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Auch Naomi Klein möchte stattdessen nur eine »gute«, »reelle« Warenproduktion zurückbringen (die es in Wahrheit so nie gegeben hat), eine Warenproduktion mit handfesten Gebrauchswerten, mit anerkannten Gewerkschaften, annehmbaren Löhnen und Arbeitsbedingungen usw., kurz: eine sozial und sinnlich konkret gemachte »abstrakte Arbeit«, ein Widerspruch in sich, und im Grunde genommen bloß eine Idealisierung des Kapitalismus vor der dritten industriellen Revolution und der Globalisierung, aus dem doch gerade die »Gesellschaft des Spektakels« und die heutige Weltkrise hervorgegangen sind.
Naomi Klein sieht inzwischen selber, dass eine Gegenbewegung, die nur auf der »Entwertung mächtiger kapitalistischer Symbole« (a.a.O., 507) beruht, etwa durch moralische Diskreditierung von »Logos« wie Shell, Nike usw., indem deren üble Praktiken aufgedeckt werden, zu kurz greift: Sie wird von der Semiotik des Marketings wieder eingeholt; sogar dadurch, dass die »Logos« selber paradox mit der Thematisierung des Elends operieren, als würden sie dieses nicht mit erzeugen. Das geht überhaupt nur, weil bei solchen imaginativen Markenkampagnen die Lücke in der kritischen Reflexion ausgenutzt werden kann, die genau in der mangelnden konkreten Kritik von Warenform und »abstrakter Arbeit« besteht.
Naomi Klein aber propagiert als Alternative (und darin drückt sie nur das gegenwärtige allgemeine Bewegungsbewusstsein aus) nichts als die »Unmittelbarkeit« einer eher gefühlsmäßig bestimmten Gegengesellschaft: »Aktionen, die auf die Erfüllung unmittelbarer Bedürfnisse abzielen« (a.a.O., 513), und ein unmittelbar anders gelebtes Leben und Produzieren im Nahbereich. Wie bei Bové ist es die klassische Illusion vom »kleinen Warenproduzenten«, die hier durchbricht; an der ehrlichen Arbeit und der ehrlichen Ware samt ehrlichem (Klein-)Handel soll die Welt genesen. Werden wir alle echte Kleinbürger, dann wird alles gut.
Es ist offenkundig, dass die Reflexion in den neuen und weltweiten sozialen Bewegungen, wie sie von Bové und Klein repräsentiert wird, viel zu kurz greift und deshalb der Ideologiebildung verfällt. Die Reichweite der Begriffe ist nicht groß genug und die Kritik geht nicht tief genug, weil die Aufgabe der theoretischen Neubestimmung verfehlt wird. Ein neues Paradigma oder ein neuer Interpretationsrahmen der Kritik kann aber nicht »unmittelbar« aus der bloßen Anschauung der Phänomene entstehen, sondern nur aus der Erarbeitung einer neuen Theorie, die den bisherigen theoretischen Rahmen kritisch überwindet und das alte Paradigma bewußt »historisiert«, statt es bloß zu entsorgen und zu ignorieren. Genau diese Ignoranz, die in krude Theoriefeindlichkeit umschlägt, ist aber hinsichtlich der kritischen Reflexion in den Bewegungen heute noch vorherrschend, ganz bewusst und explizit bei Bové:
»Nichts wurde vorweg theoretisiert – glücklicherweise. Die Zeit theoretischer Konstruktionen, die gewisse Leute dem Protest der Bevölkerung überstülpten, ist endgültig vorbei. Anders herum wird ein Schuh daraus: Die Menschen haben sich in Seattle zusammengetan, ohne vorher eine fix und fertige Theorie im Kopf zu haben. Sie haben ihre Standpunkte ausgetauscht und dabei festgestellt, dass sie vielfach ähnliche Ansichten vertreten, egal von welchem Kontinent sie kamen. Die Gemeinsamkeit entwickelte sich aus der konkreten Erfahrung der anwesenden Gruppen und nicht aus irgendwelchen abgehobenen Theorien. Viel zu lange schon, hundert Jahre vielleicht, treibt man die Menschen von einer Analyse in die nächste Theorie, Misserfolge und Selbstaufgabe waren das Resultat. Aber heute lassen sich die Menschen in puncto Veränderungstheorien nichts mehr vormachen« (Bové/Dufour, a.a.O., 232 f.).
Es ist in Wahrheit eine alte Geschichte, die Bové hier reproduziert: nämlich das Ressentiment des bornierten Praktikers gegen die »abgehobene« Theorie, der gegenüber die »Unmittelbarkeit« der Erfahrungen geltend gemacht wird. Aber damit lügen sich die Pragmatiker des Protests eine Bewältigungskompetenz in die Tasche, die sie gar nicht haben. Die Erfahrungen sind ebenso wie die Bedürfnisse nichts unmittelbar und selbstverständlich Gegebenes, sondern sie sind selber gesellschaftlich vermittelt. Weil diese Vermittlung nicht direkt einsichtig ist, muss sie erst sichtbar gemacht werden – und genau darin besteht die Theorie. Sie ist nichts den Erfahrungen Entgegengesetztes, sondern die Reflexion der Erfahrungen auf einer höheren Abstraktionsebene. Aber die Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit sind selber nicht »konkret«, sondern durch gesellschaftliche Abstraktionen (in der Moderne durch die totalitäre Warenform und deren Widersprüche) vermittelt. Die theoretische Abstraktion versucht dies einsehbar zu machen und zu analysieren – erst dadurch können die Erfahrungen im eigentlichen Sinne »konkret« werden.
Zu dieser Konkretisierung mit Hilfe der Theorie gehört auch, dass der historische Prozess erhellt wird, in dessen Kontext überhaupt die Erfahrungen stehen. Die Erfahrungen im hier und heute können erst etwas aussagen, indem sie zu den Erfahrungen der Vergangenheit und zur Geschichtlichkeit der Gesellschaft in Beziehung gesetzt werden. Theorie übersteigt auch in dem Sinne die Unmittelbarkeit der Erfahrung, als sie die Reflexion vergangener Erfahrung mit enthält und daher eine eigene Geschichte hat. Wer glaubt, sich darüber hinwegsetzen zu können, wird seine eigenen Erfahrungen zwangsläufig missdeuten, weil er sie in keinen größeren Zusammenhang einordnen kann.
Wenn die Hybris der Theoretiker darin besteht, dass sie sich einbilden, mit ihren Abstraktionen unmittelbar die komplexe Wirklichkeit einfangen, ummodeln und ihr diktieren zu können, so besteht umgekehrt die Hybris der Praktiker darin, dass sie sich einbilden, sie wären die ersten, die auf dieser Welt Erfahrungen machen, und diese allein wären in ihrer falschen Unmittelbarkeit das Maß des Begreifens.
Die Theorie ist so gesehen nur ein reflektierter Ausdruck der Erfahrungen selbst mit größerer historischer Reichweite und auf einer begrifflichen Abstraktionsebene. Eben deshalb kann sie niemals »fix und fertig« sein, um den Aktivisten des Protests dogmatisch »übergestülpt« zu werden. Theoriebildung ist selber ein historischer Prozess, parallel zum Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung, solange sich dieser in der Form blinder, fetischistisch objektivierter Gesetzmäßigkeiten bewegt. Und in dieser Geschichte theoretischer Reflexion ist heute eben der berühmte Paradigmenwechsel angesagt, der erarbeitet und ausgekämpft werden muss. Die soziale Bewegung ist in diese Aufgabe mit involviert, sie kann sich dazu nicht ignorant verhalten.
Bové predigt eine solche Ignoranz geradezu und will dabei die Intellektuellen überhaupt verteufeln als »gewisse Leute«, die immer »von außen« kommen, um »die Bevölkerung« in »abgehobene Theorien« auf hinterhältige Weise »hineinzutreiben«. Diese Art der Denunziation ist von den Polizeibehörden bekannt, die stets »intellektuelle Rädelsführer« und Rattenfänger ausmachen, die »von außen« kommen, um die an sich »gute und treue Bevölkerung« zu verführen. Es schwingt aber auch der ideologische Affekt gegen das »Abstrakte« der Theorie mit, der antisemitisch konnotiert ist: Der »abgehobene Intellektuelle« wird in der modernen Ideologiegeschichte immer wieder mit dem »volksfremden Juden« identifiziert.
Nicht umsonst verfällt Bové so in doppelter Weise dem antisemitischen Syndrom: Wie er den Gegenstand der Kritik, die Krise der dritten industriellen Revolution und die kapitalistische Globalisierung, mystifiziert zum Machwerk bösartiger »Parasiten« und »Geldjunkies«, so mystifiziert er auf der Seite der Kritik selbst die theoretische Reflexion zum Machwerk »abgehobener Intellektueller«. Die Parole, dass die Welt keine Ware sei, schmiegt sich so an die in 200 Jahren affirmativer und mörderischer Ideologiegeschichte ausgebrüteten Parolen an: nicht nur, dass der Jude den Menschen zur Ware mache, sondern dass die theoretische Abstraktion ebenso ein jüdisches Teufelswerk sei. So etwas kommt heraus, wenn die falsche Unmittelbarkeit der bloßen Erfahrung gegen die weitergehende Reflexion ins Feld geführt wird: nämlich die barbarische Verwilderung der Abstraktion selbst, nicht die vermeintlich »konkrete« Einsicht.
Obwohl sich Naomi Klein in dieser Hinsicht nicht derart offen reaktionär und antisemitisch wie Bové artikuliert, will auch sie die reflexive Abstraktion auf möglichst niedrigem Niveau halten und verfällt ebenso in einen Zungenschlag, der als im Kern theoriefeindlich interpretiert werden muss. Der Affekt gegen eine »zu weit gehende«, »abgehobene« Reflexion (tatsächlich muss man in gewisser Weise abheben, um das Ganze überschauen zu können) versteckt sich nur in anderer Weise als bei Bové hinter der Abwehr von »Bevormundungen«, Dogmatismus und missionarischen Haltungen:
»Gott sei Dank sind die demokratieorientierten konzernkritischen Aktivisten nicht in ... blutigen Kreuzzügen engagiert. Vielmehr stellen sie zentralisierte Machtsysteme grundsätzlich in Frage und stehen linken zentralstaatlichen wie rechten marktwirtschaftlichen Einheitslösungen gleichermaßen skeptisch gegenüber. Häufig wird geringschätzig vermerkt, dass die Bewegung keine Ideologie, keine übergreifende Botschaft, keinen Gesamtplan habe. Dies ist absolut richtig, und wir sollten dafür ausgesprochen dankbar sein. Im Moment sind die konzernkritischen Basisaktivisten von Möchtegernführern umringt, die nur auf die Gelegenheit warten, sie als Fußsoldaten zu rekrutieren. Es spricht sehr für diese junge Bewegung, dass sie bis heute alle derartigen Programme und großzügig verteilten Manifeste abgewiesen hat und sich stattdessen auf einen annehmbar demokratischen, repräsentativen Prozess verlässt, um das nächste Stadium ihres Widerstands zu erreichen« (Klein, a.a.O., 519 f., Hervorhebung von Klein).
Wenn hier diffus von »Ideologie«, »übergreifender Botschaft« oder »Gesamtplan« die Rede ist, dann soll damit leicht durchschaubar eine Theoriebildung über den unmittelbaren Erfahrungshorizont hinaus von vornherein mit pejorativen Formulierungen belegt werden. Naomi Klein versucht den Begriffsapparat theoretischer Abstraktionen per se denunziatorisch in die Nähe »zentralisierter Machtsysteme« zu rücken, ohne sich mit dem Theorieproblem ernsthaft auseinanderzusetzen. Sie vermengt dabei die nicht zu bestreitende Tatsache, dass es alle möglichen Weltverbesserungssekten und restmarxistischen Gruppierungen gibt, die als »Möchtegernführer« unbedingt »Fußsoldaten« rekrutieren möchten, unzulässigerweise mit der Frage der Erarbeitung eines neuen theoretischen Paradigmas nach dem Epochenbruch seit Ende der 80er Jahre. Die Sektenprediger, Parteiideologen und Altmarxisten, die sie hier als abschreckende Beispiele bemüht, sind in Wirklichkeit Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Soweit sie theoretische Abstraktionen repräsentieren, sind es die Begriffsruinen des 20. Jahrhunderts: im wesentlichen Restbestände der gescheiterten Modelle »nachholender Modernisierung«, bei denen die Theorie tatsächlich den »zentralisierten Machtsystemen« von Entwicklungsdiktaturen unterworfen worden war. Ein gespenstisches Residuum dieser Geschichte bildet etwa das nordkoreanische Regime. Aber auch im Westen selbst hatte die traditionelle Arbeiterbewegung die Theorie politischen Parteiapparaten untergeordnet, eben weil ihre verkürzte, auf die »Anerkennung« innerhalb des warenproduzierenden Systems beschränkte Vorstellung von Emanzipation über die bürgerliche politische Form nicht hinauskommen konnte.
Indem nun die Globalisierung die ihrem Begriff nach nationalstaatlich eingegrenzte Form der Politik überhaupt obsolet macht, stellt sich unausweichlich die Frage eines neuen theoretischen Paradigmas, das dieser veränderten Situation Rechnung trägt. Naomi Klein subsumiert aber die Theorie überhaupt unter die vergangene Epoche ihrer Anbindung an die bürgerliche Politik, wie Bové die Theorie überhaupt »hundert Jahren« der »Niederlage und Selbstaufgabe« zuschreibt. Ein derart unhistorisches Unmittelbarkeitsdenken ist zum Scheitern verurteilt. Klein und Bové merken nicht einmal, dass sie selber die theoretische Reflexion wieder einer Art Politik unterordnen wollen, nur eben keiner traditionellen Parteipolitik mehr.
Wenn Bové der Theorie die »gemeinsamen Erfahrungen« der Aktivisten gegenüberstellt und wenn Klein gegen die Theorie einen »demokratischen repräsentativen Prozess« beschwört, dann geraten beide verdächtig in die Nähe der Vorstellungen von Ulrich Beck, der sich die Angestellten der Weltbank, die Finanzjongleure auf den globalisierten Finanzmärkten und die Wirtschaftsjournalisten als eine Art kollektiven Theoretiker zurechthalluziniert. So wenig aber die »Macher« der kapitalistischen Praxis aus ihrem distanzlosen immanenten Handeln heraus jemals eine theoretische Reflexion hervorbringen werden, ebenso wenig werden die »Macher« der sozialen Bewegung dazu in der Lage sein, wenn sie sich auf die falsche Unmittelbarkeit der »Erfahrungen« beschränken. Die affirmativen Instinkte der bloßen Selbsterhaltung im Dschungel der »zweiten Natur« kapitalistischer Gesellschaftsformen sind so nicht zu überwinden.
Aus tausend bloß aufsummierten Erfahrungen des sozialen Leidens wird ebenso wenig eine zureichende neue Theorie wie aus tausend demokratischen Meetings und Abstimmungen von vor sich hin räsonierenden Meinungsidioten. Heute sperrt sich die Aufgabe der Theoriebildung mehr denn je dem Fetisch der Demokratie, der selber der obsoleten politischen Form angehört und rein formal ist wie das bürgerliche Recht überhaupt. Das hat nichts mit »zentralisierten Machtsystemen« zu tun oder damit, dass den Aktivisten des Widerstands angeblich »abgehobene« theoretische Dogmen »übergestülpt« würden. Theorie ist ihrem Wesen nach machtlos im äußeren Sinne. Dies konnten die Modernisierungsdiktaturen nicht ungestraft ignorieren, aber dasselbe gilt für die globale soziale Bewegung.
Theorie im Sinne kritischer und selbstkritischer Reflexion weiß um ihre eigene Beschränktheit, aber sie ist auch nicht zu umgehen. Nach dem Ende der linken Modernisierungstheorien im Kontext von Arbeiterparteien und Entwicklungsdiktaturen gibt es keine mit administrativer Macht ausgestattete Theorie mehr. Niemand kann dazu gezwungen werden, irgendein Dogma nachzubeten. Es sind die berühmten Erfahrungen selbst, die heute das Bedürfnis nach theoretischer Reflexion über den eigenen Horizont hinaus wecken. Es genügt nicht, das unmittelbare Erleben mit einem vagen antikapitalistischen Gefühl zu verbinden. Eine neue Erklärung der Logik und Geschichte des Kapitalismus ist gefragt, eine neue Analyse der Entwicklung des Weltmarkts, die heute den seit dem 19. Jahrhundert ausgebildeten nationalökonomischen Rahmen sprengt.
Kapitalismus als Weltsystem
Die Vorstufen der Globalisierung: Geschichte und Theorie des Weltmarkts in der Epoche der Nationalökonomien
Eine Darstellung des Kapitalismus und seiner Entwicklung ist auf verschiedenen Ebenen der Abstraktion und Konkretion möglich, die oft nicht klar auseinandergehalten werden. Marx bezeichnete die Ebene seiner Darstellung im »Kapital« als diejenige des »Kapitals im Allgemeinen«, das heißt der allgemeinen kapitalistischen Logik und der Ableitung ihrer Kategorien – zunächst ohne Betrachtung eines bestimmten Bezugsrahmens. Tatsächlich bewegt sich der reale kapitalistische Reproduktionsprozess aber in einem solchen Rahmen, der irgendwann auch auf der allgemeinen Ebene im Aufbau der theoretischen Architektur erscheinen muss. Dabei sieht die Vermittlung von betriebswirtschaftlichem Einzelkapital und Gesamtkapital je nach der Ebene der Darstellung unterschiedlich aus. Soweit es um die grundsätzliche Logik des »Kapitals im Allgemeinen« geht, gewissermaßen um die Anfangsgründe der begrifflichen Darstellung (etwa des Verhältnisses von »abstrakter Arbeit« und Wert), kann auch der Begriff des Gesamtkapitals über weite Strecken allgemein und unbestimmt bleiben. Sobald jedoch ein bestimmter Bezugsrahmen gewählt werden muss (was oft schon bei der Auswahl von Beispielen unvermeidlich ist), zeigt sich, dass es dabei wiederum zwei Möglichkeiten gibt: Zum einen ist es die sogenannte Volkswirtschaft oder Nationalökonomie, die den jeweils bestimmten Bezugsrahmen des Gesamtkapitals bildet; zum andern ist es der Weltmarkt.
Marx war, nebenbei bemerkt, nicht mehr dazu in der Lage, die als vierter Band des »Kapitals« geplante Darstellung des Verhältnisses von Nationalökonomie, Staat und Weltmarkt auf der Ebene des »Kapitals im Allgemeinen« in Angriff zu nehmen. Da diese Lücke weder in der marxistischen noch in der bürgerlich-akademischen Theoriebildung jemals geschlossen wurde und der ominöse vierte Band des »Kapitals« bestimmt nicht als Kollektivprodukt der endgültig reflexionslos gewordenen kapitalistischen Funktionseliten oder als anonymes Gemeinschaftswerk von bornierten Erfahrungsfetischisten erscheinen wird, findet die laufende Globalisierungsdebatte in dieser entscheidenden Hinsicht nicht einmal einen verlassenen theoretischen Steinbruch vor, aus dem sie sich mit Begriffs-brocken bedienen könnte. Auch eine Darstellung, die sich wie die vorliegende nicht auf der (ableitungslogisch-werttheoretischen) Ebene des »Kapitals im Allgemeinen« bewegt, sondern ein bestimmtes konkret-historisches Entwicklungsstadium des Kapitalismus analysiert, muss deshalb das grundsätzliche Verhältnis der verschiedenen Bezugsebenen erörtern.
Weltmarkt, Nationalökonomie und geschlechtliches Abspaltungsverhältnis
Seinem Begriff nach ist der sozialökonomische Aktionsraum des Kapitals grenzenlos, beschränkt allein durch die jeweiligen technischen (und auch militärisch-weltpolizeilichen) Zugriffsmöglichkeiten. Wenn es könnte, würde das Kapital nicht nur die gesamte Erde, sondern alle Welten und das gesamte Universum seiner betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik der »abstrakten Arbeit« unterwerfen, also (wie besonders in der angelsächsischen Science Fiction gelegentlich ganz naiv ausgemalt) noch die »Arbeitskraft« der Geschöpfe fremder Sternensysteme ausbeuten und in Geld (Mehrwert/Profit) verwandeln. Insofern ist das Kapital per se nicht nur »vaterlandslos«, sondern überhaupt jeder sozialen Verpflichtung, jeder kulturellen Beziehung, jeder Art von Ordnung außerhalb seines unmittelbaren ökonomischen Imperativs gegenüber prinzipiell illoyal. Kapitalismus ist ein paradoxer Fremdkörper in der Gesellschaft, der diese zu seinem Funktionsmaterial gemacht hat, aber ihrer besonderen Existenz gegenüber gleichgültig ist.
Andererseits ist dieser aus allen menschlichen Bindungen herausgelöste hybride Fremdkörper des Kapitals mit seinem selbstbezüglichen Imperativ der endlosen Plusmacherei in der Form des Geldes jedoch ein äußerst bedürftiges Wesen. Denn das Kapital ist für seinen Akkumulationsprozess, der in grotesker Weise das Leben der Menschheit verwurstet, auf bestimmte Rahmenbedingungen angewiesen, die es selber in seiner ökonomischen Unmittelbarkeit nicht schaffen kann.
In der Struktur der sozialen Beziehungen sind dies zum einen alle Tätigkeiten, Verhaltensweisen, Zuwendungen und kulturell-symbolischen Ausdrucksformen, die nicht im System der »abstrakten Arbeit« aufgehen, sich nicht oder nur teilweise in die Geldform übersetzen lassen und dennoch unerlässliche (und meistens »stumme«) Voraussetzungen dafür sind, dass überhaupt eine Reproduktion des sozialen Lebens stattfinden kann. Traditionellerweise ist dieser Lebens- und Reproduktionsaspekt, der für die kapitalistische Logik nur lästigen Ballast darstellt, den Frauen zugeschrieben worden und figuriert als vielfältige »Abspaltung« von der offiziellen Gesellschaftlichkeit (vgl. Scholz 2000). Es handelt sich dabei keineswegs bloß um die nicht in Wertform/Geldform darstellbare »Hausarbeit«, familiäre und nachbarschaftliche »Zuwendung«, weibliche »Liebesarbeit«, Fürsorgehaltung usw., sondern auch um diverse in den Institutionen der »abstrakten Arbeit« und des Marktes selbst angesiedelte, weiblich konnotierte soziale »Schmiermittelfunktionen«, soziopsychische Vermittlungstätigkeiten und dazugehörige emotionale Haltungen etc. Inzwischen wird sogar in Managementtheorien versucht, diese Aspekte unter dem Stichwort der »emotionalen Intelligenz« bewusst zu instrumentalisieren.
Da die verschiedenen Momente eines sozial-materiellen, sozialpsychologischen und kulturell-symbolischen »Abspaltungsverhältnisses« (Roswitha Scholz) durchwegs informell, also nicht institutionalisiert und nicht formal kodifiziert sind, sich auch ihrer Natur nach dagegen sperren, kommen sie in der bürgerlichen Theorie seit der Aufklärung entweder gar nicht vor oder bleiben unterbelichtet; dies gilt besonders für den Begriffsapparat der politischen Ökonomie und auch noch weitgehend für die Marxsche Kritik derselben. Dennoch handelt es sich um höchst reale Voraussetzungen des betriebswirtschaftlichen Verwertungsprozesses, ohne die der globale Kapitalismus an seiner allen sozialen und sinnlichen Bezügen gegenüber gleichgültigen Destruktionslogik zugrunde gegangen wäre.
Zum andern aber sind es innerhalb des institutionellen Gefüges kapitalistischer »negativer Vergesellschaftung« selbst die als »außerökonomisch« geltenden staatlich-politischen Funktionen, die einen Rahmen für den Verwertungsprozess setzen müssen, ohne den dieser auf Dauer nicht vor sich gehen kann. Das Kapital bedarf nicht nur seines eigenen »inneren« betriebswirtschaftlichen Funktionsraums, sondern auch eines »äußeren« nationalstaatlich-nationalökonomischen Funktionsraums.
Erst der moderne Staat ist es, der durch seine Apparate der (offenen oder »stummen«) Repression und Menschenverwaltung dafür sorgt, dass die Bevölkerung seines Territoriums als Material des kapitalistischen Verwertungsprozesses nicht nur definiert, sondern diese Definition auch durchgesetzt, durchgehalten und zur Gewohnheit gemacht werden kann. Somit haben wir es unter den zahlreichen Paradoxien des Kapitalismus auch mit derjenigen zu tun, dass das Kapital als solches politisch illoyal und Staat bzw. Politik ebenso wie der Gesellschaft insgesamt gegenüber gleichgültig ist, trotzdem aber zusammen mit dem »inneren« betriebswirtschaftlichen Kapitalverhältnis überhaupt erst Staat, Politik und »Nation« als äußere Funktionssphären einer kapitalistisch domestizierten Gesellschaft ebenso entstanden sind wie jene »stumme«, das Geschlechterverhältnis bestimmende Abspaltungsstruktur.
Zwar erscheint das Verhältnis von Ökonomie und Politik, von Staat und Markt bzw. »abstrakter Arbeit« in der realen Konstitutionsgeschichte der Moderne zunächst umgekehrt, etwa in den absolutistischen Militärdespotien der frühen Neuzeit; dort nämlich figuriert der sich herausbildende neue politische Apparat territorialer (statt feudal-dynastischer) Macht zunächst als Demiurg und quasi als Befehlshaber der neuen, erst embryonalen Verwertungsökonomie – der klassische Begriff der »politischen Ökonomie«, im 17. Jahrhundert entstanden, verweist noch auf dieses zunächst so erscheinende Unterordnungsverhältnis, das sich als Illusion vom »Primat der Politik« ideologisch bis heute fortgepflanzt hat. Tatsächlich aber haben schon die protopolitischen Machtgebilde der frühneuzeitlichen militärischen Feuerwaffenrevolution sehr schnell unfreiwillig zur Verselbständigung der Verwertungs- bzw. Geldmaschine als kapitalistischer Gesellschaftsmaschine geführt, der gegenüber Staat, Recht und Politik nur noch Rahmenbedingungen und Funktionen für ihren eigenen Selbstzweck darstellen.
Die einzelnen betriebswirtschaftlichen Kapitalien (und somit auch die Summe dieser Unternehmungen, denn Kapital gibt es nur im Plural) verhalten sich wesensgemäß selbstbezüglich, also ignorant gegen alles Gesamtgesellschaftliche; aber damit Kapitalismus als gesellschaftliches Verhältnis überhaupt möglich ist, bedarf es einer solchen gesamtgesellschaftlichen Instanz. So muss der Staat eine ganze Reihe von äußeren materiellen Rahmenbedingungen (so genannte Infrastrukturen) der kapitalistischen Reproduktion, die nicht oder nicht ausreichend als kapitalistische Marktunternehmen betrieben werden können, in seine Regie nehmen oder subventionieren. Vor allem aber muss er als »makroökonomischer Akteur« auch die ökonomischen Rahmenbedingungen des Kapitals selber setzen, indem er virtuell einen gesamtgesellschaftlichen Standpunkt einnimmt (nämlich als »ideeller Gesamtkapitalist«, so der einschlägige Terminus bei Marx), den das per definitionem als betriebswirtschaftliches Unternehmen vereinzelte Kapital als solches nicht einnehmen kann.




