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"Ich bin jetzt hier.", sprach Tasto'Maior mit einer tiefen, dämonischen Stimme. Diese Wesen muteten zwar dämonisch an, waren aber keineswegs mit Luzifers Höllenbrut verwandt.
"Wird aber auch Zeit.", gab der düstere Magier von sich, während er noch immer auf seinem Thron herumlungerte. "Setzt Euch einfach irgendwohin. Und zerstört einen der Stühle. Dann hat der letzte Vollidiot, der eintrifft, keinen Sitzplatz mehr."
"In Ordnung.", sagte Tasto'Maior und zerstörte sogleich den Stuhl zu seiner Rechten, bevor er auf jenem zu seiner Linken Platz nahm. Die Stühle waren um einen kleinen Tisch einige Meter vom Thron entfernt aufgestellt. Katokuin saß dort gelangweilt und als sich nun Tasto'Maior dazugesellte, gab er ein einfaches "Alles klar?" von sich. Doch auch der Tantan'Buskili war sehr gesprächig. "Ja, bei Euch auch?"
"In der Tat.", erwiderte Katokuin. Dann kramte er in einem Stoffbeutel herum, den er an seinem braunen Gürtel trug. Schließlich zog er eine Walnuss heraus und legte sie auf den Tisch. Tasto'Maior blickte interessiert darauf, doch dann wurde sie vor seinen Augen von Katokuins Stab entzweigeschlagen. Dann schnappte sich das Narbengesicht das Innere und aß es auf. Anschließend lehnte er sich zurück und entspannte sich.
"Könnt Ihr das wohl unterlassen?", fragte der düstere Magier zornig. Der Tisch war ihm eigentlich egal, doch der Lärm machte ihn nervös.
"Mein Fehler. Ich werde die Nüsse ab jetzt mit meiner Faust knacken.", gab Katokuin von sich. Dann schnappte er sich noch eine Walnuss aus dem Beutel und drückte mit der Faust so heftig zu, dass man ein lautes Knacken im Raum hören konnte. Auch das hatte dem düsteren Magier nicht behagt. Er spielte schon mit dem Gedanken, den als Ersten erschienen General zu töten. Aber dann konnte er nicht den letzten bestrafen, denn dann wären es nur noch vier von ihnen gewesen. Plötzlich wurde die Tür aus Schatten, die in den Thronsaal führte, so heftig aufgestoßen, dass sie gegen die Wand krachte. Auch dieser Lärm war für den düsteren Magier nicht zumutbar. Aber er ignorierte das, denn der in seinen Augen wertvollste General war gerade eingetreten. Fröthljif, der blaue Troll, stand inmitten des Thronsaals. Er besaß ein Schweinsgesicht mit großen Stoßzähnen. Seine Augen leuchteten gelb, so wie die von Katokuin. An seinem muskulösen, braungrauen Körper trug er eine Rüstung aus Knochen, Stoff und Leder. Diese drei Komponenten waren scheinbar nach dem Zufallsprinzip zu einzelnen Rüstungsteilen kombiniert worden. Allerdings hatten sie alle etwas gemeinsam: Jedes Teil von Fröthljifs Kleidung besaß eine blaue Farbe. Diese Farbe konnte man sonst bei keinem Troll antreffen. Die meisten begnügten sich mit den braunen Lederklüften oder dunkelgrauen Rüstungen. Manche Trolle wollten aber eine etwas persönlichere Rüstung, damit sie unverwechselbar wurden. Fröthljif war so ein Troll. Auf seinem Rücken trug er einen großen Kriegshammer, gefertigt aus Knochen. Der Kopf des Hammers bestand allem Anschein nach aus dem Schädel eines Bären. Zweifellos konnte Fröthljif Bären mit bloßen Fäusten erlegen, denn Trolle waren unnatürlich stark. Dagegen konnte kein Tier gewinnen.
"Bin zu spät, Tschuldigung.", sagte Fröthljif knapp und setzte sich dann auf einen freien Stuhl.
"Endlich mal einer, der sich für seinen Fehler entschuldigen kann.", tönte der düstere Magier. Er war mit Fröthljif sehr zufrieden. "Nehmt Euch ein Beispiel an ihm!"
Sofort danach öffnete sich die Tür wie von Geisterhand und ein seltsames Wesen flog hindurch. Es schwebte und war praktisch ein gigantischer Kopf mit vier Gesichtern. Auf jeder Seite befand sich ein Gesicht und zwischen den einzelnen Gesichtern besaß der Kopf scharfe Spitzen und Stacheln. Die gesamte Hautfarbe des Wesens war ein sehr dunkles, schimmerndes Blau. Ohne Zweifel war dies der General der Untoten, den der düstere Magier den Leuten der goldenen Stadt als Kastill beschrieben hatte. Jedes Gesicht des Kastills zeigte eine andere Art von Untoten. Es gab das Skelettgesicht, das verfaulende Ghulgesicht, das ätherische Geistergesicht mit menschlichem Aussehen, aber ohne Materie und das mächtigste, das Lichgesicht. Die Lichs waren die mächtigsten Untoten, die existierten. Auch der Prinz der Untoten war in Gestalt eines Lichs zurückgekehrt. Für gewöhnlich musste man sehr mächtig sein und große Kräfte besitzen, um als Lich zurückzukehren. Der Körper eines Lichs wies grundsätzlich die geringsten Verfaulungsmerkmale auf, so auch das Lichgesicht des Kastills, das noch sehr gut erhalten war, dessen Augen jedoch in einem sehr ungesunden Giftgrün leuchteten. Der Kastill war eine ungefähre Kugel mit dem Durchmesser der Größe des düsteren Magiers. Da er auf Höhe von 1,5 Metern in der Luft schwebte, wirkte der Kastill noch viel größer. Er gab nur ein Zischen von sich und schwebte dann über einem freien Stuhl. Nun blieb nur noch ein Stuhl für die letzten beiden Generäle übrig. Wer würde zuerst erscheinen? Schließlich trat nach einer weiteren Viertelstunde Wartezeit, die für alle Anwesenden lästig war, General Spitzhacke ein. Er war ein groß gewachsener, muskulöser Mann mit kurzem, schwarzem Haar. Von Rüstungen schien er nichts zu halten, denn er trug nur ein braunes Hemd, eine violette Hose und schwarze Stiefel. Doch das Verstörendste an ihm war definitiv sein Arm. Man mochte sich fragen, warum er General Spitzhacke hieß, doch bei einem Blick auf ihn, wusste ein jeder Bescheid. Statt seines rechten Arms besaß er nämlich an seinen Oberarm anschließend eine Spitzhacke mit hölzernem Schaft und matter, schwarzer Hacke. Wie man es von einem menschlichen Räuber, Söldner oder Dieb gewohnt war, die er ja alle anführte, gab er einen extra dämlichen Spruch von sich, der allen Anwesenden nur höllisch auf die Nerven ging.
"Was ist denn hier los, sind wir hier bei einer Beerdigung oder was soll die Trauerstimmung?"
"Wenn Ihr Euch nicht hinsetzt und still seid, wird es noch Eure Beerdigung.", sagte der düstere Magier ruhig und leise, aber mit spürbarem Zorn hinter der Anmerkung. General Spitzhacke gehorchte. Nun blieb nur noch ein General übrig, der fehlte.
"Verdammt, wo ist dieser Haufen Schrott von den Machuv'Thal. Ich bringe ihn um." Der düstere Magier erhob sich vom Thron. "Ich bringe ihn um!", rief er nun laut. Alle blickten ihn an. Schließlich öffnete sich die Tür ein letztes Mal. Eine normalgroße Gestalt mit humanoiden Proportionen, aber vollkommen aus Kupfer bestehend, trat ein. Die Gestalt besaß große, runde Schulterplatten, die jeweils einen nach Innen gebogenen Stachel besaßen. Am Kopf trug das Wesen einen Helm, dessen Spitze sich wie ein kleiner Turm erhob und schließlich in einer V-förmigen Formation endete. Während die Hände der Gestalt aus spitzen, scharfen Stacheln als Fingern bestanden, befanden sich die Beine wie standhafte Säulen auf dem Boden. Zwischen Beinen und Füßen gab es hier keine Abtrennung, sie gingen einfach ineinander über und waren nur Teil der Säulen. Vom Beginn der Beine bis zum Boden dehnten sich diese säulenartigen Konstrukte ein wenig aus. Im Gesicht sah das Wesen so aus, wie ein Mensch, jedoch besaß es nur die Kupferfarbe und nichts Anderes. Lediglich die Augen leuchteten in einem satten Blau. Der Körper des Wesens war teilweise mit schönen Verzierungen überzogen. Da stand er nun, der letzte General. Der düstere Magier ging auf ihn zu und wollte schon damit beginnen, ihn anzugreifen. Dann begann der General der Machuv'Thal zu sprechen.
"Kiostos, seines Zeichens Kupfergeneral, meldet sich hiermit zum Dienst. Ich bin bereit, Euch zu dienen. Wie lauten Eure Befehle?"
"Meine Befehle?!", schrie der düstere Magier sofort. Er ignorierte, dass sich der Kupfergeneral formal und vollkommen angemessen gemeldet hatte.
"Was hat so lange gedauert, dass Ihr nicht früher auftauchen konntet?"
"Verzeiht, aber es ging nicht schneller. Die Wolfram-Armee ist nicht die schnellste Delegation der Machuv'Thal. Dafür sind sie aber sehr widerstandsfähig und umso mächtiger. Also, Eure Befehle?"
"Mein Befehl lautet: Tötet Euch selbst. Dann muss ich das nicht tun. Na los, worauf wartet Ihr?"
"So, das ist also der Dank dafür? Ich reise mit einem Großteil unserer Delegation den ganzen weiten Weg von Gentrav hierher und dann muss ich mir Wutausbrüche anhören, wie von einem kleinen Kind. Lernt erst einmal, zu akzeptieren, dass nicht alles nach Euren Vorstellungen laufen kann, Bürschchen. Dann könnt Ihr ja noch einmal versuchen, die Machuv'Thal um Hilfe zu bitten. Was mich angeht, ich werde Kaiser Hirion Bescheid sagen, wie lausig Ihr sein Volk behandelt und wie wenig Ihr seine Geste zu schätzen wisst. Die anderen Machuv'Thal, die später eingetroffen wären, werde ich ebenfalls informieren, dass sie sich den Weg sparen können. Euch ist hoffentlich bewusst, dass unser Kaiser Hirion das mächtigste Wesen auf der Erde ist. Wenn auch Ihr das endlich verstanden habt, wird Euch vielleicht klar, was für einen kolossalen Fehler Ihr gerade begangen habt. Möge Euch Eure Arroganz im Halse stecken bleiben."
"Schön, dann verschwindet doch! Ich brauche Euresgleichen nicht! Sagt Hirion ruhig, dass ich auf seine verfluchte Armee scheiße! Ich erobere die goldene Stadt auch ohne euch Machuv'Thal. Also los, verpiss dich, Knecht!"
Kiostos würdigte den düsteren Magier nicht einmal mehr eines Blickes und verließ einfach den Raum. Anschließend zogen die 10 000 Wolframkrieger ab, die er bisher mitgebracht hatte. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich die maximale Größe der Armee des düsteren Magiers von 75 000 auf 50 000 verringert. Als er sich schließlich beruhigt hatte, erkannte er, was er eigentlich getan hatte.
"Verdammt, das ist nicht gut. Jetzt ist meine Armee um ein Drittel geschrumpft. So eine Scheiße!" Der düstere Magier sprang wütend in der Luft herum und trat gegen seinen Thron, während die verbliebenen Generäle ihm dabei zusahen. Schließlich sprach Katokuin:"Wir können trotzdem noch gewinnen. Wer braucht denn schon diese metallenen Spinner? Die sind doch überflüssig. Wir Dunkelelfen werden Euch zum Sieg verhelfen."
"Ist das Euer Ernst?", fragte der düstere Magier hoffnungsvoll.
"Ja, das ist es. Auch wenn wir beide uns nicht gut verstehen, so bin ich dennoch Teil Eurer Armee und einer Eurer Generäle. Und ich kenne meinen Auftrag. Er lautet, meine Dunkelelfen als Teil Eurer Armee zum Sieg zu führen. Wenn ich dabei versagen würde, wäre mein Meister sicher nicht erfreut. Deshalb werde ich alles geben und ich bin überzeugt, alle anderen hier werden ähnlich verfahren. Richtig?"
Alle anderen stimmten mit einem lauten "Aye!" ein. Das heiterte den düsteren Magier auf. Er begann nun, zu glauben, dass er auch mit lediglich 50 000 Kriegern und fünf Generälen siegreich sein konnte. Dann machte er sich eben ein wenig selbst die Finger schmutzig. Besser, als zu verlieren. Seine Stimmung hellte sich wieder auf und er wurde zuversichtlich, dass ihm der Sieg schon bevorstand.
"Wer braucht schon die Machuv'Thal. Ich werde Hirion eigenhändig töten, sobald Anthem Gows mir gehört."
Kapitel III: Der Herzanfall
Marlene hetzte Julian durch die verschiedensten Gassen Erudicors. Es war teilweise wirklich schwer für ihn, ihr zu folgen. Erst gestern hatte er um sein Leben rennen müssen, nun musste er das schon wieder tun, denn wenn er Marlene aus den Augen verlor und ihr etwas zustieß, würde sein Leben ebenso enden. Doch egal, wohin sie gingen oder eher liefen, überall hielt die goldene Stadt ihrem Motto stand. Denn jedes einzelne Dach, und war es noch so klein, bestand aus purem Gold. Das war selbst in den herunter gekommensten Gassen der Stadt noch ein schöner Anblick. So sah Julian einiges aus der Altstadt Erudicors. Diese war selbst so groß, dass man kaum alles an einem Tag erkunden konnte. In die äußeren Bereiche der goldenen Stadt, die sich immer weiter hin zur Mauer erstreckten, hätten sie es nie geschafft. Dafür war die Stadt einfach zu groß. Daher begnügte sich Marlene damit, Julian die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Altstadt zu zeigen. Er wurde von ihr durch den riesigen Marktplatz manövriert, folgte ihr, vorbei am großen, goldenen Theater und durch die wunderschönen Stadtgärten. Dort bestanden die Mauern, die einzelne Teile der Gärten abtrennten, ebenfalls aus Gold. Irgendwann fanden sich die beiden im kulinarischen Viertel der Altstadt wieder, in dem sich besonders viele Tavernen, Restaurants und andere Örtlichkeiten zum Konsum von Speis und Trank befanden. Auch dort lief Marlene zielsicher in eine Richtung. Schließlich betrat sie ein sehr großes Gasthaus mit riesigem Schild. Darauf stand geschrieben "Zum Goldhaus". Julian fragte Marlene, was sie hier wollte.
"Du wolltest doch etwas essen, oder nicht?"
"Ja, das ist schon richtig. Aber seid Ihr sicher, dass das hier der richtige Ort für ein ausgiebiges Frühstück ist?"
"Das Goldhaus ist der richtige Ort für so ziemlich alles. Es ist das älteste Restaurant der Stadt und existiert schon seit Anbeginn Erudicors. Ach, und noch etwas: Wenn wir unter uns sind und keine Wachen zuhören, können wir die Förmlichkeiten weglassen. Alles klar, Julian?"
"Na schön, wenn du das so willst. Aber warum spielst du den Wachen denn etwas vor?"
"Weil ich eines Tages ihre Kaiserin sein werde. Und sie sollen gefälligst machen, was ich sage. Da kann ich nicht allzu offen mit Fremden kommunizieren."
"Du wirst bestimmt mal eine sehr zielstrebige Kaiserin. Hoffentlich dauert es aber noch lange, bis du an der Reihe bist."
"Was soll das heißen?", fauchte ihn Marlene an. "Willst du sagen, dass ich doch keine gute Kaiserin wäre?"
"Nein, aber ich hoffe, dass dein Vater noch lange Kaiser bleibt. Ich mag ihn und er scheint mir ein sehr gerechter und freundlicher Herrscher zu sein."
"Ach, so meinst du das. Ja, da hast du Recht. Vater weiß, wie man ein Kaiserreich regiert. Das kann auch nicht jeder von sich behaupten. Kommst du jetzt rein oder nicht? Hier im Goldhaus gibt es das beste Essen der Stadt, ungelogen."
"Wenn das wirklich wahr ist und sogar die Kaiserstochter das Essen empfiehlt, muss ich es wohl probieren."
"Ja, aber sag das nicht so laut. Sonst kommt noch so ein heller Kopf auf die Idee, dass ich Unmengen an Gold mit mir herumschleppe. Verstanden?"
"Ja, natürlich, entschuldige. Ich habe kurz vergessen, dass ich ja auf dich aufpassen soll."
"Schon gut, komm jetzt."
Dann betraten sie das älteste Restaurant von Erudicor. Im Inneren war es düster, wie in einer Taverne und es gab auch eine Bar wie in einer Taverne. Die meisten Tische und Stühle bestanden aus Holz, welches uralt wirkte. Obgleich es erst früh am Morgen war, saßen schon viele Leute im "Zum Goldhaus" und beinahe das gesamte Etablissement war bereits voll. Doch Julian und Marlene fanden noch einen Tisch an der Wand rechts vom Eingang. Die meisten Tische waren entlang der Wände aufgestellt und in der Mitte befand sich ein riesiger Bereich, der Bar und Küche in einem darstellte. An der Bar war alles offen, doch an der hinteren Seite, wo sich die Küche befand, versperrten Mauern einem die Sicht. Julian und Marlene nahmen am zweiten Tisch rechts vom Eingang Platz. Dahinter war noch ein Tisch frei und ganz in der Ecke saß ein großer Mann mit grünem Umhang für sich. Schließlich erschien der Kellner, händigte beiden hölzerne Speisekarten aus und sprach:"Willkommen im "Zum Goldhaus". Was wünscht Ihr zu trinken? Das heutige Tagesgericht ist ein Wildschweinbraten. Dafür wurden extra Wildschweine aus den hiesigen Wäldern östlich der Stadt gefangen. Ihr Fleisch ist besonders zart. Serviert wird der Braten in einer herzhaften Sauce mit Kartoffelkroketten und Preiselbeeren. Allerdings muss ich Euch sagen, dass es das Tagesgericht erst ab 11:00 Uhr gibt. Ihr könnt es aber gerne vorbestellen."
"Das klingt doch gut, ich möchte den Braten vorbestellen.", sagte Julian.
"Sehr wohl. Für die Dame ebenfalls?"
"Ich bin ein kleines Mädchen, du Speichellecker. Und nein, ich will keinen Wildschweinbraten. Eher würde ich kotzen. Ich möchte den süßesten Kuchen, den Ihr im Moment habt und dazu noch ein Glas voll Kirschmarmelade. Und zu trinken kalte Milch. Verstanden?"
"Du bist ein ganz schön freches, kleines Ding. Aber ja, ich habe verstanden. Was wünscht der Herr?"
"Keine Ahnung, was ist denn hier die Spezialität, wenn's um Frühstück geht?"
"Nun, besonders beliebt ist unsere Frühstückspfanne. Sie beinhaltet vier Spiegeleier, drei Streifen feinsten Bauchspeck und vier Stück Magerschinken. Dazu gibt es noch ein Stück Roggenbrot und als besondere Empfehlung von mir einen Krug frisch gepressten Orangensaft als Getränk."
"Das klingt großartig, genau das möchte ich bitte."
"Sehr wohl, ausgezeichnete Wahl."
Der Kellner entfernte sich. Marlene fing sogleich an, sich über ihn zu beschweren.
"Der hat vielleicht Nerven. Jeder im Goldhaus kennt mich mittlerweile, er muss wohl neu sein."
"Hättest du ihm dann nicht vielleicht sagen sollen, dass du die erstgeborene Tochter des Kaisers bist?"
"Nein, das kann noch lustig werden. Sobald er mich beschimpft, kann ich ihn fertig machen, wenn ich ihm meine wahre Identität enthülle." Marlene grinste schadenfroh.
"Aber das ist doch nicht gerecht. Wenn er wüsste, wer du bist, würde er den Boden küssen, auf dem du wanderst. Und nachdem wir heute schon an so vielen Orten waren, hätte er da einiges zu tun."
"Ja, du hast ja Recht. Dennoch will ich sehen, ob er irgendwann von selbst erkennt, wer da vor ihm sitzt. Vielleicht beschwere ich mich über das Frühstück."
"Es ist immer besonders taktvoll, Leute zu bestrafen, die sich bemühen.", hallte eine Stimme zu den beiden hinüber. Das musste der seltsame Mann in grünem Umhang gewesen sein.
"Was war das?", fragte Marlene sofort laut nach und erwartete sogleich eine Antwort. Doch sie bekam keine. Also hakte sie nach. "Wenn Ihr ein Problem mit mir habt, dann kommt doch her und sagt es mir ins Gesicht."
"Bist du wahnsinnig?!", fragte Julian sie aufgebracht, doch mit mäßiger Stimme. "Ich soll auf dich aufpassen, aber du kannst nicht einfach Fremde anpöbeln. Du bist nicht unbesiegbar, du bist nur ein kleines Mädchen."
"Ach was, dem Lackaffen könnte ich trotzdem in den Arsch treten."
"Davon gehe ich aus.", gab der Fremde im grünen Umhang nun von sich.
"Dann kommt doch her, ich warte.", antwortete Marlene. Julian versuchte indessen, sie zurückzuhalten.
Klack. Klack. Klack. Klack. Die Stadtwache des Osttores wurde indessen wieder einmal Zeuge einer seltsamen Begegnung. Denn ein Mann in weinroter Plattenrüstung stapfte mit laut hallenden Schritten immer näher auf das Osttor zu. Klack. Klack. Er trug am ganzen Körper diese sehr stabile Rüstung, außer an seinen Füßen. Dort trug er spitze, rote Lederschuhe. Sie besaßen niedrige Absätze, welche aus Metall waren. Daher kam auch der Lärm beim Auftreten. Klack. Klack. An der Hüfte hatte der Mann ein dunkelgraues Schwert befestigt, welches stark glänzte und Licht spiegelte. Es besaß keinen Parierschutz, aber einen Griff in der Form eines Herzens. Auch der rote Umhang, den er trug, besaß eine Herzform. An den beiden Halbkreisen des Herzens war der Umhang an seinen Schultern befestigt und auf Höhe seiner Unterschenkel endete er in der Spitze des Herzens. Der Mann besaß rötliches Haar und sehr dunkle, braune Augen. Klack. Klack. Die beiden Wachen, die Dave und Enrique von ihrer Schicht abgelöst hatten, blickten verdutzt drein und wussten nicht, was sie von dieser Gestalt halten sollten. Schließlich hatte der Fremde die Wachen und das Tor erreicht.
"Halt. Keinen Schritt weiter. Wer seid Ihr?", fragte die eine Wache.
"Wer ich bin, ist unwichtig. Wichtig ist nur Folgendes: Ich bin auf der Durchreise, habe Hunger und werde jetzt hier, in Erudicor, etwas essen. Wenn Ihr mich aufhalten wollt, muss ich Euch töten. Aber das wäre nur eine Verschwendung meiner Zeit und Eures Lebens. Also, lasst Ihr mich durch?"
"Wieso wollt Ihr gerade in der goldenen Stadt essen?", fragte die andere Wache.
"Weil ich aus Erfahrung weiß, dass das "Zum Goldhaus" die besten Gerichte in ganz Anthem Gows serviert. Auf diese köstliche Erfahrung möchte ich beim besten Willen nicht verzichten, wenn ich schon in der Nähe bin. Kann ich nun durch?"
Die beiden Wachen sahen einander an und kommunizierten kurz mit Blicken. Schließlich sprach der eine:"Na schön, Ihr könnt hinein. Aber macht ja keinen Ärger."
"Sicher nicht, ich bin ein vernünftiger Mann.", antwortete der Fremde und schritt schon bald hallenden Schrittes durch das geöffnete Tor. Klack. Klack. Klack.
Indessen war Julians und Marlenes Frühstück serviert worden. Während Julian diese Köstlichkeit erst einmal begreifen musste, schmierte sich Marlene so viel Kirschmarmelade, wie sie konnte, auf ein Stück des süßen Kuchens nach dem anderen. Es handelte sich um einen Kuchen aus einer rechteckigen Form, durchsetzt mit kleinen Schokoladenstückchen. Jedem normalen Menschen hätte der Kuchen genügt, doch nicht Marlene. Sie wollte unbedingt noch Unmengen an Marmelade darauf haben. Das Glas Milch, das ihr der Kellner gebracht hatte, hatte sie auch mit einem Schluck geleert. Julian brauchte da schon etwas länger, um den ganzen Krug an Orangensaft auszutrinken. Schließlich nahm sich Marlene einfach auch was vom Orangensaft.
"Was machst du da?", fragte Julian, während er gerade die Hälfte eines Spiegeleis mit einem Blatt Magerschinken verschlang.
"Ich nehme mir den Orangensaft, was sonst?"
"Das ist aber meiner.", gab Julian schmatzend von sich.
"Lern erst einmal, wie man vor einer Prinzessin isst."
"Du kannst dir doch auch noch etwas bestellen."
"Damit dieser stümperhafte Kellner länger als notwendig in meiner Gegenwart ist?"
"Was hast du gegen ihn, er hat doch alles richtig gemacht?"
"Jetzt habe ich aber genug.", sagte plötzlich der Kellner, der gerade vorbei gegangen war, als Marlene ihn beleidigt hatte."Was gibt dir kleinen Göre das Recht, so über mich zu reden?"
"Wisst Ihr eigentlich, wer ich bin?", fragte Marlene herausfordernd. Sie wollte den Kellner in ihre Falle tappen lassen. Dann würde sie ihn zur Sau machen.
"Wer auch immer du bist, dein Benehmen gefällt mir gar nicht. Wollt Ihr nicht etwas dagegen unternehmen?", fragte der Kellner Julian mit erwartungsvollem Blick.
"Das ist nicht mein Problem.", antwortete er schlicht.
"Ich mache es aber zu Eurem Problem. Ihr seid mit ihr hergekommen. Es ist mir egal, ob sie Eure Schwester, Tochter oder ein entführtes Kind aus der Gosse ist, aber schafft sie hier heraus, sofort!"
"Sehe ich etwa aus, wie jemand, der Kinder entführt?", fragte Julian aufgebracht. "Der Kellner ist wirklich ein Arsch", dachte er sich.
"Siehst du, der kann sich nicht beherrschen.", sagte Marlene zu Julian. "Hau ihm eins in die Fresse!"
Obwohl er Marlenes Rat nicht befolgen wollte, erhob er sich vom Tisch und stellte sich dem Kellner gegenüber. Dieser besaß dieselbe Statur wie Julian. Es war schwer zu sagen, wer bei einem Kampf wohl gewinnen würde. Marlene fand das alles mehr als belustigend und feuerte Julian schon an. Plötzlich hallte wieder die Stimme des Fremden im grünen Umhang herüber:"Muss ich jetzt wirklich aufstehen?"
"Ihr müsst gar nichts. Bleibt einfach sitzen.", rief Marlene ihm zu.
"Geht jetzt sofort oder ich rufe die Stadtwache.", sagte der Kellner. "Ich werde an meinem ersten Tag keine Schlägerei mit einem Gast beginnen."
"Sein erster Tag? Hahaha." Marlene konnte sich nicht mehr halten und fiel von ihrem Stuhl. Die ganze Zeit war sie schon darauf herumgesprungen, während sie auf den Beginn der Prügelei gewartet hatte. Doch nun hatte sie sich nicht mehr im Griff, verlor das Gleichgewicht und schlug am Boden auf. Als sie sich aufrichtete, schrie sie schmerzvoll auf und sagte:"Aua, mein Rücken ist verrissen." Dann begann sie, zu weinen. Sie war schließlich nur ein elfjähriges Mädchen.
"Ganz ruhig, Marlene, das wird schon wieder.", sagte Julian. Er ging zu ihr und half ihr auf. Dann ließ er sie sich wieder auf den Stuhl setzen. Der Kellner war nun sehr hilfsbereit und half mit. Anschließend fragte er Julian:"Sagtet Ihr gerade Marlene? Etwa Marlene, die erstgeborene Tochter von Kaiser Theron? Bitte sagt mir, dass das nicht dieses Mädchen ist."
"Nun ja, leider doch."



