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Je näher ich der Stadt kam, desto mehr Bäume säumten den Radweg. Ich musste mich vor ein paar tief hängenden Zweigen in Acht nehmen, deren rasiermesserscharfe Blätter mich ernsthaft hätten verletzen können.
An manchen Stellen hing eine Menge Flugsamen in der Luft, ich hatte Mühe, dem Zeug auszuweichen, denn die Dinger waren von einer zähen, gummiartigen Konsistenz und ließen sich nicht so einfach zur Seite schieben.
Mit der Zeit tauchten zwischen den Bäumen die Umrisse der ersten Gebäude auf. Aber auch hier: alles totenstarr. Plötzlich – für den Bruchteil einer Sekunde schien das Licht etwas von dem intensiv rotgoldenen Schimmer einzubüßen und wirkte irgendwie blasser, kälter. Ich zuckte zusammen. Mir war, als hätte ich gerade außerhalb meines Sichtfeldes eine Bewegung wahrgenommen.
Ich fuhr herum und sah einen ziemlich großen braun gefärbten Schmetterling, der in Augenhöhe unbeweglich in der Luft klebte. Ich hätte schwören können, dass er bis eben noch nicht an dieser Stelle gewesen war. Entweder hatte ich ihn vorhin nicht bemerkt, oder aber …
Neue Hoffnung keimte in mir auf. Ich nahm den Schmetterling genauer unter die Lupe. Ich brauchte eine Weile, um zu erkennen, wie sich die Flügel ganz langsam senkten. Von hektischem Herumflattern keine Spur. Wahrscheinlich doch eine Sinnestäuschung. Vermutlich bildete sich mein Gehirn mangels entsprechender Reize schon Bewegungen ein, wo keine waren. Schließlich war es alles andere als natürlich, in einer Umgebung zu leben, in der die Zeit um ein Vielfaches verlangsamt war.
Subjektive zehn Minuten später hatte ich den Aufgang zum vorderen Stadttor erreicht. Oben bot sich mir das vertraute Bild: eine Straßenbahn, Autos an den Ampeln, Fußgänger und Fahrradfahrer – alles vollkommen bewegungslos. Ich schlängelte mich an den Statuen der Passanten vorbei, um in die Innenstadt zu gelangen. Beim Überqueren der stadteinwärts führenden Ringstraße begutachtete ich interessiert die gewaltige Dieselwolke, die ein altersschwacher osteuropäischer Lkw beim Anfahren gerade ausstieß – ein großes schwarzes Kissen, das geradezu greifbar über dem Auspuff schwebte. Der Verkehr war nicht zum Aushalten: Das tieffrequente Grollen des Motorenlärms war so heftig, dass es mir schon regelrecht Magenkrämpfe bereitete.
Ich suchte mit den Augen die Spitze des Münsterturmes, da ließ mich ein seltsames Flimmern in der Luft erneut zusammenzucken. Wieder hatte ich das Gefühl, für den Bruchteil einer Sekunde eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Einem Instinkt folgend beeilte ich mich, von der Kreuzung runterzukommen. Diesmal beschloss ich, auf Nummer sicher zu gehen, und überquerte die nächste Straße an der grünen Ampel.
Ich war gerade noch ein paar Schritte von der gegenüberliegenden Straßenseite entfernt, als das Licht schlagartig eine kalte, blaugraue Tönung annahm, Licht der späten Dämmerung, als ob die Sonne mit einem Schlag verschwunden wäre. Dann ging alles sehr schnell – viel zu schnell.
Das magenkrampfende Brausen des Verkehrs um mich herum schraubte sich in immer höhere Frequenzbereiche hinauf, und in die starren Gestalten auf den Bürgersteigen kehrte plötzlich wieder Leben ein. Die stecken gebliebene Zeit schnellte los wie ein Sprinter nach dem Startschuss.
In Sekundenbruchteilen war das Normalmaß allerdings bei Weitem überschritten, die Ampel sprang auf Rot, und wie eine Herde wildgewordener Büffel jagten die Autos auf mich zu. Motorenlärm, Hupen und quietschende Bremsen jaulten auf. Menschen hasteten in unglaublicher Geschwindigkeit an mir vorbei. Die rasenden Autos nahm ich nur noch als verwischte Schatten wahr, die an mir vorbeihuschten. Ein Autofahrer konnte gerade noch ausweichen. Ich war vor Schreck so gelähmt, dass ich fast die nächste Grünphase verpasst hätte, in der ich mich gerade so auf die andere Straßenseite hechten konnte.
Irgendwie schaffte ich es, mich in den nächsten Hauseingang zu quetschen und den Ansturm der Schatten an mir vorbeiziehen zu lassen. Die Luft war erfüllt von einem schmerzhaft grellen Kreischen und Pfeifen, schlimmer noch als bei einer Kreissäge. Ich presste mir krampfhaft die Hände auf die Ohren.
Dann ebbte der Lärm urplötzlich ab. Das schrille Kreischen fiel auf erträglichere Frequenzen zurück, schnellte dann wieder kurz nach oben, nur um erneut herabzusinken. Die verschwommenen Schatten verdichteten sich kurzzeitig zu verhuschten Gestalten, die hastig vorübereilten, lösten sich dann jedoch in körperlosen Dunst auf.
Es schien, als hätte die Zeit angefangen zu fluktuieren. Langsame und schnelle Perioden wechselten einander in immer kürzeren Intervallen ab. Wie in einem Film ruckelte die Welt mal im Zeitraffer ein Stückchen vor, stoppte dann und wann unvermittelt, bis der Ablauf in einer atemberaubenden Sequenz noch ein ordentliches Stück vorwärts spulte, nur um dann endgültig (?) mit halbwegs normaler Geschwindigkeit weiterzulaufen.
Halbwegs normal? Keine Ahnung. Noch einmal ein rasches Aufblitzen schemenhafter Wesen, dann war es vorbei. Die Passanten gingen wieder in gewohnter Geschwindigkeit ihrer Wege. Das schrille Kreischen während der Fast-Forward-Episoden hatte sich in die gewohnte Geräuschkulisse einer Stadt zurückverwandelt und auch das Licht entsprach endlich wieder ganz dem eines gewöhnlichen sonnigen Sommertages. Es schien ausgestanden zu sein. Hoffentlich.
Ich blieb noch ein paar Minuten in dem Hauseingang stehen und beobachtete das Geschehen um mich herum. Dann trat ich vor und mischte mich unter die Passanten. Ein herrliches Gefühl, einfach unter Menschen zu sein. Wieder ganz normale Dinge zu tun, ohne befürchten zu müssen, sich an jedem stinknormalen Busch am Wegesrand die Extremitäten aufzuschlitzen.
2 – Regeneration
»Verrätst du mir, wo du das Zeug herhast?«, fragte Tobias, nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt hatte. Was hätte er auch sonst sagen sollen? Ich hätte ihn vermutlich exakt das Gleiche gefragt, wenn er mir so eine irrsinnige Story aufgetischt hätte.
Inzwischen war es Herbst geworden. Je länger die aufwühlenden Ereignisse zurücklagen, desto unglaubwürdiger erschien es mir jetzt, dass sie überhaupt stattgefunden hatten. Seit diesem verstörenden Erlebnis gab es für mich keinen Morgen mehr, an dem ich nicht befürchtete, in einem Albtraum aufzuwachen. Kein Morgen, an dem ich nicht die Augen aufgeschlagen und als Erstes ängstlich auf den Sekundenzeiger der Uhr geblickt hätte.
Ich weiß bis heute nicht, was sich da an jenem Tag eigentlich abgespielt hatte – falls sich das alles überhaupt wirklich ereignet hatte. Die einzig schlüssige Erklärung wäre, dass ich an diesem Tag einem komplexen Wahn verfallen sein musste, und ich eine Episode multipler Halluzinationen erlebt hatte. Oder einen schlechten Traum. Aber es war kein Traum. Die blasse Narbe an meinem rechten Zeigefinger erinnert mich noch heute an meine Begegnung mit der in der Zeit erstarrten Botanik. Wahnsinnig war ich jedenfalls nicht –, aber das glaubt vermutlich jeder Wahnsinnige von sich.
Ob durchgeknallt oder nicht, das Leben musste irgendwie weitergehen. Und es ging weiter. Es dauerte seine Zeit, aber allmählich verblasste die Erinnerung an die verstörenden Erlebnisse. Die Angst verkroch sich in den Gewohnheiten des Alltags. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, die in meinem Leben ganz normal verliefen, empfand ich als Segen. Man lebt! Mal mehr, mal weniger, aber es ging doch irgendwie immer weiter.
Die Schlaflosigkeit blieb weiterhin ein Problem für mich; da ich aber allein lebte und als Kleinunternehmer selbstständig arbeitete, konnte ich meinen Alltag entsprechend aufteilen. Die Aufträge, die hereinkamen, arbeitete ich wie sonst auch ab, keine besonderen Herausforderungen.
Hin und wieder übernahm ich auch ein paar Termine für die Zeitung. Einige Lokalredakteure schätzten meine Fachkenntnisse auf dem Gebiet der klassischen Musik. Das Zeilengeld war zwar miserabel, aber ich sah es pragmatisch. Auf diese Weise konnte ich einige Konzerte besuchen, die ich meinem Budget sonst vielleicht nicht zugemutet hätte. Und übermäßigen Sozialkontakt musste ich hier auch nicht befürchten. Ich setzte mich irgendwo an den Rand, von wo ich noch ein paar gute Fotos machen konnte und zottelte nach dem Schlussakkord wieder ab.
Mehr Einkommen erzielte ich mit Korrekturarbeiten. Ich hatte während meines Studiums genügend Erfahrungen sammeln können, arbeitete routiniert und konzentriert, meine Auftraggeber wussten meine Zuverlässigkeit zu schätzen und versorgten mich regelmäßig mit Aufträgen. Davon ließ sich ganz gut leben, und ich konnte meine Zeit selbst einteilen. Manche Romane waren entgegen aller Erwartung wirklich gut geschrieben, sodass ich mich nicht wie so oft gelangweilt durch die Seiten quälen musste. Es gab Schlimmeres, als bei schönem Wetter gemütlich auf dem Balkon zu sitzen, ein Buch zu lesen und dafür auch noch bezahlt zu werden.
Mit der Zeit gewöhnte ich mich auch wieder daran, mein selbst gewähltes Exil zu verlassen, und begann damit, alte Freundschaften neu zu beleben. Eines Abends nach dem dritten Glas Wein rief ich aus einer spontanen Laune heraus meinen Kumpel Tobias an, mit dem ich vor einigen Jahren in einer WG gelebt hatte.
»That’s right, you heard right, the Secret Word for tonight is …«
»Mud Shark!«, ergänzte Tobias wie aus der Pistole geschossen. Und wir beide dann unisono: »THE MUD SHARK DANCING LESSON! – Mud Sh-sh-shark …«
Unser kleines Erkennungsritual war seit unseren WG-Zeiten stets das gleiche geblieben. Alte Liebe rostet nicht.
»Mensch! Alte Socke!«, begrüßte mich Tobias. »Schön, mal wieder von dir zu hören. Wie geht’s dir denn so?«
»Ja, Mann. Ist verdammt lang her. Hab gedacht, jetzt rufste aber mal an. Was treibst du denn so? Immer noch Klarastraße?«
»Ach was. Längst Geschichte. Bin jetzt sogar brav verheiratet und – fasse dich – arbeite als Buchhalter.«
Mir wäre fast das Telefon aus der Hand gefallen.
»Äh, wie bitte? Buchhalter? Du? Wie ging das denn?«
»Na ja, irgendwas ist von der Lehre halt doch hängen geblieben. Und als ich vor drei Jahren Laura kennengelernt hatte …«
»Lass mich raten – Laura schafft auch in der Buchhaltung?«
»Quatsch. Laura studiert Physik, Teilchenphysik, um genau zu sein. Kennengelernt habe ich sie ganz klassisch im ›Heuboden‹.«
»Ach so, ja klar. Du im ›Heuboden‹ …«, unterbrach ich ihn und schüttelte ungläubig den Kopf. Da muss die Not aber groß gewesen sein, wenn Tobias, der Hinterhofgigolo aus Gütenbach, im »Heuboden« wilderte.
»Nur kein Neid«, gab er zurück. Ein ganz klein wenig selbstgefällig klang er dabei doch. Aber das konnte ich ihm auch nicht verdenken. Tobias war in unserem Freundeskreis der Einzige, dem die Frauen regelrecht nachliefen. Keine Ahnung, was die Mädels an ihm fanden, er war weder besonders groß oder sportlich, sah eher durchschnittlich aus. Geld hatte er eigentlich auch nie – damals jedenfalls. Aber das gewisse Etwas.
Ich erinnerte mich an eine Szene mit ihm, wo ich nur noch ratlos den Kopf schütteln konnte. Wir hatten uns für einen Kurzurlaub im ICE verabredet, er kam von Ulm, ich von Freiburg, und im ICE für den Flieger nach Frankfurt hatten wir uns verabredet. Natürlich war der ganze Zug vollkommen überfüllt, sodass wir es uns mit unseren Rucksäcken kurzerhand im Türbereich gemütlich gemacht hatten. Und mit uns zwei Mädels, die nach Berlin unterwegs waren.
Es dauerte nicht lange, da hatte Tobias sich den beiden bereits vorgestellt. In aller Ausführlichkeit und in einem Affenzahn. Ich weiß bis heute nicht, was da eigentlich abging. Tobias vollkommen unter Strom, ganz der Strahlemann und Weltenretter, einfach so drauflos geplappert – dass er beim Radio arbeitete, aber eigentlich Schauspieler sei, im Moment sich eine kleine Auszeit gönnte, zwecks des kreativen Inputs, und so weiter, und so fort. Immer mit diesem charmanten, unergründlichen Lächeln und ständigem Augenkontakt.
Jedenfalls hatte er es geschafft, zwischen Mannheim und Frankfurt-Flughafen mit der einen, der Hübscheren der beiden, heftig knutschend rumzumachen. Gerade als er drauf und dran war, ihr das T-Shirt auszuziehen, mussten wir am Flughafen aussteigen. Ich hätte schwören können, dass die solcherart Verwöhnte Tränen in den Augen hatte, als er sich hingebungsvoll von ihr verabschiedete.
»Du, um es kurz zu machen«, unterbrach Tobias meine Gedanken. »Ich bin gerade auf dem Sprung. Können wir uns nicht ganz einfach treffen? Am Samstag bin ich ohnehin Strohwitwer, Laura schiebt Dienst im Labor in Gran Sasso. Wär doch perfekt für einen Männerabend?«
»Ja, klar«, sagte ich. »Passt. Ich bring Bier mit.«
Er nannte mir seine Adresse – Vaubanviertel, ausgerechnet. War Tobias jetzt auch noch unter die Ökospießer geraten? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wohl aber, dass seine Teilchenphysikerin auf einer korrekt durchökologisierten Wohnung im angesagtesten Viertel der Stadt bestanden hatte.
Das Vaubanviertel hatte zumindest den Vorteil, dass ich bequem mit der Straßenbahn fahren konnte. Unterwegs holte ich an der Tanke noch zwei Sixpacks und Knabberzeug. Die Adresse musste ich erst suchen. Tobias und Laura wohnten in einem der energetisch hochoptimierten Plattenbauten mit umlaufenden Balkonen, Dachgeschoss. Es war Schlag halb acht und das Kindergeplärre ringsum auf dem Höhepunkt. »Das sind Lebensäußerungen, kein Geschrei«, wie mich eine verhuschte Siedlungsbewohnerin mal diesbezüglich aufgeklärt hatte. Jedem das Seine.
Tobias erwartete mich bereits an der Haustür im Erdgeschoss. Vom Balkon aus hatte er gesehen, wie ich etwas verpeilt seine Hausnummer suchte.
»Hey, altes Haus«, begrüßte er mich. Wow – was war bloß aus dem spindeldürren Kerl mit Mähne und Vollbart geworden? Wampe, Föhnfrisur und – ich fasse es nicht – im Polohemd.
»Mensch, lange nicht gesehen.« Mehr brauchte ich nicht zu sagen.
»Komm rein.« Er ging die Treppen zum Dachgeschoss voran. Bevor wir seine Wohnung erreichten, mussten wir noch am hell erleuchteten Küchenfenster der Nachbarwohnung vorbei. Gewöhnungsbedürftig. Oben angekommen wehte ein frischer Luftzug vom offenen Balkon her. Er führte mich in ein geräumiges Wohnzimmer. Nichts mehr von dem dezenten Schmuddelcharme aus unserer WG. Hier hatte eine Putzfrau professionell Hand angelegt – und ein Innenarchitekt, wie es aussah.
»Hübsch hast du es hier«, sagte ich und konnte einen leicht sarkastischen Unterton nicht ganz unterdrücken.
Tobias lächelte tiefgründig in sich hinein: »Geht so, hält den Regen ab …« Er klopfte mir wohlwollend auf die Schulter und bat mich, Platz zu nehmen.
»Doch, gefällt mir, ehrlich. Etwas gediegener als in der Klarastraße.«
»Den Saustall brauchst du heute aber auch nicht mehr, oder?«
»Nein, natürlich nicht. Das sind nur die Erinnerungen …«
»Nun ja«, sagte Tobias.
»Die ganz wilden Zeiten sind wohl vorbei …«
»Ist auch besser so. Rein gesundheitlich betrachtet.«
»Wie man hört, bist du jetzt fest liiert …« Es fiel mir schwer, ernst zu bleiben. Tobias guckte mich erstaunlicherweise nur treudoof an.
»Wie ist sie denn so, kenne ich die womöglich auch noch von früher?« Ich war einfach nur neugierig.
»Wie soll ich sagen …«
»Wie seid ihr denn zusammengekommen?«
Tobias verdrehte die Augen. »Ach, ich weiß auch nicht mehr genau. War auf irgendeiner Fete. Saturday night fever … Super Stimmung, alle blau, und irgendwie sind wir uns bei ›Nossa‹ dann näher gekommen.«
Klar, da konnte ich mit meiner damaligen, nahezu fanatischen Zappa-Manie abstinken.
»Soweit kann ich dir folgen«, sagte ich. »Aber wie kam es denn dazu –?« Mit weit auseinander gestreckten Armen wies ich auf seine neuerdings wie geleckt wirkende Wohnung, die weißen Ledersessel, das dezent in die Wand versenkte Highend-Equipment und den – Hammer! – Weinkühlschrank mit erlesenen und top temperierten edlen Tropfen.
»Ja, vor zwei Jahren bin ich mit Laura zusammengezogen«, begann er zu erklären. »Die Wohnung war ihre Idee, ist ja auch ganz schön, oder?«
»Doch, beeindruckend. Ein Weinkühlschrank …«
»Ist ein Segen, glaub mir. War mir vorher auch nicht bewusst, wie ein perfekt temperierter Chardonnay schmecken kann.«
»Du scheinst ganz zufrieden zu sein«, bemerkte ich und meinte es ehrlich.
»Das bin ich auch. Mit Laura habe ich wohl meine häusliche Seite kennengelernt.« Er lachte.
»Steht dir auch gut«, meinte ich. »Ein bisschen Ruhe, ein bisschen Frieden … Gefällt mir.«
»Und du?«, fragte Tobias. »Wir haben uns lange nicht gesehen …«
»Ich weiß auch nicht«, antwortete ich. »Da wohnt man in der gleichen Stadt und läuft sich irgendwie überhaupt nicht mehr über den Weg. Jeder führt so sein eigenes Leben …«
»Ist halt so«, sagte er. »Ich wollte dich schon ein paarmal anrufen, aber irgendwie hatte ich die Nummer verlegt …«
»Bin zwischenzeitlich auch öfter umgezogen. Eine Zeit lang habe ich auch auf dem Land gelebt, in Kirchhofen.«
»Kirchhofen? Kenn ich nicht.«
»Hast du nichts verpasst. Ist gar nicht mal so weit weg, bei Bad Krozingen um die Ecke.«
»Dann bist du aber wieder reumütig zurück ins Städtle?«
»Gerade noch rechtzeitig, jetzt findet man ja gar nichts mehr.«
»Kannst du laut sagen. Die Wohnung hier haben wir auch nur bekommen, weil ein Bekannter von Laura nach Berlin gezogen ist.«
Unser Gespräch plätscherte noch eine Weile so dahin. Wir kramten etwas verkrampft in alten Erinnerungen. Drei Jahre waren eine lange Zeit. Wir mussten uns erst wieder ganz neu kennenlernen.
Nach dem zweiten Bier löste sich die leichte Anspannung. Und irgendwie kam das Thema auch wieder auf den Job. Tobias hatte dank seiner Flamme eine Buchhalterstelle an der Universität in Freiburg ergattern können – und erstaunlicherweise kam er damit gut zurecht. Nichts mehr mit Lotterleben und Abtanzen bis Ultimo. Aber dafür regelmäßiges Einkommen und Bleibeperspektive. Ich musste gestehen, irgendwo beneidete ich ihn ein wenig.
»Du scheinst aber auch gut zurechtzukommen«, sagte Tobias. »Du warst doch mal bei dieser Druckerei …?«
»Ach, längst Geschichte. Seit 2011 bin ich selbstständig. Im Jahr davor haben die Chefs in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen, unsere Abteilung aufzulösen. Betriebsbedingte Kündigung nennt sich das. Hast du keine Chance. Aber immerhin Anspruch auf eine Abfindung.«
»Kein Absturz?«
»Du, ich war nicht einen Tag arbeitslos. Bereits am ersten Tag hatte ich meinen ersten Kunden an der Strippe. Irgendwie hatte ich ziemlich viel Glück.«
»Das Glück des Tüchtigen«, sagte er und meinte das auch so.
»Irgendwie wohl schon, denke ich.«
»Und wie läuft dein Tag so?«
»Nun, ich verdiene mein Geld mit erotischer Frauenliteratur …« Ich ließ den Satz erst mal sacken. »›Ihr entschlüpfte ein hungriges Stöhnen der Lust, als sein dicker Schaft mit köstlich langsamen Stößen ihren Körper eroberte‹ …«
Tobias verschluckte sich an seinem Bier. »Wie bitte? So was schreibst du?«
»Nicht schreiben. Lesen. Ich werde fürs Korrekturlesen bezahlt. Der Verlag produziert wie der Teufel.«
Tobias gluckste: »Du wirst fürs Pornolesen bezahlt? Respekt! Wie war das noch mit dem ›glühenden Schaft‹?«
»Glaub mir, es zieht sich. Wenn du auf jeder zweiten Seite so einen Käse liest, ödet es dich mit der Zeit nur noch an. Aber genau dafür wird man ja bezahlt. Und das gar nicht mal so schlecht.«
»Du Glückspilz.«
»Stimmt schon – es gibt schlimmere Jobs.«
»Wem sagst du das?«
»Ganz schlimm sind die Vampirromane.«
»Vampire?«, fragte Tobias. »… so mit riesigen, glühenden – äh – Schäften?«
»Du sagst es. Frauen lieben Vampire – übernatürlich aufregende, hinreißend schöne Männer. Immer heiß. Groß, ›bernsteinfarbene Augen‹, lange schwarze Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden …«
»Klar, was auch sonst«, griente Tobias.
»Genau. So Supermachos, aber alle mit butterweichem Kern, wie du dir denken kannst.«
»Und die wollen natürlich alle nur das Eine …«
»Die Eine, um genau zu sein. Bei aller Unsterblichkeit, bei all ihren übernatürlichen Kräften … Wenn die Richtige kommt, sind sie dann aber so was von Softie … Das Konzept sollte dir eigentlich bekannt sein.«
»Nun mal langsam.« Das bittersüße Lächeln verrutschte ihm doch ein wenig. »Dir täte eine Frau auch mal wieder gut«, sagte er. »Ich weiß, es ist nicht immer so leicht. Ich habe da vielleicht mehr Glück, aber …«
»Ja, schon gut. Hast ja recht. Aber darüber wollte ich mich mit dir eigentlich nicht unterhalten.«
»Ist aber ein unerschöpfliches Thema«, sagte er.
»Aber auch sehr erschöpfend«, sagte ich und wechselte unvermittelt das Thema. »Was anderes – nimmst du gelegentlich noch Speed oder so was?«
Tobias sah mich etwas irritiert an. Ein leichtes Misstrauen glomm in seinen Augen. »Schon lange nicht mehr. Wieso fragst du?«
»Ist schwer zu erklären. In letzter Zeit musste ich immer an das eine – und einzige – Mal denken, als wir zwei uns mal einen Trip eingeworfen haben.«
»Warte, ich erinnere mich dunkel. Klar, Klarastraße – meine Güte …« Tobias verdrehte die Augen. »Aber das war’s dann auch schon«, sagte er. »Auf Dauer war mir das zu anstrengend. Dann lieber Stoff Marke Eigenbau.«
»Ich kann mich noch genau daran erinnern«, sagte ich. »Erst habe ich gar nichts gespürt. Dachte schon, du hättest mir irgendso’n Placebo untergejubelt.«
»Von wegen. Daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Du hast den ganzen Trip eingeworfen. Ich hab dir extra noch gesagt – immer langsam, für den Anfang nur eine halbe …«
»Genau. Bis ich dann gemerkt hab, dass der Anstrich der Raufasertapete sich irgendwie selbstständig machte. Als ob er lebendig wäre, so seltsame Fließmuster in schillernden, pulsierenden Wellenbewegungen. Richtig unheimlich.«
»Halluzinogen induzierte Wahrnehmungsstörungen«, sagte Tobias. »Genau deswegen nimmt man das Zeug ja.«
»Ja, ich wollte es einfach mal probieren. Aber hinterher …«
»Flashback?«, fragte Tobias besorgt.
»Nein, das nicht. Aber der, äh, Kater …« Mir fiel kein besseres Wort dafür ein. Nach einer aufwühlenden Nacht unter Speed war ich zu absolut nichts mehr zu gebrauchen gewesen. Ich kam tagelang nicht aus dem Bett, als ob ich krank gewesen wäre.
»Verstehe«, sagte Tobias. »Genau deswegen habe ich es auch bleiben lassen. Ist einfach zu anstrengend auf Dauer.« Er blickte vielsagend auf sein kleines Bäuchlein, zuckte mit den Achseln und nahm sich noch ein Bier.
»Du hast doch irgendetwas auf dem Herzen, oder?«, fragte er dann ohne Umschweife.
Bisher hatte ich niemandem etwas von den merkwürdigen Ereignissen erzählt, die mich vor einigen Monaten heimgesucht hatten. Wenn ich über meinen Albtraum mit jemandem sprechen konnte, dann mit Tobias.
Ich nahm mir noch ein Bier. Tobias bemerkte meine Anspannung.
»Was ist mit dir?«, fragte er. »Die alten Zeiten sind vorbei. Alles längst verjährt.« Um seine Hände zu beschäftigen, holte er eine silbern beschlagene Teedose vom Regal, Aufschrift »Dimbula High Grown Blend«, nahm eine kleine Handvoll Gras und baute in aller Ruhe erst einmal einen Joint.
»Auch was?«, fragte er und drehte das Gras sorgsam in ein Zigarettenpapierchen.
»Nein, danke«, wehrte ich ab. »Ich hab’s mir abgewöhnt.«
»Echt jetzt? Hätte ich, glaube ich, nicht geschafft. Aber ich hab’s auch nie ernsthaft versucht.«
»Wenn du schon fragst«, unterbrach ich ihn und nahm all meinen Mut zusammen. »Mir macht ganz was anderes zu schaffen. Ich weiß nicht, ob ich darüber überhaupt mit jemandem sprechen kann.«
»Du machst mich neugierig«. Routiniert drehte er den Joint zu einer formvollendeten Tüte und bastelte mit den Fingernägeln aus der Spitze der Papiere ein kleines Hütchen. Gewissermaßen die Krönung des Ganzen.
»Komm schon, so schlimm kann es doch gar nicht sein?« Allmählich schlich sich ein Ausdruck echter Sorge in Tobias’ Gesicht. »Es ist doch wirklich nichts Schlimmes, oder?« Mit seinem Feuerzeug brannte er das Jointhütchen ab und sog genießerisch den ersten Zug ein.
»Das nicht …«, druckste ich noch ein wenig herum.
»Also kein …«, er hüstelte leicht. Ich weiß nicht, ob wegen des unerwartet starken Stoffs, den er sich gerade reinzog, oder ob er unsicher war, ob er weiterfragen sollte. »Kein Krebs oder so was …?«




