Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen

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4. (26) Einige aber schreiben, er sei verheiratet gewesen, und habe einen Sohn, Kibissus gehabt; noch andere wollen, dass er unverheiratet geblieben, aber seiner Schwester Sohn zu dem seinigen angenommen habe. Als man ihn fragte, warum er sich nicht verheirate, soll er geantwortet haben, weil er kein Kinderfreund sei; auch soll er seiner Mutter, wie sie in ihn drang, dass er heiraten solle, die Antwort gegeben haben: Noch ist es, bei Zeus! die Zeit nicht. Und als er schon über die blühenden Jahre hinaus war, und sie noch in ihn drang, soll er gesagt haben: Die Zeit ist vorüber.
5. Es schreibt auch der Rhodier Hieronymus im zweiten Buche seiner zerstreuten Bemerkungen, dass er habe zeigen wollen, wie leicht es sei, reich zu werden und bei einer bevorstehenden Olivenernte die Vorsicht gebraucht habe, Ölpressen zu mieten, wodurch er viel Geld zusammengebracht hätte.
6. (27) Zum Urstoff von allem nahm er das Wasser an und lehrte, die Welt sei beseelt und voller Dämonen. Er soll zuerst die Jahreszeiten ausfindig gemacht und das Jahr in 365 Tage eingeteilt haben. Er hat keinen zum Lehrer gehabt, nur allein bei seiner Anwesenheit in Ägypten hatte er Umgang mit den Priestern. Hieronymus sagt auch, dass er die Pyramiden aus dem Schatten ausgemessen, indem er ihren Schatten zu der Zeit beobachtet, da derselbe mit dem Körper eine Größe hat. Er lebte auch, wie Minyas sagt, in Gesellschaft des milesischen Fürsten Thrasybul.
7. Auch das ist klar, was von dem Dreifuß erzählt wird, der von Fischern aufgefischt und von der milesischen Volksgemeine an die Weisesten herumgeschickt worden. (28) Denn man erzählt, dass einige junge Milesier den Fischern ihren Fang abgekauft hätten und da der Dreifuß heraufgezogen worden, sei es zum Streit gekommen, weshalb die Milesier nach Delphi geschickt und vom Gott den Spruch erhalten hätten:
Kinder Milets, ihr fraget den Gott des Dreifußes halber?
Phöbus spricht: dem Weisesten aller bestimm’ ich den Dreifuß.
Sie geben ihn also dem Thales, der gibt ihn einem anderen und der wieder einem andern, bis er an Solon kommt. Dieser sagte, der Weisen allererster sei der Gott und sandte ihn nach Delphi. Kallimach redet anders davon in seinen Jamben, so wie er es vom Milesier Leandrius gehört hat. Es habe nämlich der Arkadier Bathykles eine Schale zurückgelassen und verordnet, man solle sie dem ersten aller Weisen geben. Sie sei Thales gegeben worden, der sie weiter geschickt, bis sie zuletzt abermals an ihn zurückgekommen: (29) worauf er sie dem Didymäischen Apollo zurückgeschickt hätte, indem er sich nach Kallimach des Ausdrucks bedient habe:
Thales gibt mich Nileus, dem Fürsten des Volks,
Da er zuvor zweimal empfing dies Hochgeschenk.
Das Prosaische lautet so: Thales, Examius Sohn, von Milet, weiht dem delphischen Apollo den Vorzugspreis, den er zweimal empfangen hat. Der Sohn des Bathykles aber, der die Schale herumgetragen, hieß Thyrion, wie Eleusis im Buche von Achill, und der Myndier Alexon im 9. Buche seiner Mythen schreibt. Der Knidier Eudox aber und der Milesier Euanth erzählen, einer von Krösus’ Freunden habe von dem König einen goldenen Trinkbecher bekommen, um ihn dem Weisesten der Griechen zu geben: (30) Er habe ihn zu Thales gebracht und sei so damit herumgegangen, bis zum Chilon; dieser habe den pythischen Gott gefragt, wer weiser sei als er und zur Antwort erhalten, Myson, von welchem wir noch reden werden. Diesen setzt Eudox an die Stelle Kleobuls, Platon aber nennt ihn statt Perianders. Von ihm hat der Pythische Gott folgendes gesprochen:
Myson den Ätäer ernenn’ ich, den Chenes erzeugt,
In erhabener Dinge Verstand erreichst du ihn nimmer.
Der Frager war Anacharsis. Der Platoniker Daidach hingegen und Klearch erzählen, diese Schale sei von Krösus an Pittakus geschickt worden und sei von dem weiter herumgegangen. Andron sagt in seinem Dreifuß, die Argeer hätten dem Weisesten der Griechen einen Dreifuß zum Ehrengeschenk bestimmt gehabt, der Preis sei dem Spartaner Aristodem zuerkannt worden, der ihn Chilon abgetreten habe. (31) Dieses Aristodems gedenkt auch Alkäus mit den Worten:
Denn, Aristodemus, sagen sie,
Sprach in Sparta einst die Worte,
Die nicht unberühmt geblieben:
Nimmer findet ihr brav
Einen Mann, erdrückt durch Armut.
Einige erzählen auch, dass Periander dem milesischen Fürsten Thrasybul ein Frachtschiff zugeschickt habe, welches an der Stelle des Koischen Meeres Schiffbruch erlitten, wo nachher einige Fischer den Dreifuß herausgezogen hätten. Phanodik sagt aber, er sei im athenischen Meere gefunden, nach der Hauptstadt gebracht und durch die Volksgemeinde beschlossen worden, ihn dem Bias zu schicken. Die Ursache werden wir in Bias Leben anführen (32). Andere sagen, der Dreifuß sei eine Arbeit Hephästs gewesen und der Gott habe ihn dem Pelops bei seiner Hochzeit geschenkt; so sei er auf Menelaus gekommen; und da ihn Alexander bei Helenes Entführung geraubt, so habe ihn die Lakonerin mit den Worten ins Koische Meer geworfen: Der wird Veranlassung zum Streit geben. Nach einiger Zeit hätten die Lebedier auf dieser Stelle einen Fischzug gekauft und den Dreifuß mit aufgefischt. Sie hätten mit den Fischern darüber gezankt, bis sie nach Kos gekommen und wie sie hier nichts ausgerichtet, hätten sie die Sache nach Milet, der Mutterstadt, gebracht. Da nun die milesischen Abgeordneten von den Koern verachtet wurden, so kam es zwischen ihnen und den Koern zum Krieg. Als auf beiden Seiten viele gefallen waren, erfolgte der Götterspruch, man solle ihn dem Weisesten geben. Beide Parteien bestimmten ihn nun dem Thales, der ihn, nachdem er rundum gegangen und wieder an ihn zurückgekommen war, dem didymischen Apollo weihte. (33) Das den Koern gegebene Orakel war folgendes:
Eher nicht leget der Kampf der Meropen sich mit den Ionen,
Bis den goldenen Dreifuß, den die Fluten Hephäst gaben,
Aus der Stadt ihr gesendet ins Haus des Mannes, der alles
Hat ergründet, was ist, und war, und künftig noch sein wird.
Die Milesier erhielten, wie schon gesagt, den Spruch:
Kinder Milets, ihr fraget den Gott, des Dreifußes halber.
So weit hiervon. Hermipp zieht in seinen Lebensbeschreibungen das, was einige von Sokrates sagen, auf Thales, er sagte nämlich: er sei dem Schicksal vorzüglich dreier Stücke wegen Dank schuldig, erstlich, dass er als Mensch und nicht als Tier geboren worden: zweitens, dass er ein Mann und kein Weib sei; drittens, dass er ein Grieche und kein Ungrieche sei.
8. (34) Man erzählt auch, er sei mit einem alten Weibe aus dem Hause gegangen, um die Gestirne zu betrachten, und in einen Graben gefallen. Wie er nun laut gerufen, so habe das Weib gesagt: Du kannst nicht sehen, was vor deinen Füßen ist, Thales und willst erkennen, was sich am Himmel befindet? Auch Timon, der ihn als Himmelsbeobachter gekannt hat, lobt ihn in den Sillen, wo er sagt:
So war Thales, einer der Sieben, ein Himmelserforscher. Was über Astronomie von ihm geschrieben ist, macht, wie der Argeer Lobon schreibt, an die 200 Verse aus. Auf sein Bildnis hatte man folgende Inschrift gesetzt:
Diesen Thales gab Ioniens Insel Miletus,
Seine Weisheit hob zum ersten aller Erkunder
der Gesetze ihn, wonach die Sterne den Himmel durchwandeln.
9. (35) Folgende Sprüche werden noch von ihm gerühmt:
Viele Worte sind kein Beweis von vielem Verstande.
Nur ein Weises erforsch’, ein Fürtreffliches wähl’,
Viel geschwätzigen Zungen wirst du dann Fesseln anlegen.
Es gehen auch noch folgende Sprüche von ihm herum:
Gott ist unter allen Wesen das älteste, denn er ist ungezeugt. Die Welt ist das schönste, denn sie ist ein Werk Gottes. Der Raum ist das größte, denn er begreift alles in sich. Der Geist ist das schnellste, denn er durchläuft das All. Die Notwendigkeit ist das stärkste, denn sie überwältigt alles. Die Zeit ist das weiseste, denn sie erfindet alles. Tod und Leben sind nicht verschieden, sagte er. Nun warum stirbst du denn nicht? fragte ihn jemand. Weil es nicht verschieden ist, erwiderte er. (36) Als ihn einer fragte, was zuerst gewesen sei, Nacht oder Tag? sagte er: Eine Nacht war eher, als der Tag. Es fragte ihn jemand; ob er ohne Wissen der Götter wohl Böses tun könne? Nicht einmal denken kannst du’s, gab er zur Antwort. Als ihn ein Ehebrecher fragte, ob er einen Ehebruch wohl abschwören könne, sagte er: ein Ehebruch ist nicht schlimmer, als ein falscher Eid. Man fragte ihn: was sehr schwer sei? Sich selbst kennen, erwiderte er. Was leicht sei? Andere warnen. Was am süßesten sei? Die Erlangung des Wunsches. Was die Gottheit sei? Das Wesen ohne Anfang und ohne Ende. Was der widrigste Anblick sei? Ein alter Tyrann. Wie man Unglück am leichtesten tragen könne? Wenn man sieht, dass es seinen Feinden noch schlimmer geht. Wie man aufs beste und gerechteste leben könne? Wenn man das nicht selbst tut, was man am anderen tadelt. (37) Wer glücklich sei? Der gesund am Leibe, dabei wohlhabend und von gut ausgebildeter Seele ist. Man muss sich der gegenwärtigen und auch der abwesenden Freunde erinnern, sagte er. Nicht, sein Gesicht verschönern, sondern sich durch Kenntnisse auszeichnen, sei trefflich. Bereichere dich nicht auf schlechte Art, sagte er, und keine Reden gegen diejenigen, die dir auf Treu und Glauben ergeben sind, müssen dich wankend machen. Die Liebesdienste, die du deinen Eltern erwiesen hast, sagte er, die erwarte auch du wieder von deinen Kindern. Der Nil schwillt an, sagte er, wenn die Gewässer desselben durch die entgegenwehenden ästhetischen Winde zurückgetrieben werden.
10. Apollodor schreibt in seiner Chronik, Thales sei im ersten Jahr der 35. Olympiade geboren. (38) Er starb in einem Alter von 78 Jahren, oder wie Sosikrat sagt, 90 Jahre alt, denn sein Tod fiel in die 58. Olympiade. Er lebte zu Krösus Zeiten, dem er versprach, ohne eine Brücke auf die andere Seite des Halys zu kommen und den Fluss ableitete.
11. Es sind noch 5 andere Thales gewesen, wie der Magnesier Demetrius in seinem Buch von den Gleichnamigen sagt: nämlich der kalantianische, schlechte, nacheifernde Redekünstler, der geistreiche sikyonische Maler war der zweite, der dritte war ein sehr alter, zur Zeit Homers, Hesiods und Lykurgs. Des vierten erwähnt Duris in seiner Schrift von der Naturmalerei. Der fünfte ist ein unberühmter jüngerer, dessen Dionys in den Kretischen Büchern erwähnt.
12. (39) Thales der Weise starb, wie er im hohen Alter gymnischen Wettkämpfen zusah, von Hitze, Durst und Schwachheit entkräftet, und auf seinem Grabmal steht diese Inschrift:
Klein ist dieses Grab des himmelanreichenden Thales,
Dessen Weisheit der Ruhm allen Landen erzählt.
Wir haben auch in unserem 1. Buche der Inschriften, oder im Pammetron, folgende Inschrift auf ihn:
Aus der Bahn entriss den Weisen der große Kronide,
Da er den gymnischen Kampf der Hellenen ansah,
Ihn den Sternen zu nähern, die sein hochstrebendes Auge
Von der Erde nicht mehr sah am hohen Olymp.
13. (40) Sein ist auch der Spruch: Kenne dich selbst! von welchem Antisthenes in den Folgen sagte, er sei von Phemonoe, und dass ihn auch Chilon sich zu eigen gemacht habe.
14. Von den sieben Weisen (denn sie verdienen hier einmal im Ganzen erwähnt zu werden) hat man auch noch folgende Sagen: Der Kyrenäer Damon, der über die Philosophen geschrieben hat, zählt alle auf und vorzüglich die Sieben. Anaximenes sagt, dass sich alle auf die Dichtkunst gelegt haben. Dikäarch sagt, sie wären weder Sophen noch Philosophen gewesen, sondern verständige Männer und Gesetzgeber. Der Syrakuser Archetim hat von ihrer Zusammenkunft bei Kypselus geschrieben, wobei er selbst mit zugegen gewesen. Eusor sagt, dass sie alle, außer dem Thales, bei Krösus gewesen sind. Einige sagen auch, dass sie im Panionium zu Korinth, und zu Delphi zusammengekommen. (41) Es werden auch ihre Sprüche verschiedentlich gerühmt, und jedem ein anderer beigelegt, wie zum Beispiel dieser:
Chilon, der Lakonische Weise hat dieses gelehrt:
Nie zu viel; die Zeit gibt nur jeglichem Wert!
Man ist auch uneinig über ihre Zahl, denn Leandrius nennt statt Kleobuls und Mysons, den Leophant Grosias Sohn, einen Lebedier oder Ephesier und den Kreter Epimenides. Platon nennt im Protagoras statt Perianders den Myson. Euphor nennt statt Mysons den Anacharsis, und einige rechnen auch den Pythagoras zu denselben. Diekäarch gibt uns vier einstimmig anerkannte an, den Thales, Bias, Pittakus und Solon, und außer diesen nennt er noch sechs andere, wovon er drei auswählt, den Aristodem Pamfil, Chilon und den Lakedämonier Kleobul, Anacharsis und Periander. Einige setzen noch den Akusilaus, den Argeer Kabras oder Skaloas hinzu. (42) Hermipp in seinem Buche von den Weisen nennt 17, unter welchen die Sieben auf verschiedene Art gezählt werden, und diese sind: Solon, Thales, Pittakus, Bias, Chilon, Kleobul, Periander, Anacharsis, Akusilaus, Epimenides, Leophant, Pherekydes, Aristodem, Pythagoras, Lasus, ein Sohn des Charmantides, oder Sisymbrius, oder Chabrius, nach Aristoxen, Hermioneus und Anaxagoras. Hippobot im Philosophenverzeichnis nennt Orpheus, Linus, Solon, Periander, Anacharsis, Kleobul, Myson, Thales, Bias, Pittakus, Epicharm, Pythagoras.
15. Von Thales gehen folgende Briefe herum:
Thales an Pherekydes.
(43) Ich erfahre, dass du zuerst unter den Ioniern vorhast, öffentliche Vorträge über göttliche Dinge in Griechenland zu halten; aber du würdest vielleicht richtiger denken, wenn du deinen Aufsatz nur unter Freunden niederlegtest, als wenn du ihn jedermann ohne Unterschied hingibst, welche Sache von keinem Nutzen ist. Ist es dir angenehm, so möchte ich wohl eine Kenntnis davon haben, was du schreibst, und ich bin bereit, zu gelegener Zeit auf dein Verlangen zu dir zu kommen. Denn wir sind nicht so unsinnige Toren, ich und der Athener Solon, dass wir keine Seereise zu dir machen sollten, da wir, um Forschungen anzustellen, nach Kreta gefahren und auch nach Ägypten gesegelt sind, um mit den dortigen Priestern und Astronomen Umgang zu pflegen. Auch Solon wird kommen, wenn du es erlaubst. (44) Denn du hängst zu sehr an deinem Land, und kommst wenig nach Ionien, du hast auch kein Verlangen nach Fremden, sondern beschäftigst dich, wie ich hoffe, bloß allein mit Schreiben. Wir hingegen schreiben nichts, sondern durchreisen Griechenland und Asien.
16. Thales an Solon.
Wenn du dich von Athen wegbegibst, so glaube ich, dass du am gemächlichsten in Milet deinen Aufenthalt nehmen könntest, das von euern Bürgern angebaut ist. Hier findest du gar nichts, das dich abschrecken kann, und wenn du die Fürstenherrschaft, unter der auch die Milesier stehen, verabscheust (denn alle Alleinherrscher sind dir unausstehlich), so wird es dir doch ein angenehmes Vergnügen sein, hier unter uns, deinen Freunden, zu leben. Bias hat dich auch schriftlich eingeladen, nach Priene zu kommen. Sollte es dir gefälliger sein, in der Stadt Priene zu wohnen, nun so wollen wir mit dir daselbst wohnen.
Zweites Kapitel
Solon
1. (45) Solon, Exekestides Sohn, ein Salaminier, hat zuerst in Athen die Seisachtheia eingeführt, welche in einer Lösung der Personen und Güter bestand. Denn man verpfändete auch seine Person, und aus Dürftigkeit dienten viele um Lohn. Da er nun vom Vater her eine Schuldforderung von sieben Talenten hatte, so erließ er zuerst dieselben, und forderte andere auf, seinem Beispiel zu folgen. Dieses Gesetz wurde Seisachtheia genannt. Es fällt in die Augen aus welcher Ursache. Nachher gab er auch die übrigen Gesetze, welche hier durchzugehen zu lang sein würde, und legte sie in hölzernen Rollen nieder.
2. (46) Seine größte Tat war diese, da wegen seines Vaterlandes Salamis zwischen den Athenern und Megareern ein heftiger Krieg entstanden war, und die Athener in den Gefechten öfters Verlust gehabt hatten, so machten sie den Volksbeschluss, wenn jemand nochmals in Vorschlag bringen würde, gegen Salamis Krieg zu führen, der sollte am Leben gestraft werden. Nun stellte Solon sich rasend, und so stürzte er sich bekränzt auf den Volksversammlungsplatz, lässt daselbst durch einen Ausrufer den Athenern eine starke Elegie wegen Salamis vorlesen und erregt ihren Aufstand. Sie griffen augenblicklich gegen die Megareer zu den Waffen und siegten nun durch Solon. (47) Was in der Elegie den meisten Eindruck auf die Athener machte, war dieses:
Wär’ ich ein Pholegandrier, oder ein Sikinite,
Und kein Athener, könnt’ ich tauschen mein Vaterland um!
Denn der Ruf verkündet den Menschen, die mich erblicken:
Seht den Attiker, der auch aus Salamis floh!
Ferner:
Eilet nach Salamis, um für die Insel tapfer zu kämpfen!
Bürger, die Schande wird uns durch Überwinden getilgt!
Er beredete auch die Athener, sich in Besitz der thrakischen Halbinsel zu setzen. (48) Damit es aber nicht den Schein habe, dass die Athener mehr durch Gewalt, als durch Recht den Besitz von Salamis sich erworben hätten, so grub er einige Gräber wieder auf, und zeigte die gegen Osten gerichteten Leichname, wie es bei den Athenern Sitte war, zu begraben, ja dass auch die Gräber selbst nach Osten hin lagen, und ihnen die Bezeichnungen der Volksstämme eingegraben waren, welches den Athenern eigen war. Einige sagen auch, dass er in das Homerische Schiffsverzeichnis nach dem Verse:
Aias führte daher aus Salamis zwölf der Schiffe,
den folgenden eingerückt habe:
Stellte sie dann auf, wo in Reihen der Athener
Schar sich geordnet.
3. Seit dieser Zeit hing ihm das Volk an, und wollte sich von ihm gerne beherrschen lassen. (49) Er wollte dies aber nicht, ja er hielt auch seinen Verwandten Pisistrat, da er seine Anstalten merkte, wie Sosistrat sagt, soviel an ihm war, zurück. Er kam nämlich mit Panzer und Schild in eine Volksversammlung und machte dem Volke die Nachstellungen Pisistrats bekannt; ja nicht das allein, er war auch zur tätlichen Hilfe bereit, indem er sagte: Bürger Athens! Ich bin teils einsichtsvoller, teils tapferer als einige von euch, einsichtsvoller als die bin ich, die Pisistrats Betrug nicht durchschauen; tapferer bin ich als die, die ihn zwar durchschauen, aber aus Furcht schweigen. Der Rat aber, der dem Pisistrat anhing, sagte, er sei unsinnig. Nun sagte er:
Meinen Unsinn enthüllt den Bürgern die eilende Zeit bald,
Stellt unter sie bald die Wahrheit schleierlos hin.
(50) Folgendes war seine Voraussagung der Herrschaftsanmaßung Pisistrats:
Schneegestöber und Hagel erfüllt die düsteren Wolken.
Rollenden Donner erzeugt der zackig flammende Blitz.
Große Männer wälzen die Staaten um, und nachlässigen Bürgern
Legen Tyrannen sehr leicht drückendes Sklavenjoch auf.
4. Da Pisistrat schon die Obergewalt hatte, unterwarf er sich noch nicht, sondern legte seine Waffen vor dem Heerführer-Palast mit den Worten nieder: Vaterland! Ich habe dir mit Worten und Taten zu helfen gesucht! und schiffte ab nach Ägypten und Zypern. Er kam auch zu Krösus, und als ihn dieser fragte; wen er für glückselig hielte; sagte er den Athener Tellus und Kleobis und Biton, nebst dem übrigen, was überall bekannt ist. (51) Einige erzählen auch noch, Krösus, im prächtigsten Schmuck auf dem königlichen Thron sitzend, habe ihn gefragt: ob er wohl etwas schöneres gesehen habe? Er habe geantwortet, Hähne, Fasanen, und Pfauen, denn diese hat die Natur selbst mit tausendfachen Schönheiten ausgeschmückt. Nach seiner Abreise von hier ging er nach Kilikien, wo er die von ihm benannte Stadt Soli erbaut hat. Hierin ließen sich einige Athener nieder, die mit der Zeit etwas Fremdes in ihre Aussprache aufnahmen, daher man von ihnen sagte, sie solokisierten. Diese bekamen den Namen Soleer, die in Kypern hingegen heißen Solier.
5. Als er hierauf erfuhr, dass Pisistrat noch immer in Athen herrsche, schrieb er folgendes den Athenern:
(52) Habt ihr Unglück erlitten durch eure Feigheit, Athener! Schuldigt euer Geschick Göttern nimmermehr an! Selbst habt ihr Tyrannen in euren Mauern erhoben Diese geben euch nun niedere Knechtschaft zum Lohn. Einer ist unter euch nur der Fuchsspuren Verfolger, Alle übrigen gehen sinnlos geblendet herum: Nur die Zunge seht ihr und Heuchelworte des Mannes, Keiner sieht die Tat, die ins Angesicht strahlt.
So schrieb er.
6. Pisistrat aber schrieb ihm folgendes, als er floh:
Pisistrat an Solon.
(53) Ich bin nicht der einzige in Griechenland, der sich der Herrschaft bemächtigt hat, und ich habe es auch nicht ohne Ansprüche darauf getan, da ich aus Kodrus Hause herstamme. Ich habe nur das wieder genommen, was die Athener dem Kodrus und seinem Geschlecht eidlich zugesichert, aber dennoch ihnen entzogen hatten. Übrigens sündige ich in keinem Stück gegen Götter und Menschen. Ich halte darauf, dass die Gesetze im athenischen Staat beobachtet werden müssen, die du gegeben hast, und die Staatsverfassung ist besser als in der Demokratie. Ich lasse niemand übermütig behandeln und habe als Oberherr weiter keinen Vorzug, als die Ehre und Würde, welches auch der Ehrenvorzug der Könige vor mir gewesen ist. Ein jeder Athener nimmt von seinem Acker den Zehnten, nicht für mich, sondern er verwendet ihn zu öffentlichen Opfern und andern gemeinnützigen Bestimmungen, oder auch zu Kriegsbedürfnissen, wenn diese erfordert werden. (54) Ich mache dir auch gar keine Vorwürfe, dass du meine Absichten entdeckt hast, denn du hast dies mehr aus Wohlwollen gegen den Staat, denn aus Feindschaft gegen mich getan und eben so auch aus Unbekanntschaft mit der Herrschaft, die ich stiften würde. Denn hättest du diese gekannt, so würdest du sie leicht ertragen haben, nachdem sie gestiftet worden und nicht geflohen sein. Komm also wieder nach Hause zurück, da du meinem Wort auch ohne Eid schon glauben kannst, dass Pisistrat dem Solon nichts Unangenehmes zufügen werde. Du weißt ja, dass ich dies keinem andern meiner Feinde getan habe; und würdigst du mich, einer meiner Freunde zu sein, denn ich sehe nichts betrügliches und unzuverlässiges in dir. Willst du aber dennoch nicht mehr zu Athen wohnen, nun, so sei es dir freigestellt, nur möchte ich der Mann nicht sein, der dich deines Vaterlandes beraubt hat.
So schrieb Pisistrat.
7. Solon behauptete, das menschliche Lebensziel sei 70 Jahre (55) Folgende vortreffliche Gesetze hat er verordnet: Wer seinen Eltern den Unterhalt versagt, der soll ehrlos sein. Ebenso der, der das väterliche Vermögen durchgebracht hat. Der Müßiggänger soll jedem zur Anklage preisgegeben sein. Lysias aber sagt in der Rede gegen Nikias, Drakon habe dieses Gesetz entworfen, Solon aber habe es wirklich verordnet. Wer schändliche Handlungen begangen, der solle die Rednerbühne nicht betreten dürfen.
8. Er bestimmte auch die Ehrenbelohnungen des athletischen Wettkampfes. Auf den Olympischen Sieg setzt er 500 Drachmen, auf einen Isthmischen Sieg 100 und so verhältnismäßig auf die übrigen, weil es unedel sei, dass diese keine Ehrenbelohnung hätten und nur allein die im Kriege gebliebenen geehrt würden, deren Kinder der Staat auf seine Kosten erziehen und unterrichten ließe (56). Daher der Eifer, im Kriege sich brav und tapfer zu halten, wie Polyzel, Kynägir, Kallimach, wie alle marathonischen Streiter, wie Harmodius, Aristogiton und Militiades und noch tausend andere mehr. Die Athleten aber, die sich üben und vielen Aufwand machen müssten, würden als Sieger dem Vaterlande lästig und mehr zum Nachteil ihres Vaterlandes, als ihrer Gegenkämpfer bekränzt, und im Alter ginge es ihnen nach Lacipides Ausspruch:
Das abgetrag’ne Kleid lässt bloße Fäden sehn.
Da Solon dies voraussah, so bestimmte er ihnen etwas Mäßiges.



