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Ach Gott, Tobias! Aber klar, was sollte er denn sonst vermuten, wenn ich so komisch rumdruckste?
»Nein«, sagte ich. »Das ist es nicht, da kann ich dich vollkommen beruhigen. Keine bösartige Krankheit oder so was. Es ist nur …«
»Was jetzt?« Er schlug sich mit der Faust auf die Brust und nahm noch einen Schluck Bier. Allmählich wurde er ungeduldig. Kein Wunder.
»Es ist nur so …« Ich nahm all meinen Mut zusammen. »Mir ist etwas wirklich Unglaubliches passiert.« Ich ließ den Satz erst einmal sacken.
»Aha«, sagte er. Sonst keine Reaktion. Tobias blickte mich interessiert an.
»Das war jetzt keine rhetorische Wendung. Es ist wirklich nicht zu glauben, was ich erlebt habe.«
»Was Abartiges?« Tobias grinste und zog an seinem Joint.
»Abartig schon, aber nicht in dem Sinne, an den du denkst.«
»Okay, jetzt sag schon. Ich bin jetzt echt gespannt, sag einfach, was du auf dem Herzen hast. Du kennst mich. Ich sage dir dann schon, was ich davon halte.«
»Okay«, brachte ich endlich heraus, holte tief Luft und fing an. »Du bist der Erste, dem ich das erzähle. Es ist vollkommen irre, ein absoluter Albtraum. Du wirst mir kein Wort davon glauben, und das kann ich dir auch nicht verdenken. Das kann keiner glauben. Aber hör’s dir einfach mal an. Wie so eine Science-Fiction-Story.«
Tobias saß starr wie eine Buddhastatue mir gegenüber und hörte geduldig zu. Er ließ nicht erkennen, was er von meiner haarsträubenden Geschichte hielt. Saß einfach da und ließ mich reden. Als ob er den Fernseher angeschaltet hätte. Vielleicht nicht die schlechteste Einstellung.
»Das war’s im Wesentlichen«, sagte ich, nachdem ich ihm die Fast-Forward-Episode am Schluss geschildert hatte. »Du brauchst nichts zu sagen. Ich bin froh, dass ich es mal loswerden konnte.« Ich wollte ihn nicht drängen. Natürlich befürchtete ich, dass er mich für schlichtweg verrückt halten musste – in aller Freundschaft natürlich.
»Wahnsinn«, sagte er.
Da konnte ich nicht widersprechen.
»Eine äußerst faszinierende Geschichte.«
»Danke.« Er schien mein eigenartiges Bekenntnis erstaunlich gelassen hinzunehmen.
»Doch, wirklich. Besonders interessant fand ich die Stelle, wo du in diesem – wie sagtest du: – ›zeitretardierten See‹ fast ertrunken wärst.«
»Nun ja. Ertrinken ist nicht ganz zutreffend«, sagte ich. »Ersticken wäre wohl korrekter gewesen.« Ich blickte ihm direkt in die Augen. »Heißt das, du glaubst mir?«
Tobias räusperte sich. »Klar, glaube ich dir. Zumindest, dass du es erlebt hast.«
Ich war unendlich erleichtert, dass er das sagte, wartete aber noch auf das unausgesprochene Aber.
»Aber was ich davon halten soll, kann ich dir auch nicht sagen«, rückte er auch prompt heraus. »Du sagst ja selbst, dass du deine Zweifel hast.«
»Und was glaubst du – Wahnvorstellungen?«
Er blickte mich ernst an. »Das wäre zumindest eine plausible Erklärung«, sagte er und fühlte sich sichtlich unbehaglich.
Ich gab ihm unumwunden recht. »Tobias – genau das war auch mein erster Gedanke – Albträume, Halluzinationen, Wahnvorstellungen. Anders kann man es sich auch nicht erklären. Aber …«
»Wovor hast du Angst?«, fragte er mich unvermittelt.
»Davor, dass ich einmal dortbleiben muss«, antwortete ich sofort.
»Wo denn?« Tobias war sichtlich bemüht, mich zu verstehen.
»Dort ist nicht ganz der passende Ausdruck. Da trifft es eher – da und so vielleicht.«
»Ich weiß nicht, was du meinst.« Jetzt war er zumindest einmal ehrlich.
»Ich kann es dir nicht erklären. Stell dir vor, du träumst …«
»Ja?«
»… und du träumst, du bist du, aber doch nicht richtig du selbst. Sagen wir, du träumst, du bist du zu einer anderen Zeit, in einem anderen Körper …«
»Also jemand ganz anderes?« Er rückte unmerklich ein Stück von mir ab.
»Nein, das ist es nicht. Du bist schon du – nur anders.«
»Verstehe.«
Ich musste lachen. Er konnte einen so hinterfotzig treuherzig ansehen, dass man einfach lachen musste.
»Du glaubst, ich spinne?«
»Das habe ich nicht gesagt.« Brauchte er auch nicht. Er glaubte meine Geschichte nicht.
Vielleicht war es ein Fehler, dass ich ihm das alles erzählt hatte. Tobias kannte mich durch und durch. Und deshalb wusste er auch, dass ich ihn nicht anlügen würde. Wozu auch? Aber wahrscheinlich hegte er doch den leisen Verdacht, dass ich nicht nur ein ganz klein wenig durchgeknallt sein könnte. Das mit den Wahnvorstellungen war schließlich nicht von der Hand zu weisen. Gottverdammt, was für eine Erklärung könnte es auch sonst geben?
»Und es gab sonst keine Anzeichen von diesen Phänomenen?«, fragte er weiter. »Niemand sonst hat etwas bemerkt?« Er blickte mich durchdringend an. »Dir ist schon klar …«
»Natürlich. Alles spricht für eine Wahnidee. Ich kann es ja selbst nicht glauben.«
»Gut. Ich denke gerade an die Szene an der Kreuzung, als die Zeit sich wieder beschleunigte …«
»Ja, und?«
»Du hast gesagt, dass durch dein plötzliches Auftauchen ein Autofahrer fast in dich hineingefahren wäre. Also gibt es doch einen Zeugen?«
»Daran habe ich auch schon gedacht. Aber nichts. Ich habe überall rumgefragt. Bei meinen Kollegen in der Zeitung, ob da irgendeine Meldung aufgetaucht wäre. Auch auf der Polizeidienststelle – nichts. Keine besonderen Vorkommnisse.«
»Verstehe.« Tobias zog ein weiteres Heineken aus dem Sixpack. »Muss aber auch nichts heißen«, meinte er dann plötzlich. Er hatte wohl irgendwie Gefallen an meiner Geschichte gefunden. »Wahrscheinlich hat der Typ im Auto auch geglaubt, dass er halluziniert. Und dann zur Polizei rennen und sagen, da wäre plötzlich ein Mann auf der Kreuzung aufgetaucht …«
Ich schüttelte den Kopf. »Tobias, du hast recht. Genau so funktionieren Wahnideen – man findet immer wieder Erklärungen für das Unerklärliche.«
»Ich weiß.« Tobias sah mich an. »Aber ich glaube nicht, dass du Halluzinationen oder etwas in der Art hattest.«
»Was dann?« Meine Stimme klang flehentlich. Aber woher sollte Tobias wissen, was da eigentlich vorgefallen war.
»Keine Ahnung.« Er schüttelte den Kopf. »Die ganze Sache ist so unglaublich, aber ich kenne dich. Ein Irrer bist du nicht.«
»Danke für die Blumen«, antwortete ich. »Aber was war es dann?«
»Das kann ich dir auch nicht sagen.« Tobias zuckte ratlos mit den Achseln und lehnte sich entspannt zurück. »Komm, versuch, das Ganze zu vergessen. Zumindest für heute. Noch ein Bier?«
»Du hast ja recht. Dieses ewige Grübeln bringt mich auch nicht weiter.«
Tobias nickte bedächtig und wandte sich wieder seiner Teedose zu. »Einen Kleinen genehmige ich mir noch.« Mit geübter Hand drehte er eine schmale Zigarette, ohne diese mit Tabak zu »verunreinigen«, wie er sagte.
»Willst du nicht doch mal probieren?«, fragte Tobias. »Garantiert kein Tabak drin – nur erstklassiger Eigenbau. Beste Bioqualität, badisches Gras, von der Sonne verwöhnt …«
Ich konnte jetzt tatsächlich was zur Entspannung brauchen. Ich trank noch einen Schluck Bier. »Gib schon her!«
Er grinste verschwörerisch.
Ich nahm vorsichtig einen Zug – und bekam prompt einen Hustenanfall, so richtig schön heftig aus der Tiefe röchelnd. Der Rauch ätzte sich wie Giftgas in meinem Rachen. Der Hustenkrampf war so heftig, dass ich Sterne vor den Augen sah.
Tobias reichte mir seine Bierdose. »Los, runterspülen!«
Um die Straßenlaternen huschten lautlos ein paar Schatten herum. »Sieh mal, Fledermäuse.« Tobias war ganz gerührt von seiner Entdeckung. Er nahm noch einen tiefen Zug und deklamierte dann mit grabestiefer Stimme: »Bats! Die lautlosen Jäger der Nacht – wuhuhuhh!« Er kicherte wie ein Zwölfjähriger. Und ich tat es ihm gleich, keine Frage, der Stoff zeigte seine Wirkung.
Ein glühend heißer Windstoß fegte plötzlich über den Balkon und erfasste mit lautem Knattern die noch aufgespannte Markise. Vor Schreck ließ Tobias den Joint fallen, was sein pubertäres Kichern nur noch anheizte. Dann wurde es richtig unheimlich, blitzartig schoss laut zischend ein glühender Lichtpfeil vor unseren Augen durch die Nacht und verglühte wenig später in der Dunkelheit. In etwas größerer Entfernung sahen wir weitere Lichtblitze.
»Wow«, sagte ich. »Hammerhart, das Zeug.«
Tobias schien auf einmal stocknüchtern zu sein. Verwundert blickte er auf seinen Joint. »Na ja, nicht schlecht.« Dann beugte er sich über die Balkonbrüstung und brüllte mit seinem Achtung gebietenden Bariton: »Hey, hört sofort mit dem Scheiß auf, sonst komm ich runter.« Seine Stimme hallte in der dunklen Straßenschlucht wie Donner. Ich guckte ihn verständnislos an.
»Verzogene Gofen! Typisch Vauban. Statt ins Bett zu gehen, ballern die mit Silvesterraketen.«
Aha. Na gut, ich hatte ohnehin genug, die letzte Straßenbahn fuhr bald. Widerstrebend stemmte ich mich aus dem Gartenstuhl und verabschiedete mich.
Tobias begleitete mich an die Haustür und fasste mich kurz an der Schulter. »Wenn ich dir einen Tipp geben darf«, sagte er in einem ungewohnt ernsthaften Ton. »Du solltest mehr unter die Leute gehen. Die Einsamkeit tut keinem wirklich gut.«
Wo er recht hatte, hatte er recht.
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