Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen

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Die sechste Ausgabe, welche die vorhergehenden alle fast ganz enthält, und sie an Schönheit im Äußeren weit übertrifft, kam in Amsterdam bei H. Wettstein im Jahr 1693 in zwei großen Quartbänden heraus. Im ersten Bande ist der griechische Text des Laertius mit aller Sorgfalt und Schönheit abgedruckt. Die römische Ausgabe liegt zum Grunde, welche Mark. Meibom in Abschnitte eingeteilt, und in sehr vielen Stellen aus den älteren Ausgaben, und aus einer Arundelischen und Canterburyschen Handschrift verbessert hat. Bei dem Text befindet sich die Am-
brosische Übersetzung, von Meibom so ausgebessert und ergänzt, dass sie einer fast ganz neuen gleicht. Ferner befinden sich darin 24 Bildnisse der Philosophen, nämlich Thales, Solon, Pittakus, Anacharsis, Sokrates, Äschines, Aristipp, Euklides, Platon, Xenokrat, Karneades, Aristoteles, Theophrast, Antisthenes, Diogenes, Monim, Chrysipp, Pythagoras, Archytas, Herklit, Zenon, Demokrit, Sextus Empirikus und Epikur, nach alten Münzen und Gemmen in Kupfer gestochen. Unter dem Text stehen auf jeder Seite die sämtlichen Anmerkungen Heinrich Stephans, beider Casaubone, Aldrobandins, und Meiboms, welcher letzteren vorher noch ungedruckt war. Er war nämlich schon vor Menage mit einer Bearbeitung Diogenes’ beschäftigt. Der zweite Band enthält die Kommentare Menages, die er Wettstein unter der Bedingung, dass er sie abgesondert von den Anmerkungen anderer Gelehrter abdrucken lassen solle, viel vollständiger, als sie in der Londoner Ausgabe stehen, mitgeteilt hatte; ferner dessen Geschichte der Philosophinnen, die schon bei einem Italienischen Gedichte Petrarchs zu Leiden 1692 in Duodez, und in eben dem Jahr auch besonders zu Amsterdam von Wettstein in Oktav gedruckt waren. Auf diese folgen die kurzen, aber sehr gelehrten Anmerkungen des Straßburgers Joachim Kuhns über den Laertius, die über viele dunkle Stellen ein schönes Licht verbreiten und noch nicht gedruckt worden waren. Dann folgen abweichende Lesarten aus der Arundelischen und Canterburyschen Handschrift von Thomas Gale gesammelt. Endlich enthält auch diese Wettstein’sche Ausgabe die Vorreden der vorhergegangenen Ausgaben, worunter sich aber die Briefe Brognolis und Sambuks, und H. Stephans Recensio der Brognolischen Durchsicht der Ambrosischen Übersetzung nicht befinden, die nicht hätten ausgelassen werden sollen, wie auch nicht Olympiodors von Zindetus erläutertes Leben Platons. Die Register Johann le Clercs bei dieser Ausgabe sind trefflich. Sie enthält aber nicht, vermutlich wegen ihrer Stärke, und weil sie schon oft besonders gedruckt waren, die Anmerkungen und philosophischen Kommentare Peter Gassendis über Diogenes’ zehntes Buch oder Epikurs Leben, das Gassendi auch aufs Neue lateinisch übersetzt hat. Diese Gassendische Ausgabe ist gedruckt zu Paris 1646 in Folio, nachgedruckt zu Leyden 1649 und 1675 in Folio, und in Gassendis Werken zu Leiden 1658 in Folio. Gassendis kritische Noten führt Menage zuweilen an, sie werden aber von ihm und Merikus Casaubon und vorzüglich von Meibom getadelt, welcher letztere anmerkt, dass Gassendi ein größerer Philosoph als Sprachkenner gewesen.
Diogenes’ und Aristipps Leben aus Laertius hat auch Paulus Leopardus ausgezogen, lateinisch übersetzt, und zu Antwerpen 1556 in Octav abdrucken lassen.
Die siebente Ausgabe des Laertius ist die Longolische in zwei Oktavbänden zu Chur im Vogtlande 1739. Sie enthält den griechischen Text, und die lateinische Übersetzung aus der Wettstein’schen Ausgabe, ohne alle Anmerkungen, und die elend nachgestochenen Bildnisse der 26 Philosophen. Die Meibomischen Zahlen der Abschnitte, ob sie gleich meistens sehr unschicklich gemacht sind, behielt Longolius deswegen bei, weil Laertius darnach angeführt zu werden pflegt, aber er teilte außerdem jedes Buch in so viele Kapitel, als Leben darin enthalten sind, und die Kapitel wieder in so viele Zahlen, als die Sache zu erfordern schien; diese seine neuen Abschnitte bezeichnete Longolius mit römischen, die Meibom’schen mit gemeinen Zahlzeichen. Die Register verfertigte er ganz neu. Das Papier dieser Longolischen Ausgabe ist schön, aber die Schrift zu groß und nicht angenehm, dabei ist sie auch äußerst nachlässig korrigiert, und wimmelt von Fehlern, dass ich oft zu älteren Ausgaben zurück zu gehen genötigt war. Ob Longolius Anmerkungen, die er in der Vorrede, aus welcher diese Nachricht von Laertius Leben und Schriften ausgezogen ist, verspricht, noch erschienen sind, ist mir nicht bekannt.
Die achte griechisch-lateinische Ausgabe, welche außer dem Abdruck des griechischen Textes und der lateinischen Übersetzung nach der Longolischen Ausgabe und dessen Register, nichts enthält, ist in einem Großoktavbande zu Leipzig auf Kosten des Wiener Buchhändlers Krause gedruckt und hat in Ansehung des Äußern unstreitige Vorzüge vor der Longolischen. Ob sie sorgfältiger korrigiert ist, kann ich nicht sagen, da ich sie in dem Augenblick, da ich dieses schreibe, erst bekomme. Mehr Ausgaben sind mir von Diogenes Laertius nicht bekannt, außer dass sich vor der Zweibrücker Ausgabe Platons auch das Leben dieses Philosophen aus Laertius befindet. Er ist einer von den Schriftstellern des Altertums, der noch seinen Kritiker und Erklärer erwartet, wozu ich Herrn Professor Tuhle wohl auffordern möchte.
Übersetzungen in neuere Sprachen führt Longolius an, die italienische von Felix Astolfo, die zweimal, 1535 und 1545, zu Venedig in Oktav gedruckt worden; die französische von Franz de Fougerolles, einem Doktor der Medizin, mit Anmerkungen, zu Lyon 1602, in Oktav gedruckt; eine andere französische von M.B. zu Paris 1668, in Duodez gedruckt, und die französische Übersetzung des Lebens Aristipps von M. le Fevre mit Anmerkungen, die in den Memoires de Litterature, Tom. I. P II. n. II. und in Daciers Vie des hommes illustres de Plutarque T. IX. gedruckt ist. Eine englische Übersetzung von mehreren Verfassern ist in London 1682 in zwei Oktavbänden gedruckt, und eben daselbst 1696 wieder aufs neue gedruckt, die Brüggemann in seinem View anführt. Vor beiden Ausgaben befindet sich ein Leben Diogenes’ in englischer Sprache. Noch erschienen in London 1702, in Oktav, Leben der alten Philosophen von den besten Verfassern, meistens von Diogenes Laertius, nebst einigen neueren von Eunapius und den Leben der Philosophinnen von Ägid. Menage. Nach Longolius ist auch eine holländische Übersetzung und eine deutsche, zu Augsburg 1490 gedruckt, vorhanden. Degen führt außer dem Leben Xenophons vom älteren Goldhagen nur dessen griechische Geschichte Xenophons, keine neue deutsche Übersetzung Diogenes’ an.
Vorrede des Diogenes Laertius
1. (1)1 Nach der Meinung einiger hat der Vortrag der Philosophie bei den Ungriechen seinen Ursprung genommen, denn die Perser hatten ihre Magier, die Babylonier und Assyrier ihre Chaldäer, und die Indier ihre Gymnosophisten. Bei den Kelten und Galliern waren die sogenannten Druiden und Semnotheen, wie Aristoteles in seinem Magischen Buche, und Sition im 23. der Folgen sagt. Darüber hinaus wird noch der Phöniker Ochus, der Thraker Zamolxis, und der Lybier Atlas genannt. Die Ägypter nennen Hephästus, einen Sohn des Nils, als den Schöpfer der Philosophie, deren Lehrer ihre Priester und Propheten sind.
2. (2) Von diesem bis auf Alexander den Makedonier sollen 48 863 Jahre verflossen sein, in welchen sich 373 Sonnen- und 823 Mondfinsternisse ereignet hätten. Von den Magiern, an deren Spitze der Perser Zoroaster steht, schreibt der Platoniker Hermodor in seinem Buche von den Wissenschaften, sind bis auf Trojas Zerstörung 5 000 Jahre verflossen, der Lydier Xanthus aber zählt von Zoroaster bis auf den Zug des Xerxes 600 Jahre, und sagt, dass auf ihn der Reihe nach mehrere Magier gefolgt sind, nämlich Ostanes, Astrapsych, Gobrias und Pazatas, bis auf Persiens Überwältigung durch Alexander.
3. (3) Ihnen sind aber die gerechten Ansprüche der Griechen unbekannt, bei welchen nicht allein die Philosophie, sondern auch die Menschheit selbst ihren Anfang genommen hat, welches sie den Ungriechen beilegen. Denn bei den Athenern war ja Musäus, und bei den Thebanern Linus, von welchen der erste ein Sohn Eumolps gewesen, und zuerst die Theogonie und die Sphäre besungen, und behauptet hat, dass alles aus einem entstehe, und auch darin wieder aufgelöst werde. Er sei zu Phaleri gestorben, und sein Grabmahl habe diese elegische Inschrift bekommen:
Hier deckt Phaleris Erde den Eumolpeden Musäus.
Seinen erstarrten Leib birgt dieses heilige Grab.
Von dieses Musäus’ Vater sind auch die Eumolpiden zu Athen benannt. (4) Linus aber soll ein Sohn des Hermes und der Muse Urania gewesen sein, und über die Kosmogonie, den Lauf der Sonne und des Mondes, und die Erzeugung der Tiere und Pflanzen geschrieben haben. Er beginnt seine Gedichte mit diesen Worten:
Eine Zeit, die alles erzeugte zusammen, die war einst.
Und daher nahm Anaxagoras seine Behauptung, dass alle Dinge zugleich entstanden, und durch den hinzugekommenen Verstand durchgängig geordnet worden. Linus aber soll in Euböa, getroffen von einem Pfeil Apolls, gestorben sein, und diese Inschrift bekommen haben:
Hier empfing die Erde den toten Linus aus Theben.
Schönbekränzt war er, der Urania Sohn.
So hat also die Philosophie ihren Ursprung bei den Griechen gehabt, und der Name Philosophie zeigt auch schon, dass sie nicht ungriechischen Ursprungs ist.
4. (5) Diejenigen, welche den Ungriechen die Erfindung der Philosophie beilegen, führen den Thraker Orpheus an und sagen, dieser sei ein Philosoph, und zwar ein uralter gewesen. Ich weiß aber nicht, ob einer, der solche Dinge, wie er von den Göttern vorträgt, ein Philosoph genannt werden könne; ja wie ich den nennen soll, der ohne Scheu den Göttern alle menschlichen Leidenschaften beilegt, sowohl die schändlichen Dinge, die einige Menschen im Geheimen begehen, als die, welche öffentlich zur Sprache kommen. Man hat die Sage von ihm, dass er durch Weiber umgebracht worden, aber eine zu Dios in Makedonien befindliche Inschrift sagt in folgenden Worten, dass er vom Blitz erschlagen worden ist.
Hier begruben die Musen den Thraker mit goldener Leier,
Orpheus, ihn erschlug der donnernde Zeus.
5. (6) Diejenigen, welche der Philosophie einen ungriechischen Ursprung geben, setzen auch die Art zu philosophieren, wie sie bei diesen Völkern war, auseinander. Sie sagen, die Gymnosophisten und Druiden hätten in rätselhaften Sprüchen philosophiert: man müsse vor den Göttern Ehrfurcht haben, nichts Böses tun, sich in der Mannhaftigkeit üben. Klitarch schreibt auch im zwölften Buche, dass die Gymnosophisten den Tod verachten.
6. Dass aber die Chaldäer sich mit Astronomie und Wahrsagen beschäftigen, dass die Magier sich dem Gottesdienst widmen, und Opfer und Gebete verrichten, als ob sie allein gehört würden. Sie halten Vorträge über das Wesen und die Erzeugung der Götter, die, ihrer Behauptung nach, Feuer, Erde und Wasser sind. Sie verwerfen die Götterbilder, und missbilligen besonders die Sagen von männlichen und weiblichen Gottheiten. (7) Sie halten Vorträge über die Gerechtigkeit, und erklären die Verbrennung der Leichen für etwas Verruchtes, aber die fleischliche Vermischung mit Müttern und Töchtern halten sie für unsträflich, wie Sotion im 23. Buche schreibt. Sie geben sich auch mit Weissagen und Vorbedeuten ab, und behaupten, dass ihnen die Götter erscheinen. Sie lehren, die Luft sei mit geistigen Wesen angefüllt, die auf eine sehr feine, und den Ausdünstungen gleiche Art einen Einfluss auf die Augen der Scharfsehenden haben; sie untersagen äußeren Schmuck und das Goldtragen. Ihre Kleidung ist weiß, ihr Lager die Erde; ihre Speise Gemüse, Käse und Brot; ihr Stab ein Rohr, auf dessen Spitze sie, wie man sagt, Käse stecken, ihn emporheben, und essen. (8) Magische Weissagungen kennen sie nicht, wie Aristoteles in seinem Magischen Buche und Dinon im 5. Buche seiner Geschichten schreiben, welch letzterer auch sagt, dass der Name Zoroaster einen Verehrer der Gestirne bedeute. Eben das schreibt auch Hermodor. Aristoteles aber im 1. Buche von der Philosophie schreibt, dass die Magier älter sind als die Ägypter, und dass sie zwei Urwesen, einen guten und einen bösen Dämon, annehmen, welchen ersten sie Zeus und Oromasdes, und den letztern Hades und Arimanius nennen. Eben das sagen auch Hermipp im 1. Buche von den Magiern, Eudox im Periodus, und Theopomp im 8. Buche der Philippika, (9) welcher auch noch schreibt, dass die Menschen nach der Lehre der Magier wieder lebendig werden, und zur Unsterblichkeit gelangen, und dass alle Dinge ihre Benennungen behalten werden. Eben das schreibt auch der Rhodier Eudem. Hekätus aber schreibt, dass ihrer Meinung nach auch die Götter erzeugt worden. Klearch von Soli, in seinem Buche von der Unterweisung, sagt, dass die Gymnosophisten von den Magiern herstammen, und einige wollen auch die Juden von diesen ableiten. Überdies tadeln auch die Schriftsteller von den Magiern den Herodot; denn Xerxes habe weder Pfeile gegen die Sonne abgeschossen, noch Fesseln ins Meer geworfen, weil die Magier diese für Götter hielten; die Götterbilder aber habe er allerdings mit Recht zerstört.
7. (10) Die Ägypter philosophieren so über die Götter und über die Gerechtigkeit. Sie nehmen eine erste Materie an, wovon die vier Elemente abgesondert und einige lebendige Wesen gebildet werden. Sonne und Mond halten sie für Götter und nennen die erstere Osiris, den letzteren Isis und deuten sie durch einen Käfer, Drachen, Habicht und andere Tiere an, wie Manethon in seinem kurzen Begriff der Naturlehre und Hekätus im 1. Buche von der ägyptischen Philosophie schreiben. Sie stellen Bilder auf und legen Heiligtümer an, weil sie die Gestalt der Gottheit nicht wissen. (11) Die Welt halten sie für erzeugt, für zerstörbar und für kugelförmig. Die Sterne halten sie für Feuer, durch deren Einfluss alles auf der Erde hervorgebracht werde. Der Mond werde verfinstert, wenn er in den Schatten der Erde komme. Die Seele sei unsterblich, und wandere aus einem Körper in den anderen. Die Regen entstünden durch Umwandlung der Luft. Diese und andere Dinge lehren sie über die Natur, wie Hekätus und Aristagoras schreiben. Sie haben auch Gerechtigkeitsgesetze gemacht, die sie dem Hermes zuschreiben. Sie verehren auch die nützlichen Tiere als göttlich. Ferner behaupten sie, die Sterndeuterei, die Rechnungskunde und die Erdmesskunst erfunden zu haben. – So weit von der Erfindung.
8. (12) Den Namen Philosophie hat Pythagoras zuerst gebraucht und sich einen Philosophen genannt, da er sich mit Leon, dem Beherrscher der Sikyonier oder Philiaster unterhielt, wie der pontische Heraklides in seinem Buch von der Entseelten schreibt, denn kein Mensch sei weise, sagte er, sondern nur allein Gott. Vorher wurde nämlich das, was jetzt Philosophie heißt, Sophia oder Weisheit genannt, und die Männer, welche diese lehrten, hießen Sophen, oder Weise, als solche, die in die Tiefen der Seele ganz eingedrungen wären: Philosophen aber, oder Liebhaber der Weisheit, hießen die Schüler derselben.
9. Nicht aber Sophen allein, sondern auch Sophisten wurden die Weisen genannt, welchen letztern Namen man auch den Dichtern beilegte; denn Kratin nennt im Archiloch, wo er Homer und Hesiod rühmt, diese beiden Sophisten. (13) Den Namen Weise führten folgende: Thales, Solon, Periander, Kleobul, Chilon, Bias, Pittakus; zu welchen man noch den Skythen Anacharsis, den Cheneer Myson, den Syrer Pherekydes, und den Kreter Epimenides hinzusezt. Einige zählen auch noch den Athener Fürsten Pisistrat darunter. Diese heißen Weise.
10. Es gab aber eine zweifache Folge der Philosophen; eine von Anaximander und die andere von Pythagoras, wovon jeder den Thales gehört hat, Pythagoras aber war ein Zuhörer des Pherekydes. Die Philosophie der ersteren bekam den Namen der Ionischen, weil Thales ein Ionier aus Milet war, und Anaximander unterrichtete: die zweite ward von Pythagoras die italische genannt, weil dieser meistens in Italien lebte. (14) Jene, die ionische, hörte mit Klitomach, Chrysipp und Theophrast auf, die italische aber mit Epikur. Denn auf Thales folgte Anaximander, auf diesen Anaximenes, auf diesen Anaxagoras, auf diesen Archelaus, und auf diesen Sokrates, der Erfinder der Moralphilosophie. Auf ihn folgten mehrere Sokratiker, unter welchen Platon die alte Akademie stiftete, auf welchen Speusipp, Xenokrat, Polemon, Krantor und Krates folgten. Arkesilaus, der Nachfolger des letzteren, stiftete die mittlere Akademie, und auf ihn folgte Lakydes, ein Philosoph der mittleren Akademie, auf diesen Karneades und auf diesen Klitomach, bis auf welchen sie sich auf diese Art fortpflanzte. (15) Die Folge der Philosophen bis auf Chrysipp war diese: Sokrates’ Nachfolger war Antisthenes, auf diesen folgte Diogenes der Hund [= Kyniker], auf diesen Krates der Thebaner, auf diesen Zenon der Kittier, auf diesen Kleanth, auf diesen Chrysipp. Die Folge bis auf Theophrast war diese: Platons Zuhörer war Aristoteles, und dessen Zuhörer Theophrast. So pflanzte sich die ionische Philosophie fort. Die italische Philosophie nahm folgenden Gang: Pherekydes lehrte den Pythagoras, dem sein Sohn Telauges folgte, und diesen folgten Xenophanes, Parmenides, Zenon von Elea, Leukipp, Demokrit, auf welchen mehrere, und namentlich Nausphanes und Naukydes, folgten, deren Nachfolger Epikur war.
11. (16) Von den Philosophen sind einige Dogmatiker, andere Ephektiker gewesen. Dogmatiker sind diejenigen, welche über die Dinge so, als wenn sie begriffen werden könnten, entscheiden. Ephektiker aber, die nichts bestimmen und so sprechen, als wenn nichts mit Gewissheit begriffen werden könne. Einige von ihnen haben Schriften hinterlassen, andere haben gar nichts geschrieben, zu welchen letzteren nach einigen Sokrates, Stipo, Philipp, Menedem, Pyrrhon, Theodor, Karneades und Bryson, nach andern auch noch Pythagoras und bis auf einige Briefe auch der Chier Ariston gehören. Einige haben nur ein Buch geschrieben, als Meliß, Parmenides, Anaxagoras; Zenon schrieb viele Bücher, noch mehr Xenophanes, noch mehr Demokrit, noch mehr Aristoteles, noch mehr Epikur, und noch mehr Chrysipp.
12. (17) Einige Philosophen wurden nach den Städten benannt, wie die Elischen, Megarischen, Eretrischen, und Kyrenäischen; andere von den Lehrplätzen, wie die Akademischen und Stoischen; noch andere von zufälligen Dingen, wie die Peripatetiker: wieder andere hatten einen Spottnamen, wie die Kyniker; noch andere waren von ihren Gegenständen benannt, wie die Eudämoniker; einige benannte man von ihren Einbildungen, wie die Philalethen, die Elenchtiker, die Analogiker. Einige wurden nach ihren Lehrern benannt, wie die Sokratiker, die Epikureer, und mehrere. Einige heißen wegen ihrer Naturforschungen Physiker; andere von ihren Beschäftigungen mit der Moral Ethiker. Von der Art ihres Vortrags hießen einige auch Dialektiker, weil sie nach einer besonderen Schärfe und Genauigkeit des Ausdrucks strebten.
13. (18) Es hat aber die Philosophie drei Teile, die Physik, Ethik und Dialektik. Die Physik beschäftigt sich mit der ganzen Welt und was in derselben befindlich ist; die Ethik mit dem menschlichen Leben und den Dingen, die sich auf uns beziehen; die Dialektik sucht für beide Seiten einer Sache Gründe auf. Bis auf Archelaus war nur die Physik üblich; seit Sokrates aber, wie schon vorher gesagt worden, die Ethik, und Zenon von Elea brachte die Dialektik empor. In der Ethischen Philosophie gab es 10 Sekten: die Akademische, Kyrenäische, Eleische, Megarische, Kynische, Eretrische, Dialektische, Peripatetische, Stoische und Epikurische. (19) Das Haupt der älteren Akademie war Platon, der mittlern Arkesilaus und der neueren Lakydes. Das Haupt der Kyrenäischen Sekte war Aristipp, der Eleischen Phädon der Eleer; der Megarischen Euklides der Megareer, der Kynischen Antisthenes der Athener; der Eretischen Menedem der Eretrier, der Dialektischen Klitomach der Karthager, der Peripatetischen, Aristoteles der Stagirit; der Stoischen Zenon der Kittier; der Epikureische wird von Epikur selbst benannt. Hippobot in seiner Schrift über die Philosophensekten sagt, dass deren neun und neun Schulen gewesen: die Megarische, Eretrische, Kyrenäische, Epikureische, Annikerische, Tyeodorische, Zenonische oder Stoische, die ältere Akademische, die Peripatetische: (20) der Kynischen, Eleischen, und Dialektischen erwähnt er nicht. Die Pyrrhonische Sekte rechnen die meisten nicht mit, wegen ihrer geringen Bekanntheit. Andere sagen, man könne sie in gewissen Stücken zwar eine Sekte nennen, in gewissen Stücken aber auch nicht; sie scheint aber eine Sekte zu sein. Eine Sekte ist nämlich diejenige, die in Ansehung dessen, was scheint, gewisse Gründe befolgt, oder zu befolgen scheint, und so könnte man mit Grund auch die Skeptische eine Sekte nennen: nennen wir aber eine Sekte diejenige, die mit einander übereinstimmende Lehrsätze behauptet, so möchte ihr der Namen einer Sekte nicht zukommen, denn sie hat keine Lehrsätze. Dies vom Entstehen der Philosophie, von den aufeinander folgenden Philosophen, von ihren Abteilungen und den verschiedenen Sekten in derselben.
14. (21) Seit kurzem ist aber auch noch eine eklektische Sekte durch den Alexandriner Potamon eingeführt worden, der diejenigen Lehrsätze der verschiedenen Sekten auswählte, die ihm gefielen. Er hielt aber dafür, wie er in seinem Handbuche sagt, dass es Kennzeichen der Wahrheit gebe; eines, von welchem das Urteil ausgeht, oder das anführende und eines, durch welches geurteilt wird, oder die allergenaueste Vorstellung. Der Anfang aller Dinge sei die Materie, deren Beschaffenheit, Wirkung und Ort, woraus und von wem, wo und worin. Das Ziel, wohin alles strebe, sei ein in allen Tugenden vollkommenes Leben und ohne die körperlichen, natürlichen und äußeren Güter. Ich will aber nun von den Männern selbst reden, und zwar zuerst von Thales.
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Thales
1. (22) Thales war, wie Herodot, Duris und Demokrit sagen, ein Sohn des Hexamius und der Kleobuline, aus dem Hause der Theliden, die zu den edelsten Phönikern gehörten und von Kadmus und Agenor abstammen, wie auch Platon bezeugt. Er bekam den Namen eines Weisen zuerst, als Damasius Archon zu Athen war, zu welcher Zeit auch die Sieben den Namen der Weisen bekommen haben, wie der Phalerier Demetrius in seiner Schrift von den Archonten erzählt. Er erhielt das Bürgerrecht zu Milet, wie er mit Nileus dahin kam, der Phönike hatte verlassen müssen, oder nach dem Bericht der meisten war er ein geborener Milesier, und zwar aus einem glänzenden Hause.
2. (23) Außer den Staatsgeschäften widmete er sich auch der Beobachtung der Natur, hinterließ aber, wie einige sagen, keine Schriften, denn die ihm beigelegte nautische Astrologie soll von dem Samier Phokas sein. Kallimach aber nennt ihn als den Erfinder des kleinen Bären, und singt von ihm in seinen Jamben:
Des Wagens Sternchen hat er auch bestimmt,
Wonach der Phöniker den Nachen steuert.
Nach einigen hat er nur zwei Abhandlungen geschrieben, von den Sonnenwenden und von der Nachtgleiche, weil er das übrige für leicht zu begreifen hielt. Nach einigen soll er zuerst die Sterne gedeutet und die Sonnenfinsternisse und Wenden vorausgesagt haben, wie Eudem in seiner Geschichte der Astrologie schreibt, weswegen ihn auch Xenophanes und Herodot bewundern. Eben das bezeugen aber auch Demokrit und Heraklit.
3. (24) Nach einigen hat er auch zuerst behauptet, dass die Seelen unsterblich seien, unter andern sagt dies der Dichter Choirilus. Er erfand auch zuerst den Sonnenlauf von einer Wende zur anderen und zeigte zuerst, dass die Größe der Sonne den Mond 720 mal übertreffe, wie einige sagen. Er war auch der erste, der den letzten Monatstag den dreißigsten nannte, auch hat er, nach einigen, zuerst über die Natur philosophiert. Aristoteles aber und Hippias schreiben, dass er auch leblosen Dingen Seelen beigelegt und den Beweis aus dem Magnetstein und dem Bernstein hergenommen habe. Pamphilas sagt, dass er von den Ägyptern zuerst die Erdmesskunst erlernt und, nachdem er den rechtwinkligen Triangel eines Zirkels beschrieben, einen Stier geopfert habe. (25) Andere, unter welchen sich der Rechenmeister Apollodor befindet, sagen dies von Pythagoras. Er erweiterte auch die von Kallimach in seinen Jamben dem Phrygier Eusorbus beigelegte Erfindung, nämlich das ungleichseitige Dreieck und die Theorie der Linien. Auch in Staatsangelegenheiten soll er am besten geraten haben, denn da Krösus wegen eines Kriegsbündnisses an die Milesier schickte, hinderte er solches, wodurch er, da Kyrus die Oberhand erhielt, die Stadt rettete. Heraklides sagt von ihm, dass er für sich allein und als Privatmann gelebt habe.



