Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen

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4. Er starb auf folgende Weise: Er war schon in hohem Alter, wie er im Gericht für jemand geredet hatte und legte nach Endigung seiner Rede seinen Kopf an den Busen seines Tochtersohns. Nachdem nun auch sein Gegner geredet und die Richter für den von Bias verteidigten gesprochen hatten, fand man beim Auseinandergehen des Gerichts ihn tot am Busen seines Enkels.
(85) Die Stadt ließ ihn ehrenvoll begraben und setzte ihm die Inschrift:
Dieser Stein im Boden des hochberühmten Priene
Deckt Bias, er war seines Ioniens Ruhm.
Die unsrige lautet so:
Bias schlummert hier, den furchtlos führte zu Hades
Hermes, schneebelockt glänzte die Stirne des Mannes.
Für den Freund hat er zum Richter geredet, da beugt’ er
An den Enkel das Haupt, schlummernd seligen Schlaf.
5. Über Ionien hat er in 2000 Versen geschrieben, welches die beste Art und Weise sei, das Glück des Landes zu befördern. Von seinen gepriesenen Sprüchen bemerke ich hier folgende:
Sei den Bürgern allen gefällig, bei denen du wohnst.
Dies gewährt dir Gunst, wenn ein hochmütiges Wesen
Oftmals schädlichen Nachteil erzeugt, den alle erblicken.
(86) Auch folgende: Stark geboren werden, ist Sache der Natur, aber dem Vaterlande zum Nutzen reden zu können, ist Sache des Geistes und der Klugheit. Überfluss an Gütern haben viele oft durch glückliche Zufälle; der aber ist unglücklich, der Unglück nicht tragen kann. Es ist eine Krankheit der Seele, das Unmögliche zu wünschen, und an Unglücksfälle anderer gar nicht zu denken. Als man ihn fragte, was schwer sei, sagte er: Umwandlung des Glücks in Unglück edelmütig zu ertragen. Als er mit gottlosen Leuten auf einem Schiffe war, das einen Sturm litt, und diese die Götter anriefen, sagte er: Schweigt still, dass sie nicht gewahr werden, dass Ihr hier seid im Schiff! Als ihn ein gottloser Mensch fragte: was denn wohl Gottesfurcht sei, schwieg er still; und auf dessen Frage nach der Ursache seines Schweigens erwiderte er: ich schweige still, weil du nach einer Sache fragst, die dich nichts angeht. (87) Als man ihn fragte: was dem Menschen süß sei, sagte er: die Hoffnung. Es ist leichter, über Feinde Richter zu sein, denn über Freunde, denn man wird sich einen der Freunde notwendig zum Feinde machen, aber einen der Feinde zum Freunde bekommen. Auf die Frage, welche Sache dem Menschen Vergnügen mache, sagte er: Gewinn. Man muss das Leben so messen, sagte er, als ob man lange und kurz leben könne, und man muss so lieben, dass man wieder hassen könne: denn die meisten sind böse. Auch folgenden Rat erteilte er: Geh langsam an das, was du tun willst, hast du es aber einmal angefangen, so halte fest dabei aus bis ans Ende. Sprich nicht schnell, denn das verrät Torheit. Liebe die Klugheit. (88) Sprich von den Göttern wie sie sind. Einen unwürdigen Menschen lobe nicht, weil er reich ist. Nimm, was dir geboten wird, ja nichts mit Gewalt. Was du Gutes tust, das rechne den Göttern an. Als Reisegeld von der Jugend ins Alter verschaffe dir Weisheit, denn dieses Gut ist dir sicherer als alles Übrige.
6. Hipponax erwähnt, wie bereits angeführt ist, auch des Bias, und der schwer zu befriedigende Heraklit lobt ihn ebenfalls sehr, indem er schreibt: In Priene lebte Bias, Teutams Sohn, der berühmter ist als die anderen. Die Priener haben ihm ein Heiligtum geweiht, das Teutameion genannt. Sein Spruch war: Die meisten sind böse.
Sechstes Kapitel
Kleobul
1. (89) Kleobul, Euagoras Sohn, war ein Lindäer, oder nach Duris, ein Karier. Einige führen sein Geschlecht bis zu Herakles hinauf. Er zeichnete sich durch Weisheit und Schönheit aus. Er kannte auch die ägyptische Philosophie. Er hatte eine Tochter, Kleobuline, die in Hexametern Rätsel dichtete, welcher Kratin in einem gleichnamigen Drama erwähnt, das er die Kleobulinen betitelt hat. Er soll auch den von Danaus erbauten Athenäentempel wieder neu ausgebaut haben.
2. Er hat Lieder und Rätsel, an 3000 Verse stark, geschrieben. Einige sagen auch, dass folgende Inschrift auf Midas ihn zum Verfasser habe:
Eine kupferne Jungfrau, bedeck’ ich hier Midas’ Begräbnis; Solang’ Wasser noch fließt, solang’ Bäume noch blüh’n,(90) Solang’ noch die Sonne neu aufgeht, silbern der Mond scheint, Solang’ rauschet der Strom, brandet am Ufer das Meer, Bleib’ ich immer auf diesem von Tränen beströmten Grabe, Sage dem Wanderer: Hie deck’ ich Midas Gebein!
Man führt auch folgendes Zeugnis aus einem Lied des Simonides an:
Welcher denkenden Geistes lobt
Kleobulus, Bewohner von Lindos,
Der stets rieselnden Flüssen,
Und den Blumen des Lenzes,
Der dem Feuerglanz der Sonne
Und dem Golde des Monds,
Der den Strudeln des Ozeans
Säulen vorzieht von Stein?
Steht nicht alles nach den Göttern?
Malmen Stein nicht sterbliche Hände?
Torengedanken hat er geredet!
Dieses Epigramm kann nicht von Homer sein, der viele Jahre vor Midas gelebt haben soll.
3. In Pamphilas Denkwürdigkeiten findet man auch folgendes Rätsel von ihm:
(91) Vater ist einer. Der Söhne sind zwölf. Ein jeder von diesen hat der Söhne dreißig gezeugt, von Doppelgestalten, Weiß das Angesicht einiger, schwarz der übrigen. Alle Sind Unsterbliche, doch gegeben dem Tode zum Raube. Es ist das Jahr.
4. Von seinen bekannten Sprüchen sind folgende die vorzüglichsten: Torheit ist der meisten Sterblichen Anteil und Überfluss an Geschwätz: aber die Zeit ist hinreichend. Denke das Rühmliche. Sei kein leichtsinniger Undankbarer. Er sagte auch: man muss die Mädchen verheiraten, wenn sie den Jahren nach Jungfrauen, der Klugheit nach Weiber sind; womit er zu verstehen gab, man müsse auch Mädchen unterrichten lassen. Einem Freunde, sagte er, muss man Gutes tun, damit er noch mehr Freund werde, einem Feinde aber, um ihn zum Freunde zu machen; so sei man gegen den Tadel der Freunde und Nachstellungen gesichert. (92) Ferner: Wenn man aus dem Haus geht, muss man erst bedenken, was man tun will, und wenn man nach Hause zurückgekommen, muss man untersuchen, was man getan hat. Er riet ferner, den Leib zu üben; mehr zu hören als zu sprechen; lieber lernbegierig als unwissend zu sein; die Zunge Gutes reden zu lassen; ein Vertrauter der Tugend und mit dem Laster fremd zu sein; Ungerechtigkeit zu meiden; dem Staat das Beste zu raten; Herr über sinnliche Vergnügen zu sein; nichts mit Gewalt zu tun; die Kinder unterrichten zu lassen; Feindschaft aufzugeben; der Frau nicht zu schmeicheln, noch mit ihr zu zanken, wenn andere Leute zugegen sind, denn das erste zeige Unverstand, das andere Tollheit; einen betrunkenen Bedienten nicht zu strafen, denn das sehe einem Betrunkenen ähnlich; sich nach seinem Stande zu verheiraten, denn wenn man eine vornehmere Frau nähme, bekomme man die Verwandten zu Beherrschern; (93) Spöttern keinen Beifall zuzulächeln, denn dies ziehe uns den Hass des Verspotteten zu. Im Glück sei nicht übermütig, und im Unglück nicht kleinmütig. Den Wechsel des Glücks suche mit Edelsinn zu tragen.
5. Er starb als 70jähriger Greis, und hat die Grabschrift:
Einen weisen Man begrub die trauernde Heimat Lindos,
Die stolze Stadt am Meer: Kleobul, ihren Sohn.
6. Sein Spruch war: Die Mittelstraße ist die beste.
An Solon schrieb er folgenden Brief:
Kleobul an Solon.
Du hast zwar viele Freunde und allwärts ein Haus. Ich glaube indes doch, dass Solon am liebsten in Lindus, wo Volksfreiheit ist, wohnen würde; dazu ist Lindus eine Insel in der See, die von Pisistrat nichts zu fürchten hat. Es würden auch von allen Orten her deine Freunde zu dir kommen.
Siebentes Kapitel
Periander
1. (94) Periander, Kypsels Sohn, war ein Korinthier aus dem heraklidische Hause. Er heiratete Lyside, die er selbst Melissa nannte, eine Tochter des epidaurischen Gewaltherrschers Prokles und der Eristheneia, die eine Tochter Aristokrats und Schwester Aristodems war, die fast ganz Arkadien beherrschten, wie Heraklides von Pontus in seiner Schrift über die Herrschaft schreibt. Er zeugte mit ihr zwei Söhne, Kypsel und Lykophron, wovon der jüngere verständig, der ältere aber unklug war. Nach Verlauf einiger Zeit warf er seine Frau mit einer Fußbank, oder stieß sie mit dem Fuße, da sie schwanger war, wovon sie sterben musste, wozu er sich durch die Lästerungen seiner Kebsweiber verleiten lassen, die er nachher verbrannte. Seinen Sohn Lykophron aber, der seine Mutter so sehr bejammerte, schickte er fort nach Kerkyra.
2. (95) Wie er aber in hohem Alter war, ließ er ihn wieder zurückrufen, damit er die Herrschaft übernähme; aber die Kerkyrer fingen ihn auf und töteten ihn. Aufgebracht hierüber schickte er ihre Söhne zu Alyates, um sie verschneiden zu lassen. Aber das Schiff landete zu Samos, wo sie bei der Hera um Schutz flehten und von den Samiern gerettet wurden. Er starb nun aus Kummer, da er schon an 80 Jahre alt war. Sosikrat aber sagt, er sei noch 41 Tage vor Krösus vor der 49. Olympiade gestorben. Herodot schreibt im 1. Buch von ihm, er sei ein Gastfreund des milesischen Gewaltherrschers Trasibuls gewesen. (96) Aristipp schreibt im 1. Buch von den Ergötzlichkeiten der Alten von ihm: seine Mutter Krateia habe sich in ihn verliebt und heimlichen Umgang mit ihm gehabt, der auch ihm sehr gefallen habe: aber wie dieses ausgekommen, sei ihm die Entdeckung verdrießlich gewesen und er habe sich nun gegen alle hart betragen. Euphor erzählt, er habe gelobt, wenn er im Vierspann zu Olympia siegte, eine goldene Statue aufzustellen. Nach erlangtem Sieg habe es ihm an Gold gefehlt und da er bei einem ländlichen Fest alle Weiber im Schmuck gesehen, habe er ihnen allen Schmuck abgenommen und nun die Statue übersandt.
3. Einige sagen auch, er habe gewollt, dass sein Grab nicht bekannt werden solle und daher folgendes veranstaltet: Zwei Jünglingen, denen er einen gewissen Weg angewiesen, habe er befohlen, des nachts auszugehen und den zu töten und zu begraben, der ihnen begegnen würde; und wiederum vier anderen, auf diese loszugehen, sie zu töten und zu begraben; und abermals habe er noch mehr andere wider diese ausgeschickt. Er selbst sei den ersteren entgegengekommen und niedergemacht worden. Die Korinther aber haben auf ein Ehrengrab desselben folgende Inschrift gesetzt:
(97) Periander, den ersten an Schätzen und Weisheit, erzeugte und begrub Korinth hier am Busen der See.
Die unsrige ist diese:
Trauere nicht, wenn nicht alles dir glücket, sondern genieße,
Was dir schenket ein Gott, stets mit fröhlichem Sinn.
Periander erblasste, der Weise, darüber sich kümmernd,
Dass ihm, was er gewünscht zu vollenden, misslang.
4. Von ihm ist auch der Spruch: Man muss nichts des Geldes wegen tun, sondern nur wahren Gewinn für Gewinn halten. Er hat auch an 2000 Verse Vorschriften geschrieben. Auch sagte er: wer sicher herrschen wolle, der müsse die gute Gesinnung der Beherrschten, nicht Waffen zu seinen Leibwächtern machen. Als man ihn fragte: warum er Herrscher sein wolle? antwortete er: weil es gleich gefährlich ist, freiwillig abzudanken, als der Herrschaft beraubt zu werden. Folgendes hat er auch gesagt: Ruhe ist rühmlich; Mutwillen ist gefährlich; Gewinn ist schändlich, Volksherrschaft ist besser als Gewaltherrschaft; Wolllüste sind vergänglich, Ehre ist unsterblich; im Glück sei mäßig, im Unglück klug. (98) Betrage dich gegen glückliche und unglückliche Freunde immer als derselbe; was du versprichst, das erfülle; plaudere keine Geheimnisse aus; strafe nicht bloß, die schon gesündigt haben, sondern auch, die es erst tun wollen.
5. Er war der erste, der eine Leibwache hatte und die Regierung zu einer Gewaltherrschaft machte, auch nicht jedem, der es wollte, in der Stadt zu leben erlaubte, wie Euphor und Aristotel schreiben.
6. Er blühte um die 38. Olympiade und herrschte als Gewaltfürst 40 Jahre. Sotion aber und Heraklides, nebst Pamphilas im 5. Buch der Denkwürdigkeiten, schreiben, dass zwei Periander gewesen, einer, der Gewaltfürst und einer der Weise von Amprakia. (99) Eben das sagt auch der Kyziker Neanth mit dem Zusatz, dass sie Geschwisterkinder gewesen. Aristotel indes nennt den Korinther den Weisen, welchem Platon widerspricht. Sein Spruch ist: Übung erfordert alles. Er wollte auch die Landenge durchgraben.
7. Folgende Briefe schreibt man ihm zu:
Periander an die Weisen.
Viel Dank dem pythischen Apoll, dass ihr dort zusammengekommen seid, und mein Brief wird euch auch nach Korinth bringen! Ich werde euch, wie ihr selbst wisst, aufs leutseligste empfangen. Wie ich erfahren, seid ihr im vorigen Jahr bei dem lydischen König in Sardes gewesen, und also wird es euch auch nicht zuwider sein, zu mir, dem Fürsten von Korinth, zu kommen. Die Korinther werden es auch mit Vergnügen sehen, wenn ihr in das Haus Perianders kommt.
8. (100) Periander an Prokles.
Das Unglück meiner Frau war nicht mein Wille. Also handelst du ungerecht, wenn du vorsätzlich den Sohn von mir abwendig machst. Mache daher, dass der Sohn mit seinem Trotz aufhört, oder ich werde mich rächen. Ich habe auch schon Vergeltung geübt und deine Tochter, sie selbst und aller Korintherinnen Kleider verbrannt.
9. Trasibul schrieb ihm folgenden Brief:
Trasibul an Periander.
Deinem Abgeordneten habe ich nichts geantwortet. Ich habe ihn aber in die Saatfelder geführt und vor seinen Augen die hervorragenden Ähren mit dem Stock abgeschlagen. Wenn du ihn fragst, so wird er dir berichten, was er von mir gehört und gesehen hat. Du musst aber so verfahren, wenn du deine Obergewalt befestigen willst; die größten der Bürger musst du aus dem Weg räumen, es mag sich einer als deinen Feind zeigen oder nicht: einem Gewaltherrscher sind auch selbst seine Freunde verdächtig.
Achtes Kapitel
Anacharsis der Skythe
1. (101) Anacharsis der Skythe war ein Sohn Gnurs und ein Bruder des skythischen Königs Kalvids, seine Mutter aber war eine Griechin.
2. Daher sprach er beide Sprachen. Er schrieb ein Gedicht von 800 Versen über die Gewohnheiten und Gebräuche der Skythen und Griechen, sowohl das häusliche Leben, als den Krieg betreffend. Er gab auch durch Freimütigkeit im Reden Gelegenheit zu dem Sprichwort: das ist skythisch gesprochen.
3. Sosikrat sagt von ihm, dass er um die 47. Olympiade, als Eukrates Archon war, nach Athen gekommen; Hermipp schreibt, als er in Solons Haus gekommen, habe er einem der Bedienten gesagt, er möchte den Anacharsis anmelden, der Solon zu sehen und wo möglich dessen Gastfreund zu werden wünsche. (102) Wie der Bediente ihn angemeldet, habe ihm Solon zurücksagen lassen: Gastfreundschaften würden nur im eigenen Vaterlande gemacht. Anacharsis sei hierauf hineingegangen und habe gesagt, jetzt sei er in seinem Vaterland und also käme es ihm zu, Gastfreundschaft zu machen. Solon habe seine Gewandtheit bewundert und, indem er ihn anstaunte, ihn zu seinem größten Freund gemacht.
4. Als er nach einiger Zeit nach Skythien zurückgekommen war und damit umging, die herkömmlichen Gebräuche seines Vaterlands abzuschaffen, da er ganz zu einem Griechen geworden war, erschoss ihn sein Bruder mit einem Pfeil auf der Jagd. Sterbend sagte er: durch Weisheit habe ich mich aus Griechenland gerettet, und durch Neid komme ich in meinem Vaterland um! Einige aber sagen, er sei niedergemacht worden, da er nach griechischer Weise Opfer feierte. Unser Epigramm auf ihn ist folgendes:
(103) Da der Skyth’ Anacharsis, der vielgereiste, zurückkam, Lehrend sein wilderes Volk leben nach griechischem Brauch, und sein unvollendetes Wort im Munde ihm schwebte, Riss ein fliegendes Rohr ihn zum Olympus empor.
5. Er sagte, der Weinstock trage drei Trauben – eine Traube des Vergnügens, eine der Trunkenheit und eine der Traurigkeit. Ferner sagte er: es sei ihm auffallend, dass bei den Griechen die Künstler sich im Wettstreit einließen und die Entscheidung solchen zukäme, die keine Künstler sind. Als man ihn fragte, wie es zu hindern sei, dass einer kein Weinsäufer werde, sagte er: wenn man die Schamlosigkeit der Säufer vor Augen hat. Er wunderte sich auch, sagte er, wie die Griechen Gesetze gegen übermütige Beleidiger machen könnten, da sie die Faustkämpfer ehrten, weil sie sich schlügen. Als man ihm gesagt, dass die Dicke eines Schiffes vier Zoll betrage, sagte er: soviel Raum ist also nur zwischen dem Schiffenden und dem Tod! (104) Das Öl nannte er ein Zaubermittel des Unsinns, weil die damit gesalbten Kämpfer unsinnig gegeneinander rasten. Wie kann man das Lügen verbieten, sagte er, da beim Handel stets offenbar gelogen wird? Auch das, sagte er, sei ihm auffallend, dass die Griechen anfangs aus kleinen und, wenn sie voll wären, aus großen Bechern tränken. Auf seinen Bildsäulen findet sich die Inschrift: Beherrsche Zunge, Bauch und Schamglieder! Man fragte ihn, ob es in Skythien Flöten gäbe; nicht einmal Weinstöcke! erwiderte er. Als man ihn fragte, welche Fahrzeuge die sichersten wären, antwortete er: die im Hafen sind. Das wunderbarste, das er bei den Griechen gesehen habe, sagte er, sei das: sie ließen den Rauch auf den Bergen und brächten das Holz in die Stadt. Als man ihn fragte, welcher sind mehr, der Lebenden oder der Toten? fragte er wieder: zu welchen soll man die Schiffenden rechnen? Als ihn ein Attiker einen Skythen schimpfte, sagte er; mich willst du mit meinem Vaterland beschimpfen, du aber beschimpfst das deinige. (105) Auf die Frage, was am Menschen beides, gut und auch böse, sei, antwortete er: die Zunge. Besser ist es, sagte er, einen sehr würdigen Freund, als viele unwürdige zu haben. Der öffentliche Marktplatz, sagte er, ist der Ort, wo man einander betrüge und übervorteilt. Als ein junger Mensch in einer Trinkgesellschaft schimpfte, sagte er: Jüngling, wenn du in der Jugend keinen Wein verträgst, so wirst du im Alter Wasser ertragen müssen.
6. Das Leben fand er, wie einige sagen, einem Anker und einem Töpferrad gleich.
7. Folgenden Brief schreibt man ihm zu:
Anacharsis an Krösus.
König der Lydier! Ich bin zu den Griechen gereist, um ihre Sitten und Lehren kennenzulernen. Gold habe ich nicht nötig, sondern es ist mir genug, als ein besserer Mann nach Skythien wieder zurückzukommen. Nach Sardes will ich aber doch kommen, weil ich es sehr schätze, dir wert zu sein.
Neuntes Kapitel
Myson
1. (106) Myson, Strymons Sohn, war, wie Sosikrat sagt, der Hermipp folgt, aus dem chenäischen Geschlecht und aus einem äteischen oder lakonischen Dorf und wird den Sieben beigezählt. Man erzählt auch, sein Vater sei ein Gewaltfürst gewesen. Es wird ferner erzählt, wie ein gewisser Anacharsis gefragt, ob es noch einen weiseren Mann gäbe als ihn, so habe Pythia das geantwortet, was in Thales’ Leben von Chilon gesagt ist.
Myson den Äteer, in Chenä geboren nenn’ ich
Dir in mannigfaltiger kluger Vernunft überlegen.
Ein vorwitziger Mensch kam in sein Dorf, fand ihn im Sommer die Pflugsterze an den Pflug befestigen und sagte: jetzt, Myson, ist die Zeit des Pflügens nicht! Doch aber zur Anschickung dazu! erwiderte er.
(107) Andere sagen, das Orakel habe nicht gelautet: einen Oetäer, sondern: einen Äteer und forschen, woher der Äteer sei? Parmenides sagt, es sei ein lakonisches Dorf, aus welchem Myson hergestammt habe. Sosikrat sagt in seinen Folgen, er sei von einem äteischen Vater und einer chenäischen Mutter gezeugt. Euthyphron, der Sohn des pontischen Heraklides, nennt ihn einen Kreter, denn Eteia sei eine kretische Stadt. Anaxilaus nennt ihn einen Arkader.
2. Es gedenkt seiner auch Hipponax und drückt sich so aus:
auch Myson, den Apollon den weisesten aller genannt hat.
Aristoxen sagt in seinen zerstreuten Bemerkungen, er sei von Timon und Apemant nicht sehr verschieden gewesen, denn er habe die Menschen gehasst. Als man ihn zu Lakedämon ganz allein stehend lachen sah, (108) und ihn einer unerwartet antrat und fragte: warum er denn lache, ohne dass er jemand sähe? sagte er: eben darum lache ich. Aristoxen sagt auch, er sei deswegen nicht geachtet gewesen, weil er nicht aus einer Stadt, sondern aus einem Dorf, und zwar aus einem unansehnlichen, herstammte. Eben wegen seiner Ungeachtetheit sind einige seiner Sprüche dem Gewaltherrscher Pisistrat beigelegt worden, außer vom Philosophen Platon, denn von diesem wird er im Protagoras erwähnt und statt Perianders gezählt.
3. Er pflegte zu sagen, man müsse nicht aus den Worten die Handlungen, sondern aus den Handlungen die Worte prüfen, denn die Handlungen wären nicht der Worte, sondern die Worte der Handlungen wegen da.
4. Er endigte sein Leben 97 Jahre alt.
Zehntes Kapitel
Epimenides
1. (109) Epimenides war, wie Theopomp und viele andere sagen, ein Sohn des Phästius; andere aber nennen ihn Dosiades’, und noch andere Agesarks Sohn. Er war ein Kreter aus Knossos, hatte aber durch seinen Haarwuchs sein ganzes Äußeres verändert.
2. Er wurde einstmals von seinem Vater zur Schäferei aufs Land geschickt, kam gegen Mittag vom Wege ab und schlief 57 Jahre in einer Höhle. Wie er wieder aufstand, suchte er die Schäferei, weil er nur kurze Zeit geschlafen zu haben glaubte; da er sie nicht fand, ging er aufs Land, fand alles daselbst ganz verändert, und es im Besitz eines anderen. Ganz unschlüssig, was er tun sollte, ging er wieder in die Stadt. Als er hier in sein Haus trat, traf er auf Leute, die ihn fragten, wer er sei, bis er endlich seinen jüngeren Bruder fand, der schon ein alter Mann geworden war und von diesem die wahre Beschaffenheit der Sache erfuhr.
3. Er wurde nun den Griechen bekannt und für einen großen Liebling der Götter gehalten. (110) Als nun die Athener von der Pest aufgerieben wurden und von der Pythia das Orakel bekamen, ihre Stadt zu reinigen, schickten sie ein Schiff unter Nikias, Nikerats Sohn, nach Kreta, um Epimenides einzuladen. Er kam in der 46. Olympiade, reinigte die Stadt und setzte dadurch der Pest ein Ziel. Er nahm weiße und schwarze Schafe und führte sie in den Areopag; hier ließ er sie gehen, wohin sie wollten und befahl den ihnen Nachgehenden da, wo sich ein jedes derselben niederlegen würde, es dem Gott, dem es gebühre, zu opfern. Hierdurch hemmte er das Unglück. Daher kommt es, dass man noch jetzt in den verschiedenen Demen der Athener namenlose Altäre antrifft, welche Denkmäler der damals geschehenen Aussöhnung sind. Einige geben das kylonische Verbrechen als die Ursache der Pest an, womit sie auf die Aussöhnung deuten, dass deswegen zwei Jünglinge, Kratin und Kresibius, sterben müssen, um das Unglück aufhören zu machen. (111) Die Athener bestimmten ihm ein Talent zum Geschenk und ein Schiff, um ihn nach Kreta zurückzuführen. Das Geld nahm er nicht an, stiftete aber ein Schutz- und Trutzbündnis zwischen den Gnossiern und Athenern.
4. Nicht lange nach seiner Heimkehr starb er, wie Phlegon von den Langelebenden schreibt, im 157. Jahre. Wie die Kreter sagen, fehlte ihm an 300 Jahren nur eines, wie aber Xenophan, der Kolophonier gehört haben will, ward er 154 Jahre alt.
5. Er verfertigte ein Gedicht von 5000 Versen über die Abkunft der Kureten und Korybanten und über die Theogonie, ein anderes vom Bau des Schiffes Argo und von Jasons Seefahrt nach Kolchis von 6500 Versen. (112) In Prosa schrieb er auch über die Opfer und über die kretische Staatsverfassung und noch 4000 Verse über Minos und Radamanth.



