Die Annonce

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Zu Weihnachten hatte Annette ihre Mutter eingeladen. Sie würde das Jahresende und die ersten beiden Januarwochen in Fridières verbringen. Die drei holten sie am ersten Montag der Schulferien am Bahnhof von Neussargues ab, abends nach dem Melken, in einer feucht-warmen Nacht. Éric ging den Bahnsteig entlang, den ein beinahe lauer Wind peitschte, und rannte plötzlich los, als er in einem Grüppchen Reisender, die die Abfahrt des Zuges abwarteten, um das Gleis zu überqueren, die schmale Gestalt, den beigen Anorak erkannte. Man begrüßte sich, nahm sich wortlos in die Arme, die beiden Frauen, die Großmutter und der Junge, Paul griff gleich nach der Tasche und dem Koffer, stellte hastig lauter Fragen über die Reise, das Umsteigen an den Bahnhöfen, in Lille in Paris in Clermont; er verhaspelte sich, verlegen gegenüber dieser blassen Frau, von der er nicht wusste, wie er sie nennen sollte, und die er nur zwei oder drei Mal ganz kurz im Juni beim Umzug gesehen hatte. Im Auto spulte Éric, plötzlich redselig, die vollständige Liste der Abfahrts- und Ankunftszeiten, nennenswerten Merkmale und Nummern der vier Züge ab, in die seine heroische Großmutter nacheinander eingestiegen war; neugierig, wie lang die Taxifahrt zwischen den beiden Bahnhöfen Gare du Nord und Gare de Lyon gedauert und wie viel sie gekostet hatte, schwenkte er einen Plan der Pariser Metro, den er in der Schule aus dem Internet ausgedruckt hatte, und erklärte, wie man mit nur einem Umstieg in der Station Châtelet in Zukunft solche Unkosten und Zeitverschwendung vermeiden könnte. An diesem Redestrom, an diesem Eifer, mit dem er sich an den Vordersitz drückte, auf dem sie gewollt hatte, dass ihre Mutter Platz nahm, neben Paul, erkannte Annette, wie schmerzlich und verschwiegen Éric seit sechs Monaten diese sanfte Anwesenheit vermisste. Der rituelle Anruf am Sonntagmorgen, eine Handvoll Ansichtskarten, der Garabit-Viadukt, zwei Salers-Kühe vor einem Brunnen der Puy Mary, zwei oder drei Päckchen aus Bailleul zum Geburtstag oder Schulanfang waren nur, konnten nur ein dürftiger Ersatz sein; er hatte durchgehalten ohne sie, für die es auch schwer gewesen war, plötzlich ohne den einzigen Enkel, das Kind ihres Bluts zu sein, getrennt, wie sie es noch nie so radikal war, durch unendliche Kilometer, durch Massen von Erde Straßen Nacht Wald Wind. Von diesen Dingen würden sie nichts sagen, Mutter und Tochter, sie würden nicht reden, wenn sie in den folgenden Tagen in den gemeinsamen Nachmittagsstunden in der Küche Schokoladentrüffel und andere Weihnachtsherrlichkeiten zubereiteten. Als Säugling und auch noch später, mit zwei vier oder sechs, war Éric oft von seiner Großmutter gehütet, bei ihr untergebracht worden, in der Schutzzone der kleinen Wohnung, wo die väterlichen Exzesse ihn nicht erreichten. Annette wehrte sich, verließ Didier, kehrte zu ihm zurück, zog aus, fand Arbeit, irgendeine Arbeit, vertraute das Kind ihrer Mutter an, hoffte, wollte daran glauben, es noch einmal versuchen, und Éric würde zwischen Vater und Mutter aufwachsen, das wäre auf jeden Fall besser, Vater und Mutter. Didier hatte versprochen, er versprach wieder, immer, er würde es nicht wieder tun, er würde seine Stelle behalten, er würde schnurstracks heimkommen, er hatte einen richtigen Beruf, goldene Hände, Heizungsinstallateur, er konnte es auch mit Klimaanlagen versuchen, obwohl das ein anderes Spezialgebiet war, aber er kapierte schnell, verstand es, sich umzusehen, hinzuschauen, zu beobachten, Lösungen zu finden, und hatte tausend Ideen pro Sekunde. Man hätte in Ruhe leben, ein eigenes Haus haben, wie alle Welt sein können, sie hätte gearbeitet und keine Mühe gescheut. Sie hatte geglaubt, sie hatte ertragen gewartet vertraut gefleht geweint, zurückgeschlagen, Bier oder Weißwein getrunken, allein in der Küche, und beißende Zigaretten geraucht, die sie eine an der andern ansteckte, und Didier aus der Kneipe geholt im trägen Schweigen der anderen Männer, die sie mit ihren glasigen Augen berührten; sie wussten, sie wusste, dass sie wussten und rochen, dass sie zu Hause trotzdem rangenommen würde; der Didier, egal in welchem Zustand, der war eine Naturgewalt, ein Kerl, der nichts ausließ, er verriet Einzelheiten, wenn er einen geladen hatte, auch sie, die Annette mit ihrer Unschuldsmiene verachtete es nicht, die hatte vielleicht Granaten, da musste man dran gelutscht haben, um zu wissen, was das war. Sie spürte den klebrigen Blick der Männer auf sich, die am Tresen hingen, ihren Schweiß ihren Atem, wenn sie eintrat, ohne näher zu kommen, irgendjemand drehte sich schließlich immer um, löste sich aus dem Wall der vertäuten verflochtenen verknoteten Rücken. Didier schrie nicht, beschimpfte sie nicht, produzierte sich nicht vor den Leuten; er sagte, da kommt die Regierung die Chefin oder die Baronin, und folgte ihr. Man ging nach Hause, man ging schließlich nach Hause. In den ersten Monaten nach Érics Geburt hatte es eine Aufheiterung gegeben, eine Zeit gemeinsamen Entzückens, Didier sah das Kind an, wagte es kaum zu berühren, bevor er zutraulicher wurde, die richtigen und sanften Gesten fand beim Wickeln oder Baden, fasziniert, stumm, andächtig und wie benommen während des Stillens, von dem Annette die demütige Erinnerung an eine schwindelerregende Vollkommenheit bewahrte. Dann hatte es einen ersten Ausrutscher gegeben, einen zweiten, und der zähe Brei der zurückgekehrten Gewohnheiten hatte sie verschlungen, die beiden, die drei, auch das Kind, das die Furcht, das Schweigen und die flüchtigen, gleichsam gestohlenen Freuden lernen würde. In Fridières ging Annette den schweren Weg ihrer Erinnerungen zurück; in den grauen, kurzen Januartagen, für Éric hatte die Schule wieder angefangen, und er kam nicht vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause, hatte sie mit ihrer Mutter ein wenig über diese schrecklichen Zeiten geredet, über die zurechtgestutzten Hoffnungen, über das, was am anderen Ende von Frankreich aufgegeben verlassen an den Nagel gehängt worden war und sie nicht bis in den Schnee von Fridières verfolgen würde, wo sie mit Éric eine Art Flüchtling war. Sie durften, sie würden nicht eingeholt werden. Ihre Mutter nahm an, dass sie Paul nicht alles gesagt, dass sie das Erbärmlichste nicht verraten hatte, die beschämenden Schläge, voll in den Bauch, und die Polizei, die Therapieauflagen, die wahnwitzigen Eskapaden, die Rückfälle, das Gefängnis. Sie verschwieg es, für Éric, damit er nicht angesteckt wurde und das Schandmal an sich, auf seiner Haut, in seinem Namen trug. Paul fragte nicht, wollte nicht wissen. Annette und ihre Mutter hatten es gespürt, als er sich in Bailleul in die Umzugsvorbereitungen stürzte, geschäftig und ohne viel zu sagen, nur darauf aus, bald fertig zu werden, und wie eingeschüchtert von diesem unter endlosem Himmel hingebreiteten zu flachen Land. Nicole und die Onkel waren anders gestrickt. Hätten sie den geringsten Wind bekommen von dem erschreckenden Vorleben der Frau und des Jungen, deren Anwesenheit in ihrem Revier Paul ihnen aufzwang, sie hätten mit Zähnen und Klauen gekämpft, erbarmungslos und ohne nachzulassen, um die fremden Geschöpfe, die unreinen Körper zu vertreiben und den verirrten Bruder, Paul, das schwache Glied, zur Umkehr zu bewegen. Ein Krieg schwelte, der zwar im Verborgenen blieb, deswegen aber nicht weniger lang und schwierig sein würde, ein Krieg der Zermürbung und der geduldigen Gräben. Annette hatte es gewusst, lange bevor sie nach Fridières kam, gleich als in Pauls ersten Worten dieser Frauenname auftauchte, der Name einer früheren Gefährtin, einer Mutter, einer Schwester. Die sofort von Paul gegebene Erläuterung, als wäre er bestrebt, den offenen Riss damit zu kitten, änderte nichts an der Sache. Die Verbindung war da, und Paul hatte immer eine Frau in seinem Leben gehabt. Diesem Umstand verdankte er wahrscheinlich, wie Annette und ihre Mutter sich dachten, dass er nicht zu einem Wilden geworden war wie die beiden Onkel, deren tadellose Haltung und spöttischer Geist die gewaltsame Autarkie nur mit Mühe kaschieren konnten. Annettes Mutter hatte diese Dinge verstanden und noch viele andere, die sie nicht hätte ausdrücken können, denn wie ihrer Tochter war ihr der leichte Umgang mit dem Wort versagt. Annette sah ihre Mutter, die man an einem unter altem grauem Schnee liegenden Sonntagmorgen zum Bahnhof brachte, mit dem Gefühl abfahren, sie nur halb davon überzeugt zu haben, dass ihr dieses neue Leben auf die Dauer gelingen könnte, das sie gewollt hatte, darauf bedacht, ein Heim zu schaffen, es zumindest noch einmal zu versuchen, bevor Alter, Illusionslosigkeit und alles andere sie endgültig untauglich machen würden zu dieser gewagten Akrobatik des aus Einzelteilen zusammengesetzten Paars.
Annette gewöhnte sich nicht an den Stall, wo sie beim besten Willen nicht wusste wohin, wie sie sich bewegen, betätigen oder irgendwie nützlich machen sollte, und sprachlos vor den Tieren stand, ihren großen glänzenden Augen, ihrer unfassbaren Langsamkeit und den Eruptionen ihres dichten Pissestrahls oder ihrer warmen Scheiße. Gleich beim ersten Mal, am Montag, dem 29. Juni, während des abendlichen Melkens, war sie getauft worden, wie Paul lachend gesagt hatte, die Schuldige war die Royale, eine der Leitkühe der Herde, Nicoles Kuh, spotteten die Onkel, während Annette, besudelt, die Beine und der untere Rücken mit Kuhdreck vollgespritzt, sich bemühte, die Fassung zu bewahren, nicht hinzufallen, nicht alles noch schlimmer zu machen. Nicole dagegen war vertraut mit der Arbeit im Stall; sie hatte das immer gemocht, den Moment des Melkens, die Pflege der empfindlichen Euter und der neugeborenen Kälber, die mit drei Wochen verkauft wurden bis auf einige ausgewählte weibliche Tiere, die man für die Erneuerung des Bestands behielt. Diese, zu denen die Royale gehörte, von Nicole gehegt und gepflegt, traten mit ihr in edlen Wettstreit, mit herrischem Temperament wie sie und kupferfarbenem Fell. Die Onkel erinnerten gern daran, wie Nicole, gleich als sie nach Fridières kam und die vergebliche Revolte ihrer sechzehn Jahre gegen die Abmachungen der Familie mit bockigem Schweigen kundtat, im Stall einen warmen Zufluchtsort gefunden hatte, sodass man sie kaum wieder daraus hervorlocken konnte, damit sie den Platz einnahm, der ihr von ihrem Geschlecht bestimmt war. Eine Frau tat not in Fridières, eine Hausfrau, auch wenn die Onkel, ordentlich und systematisch, ihr Haus nicht hatten verkommen und zur düsteren Höhle werden lassen, wie es das Los der meisten Männer in ihrer Lage war. Von diesen harten Anfängen hatte Nicole, obwohl sie ihr neues Amt akzeptierte und in aller Würde bekleidete, eine besondere, nabelschnurartige Verbindung zum Stall und den Tieren zurückbehalten. Am Anfang und am Ende des Melkens ging sie Paul zur Hand, und dieses wortlose Zusammenspiel kam Annette auf Anhieb wie ein perfektes, magisches Ballett vor, so unbeirrbar und wunderschön wie die waghalsigen Figuren der märchenhaften Paare bei den Eiskunstlaufmeisterschaften im Fernsehen, für die sie sich seit ihrer Kindheit begeisterte. Selbst die hohen Stiefel und die grünen Overalls mit ihrem durchgehenden hellen Reißverschluss von oben bis unten, die Bruder und Schwester trugen, erinnerten Annette an die reich geschmückten und kunstvoll aufeinander abgestimmten Kostüme, in denen die betörenden Körper der vollendeten Virtuosen steckten. Im Stall wurde Annette nicht gebraucht, die Royale hatte es ihr auf deutliche und duftende Weise gezeigt; die kleine Festung war seit fast dreißig Jahren besetzt und wurde leidenschaftlich verteidigt, man müsste sich anderswo einbringen. Man müsste zum Beispiel gleich am nächsten Samstag ohne sich zu grausen den von alter Kuhscheiße steifen und fleckenübersäten Overall aufheben, den Paul zusammengerollt auf dem Fußabstreifer hatte liegen lassen; Paul würde es erklären, er würde sagen, es wäre besser, den Overall nicht zu den übrigen Sachen zu werfen, sondern ihn beispielsweise zusammen mit den Putzlappen zu waschen und ihn vorher mit der harten Bürste und Kernseife zu schrubben. Hastig, beinahe lachend, verschämt würde er sich entschuldigen, von diesen Dingen nichts oder nicht viel zu verstehen. Dafür sei die Schwester zuständig. Die sie aber, so verstand Annette, auf keinen Fall um Rat fragen konnte; und vor der sie in der wichtigen Angelegenheit der Wäsche nicht die Segel streichen durfte. Nicole mochte von der Hausarbeit eigentlich nur das, den Übergang vom Schmutzigen zum Sauberen, den Geruch der Seifenlauge und das Flattern der Tücher im Licht, wenn man sie draußen aufhängen konnte, auf der von den Onkeln gut festgezurrten Leine hinter dem Haus, wo auf der runden, abschüssigen Weide an windgeschützter Stelle die ersten Narzissen blühten. Sie sortierte, wusch, bügelte sorgfältig, räumte die gemeinsamen Stücke, die ihren und die der Onkel, weg und legte jeden Sonntagabend auf einen dafür vorgesehenen Stuhl im Flur den ordentlichen Stapel mit Pauls Sachen, den der von meisterlicher Hand zweimal gefaltete grüne Overall krönte. Man würde sich diese Gewohnheit vom Leib reißen müssen, die Gewohnheit, sich um alles zu kümmern und dadurch, durch die saubere, weiche, für die Woche zusammengelegte, hergerichtete Wäsche, das Regiment zu führen über die drei Männer. Nicole hatte es von Anfang an, von den ersten Worten an gespürt, als Paul davon sprach, oben eine Küche einbauen zu wollen. Die Person, die kommen würde, brächte ihren Haushalt und ihre Elektrogeräte mit, es war eine bereits ausgestattete und unabhängige Person, dort wo sie wohnte, im Norden, mit ihrem Sohn. Paul hatte gesagt, eine Küche ohne Wände, eine offene, amerikanische; und dieses Adjektiv, von einer insgeheim über die Invasion, die ihr Reich bedrohte, erschrockenen Nicole wiederholt, wurde sofort von den Onkeln übernommen, um im Plural und pauschal die beiden Anwärter zu bezeichnen, die tollen, die Amerikaner, die in Zukunft mit Paul oben in einer Küche derselben Nationalität am Tisch sitzen sollten, während sie, die drei ungeschliffenen Gallier, die Urmenschen aus dem Cantal, zur selben Zeit unten in ihrer französischen Küche ebenso essen würden. Die Onkel stritten hart, ironisch und empört um die Frage der getrennten Tische, die Nicole nicht aufzuregen schien; schon vor beinahe zwanzig Jahren hatten sie den Drang ihres Neffen, die Scheune zu bewohnen, obwohl die hinteren Zimmer bei Weitem genügt hätten, Junge und Alte unterzubringen, und die homerischen Bauarbeiten, die er für ein Mädchen unternahm, das Fridières doch nur geringschätzen konnte, mit Verblüffung und Hohn beobachtet. Aus unerfindlichen Gründen, die sie hinter ihren perfekten Zähnen leise lachen ließen, hatten sie nicht aufgehört, die enge Tür, die auf die Weide hinausging und unabhängigen Zutritt zu Pauls Räumen gewährte, Eselstür zu nennen. Die Amerikaner würden also hinten durch die kleine Eselstür und die Gallier vorn durch die offizielle Haustür gehen, das wäre eine verkehrte Welt und eine Revolution in Fridières; und so amüsierten sie sich und schwadronierten über die modernen Ankömmlinge und die Landung im Juni. Als dann am Donnerstag der Woche vor dem 28. Juni spätnachmittags vorsichtig rückwärts rangierend der kleine gelb-weiße Mietlastwagen im Hof ankam, der die Sachen der Person und ihres Sohnes brachte, zählte Nicole neunzehn mit breitem braunem Klebeband verschlossene Kartons und einen Tisch sechs Stühle ein Büfett ein breites Bett zwei Schränke ein schmales Bett noch einen kleineren Tisch einen Fernseher den Kühlschrank den Gasherd, alles sauber und in gutem Zustand, keine Raritäten, normale Sachen, und die Waschmaschine, ein altes Modell, das man von oben aufmachte. Paul und der Fahrer des im Norden zugelassenen Lastwagens, ein Mann, den er zu kennen schien, luden ohne viele Worte ab und überquerten mehrmals den in der Sonne brütenden Hof, verschluckt und wieder ausgespuckt von der Eselstür, die sich im Schatten öffnete. Paul wusste, dass Nicole am Küchenfenster stand und alles sah. Als zum Schluss die Waschmaschine dran war, dachte er, jetzt würde sie verstehen, dass eine andere Frau käme, eine andere Frau für ihn, zum Leben.
Annette hatte keinen richtigen Beruf gelernt. Man ging in die Fabrik. Ihre Mutter, ihre Tante, die Nachbarinnen, alle Frauen und auch einige Männer, darunter ihr Vater, gingen zu Barnier. Ihr Vater und ihre Mutter hatten sich bei Barnier kennengelernt, beklagten sich nicht über die Arbeit, sprachen wenig darüber, da gab es keine Probleme. Sie würde in die Fabrik gehen, zu Barnier in die Spinnerei, sagte man, wenn sie mit der Schule fertig wäre, wo sie sich, ruhig und unauffällig, langweilte, ohne zu verstehen, was sich dort vielleicht hätte entscheiden können. In der Grundschule war sie eine fleißige, im Collège wurde sie eine durchsichtige Schülerin und wiederholte die letzte Klasse, bevor sie, weil sie nicht wusste, was sie werden sollte, ihre notdürftige Ausbildung beendete. Ihr blieb die von einem Lehrer geförderte Vorliebe für Kreuzworträtsel, die sie in allabendlichen Sitzungen mit ihrer zu dieser geduldigen Übung bekehrten Mutter pflegte, wodurch beide, wie sie zumindest zu denken wagten, ohne je damit zu prahlen, der vollständigen Erschlaffung entgingen. Annette war sehr früh bestrebt gewesen, nichts zu hinterfragen, nichts zu bereuen, wie manche noch jungen Mädchen in der Fabrik es jetzt schon bitter taten und auch andere Frauen, die sie später traf und die alle gern Sängerin, Ladenbesitzerin, Krankenpflegerin, Lehrerin oder sogar Apothekerin gewesen wären. Annette erinnerte sich, schon mit achtzehn oder neunzehn gedacht zu haben, dass diese angestaute Reue die Frauen nur unglücklich, neidisch und gallig machte; sie selbst würde einer anderen, höheren, von den erdrückenden Banalitäten losgelösten Berufung folgen, einer unergründlichen, unsterblichen, inneren Berufung. Liebhaberin, sie würde Liebhaberin sein, wie andere Frisörin oder Verkäuferin waren. Sie schwieg und versteckte sich hinter ihrem Lächeln, wenn die Mädchen in der Kantine oder im Umkleideraum beim Ablegen des Arbeitskittels aufgeregt ein Foto schwenkten und unruhig wurden, plötzlich dem Drang nach einem Anderswo ausgesetzt. Annette verliebte sich, vernarrte sich stets in Jungen, die es schlecht getroffen hatten, die übel dran waren. Ihr gefielen nur die Habenichtse, die von Geburt an Verletzten, die lebenslang Hungrigen, die in Familien oder im Heim untergebrachten Sozialfälle, Jungen, deren Vater oder älterer Bruder am anderen Ende von Frankreich im Gefängnis saß. Man tuschelte klatschte lästerte, sie hatte ein aufgewühltes Herz und schnell Tränen in den Augen. Didier war der ideale Kandidat, der perfekte Verehrer gewesen, Spross einer katastrophalen Sippe von Säufern, vor allem Männern, manchmal auch Frauen, was seinen Fall eindeutig verschärfte, mit seinen jüngeren Brüdern und Schwestern letzter Avatar eines Geschlechts grimmiger Idioten, die zwischen den beiden Kriegen aus Polen importiert worden waren und sich im Unterschied zu ihren unverwüstlichen Landsleuten mit diesem radikalen Exil im Kohlerevier nie abgefunden, ausgesöhnt, angefreundet hatten. Haltloser von Generation zu Generation, schwärmten sie gern aus, arbeiteten nur wenig im Kohlebergbau, tranken exzessiv in jeder noch so kleinen Kneipe der beiden Departements Nord und Pas-de-Calais, machten sich im Lauf andauernder Raufereien oder wilder Autounfälle zu Krüppeln. Man kannte sie, zwischen Bailleul und Dunkerque kannte man nur sie; sie schwankten in den Gassen, grölten in ihrem Kauderwelsch anzügliche Einladungen, schliefen in Bahnhofshallen ihren Rausch aus und fuhren, wenn die schönen Tage zurückgekehrt waren, ohne Führerschein mit ihren drei oder vier Promille im Blut in fragwürdigen Autos voll stumpfer Weiber und verwilderter Kinder bis ans Meer. Didier, kaum siebzehn, harte blaue Augen und immer leicht verlegen mit seinen schweren Händen eines Klempnerlehrlings, galt in dieser Truppe als lebendes Wunder, obwohl er auch schon eine Handvoll bemerkenswerter Räusche und berüchtigte Geschwindigkeitsrekorde mit geborgten Mofas auf dem Konto hatte. Annette, zwanzig, Krokusherz und bereit, alles zu verschenken, hätte Didier natürlich auch nicht begegnen können, doch das Schicksal entschied anders, als sie nach dem vorzeitigen Tod ihres Vaters leichtsinnigerweise mit ihrer Mutter, die mit achtundfünfzig frühverrentet wurde und gleichzeitig innerhalb von drei Monaten ihren an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Mann verlor, das seit fünfzehn Jahren am Eingang von Bailleul gemietete Haus verließ und in die kleine Wohnung zog, die im Erdgeschoss an die Räume angrenzte, wo damals die Verwandten, die Großeltern väterlicherseits, zwei frisch aus dem Gefängnis entlassene unverheiratete Onkel und die jüngeren Brüder und Schwestern Didiers hausten. Didier war heroisch; als Einziger der ganzen Sippschaft, der so etwas wie ein normales Leben führte, stand er zu einer anständigen Uhrzeit auf, um seiner Ausbildung bei Monsieur Ouazène nachzugehen, einem gutmütigen Tunesier, der seit über fünfundzwanzig Jahren in der Stadt ansässig war, versehen mit einer festen Kundschaft, einer kränklichen Ehehälfte, einer Schar schmächtiger, dunkelhäutiger Töchter und einem unerschütterlichen Optimismus. Er, Ouazène, der sich in Emigranten aller Generationen auskannte, hatte diesen unseligen Jungen, den niemand wollte, in die Lehre genommen; er würde ihm einen Beruf an die Hand geben und vielleicht sogar, mutmaßte man, eine seiner Töchter, die älteste, künftige Inhaberin eines zweckdienlichen Abschlusses in Buchhaltung; er ließ sich nicht davon abbringen, Didier war begabt, technisch und kaufmännisch, er verstand es, zu gefallen; mit viel Geduld würde man es schaffen und etwas aus ihm machen. Annette sah Didier, Didier sah Annette; sie begegneten sich auf dem engen zementierten Fußweg, der zu ihren nebeneinanderliegenden Behausungen führte. Der dreiste Glanz der Maimorgen war ihnen günstig und fatal, Annettes helle Augen und ihr großer Busen sprachen für sie. Didier, wenig erfahren auf dem Gebiet der Weiblichkeit, warf verstohlene Blicke, wagte nicht, daran zu glauben, glaubte dennoch daran und ließ sich schließlich betören, vielleicht spürte er unter der Kruste des familiären Erbes dunkel und dumpf, dass dieses blonde Mädchen, ihre Mutter, Ouazène und der Beruf so etwas wie ein Geschenk waren, eine Chance, da rauszukommen, sich ein anderes Leben aufzubauen, mit weniger Chaos, aufseiten derer, die in einem richtigen Haus wohnen, ein eigenes Auto haben und am Sonntagnachmittag ihre Söhne am Fußballplatz anfeuern. Er stürzte sich hinein, der beherzten Annette hinterher; sie stürzten sich hinein.
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