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Frankfurt am Main
Igor hasste es, wenn er vormittags aufstehen musste, seine beste Zeit waren die Abende und die Nächte, was ihn gelegentlich in Schwierigkeiten brachte, ob es nun an der Uni war, wo er Termine einhalten musste; oder in einem seiner schnell wechselnden Jobs oder haarigen Geschäfte und Geschäftchen.
Aber die Mail seines Freundes Arkadij hatte nach einem echten Notfall geklungen, wenn er auch kein Wort über den Inhalt des Briefes – der von seinem Großvater in Dubna war – hatte verlauten lassen. War der liebe alte Mann etwa ernsthaft erkrankt? Er war weit jenseits der Siebzig und in diesem Alter konnte man nie so recht wissen, was die eigene Biologie einem als Stolpersteine in den Weg legte. Dennoch hätte es ihn gewundert, denn sein Großvater war vital und kerngesund gewesen, als er ihn im vergangenen Sommer besucht hatte.
Jetzt war es elf Uhr und er tastete blind nach seinem Wecker, der die hässliche Angewohnheit besaß, jedes Mal nach fünf Minuten wieder aufs Neue zu klingeln, wenn man die Mühe scheute, sich aufzusetzen, das Licht anzumachen und ihn komplett auszuschalten.
Mit einem resignierten Seufzer schwang er seine Beine aus dem Bett, drehte dem quengelnden Biest den Saft ab und streckte sich. Duschen oder nicht duschen? Er entschied sich dafür, zog seinen Schlafanzug aus und band sich ein Handtuch um die Hüften.
In dem Studentenwohnheim im Stadtteil Hausen gab es nur Etagenduschen, aber die geringe Miete, die er hier zu zahlen hatte, machte dieses Manko wieder wett. Er duschte fünf Minuten lang abwechselnd heiß und kalt, trocknete sich ab und ging zurück zu seinem Zimmer, um sich anzuziehen.
Er hatte Hunger, aber nichts im Kühlschrank, und so beeilte er sich, zum Bahnhof zu kommen, wo er ein Schinkenbrötchen oder Croissant bekommen würde.
Linie sechs brachte ihn zur Hauptwache und er stieg dort um in eine S-Bahn Richtung Hauptbahnhof; es war zwölf Uhr fünfzehn, als er dort ankam, es blieb ihm reichlich Zeit für ein kleines Frühstück, denn der Zug aus Moskau, fahrplanmäßige Ankunft um zwölf Uhr einundvierzig, hatte eine Verspätung von circa zwanzig Minuten, wie ihm die elektronische Anzeigetafel verriet.
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Bei Nowgorod, Russland, an der Magistrale 10
Laschtunow hielt am Seitenstreifen und breitete eine Landkarte auf seinem Schoß aus. Er war bis kurz vor Nowgorod gekommen und wollte dort übernachten. Er hatte die Wahl gehabt zwischen dem Hotel Intourist und dem Park Inn by Radisson, und er hatte Letzteres gebucht, obwohl die Übernachtung dort fast dreimal so viel kostete. Er hatte – den Rückweg eingerechnet – noch mehr als viertausend Kilometer zu fahren, und er wurde für diese Reise so gut bezahlt, dass er sich einen gewissen Luxus erlauben konnte. Ein wenig Angst machte ihm die auf seiner Tour notwendige Fährverbindung, denn er fühlte sich auf Schiffen nie besonders wohl. Das musste er in den Genen haben, denn sowohl seinen Vater als auch seinen Großvater hatte niemand jemals auf ein Schiff bekommen, woran vor langer Zeit einmal ein Auswandern der Familie nach Amerika gescheitert sein sollte.
Er hätte fliegen oder den kürzesten Weg von Moskau nach Frankfurt nehmen können, mit seinem winzigen Röhrchen Polonium wäre er sehr wahrscheinlich durch jede Zollkontrolle gekommen.
Aber dieser Vermittler („Sehen Sie in mir einfach einen Vermittler, der im Auftrag einer hochgestellten Persönlichkeit handelt.“), der ihn für das bezahlte, was er tat, hatte seinen eigenen Kopf gehabt und darauf bestanden, dass Laschtunow die umständliche Route über die Ostsee und die skandinavischen Länder benutzte; warum, das mochte der Teufel wissen. Aber es war nicht seine Sache, darüber nachzudenken. Der Araber – oder was immer er sein mochte – bezahlte die Musik, also durfte er auch erwarten, dass nach seiner Pfeife getanzt wurde.
Sein Auftraggeber hatte ihn so viel wissen lassen, dass der Inhalt dieses unscheinbaren, versiegelten Reagenzgläschens durchaus dazu in der Lage war, ein paar tausend Menschen zu vergiften, und obwohl Laschtunow schon seit langem nicht mehr im Wissenschaftsbetrieb tätig war, hatte er von dieser Materie aus seiner Zeit als Laborant am Moskauer Kurtschatow-Institut doch eine ziemlich genaue Vorstellung; und die ließ es glaubhaft erscheinen. Es gab solche Gifte (und ein bestimmtes Polonium-Isotop gehörte definitiv dazu), von denen schon ein paar Milli- oder gar Mikrogramm furchtbare Vergiftungen verursachten.
Aber auch das war nicht sein Problem, das Zeug in dem Röhrchen sah aus wie normale Asche, vielleicht ein wenig heller als diese, aber die Konsistenz stimmte. Es konnte an den Grenzen, die er zu überschreiten hatte, durch Messgeräte des Zolls nicht aufgespürt werden, und für den unwahrscheinlichen Fall, dass man es in seinem Auto finden und ihn danach fragen würde, hatte er eine plausible Erklärung bereit: Er war Chemiker und wollte einer finnischen (später schwedischen, dann dänischen und zuletzt deutschen) Firma ein Patent zur nahezu rückstandslosen Verbrennung von Plastikmüll zum Kauf anbieten, das er kürzlich angemeldet hatte. Diese Firmen gehörten zu den europäischen Marktführern für den Bau von Müllverbrennungsanlagen und waren an seiner Erfindung interessiert. Die Einladungen zu einer Präsentation vor Ort, die er in vier verschiedenen Versionen in seiner Brieftasche mitführte, waren beinahe echt, eine Kopie des Patentantrages sowie weitere hilfreiche Dokumente hatte er parat.
Er hatte eine Menge Zeit. Der Vermittler, der ihm fünfzigtausend US-Dollar für seine Fahrt bezahlte, hatte ihm in Grenzen freigestellt, wann er fuhr. Es gab eine Deadline, die lag in der zweiten Märzhälfte, ansonsten konnte er planen, wie er wollte.
Morgen sollte er es nach Wyborg und von dort auf dem Landweg nach Helsinki schaffen, unter Vermeidung einer Überfahrt über die „Finnische Pfütze“ (wie Russen das Baltische Meer etwas despektierlich nannten).
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St. Petersburg, Untersuchungsgefängnis des FSB
Kuljamin saß auf der schmutzigen Pritsche in seiner winzigen Zelle und ließ den Kopf hängen. Seit fast drei Tagen hatte niemand mehr mit ihm gesprochen, er bekam morgens eine dünne Suppe, einen Kanten harten Brotes und einen kleinen Krug Wasser, das nach Seife schmeckte. Abends war es dasselbe, was ihn aber nicht weiter störte, denn er hatte ohnehin nur sehr wenig Hunger oder Durst. Er registrierte, dass ihm seine Häscher selbst heute, am Vorabend von Väterchen Stalins Todestag, nicht einmal ein Stückchen Kuchen oder ein kleines Gläschen Wodka gönnten. So war es auch vorgestern gewesen, an seinem eigenen Geburtstag - niemand hatte ihm gratuliert, und er hatte eine Menge Zeit für nutzloses Grübeln gehabt.
Seine Gedanken wanderten ruhelos in seiner Vergangenheit umher, rührten hier und da an nicht Erreichtem, dann wieder suchten ihn Bilder einer Zukunft heim, in der er am Strand einer karibischen Insel in der Sonne lag und dunkelhäutige Kellnerinnen ihm köstliche Cocktails servierten. Das wäre seine Zukunft gewesen (was ein Konjunktiv Plusquamperfekt war, wusste er noch aus fernen Schulzeiten), und diese Zukunft war vorbei, bevor sie angefangen hatte.
„Sie wollten uns also Ihre Frau und Ihre Tochter hierlassen? Ohne ihnen auch nur einen einzigen Rubel von Ihren Millionen zu gönnen? Gratuliere, Sie sind ja ein Pfundskerl.“
Ihr hättet ihnen doch sowieso alles wieder weggenommen, hatte er sagen wollen, es aber dann lieber für sich behalten, obwohl doch ohnehin nichts mehr zu retten war.
Der Vernehmer war ein widerlicher Kerl, wäre Kuljamin nicht schon immer so feige gewesen, hätte er ihm das breite Grinsen aus dem Gesicht geprügelt. Diese Drecksäcke brachten einen dazu, sich als der miese Hund zu fühlen, der man - in seinem persönlichen Fall - wohl auch war.
Seltsamerweise schlugen sie ihn nicht und verschonten ihn von jeglicher anderer Folter, aber Kuljamin argwöhnte, dass es noch zu früh war, darüber zu frohlocken.
Sie kamen in tiefster Nacht, gegen halb vier morgens, und leuchteten ihm mit einer starken Taschenlampe ins Gesicht.
Kuljamin hatte wach in der Dunkelheit seiner Zelle gelegen, unfähig, einzuschlafen, und als er ihre Gesichter sah, glaubte er zu wissen, was nun folgen würde, denn war es nicht seit uralten Zeiten so, dass sie nachts kamen, um einen zu holen?
Seltsamerweise war seine größte Sorge, dass er sich bei seiner Hinrichtung in die Hose machen würde. Sein eigener Tod war etwas zu Abstraktes, er konnte sich ihn ebenso wenig vorstellen wie eine Welt, aus der er einfach wegretuschiert worden war. Er würde gleich ohne große Umstände eine Kugel oder den Strick bekommen. Für Leute wie ihn hatten sie immer nur Kugeln oder Stricke.
Er irrte sich gewaltig.
Sie gaben ihm seinen Anzug und seine Schuhe (samt Hosengürtel, Krawatte und Schuhbändern) zurück und forderten ihn auf, ihnen zu folgen. Über einen Hinterausgang ging es hinaus auf einen unbeleuchteten Parkplatz, wo einer der Männer einen altersschwachen Schiguli aufschloss. Sie wiesen ihn an, einzusteigen, und als er auf der Rückbank saß, ängstlich und im Unklaren darüber, was aus dieser Aktion werden sollte, fuhren sie los, durch die nächtlichen, beinahe menschenleeren Straßen St. Petersburgs.
Nach zwanzig Minuten erreichten sie den Flughafen, eben denjenigen, der Kuljamin vor ein paar Tagen zum Verhängnis geworden war. Nachdem sie den Wagen auf einem Langzeitparkplatz abgestellt hatten, nahmen sie ihn in ihre Mitte und steuerten auf die Abflughalle zu, in der trotz der frühen Stunde reges Treiben herrschte. Einer seiner Bewacher verschwand für ein paar Minuten und überreichte dem verdutzten Ex-Direktor bei seiner Rückkehr eine Bordkarte für einen Aeroflot-Flug nach London.
„Wir machen einen Kurzurlaub, Genosse Meisterdieb. Oder dachtest du, wir sind so reich, dass wir zwölf Millionen Dollar auf einem Konto verrotten lassen?“ Der Geheimdienstmann lachte ein meckerndes Lachen, als hätte er einen guten Witz gemacht.
Sie schoben ihn sanft in Richtung der Sicherheitsschleuse, die sie nach dem Zücken ihrer Dienstausweise unkontrolliert passieren durften.
Kuljamin konnte es nicht glauben. Sie wollten mit ihm nach Grand Cayman fliegen und sich sein Geld unter den Nagel reißen. Waren diese Männer von allen guten Geistern verlassen? Und… war das vielleicht eine winzige Chance, wenigstens mit dem nackten Leben davonzukommen?
Er wusste, dass er in den Händen professioneller Killer war, und die würden nicht zögern, ihn abzuservieren, wenn er zu fliehen versuchte. Allerdings erst, wenn sie das Geld hatten, oder nicht? Der Ex-Direktor begann fieberhaft nachzudenken. Vielleicht konnte er auf dem langen Flug über den Atlantik das Bordpersonal bitten, die Polizei von George Town zu benachrichtigen und sich nach der Landung dann von dieser in Schutzhaft nehmen lassen. Einfach Lärm schlagen und beten, dass die Geheimdienstler das Licht der Öffentlichkeit zu sehr scheuten, um sich an ihm zu vergreifen, solange andere Menschen in der Nähe waren. Man würde sehen, die Chancen standen schlecht, aber nicht mehr so schlecht wie vor kurzer Zeit noch in seiner kalten Zelle.
Sie begaben sich zum Flugsteig und Kuljamin, der vor Müdigkeit fröstelte und Angst vor dem Fliegen hatte, machte gute Miene zum bösen Spiel und lächelte, was das Zeug hielt.
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Dubna, Region Moskau
Ein Telefonat zwischen dem Absender der heiklen Mail und dem beabsichtigten Empfänger brachte schnell ans Licht, dass die bewusste Nachricht irregeleitet worden war.
„Wahrscheinlich wieder ein Tippfehler, wir werden gleich herausfinden, wo dieses Ding gelandet ist. Wir hatten schon in der Vergangenheit ein paar Kandidaten, die dafür in Frage kommen.“
„Beeilt euch, diese Meldung darf auf keinen Fall die Runde machen, man reißt uns sonst die Rübe ab.“
Sie fanden nach einem Einbruch in seinen Rechner schnell heraus, dass der alte Weksler nicht nur die Nachricht empfangen und geöffnet hatte, sondern auch, dass sie auf irgendein Speichermedium kopiert worden war. Der Regionsvorsteher des FSB bekam einen Wutanfall und schickte sofort drei seiner Schläger zum unweit gelegenen Büro des Alten.
Der hatte in der Zwischenzeit derlei Verdruss kommen sehen und die Mail samt Anhang von seinem Computer gelöscht. Aber seine Vorsicht kam zu spät, was er realisierte, als seine Bürotür sich öffnete, ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hätte anzuklopfen. Die drei Männer, die eintraten, kannte er zwar nicht persönlich, aber die Art ihres Auftretens sprach für sich. Sein Herz begann schneller zu schlagen.
„Sie haben nur zwei Möglichkeiten, Iossif Wladimirowitsch, und ich rate Ihnen dringend zur ersten. Die lautet: Reden Sie.“
Weksler wusste es nicht, aber sie hatten den Auftrag, ihn mit Rücksicht auf sein Alter und den berühmten Namen, den er trug, zuvorkommend zu behandeln. Sollte er sich aber weigern, mit ihnen zu kooperieren, so hatten sie freie Hand, in eigenem Ermessen Druck auszuüben, bis er ausspuckte, was er mit der fraglichen Mail gemacht hatte. Der Vorsteher meinte damit vielleicht ein paar Maulschellen, eine Kopfnuss oder eine kleine Daumenschraube, aber seine Männer dachten in völlig anderen Maßstäben.
Was Weksler ebenfalls nicht wusste, weil er sich nur wenig mit solchen Ungeheuerlichkeiten wie Folter befasst hatte: Er würde reden, so wie bisher noch jeder geredet hatte.
Und so kam es zunächst, dass er ihnen trotzig in die Augen blickte und fürs Erste stumm blieb wie ein Fisch. Es blieb einige Sekunden still, dann flüsterte der Älteste der Männer ein einziges Wort.
„Mitkommen.“
Einer der drei Agenten riss ihn hoch und bugsierte ihn in Richtung Tür. Er sollte sein Büro niemals wieder betreten.
Der Weg zu dem Kellerverlies war kurz, einen im Halbdunklen liegenden Gang entlang, dann zwei Treppen hinunter und noch ein paar Schritte nach rechts in einen neuen, noch dunkleren Gang, in dem es nach Moder und Urin roch.
Der Wortführer des Trios zog einen Schlüsselbund aus der Manteltasche und schloss eine Tür auf. Der kleine Raum dahinter sah wenig einladend aus. Als erstes fiel Weksler auf, dass es kein Kellerfenster gab und der Raum auch im Winter nicht geheizt wurde. Es war feucht und bitterkalt.
„Ausziehen, aber dalli!“
Allmählich wurde dem Alten klar, in welcher Lage er sich befand. Er begann zu zittern. „Aber…“
Er bekam eine Ohrfeige, worauf ihm ein wenig schwarz vor Augen wurde und sein linkes Ohr zu pfeifen begann. Aber er kam der Aufforderung nach und fing an, sich umständlich auszuziehen. Als er bis auf Unterhose und Unterhemd nackt war, schaute er die Männer an. Genug? fragte er mit den Augen.
„Weitermachen! Alles runter!“
Es gab einen Tisch mit mehreren Stühlen sowie einen gusseisernen Lehnstuhl, der frei in der Mitte des Raums stand. Auf diesem schnallten sie ihn fest.
Kurios, dachte Weksler, diese Kerle bringen mich um wegen einer E-Mail. Lasst mich in Ruhe, ich habe nichts Verwerfliches getan!
Und als ob er diesen Gedanken gelesen hätte, fragte der Älteste seiner Häscher: „An wen haben Sie die Mail weitergegeben, Väterchen? Sie werden sich besser fühlen, wenn Sie es uns sagen. Viel besser, ich verspreche es Ihnen.“
Weksler starrte ihn an und biss sich einstweilen nur auf die Unterlippe.
„Gut.“ Der Boss des Trios gab dem Mann, der hinter ihm stand, ein Zeichen. Dieser befestigte eine Metallklammer, die am Ende eines dünnen Kabels hing, am Hodensack des alten Mannes. Dann reichte er seinem Boss ein kleines Gerät, das an die alten Trafos erinnerte, mit denen früher Modelleisenbahnen gesteuert wurden.
Weksler quollen die Augen über, als er erkannte, was nun folgen würde. Der Mann dreht einen Knopf leicht im Uhrzeigersinn. Weksler schrie.
„Das waren weniger als zehn Prozent, Väterchen.“ Er drehte erneut, und der Gefolterte rutschte in seinen Fesseln hin und her wie ein ekstatischer Rock’n‘Roll-Tänzer auf Speed. Als es vorbei war, begann er zu wimmern.
„Fünfzehn Prozent. Sollen wir unterbrechen?“
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich habe diese Mail gelöscht, weil sie nicht für mich bestimmt war.“
„Falsche Antwort, mein Freund. Wir haben Ihren Computer gecheckt. Die fragliche Nachricht, die Sie bekommen haben, wurde kopiert. So etwas kann man herausfinden, Väterchen. Ach ja, und so fühlen sich zwanzig Prozent an.“
Wekslers Schreie hallten von den nackten Wänden wider, Ader- und Sehnenstränge traten an seinem dürren Hals hervor, dann begann er leise zu weinen.
„Wir können dafür sorgen, dass Sie in Würde abtreten, Weksler, ohne den großen Namen Ihres Vaters öffentlich zu beschmutzen.“ Der Alte verstand nicht gleich, was sein Peiniger meinte. Er starrte ihn nur verständnislos und mit Tränen in den Augen an.
„Sie geben uns den oder die Namen und sterben dafür ohne weitere Schmerzen. Leben lassen können wir Sie jedenfalls nicht angesichts dessen, was sie angerichtet haben, das verstehen Sie doch sicher.
Sie hinterlassen ein Schreiben, das wir auf ihrem Computer aufsetzen. Darin teilen Sie der Nachwelt mit, dass Sie an einer unheilbaren und mit Sicherheit tödlich verlaufenden Krankheit leiden und Schluss machen, um den zu erwartenden Qualen zu entgehen. In gewisser Weise ist Letzteres ja nicht einmal gelogen.“
Igors Großvater gerann das Blut in den Adern, als ihm schließlich dämmerte, dass er diesen Raum nicht mehr lebend verlassen würde.
Aber er wollte sie nicht auf Igors Fährte bringen, wenn die Schmerzen bis zum Schluss auch nur irgendwie erträglich wären. „Gehen Sie zum Teufel, Sie Ungeheuer!“
Sein Gegenüber lächelte freundlich. „Das werde ich gewiss eines Tages tun, aber zuerst sind Sie dran. Ich glaube, wir überspringen die fünfundzwanzig Prozent. Sergej, stopf ihm ein Tuch ins Maul, damit er uns nicht die Ohren vollplärrt. Wenn er uns ein Signal gibt, dass er reden will, kannst du es wieder entfernen.“
Der Gehilfe des Monsters trat zu dem Folterstuhl und steckte dem Alten einen zusammengeballten Stofflappen in den Mund, der nach Benzin oder Putzmitteln roch. Dann trat er einige Schritte zurück, um das nun folgende Schauspiel zu genießen.
Der nächste Schlag war mörderisch, die Schmerzen unbeschreiblich. Er verlor beinahe das Bewusstsein, ein tiefer Friede wollte ihn überkommen und er hatte das Gefühl, loslassen zu können. Aber dann erhielt er zwei kräftige Ohrfeigen und wurde wieder ins Leben zurückgerissen.
„Das waren vierzig Prozent. Wollen wir jetzt ernsthaft miteinander reden?“
Weksler nickte oder glaubte wenigstens, es zu tun. Er konnte nicht mehr.
„Mein Enkel Igor. Er ist Physiker und lebt in Frankfurt. Ich wollte ihn warnen, damit er von dort verschwinden kann.“
„Name und Adresse, dann können wir Sie erlösen. Oder gibt es noch andere, die etwas wissen?“
Der Alte schüttelte den Kopf. Dann sagte er seinen Peinigern, was sie wissen wollten. Die Existenz seiner Enkelin Katja verriet er ihnen nicht.
„Sehen Sie, das war doch gar nicht so schwer.“ Der Chef dieser Verbrecher griff in seine Tasche und beförderte eine kleine Dose ans Licht, die er öffnete, um ihr eine längliche Kapsel zu entnehmen.
„Sergej, geh auf den Flur und hol unserem Gast ein Glas Wasser.“
Sechs Minuten und dreißig Sekunden später war Iossif Wladimirowitsch Weksler, Sohn eines hochdekorierten Physikers aus der Zeit des Kalten Krieges und Großvater zweier Enkel, die er in Deutschland in großer Gefahr wusste, nicht mehr am Leben.
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Krasnodar, Südwest-Russland
Der Vermittler hatte sie darauf vorbereitet, ihnen Geduld gepredigt; aber den beiden Fahrern fiel das Warten dennoch schwer.
Obwohl sie einen Umweg von mehr als fünfhundert Kilometern gemacht hatten, waren sie bereits vor ein paar Tagen in Krasnodar angekommen, waren von dort auf das letzte Teilstück der Strecke nach Noworossijsk gegangen und wurden sechzig Kilometer vor der Hafenstadt am Schwarzen Meer, wo ihre drei Röhren auf ein Schiff verfrachtet werden sollten, durch einen Anruf ausgebremst.
Ihre Route war von ihrem Auftraggeber erdacht worden, der annahm, dass die direkte Strecke von Tscheljabinsk nach Noworossijsk ebenso wie alle anderen Fernverbindungen unter besonderer Beobachtung von Miliz, Militär und Geheimdienst stünde, sobald der Diebstahl aufgeflogen war. Und er war aufgeflogen, daran gab es keinen Zweifel mehr.
Es hieß nun zu warten, bis sich die Lage beruhigt hatte, alle offiziellen Grenzübergänge des riesigen russischen Reiches waren für den Warenverkehr dicht, und das betraf eben auch solche Fracht, die auf dem Schiffsweg das Land verlassen sollte. Die Weiterfahrt musste verschoben werden, bis Entwarnung kam, es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu fassen. Dafür wurden sie gut bezahlt, worauf ihr Auftraggeber sie ausdrücklich hingewiesen hatte.
Sie mussten ihre Neugierde gewaltig zügeln, denn der Vermittler hatte ihnen nicht verraten, was sich in den Röhren befand; dass es sich um etwas Gefährliches handelte, war ihnen aber ebenso klar wie die Tatsache, dass sie etwas Verbotenes taten. Die Wärmeentwicklung in den Zylindern war ihnen nicht entgangen, auch wenn sie sie nicht plausibel erklären konnten. Naja, und der exorbitante Lohn für diese vergleichsweise bescheidene Aufgabe sprach seine eigene Sprache.
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Frankfurt am Main
Igor weinte haltlos am Telefon. Am anderen Ende der Leitung konnte auch Katja ihre Tränen kaum unterdrücken.
Ihr geliebter Großvater, der ihnen über viele Jahre die Eltern ersetzt hatte, war tot. Gestorben von eigener Hand, wenn man der Verwaltung in Dubna glauben wollte – und das tat Igor, der am Vortag eine alarmierende Nachricht des Verstorbenen erhalten hatte, keine Sekunde lang.
Angeblich hatte es einen Abschiedsbrief gegeben, den er an seinem Computer verfasst hatte. Deshalb gab es keine Unterschrift, anhand derer man die Echtheit des Schreibens hätte nachprüfen können.
Das Traurigste für sie war, dass sie nicht einmal zu seiner Beerdigung nach Dubna fliegen konnten, denn – wie man ihnen in bester Amtssprache mitteilte – der Leichnam des alten Mannes war bereits am Vortag nach einer gründlichen Untersuchung eingeäschert und die Urne auf einem Friedhof beigesetzt worden, dessen Namen sie nicht einmal erfuhren.
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Riad, Saudi-Arabien
Yassir Hossein, der Vermittler, unterdrückte den Wunsch nach einer Zigarette. Er saß im Wohnzimmer seines Auftraggebers, wobei der Ausdruck Zimmer eigentlich eine Beleidigung für den einem Kirchenschiff ähnlichen Raum war, in dem eine Fußballmannschaft hätte trainieren können. Der Alte duldete keinen Zigarettenrauch in seinen Gemächern.
„Es sind geringfügige Schwierigkeiten aufgetreten, Prinz. Aber es ist nichts, was nicht absehbar gewesen wäre. Die Russen haben natürlich panikartig ihre Grenzen geschlossen; aber das halten sie nicht länger als zwei Wochen durch. Danach werden die Übergänge wieder durchlässig. Außerdem ist unser erster Transporter bereits seit einer Woche in Kasachstan und bewegt sich jetzt auf Nebenstraßen auf die usbekische Grenze zu. Es ging bisher nur langsam voran, aber auch das wussten wir. Die Jahreszeit lässt keine höhere Geschwindigkeit zu.“
„Welche Auswirkungen wird es haben, wenn wir einen oder zwei dieser Transporte verlieren?“
Hossein lächelte sein stets auf Hochglanz poliertes Lächeln.
„Eigentlich nichts, wir haben großzügig geplant. Schon wenn drei dieser neun Röhren tatsächlich ankommen, zuzüglich des Poloniums, dann wird es in Frankfurt Chaos und Verderben geben.“
„Wie hoch schätzen Sie den ökonomischen Schaden, den unsere Aktion anrichten wird?“
Der Saudi konnte seine Zweifel am Erfolg dieser Aktion nicht unterdrücken. Er war sterbenskrank und seine Ärzte hatten durchblicken lassen, dass es in weniger als vier Monaten zu Ende sein konnte - nein, würde. Der Anschlag, der den feigen Kindesmördern von Kunduz galt, war sein Vermächtnis an die Muslime dieser Erde.
„Denken Sie an eine hohe Ziffer mit zehn Nullen, versehen mit einem Dollarzeichen. Vielleicht sogar ein wenig mehr.“




