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Stattdessen scheinen wir es von Anfang an mit immer derselben, einmal herausgebildeten Struktur eines Weltsystems zu tun zu haben, in der sich bloß die »Ereignisgeschichte« eines Aufstiegs und Abstiegs der einzelnen Kapitalien und politischen »Mächte« abspielt, wobei durchgehend Nationalstaat und Nationalökonomie samt ihren basal eingelagerten und gleichzeitig widersprüchlich abgespaltenen Mikrostrukturen (die reproduktive Funktion des Geschlechterverhältnisses kommt auch bei Wallerstein wie in der gesamten Politökonomie überhaupt nicht vor) lediglich eine Art taktischen Bezugs-rahmen für wechselnde Interessenlagen der Kapitalien bilden sollen, die in letzter Instanz »machtpolitisch« durchgesetzt werden.
Die Periodisierungen, die Wallerstein dabei vornimmt, bleiben daher ebenfalls äußerlich und phänomenologisch; es geht dann nur um die historischen Verschiebungen zwischen Zentrum, Peripherie und Semiperipherie; ganz ähnlich wie im heutigen Globalisierungsdiskurs um die Umgruppierungen von »Gewinnern« und »Verlierern« vor dem Hintergrund des immergleichen allgemeinen Bezugssystems, nämlich des ewigen Weltmarkts.
Das System selber scheint keine innere, qualitative Geschichte zu haben, sondern nur eine äußere Geschichte von quantitativen »Wechsellagen« der Interessen und Machtverhältnisse. Diese theoretische Beschränkung ergibt sich aus dem beschränkten Interesse, bei einer erwarteten oder postulierten Neuverteilung der Karten, bei einer Neuformierung und Umgruppierung innerhalb des vorausgesetzten globalen Bezugssystems ein Wörtchen mitzureden, Position zu beziehen, Ratschläge zu erteilen etc.
Vom Standpunkt einer qualitativen Kritik jedoch wird auch eine qualitative Geschichte auf beiden Ebenen der kapitalistischen »Totalität« und ihrer gegenseitigen Verschränkung sichtbar, die eine andere Periodisierung als die einer bloß äußerlichen Umgruppierung von »Kräfteverhältnissen« erlaubt. Dabei ist historisch gesehen eine dreifache strukturelle Verschiebung im Verhältnis von Weltmarkt und Nationalökonomie zu erkennen.
Es ist hinsichtlich der Urgeschichte des Weltsystems tatsächlich so, wie Wallerstein mit vielem Material zeigt, nämlich dass man sagen kann: Am Anfang war der Weltmarkt. Denn die Ursprünge der kapitalistischen Produktionsweise reichen ja in das gesellschaftliche Milieu weitgehend feudal organisierter Agrargesellschaften zurück. Deren Organisationsprinzip war jedoch nicht national (territorial), sondern dynastisch bestimmt.
Es konnte also am Anfang noch gar kein nationalstaatlichnationalökonomisches Bezugssystem existieren. Zwar lässt sich die Geburt des Kapitalismus als identisch mit dem Staatsbildungsprozess der frühen Neuzeit beschreiben, in dem die Entfesselung der Geldwirtschaft aus der Monetarisierung der Abgaben hervorging, die wiederum das staatliche Territorialprinzip (an Stelle bloß persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse) hervorbrachte. Ebenso lässt sich zeigen, wie zusammen mit der Territorialstruktur gleichzeitig auch der Diskurs und das Realverhältnis der modernen geschlechtlichen Abspaltungsstruktur sich allmählich herausbildeten. Aber das Territorium der Besteuerung und der embryonalen neuen Geschlechterverhältnisse unter den absolutistischen Regimes war eben noch kein Nationalstaat mit nationalökonomischer Kohärenz im kapitalistischen Sinne. Der entstehende kapitalistische Markt bewegte sich also quer zu den selber erst entstehenden absolutistischen Territorialstaaten. Und vermittelt durch die koloniale Expansion in Übersee stellte er sich von vornherein als Weltmarkt dar.
In Gestalt des frühen Weltmarkts im Kontext des Kolonialsystems war das Kapital wirklich der »fremde Gott« (Marx), der über die Gesellschaften hereinbrach, während gleichzeitig sich komplementär in diesen Gesellschaften selbst zentralistische Territorialstaatlichkeit, moderne geschlechtliche Abspaltungsstruktur und entsprechende Ideologien (Protestantismus) entwickelten; wobei im Sinne einer Ausrichtung der Individuen und einer auch kulturell-symbolischen Fundierung des fetischistischen neuen Gesamtverhältnisses die geschlechtliche Abspaltung eine keineswegs zufällig aus den späteren Reflexionen ausgeblendete Tiefendimension markiert.
Erst auf diese Weise wurden überhaupt die begrenzten lokalen Märkte ohne Konkurrenzprinzip, die in der Agrargesellschaft eine bloße Nischenfunktion (für Überschüsse und Spezialprodukte) hatten, durch anonyme großräumige und sogar transkontinentale Märkte mit blinden Konkurrenzverhältnissen ersetzt. Es fand also nicht ein allmählicher und geradliniger Aufstieg von lokalen und regionalen Märkten zu nationalökonomischen Binnenmärkten und erst von da aus zum Weltmarkt statt, sondern genau umgekehrt brach unmittelbar der Weltmarkt katastrophisch über die agrargesellschaftlichen Strukturen und deren begrenzte Märkte herein, um dann als Folge (statt Ursache) dieser Entwicklung gewissermaßen von oben die Bildung nationalökonomischer und damit nationalstaatlicher Strukturen zu erzwingen, die überhaupt erst eine weitere, daran anschließende Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise auf ihren eigenen Grundlagen ermöglichten.
Zwar im Kontext dieses Prozesses und mit diesem vermittelt, jedoch ohne darunter subsumiert werden zu können, bildete sich »gleichursprünglich« (Roswitha Scholz) das moderne Geschlechterverhältnis aus, als Abspaltung von der strukturell männlichen Subjektivität der Protoformen »abstrakter Arbeit« und Verwertungslogik. Dieses Verhältnis befindet sich einerseits auf derselben Totalitätsebene wie das »Kapital im Allgemeinen«, dessen Bestandteil es dennoch nicht sein kann; ebenso wenig das »ganz Andere« oder gar Transzendierende; es handelt sich vielmehr um das negativ vermittelte Moment, wie im Kapitalismus das in ihm nicht aufgehende Soziale und Reproduktive dennoch »bearbeitet« wird. Andererseits erscheint dieses Abspaltungsverhältnis ebenfalls in den nationalen Rahmen eingebannt; es schmiegt sich diesem gewissermaßen vielfältig an, ohne eine bloß abgeleitete Funktion desselben zu sein. Die Abspaltungsstruktur befindet sich also auf derselben abstrakten Totalitätsebene wie das »Kapital im Allgemeinen«; sie hat jedoch als konkreten Rahmen im Unterschied zu diesem nicht die beiden Ebenen von Nationalökonomie und Weltmarkt, sondern ihr gesamtgesellschaftlicher Bezugsrahmen kann nur die bürgerliche Nation sein.
Weltmarkt und innerer Selbstwiderspruch des Kapitalismus
Der Weltmarkt blieb bei der Herausbildung der Nationalökonomien zwar die Sphäre, die Wallerstein als diejenige bezeichnet hat, auf die das Kapital seiner Tendenz nach ausgerichtet sei; eine Auffassung, die Marx schon lange vorher als der Logik des Kapitals entsprechend und als eine unveräußerliche Bedingung seiner Existenz dargestellt hatte:
»Eine Bedingung der auf dem Kapital basierten Produktion ist ... die Produktion eines stets erweiterten Zirkels der Zirkulation ... Die Tendenz den Weltmarkt zu schaffen ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu überwindende Schranke. Zunächst jedes Moment der Produktion selbst dem Austausch zu unterwerfen und das Produzieren von unmittelbaren, nicht in den Austausch eingehenden Gebrauchswerten aufzuheben, d.h. eben auf dem Kapital basierte Produktion an die Stelle früherer, von seinem Standpunkt aus naturwüchsiger Produktionsweisen zu setzen. Der Handel erscheint hier nicht mehr als zwischen den selbständigen Produktionen zum Austausch ihres Überflusses vorgehende Funktion, sondern als wesentlich allumfassende Voraussetzung und Moment der Produktion selbst...« (Marx 1974/1857-1858, 311).
Aber mit der Herausbildung von nationalökonomischen Bezugssystemen hatte sich eine neue, andere Form gewissermaßen vor »die Tendenz den Weltmarkt zu schaffen« geschoben. Diese Doppelstruktur von Weltmarkt einerseits und Nationalökonomie/Nationalstaat samt entsprechender Abspaltungsstruktur andererseits kam erst im 19. Jahrhundert zu ihrer vollen Entfaltung. Blieb der Weltmarkt Voraussetzung des Kapitals, so trat er nun dennoch (im Unterschied zu den Anfängen) erst als sekundäre Sphäre der kapitalistischen Akkumulation in Erscheinung, während der nationalökonomisch regulierte Binnenraum mit den darin ausgebildeten Mikrofunktionen zur primären Sphäre wurde. In demselben Maße, wie das Kapital auf seinen eigenen Grundlagen prozessieren konnte, wurde es auch über einen Zeitraum von fast 200 Jahren hinweg (von der zweiten Hälfte des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts) nationalökonomisch zentriert. Der Weltmarkt wirkte nicht mehr unmittelbar, sondern gefiltert durch die nationalökonomisch-nationalstaatliche Struktur und das darin enthaltene informelle, aber auch juristisch kodifizierte Geschlechterverhältnis.
Solange dieses neue Verhältnis von Nationalökonomie und Weltmarkt einigermaßen im Gleichgewicht blieb, schien die kapitalistische Reproduktion und Expansion ihre Selbstwidersprüchlichkeit auch einigermaßen im Zaum halten zu können, um sich zwar auf Kosten der Menschheit, aber durchaus im Sinne des zugrunde liegenden Selbstzwecks der »Verwertung des Werts« (Marx) zu entwickeln. Der Weltmarkt erschien nicht mehr als selbständige Sphäre, als der »fremde Gott« des hereinbrechenden kapitalistischen Prinzips, sondern gewissermaßen domestiziert als Sphäre des Warentauschs zwischen den kapitalistischen »Nationen« und ihren binnenökonomischen Funktionsräumen bzw. diversen Pufferfunktionen.
Aber diese scheinbare Übereinstimmung des Kapitals mit sich selbst täuschte. Denn die innere Dynamik der Kapitalakkumulation mußte ihrer Irrationalität gemäß den Selbstwiderspruch auf höherer Entwicklungsstufe erneut hervortreiben. Die Triebkraft dieser Dynamik war und ist die durch Konkurrenz auf anonymen Märkten vermittelte Tendenz, die Produktivkraft über das Fassungsvermögen der kapitalistischen Gesellschaftsform selber hinauszutreiben, wie Marx nicht müde wurde zu betonen:
»Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen ... Da nicht Befriedigung der Bedürfnisse, sondern Produktion von Profit Zweck des Kapitals, und da es diesen Zweck nur durch Methoden erreicht, die die Produktionsmasse nach der Stufenleiter der Produktion einrichten, nicht umgekehrt, so muss beständig ein Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis, und einer Produktion, die beständig über diese ihre immanente Schranke hinausstrebt« (Marx 1965/1894, 255, 267).
Der nationalökonomische Bezugsraum wird also umso enger, je mehr die kapitalistische Konkurrenz die Entwicklung der Produktivkräfte vorantreibt: Während die Masse der pro Zeiteinheit ausgestoßenen Produkte immer weiter ansteigt, wird die Konsumtionskraft – die in kapitalistischer Form nur als Kaufkraft in Erscheinung treten kann – gleichzeitig durch Arbeitslosigkeit und Druck auf die Löhne (vermittels der Konkurrenz der Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter untereinander) eher eingeschnürt oder kann sich jedenfalls nicht in demselben Maß wie die Produktionskraft entwickeln. Damit ist auch die geschlechtliche Abspaltungsstruktur betroffen, da sich ja die als »weiblich« konnotierten Reproduktionsfunktionen teilweise (»Hausarbeit«) in der Konsumtionssphäre abspielen.
Der Konsum ist eben kein einfaches Verschlingen, sondern selber mit nicht in der Form »abstrakter Arbeit«/Geldwertigkeit darzustellenden Reproduktionstätigkeiten verbunden. In der Folge stieg auch die Frauenerwerbstätigkeit im Raum der »abstrakten Arbeit« säkular an; nicht nur wegen des Heißhungers der kapitalistischen Verwertungsmaschine nach neuem Menschenmaterial, sondern auch wegen der Einschnürung der Kaufkraft, was einen Zwang zu familiären Doppel- und Mehrfachverdienern mit sich brachte – auf Kosten der abgespaltenen Reproduktionsfunktionen, letztlich aber auf Kosten der darin strukturell involvierten Frauen (»Doppelbelastung«). Insofern war die kapitalistische Expansion stets mit Momenten der Selbstzerstörung ihrer eigenen Voraussetzungen verbunden; der Widerspruch von Produktivkraftentwicklung und zurückbleibender Kaufkraft konnte nur zeitweilig in der Expansionsbewegung unter verschärftem Druck auf die abspaltungslogische Mikrostruktur aufgefangen werden.
Allerdings haben wir es dabei nicht einfach mit einem Missverhältnis von technischer Produktionskraft und mangelnder Kaufkraft unmittelbar zu tun, sondern dieses Problem ist vermittelt durch die Produktion von Mehrwert, die ja den eigentlichen Zweck der ganzen Produktionsweise bildet. Grob gesagt handelt es sich dabei um einen säkularen Entwertungsprozess: Je höher die Produktivität, desto geringer der Aufwand menschlicher Arbeitsenergie pro Ware, und desto geringer der Wert der einzelnen Ware. Die Maximierung (endlose Akkumulation) von Wert bildet den Selbstzweck des Kapitalverhältnisses, aber durch die Konkurrenz zur Produktivkraftentwicklung gezwungen (um billiger anbieten zu können), höhlen die einzelnen Kapitalien selber den gesellschaftlichen Wert- und damit Warencharakter der Produkte aus.
Zwar kann durch dieselbe Produktivkraftentwicklung über die Verbilligung der Konsumtionsmittel der Wert der Arbeitskraft relativ gesenkt werden und damit von der gesamten Neuwertschöpfung ein relativ größerer Teil auf den erstrebten Mehrwert entfallen (»relativer Mehrwert«); aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Aushöhlung des Wertcharakters überhaupt (Entwertung des Werts) die Steigerung des relativen Mehrwerts überholt und damit auch den Mehrwert gänzlich hinfällig macht. In demselben Maße, wie also die Produktivkraftentwicklung die Entwertung des Werts vorantreibt, erscheinen die produzierten Waren nur mehr als in immer höherem Grade »wertlose« stofflich-technische Dinge, die Produktion als kapitalistische (die ja nur auf dem Wert/Mehrwert beruht) wird eingeschnürt, zurückgefahren und ganz stillgelegt, es entsteht Massenarbeitslosigkeit und verstärkte Konkurrenz unter den Lohnarbeitern und Lohnarbeiterinnen; damit aber geht dann eben auch die gesellschaftliche Kaufkraft zurück.
Was also äußerlich als Missverhältnis von Produktionskraft und Konsumtionskraft via Kaufkraft erscheint, ist durch den inneren Prozess der säkularen Entwertung des Werts bestimmt, in dem sich der kapitalistische Selbstwiderspruch auch als substantieller erweist: nämlich als Widerspruch zwischen der Verwertungslogik der »abstrakten Arbeit« als »Substanz des Kapitals« (Marx) einerseits und ihrem eigenen Konkurrenzmechanismus bzw. dessen Konsequenzen andererseits. Zweck (Mehrwertschöpfung) und einzelkapitalistisches bzw. nationalökonomisches Mittel (Produktivkraftentwicklung) treten in unversöhnlichen Gegensatz.
Zeitweilig hat sich dieser Gegensatz immer wieder in den kapitalistischen Krisen gezeigt, die nur durch immer weitere Expansion des Kapitals wieder aufgefangen und kompensiert werden konnten. Genauer gesagt: Das Moment des relativen Mehrwerts (die relative Vergrößerung des Mehrwerts an der gesamten Neuwertschöpfung) konnte nur im Zuge einer Expansion der kapitalistischen Produktionsweise als solcher, nämlich als immer höherer Kapitaleinsatz und auf immer höherer Stufenleiter der Verwertung vor sich gehen. Auch in diesem Sinne wurde der innere Widerspruch durch äußere Ausdehnung kompensiert, wobei der Weltmarkt eine entscheidende Rolle spielte.
Indem auf die dargestellte Weise eine säkulare Tendenz zur relativen Austrocknung der Binnenmärkte entsteht, wird auf das Kapital ein wachsender Druck ausübt, über die nationalökonomischen Grenzen hinauszugreifen. Die Bedeutung des Weltmarkts muss also zunehmen; sie kann aber nicht beliebig anwachsen, ohne den einmal gewonnenen Funktionsraum der Nationalökonomie wieder grundsätzlich in Frage zu stellen – und damit die Funktionsfähigkeit der kapitalistischen Reproduktion selbst. Das Kapital setzt sich selbst Grenzen, indem es die Grenzen überwindet; eine Paradoxie, die wiederum Marx als erster festgestellt hat:
»Daraus aber, dass das Kapital jede solche Grenze als Schranke setzt und daher ideell darüber hinweg ist, folgt keineswegs, dass es sie real überwunden hat, und da jede solche Schranke seiner Bestimmung widerspricht, bewegt sich seine Produktion in Widersprüchen, die beständig überwunden, aber ebenso beständig gesetzt werden. Noch mehr. Die Universalität, nach der es unaufhaltsam hintreibt, findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Aufhebung durch es selbst hintreiben« (Marx 1974/1857-1858, 312 f.).
Im 20. Jahrhundert sollte dieser doppelte Selbstwiderspruch von schrankenloser Produktivkraftentwicklung und durch die Logik des Kapitals selbst beschränkter Mehrwertproduktion und damit Kaufkraft einerseits, von beschränkten nationalökonomischen Funktionsräumen bzw. darin eingelagerter geschlechtlich-abspaltungslogischer Reproduktionsstruktur und universalisierender Tendenz des Weltmarkts andererseits geradezu explodieren. In der ersten Jahrhunderthälfte war diese Explosion eine politische: Die kapitalistischen Nationalstaaten gingen sozusagen mit dem Messer im Maul aufeinander los, um den Widerspruch in imperial erweiterte Funktionsräume unter weiterhin nationaler Kontrolle zu bannen; und dafür war die Welt nicht groß genug.
In der zweiten Jahrhunderthälfte (unter dem Dach der Pax Americana) vollzog sich die zweite und größere Explosion auf höherer Entwicklungsstufe als eine ökonomische: Vorbereitet durch den ungeheuren Akkumulationsschub des »Wirtschaftswunders« der Nachkriegsprosperität seit 1945, begann der doppelte Selbstwiderspruch in der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik seit den 80er Jahren zu kulminieren. Die qualitativ neuen Rationalisierungs- und Automatisierungspotentiale setzten (und setzen weiterhin, denn der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen) direkt und indirekt eine derartige Masse von Arbeitskraft frei, entwerten den Wert in einem solchen Grade, drücken die Löhne weltweit derart weit herunter und verschärfen die Konkurrenz in einem solchen Ausmaß, dass die binnenökonomische Wertschöpfung und in der Folge die Kaufkraft in einem nie dagewesenen Ausmaß abzuschmelzen beginnen. Konsequenterweise stürzten sich die Kapitalien seit Beginn dieser neuen Qualität von säkularer Entwertung wie in einer Stampede auf den Weltmarkt und erzeugten dabei neue Konkurrenzverhältnisse und neue transnationale Reproduktionsformen, die auf die nationalökonomischen Binnenstrukturen nicht nur zurückschlugen, sondern diese rapide aufzulösen begannen.
Im Lichte dieser Argumentation zeigt sich erst, wie wenig sinnvoll und kontrafaktisch es ist, die mikroelektronische Revolution der Produktivkräfte und die neue Qualität der Globalisierung als isolierte »Faktoren« gegeneinander ausspielen zu wollen. Die Globalisierung des Kapitals geht aus der Zuspitzung des kapitalistischen Selbstwiderspruchs erster Ordnung zwischen Produktivkraftentwicklung einerseits und Mehrwertproduktion/kaufkräftiger Konsumtionsfähigkeit andererseits hervor; und der Prozess, in dem das Kapital vor dieser Zuspitzung gewissermaßen auf die Weltmärkte und in transnationale Strukturen flüchtet, schlägt auf den kapitalistischen Selbstwiderspruch zweiter Ordnung zwischen Nationalökonomie bzw. Nationalstaatlichkeit einerseits und Weltmarkt andererseits zurück und spitzt diesen ebenfalls zu.
Globalisierung ist somit nichts anderes als ein eskalierender Krisenprozess, in dem das Kapital, gestachelt von der mikroelektronischen Revolution, vor seinen eigenen inneren Widersprüchen davonläuft und diese sich dadurch nur umso schärfer entfalten, seine eigene innere Schranke sich ihm nur umso unerbittlicher entgegenstellt. Das Kapital trägt einerseits die Tendenz zum Universalismus in sich, aber nur zu einem abstrakten und auf die Selbstzweckbewegung des Geldes beschränkten Universalismus, der auf diese Weise schäbige und destruktive Züge annimmt.
Und andererseits trägt das Kapital eben deswegen gleichzeitig die Tendenz zum Partikularismus in sich, nämlich zu Nationalökonomie, Nationalstaat und nationalistischen Ideologien, die von Anfang an mit der geschlechtlichen Abspaltungslogik in der gesamten Reproduktionsstruktur verbunden waren; Nation und ein bestimmter Code von Männlichkeit und Weiblichkeit kommen aus derselben Wurzel. Das Kapital hat den Universalismus nur erfunden, um ihn gleichzeitig durch die Erfindung der Nation und durch die Konstitution als modernes Geschlechterverhältnis zu dementieren. Zwischen dieser unhaltbar gewordenen widersprüchlichen Polarität wird das Kapitalverhältnis nun in der dritten industriellen Revolution als gesellschaftliche Reproduktionsform zerrissen.
Wir haben es also nicht nur mit einem logischen oder strukturellen Widerspruch von Nationalökonomie und Weltmarkt sowie einem in diesen Bezugsräumen sich vollziehenden Widerspruch von »abstrakter Arbeit« und Abspaltungsverhältnis zu tun, sondern dieser Widerspruch hat sich auch als ein bestimmter historischer Prozess entfaltet. War die Nationalökonomie ursprünglich ein Produkt des (selber noch unentwickelten) Weltmarkts, so entwickelte sich dieser in der Folge erst zusammen mit den Nationalökonomien und als sekundärer Austausch zwischen diesen, um schließlich am Ende des 20. Jahrhunderts die nationalökonomische Kohärenz wieder zu zersetzen und schubweise aufzulösen. Damit verbunden ist die strukturelle Konstitution, historische Ausformung und schließliche »Verwilderung« (Roswitha Scholz) und Zersetzung des basalen geschlechtlichen Abspaltungsverhältnisses mit seinen durchaus auch ökonomisch-politischen (bzw. in Ökonomie und Politik »unsichtbar« eingefalteten) Reproduktionsfunktionen.
Je mehr es sich aber auf diese Weise globalisiert und damit in einen unregulierten, nicht mehr abgepufferten Raum entzieht, desto mehr zerstört das Kapital seine eigenen national-ökonomischen und sozial-abspaltungslogischen Existenzbedingungen, was nur die Folge davon ist, dass es zusammen mit der im großen Maßstab überflüssig gemachten menschlichen Arbeitskraft seine eigene ökonomische »Substanz« außer Kurs setzt und sich auf seinen eigenen Grundlagen ad absurdum führt. Nur vor diesem Hintergrund sind die Erscheinungen zu erklären, die von der Globalisierungsdebatte bis jetzt so begriffs- und zusammenhanglos wahrgenommen werden.
Das Theorem der komparativen Vorteile
Natürlich hat das herrschende akademische, politische und ideologische Denken nicht das geringste Interesse daran, die zu beobachtenden Erscheinungen der kapitalistischen Globalisierung auf ihren Krisenbegriff zu bringen. Stattdessen greift man theoretisch auf die ältesten Hüte zurück, um eine Verträglichkeit von Globalisierung und nationalökonomischer bzw. sozialökonomischer Struktur zu suggerieren, also die reale Zuspitzung des Selbstwiderspruchs wegzuleugnen und die Weltkrise in lauter »Chancen« umzudefinieren.
Das theoretische Konstrukt, mit dem die wirtschaftswissenschaftliche Zunft dabei unverdrossen hausieren geht, ist das sogenannte »Gesetz der komparativen Kosten« oder der »komparativen Vorteile«. Dieses angebliche Gesetz, aufgestellt von David Ricardo (1772-1823), dem neben Adam Smith bedeutendsten Klassiker der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre, soll die Vorteile der »internationalen Arbeitsteilung« zwischen kapitalistischen Volkswirtschaften beweisen. Es ist daher zugleich ein freihändlerisches Credo gegen nationalökonomische Abschottung, Schutzzollpolitik und staatliche Reglementierung des Außenhandels. Kein Wunder, dass dieses Theorem heute wieder eifrig bemüht wird, scheint es doch nicht nur argumentative Gehhilfen für die selber gedankenlos gewordene theoretische Analyse der kapitalistischen Entwicklung durch die offizielle bürgerliche Wissenschaft zu bieten, sondern auch wunderbar zum neoliberalen ideologischen Weltkonsens zu passen.
Natürlich wird niemand etwas dagegen einzuwenden haben, dass durch die Teilung von Funktionen der Reproduktion Mühe und Aufwand gespart werden, was zur Erleichterung und Verbesserung des Lebens beiträgt. Und bei entwickelten Produktivkräften, also auch Kommunikations- und Verkehrsmitteln, ist ein derartiges Zusammenwirken in der Tat nicht allein auf lokaler und regionaler oder nationaler, sondern auch auf weltgesellschaftlicher Ebene praktisch möglich.




