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Man nahm sich den leitenden Ingenieur nochmals zur Brust, und der gestand nach kurzem Zögern die Tat, weil er sah, dass er nicht mehr leugnen konnte; er beteuerte aber, nicht zu wissen, wofür das gestohlene Material gedacht war. Der ganze Deal sei Kuljamins Werk gewesen, er selbst habe nur Handlangerdienste in dessen Auftrag geleistet. Von seinem Schmiergeld erzählte er nichts, aber das tat an seiner Stelle der in St. Petersburg festgesetzte ehemalige Direktor, der, als er einmal anfing zu reden, dies mit einer solchen Hingabe und Geschwätzigkeit tat, als erwarte ihn am Ende eine fette Belohnung und ein Orden.
Der Ingenieur hatte Pech. Normalerweise wäre er festgenommen und in einem Eilverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu fünfzehn Jahren verschärfter Haft verurteilt worden. Aber die Truppe, an die er geriet, tickte anders; diese Kerle machten keine Gefangenen.
Er wurde von drei Männern ohne große Umstände zu einer nahegelegenen Kiesgrube gefahren und dort mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet; seine Leiche übergossen sie mit Benzin und zündeten sie an – in ihren Augen konnte man es sich nicht leisten, ihn vor Gericht zu stellen, denn es konnte kaum eine größere Demütigung für die ehemalige Weltmacht geben als das Bekanntwerden der Tatsache, dass sie nicht einmal dazu in der Lage war, auf ihr atomares Spielzeug aufzupassen.
Ein paar wenige brauchbare Informationen enthielt auch Kuljamins wortreiches Geständnis in St. Petersburg. Da war zunächst der Vermittler, den der Direktor genau beschreiben konnte und der mit Sicherheit arabischer oder zumindest „irgendwie nahöstlicher“ Herkunft gewesen war.
Die Höhe des „Kaufpreises“ ließ bei den Verhörspezialisten, die inzwischen hinzugezogen worden waren, keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass es sich bei den Kunden nicht um ein paar hungerleidende Mudschaheddin oder Taliban handelte, sondern dass hinter diesem Beschaffungsvorgang potente Geldgeber, privat oder institutionell, stecken mussten.
„Sie sollten sich in nächster Zeit von Deutschland fernhalten, mein Freund“, äffte Kuljamin die Sprechweise des Vermittlers nach.
Gegen Deutschland als Zielort sprach scheinbar die Aussage des alten Fahrers, der sich erinnern konnte, nachts auf dem Parkplatz ein kasachisches Nationalitäten-Kennzeichen am Heck des Lastwagens gesehen zu haben, der die Fracht übernahm.
Die FSB-Leute überlegten hin und her, was dies wohl zu bedeuten hatte, und etwas später wurde ihnen klar, dass selbst dann, wenn das Material den Weg nach Süden nahm, es dennoch für Westeuropa bestimmt sein konnte. Der Weg war kompliziert und langwierig, führte über Kasachstan, Usbekistan, Afghanistan und Pakistan zum Indischen Ozean und von dort aufs Schiff, das alles war mühselig und gefährlich, aber zweifellos machbar.
Vielleicht fühlten sich die Käufer sicherer, wenn sie möglichst schnell „islamischen Boden“ unter die Füße bekamen. In muslimisch geprägten Staaten konnten sie eher auf Hilfe rechnen als in Ost- oder Mitteleuropa, wo sie schon wegen ihres Äußeren in Schwierigkeiten geraten konnten.
Die Aussagen Kuljamins und des Fahrers lösten bei den Geheimen hektische Betriebsamkeit aus. Alle Übergänge von der weißrussischen bis zur chinesischen, von der finnischen bis zur ukrainischen Grenze, besonders aber alle offiziellen und einige weniger offizielle Grenzübergänge zum südlichen Nachbarn Kasachstan wurden alarmiert. Sämtliche Lastwagen und Kleintransporter – dafür musste massenhaft zusätzliches Personal herangekarrt werden – sollten sorgfältig kontrolliert werden; besonders auf doppelte Böden unter den eigentlichen Ladeflächen war zu achten. Gesucht wurden neun hellgraue Metallröhren in einer Aluminiumverkleidung, jede mit einem Gewicht von – grob geschätzt - fünfunddreißig Kilogramm und so warm, dass man sie gerade noch anfassen konnte, ohne sich die Finger zu verbrennen. Die Fahrer des gesuchten Wagens konnten bewaffnet sein, und wenn sie sich gegen eine Festnahme – die grundsätzlich erwünscht war – wehren sollten, sei von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Die besagten Röhren (um was es sich bei ihnen und ihrem Inhalt tatsächlich handelte, verschwieg man aus Gründen der Staatsräson und aus Menschenverachtung gegenüber Zöllnern und Fahndern) durften in keinem Falle geöffnet, sondern sollten nur sichergestellt werden. Diesbezügliche Meldungen waren umgehend an folgende Dienststelle zu richten, und so weiter. Besonders unwohl war den Ermittlern bei dem Gedanken daran, dass die Regierung eingeweiht werden musste, wenn sich kein schnelles Ergebnis einstellte.
Und obwohl beim FSB der Verdacht aufkam, dass es bereits zu spät für all diese Aktivitäten war, gab man die Hoffnung nicht auf, die Täter noch innerhalb der russischen Grenzen fassen und damit ein Überschwappen der ganzen Angelegenheit aufs Ausland vermeiden zu können.
Von Tscheljabinsk bis in die grenznahe Stadt Oral waren es etwas mehr als eintausend Kilometer, und die Übernahme der Fracht hatte vor gut fünf Tagen stattgefunden – der Laster konnte längst über die Grenze gegangen und irgendwo in den Weiten der kasachischen Steppe untergetaucht sein.
Und ab dann wäre es keine Angelegenheit des FSB mehr, sondern fiele in die Zuständigkeit des SWR, des ebenfalls Anfang der Neunzigerjahre aus dem KGB hervorgegangenen Auslandsnachrichtendienstes, der bis jetzt über dieses himmelschreiende Debakel noch nicht einmal informiert worden war.
Zweites Kapitel
Dubna, Region Moskau, Kernkraftanlage
Iossif Wladimirowitsch Weksler, sechsundsiebzig Jahre alt, kerngesund und rüstig wie ein gut erhaltener Endfünfziger, saß in seinem kleinen Büro neben dem Reaktorraum des Kraftwerkes und versuchte, das Online-Kreuzworträtsel einer großen Moskauer Tageszeitung zu lösen. Er tat dies seit zwanzig Jahren an jedem Freitag und er fand, dass es seinen grauen Zellen gut tat. Die Arbeit, die er hier seit seiner Pensionierung vor elf Jahren verrichtete, war nicht dazu geeignet, geistig rege zu bleiben; man musste sich andere Herausforderungen suchen, um nicht völlig zu verblöden.
Aber er war der Letzte, der sich über seinen Job beklagt hätte, bekam er doch in diesem Laboratorium, wo er fünfunddreißig Jahre lang seinem Beruf als Ingenieur nachgegangen war, sein Gnadenbrot und durfte jeden Tag für einige Stunden herkommen und kleinere Büroarbeiten am PC verrichten, anstatt in seiner Wohnung einsam vor sich hin und seinem Ende entgegen zu vegetieren. „Zuhause sterben die Leute“, pflegte er zu sagen, und er mied sein Bett wie der Teufel das Weihwasser, wie das viele ältere Menschen taten.
Als Wissenschaftler brauchte man ihn in dieser Anlage freilich schon lange nicht mehr, und – wenn er ehrlich war – hatte er auch nie sonderlich viel auf dem Kasten gehabt, wenn er es am manchmal erdrückenden Lebenswerk seines Vaters maß, des berühmten Wladimir Iosiffowitsch Weksler, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts als Direktor dieser Anlage tätig gewesen war und in dieser Zeit die Verantwortung für den Bau eines der weltweit ersten Ringbeschleuniger trug.
Er hatte sein wissenschaftliches Genie allerdings nicht an seinen einzigen Sohn weitergereicht, was daran liegen mochte, dass er diesen kaum einmal zu Gesicht bekam; sein Vater ruinierte bei der Arbeit seine Gesundheit und starb mit nur neunundfünfzig Jahren an purer Erschöpfung.
Seine Begabung für die Wissenschaften legte eine Pause von zwei Generationen ein und zeigte sich erstaunlicherweise erst wieder bei seinem Urenkel Igor, der momentan am Institut für Theoretische Physik der Universität Frankfurt promovierte und ein vielversprechender junger Gelehrter war - wenn er seinen manchmal bodenlosen Leichtsinn irgendwann in den Griff kriegen würde, dachte sein Großvater, der sich mehr Sorgen machte als seine beiden Enkel ahnen mochten. Doch er wusste auch, dass Sorglosigkeit ein Vorrecht der Jugend war und beließ es – wenn er ihn einmal zu sehen bekam oder ihm schrieb – bei milden Ermahnungen.
In der Familie Weksler war seit vielen Generationen Deutsch gesprochen worden (eigentlich seit Ausgang des 18. Jahrhunderts, als es einen Balthasar Wechsler mit seiner Familie von Augsburg an die Wolga zog), was es seinen beiden Enkeln leicht gemacht hatte, aus der russischen Provinz auszubrechen und in Deutschland Fuß zu fassen. Er gönnte es ihnen von Herzen, und er wusste, dass sie richtig gehandelt hatten – hier in dieser Einöde gab es kaum eine Perspektive für einen begabten Physiker oder eine talentierte Designerin wie Igors Schwester Katja, und Moskau war ein Moloch, der seine Kinder fraß.
Seine Enkelin arbeitete nun schon fast ein Jahr lang im Büro eines Frankfurter Architekten mit internationaler Reputation und verdiente dabei so gut, dass sie mit ihrem Gehalt ihren chronisch klammen Bruder jeden Monat mit einem gewissen Betrag unterstützen konnte, Hilfe, die dieser auch dringend benötigte, weil er in aller Regel nach der Hälfte des Monates nichts mehr zu beißen hatte oder seine Miete nicht bezahlen konnte, weil er sich einmal mehr auf irgendein windiges Geschäft eingelassen hatte, das stets und zuverlässig in die Binsen ging.
Weksler trug gerade die Lösung eines langen Wortes senkrecht in das Rätsel ein, als ein Piepen ihm den Eingang einer E-Mail anzeigte.
Er brauchte einige Sekunden, um zu merken, dass diese Nachricht nicht für ihn bestimmt war, sondern für den hiesigen Bonzen des FSB, und zwar streng geheim, wie die Titelleiste besagte.
Solche Irrläufer kamen häufiger vor, da die Mitarbeiter dieses Komplexes, vom Direktor bis zu den Physikern, von den Ingenieuren bis zu den Hausmeistern, der Verwaltung und sogar den Sicherheitskräften Mailadressen besaßen, die ähnliche Ziffernfolgen enthielten. Er selbst hatte eine 159, und er bekam mindestens einmal im Monat Irrläufer, die eigentlich für den ehemaligen KGB (195) oder für das Materiallager (158) gedacht waren.
Eine streng geheime Nachricht hatte er allerdings noch nie erhalten, und nun kratzte er sich nun am Kinn und überlegte, ob er diese Mail wie gewöhnlich ungelesen an den richtigen Adressaten weiter leiten oder ob er einen winzig kleinen Blick in das Dokument wagen sollte. War es Neugier (die bekanntlich der Katze Tod war) oder war es Langeweile (eigentlich eine Todsünde in seinen Augen), später konnte er es nicht mehr sagen – er tat den fatalen Doppelklick und bekam bereits nach den ersten Sätzen, die er las, heftiges Herzklopfen.
Der Text war bestimmt für alle FSB-Standorte, in deren dienstlicher Umgebung mit radioaktiven Stoffen gearbeitet wurde, und er forderte die jeweiligen Niederlassungen auf, stante pede eine umfassende Inventur alles spaltbaren Materials zu veranlassen und etwaige Fehlmengen, vor allem bei Plutonium und Strontium, aber auch bei Cäsium und zwei oder drei anderen Stoffen an diese und jene Adresse durchzugeben.
Das Pamphlet enthielt wohlweislich keinen Hinweis auf Polonium, denn das durfte es in der Anlage Majak aufgrund internationaler Abkommen schon seit ein paar Jahren nicht mehr geben. Es wurde offiziell nur noch in geringen Mengen von etwa 100 Gramm pro Jahr in der Anlage Sarow gewonnen und nach Kanada und die USA exportiert, wo es zu industrieller Anwendung kam.
Hintergrund für die angeordnete Inventur war – so die Nachricht weiter - der höchst unverschämte Diebstahl einer großen Menge radioaktiver Substanzen aus einem streng bewachten Atomkomplex am Ural, was aber absolut vertraulich sei und was der Empfänger dieser Botschaft unbedingt diskret zu behandeln habe, ansonsten drohe ihm eine Anklage wegen Hochverrats.
An dieser Stelle begann Weksler zu schwitzen und er bedauerte es aufrichtig, das Dokument auch nur geöffnet zu haben. Dennoch las er weiter, wie unter Zwang.
Der Föderale Sicherheitsdienst, wie er sich verniedlichend nannte, hatte den Dieb gerade noch erwischt, als er ein Flugzeug ins Ausland bestiegen hatte, und man hatte ihn umfassend verhört; nach einer vorläufigen Analyse hielt man es für ziemlich sicher, dass das Material von islamistischen Fanatikern gekauft worden war und dazu benötigt wurde, in Frankfurt am Main für Terrorzwecke eingesetzt zu werden; und zwar als Rache für den Beschuss einer afghanischen Schule durch einen amerikanischen Kampfbomber, der von einem deutschen Nachrichtenoffizier fehlgeleitet worden war.
Im Anhang, den der alte Weksler öffnete (er war, als er Frankfurt als möglichen Anschlagsort las und dabei an seine Enkel dachte, unvorsichtig genug, auch das zu tun), befand sich lediglich der Scan eines unausgefüllten Musterformulars für Inventuren.
Gestohlenes Plutonium? Cäsium? Strontium? Kobalt? In Frankfurt? Das war Wahnsinn!
Ohne recht zu wissen, was er tat, schob Weksler einen SD-Chip in den entsprechenden Schlitz seines Rechners und kopierte Mail und Anhang. Der Junge würde die Brisanz dieser Angelegenheit sofort erkennen, aber Weksler wagte es nicht, ihm die schreckliche Nachricht als E-Mail zu senden oder ihn gar anzurufen, denn dann wäre der Aufenthaltsort seines Enkels für die Schnüffler vom FSB nur zu leicht herauszufinden.
Aber es gab einen anderen Weg.
Er konnte ihm die Speicherkarte mit den Informationen per Eisenbahn schicken, mit der Hilfe eines Moskauer Zugschaffners, der für gutes Geld so ziemlich alles nach Deutschland (und umgekehrt von Deutschland nach Russland) schmuggelte, was es zu schmuggeln gab. Einen Brief würde er für zehn oder zwölf Dollar mitnehmen, was nicht billig war, aber stets sehr zuverlässig. Der Mann hatte einen Ruf zu verteidigen.
Weksler – ein russischer Großvater, der das Wohl seiner Enkel im Sinn hatte und nur Schaden von ihnen fernhalten wollte – entnahm dem PC den SD-Chip, vergaß unverzeihlicher Weise, die ursprüngliche E-Mail an den eigentlichen Empfänger weiterzuleiten, fuhr den Computer herunter und begab sich schnellen Schrittes zum „Dom Kulturij“, einer Art Verbindungshaus für Physiker, Chemiker, Ingenieure und sonstige Mitarbeiter der Atomanlage Dubna, wo er einen jungen Mann aufsuchen wollte, der mit seinem Enkel Igor studiert hatte und der jeden zweiten Nachmittag nach Moskau fuhr, weil er dort eine Freundin hatte.
*
Frankfurt-Sossenheim
Katarina („Katja“) Alexejewna Achmatowa steckte jedes Mal in einem Dilemma, wenn ihr Telefon tagsüber klingelte. Wenn sie nicht abhob, dann ließ sie möglicherweise ihren väterlichen Freund im Stich, der sie kurzfristig besuchen wollte. Ging sie aber an den Apparat, dann lief sie in Gefahr, dass es ihr Bruder Igor war, und dann war sie in Erklärungsnot, wenn er fragte, warum sie nicht im Büro sei und was sie mitten in der Woche zuhause mache. Meistens murmelte sie dann etwas wie „freien Tag genommen“ oder „leichte Erkältung, aber nichts Dramatisches“, und er gab sich damit zufrieden. Ewig würde das nicht mehr gutgehen, und sie nahm sich vor, sich in nächster Zeit ein Telefon mit einem funktionierenden Anrufbeantworter anzuschaffen, denn der jetzige war seit Monaten kaputt.
Sie würde vor Scham im Erdboden versinken, wenn ihr jüngerer Bruder eines Tages herausfand, woher das Geld stammte, das sie ihm Monat für Monat zusteckte.
Sie wunderte sich schon seit einiger Zeit darüber, dass er ihr noch nicht auf die Schliche gekommen war. Er müsste sich an den fünf Fingern einer Hand abzählen können, dass das Gehalt, das sie für ihren Job im Büro bezog, nicht immer wieder aufs Neue für eine solch großzügige Unterstützung ausreichen konnte.
Aber Igor war ein Bruder Leichtfuß, der solche Berechnungen gar nicht erst anstellte, eine unverbesserliche Frohnatur, die voller Vertrauen durchs Leben stürmte und keinen Gedanken an morgen oder gar übermorgen verschwendete, was für einen angehenden Wissenschaftler allerdings ein recht merkwürdiger Charakterzug war.
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Oral, Kasachstan
Sie waren um zwei Uhr morgens aufgebrochen. Schon vor knapp einer Woche hatten sie die kasachische Grenze ohne Zwischenfall überschritten. In Oral, der ersten größeren Stadt auf ihrem Weg, saßen sie lange Zeit über wegen schlechten Wetters fest; ein Aufenthalt, der nicht geplant war, aber es wäre zu riskant gewesen, auf den nicht geräumten Nebenstraßen weiterzufahren, die der „Mann mit dem vielen Geld“, wie sie ihn untereinander nannten, für sie ausgesucht hatte. Dieser Mann, der alles zu wissen schien, ging davon aus, dass man in Kasachstan nach ihnen fahnden würde, das aber nur auf den wenigen großen Magistralen, die durch das riesige Land führten.
Sie fuhren jetzt durch eine Gegend, die im Sommer Sumpflandschaft war, und in der es dann unerträglich heiß werden konnte; wo die Moskitos einen schier auffraßen, wenn man nicht Gesicht, Arme und Beine dick mit Diesel aus dem Tank des Lasters einschmierte, was als einziges Mittel half, was einem aber die Haut kaputtmachte, wenn man es zu oft tat.
Jetzt gab es hier nur tote, gefrorene Einöde, von einem Horizont bis zum anderen. Kein Tier war zu sehen, nichts verschaffte dem Auge Abwechslung.
Die beiden Fahrer, Kasachen, aber keineswegs fanatische Muslime, machten diese Fahrt für Geld und nicht, um Allah und seinem Propheten zu gefallen. Sie wussten nicht Bescheid über die gefährliche Last, die man ihnen aufgebürdet hatte, und der Vermittler hatte ihnen eingeschärft, die Röhren auf keinen Fall zu öffnen. Andernfalls würden sie bestraft werden und kein Geld bekommen. Und sie hielten sich daran, denn wer ihnen zehntausend Dollar pro Mann für fünf oder sechs Tage Arbeit (nun, es war eine längere Wartezeit dazugekommen) bezahlte, der hatte immer Recht.
Dennoch hatten sie sich die drei Bleiröhren natürlich angeschaut, sie auch einmal aus ihrem Versteck hervorgeholt und sie aus Neugierde geschüttelt. Aber das hatte nichts gebracht, der Inhalt dieser Röhren blieb für sie ein Rätsel und sie fürchteten sich ein wenig vor der Wärme, die sie abstrahlten.
Als es jetzt hell wurde, übernahm der zweite Fahrer das Steuer und sein Kollege, der das Fahrzeug sechs Stunden lang durch die Nacht gesteuert hatte, aß ein Stück Fladenbrot, ein wenig Ziegenkäse und ein paar eingelegte Oliven, spülte mit kräftigen Schlucken Wasser nach und kroch dann in die winzige Kabine hinter dem Fahrersitz, um ein Weilchen zu schlafen, sofern das auf dieser holprigen Strecke möglich war.
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Moskau, Weißrussischer Bahnhof
Arkadij Petrowitsch Wilenkin bahnte sich rücksichtslos seinen Weg durch die Menschenmenge auf dem Vorplatz des „Belorusskij Voksal“, desjenigen der neun Bahnhöfe Moskaus, von dem aus die Züge nach Weißrussland, Polen und Deutschland fuhren.
Es war kurz vor halb eins nachts und er hatte nur noch knapp fünfzehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges nach Frankfurt.
In den späten Nachmittagsstunden war er noch in Dubna gewesen, einhundertzwanzig Kilometer nördlich von Moskau, und hatte vorgehabt, am Abend ein paar Stunden an einem Zigarettenkiosk zu arbeiten und etwas Geld zu verdienen. Aber das hatte er dem alten Weksler zuliebe zurückstellen müssen.
Es war das traurige Schicksal von jungen Wissenschaftlern in der „Neuen Zeit“, sich mit solchen Jobs über Wasser halten zu müssen – gut bezahlte Arbeit im Wissenschafts- oder Technikbereich gab es praktisch nicht mehr, allenfalls Geologen und Ingenieure kamen noch bei den großen Öl- und Gasgesellschaften unter.
Weksler war aufgeregt gewesen, als er ihm die Speicherkarte gegeben hatte. Er zitterte am ganzen Leib, wie es der Junge noch nie zuvor bei dem alten Mann erlebt hatte. Mit heiserem Flüstern hatte er ihn beschworen, mit dem heutigen Nachtzug nach Deutschland einen ungeheuer wichtigen Brief mitzuschicken.
Gemeinsam hatten sie im Wissenschaftsclub einen neutralen Briefumschlag gesucht und zuletzt auch gefunden, danach musste Arkadij aufbrechen, da die letzte „Elektritschka“ in die Hauptstadt gegen achtzehn Uhr abfuhr; es war eine Fahrt von fast vier Stunden wegen der vielen Haltestellen, die das Bähnchen - eine Mischung aus Straßenbahn und Nahverkehrszug - langsam machten.
Auch in der Stunde nach Mitternacht war vor und in dem riesigen Bahnhof eine Menge los. Er musste durch ein endloses Spalier von alten Mütterchen hindurch, um zu den Bahnsteigen zu gelangen. Diese Frauen standen gottergeben den ganzen Tag und die halbe Nacht hier draußen in der Kälte und verkauften alles, was der Reisende brauchen mochte, von selbstgebackenem Brot, echtem Kwass, scharf gewürzter Salami und geräuchertem Fisch, Schnittblumen, selbstgestrickten Mützen und Socken bis zu silbernen Kerzenhaltern und Kinderspielzeug, für das die eigenen Enkel zu groß geworden waren.
Endlich war er in der Halle und versuchte sich zu orientieren. Der Express nach Frankfurt ging von Gleis eins, dem vom Eingang aus am weitesten entfernten Bahnsteig ab. Im letzten Wagen des Zuges, der schon seit Stunden bereitstand, war das Abteil des Schaffners untergebracht. Als Arkadij den Waggon erreichte, war dort ein munteres Treiben im Gange. Gerade wuchteten zwei junge Männer – Studenten wahrscheinlich wie er selbst – sechs große Kartons hinauf zu Viktor, der sie annahm und ins Innere des Zuges schaffte. Arkadij fragte den einen der Männer, was in den Kartons sei. „Bücher. Mehrsprachige Fachlexika“ antwortete der Junge. „Die kosten bei uns nur ein paar Rubel, sind aber in Deutschland sehr teuer. Ein Freund verkauft sie dort an Buchhandlungen, Universitäten und Bibliotheken. Ein gutes Geschäft für alle.“
„Aha.“
Fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges hatte Viktor seine Geschäfte abgewickelt. Man erzählte sich unter der Hand, dass er auf einer einzigen Fahrt nach Deutschland und wieder zurück mehr als tausend Dollar verdiente. Das war etwa das Sechsfache dessen, was er im Dienste der Staatsbahn an monatlichem Gehalt erhielt. Er schmuggelte alles, was ihm unterkam, von Krimsekt bis zu wertvollen Ikonen, vom roten und schwarzen Kaviar bis zu antiken Handfeuerwaffen für deutsche Sammler, die man gelegentlich auf Moskauer Flohmärkten kaufen konnte und die im Ausland einen hohen Gewinn erzielten. Und auf dem Rückweg brachte er Dinge mit, die in Deutschland preiswert, dafür in Moskau aber fast unerschwinglich waren, hochpreisige Parfums zum Beispiel, die neuesten Geräte von Apple oder Samsung, Computerzubehör, oder schwer zu beschaffende Ersatzteile für was auch immer.
Bei der Bahn war er jetzt seit neunzehn Jahren, und in dieser Zeit hatte er es zu solchem Wohlstand gebracht, dass er im Sommer mit einem hellblauen Mercedes Cabrio durch die Straßen Moskaus fuhr. Jedenfalls munkelte man dies in seinem Kundenkreis - gesehen hatte es noch keiner.
Viktor war stets guter Laune, so auch jetzt, da er mit dem Zählen eines dicken Bündels Geldscheine fertig war und Arkadij erblickte, der respektvoll gewartet hatte, bis dieser sich ihm zuwandte. In seiner grauen Uniform und der Schirmmütze mit dem roten Stern auf der Stirnseite sah er aus wie ein kleiner General: er war allerdings auch mit dieser Mütze auf dem Kopf kaum größer als einen Meter sechzig.
„Nur ein Briefchen heute, Viktor Mosejewitsch“, sagte Arkadij, „es wird bei Ankunft des Zuges abgeholt, der Empfänger weiß Bescheid. Was schulde ich dir?“
„Gib mir fünf Dollar“, erwiderte Viktor und nahm den Brief entgegen. Er musste einen ziemlich guten Tag gehabt haben.
„Vielen Dank, das ist sehr freundlich. Der Brief ist wichtig, bitte achte gut auf ihn.“
Das hätte er besser nicht gesagt, denn der Schaffner runzelte die Stirn und fragte, ob er schon jemals nicht gut auf etwas achtgegeben hätte. Arkadij errötete, aber die peinliche Situation währte nur kurz, denn die große Bahnhofsuhr Uhr zeigte jetzt null Uhr vierzig an.
Viktor zückte seine Pfeife, ließ einen durchdringenden Pfiff ertönen und winkte theatralisch mit seiner Kelle. Es konnte losgehen. Vierunddreißig Stunden bis Frankfurt.
Gott mochte wissen, wie Viktor es schaffte, all seine Konterbande über drei Staatsgrenzen zu schaffen, ohne je von Zöllnern drangekriegt zu werden. Es war zu vermuten, dass er sie mit allerlei kleineren Geld- oder Sachgeschenken fürs Wegsehen belohnte, aber auch das wusste niemand so genau.
Arkadijs Job jedenfalls war getan, er konnte, wenn es auch spät war, zu seiner Freundin fahren, die letzte Metro fuhr in wenigen Minuten.
Er hatte keine Ahnung, was auf dem SD-Chip, der jetzt unterwegs nach Deutschland war, Weltbewegendes sein mochte. Auf seine Frage hatte der alte Weksler ihn nur mit den durch seine dicken Brillengläser grotesk vergrößerten Augen angestarrt und geflüstert (obwohl kein Mensch in der Nähe war), es sei besser für ihn, wenn er das nicht wisse. Hätte er den Alten nicht seit frühester Kindheit gekannt, dann hätte er ihn für übergeschnappt gehalten. Aber er respektierte den Großvater seines besten Freundes und schwieg deshalb, trotz des unguten Gefühls, das er dabei hatte.




