah das Unglaubliche. Die kaputte Bireme des Odysseus vollzog abermals eine blitzschnelle Bewegung. Ich konnte nicht sehen, wie das vor sich ging, aber plötzlich war er nicht mehr auf der horizontalen Fensterbank, sondern an der Wand, auf dem weißen Putz, direkt in jenem gleichschenkligen Dreieck, dessen Spitze der Mittelpunkt der Fensterbankkante war, während die Endpunkte der Basis von meinen großen Zehen gebildet wurden. Jetzt befand er sich in der idealen Position für einen Treffer: Das Messer würde seinen hinreichend breiten, wenigstens zwanzig Millimeter breiten Vorderleib durchbohren und ihn an die mürbe, verputzte Wand nageln. Vielleicht stellte ich mir eine Sekunde lang vor, als sich die Sehnen meines Handgelenks anspannten, wie der getroffene Skorpion versucht, den eisernen, vom langen Benutzen ganz glatt gewetzten Handgriff von Urgroßvaters Messer abzubeißen. Aber ich zögerte immer noch. Offenbar aus einem anderen Grund. Weil ich begriff, dass an diesem Tier irgendetwas anders war, als es sein sollte, anders als bei den anderen. Es dauerte zwei Sekunden, bevor ich begriff, was es war: Er war nicht symmetrisch, was sie normalerweise sind; und nach einer weiteren Sekunde sah ich, dass das durch seine fehlende rechte Vorderklaue kam. Da bemerkte ich, dass ich immer noch zögerte, und verstand, warum. Weil ein behinderter Mann sich schämte ein behindertes Tier zu töten. Unsere Behinderung (ich verstehe, wie schwachsinnig es klingt, von einem Skorpion und mir selbst als »uns« zu sprechen, zumal ich nicht mal im Sternzeichen des Skorpions geboren, sondern Widder bin), unsere Behinderung verband uns. Ich begriff, dass wir vom Standpunkt des Ideals her beide mangelhaft waren. Wir müssen versuchen zu leben und einander zu verzeihen. Das war ein großartiger Augenblick, einerseits so dämlich (oh nein, ich wage bis heute nicht zu sagen, dämlich), dass er den Verstand verblendete, andererseits so süß, dass er den Verstand überstieg. Ich weiß nicht, was es war. Jedenfalls legte ich das Messer zurück auf den Nachttisch. Leise. Aber wahrscheinlich nicht so leise, wie ich es ergriffen hatte. Und nicht ohne Kopfbewegung. Denn als ich wieder Richtung Skorpion blickte, war er weg.
Hahaha! Der Moment der Erleuchtung war vorüber. Ich stöberte eine Stunde lang im Zimmer herum. Nicht um ihn zu erschlagen, sondern um ihn aus dem Zimmer zu jagen. Ich verschob den Kleiderschrank, rückte das Bett von der Wand und drehte die Matratze um. Er war nirgendwo. Obwohl ich – ich kann einfach nicht umhin, von »uns« zu sprechen –, obwohl ich unter dem Eindruck unserer kürzlichen Begegnung oder des anstrengenden Tages, der ungewohnten Hitze, der Flut an Eindrücken, der Müdigkeit und des Whiskeys für einen Moment glaubte, dass das absolute Vertrauen gegenüber einem Skorpion um denjenigen, der vertraut, eine Blase der Unberührbarkeit bildet, die der Skorpion nicht durchstechen wird (so wie ein absoluter Glaube Berge versetzt), spürte ich gleichzeitig schmunzelnd meine europäische Unfähigkeit sowohl zu so einem absoluten Vertrauen wie auch zum Glauben. Also ließ ich das Bett mitten im Zimmer stehen und das Licht für alle Fälle an und versank allein dank meiner außerordentlichen Müdigkeit in einem tiefen Schlaf bis zum Morgen.
Ansonsten geschah in Cebu nichts Besonderes mehr. Wir klapperten am nächsten Tag die nördlichen Punkte ab und entschieden uns doch nicht für Catmon, sondern für Sogod. Das liegt 56 Kilometer nördlich von Cebu, beinahe direkt an der Küste der Camotes-See, wo ein angenehmer Passat für Abkühlung sorgt, und ist mit Cebu durch eine Landstraße verbunden, über die Herr Moll versicherte, dass sie eine der besten Autostraßen hierzulande sei. Nun ja, vorsichtig fahrend schafften wir unsere Ausrüstung heil dorthin, aber um mein Hinterteil machte ich mir zeitweise ernsthaft Sorgen.
Sogod war, wenn man es aus angemessener Entfernung betrachtet, die reinste Postkartenidylle: Eine alte Kirchenbaracke, katholisch natürlich, im Herzen des Fleckens, Herrenhäuser der Plantagen, das heißt ein paar weiße Bungalows und dergleichen unter Kokospalmen, drum herum gräuliche und bräunliche Hütten mit hohen gelben Strohdächern für das einfache Volk inmitten des vieltönigen Grüns der Mais- und Tabakfelder, zur Rechten das blaue Meer, zur Linken die hügeligen Felder des Binnenlandes, die sich weiter hinten zu Bergen ausweiteten. Aus der Nähe betrachtet war der Flecken ein ziemlich schmuddeliger und verfallener Ort, unglaublich voll mit halbnackten Visayakindern und den Büffeln der Dorfbewohner, Kleinvieh und Hühnern. Einstweilen konnte man sich nur ausmalen, in was für ein Schlammfeld der tropische Regen die lila schimmernde, von Hufspuren übersäte Erde dieser Straßen verwandeln würde.
Ich weiß nicht, ob die örtliche Schule speziell für uns geräumt worden war oder ob bei ihnen bereits die Sommerferien begonnen hatten, jedenfalls wurde uns das Schulhaus zur Verfügung gestellt. Das war ein einfacher Bretterschuppen mit zwei Klassenzimmern und Nebenräumen. In dem einen Raum richteten wir mein Arbeitszimmer ein, in dem zweiten meinen Wohnraum, der Rest war Lagerraum. Unser Beobachtungsplatz war der Schulhof, genaue Lage 10°45’ nördliche Breite und 124°0’ östliche Länge.
Und weiter nichts. Wir mussten für unsere Geräte drei Betonsockel gießen und legten ordentlich Hand an. Die vier von Herrn Moll geschickten Visayajungen waren tüchtiger als erwartet. Am achten April fingen wir mit dem Aufbau der Instrumente an. Am zweiundzwanzigsten war unsere Beobachtungsstation fertig. Abgesehen von der letzten Justierung der Geräte. Übrigens hatten wir vor der Sonnenfinsternis für eine Woche umfangreiche Aufnahmen der südlichen Milchstraße geplant, aber daraus wurde nichts. Denn wie verhext zog sich der Himmel jeden Tag gegen sechs, sieben Uhr zu und klarte erst wieder nach den allmorgendlichen heftigen Gewittergüssen auf. So blieb uns nichts anderes übrig, als den neunten Mai abzuwarten und hinsichtlich des Wetters am Tag der Sonnenfinsternis voller Hoffnung und Sorge zu sein. Ach ja, dann bekamen wir noch Besuch von den Amerikanern.
Ihre Expedition, nicht zwei, sondern an die zwanzig Mann, wollte die Sonnenfinsternis bei Iloilo auf der Insel Panay fotografieren, von uns aus hundertfünfzig Kilometer Luftlinie nach Westen. Wenn ich sage zwanzig Mann, dann ist das noch vorsichtig ausgedrückt. Genauso gut könnte man sagen, zweihundert. Denn zu uns auf die Reede von Sogod reisten die Amerikaner mit einem Kreuzfahrtschiff an, das sicher seine zweihundert Mann an Bord hatte. Matrosen in blauweißen Zebrashirts ruderten den wissenschaftlichen Stab an Land, und zwei Stunden lang hallten und schallten unsere Schulbaracke und unser Beobachtungshof von den raumgreifenden Stimmen der Yankees. Übrigens konnte man sie so schwer verstehen, dass ich nicht begreife, wie ich mit meinem Englisch Band für Band ihre wissenschaftlichen Bücher gelesen und meiner Meinung nach großartig verstanden habe, worum es ging.
Dann nahmen die Amerikaner unsere Apparatur in Augenschein. Im Zusammenhang damit blieb mir einer von ihnen besonders in Erinnerung. Obwohl ich nicht mal seinen Namen richtig in Erfahrung gebracht habe. Ein gewisser Link oder Flink oder Hink. Ich fragte ihn nicht: ›How do you spell it?‹ Ein Mann mittleren Alters mit einem Stiernacken, hellem Bürstenhaarschnitt und blonden Wimpern. Er betrachtete unseren Horizontalspiegel mit der 55-Zentimeter-Öffnung und insbesondere dessen Regulierungsvorrichtung, die ich für unsere Lapplandexpedition konstruiert hatte, und fragte:
»Aber warum haben Sie denn dieses Spielzeug aus Ihrem Hamburg bis hierher geschleppt? Kann man damit etwas Vernünftiges unternehmen?«
Ich sagte: »Spielen bestimmt …«
Aber Baade fragte grausam sachlich, ob die Herren amerikanischen Kollegen zufällig unsere Sonnenaufnahmen gesehen hätten, die wir vor zwei Jahren in Jokkmokk gemacht haben. Natürlich hatten sie sie gesehen. Sie hatten sie sogar detailliert studiert. Der gleiche Drink oder Prink sagte:
»To be sure! These are the best ever made!«
Und Baade zog seine etwas kurz geratene Oberlippe hoch, sodass seine breiten Zähne blitzten, und verkündete, sodass ich gleichzeitig peinlich berührt war und triumphierte:
»Eben. Sie alle sind das Werk von Herrn Schmidt und von ebendiesem seinem Apparat.«
Daraufhin rief derselbe Herr Flink »Incredible!« und bot mir eine Zigarre an, die ich ausschlug.
Zum Schluss tranken die Amerikaner auf dem Balkon des Schulhauses einen Whiskey auf unseren Erfolg und boten uns davon an (die Matrosen oder Küchenjungen des Kreuzfahrtschiffs in den Zebrashirts hatten Eiskisten mit Sodawasser dabei). Dann fuhren sie weg, und Baade schickte sich an, die Eindrücke ihres Besuches zu erörtern. Da er keine anderen Partner hatte, musste er dies mit mir tun, obwohl ich seine Kommentare nicht kommentierte. Letztendlich doch bedeutungsloses Gewäsch. Ein Mensch kann in Gedanken alles Mögliche erörtern. Die irrsinnigsten Dinge, wenn es ihm Spaß macht. Aber warum soll man für alle hörbar etwas erörtern? Also hörte ich ihm stumm zu. Bis auf einen Moment. Da sagte ich:
»Doktor, es war nicht nötig, ihnen unter die Nase zu reiben, dass die Jokkmokk-Fotos mit diesem Apparat gemacht worden sind. Man hätte sie in dem Glauben belassen sollen, dass wir hier mit Spielzeug spielen.«
Ich gebe zu, dass ich nicht ganz aufrichtig war, als ich das sagte. In Wirklichkeit war es eine Lüge. Eine Lüge aus übertriebener Zurückhaltung. Möglicherweise gar ein Versuch, von Baade noch einmal Lob für meinen Apparat und meine Arbeit zu erheischen. Offenbar hatte meine Seele das immer noch nötig. Weswegen es mir in Wahrheit trotz aller peinlichen Berührtheit überhaupt nicht gegen den Strich ging, dass Baade meine Arbeit den Amerikanern gegenüber gelobt hatte. Aber für diese Unaufrichtigkeit bekam ich augenblicklich die Quittung. Baade sagte (und er war natürlich überaus aufrichtig):
»Nein, nein, werter Kollege. Das war notwendig. Begreifen Sie denn nicht? Das erforderte die Reputation der deutschen Wissenschaft!«
Und ich fürchte, dass mir für einen Moment vor Überraschung der Unterkiefer runterklappte. Niemand hatte mir das jemals gesagt, selbst habe ich nie – ich glaube wirklich niemals – darüber nachgedacht: Ich war also, zumindest nach Baades Auffassung, ein deutscher Wissenschaftler? Und wahrscheinlich nicht nur nach seiner Auffassung. Ich spürte, wie etwas in mir aufzuckte und protestieren wollte. Aber gleichzeitig begriff ich, dass er von seinem Standpunkt aus betrachtet recht hatte. Denn welchen Landes Wissenschaftler war ich denn in erster Linie? Wenn ich beinahe dreißig Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte? Zwar mit Unterbrechungen auf Naissaar und in Tallinn, aber überwiegend doch in Deutschland. Deutsche Auftraggeber und deutsche Instanzen haben mir meinen Brotverdienst gegeben. Deutsche Wissenschaftler waren es, die mit meinen Objektiven und Spiegeln den Himmel erforschten – Schwarzschild, Vogel, Schorr und wie sie alle hießen, nur Deutsche. Abgesehen von einigen Amateuren, einer in Pärnu, einer in Göteborg, ein paar in Frankreich. Eine andere Frage ist, welchen Landes Wissenschaftler ich gerne gewesen wäre. Überhaupt war die Sache nicht so einfach. Ich hatte beinahe achtzehn Jahre mit einem russischen Pass und zehn Jahre mit einem estnischen Pass in Deutschland gelebt. Für meinen estnischen Pass bin ich mitten in einer hektischen Arbeitsphase von Mittweida nach Berlin zu Eduard Wilde gefahren – der Herr Schriftsteller war damals für kurze Zeit estnischer Botschafter in Deutschland. Der Pass der neuen Republik wurde mir in der Hildebrandstraße ohne viel Palaver ausgestellt. Oder genauer gesagt: gerade mit gehörigem Palaver. Denn der alte Herr – er schien seine sechzig auf dem Buckel zu haben, aber ich weiß nicht genau, wann er geboren ist –, der alte Herr geruhte in seiner unzufriedenen Langeweile sich eine Stunde lang mit mir zu unterhalten. Was für ein Mann ich sei, und was ich hier in Deutschland täte und warum ich unverzüglich hier aufgetaucht sei, um einen Pass der Republik Estland zu beantragen. Also gab ich Erklärungen, nicht ohne mich meinerseits nach dem einen oder anderen zu erkundigen. Dass ich aus Naissaar gebürtig sei und dass Naissaar nun ein Teil der Republik Estland sei, wie mir Mutter ganz deutlich geschrieben hatte. Es sei also in jeder Hinsicht das Natürlichste von der Welt, wenn ich Bürger der Republik Estland würde. Wenn nun einmal überraschenderweise eine solche Republik geboren sei. Aber dass mich gleichfalls außerordentlich interessiert, was für ein Staat das genau ist oder werden will.
Mir scheint, soweit ich mich daran erinnere, dass der Herr Botschafter in dieser Sache Probleme hatte, die er nicht mit einem Wildfremden erörtern wollte. Stattdessen lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, betrachtete mich durch seinen goldenen Kneifer mit den ovalen Gläsern (ein großes Gentlemangesicht mit einem ruhigen Ausdruck, aber nervöser Haut und einem angegrauten Schnurrbart) und sagte:
»Ach, Sie stammen aus Naissaar? Sieh an. Da bin ich mal gewesen. Ein einziges Mal. Aber, das muss ich sagen, ein einprägsames Mal.«
Und dann erzählte er. Wie er als Einundzwanzigjähriger in Gesellschaft der Schauspieler des Deutschen Theaters nach Naissaar ins Grüne gefahren sei. Mit einem Segelschiff von Kalarand aus. Junge Herren mit steifen Kragen und Schnurrbärten und Fräulein in Turnürekleidern. Ein Dutzend Menschen, mit Weinflaschen, Bierkörben und Butterbroten. Er sagte: »Das wissen Sie natürlich selbst, Naissaar war damals kein populärer Ort für Fahrten ins Grüne. Für die Stadtbevölkerung war es ein ziemlich unbekannter und nach Meinung der meisten etwas merkwürdiger Ort. Aber genau deswegen hatten ihn sich die Schauspieler ausgesucht. Theaterleute haben ja immer etwas sonderbare Ideen. Besonders, wenn es sich mehrheitlich um bloße Amateure handelt, die sich verpflichtet fühlen, den Eindruck besonders origineller Geister zu hinterlassen.«
Weiter erzählte er, wie sie im Bootshafen des Süddorfs an Land gegangen waren, sich auf die Ufersteine gesetzt und eine Stärkung zu sich genommen hatten und dann sieben oder acht Werst durch den prächtigen Mastkiefernwald gewandert waren. Im Norddorf hatten sie auf einem Bauernhof, er erinnerte sich nicht mehr, auf welchem, zu Mittag gegessen, und gegen Abend sei das Ganze zu einem Gelage ausgeartet. Wilde sagte: »Sie verstehen doch selbst, was zieht so junges Volk denn sonst an so einen abgelegenen Ort? Doch nur wegen der Romantik. Besonders, wenn da eine Sofie mit prächtigen kupferfarbenen Haaren und grünen Augen ist. Nennen wir sie Sofie –«, sagte er. »Eine Bekannte eines unserer Schauspieler, von Feldmann oder Bürger« (»Nennen wir sie Feldmann oder Bürger, nicht wahr?«, sagte er), »aus Tallinn, aus den Tagen der Nähschule.« Jedenfalls hatte diese Sofie den Schauspielern – ich weiß nicht, ob im Hause ihres Vaters oder in der Stube eines der Nachbarhäuser – die Tafel gedeckt, sich zumindest zeitweise zu ihnen an den Tisch gesetzt und den Deklamationen von Herrn Feldmann oder Herrn Bürger zugehört, während ihre grünen Augen auf das Tischtuch gerichtet waren und das Abendlicht auf ihren kupferfarbenen Haaren und den kräftigen Jochbeinen leuchtete (ein solches Bild habe ich vor Augen). Möglicherweise sagte Wilde statt Deklamieren auch Kokettieren. Denn auf den Spaziergang zum großen Laubwald an der Ostküste in der Abenddämmerung ist sie nicht mit diesen Herren mitgegangen. Sondern war mit dem Herrn Walden dorthin gekommen. Ja. Unter diesem Namen war er im Deutschen Theater aufgetreten, sagte er, Wilde also. Im Deutschen Theater in Tallinn und damals auf Naissaar ebenfalls. Ehrlich gesagt habe ich später die Einzelheiten dieser Geschichte vergessen. Aber als er sie erzählte (wenn ich mich recht erinnere, war die Sache mehr oder weniger auf eine Duellforderung seitens Herrn Feldmanns oder Herrn Bürgers hinausgelaufen), als er sie erzählte, erkannte ich die Eckpunkte seiner Geschichte. Sie waren alle Schauspieler. Besagter Laubwald, in dem sie spazieren gingen, war der Garten des dänischen Königs. Jene jungen Herren, die ihn loswerden wollten, hatten vor einiger Zeit Rosencrantz und Güldenstern gespielt. Er, also der junge Herr Walden, hatte zwar nicht Hamlet gespielt. Der junge Wilde war von dieser Rolle meilenweit entfernt, soweit ich in diesen Angelegenheiten im Bilde bin. Aber damals, im gesetzten Alter, flocht er diese zufälligen Motive um sein jugendliches Ich so kunstvoll zusammen, dass man seine Freude dran hatte. Wenn ich mich nicht irre, blitzte in seiner Geschichte noch der Name des Dorfältesten auf. Zwar nicht Claudius, nein, aber Klaus hieß er auf jeden Fall. Und du meine Güte, war der Klaus aus Rävasaare in meiner Kindheit nicht tatsächlich Dorfältester? Sodass ich voll Verwunderung dachte: Wieso hat Wilde diese Geschichte nicht zu einer seiner berühmten Novellen ausgearbeitet? Sie mag bedeutungsvoller als so manch andere sein. Aber vielleicht hat er es ja getan, und sie befindet sich unter seinen Novellen. So genau kenne ich sie nun auch wieder nicht. Weiter dachte ich, dass manche Männer im Alter anscheinend ihr Jugend-Ich problematischer sehen wollen, als es tatsächlich war. Ich mache es, glaube ich, gerade umgekehrt. Was um Gottes willen nicht bedeutet, so hoffe ich, dass ich die Naivität meiner Jugend betone, um als Fünfzigjähriger einen umso problematischeren alten Herrn abzugeben. Also wirklich, wer so etwas über mich zu behaupten wagt, dem sage ich direkt ins Gesicht: ›Werter Herr oder werte Frau oder wer immer Sie zu sein belieben: Scheren Sie sich, mit Verlaub, zum Teufel!‹ Denn was bedeuten Probleme in persönlich-menschlichem Sinn überhaupt? Sie sind zu unbestimmt, als dass man über sie plaudern könnte. Zu delikat. Viel zu einmalig, als dass man sie als Probleme bezeichnen könnte. Wissenschaftliche Probleme kann ich begreifen, ihnen kann man sich systematisch annähern. Aber was Cebu betrifft, bekamen wir es da nicht mehr mit ihnen zu tun. Denn sobald sie sich abzeichneten, war alles vorbei.
Das Wetter war während unserer Wartewochen besorgniserregend instabil geworden. Die Ankunft der Regenzeit lag in der Luft, und am Nachmittag stieg die Luftfeuchtigkeit jeden Tag in verdächtige Höhen. Aber dazwischen gab es immer noch tadellose Tage, und am Morgen des neunten Mai sah es so aus, als würde der neunte genauso einer werden.
In der letzten Woche hatten uns zwei Professoren der technischen Abteilung der Universität von Manila unterstützt. Hyde und Melchor. Ohne jegliche Erfahrung auf dem Gebiet astronomischer Beobachtungen, aber angenehm lernfähige Kerle. Sodass unsere Artillerie am Morgen tipptopp justiert war, diese Arbeit kontrollierte ich persönlich, wir waren in Schlachtaufstellung und gefechtsbereit.




