Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen

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9. Schön war auch die Verordnung: Der Vormund von Waisen durfte nicht mit deren Mutter zusammenwohnen, und keiner konnte Vormund werden, dem das Vermögen nach dem Absterben der Kinder zufiel. (57) Ferner diese: Dem Siegelstecher war nicht erlaubt, das in seinen verkauften Ring eingegrabene Siegel aufzubewahren: und, wer einem Einäugigen sein eines Auge ausschlüge, der sollte beide verlieren; und, nimm nichts weg, was du nicht hingelegt hast, tust du es, so wirst du am Leben gestraft. Eine betrunken angetroffene Obrigkeitsperson soll mit dem Tode büßen. Von den Gedichten Homers verordnete er, dass sie von den Rhapsoden nach der Ordnung abgesungen werden und dass da, wo der erste Sänger aufhöre, der Folgende wieder anfangen sollte. Solon hat also den Homer mehr ins Licht gesetzt als Pisistrat, wie Dieuchidas im 5. seiner Megarischen Bücher sagt. Es gehört hierher vorzüglich die Stelle:
Die Athen inne hatten – und so weiter.
Er war auch der erste, der den 30. Monatstag den Tag vor dem neuen [Monat] nannte. (58) Er verordnete auch zuerst die Zusammentretung der 9 Archonten, um einen gemeinschaftlichen Spruch zu tun, wie Apollodor im 2. Buche von den Gesetzgebern schreibt. Als der Aufstand erfolgte, schlug er sich weder zu den Städtern, noch zu den Landleuten, noch zu den Uferbewohnern.
10. Er sagte, das Wort sei ein Bild der Taten, und ein König sei der stärkste an Macht. Die Gesetze glichen Spinnenweben, denn wenn etwas leichtes und schwaches hineinfiele, das bliebe hängen, fiele etwas schweres und großes hinein, das risse ein Loch und ginge durch. Er sagte auch, die Rede werde durchs Schweigen versiegelt, das Schweigen aber durch die Zeit. (59) Leute, die unter Tyrannen mächtig sind, sagte er, gleichen den Rechenpfennigen, wovon jeder bald mehr, bald weniger gilt. So machten die Tyrannen auch einen solchen bald groß und hervorglänzend, bald verächtlich. Als man ihn fragte, warum er gegen einen Vatermörder kein Gesetz gemacht habe, sagte er, weil er hoffe, dass es keinen geben werde. – Wie die Menschen wohl am wenigsten ungerecht handelten? Wenn erlittenes Unrecht anderer von ihnen eben so empfunden würde, als hätten sie es selbst erlitten. Sättigung wird vom Reichtum erzeugt, sagte er, Übermut von der Sättigung.
11. Er riet den Athenern, die Tage nach dem Mondlauf zu rechnen. Er verbot dem Thespis, Tragödien aufzuführen, da dies ein unnützes, leeres Geplauder sei. (60) Als Pisistrat sich selbst verwundet hatte, sagte er, das ist aus dieser Quelle hervorgeflossen.
12. Den Menschen gab er, wie Apollodor in seinem Buch von den Philosophensekten schreibt, folgende Ratschläge: Halte mehr auf einen tugendhaften Charakter, denn auf einen Eid. Rede nie Unwahrheit. Siehe was Nützliches zu tun. Mache keine vorschnell zu deinen Freunden, die du aber als Freunde angenommen hast, verwirf nicht wieder. Herrsche, wenn du gelernt hast, dich beherrschen zu lassen. Gib nie den angenehmsten, sondern stets den besten Rat! Mache die Vernunft zu deiner Führerin. Gehe nicht mit schlechten Leuten um. Ehre die Götter. Sei ehrerbietig gegen deine Eltern.
13. Man sagt auch, dass er dem Mimnermus über folgende Verse:
Wenn du von lästigem Kummer befreit und Krankheit stehen wirst
An dem sechzigsten Ziel, dann erwarte den Tod.
(61) einen Vorwurf gemacht, und geschrieben habe:
Wolltest du nun mich hören so tilge wieder die Worte.
Aber zürne mir nicht, dass ich dieses dir schrieb.
Ändre die Zeilen des Verses, und lass ihn folgendes singen:
An dem achtzigsten Ziel, da erwarte den Tod.
14. Folgende berühmte Sprüche schreibt man ihm zu:
Sei behutsam im Umgang, erforsche die Menschen und siehe,
Ob ein heimlicher Dolch sich im Busen wo birgt,
Ob sie mit heiterer Miene zwar reden, aber gezweit ist
Ihre Zunge, die spricht, was die Seele verdammt.
Bekannt ist auch, dass er Gesetze niedergeschrieben, und Volksreden, Ermahnungen an sich selbst, etwa 5000 elegische Verse von Salamis und von der athenischen Republik, wie auch Jamben und Epoden.
15. (62) Auf seinem Bild aber findet sich die Inschrift:
Die den Übermut Mediens niederwarf, Salamis, hat uns
Solon erzeugt, der uns heil’ge Gesetze geschenkt.
Er blühte in der 46. Olympiade, in deren drittem Jahre er Archon in Athen war, wie Sosikrat schreibt, und die Gesetze gab. Er starb in Kypern im 80. Jahr seines Lebens, und gab seinen Freunden auf, seine Gebeine nach Salamis zu bringen, sie zu verbrennen, und die Asche im Lande herumzustreuen. Daher führt ihn Kratin im Chilon so redend ein:
Ich bewohne die Insel, so ist die Sage der Menschen,
Ausgesät bin ich im Aiakischen Staat.
(63) Wir haben auch in unserem oben erwähnten Pammetron, worin sich Gedichte von uns in allen Formen der Verse auf alle verstorbene berühmte Weisen finden, ein Epigramm auf ihn, das also lautet:
Kyprysches Feuer verzehrte den Leib in fremdem Gebiete,
Seine Gebeine verwahrt, aufgelöst in Staub,
Salamis: Seine Gesetze erhoben den Geist in den Himmel
Nie drückt’ Solon das Volk. Seine Gesetze sind leicht.
16. Man schreibt ihm auch den Spruch zu: Nie zuviel! Dioskorides erzählt auch in seinen Denkwürdigkeiten von ihm; dass er, wie er seinen verstorbenen Sohn beweinte, (wovon wir nichts vernommen haben) und von jemand zu ihm gesagt wurde: du richtest aber nichts damit aus! diesem geantwortet habe: eben deswegen weine ich, dass ich nichts ausrichte!
17. Es werden ihm auch die folgenden Briefe beigelegt:
Solon an Periander.
(64) Du berichtest mir, dass dir viele nachstellen. Wolltest du aber auch alle aus dem Wege schaffen, so würde dir’s nichts helfen, denn nun würde dir einer der noch Unverdächtigen nachstellen, entweder, weil er sich nicht sicher hält, oder weil er es dir zum Vorwurf macht, dass nichts ist, was du nicht fürchtest, oder weil er sich dem Staat beliebt machen will. Suche also das ausfindig zu machen, dass du bei keinem Argwohn erregst. Und da würde deine Abhandlung das beste sein, weil du dadurch alle Ursachen entfernst. Willst du aber durchaus Herrscher bleiben, so musst du darauf denken, dir eine größere Macht von anderswoher zu verschaffen, als die in der Stadt ist, so wird dir keiner mehr furchtbar sein, aber du musst auch keinen fortschaffen.
18. Solon an Epimenides.
Den Athenern konnten meine Gesetze so wenig vielen Nutzen bringen, als du, da du sie aufhebst, dem Staate nützest. Denn weder die Gottheit, noch die Gesetzgeber können für sich allein den Staaten nützlich werden, sondern diejenigen, welche das Volk nach ihren Absichten zu leiten verstehen. Also gewähren Gottheit und Gesetze nur Vorteile bei guter Leitung des Volkes, aber sie helfen nichts, wenn böse Leiter da sind. (65) Nicht besser geht es den Gesetzen, die ich als Gesetzgeber verordnet habe. Diejenigen sind dem gemeinen Wesen schädlich gewesen, welche sie umgestoßen und sich dem Pisistrat nicht widersetzt haben, die Oberherrschaft an sich zu reißen. Als ich es voraussagte, fand ich keinen Glauben, er fand mehr Zutrauen, da er den Athenern schmeichelte, als ich, da ich die Wahrheit sagte. Als ich vor dem Feldherrnhause die Waffen niederlegte, sagte ich, dass ich einsichtsvoller sei, als die, welche es nicht merkten, dass Pisistrat nach der Herrschaft strebe, und tapferer als die, welche noch unschlüssig waren, sich ihm zu widersetzen. Man erklärte aber, Solon sei nicht bei Sinnen. Am Schluss legte ich das Zeugnis ab, Vaterland! Ich, Solon, bin bereit, dir mit Wort und Tat Hilfe zu leisten; aber diese glauben, ich sei nicht bei Sinnen. Ich begebe mich also aus dir hinweg als der einzige Feind Pisistrats, diese hier würden seine Trabanten sein, wenn er’s verlangte. Du kennst ihn, Freund, was für Künste er angewandt hat, um die Oberherrschaft an sich zu bringen. (66) Erst fing er an, dem Volke zu schmeicheln, dann machte er sich selbst Wunden, ging so schreiend vor die Heliäa, und gab vor, das habe er von seinen Feinden leiden müssen, er bat um eine Beschützung von 400 starken Jünglingen, und man hörte nicht auf mich und bewilligte sie ihm. Diese führten Keulen. Und hierauf warf er die Volksregierung um. Vergebens habe ich ihre Armen vom Lohndienst zu befreien gesucht; sie müssen jetzt allesamt dem einzigen Pisistrat dienen!
19. Solon an Pisistrat.
Ich traue dir zu, dass du mir kein Leid zufügen wirst, denn ehe du dich zum Oberherrn aufwarfst, war ich dein Freund, und jetzt ist auch zwischen mir und anderen Athenern, denen eine Oberherrschaft missfällt, kein Unterschied. Ob’s besser für sie sei, sich von einem beherrschen zu lassen, oder unter einer Volksregierung zu leben, darüber urteilt jeder nach seiner Überzeugung. (67) Ich sage auch selbst, dass du unter allen Gewaltfürsten der Beste bist, aber ich halte es für mich nicht gut, wieder nach Athen zu gehen, damit keiner mir den Vorwurf machen könne, ich habe den Athenern eine freie republikanische Verfassung gegeben und ihr Beherrscher zu werden mich geweigert, da es mir frei stand; und jetzt käme ich wieder, und ließe mir deine Handlungen gefallen.
20. Solon an Krösus.
Dein Wohlwollen gegen mich hat mich sehr für dich eingenommen, und bei Athenäen! wenn ich nicht durchaus in einem freien Volksstaat leben wollte, so würde ich’s vorziehen, lieber bei dir in deinem Königreich zu leben, als in Athen, wo sich Pisistrat zum Gewaltfürsten gemacht hat. Aber mir ist der Aufenthalt da am angenehmsten, wo Freiheit und Gleichheit sich finden. Doch will ich zu dir kommen und einige Zeit dein Gast sein.
Drittes Kapitel
Chilon
1. (68) Chilon, Damagets Sohn, war ein Lakedämonier. Er hat ein elegisches Gedicht von etwa 200 Versen geschrieben. Er sagte, es sei ein Vorzug des Mannes, das Zukünftige nach Vernunftgründen voraussehen zu können. Zu seinem Bruder, der darüber unwillig war, dass er nicht Staatsaufseher geworden, da er es doch geworden, sagte er: Ich kann Unrecht erdulden, du nicht. Er war aber Staatsaufseher um die 55. Olympiade; doch sagt Pamphilas, er sei es in der 56. Olympiade gewesen. Nach Sosikrat soll er der erste Staatsaufseher unter Eythydem gewesen sein und es zuerst eingeführt haben, den Königen Staatsaufseher zur Seite zu setzen. Satyr aber schreibt dieses Lykurgen zu. Er gab, nach Herodots Erzählung, dem zu Olympia opfernden Hippokrat, wie die Kessel von selbst kochten, den Rat, entweder nicht zu heiraten, oder wenn er eine Frau hätte, sich von ihr zu trennen und die Söhne nicht anzuerkennen.
2. (69) Er soll auch den Äsop gefragt haben, was Zeus tue: und dieser soll ihm geantwortet haben: er erniedrigt das Hohe, und erhebt das Niedrige. Als man ihn fragte, worin die Unterrichteten von den Ununterrichteten verschieden wären? sagte er: in guten Hoffnungen. – Was schwer sei? Geheimnisse zu verschweigen, seine Muße gut anzuwenden, und Beleidigungen ertragen zu können. Er gab auch folgende Lehren: Seine Zunge zu beherrschen besonders in fröhlicher Gesellschaft: von seinem nächsten nichts Böses zu sprechen, sonst würde man wieder verdrießliche Dinge zu hören bekommen; niemand zu bedrohen, denn das sei weibisch. (70) Schneller zu unglücklichen Freunden hinzugehen, als zu glücklichen; Bei der Verheiratung auf geringe Kosten zu sehen. Von Toten nichts Übles zu reden. Die Alten zu ehren; auf sich selbst acht zu haben; lieber Schaden zu leiden, als schändlichen Vorteil sich zu verschaffen, denn jenes macht nur einmal, dies aber immerwährenden Kummer; eines Unglücklichen nicht zu spotten: Wenn man Macht habe, herablassend zu sein, damit man von denen, die um uns sind, mehr geehrfürchtet, als knechtisch gefürchtet werde; seinem Hause gut vorstehen zu lernen; der Zunge nicht zu erlauben, dem Verstande vorzueilen; den Zorn zu beherrschen. Die Zukunftserforschung durch gewisse Zeichen nicht anzufeinden; unmögliche Dinge nicht zu begehren. Auf Reisen nicht zu eilen; beim Sprechen nicht mit den Händen zu fechten, denn das sei närrisch; den Gesetzen zu gehorchen; Ruhe zu lieben. (71) Von seinen berühmten Sprüchen hat folgender den meisten Beifall erlangt: An Prüfsteinen wird das Gold geprüft, und sein Wert fällt ins Auge; durchs Gold aber werden die Gesinnungen guter und böser Menschen erprobt.
3. Man sagt auch, dass er, wie er schon ein alter Mann war, gesagt habe: Er sei sich in seinem ganzen Leben keiner Undankbarkeit bewusst, nur eine Handlung mache er sich zum Vorwurf, er habe einmal die Sache eines Freundes entscheiden sollen und sie gesetzmäßig entschieden, habe seinen Freund überredet, von seinem Spruch zu appellieren [= den Spruch anzufechten], um auf diese Art beides, das Gesetz und seinen Freund zu retten.
4. Am berühmtesten wurde er bei den Griechen dadurch, dass er das Schicksal der lakonischen Insel Kythera voraussagte, denn nachdem er ihre Naturbeschaffenheit untersucht hatte, sagte er: Möchte sie nimmer entstanden, oder nach ihrer Entstehung wieder im Meere versunken sein! Und er hatte richtig in die Zukunft geblickt. (72) Der aus Lakedämon flüchtig gewordene Demarat riet nämlich dem Xerxes, bei dieser Insel seine Flotte zusammenzuhalten, und Griechenland wäre erobert worden, wenn ihm Xerxes gefolgt wäre. In dem folgenden Peloponnesischen Kriege unterwarf sich Nikias diese Insel, legte athenische Kriegsvölker in dieselbe, und fügte von da aus den Lakedämoniern sehr viel Übles zu.
5. Er drückte sich sehr kurz aus; daher nennt der Milesier Aristagoras diese Weise zu sprechen die Chilonische. Branchus war es, der das Branchidische Heiligtum stiftete. Er war schon ein alter Mann um die 52. Olympiade, da der Fabeldichter Äsop in Blüte war. Er starb, wie Hermipp schreibt, zu Pisa, da er seinen Sohn nach erlangtem Siege im Olympischen Faustkampf küsste. Dies Schicksal zog ihm das Übermaß seiner Freude und die Schwäche seines hohen Alters zu, und alle bei dieser feierlichen Versammlung Anwesende erwiesen seiner Leiche alle Ehre. Auch auf diesen Mann haben wir folgendes Epigramm gemacht:
(73) Phosphor Polydeukes, ich danke dir wegen des Sohnes Chilons, dessen Stirn Siegesolive bekränzt. Sank der Vater, da er den kampferprobten Sohn sah, Freudenüberwältigt. Ach! Käme so mir auch der Tod!
Auf seinem Bilde steht folgende Inschrift:
Diesen Chilon erzeugte das speergewaltige Sparta.
Unter den Sieben war er einer der Weisesten stets.
6. Sein Spruch ist: Bürge, willst du Verlust. Auch folgendes Briefchen ist von ihm:
Du widerrätst uns auswärtigen Krieg, so wie du demselben auszuweichen suchst. Ich bin der Meinung dass ein Monarch auch im Innern schlüpfrig steht und preise den Herrscher glücklich, der in seinem Hause natürliches Todes stirbt.
Viertes Kapitel
Pittakus
1. (74) Pittakus, Hyrrads Sohn, war ein Mitylener, Duris nennt seinen Vater einen Thraker. Er hat zugleich mit den Brüdern des Nikäus den lesbischen Gewaltherrscher Melanchrus aus dem Wege geräumt, und da die Athener und Mitylener über das achillische Gebiet Krieg führten, hatte er den Oberbefehl, und gegen ihn der Athener Phryon, der als Pankratiast zu Olympia den Siegespreis erhalten. Er beschloss, sich in einen Zweikampf mit demselben einzulassen, verbarg ein Netz unter dem Schilde, das er unvermerkt zu Phryon herwarf, ihn erlegte und so das Gebiet rettete. Apollodor aber erzählt in seinen Zeitbüchern, dass es in der Folge zwischen den Athenern und Mitylenern zu einem Rechtsstreit wegen dieses Gebiets gekommen, in welchem Periander Richter gewesen, und es den Athenern zugesprochen habe.
2. (75) Die Mitylener ehrten damals den Pittakus sehr und gaben ihre Regierung in seine Hände, die er zehn Jahre behielt und sie, nachdem er die Staatsverfassung wieder in Ordnung gebracht hatte, niederlegte, wonach er noch zehn Jahre gelebt hat. Die Mitylener wiesen ihm einen Acker an, den er zu einem Heiligtum machte, welches noch jetzt das Pittakische heißt. Sosikrat sagt, dass er nur ein kleines Stück davon abgesondert und gesagt habe: die Hälfte sei mehr als das Ganze. Als Krösus ihm Schätze geben wollte, nahm er sie nicht an und erwiderte: er besitze schon doppelt so viel, als er wünsche, denn er habe seines kinderlosen Bruders Vermögen noch geerbt.
3. (76) Pamphilas aber schreibt im zweiten Buche seiner Denkwürdigkeiten, dass sein Sohn Tyräus, da er zu Kyme bei einem Bartscherer gesessen, durch ein von einem Schmiede geworfenes Beil sei getötet worden. Wie hierauf die Kymeer den Töter [= Verursacher] an Pittakus geschickt und er den Hergang vernommen, habe er denselben mit den Worten losgelassen: Verzeihung ist der Reue vorzuziehen. Heraklit aber sagt, er habe den Alkäus in seine Gewalt bekommen, ihn losgelassen und gesagt: Verzeihung ist besser als Strafe. Er machte das Gesetz, ein Betrunkener, der Verbrechen begehe, solle doppelt gestraft werden, damit keiner sich betränke. Denn es wuchs viel Wein auf der Insel.
4. Er sagte ferner: Es ist schwer, fürtrefflich zu sein.
Dieses Spruchs erwähnt auch Simonides in der Zeile:
Pittakus spricht, ein Guter wahrhaft zu werden, ist sehr schwer.
(77) Auch Platon erwähnt dessen im Protagoras. Der Notwendigkeit können selbst Götter nicht widerstehen. Die Regierung zeigt den Mann. Als man ihn fragte, was das beste sei, erwiderte er: das Gegenwärtige gut verrichten. Als Krösus ihn fragte; welche Herrschaft die größte sei; erwiderte er: die des bunten Holzes; womit er auf die Gesetze deutete. Er sagte ferner, man müsse siegen ohne Blut. Als Phokäer sagte, man müsse einen strebsamen nützlichen Mann suchen, antwortete er: wenn du ihn noch so sehr suchst, wirst du ihn doch nicht finden. Als man ihn fragte; welches ist das Angenehmste; sagte er, die Zeit. Unsichtbar ist die Zukunft, zuverlässig die Erde, unzuverlässig das Meer. (78) Er sagte auch: ein verständiger Mann müsse vor dem Unglück Vorsicht gebrauchen, dass es nicht erfolge, ein herzhafter Mann aber müsse es zu nützen suchen, wenn es erfolgt sei. Was du tun willst, das sag’ nicht vorher, denn man wird dich auslachen, wenn’s nicht glückt. Wirf niemand sein Unglück vor; fürchte die Nemesis. Was dir anvertraut wird, das gib zurück. Rede nicht schlecht von deinem Freunde, ja nicht einmal von deinem Feinde. Übe dich in der Gottesfurcht. Liebe die Bescheidenheit. Halte auf Wahrheit, Treue, Erfahrung, Rechtschaffenheit, Freundschaft, und Sorgsamkeit.
5. Von seinen berühmten Sprüchen sind folgende vorzüglich geschätzt:
Nimm den Bogen und den pfeilbergenden Köcher,
Schreite auf den Bösewicht los;
Denn niemals redet durch den Mund Treues die Zunge,
Wenn zwiespältigen Geist das Herz besitzt.
(79) Er hat auch 600 elegische Verse geschrieben und in ungebundener Rede über die Gesetze an seine Mitbürger.
6. Er blühte vorzüglich in der 42. Olympiade und starb unter Aristomenes im dritten Jahre der 52. Olympiade, schon über 70 Jahre alt. Auf seinem Grabmal liest man die Inschrift:
Hier begrub die heilige Lesbos ihren Sohn,
Pittakus, weinend auf ihn zärtliche Tränen herab.
Sein Spruch war: Nimm die Zeit in Acht!
7. Es ist noch ein anderer Pittakus ein Gesetzgeber gewesen, wie Faborin im ersten Buche der Denkwürdigkeiten, und Demetrius von den Gleichnamigen, schreiben, welcher auch der Kleine genannt wurde.
8. Der Weise soll seinem Jünglinge, der ihn ums Heiraten fragte und seinen Rat verlangte, gesagt haben, wie wir in Kallimachs Epigrammen lesen:
(80) Als ein Atarnit den mitylenischen Weisen Pittakus, einst den Sohn des Hyrradius, fragt: Lieber Greis, ich werde gereizt zu doppelter Heirat, Eine Jungfrau gleicht meinem Vermögen und Stamm, Einer steh’ ich selbst nach. Ich bitte nun, sage mir, welche Führ ich als bess’re davon hin zu Hymens Altar? So der Jüngling. Er hob des Greises schützenden Stab auf, Diese, sprach er, sieh an, jener Stimme vernimm. Kinder schwangen sich hier in schnellgewirbelten Kreisen, Gleich an Gleich gefasst, auf dem Dreiweg umher. Folge den Spuren derselben, sprach er, und trat ihnen näher; Gleich an Gleich gestellt! schrieen die Knaben sich zu. Dieses merkte der Fremdling, und zog vom größeren Hause Sich bedächtig zurück, von den Knaben gewarnt, Wählete die nach Stamm und Gütern ihm ähnliche Jungfrau. Folge Dion, ihm nach, wähle, welche dir gleicht!
(81) Er scheint dies recht überdacht gesagt zu haben, denn er hatte selbst eine Frau von edlerem Geschlecht, eine Schwester Drakons Penthils Sohns, die sich mit hochmütigem Stolz gegen ihn betrug.
9. Alkäus nennt ihn Sarapodes und Sarapus, weil er breite Füße hatte, und einen Fuß nachschleppte: Cheiropodes, weil er aufgerissene wunde Füße hatte: Gaures, weil er sich ohne Ursache brüstete: Physkon und Gastron, weil er dickbäuchig war; desgleichen Zophodorpedes wegen seines schwachen Gesichts; Agasyrtus endlich, weil er nachlässig und unreinlich war. Seine Leibesübung war, Weizen zu mahlen, wie der Philosoph Klearch schreibt.
10. Folgendes Briefchen ist von ihm:
Pittakus an Krösus.
Du lädst mich ein, nach Lydien zu kommen um deine Glückseligkeit zu sehen. Aber auch ungesehen bin ich überzeugt, dass der Sohn des Alyattes der goldreichste der Könige ist. Und das könnte ich nicht stärker werden, wenn ich auch zu dir nach Sardes hinkäme. Gold habe ich nicht nötig, sondern ich bin bei dem, was ich habe, vergnügt, welches für mich und für meine Freunde zureicht. Doch werde ich kommen, um als Gast deines Umgangs zu genießen.
Fünftes Kapitel
Bias
1. (82) Bias, Teutams Sohn, war von Priene. Satyr gibt ihm den Vorzug unter den Sieben. Einige nennen ihn einen Reichen, Duris aber sagt, er sei ein Beiwohner gewesen. Phanodik erzählt, er habe kriegsgefangene Messenierinnen losgekauft, sie als seine Töchter behandelt, ihnen eine Aussteuer noch dazu geschenkt,und sie ihren Eltern nach Messene wieder zugeschickt. Als in der Folge, wie bereits erzählt worden, zu Athen der Dreifuß von den Fischern aufgefischt wurde, worauf sich die Inschrift befand: dem Weisen! sind, wie Satyr sagt, diese Mädchen, oder nach andern, zu welchen Phanodik gehört, ihre Väter in die Volksversammlung gegangen und haben Bias für den Weisen erklärt, indem sie erzählt, was er für sie getan hatte: worauf ihm der Dreifuß zugeschickt worden. Bias aber sagte, wie er ihn sah, nur Apollon ist weise, und nahm ihn nicht an.
2. (83) Einige sagen dagegen, er habe ihn dem Herakles geweiht, weil er aus Theben herstammte, von wo eine Kolonie nach Priene ausgewandert war: dies behauptet auch Phanodik. Man erzählt auch noch, wie Alyattes Priene belagerte, habe Bias zwei Maultiere gemästet und sie ins Lager hinaus getrieben. Als der König diese gesehen, sei er bestürzt geworden, dass sich der Wohlstand der Stadt noch sogar in dem Vieh zeige, und dies habe ihn zu einem Vergleich geneigt gemacht, weswegen er einen Abgeordneten hineingeschickt. Bias habe nun große Sandhaufen aufhäufen, sie oben mit Getreide beschütten lassen und dem Manne gezeigt. Wie Alyattes dies erfahren, habe der König mit den Prienern Friede gemacht und hierauf zu Bias geschickt, dass er zu ihm kommen möchte, der ihm sagen lassen: ich rate dem Alyattes, Zwiebeln zu essen, das heißt, zu weinen.
3. (84) Man sagt auch von ihm, dass er ein starker Redner vor Gericht gewesen, aber seiner Stärke im Vortrage sich nur in guten Sachen bedient habe. Hierauf deutet auch der Aleirier Demodik, wenn er sagt, wenn du richten sollst, so sprich einen Prienischen Spruch; und Hipponax in den Worten: hier ist besser gesprochen, als Bias der Priener urteilte.



