Ich bin ein japanischer Schriftsteller

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Mit Bashô in der Metro
Ich betrat die Metrostation mit dem Buch von Bashô (Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland in der französischen Übersetzung von Nicolas Bouvier). Ich hatte Bouvier vor einigen Jahren in Toronto getroffen. Wir tranken zusammen einen Kaffee. So voller Leben und zugleich erschöpft, den Koffer am Tischbein. Kurzer Dialog zwischen zwei Flughäfen – er musste nach New York. Wir unterhielten uns weiter über die aztekische Bourgeoisie, dass sie schlecht bezahlte Arbeiter mindestens zwölf Stunden täglich an Monumenten schuften ließ, die heute von Gras überwachsen sind. Da kam das Taxi. Ich betrachtete sein fast dunkelhäutiges, schweißbedecktes Gesicht im Profil. Schon wieder in seine Notizen vertieft. Der Wagen fuhr im leichten Regen davon. Die Jahre sind vergangen. Seine Legende ist über das vernünftige Maß hinausgewachsen. Eine kleine Gemeinde hat aus ihm einen Heiligen gemacht. Und jetzt kehrt er als Bashôs Übersetzer zurück. Von Bashô hatte ich bisher ein paar kürzere Stücke, aber noch nie einen ganzen Text gelesen. Der Dichter erzählt von seiner Wanderreise in den Norden Japans. Ich las ihn in der Metro. Ich verfolgte die Ereignisse auf Bashôs Suche nach der Grenzbarriere von Shirakawa, in einer fahrenden Metro in Montreal. Alles war in Bewegung. Außer der Zeit, sie blieb stehen. Zu sehr mit all den Verschachtelungen der Zeit und Überschneidungen des Raums beschäftigt, interessierte ich mich nicht für meine direkte Umgebung. Außer für das Mädchen, das mir gegenübersaß und mich ohne zu lächeln ansah. Lang und dünn. Schwarze Augen – ein Pinselstrich. Sie hieß sicher Isa. Sobald jemand in mein Blickfeld gerät, wird er zu einer fiktiven Person. Keine Grenze zwischen Literatur und Leben. Ich versenkte mich wieder in das Buch. Bashô bereitet seine letzte Reise sorgfältig vor. Er hält sein beengendes Alltagsleben nicht mehr aus. Und die Zeit vergeht so schnell. „Tage und Monate verweilen nur kurz als Laufgäste ewiger Zeiten“, murmelt ohne Bitterkeit der Dichtervagabund. Er muss sich wieder auf die Reise begeben, sich dem Zickzackweg des Zufalls überlassen: „Die Gottheiten der Verführung winkten mir zu, so dass mir keine Arbeit mehr von der Hand ging.“2 Er verzichtet auf alles, sogar auf das Notwendige. Er behält nur einen dicken Mantel aus Papier „gegen die Nachtkälte“, ein Cape aus Stroh gegen den Regen und einen Yakata aus Baumwolle. Da er Schriftsteller ist, steckt er noch die Schreibmappe mit Pinsel und Tusche in seinen Sack. Selbst das Unverzichtbare ist zu schwer. Man braucht nur sich selbst, wenn möglich nackt. Ich hatte die Gedichte von Bashô auf einer Zeitung entdeckt, in die Reis eingewickelt war. Seither suche ich überall nach seinen Spuren. Wenn ich eine Buchhandlung betrete, schaue ich zuerst nach, ob es etwas von oder über Bashô gibt. Dieser Mann hat ein echtes Gespür für die Emotion. Er ist dickköpfig. Nichts zwang ihn dazu, in seinem Alter noch eine solche Reise zu unternehmen, aber keiner konnte ihn zurückhalten, als er entschieden hatte, fortzugehen. Sora begleitet ihn, um ihm die täglichen Verrichtungen abzunehmen. In der Morgendämmerung brechen die beiden auf. Wir begegnen ihnen in der Ebene von Nasu3 wieder. Der Regen zwingt sie, in einer Strohhütte zu schlafen. Bashô scheint in bester Form zu sein. Sein Element ist die Bewegung. Er bewegt sich gleichzeitig mit der Landschaft.
Ich sitze in der Metro von Montreal und folge der Spur eines gewissen Matsuo Munefusa, genannt Bashô. Er wurde 1644 in Tsage geboren, einem Dorf in der Nähe von Ueno. Er bewunderte den Dichter Tu Fu. Bashô und Sora sind eben an der berühmten Grenzbarriere von Shirakawa angekommen, die alle alten Dichter mit Rührung erwähnen. Als sie später den Abukuma-Fluss überquert haben, entdecken sie zur Linken das Bandaï-Gebirge, „das mit seiner ganzen Höhe das Gebiet von Aizu überragt.“ Sie machen Rast bei einem Eremiten, der unter einem Kastanienbaum lebt. Bashô schrieb einen Haiku über die Kastanie, die ihn offenbar mehr beeindruckt hat als der Einsiedlermönch. Sie erinnerte ihn wohl an den Bananenbaum, der ihm seinen Namen gegeben hat. Bashô. Der Regen hält den ganzen Monat Juni an.
Ich schaute auf. Isa war noch da. Nichts hatte sich bewegt, außer dem Zug. Ich kehrte daher zu Bashô zurück. Matsushima! Unsere Reisenden träumen schon eine ganze Weile von diesem Ort. Endlich sind sie da. Sie gehen in Richtung des Strands von Ojima. Matsushima verschlägt Bashô die Sprache. Eine Vielzahl von Inseln. Voll Anmut. „Dunkelgrün stehen die Kiefern“, er besingt ihre schönen Formen. Am Ufer des Kitakami-Flusses, wo der Bach Koromo mündet, wird Bashô von Tod und Vergänglichkeit angerührt.4
Die Reise wird beschwerlicher. Bambusgrasgewirr, Wildbäche, Felsen, vor allem „kalter Schweiß“, entlang der steilen Wegstrecke, die in die Ländereien von Mogami führt. Die beiden Dichter legen eine Pause ein, bevor sie wieder aufbrechen. Sie haben vor, den Mogami-Strom flussabwärts zu fahren. Das Wetter ist so schlecht, dass sie mehrere Tage abwarten müssen, bis es weiter geht. Bauern erkennen Bashô und bitten, dass er ihnen Schreibunterricht geben möge. Er ist gerührt: „Hierorts kam meine Kunst der Poesie wirklich zu ihrem Recht – erreichte einen Höhepunkt der Reise.“5 Was für ein Feingefühl! Und hier ist der Mogami, der im Gebirgsland des Nordens entspringt.
Bashô bestimmt immer sorgfältig den Ort, wo er sich befindet, damit nach ihm andere Dichter denselben Weg gehen können. Das ist das große Spiel, das sich seit Jahrhunderten fortsetzt. Bashô will uns damit sagen, dass alle Dichter nur ein einziger sind, vom selben Atem beseelt. Diesen Weg, der für alle gleich ist, nimmt doch jeder auf seine Weise. Und zu seiner Zeit. Der Zug hatte gehalten, ohne dass ich es bemerkte. Ich sah gerade noch den Rücken von Isa in der Menge der Eilenden. Ein langer zerbrechlicher Hals. Ein trauriger Nacken (ich projizierte meine Traurigkeit auf ihren Nacken). Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.
2Bashô a. a. O., S. 43.
3Bashô a. a. O., S. 69.
4„über Burgruinen grünt … nur noch Gras“; Bashô a. a. O., S. 149 und 165; Anm. B. T.
5Bashô a. a. O., S. 187.
Der Kuss im Café Sarajewo
Das Café Sarajewo kannte ich noch nicht. Dabei ist es gut gelegen, an einer Metrostation. Ich fahre lieber Metro als Bus. In der Metro sieht man Gesichter. Im Bus Landschaften. Ich lief die Treppe vom Schacht hoch und ging nach links, in das Café. Gute Atmosphäre. Jede Kleinstadt hat mindestens ein Café dieser Art. Alle, die einmal die Musik von Joan Baez mochten, kommen irgendwann hierher. Es sind die Leute, die vom Radar verschwunden sind und du fragst dich, wo sie sich vergraben. In Kneipen wie dem Sarajewo. Ich erwartete nicht, hier Joan Baez zu treffen. Nicht einmal Suzanne Vega. Das Rad hat sich weitergedreht. Ich war wegen Midori hier, der neuen japanischen Sängerin, die sie manchmal auf dem Videokanal Much Music bringen. Ich kannte noch nicht einmal ihren Namen. Seitdem der Koreaner ihn mir zugesteckt hatte, hörte ich überall von ihr. Was, Sie kennen Midori nicht? Ihre Plakate hingen in den Toiletten der Bars. Schwer zu sagen, wie sie wirklich aussah, denn unter Wasser war ihr Gesicht etwas verformt. Sie hält den Atem an. Der Fotograf wartet bis zur letzten Sekunde. Gleich wird sie platzen. Die Augen aufgerissen von beginnender Todesangst. Die rosigen Nasenflügel ganz durchsichtig. Der Hals verdickt. Klick. Der Oberkörper schnellt aus dem Wasser. Das Wasser läuft ihr aus Mund, Nase und Augen. Überall im Stadtzentrum flüsterte man nur einen Namen: Midori. In allen Sprachen. Der erste japanische Star von Montreal. Die Rakete Midori fliegt auf den Planeten Björk zu. Björk – ein gedämpfter Laut. Wie ein Geräusch im Wasser.
Bashô notiert:
Der alte Teich
Ein Frosch springt hinein –
ein Plop im Wasser.
Midori ist ein flacher Gegenstand mit so scharfen Kanten, dass sie einen Hals durchtrennen könnte und der Kopf fiele erst nach ein paar Sekunden. Eine Kette roter Perlen. Midori wetzt im Sarajewo ihre Waffen. Ich setzte mich in die dunkelste Ecke. Die Kellnerin kam erst nach einer halben Stunde. Grüner Tee. Das Café war immer noch leer. Plötzlich Joan Baez. Man sollte Joan Baez nur in einem Café wie dem Sarajewo hören. In einem solchen Laden könnte ich Joan Baez hören bis ans Ende meiner Tage. Danach kam Leonard Cohen mit Suzanne, das Lied beschreibt das Montreal der 70 er Jahre, zwischen Leidenschaft und Leichtigkeit. Ich kannte also bereits den Geschmack der Kellnerin – eine kleine Braunhaarige mit einem Ring in der Nase und lebhaften Augen. Ich kehrte zu Bashô zurück. Ich reise gerne, aber ich zögere vor dem Aufbruch. Wo soll ich hinfahren? Reisende kehren irgendwann zurück, sonst sind sie keine Reisenden. Am besten, man bleibt in seinem Zimmer und wartet auf ihre Rückkehr. Allmählich trudelten die Gäste ein. Sie setzten sich an den Rand. Die Mitte blieb leer. Die gerne im Zentrum stehen, würden später eintreffen. Wer nicht so früh kommt wie ich, denkt vielleicht, der Raum füllt sich in einer halben Stunde. Wer viel in kleinen Cafés verkehrt, weiß, es ist nicht so einfach, wie es aussieht. Die Gäste werden an den Fingern abgezählt. Die Kellnerin rief den Besitzer an und fragte, ob sie eine oder zwei weitere Bedienungen herbestellen sollte. Warum denn? Es sind schon fünfzehn Gäste da. Wie viele sind es normalerweise um diese Zeit? Sieben. Woran siehst du, dass es voll wird? Da ist auch ein Neuer, er hat einen grünen Tee bestellt. Grünen Tee, du meinst aus dem wird ein richtiger Gast? Bestimmt. Was meinst du also? Zwei weitere. In Ordnung, du bist schließlich vor Ort. Sie legte auf, dann drehte sie sich mit einem breiten Lächeln zu mir um. Ich wagte nicht, noch einen Tee zu bestellen, aus Angst, dass dann eine dritte Bedienung kommen müsste. Ich eilte zur Toilette. Alles schwarz, sogar die Kacheln. Ein echtes Boudoir. Die Aushänge sagen viel über die Kundschaft einer Kneipe aus. Sie zeigen ihren Geschmack. Es war eine Musikerkneipe. Die Aushänge erzählten alles. Neben einem Chorprogramm mit mittelalterlichen Liedern befand sich eine Adresse für Akupunktur bei Rückenschmerzen. Yogakurse. Eine Gruppenreise nach Indien zu diesem oder jenem Meister. Dazu verschiedene Poster von Midori. Dies war Midoris Zuhause. Was Charles de Gaulle für Air France, der Flughafen New York für American Airlines oder Rom für Alitalia, war das Café Sarajewo für Midori. Ein Poster zeigte sie nackt – aber verschwommen. Man sah sie nie deutlich. Schmaler Körper, gerade Hüften, keine Brüste. Ihr Geschlecht war glattrasiert. Stark gewölbt. Ich blieb lange vor Midoris Geschlecht stehen. Dann ging ich zurück. Der Saal war voll. Ein Boxring. Auftritte. Ein Mädchen, das auf Nina Hagen geschminkt war, räkelte sich vor der Kamera. Großes Durcheinander. Keine Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne. Ein einziges Beben. Ein Typ griff sich das Mikro und schwang eine Rede über den Ölpreis auf dem Weltmarkt. Ein anderer sprach über die Hungersnot in Afrika. Wir waren wieder in den 70ern mit ihren geistigen Höhenflügen. Einer wollte über das sensationelle Formel-1-Rennen an diesem Nachmittag reden. Er wurde zum Schweigen gebracht. Er konnte gerade noch brüllen, Ayrton Senna sei der beste Fahrer aller Zeiten. Da schrie die Mehrheit im Saal den Namen von Gilles Villeneuve, dem Sohn des Landes. Bühne und Saal waren nicht mehr zu unterscheiden. Eine Flut erhobener Arme, jeder forderte irgendwas. Das Double von Nina Hagen verlangte einen Kuss von der neben ihr Sitzenden, die ihrerseits aussah wie Suzanne Vega vor zwanzig Jahren. Die Welt der Doubles. Vega war in Begleitung. Der Typ schien zunächst beunruhigt, dann hocherfreut. Nina Hagen beugte sich zu ihr und küsste sie sanft auf das linke Auge. Der Saal war berührt, aber noch nicht befriedigt. Dann auf das rechte Auge – ebenso sachte. Wir hielten den Atem an. Das Phantasma der heterosexuellen Männer ist seit der Steinzeit unverändert. Nina Hagen grüßte in die Menge und machte Anstalten, sich hinzusetzen. Die Leute brüllten zum Protest. Hagen stand wieder auf, ließ sich aber viel Zeit. Sie hatte uns im Griff. Ein Kuss, das war nichts. Es kam nur auf die Bedeutung an, die man ihm gab. Das Double von Vega schien nun selbst das Warten beenden zu wollen. Aber Hagen hatte es nicht eilig. Wir wussten, es würde einen Kuss geben, aber wir wussten nicht, was danach kam. Der Typ an meinem Tisch kaute an den Fingernägeln. Hagen beugte sich hinunter und küsste Vega zuerst auf den Hals, dann auf die Augen. Jedes Mal schrie die Menge nach mehr. Hagen hielt jetzt den Kopf von Vega und schaute ihr tief in die Augen (man fragte sich, was die echte Nina Hagen und die echte Suzanne Vega gerade taten). Es war der längste Kuss im Sarajewo. Dieser Kuss dauerte, bis Vega sich wirklich geküsst fühlte, bis sie sich dessen vollkommen bewusst war. Sie riss die Augen auf, als die Zunge von Hagen ihre Zunge berührte. Der Blick von Nina Hagen war wütend und dominant. Der von Vega bettelnd und ergeben. Das war mehr als die Menge erwartet hatte. Während Hagen Vega küsste, hörte sie nicht auf, den Mann, der sie begleitete, anzuschauen. Bis er aufstand und hinausging. Die Menge sah ihm hinterher. Hagen küsste Vega immer noch, die als einzige das Weggehen ihres Freundes nicht bemerkt hatte. Nun war Hagen endlich bereit, von ihrem Opfer abzulassen. Es war zusammengesackt und schlief an ihrer Schulter. Schweigen im Saal. Der Mann kehrte zurück. Vega erwachte mit einem schelmischen Lächeln. Hagen grüßte in die Menge (die Kneipe war jetzt brechend voll). Das war Der Kuss, eine Produktion von Kuss Inc. Das Trio verließ die Kneipe unter dem Applaus der Gäste und den Blitzlichtern der Amateurfotografen. Die drei Kellnerinnen rannten in alle Richtungen.
Der Japaner vor dem Eiffelturm
Ich habe noch nie einen Fotoapparat besessen. Ich verstehe nämlich nicht genau, wozu man ihn braucht. Geht es um Fotos, die ich mir sowieso nicht ansehen werde, dann ist das eine unnötige Erfindung, denn ich habe schon einen, der sehr gut funktioniert. In meinem Schädel habe ich fünfzig Jahre lang Bilder gespeichert, von denen die meisten sich wiederholen, so dass sie das Gewebe meines Alltagslebens bilden. Es besteht aus lauter winzig kleinen, aufeinanderfolgenden Explosionen: ein elektrisiertes Leben. Man kann einwenden, diese Bilder gehörten nur mir und die anderen hätten keinen Zugang. Das stimmt nicht ganz, denn ich kann sie so genau beschreiben, dass sie am Ende vor ihren Augen vorbeiziehen. Besser noch, mir gelingt es, diese Bilder in Gefühle zu verwandeln. Ich kann einen Augenblick beschreiben, ohne die anwesenden Personen zu erwähnen, indem ich nur die Energie wiedergebe, die diesen Moment belebt. Auf einem Foto sieht man nur selten die Emotion, die den roten Faden der vor unseren Augen ablaufenden Geschichte bildet. Außer auf Geburtstagsfotos, wo man die gebannten Augen eines Kindes hinter den brennenden Kerzen erkennt. Sicherlich kann von einem vergilbten Foto manchmal ein nostalgischer Duft ausgehen, insbesondere wenn fast alle, die in das Objektiv schauen, bereits tot sind. Ich bewahre all diese Fotos in meinem Kopf auf, sie haben sich dort festgesetzt. Sie drängeln sich, jedes will im Vordergrund stehen. Bei dem Japaner, der unaufhörlich die Welt fotografiert, frage ich mich jedoch, sieht er sie überhaupt? Er sieht noch nicht einmal die beiden Motive richtig, die er fotografieren will: seinen Reisegefährten und die von ihm fast verdeckte Sehenswürdigkeit. Der Eiffelturm ist nur da, um zu zeigen, dass dieser Mensch eines Tages in Paris war. Aber wenn er dasselbe breite, unpersönliche Lächeln vor allen Sehenswürdigkeiten dieser Erde aufsetzt, vernichtet er das Erlebnis des Moments. Der Japaner wird dann genauso zeitlos wie der Eiffelturm. Man könnte denken, es ist der Eiffelturm, der sich hinter einem lächelnden Japaner fotografieren lässt.
Björk, das Voodoo-Püppchen
Die Menge schaute immer noch dem Trio von Kuss Inc. hinterher, die schon in Berlin, Paris, Mailand, Tokio, London, New York aufgetreten sind. Ich hatte kurz davor ihr Plakat in der Toilette des Sarajewo gesehen. Rom, Amsterdam und Sydney muss man hinzufügen. All diese Städte hatten Kuss Inc. schon vor Montreal gesehen, denn wir standen am Ende der Liste. Die Welt hat unzählige Handelswege, über die Menschen und Waren gekauft und verkauft werden. Früher waren das die Seidenstraße, die Route des Zuckers, die Route der Gewürze. Heute gibt es die Tour des Profitennis, des Golfs, der Umweltschützer und der mächtigen Staatschefs. Komplexe Netzwerke. Es ist nicht einmal mehr möglich, sich in der Natur zu verlieren – die Natur wird auf das Minimum beschränkt. Die Arbeiter haben ihre eigene Metrolinie. Die Linie, die vom Arbeiterviertel zur Fabrik und zurückführt, ist immer die gleiche. Fünfzig Jahre lang Hin- und Rückfahrt, und dabei immer die Aussicht auf dieselbe Landschaft. Kuss Inc. folgt den Modeschauen auf ihrer Tour, dicht hinter den Rockstars, die gerne Models heiraten möchten. Kuss Inc. mischt sich nicht in die Szene der Rockstars oder von Kate Moss, bleibt aber doch in ihrer Nähe, um die Krümel aufzusammeln. Die große planetarische Welle der Mode und der Musik zieht in ihrem goldenen Kielwasser eine Menge bunter, lebhafter, cooler, nicht angepasster Leute hinter sich her, die bei dem kleinsten Zeichen ihrer Anführer bereit sind, vom Café Sarajewo ins Stadion weiterzuziehen, wo heute Abend Björk gastiert. Björk hätte auch im Café Sarajewo auftreten können. Was für ein Plakat: Björk im Sarajewo! Kuss Inc. als Vorgruppe von Björk. Dazu hätten einige günstige Umstände zusammentreffen müssen. Etwa, dass Björk einen Tag früher gekommen wäre, weil sie unbedingt die große Ausstellung über Voodoo im Musée des Beaux Arts in Montreal sehen wollte. Die großen Meister der haitianischen Malerei. Malende Bauern, die André Malraux einst feierte. Dies war die erste große Ausstellung außerhalb Haitis nach einer Schau in den 50er Jahren, die in den Privaträumen des Ehepaars Mellon in Manhattan stattfand. Björk ist vom Voodoo fasziniert. Als sie klein war, hatte ihr jemand eine Voodoo-Puppe geschenkt. Björk hatte sich mit der Puppe identifiziert, sie hielt sich selbst für ein kleines schwarzes Mädchen, das seine Puppe verstecken musste, weil es keinen Spaß haben durfte. Björk sprach mit der Puppe und die Puppe antwortete. Man braucht nur das maskenhafte Grinsen von Björk zu sehen, um zu wissen, dass man keine kleine, saubere, brave Isländerin, sondern ein blutgetränktes Voodoo-Püppchen vor sich hat. Das Püppchen hat den Platz der kleinen Björk eingenommen. Björk ist seither nicht mehr gewachsen. Björk, das Püppchen, will nun unbedingt die Ausstellung sehen und die Voodoo-Maler kennenlernen. Alle diese Maler wurden in den 40er Jahren entdeckt. Wie kommt es, dass sie immer noch am Leben sind? Der stechende Blick der Puppe durchdringt das Dunkel. Beim Blättern in einer Zeitschrift stößt sie auf die Anzeige mit der Ausstellung von Montreal. War sie in diesem Moment in Paris, London, New York, Berlin (Berlin, nicht zu vergessen) oder Rom? In einem Hotelzimmer? Ein Hotelzimmer ist universelles Territorium. Weiße Bettwäsche. Magische Zahl. Wenn Björk inkognito unterwegs ist, nimmt sie überall auf der Welt immer das Zimmer Nummer 17. Sie ruft ihre Managerin an, sie soll eine Show absagen, am besten Melbourne, damit sie rechtzeitig in Montreal ist, um die Ausstellung zu sehen. Die Managerin hält es für eine bessere Lösung, dass die Ausstellung für Björk verlängert wird. Sie telefoniert sofort mit Montreal. Sie muss nur den Namen Björk aussprechen, und man verbindet sie mit dem Kurator des Musée des Beaux Arts von Montreal, der sich gerade auf den Bermudas in der Sonne aalt. Der Kurator ist „tief gerührt“. Ein Anruf von Björk, oder von ihrer Managerin, aber in Björks Auftrag. Er ist ein Groupie, eigentlich nicht er, eher seine Gattin, oder nicht seine Gattin, eher seine Tochter. Der Kurator gerät ins Stottern und verhaspelt sich. Die Managerin am anderen Ende ist amüsiert. Es erstaunt sie immer wieder, dass das winzige Frauchen auch einen profunden Kenner der Moderne aus der Fassung bringen kann. Sie muss nur Björk sagen. Dabei klingt es so hässlich – Björk. Sind Sie bereit, den Termin für Björk zu verschieben (jetzt in autoritärem Ton)? Selbstverständlich, aber ich kann eine solche Entscheidung nicht alleine fällen. Nicht ohne den Verwaltungsrat. Was! Scheiße! Wie viele sind das? Sieben. Und wo sind sie? Im Urlaub, genau wie ich. Und wo? Ich weiß es nicht, Madame. Na schön. Die Managerin ruft daraufhin eine Firma an, die auf solche Notfälle spezialisiert ist. Diese Agentur hätte angeblich ohne weiteres Bin Laden auftreiben und für Bush an die Strippe bekommen können. Ihr letztes Kunststück bestand darin, die Tochter eines Vorstands von Canadian Pacific in Tanger aufzuspüren, einzig aufgrund der Information, dass sie die Sonne, den Sand und die Einsamkeit liebte. Sie hatte ihr Handy nicht dabei und keiner ihrer Freunde wusste, wo sie war. Die Agentur hat eine ganze Reihe Leute angerufen, um sie zu finden, darunter den Dalai Lama und den französischen Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio. Diese Agentur hat auch in Rekordzeit alle Mitglieder des Verwaltungsrats vom Musée des Beaux Arts (die berühmte Siebenerbande) gefunden. Sie sind hocherfreut, wollen alle den Urlaub abbrechen, um Björk zu treffen. Die Managerin ruft Björk an: „Alles in Ordnung. Das Museum hält die Ausstellung für dich länger geöffnet.“
Naive Maler
Welche Voodoo-Maler hast du gemeint, Björk? Die mit der Ausstellung nach Montreal kommen. Aber man geht doch hin, um sich die Gemälde anzuschauen und nicht die Maler. Klar, aber die Leute wollen auch nicht nur meine Musik hören, sie verlangen, dass ich selbst da bin und sie vor ihnen spiele. Sie wollen den Koch sehen, aus diesem Grund wimmelt es im Fernsehen so von Kochsendungen. Sie wollen gleichzeitig den Modeschöpfer, das Kleid und das Mädchen sehen, das es an ihrer Stelle trägt. Sie wollen alles sehen. Das ist übrigens dein Job. Du hast dafür zu sorgen, dass man mich zu sehen kriegt. Erzähl mir nicht, du wüsstest das nicht. Was glaubst du denn! Dieses Telefon ist mir schon am Ohr angewachsen. Schön – und ich will die Voodoo-Maler sehen. Ich will sie kennenlernen, jeden Einzelnen von ihnen. Also gut, wenn es sein muss. Du denkst vielleicht, das sei Spinnerei, dann hast du bei mir aber nichts verloren. Spinnerei? Seit ich für dich arbeite, gibt es für mich keinen Unterschied mehr zwischen Realität und dem Reich der Phantasie. Du lebst nämlich in einer Märchenwelt, Björk, für dich ist sie normal, solide und du kannst dich in ihr bewegen. Ich aber muss sie Leuten verkaufen, deren Realität es ist, acht Stunden in ein Büro eingesperrt, in Grau gekleidet zu sein und zu glauben, alles sei käuflich, sogar das Imaginäre. Ich muss ihnen erklären, dass deine Welt realer ist als ihre, dass sie sich vor dir verneigen müssen, weil du eine Eisprinzessin bist. Das weiß ich doch alles, besorge mir einfach die Maler. Das ist bestimmt nicht leicht, denn wenn sie so bedeutend sind, wie du sagst, ist es ihnen scheißegal, ob du eine isländische Prinzessin oder der Clown vom Cirque du Soleil bist. Du sollst nicht die Maler, sondern die Leute von der Museumsverwaltung überzeugen. Das ist allerdings kein Problem. Das klappt bestimmt, Björk. Wir bitten sie, die Ausstellung ein oder zwei Tage zu verlängern. Mal lieber zwei Tage, schnauzt die Tournee-Managerin von Björk in ihr Handy. Einverstanden. Björk liebt Sie bereits. Der Angerufene auf den Bermudas wird rot. Und seine Röte färbt Paris, Berlin, London, Rom, Mailand, Sydney – man weiß nie, wo Björk sich gerade aufhält. Das kleine Mädchen, das einst mit einer Voodoo-Göttin gespielt hat wie mit einer gewöhnlichen Puppe, und zwar mit Erzulie Dantor, der schrecklichsten von allen, verwechselt heute die Weltkarte mit ihrem Kleiderschrank. Sie lebt in einem Paralleluniversum, wo die Tage die Namen von Städten tragen. Sie heißen nicht mehr Dienstag, sondern Berlin, nicht mehr Donnerstag, sondern Mailand. Der Kurator ruft zurück. Es tut mir unendlich leid, die Voodoo-Maler sind nicht bereit, die Rückreise wegen Björk zu verschieben. Ja doch, wir haben es ihnen erklärt. Sie scheinen die Tragweite nicht zu erfassen. Björk ist entzückt. Sie hatte nichts anderes von ihnen erwartet. Melbourne wird abgesagt. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass ein Konzert von Björk in letzter Minute abgesagt wird. Auf der Karte von Björk gibt es Melbourne nicht mehr. Man kann sowohl Tage als auch Städte verschwinden lassen. Die Voodoo-Maler haben nicht auf Björk gewartet. Die meisten von ihnen sind ohnehin schon tot. Sie sind Stars. Sie haben sich in ein winziges Zimmer eingeschlossen, dort sitzen sie, essen salzlose Kost, schalten das Licht nicht ein und richten das Wort nur an das Personal. Das Museum hat ihnen zwar sieben Zimmer zur Verfügung gestellt, aber sie wollen sich nicht trennen. Eine kleine Gruppe Männer mit Hut in einer Ecke. Im Halbdunkel zeichnen sich ihre Silhouetten an der Wand ab. Einer von ihnen ist Dewitt Peters, ein Amerikaner aus Boston, Englischlehrer am Lycée Pétion von Port-au-Prince, der sie alle gleich nach seiner Ankunft in Haiti aufgestöbert hat. 1944 bereist er die Insel. Auf der Straße nach Saint Marc sieht er eine seltsam bemalte Tür: eine Schlange mit dem Kopf eines Mannes. Damballah! Er betritt den Hounfourt und findet die Wände von Malereien bedeckt, als hätte er die Tür zu einer anderen Welt geöffnet. Es ist das Universum des großen Meisters der Voodoo-Malerei, Hector Hyppolite. André Breton war damals irre vor Begeisterung. Die Welt der Träume, zum Anfassen. Daraufhin verkündet Dewitt Peters, er werde ein Kunstzentrum einrichten.



