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„Beim Barte des Propheten!“
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George Town, Grand Cayman
Nachdem sie ihre Bankgeschäfte erledigt hatten, blieben den Mitarbeitern des Geheimdienstes und dem von ihnen entführten Kuljamin noch drei Tage Zeit, die es totzuschlagen galt, bevor sie die Heimreise antreten durften (oder mussten, je nach persönlichem Gusto), denn es gab für ihre Buchung keine frühere Verbindung nach Moskau.
Am ersten Tag sprachen sie – mit Kuljamin als Frontmann – bei der Barclays Bank in George Town vor und der ehemalige Direktor veranlasste eine Überweisung in Höhe von etwas über elfeinhalb Millionen Dollar auf das Konto einer russischen Spedition bei einer Genfer Bank. Diese Spedition war eine uralte, noch aus KGB-Zeiten stammende Tarneinrichtung, der sie sich jetzt bedienten, um sich Kuljamins Geld anzueignen.
Weil nach dieser Transaktion auf dem Konto in George Town noch immer einiges an Geld übrig war, hoben sie fünfzigtausend Dollar in bar ab und verprassten in diesen drei Tagen so viel davon wie möglich.
Zu ihren Ausgaben gehörten die Anmietung einer Stretch-Limousine mit Chauffeur und einer gutsortierten Bar an Bord; eine Nacht mit vier einheimischen Prostituierten für den gehobenen Geschmack in der Senior Suite eines Luxushotels; kostbar aussehender Schmuck als Entschädigung für ihre daheim gebliebenen Ehefrauen stand ebenfalls auf der Einkaufsliste. Und am letzten Tag vor ihrem Rückflug mieteten sie eine hochseetaugliche Jacht, mit der sie zum Angeln hinaus zum Riff fuhren, vor dem die großen Fische warteten.
Kuljamin war erleichtert, er hatte an all den teuren Vergnügungen teilnehmen dürfen und dabei beinahe das Gefühl gewonnen, wirklich dazu zu gehören. Seinen Vorsatz, auf dem Flug hierher Alarm zu schlagen und die Aufmerksamkeit anderer Passagiere oder des Kabinenpersonals auf sich zu ziehen, hatten seine neuen Freunde schon vor dem Abheben der Maschine zunichte gemacht. Kaum hatten sie sich angeschnallt, zückte einer der Agenten eine Einwegspritze und rammte sie Kuljamin in den Unterarm. Der war binnen kürzester Zeit völlig weggetreten und erst wieder zum Sprechen fähig, als sie ihn kurz vor der Landung auf der Karibikinsel kräftig schüttelten.
Wie dem auch sei, er fühlte sich gut und seinem tödlichen Schicksal schon beinahe entronnen, bis es am letzten Tag hinaus aufs Meer ging und sich seine Angst wieder meldete, ohne dass er hätte sagen können, warum.
Champagner und Wodka floss in Strömen und ab und zu fingen sie wirklich einen Fisch, wobei es sich meist um Goldmakrelen handelte, die sie - begleitet von lautem Grölen - wieder ins Meer warfen, weil sie nichts mit ihnen anzufangen wussten.
Allmählich fragte sich Kuljamin, was sie mit den drei Eimern blutiger Köder vorhatten, die bestialisch stinkend in der prallen Sonne standen, aber er wagte nicht danach zu fragen.
Die Antwort dämmerte ihm, als er sich über die niedrige Reling beugte und knapp unterhalb der Wasseroberfläche die mächtigen Schatten sah, die das Schiff umkreisten. Sein Herz machte ein paar stolpernde Zwischenschläge und ihm wurde mit einem Male schlecht.
„Na, Sie Auswanderer, genießen Sie unseren kleinen Ausflug?“ Der Chef seiner Entführer kam mit einem Drink in der Hand und einem seiner Schlägertypen im Schlepptau zu ihm hinüber. Er schaute ebenfalls ins Wasser und der zitternde Kuljamin wusste, was der andere sah.
„Sind das Haie?“ Die Stimme des Ex-Direktors klang, als hätte er reines Helium eingeatmet.
„Oh ja, die gibt es hier in rauen Mengen, wir haben uns schlau gemacht; Zitronenhaie, harmlose graue Riff-Haie, aber auch Blau- und Tigerhaie, die sich für unser kleines Spielchen besser eignen.“
Er gab seinem Handlanger ein Zeichen, und dieser kam mit einem der Eimer an die Reling und schüttete die blutigen Fischreste über Bord. Sofort kam Bewegung in das Wasser unter ihnen, mehrere Haie stürzten sich auf die Köder, als hätten sie seit Wochen nichts mehr zu Fressen bekommen. Kuljamin schrie vor Entsetzen auf, er glaubte, sich übergeben zu müssen, und seine Knie wollten nachgeben.
„Sie haben nicht ernsthaft erwartet, dass wir Sie zurück nach Hause mitnehmen würden? Was erwartet Sie dort schon außer einem Genickschuss oder lebenslanger Lagerhaft? Auf unsere Art hatten Sie immerhin noch ein paar schöne Tage, nicht wahr? Nehmen Sie es sportlich, Mann!“
Der muskulöse Schläger kam auf Kuljamin zu und drückte ihn gegen die alles andere als stabile Reling. Der Alte wollte um Gnade winseln, aber sein Hals war wie zugeschnürt und er brachte keinen Ton mehr heraus. Die Augen quollen ihm beinahe aus den Höhlen und er hob die Hände zu einer schwachen Gegenwehr, die ihm freilich nichts nutzte. Das Gesicht seines Mörders war jetzt nur noch Zentimeter von ihm entfernt und er konnte eine widerliche Mischung aus Schweiß, Knoblauch und Wodka riechen. Dann packte ihn der Mann an den Hüften, hob ihn scheinbar mühelos hoch und warf ihn ins Wasser.
So hartgesotten diese Killer auch waren, das Schauspiel, das sich ihnen jetzt bot, wollten sie lieber doch nicht mit ansehen und deshalb drehte die Yacht bei und fuhr zurück in Richtung Hafen, noch bevor die Haie mit dem alten Mann fertig waren.
Drittes Kapitel
Russland, Moskauer Kreml
Im Büro des Präsidenten hinter den Mauern des Moskauer Kreml war es für einen Moment totenstill, nicht einmal von draußen drang irgendein Geräusch in das riesige Zimmer, in dem sechs Männer saßen, die eine Krise eingrenzen wollten, wie es sie lange nicht gegeben hatte.
„Können wir leugnen?“ fragte der (faktische) Regierungschef in das unbehagliche Schweigen hinein.
„Im Moment geht das noch. Aber wir müssen uns den Jungen in Deutschland vornehmen. Er hat das Dossier, in dem unmissverständlich steht, was geschehen ist. Mitsamt unserer Schlussfolgerungen, Weg, Zielort und Verwendungszweck betreffend. Ich kann sofort eine Operation in Gang setzen...“ Der SWR-Mann war der Einzige im Raum mit einem Anflug von Tatendrang.
„…also ist die einzige Gefahr für uns ein russischer Student, der in Deutschland lebt, richtig?“ Der Präsident unterbrach den Chefstrategen für europäische Angelegenheiten, der ihm direkt unterstellt war und der zu langen Vorträgen neigte, wenn man ihn nicht bremste.
„Bisher ist das wahrscheinlich so, Wladimir Semjonowitsch.“
Der Analytiker war der einzige Mann im Raum, der den nahezu allmächtigen Herrscher aller Reußen mit Vor- und Vatersnamen ansprechen durfte. „Es sei denn, er hat sein Wissen bereits verbreitet.“
„Dann kommt es also nur auf Tempo und schieres Glück an?“
„Richtig, Herr Präsident.“ Der Außenminister, der bisher geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort.
Allen Anwesenden war bewusst, was auf dem Spiel stand. Würde die restliche Welt erfahren, dass die russische Regierung nicht in der Lage dazu war, auf ihren nuklearen Brennstoff aufzupassen, dann wären nicht nur alle bilateralen Abrüstungsgespräche mit den Amerikanern sowie sämtliche Nichtverbreitungsabkommen infrage gestellt. Der Präsident und seine Leute wären das Ziel von weltweitem Hohn und Spott, was auch zu innenpolitischen Problemen führen konnte; denn das russische Militär war nicht für seinen Humor bekannt und wurde traditionell schnell unruhig, wenn es sich von der Politik bloßgestellt oder schlecht vertreten fühlte.
Würden tatsächlich in Mitteleuropa unglaubliche einhundertzwanzig Kilogramm radioaktiver Substanzen in die Luft gejagt werden, dann könnte das für Russland den teilweisen Verlust seiner bisherigen Rolle auf der weltpolitischen Bühne bedeuten (ganz abschreiben konnte man es natürlich nicht, dafür besaß es zu viele Rohstoffe und eine viel zu große militärische Stärke). Aber die Stellung auf Augenhöhe mit Amerikanern, Europäern und Chinesen, für die die jetzige Regierung über viele Jahre gekämpft hatten, wäre auf längere Sicht dahin.
Russland stünde wieder am Anfang. Als unberechenbarer Bösewicht, als der gefürchtete Russische Bär, der die Kontrolle über sich selbst verloren hatte und der deshalb die Welt und den Weltfrieden bedrohte.
Der Präsident war blass und hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Wer ihn kannte, wusste, dass dies kein gutes Zeichen war. Er wandte sich wieder an den Geheimdienstchef.
„Wie sicher sind Sie, dass der Transport über Kasachstan und Usbekistan erfolgt?“
„So sicher man nur sein kann, Herr Präsident. Der festgenommene Direktor des Lagers, der unselige Kuljamin, hatte Todesangst, als wir ihn verhörten. Er hatte nicht den Mut, uns zu belügen.“
„Wo ist der Mann im Moment? Oder haben Sie ihn etwa schon hingerichtet?“
Der SWR-Chef druckste ein wenig herum. „Er ist momentan im Ausland, mit drei zuverlässigen Bewachern. Wir wollen das Geld, das er für seinen Diebstahl bekommen hat, für unser Land sichern. Sie verstehen, elfeinhalb Millionen US-Dollar sind für uns keine Kleinigkeit, aber um an das Geld zu kommen, muss der Kontoinhaber persönlich bei dieser Bank vorsprechen. Und die residiert bedauerlicherweise auf den Cayman Islands.“ Der Mann wand sich vor Verlegenheit.
Der Präsident sah aus, als wolle er vor Wut in tausend Stücke zerspringen. Während im winterlichen Moskau wegen dieser Katastrophe die Welt unterzugehen drohte, machte sein Geheimdienst Urlaub in der Karibik! Hässliche rote Flecken verunzierten sein Gesicht und ließen ihn aussehen wie einen bösartigen Clown.
„Gut, ich werde mit Astana und Taschkent telefonieren. Ich denke, dort können sie uns helfen, den Transport vor der afghanischen Grenze zu stoppen, denn danach wären wir – Sie wissen das selbst - beinahe hilflos.“ Er hatte sich gesammelt und war wieder ganz Autorität.
„Erstens, ab sofort gilt folgende Sprachregelung: Falls an dem Gerücht vom Verlust spaltbaren Materials überhaupt etwas dran ist, dann bedeutet es höchstens, dass beim ersten Durchgang einer turnusmäßig erfolgten Inventur geringfügige Diskrepanzen zwischen den erwarteten und ermittelten Mengen aufgetaucht sind. Dies ist aber völlig normal in diesem Stadium und bedeutet nicht, dass etwas fehlt.“
Der Präsident schaute in die Runde, um die Wirkung seiner Worte in den Gesichtern seiner Untergebenen abzuschätzen.
„Zweitens, was werden Sie mit dem Jungen in Deutschland anstellen, wenn Sie ihn erwischt haben?“
„Das wollen Sie nicht wissen, Herr Präsident.“
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Fort Meade, Maryland, NSA-Zentrale
„Ich habe da etwas auf dem Schirm“, sagte Bernie Noakes zu seinem Nachbarn, der im Augenblick Pause hatte und die Zeit mit einem Computerspiel totschlug.
Bill hatte diesen Job nach 9/11 ergattern können, weil er fließend Hocharabisch, Persisch (Farsi und Dari, das war neben dem Iran essentiell für Afghanistan, wo US-Streitkräfte engagiert waren) nicht nur sprach, sondern auch lesen konnte, sowie eine rudimentäre Kenntnis einiger weiterer mittelasiatischer Dialekte besaß.
Man hatte aus den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon gelernt - Anschläge, die möglicherweise nicht hätten stattfinden können, wenn NSA, CIA und FBI damals die Sprache der Terroristen beherrscht und besser zusammengearbeitet hätten.
Heute hatte man zwar immer noch zu wenige Mitarbeiter mit mittelöstlichen Sprachkenntnissen, aber man hatte aufgeholt, was die Überwachung von Telefonaten, E-Mails und Bankkonten verdächtiger Personen anging.
„Dieser Danilow, von dem ich dir erzählt habe“, sagte Noakes, „der mit den knapp zwölf Millionen in der Karibik. Der ist vor drei Tagen von St. Petersburg – nein, nicht das in Florida – über London auf Cayman Islands geflogen. Er hatte drei Mann vom SWR im Schlepptau, es gab jedenfalls eine gemeinsame Buchung für vier Personen. Wir kennen diese Brüder, die sind ziemlich unappetitlich. Wir wissen von mindestens sechs Hinrichtungen, die sie im europäischen Ausland durchgeführt haben, die spektakulärste vor drei Jahren in Paris, wo…“
„Komm zur Sache, Brüderchen.“ Bernie konnte einem auf die Nerven gehen, weil er immer endlos weit ausholte.
„Tja, drei von den vier Typen sind heute Nachmittag zurückgeflogen. Nur Danilow ist dort geblieben.“
„Na, und? Vielleicht macht er noch ein bisschen länger Urlaub. Leisten kann er sich’s ja jetzt, nicht wahr?“
„Eben nicht.“ Noakes sah ihn triumphierend an. „Der Junge ist so gut wie pleite. Er hat vor drei Tagen fast den kompletten Betrag an eine uns seit langem bekannte Scheinfirma in Genf überwiesen. Den Rest hat er in bar abgehoben, aber das waren nur noch etwas über fünfzigtausend. Davon lässt es sich im Ausland nicht allzu lange leben.“
„Die Frage ist doch eher, warum die drei Agenten ihn nicht wieder mit nach Hause genommen haben, sobald die Kohle überwiesen war. Glaubst du ernsthaft, die lassen den laufen?“
„Hm…eher nicht, also ist zu vermuten, dass er das Zeitliche gesegnet hat; aber was das Ganze überhaupt soll, ist mir schleierhaft. Das Geld kam doch ursprünglich aus Saudi-Arabien, oder?“
„Du sagst es, Brüderchen.“
„Wenn ich dein Brüderchen wäre, hätte ich mir längst die Kugel gegeben. Aber bleiben wir dran an dieser Sache, interessant ist sie allemal. Was kann ein saudischer Prinz, dessen Land seine Waffen zu Sonderkonditionen von uns geliefert kriegt, von einem Russen wollen, das zwölf Millionen wert ist.“
„Gute Frage. Meinst du, wir sollten das nach oben melden?“
„Lass uns noch zwei oder drei Tage warten, vielleicht kriegen wir noch etwas Handfesteres rein.“
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Naro-Fominsk, 75 km südwestlich von Moskau
Die Fahrer hatten nichts zu tun, und das bekam ihnen nicht. Sie begannen Karten zu spielen und zu würfeln, zuerst, um die Langeweile zu vertreiben, später um Geld, und das schaffte in Verbindung mit viel und billigem Wodka alsbald Verdruss und Streit. Aber es kam nicht zum Ärgsten, weil beide wussten, dass sie aufeinander angewiesen waren.
Sie hatten Glück im Unglück, denn als der Vermittler sie auf ihrem ersten von mehreren Handys erreichte (ein Handy, das gemäß der Anweisung des Arabers sofort nach dem Gespräch zerstört und entsorgt wurde, um seine Peilung unmöglich zu machen), befanden sie sich unweit des Städtchens Naro-Fominsk. Dort hatte ein Bekannter eines der Fahrer eine gemütliche kleine Datscha, auf der die beiden unterschlüpfen konnten. Und da der Besitzer und seine Frau vor Anfang Mai nicht dort aufkreuzen würden, weil erst dann die Zeit der Aussaat und der Auspflanzung begann, konnten sich die beiden Männer in dem Häuschen so lange verstecken, wie es nötig war.
Von Nachteil war, dass die Datscha relativ weit außerhalb der Stadt lag, weshalb sie nicht zu Fuß einkaufen konnten. Sie mussten jedes Mal, wenn sie etwas brauchten, mit dem schweren Lastwagen zum nächstgelegenen Supermarkt fahren, was für allerlei Aufsehen sorgte, weil sie noch immer das Autokennzeichen des beinahe zweitausend Kilometer entfernten Tscheljabinsk an ihrem Truck führten.
Einmal wurden sie von einem Milizionär angesprochen, als sie gerade das Geschäft verließen, und für eine Schrecksekunde sah es so aus, als wolle er sich ihr Fahrzeug genauer anschauen. Er hatte Glück, dass er es nicht tat, denn sie hatten vereinbart, jeden zu töten, der versuchen sollte, sie aufzuhalten. Sie wussten zwar nicht, was genau in den stets sehr warmen Röhren war, die sie schmuggelten, aber es war nicht schwer zu erraten, dass es etwas sehr Kostbares sein musste und dass sie für lange Zeit im Knast verschwinden würden, wenn man sie schnappte. Ihre Bezahlung sprach Bände, und für die jeweils fünfzehntausend amerikanischer Dollar, die sie bekamen, hätten sie auch diesen Polizisten erledigt. Kaum ein Menschenleben in Russland war so viel wert.
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Bonn, Russisches Generalkonsulat
Dimitrij A. Mejibowski war Diplomat mit Leib und Seele, doch manchmal wollte er am Leben verzweifeln, wenn er sah, was seine Landsleute an Unfug trieben.
Wer konnte nur auf diese fürchterliche Idee verfallen sein, ihm dieses Pack, diese selbsternannte „Schwarze Brigade“ auf den Hals zu hetzen? Mehrmals schon hatte er beim Außenminister, seinem direkten Vorgesetzten, darum ersucht, ihn von diesen Kerlen zu verschonen; und jedes Mal hatte dieser ihm versprochen, sich beim FSB, beim SWR oder notfalls auch an allerhöchster Stelle dafür einzusetzen, solch tollwütige Hunde an der Kette zu behalten, wenn es um Auslandseinsätze ging.
Es war bei den Versprechungen geblieben, und nun hatte er diese Kerle wieder am Hals und musste beten, dass sie ihn nicht auf deutschem Boden kompromittierten, wie das schon zweimal in den vergangenen drei Jahren geschehen war.
Diesmal hatten sie ihm vier Mann geschickt, die in Deutschland nach einem russischen Landsmann fahnden sollten, und aus der gefaxten Ankündigung ihrer Ankunft hatte er zwischen den Zeilen herauslesen können, dass es sich um einen Auftrag handelte, bei dem es blutig zugehen konnte - nein, würde - wenn sie den Betreffenden erwischten und dieser nichts zu seiner Entlastung vorzubringen hätte - was in guter Tradition nie der Fall war, wenn man den Akten glaubte.
Das war jedoch nicht das Schlimmste an der Sache, russische Geheimdienste hatten über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte immer wieder im Ausland gemordet, und sie würden es auch bis in alle Ewigkeit tun, Entspannung hin oder her; der altgediente Diplomat machte sich diesbezüglich kaum Illusionen.
Was ihn so entrüstete war, dass er - ein kompromissloser Mann des Friedens – diesen Totschlägern Hilfestellung leisten musste. Sie brauchten Waffen, Fahrzeuge, Hotelzimmer, Computerkapazität, all diese Dinge musste er sie für sie auf höchste Anweisung hin beschaffen.
Er hatte keine Ahnung, welch armer Hund diesmal dran glauben musste, er wollte es nicht auch nicht wissen, denn physische Gewalt widerte ihn an und er mochte gar nicht darüber nachdenken, ob der zu Liquidierende nun schuldig war oder einfach nur lästig.
Die Begrüßung am Nachmittag war frostig verlaufen, der alte Diplomat hatte es nicht fertiggebracht, den Ankömmlingen die Hand zu reichen oder ihnen gar Erfolg zu wünschen; wegen der zu besorgenden Dinge hatte er ihnen einen subalternen Handelssekretär zugeteilt, der sich um alles kümmern sollte. Damit war der Form von seiner Seite aus Genüge getan, mehr an Aufmerksamkeit brauchten diese Kerle von ihm auch nicht zu erwarten.
Mejibowski räumte die Unterlagen, die er vor sich liegen hatte, in den Safe und machte sich missmutig auf den Heimweg.
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Frankfurt-Sossenheim
Igor hatte in einem russischen Lebensmittelgeschäft eine Flasche schweren grusinischen Rotweins aufgetrieben und hielt sie seiner Schwester hin, als diese ihm die Tür öffnete. Sie umarmten sich innig noch vor der Tür (für Russen brachte es Unglück, dies auf der Türschwelle zu tun), und sie bat ihn herein.
Igor war niedergeschlagen, und er hatte Angst. Aber er würde Katja nicht den Abend verderben, indem er sie mit dem Brief beunruhigte, den er von ihrem vor ein paar Tagen verstorbenen Großvater erhalten hatte. Dass sie den Mann verloren hatten, der sie jahrelang fast alleine großgezogen hatte, war schlimm genug, und er wollte seiner Schwester keinen weiteren Kummer bereiten.
Er kannte sich mit den praktischen Seiten der Atomtechnik nicht sonderlich gut aus und war damit nicht allein unter den Theoretischen Physikern. Aber er wusste, dass eine solche Menge stark strahlenden Materials - mit einem guten konventionellen Sprengstoff zur Explosion gebracht - dazu ausreichen konnte, Teile Frankfurts für längere Zeit so zu verseuchen, dass sie unbewohnbar waren, bis sie gründlich dekontaminiert worden waren. Und das war eine unglaubliche Perspektive.
Er ahnte den Zusammenhang zwischen den Informationen, die er bekommen hatte, dem Tod des Großvaters und seinen unheimlichen Begegnungen der letzten beiden Tage.
Katja hatte ukrainischen Borschtsch gemacht, den ihr Bruder so mochte. Dazu gab es frisches Baguette und den Wein, den er mitgebracht hatte. Sie redeten wenig während des Essens und gerade, als sie den Tisch abräumen wollten, klingelte das Telefon.
Katja erschrak und errötete von einer Sekunde auf die andere. Sie stand hastig auf, nahm das schnurlose Telefon aus seiner Ladestation und ging damit ins Schlafzimmer. Igor hörte nur noch, wie Katja sagte, dass es heute unmöglich sei und dass der Anrufer sich morgen wieder melden solle. Dann hatte sie die Tür hinter sich zugezogen und er hörte nicht mehr, was besprochen wurde. Ihm fiel ein, dass er dies schon zwei- oder dreimal erlebt hatte, wenn er hier war. Es war merkwürdig.
Hatte seine Schwester einen Freund oder Geliebten? Die Vorstellung, dass dieser sich mächtig ärgern musste, weil Igor immer gerade dann bei ihr war, wenn er turteln wollte, amüsierte ihn ein wenig.
Er entschied sich trotz aller Neugier dagegen, sie direkt zu fragen; wenn sie ihm etwas zu sagen hatte, würde sie das tun. Und außerdem, war er nicht seit langem der Meinung, dass Katja mit ihren beinahe achtundzwanzig Jahren langsam an eine eigene Familie denken sollte?
Als sie wieder ins Wohnzimmer kam und das Telefon zurück an seinen Platz stellte, war Igor in Gedanken wieder bei dem Brief, den er bekommen hatte. Sein Großvater hatte nie zur Panikmache geneigt. Er war ein ruhiger, ausgeglichener Mann, der dazu neigte, Aufgaben oder Probleme zuerst von allen Seiten gründlich zu beleuchten, bevor er handelte.
Diesmal musste es anders sein; auf dem Blatt Papier, welches die SD-Karte begleitet hatte, war nur eine winzige, fast unleserlich gekritzelte Nachricht gewesen. „Was hältst du davon? Wollt ihr nicht lieber nach Hause kommen? In Liebe, dein Opa. PS.: Liebste Grüße an Katja!“
Kein Vergleich zu den Briefen, die er sonst alle zwei oder drei Monate geschickt hatte und in denen er ausführlich erzählte, was er selbst so trieb (was in letzter Zeit leider nicht mehr allzu viel gewesen war) und sich ausführlich nach den Fortschritten von Igors Studium erkundigte. Kein Wort davon in dieser Notiz.
Sie räumten den Tisch ab, brachten die schmutzigen Teller in die Küche, und er trocknete das Geschirr ab, als Katja es gespült hatte. Bei solchen Gelegenheiten fühlte er sich ihr immer besonders nah. Dann war es fast wie früher zuhause in Russland.
„Wie viel brauchst du?“
Er schluckte: „Ach, Schwester, es wird mir immer peinlicher.“
„Raus damit, wie viel?“
„Hm, mit fünfhundert wäre mir sehr geholfen.“
„Oh Mann! Es ist doch gerade erst Monatsanfang. Wie machst du das bloß immer?“ Sie seufzte und ging nochmals ins Schlafzimmer.
„Eines Tages kriegst du das alles zurück.“
„Eines Tages fließt die Wolga rückwärts, mein Lieber. Hier, und komm mir vor April nicht mehr mit weiteren Notlagen. Es reicht.“
„Versprochen.“ Er starrte auf den Fünfhundert-Euro-Schein, den sie ihm hinhielt.
„Hast du’s nicht kleiner?“ Igor schaute sie misstrauisch an. Sie schüttelte den Kopf.
„Man könnte meinen, dass die bei dir auf den Bäumen wachsen.“ Aber er steckte das Geld in die Innentasche seiner zerschlissenen Lederjacke.
„Ich sollte jetzt besser verschwinden, ich muss heute Abend noch ein bisschen für die Uni arbeiten. Tschüss, Schwester, und danke, mal wieder.“ Schneller als sie etwas sagen konnte, küsste er sie auf beide Wangen und war verschwunden. So war Igor, und so würde Igor bleiben.
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Im ICE von Bonn nach Frankfurt am Main
Die vier Russen, die erst seit gestern im Land waren, fluchten herzhaft, weil sie im Speisewagen des Zuges nicht rauchen durften. Nun ja, sagte ihr Chef, dann mussten sie eben abwechselnd die Zugtoilette aufsuchen, um zu qualmen. Er war mürrisch und besorgt, denn sie waren in einer heiklen Mission unterwegs, vielleicht in einer der heikelsten überhaupt seit der Kubakrise, wie der Grünschnäbel unter ihnen orakelt hatte, aber das war natürlich übertrieben. Ihr Auftrag war schwierig, und um ihn leise und effizient ausführen zu können, hätte er anderes, besseres Personal gebraucht. Und was taten die Bürokraten in Moskau? Sie gaben ihm einen Assistenten mit, der zu dämlich war, um mit einer Fackel in der Hand seinen eigenen Hintern zu finden, und dazu zwei Killer mit Babyface und Akne, die kaum erwachsen genug waren, um ohne Mama und Papa verreisen zu dürfen.




