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"Oh Gott, dafür werde ich so was von gehängt. Ich bin schuld daran, dass sich Kaiser Therons Erstgeborene verletzt hat. Bitte, Prinzesin Marlene, vergebt mir. Es tut mir furchtbar leid. Hättet Ihr mir doch nur gesagt, dass Ihr es seid."
Marlene hatte sich wieder ein bisschen beruhigt. Sie sah den Kellner an und sagte:"Ist schon gut. Das war meine Schuld. Euch trifft auch keine Schuld für meinen Sturz. Julian, zahl bei ihm und lass uns dann gehen. Der Hofarzt meines Vaters wird sich meinen Rücken ansehen müssen."
"In Ordnung. Wie viel kostet das alles?", fragte Julian den Kellner.
"Oh bitte, das geht aufs Haus. Wenn Ihr denn wollt, so würde ich mich geehrt fühlen, wenn Ihr uns wieder beehrt."
"Nein, wir bezahlen.", sagte Marlene bestimmt. "Wie viel?"
"Wenn Ihr es wünscht, Prinzessin. Das sind dann insgesamt 200 Silberlinge oder 2 Goldstücke."
"Was für ein Wucher.", sagte Julian. Dann kramte er in dem Beutel, den ihm Theodor zuvor ausgehändigt hatte. Darin befanden sich gerade einmal 30 Silberlinge. Wo auch immer Theodor angenommen hatte, dass Julian essen würde, es war definitiv nicht im "Zum Goldhaus". Marlene zog plötzlich drei Goldstücke hervor und überreichte sie dem Kellner. "Hier bitte. Behaltet das dritte, für Eure Mühen."
"Das ist sehr freundlich von Euch, Prinzessin. Ich danke Euch."
"Hoffentlich seid Ihr noch lange dabei, Ihr macht Eure Arbeit hier wirklich gut.", antwortete Marlene.
Dann wollten sie gerade gehen, als plötzlich der seltsame Fremde in weinroter Rüstung eintrat.
"Ich grüße Euch alle. Wo kann ich hier bestellen? Kellner, hierher!"
Der Kellner sah ihn an und fragte:"Was wollt Ihr?"
"Ich will etwas zu essen haben, aber sofort!"
"Was darf es sein? Wollt Ihr Euch nicht erst einmal setzen?"
"Setzen? Na schön, wenn Ihr darauf besteht."
"Wie es Euch beliebt, Herr. Ihr seid der Gast."
"Ich bin der Gast? Echt? Ich dachte, ich wäre der Eigentümer. Idiot. Bring mir schon zwei große Krüge voll Bier und schnell."
Der Fremde war allen im Restaurant sofort unsympathisch. Der Mann im grünen Umhang schien aufzuhorchen. Während sich der Fremde an einen freien Tisch an der linken Wand vom Eingang aus setzte, brachte der Kellner ihm die zwei Krüge voll Bier.
"Bitte, mein Herr. Was darf es noch sein?"
"Gibt es irgendetwas, das Ihr empfehlen könnt?"
"Heute haben wir Wildschweinbraten als Tagesgericht. Serviert in herzhafter..."
"Jaja, schon gut. Den nehm' ich. Aber auch den schnell, dass das klar ist."
"Verzeiht, Herr, aber das Tagesgericht gibt es erst ab 11:00 Uhr. Ihr könnt es aber gerne vorbestellen. Dann seid Ihr einer der ersten, die es bekommen. Neben den beiden Herrschaften hier drüben und dem jungen Mann dort." Bei den letzten Worten zeigte der Kellner auf Julian. Er hatte über seinen Streit mit dem Kellner ganz vergessen, dass er ja einen Wildschweinbraten vorbestellt hatte. Er und Marlene standen noch immer im Restaurant und beobachteten, was der Fremde sich noch alles erlaubte. Julian hatte ein ungutes Gefühl bei ihm. Ähnlich wie beim düsteren Magier.
"Soso, ich bekomme das Tagesgericht also erst ab 11:00 Uhr. Na dann..."
"Das habe ich gerade gesagt. Seid Ihr beschränkt oder so?", fragte der Kellner.
"Also ganz ehrlich, diskret ist er nicht gerade.", sagte Marlene zu Julian.
"Was war das gerade?", fragte der Fremde. "Wenn Ihr mich beleidigen wollt, dann habt wenigstens die Eier und seht mir in die Augen."
"Aber ich habe Euch in die Augen gesehen.", rechtfertigte sich der Kellner, der die Wahrheit sprach. Er mochte unhöflich sein, doch nur, wenn ein Gast sich zu sehr auf seinen Status als Gast bezog und das ausnutzte.
"Ach wirklich, Ihr habt mir in die Augen gesehen. Soso. Wirklich interessant."
Der Kellner konnte sich kaum noch halten. Schließlich tat Julian etwas, womit er selbst nicht gerechnet hatte. Er zog das Schwert, das ihm Theodor ausgeliehen hatte. Es besaß eine scharfe, violette Klinge und einen goldenen Griff. Der Fremde hatte das sogleich bemerkt. Julian rief:"Wenn Ihr hier Ärger machen wollt, müsst Ihr erst an mir vorbei."
"Ich will Ärger machen?", fragte der Fremde. "Denkt Ihr das?"
"Das ist doch offensichtlich. Ihr ärgert den Kellner nur so lange, bis er die Beherrschung verliert. Jeder hier hätte Euch an seiner Stelle schon lange einen Schlag in Euer dämliches Gesicht verpasst."
Obgleich er sich zwar etwas dämlich präsentierte, besaß der Fremde ein sehr attraktives Gesicht. Doch zweifellos hatte Julian das nur gesagt, um die volle Aufmerksamkeit des Fremden zu bekommen.
"Ihr wollt also Streit, ja?", fragte der Fremde. "Dann erlaubt mir, mich vorzustellen. Ich bin der Herzritter und meine Feinde können leider keine Geschichten über mich erzählen, da ich sie alle getötet habe. Scheinbar habe ich einen neuen Feind gefunden." Nun zog er sein Schwert mit dem Herzgriff.
"Der Herzritter? Sollte ich Euch kennen?", fragte Julian. Er ließ sich nicht einschüchtern. Dieser Mann wirkte zwar wesentlich muskulöser als der Kellner, aber immerhin besaß Julian ja ein Schwert.
"Es ist sicher hilfreich, seinen Mörder im Gedächtnis zu behalten."
"Noch bin ich nicht tot."
"Aber das seid Ihr bald schon!", rief der Herzritter und schoss plötzlich auf Julian zu. So schnell konnte er gar nicht reagieren, da hatte er sich schon seinen Weg durch den Raum gebahnt und auf Julian eingeschlagen. Doch die Klinge hatte Julian nicht erreicht. Denn der große Mann im grünen Umhang war aufgestanden und hatte den Angriff abgewehrt.
"Verschwindet von hier.", sagte er dem Herzritter bestimmt.
"Wer seid Ihr denn? Ihr seht total bescheuert aus."
Der Mann im grünen Umhang besaß wirklich eine eigene Erscheinung. Seine Handschuhe und Stiefel bestanden beide aus orangem Leder, sein grüner Umhang besaß an der Innenseite eine gelbe Farbe, durch die sich ein Feld von diagonalen, schwarzen Linien in zwei sich kreuzende Richtungen zog. Ansonsten trug er eine Kettenrüstung und hielt nun eine große Doppelaxt in Händen. Sein braunes Haar und seine braunen Augen besaßen dieselbe Farbe. Er musste um die zwei Meter groß sein. Der Herzritter ließ sich dennoch nicht beeindrucken. Er schoss wie ein Windstoß durch das Restaurant und kehrte immer wieder zum Unbekannten und zu Julian zurück. Doch ganz egal, wen von beiden er angriff, der Mann im grünen Umhang wehrte alle Schläge ab. Dann sprach er:"Hört sofort auf, oder ich muss Euch töten."
"Ihr wollt mich töten? Mich töten, soso. Dann versucht es doch."
Der Mann im grünen Umhang steckte seine Axt weg. Dann schien er sich zu konzentrieren. Anschließend sagte er:"Wenn Ihr mich mit Eurem Schwert treffen könnt, habt Ihr gewonnen."
"Das ist doch wohl ein Witz?" Dann schoss der Herzritter vor in Richtung des Unbekannten. Währenddessen rief er:"Verreckt an meiner..." Doch mitten im Satz brach er ab, blieb auf der Stelle stehen und griff sich an die Brust.
"Was zum...das kann nicht...mein Herz..."
Dann fiel der Herzritter auf die Knie und bald darauf küsste sein Gesicht den Fußboden. Der Herzritter war offenbar an einem Herzinfarkt gestorben. Alle im Restaurant, auch der Unbekannte, blickten erstaunt auf den toten Mann am Boden.
"Was zur Hölle war das denn?", fragte Julian, der als erster Worte fand.
"Er hatte eine Herzattacke?", fragte Marlene.
"Das geschieht ihm recht.", gab der Kellner von sich.
"Habt...habt Ihr das getan?", fragte Julian den Fremden.
"Nein, ich wollte ihn mit meiner Faust bewusstlos schlagen. Das war wohl wirklich er selbst. Erstaunlich, dass er gerade in einer solchen Situation einen Herzanfall bekam. Unpassender hätte es nun wirklich nicht sein können. Ich bin nur froh, dass niemand verletzt wurde. Es geht doch allen gut, oder?"
Alle im "Zum Goldhaus" gaben ein lautes "Ja" von sich.
"Sehr schön, dann habe ich meine Aufgabe hier wohl erfüllt."
"Wer seid Ihr eigentlich?", fragte Marlene den Unbekannten schließlich.
"Mein Name ist Beatron. Ich bin mit meinem Gefährten auf der Durchreise."
"Aber Ihr seid doch ganz alleine?", fragte Marlene sofort.
"Das stimmt, aber mein Gefährte sollte bald hierher nachkommen."
"Ihr seid der Beatron? Der Held des Westens, von dem ich schon so viel gehört habe?", fragte Julian fasziniert.
"Ja, so nennen mich die Leute für gewöhnlich. Ich versuche, diesem Titel gerecht zu werden."
"Es ist mir eine große Ehre, Euch persönlich zu begegnen. Mein Name ist Julian. Wer hätte gedacht, dass ich einmal dem größten Helden aller Zeiten persönlich gegenüberstehen würde."
"Bitte, das ist wirklich übertrieben. Ich habe nicht ansatzweise so viel Heldenhaftes getan, wie mir nachgesagt wird."
"Ich denke schon, sonst würde sich Euer Ruf nicht über die ganze Welt und darüber hinaus verbreiten. Da fällt mir gerade etwas ein. Habt Ihr in nächster Zeit etwas sehr Dringliches oder Wichtiges zu erledigen?"
"Nein, nicht wirklich. Warum fragt Ihr, Julian?"
"Weil hier vor gar nicht langer Zeit ein Mann, der sich düsterer Magier nennt, gedroht hat, dass er bald mit seiner 75 000 Mann starken Armee die goldene Stadt angreifen wird. Nun versuchen wir, möglichst viel Unterstützung für die bevorstehende Schlacht zu bekommen. Wir wissen leider nicht, wann er angreifen wird, aber es könnte jederzeit passieren. Wenn Ihr uns helfen könntet, Beatron, dann wären wir sicher allein mit Euch bereits im Vorteil. Was sagt Ihr?"
"Ich denke, für genau solche Dinge wurde ich geboren. Es ist gut, dass wir beide uns heute begegnet sind, Julian. Denn ich werde Euch und allen anderen dabei helfen, diesen Angriff aufzuhalten und Erudicor zu verteidigen. Darauf habt Ihr mein Wort. Ich bin sicher, Borthaux wird sich auch freuen, zu helfen."
"Wer ist Borthaux?", fragte Julian.
"Das ist mein Gefährte. Sobald er endlich zu mir stößt, werde ich ihm die Neuigkeiten mitteilen."
"Sehr gut. Ist er genauso stark wie Ihr?"
"Er ist sogar stärker als ich."
"Nicht möglich, Ihr seid doch..."
"Ich bin vielleicht ein großer Held, aber Borthaux ist der stärkere von uns beiden. Glaubt mir."
"Na schön, dann können wir gar nicht verlieren.", gab Julian von sich. Er hatte nun bereits zwei wertvolle Verbündete gewonnen und womöglich würde der Kaiser dafür die mindere Verletzung seiner Erstgeborenen in Kauf nehmen und Julian nicht sofort hinrichten lassen. Mit ein bisschen Glück sagte Marlene auch, dass es ganz allein ihre Schuld war und Julian nichts dagegen tun konnte. Fürs Erste verabschiedeten sie sich von Beatron und kehrten dann so schnell wie möglich zum Kaiserpalast zurück. Dort gab Julian Theodor dessen Schwert und den Geldbeutel zurück. Dann gingen sie zu dritt zum Hofarzt. Dieser hatte sein Behandlungszimmer im ersten Stock des Palastes. Dazu mussten sie in der Eingangshalle am Ende links einem Gang bis zur Treppe nach oben folgen. Der Gang verlief aber noch weiter nach hinten, doch das kümmerte sie nun nicht. Im Moment zählte nur, dass Marlene so schnell wie möglich wieder gesund wurde.
Kapitel IV: Lehrstunde
Nachdem sich der Hofarzt Marlene angesehen hatte, sagte er, dass es nichts Schlimmes war, was sie hatte. Sie hatte sich den Rücken tatsächlich nur ein wenig verrissen und es sollte innerhalb von ein paar Tagen wieder verheilt sein. Anschließend fragte Julian sie:"Also wer von uns soll es deinem Vater sagen?"
"Mach du das, aber ich komme mit und sage, dass es meine Schuld war. Er kann gnadenlos sein, wenn es um seine Töchter geht."
Schließlich begaben sich die beiden in den Thronsaal, wo sich Theron gerade mit einem alten Mann in dunkelblauer Robe unterhielt. Als Theron Marlene erkannte, ließ er den alten Mann verstummen und warten. Dann erhob er sich und ging Marlene entgegen.
"Meine Prinzessin! Wie kommt es, dass du hier zusammen mit Julian auftauchst?"
"Nun ja, ich bin ihm zufällig begegnet und habe ihm angeboten, ihn durch die Stadt zu führen."
"Du hast den Palast verlassen? Habe ich dir das nicht verboten? Julian, wie konntest du das zulassen?"
"Es tut mir leid, mein Kaiser. Sie sagte, dass es in Ordnung wäre."
"Du kannst doch nicht einfach auf ein kleines Mädchen hören. Sie hat doch keine Ahnung, was gut für sie ist."
"Aber Vater!", meldete sich Marlene empört. "Ich weiß sehr gut, was ich tue. Ich kann auf mich selbst aufpassen."
"Ach wirklich? Kann denn Julian diese Aussage bestätigen?"
Julian sah verlegen um sich und sprach zaghaft:"Nun ja...eigentlich...ist sie von einem Stuhl gefallen und hat sich den Rücken verrissen."
"Was?!", brüllte Theron plötzlich. "Wie konnte das passieren?"
"Es war meine Schuld, Vater. Julian konnte nichts dafür und er hätte es auch nicht verhindern können. Es geschah viel zu schnell. Aber ich werde bald schon wieder wohlauf sein. Der Hofarzt hat gesagt, dass es in ein paar Tagen verheilt ist. Mir geht es ohnehin gut, mein Rücken schmerzt nur leicht, wenn ich mich falsch bewege."
"Ich hoffe, dass euch beiden klar ist, was für eine riesige Dummheit ihr da begangen habt. Erst recht von dir, Julian, hätte ich mehr Vernunft erwartet."
"Es tut mir sehr leid. Ich wollte nicht, dass Marlene etwas passiert, Euer Hoheit."
"Nun, jetzt ist es ja schon geschehen. Ich hoffe, dass Marlene die Wahrheit sagt und du wirklich nichts gegen diesen Unfall tun konntest. Denn ansonsten würde das schreckliche Folgen für dich haben."
"Es ist wahr, Vater. Lass Julian zufrieden, er hat nichts falsch gemacht."
"Du gehst jetzt auf dein Zimmer und gehst nicht mehr hinaus. Und wage es nicht einmal, daran zu denken, dich hinaus zu schleichen."
"Aber Vater..."
"Sofort, Marlene!"
"Na gut..."
Gesenkten Hauptes bewegte sich Marlene in Richtung ihres Schlafgemachs. Theron blickte Julian an.
"Und du erzählst mir jetzt in allen Einzelheiten, was ihr beide getan habt, dass so etwas passieren konnte."
Nachdem Julian dem Kaiser die ganze Geschichte erzählt hatte, staunte dieser.
"Also werden Beatron und sein Gefährte Borthaux für uns kämpfen? Das ist großartig, Julian. Somit hat es wenigstens etwas Gutes, dass sich meine Tochter verletzt hat. Natürlich meine ich das nicht so, aber bisher sah ich überhaupt nichts Positives an der Sache. Nun denn, wann beginnen wir mit der Einweisung in die verschiedenen Reiche?"
"Wie spät ist es denn?"
"Es ist nun schon kurz vor Mittag. Du wolltest ursprünglich am Nachmittag beginnen. Bleibst du dabei?"
"Nun ja, da würde eigentlich noch ein Wildschweinbraten im "Zum Goldhaus" auf mich warten, den ich vorher vorbestellt habe."
"Stimmt, den hast du auch kurz erwähnt. Allerdings warst du sehr spartanisch, was die genaue Definition der Speise mitsamt Beilagen angeht. Erläutere mir noch einmal, was alles dabei ist."
"Aber wozu soll das gut sein?"
"Wenn du mir sagst, wie sich die Speise zusammensetzt, dann gehen wir einfach beide ins Goldhaus und essen dort etwas. Ich lade dich ein und kann dir nebenbei gleich den Unterricht über die einzelnen Reiche geben."
"Eine wirklich gute Idee, mein Kaiser. Also der Wildschweinbraten wird in einer herzhaften Sauce mit Preiselbeeren und Kartoffelkroketten serviert. Mehr wurde mir auch nicht gesagt."
"Das klingt ja himmlisch. Lass uns gehen. Ach, bevor ich es vergesse. Der Mann da hinten..." Theron zeigte auf den alten Mann in dunkelblauer Robe. "Das ist mein Hofmagier Azurro." Azurro streckte Julian seine Hand aus. "Freut mich, Euch kennen zu lernen. Wir beide werden Eure Reise planen, nachdem Euch der Kaiser informiert hat."
"Sehr erfreut, Hofmagier Azurro. Habt Ihr schon eine Idee, wo ich zuerst hingehen soll?"
"Nein, das ist alles Euch überlassen. Ihr könnt nach Belieben wählen."
"Gut, dann werde ich mir erst einmal die Informationen über alle einzelnen Reiche anhören und anschließend entscheiden. Dann bis später."
"Bis nachher."
Anschließend brachen Theron, Julian sowie Theodor mit drei weiteren Männern der Elitegarde in Richtung des Goldhauses auf. Als sie schließlich dort angekommen waren, erkannte der Kellner Julian sofort wieder. Allerdings war er nicht darauf vorbereitet, dass sein Begleiter der Kaiser höchstselbst war.
"Eure Majestät, was für eine Ehre, dass Ihr hier in unserem bescheidenen Gasthaus speisen wollt." Bei diesen Worten verbeugte sich der Kellner so tief er konnte.
"Es braucht also nur eine einflussreiche Person und schon findet er seine Manieren wieder.", dachte Julian.
"Wir haben heute als Tagesgericht einen Wildschweinbraten...", begann der Kellner.
"Danke, ich bin bereits darüber informiert worden. So einen hätte ich gerne."
"Natürlich, mein Kaiser. Wir werden ihn sofort zubereiten."
"Ich möchte meinen vorbestellten Braten dann auch haben, bitte.", sagte Julian, während der Kellner schon in der von Mauern umringten Küche verschwand. Theron und Julian nahmen an jenem Tisch Platz, an dem er zuvor auch mit Marlene gesessen hatte. Theron saß auf demselben Stuhl. Nachdem zwei Krüge voll mit feinstem Bier serviert wurden, begann Theron bereits mit seinem Unterricht über die Länder der Erde.
"Also, mit welchem Reich möchtest du beginnen?", fragte er Julian.
"Keine Ahnung.", gab dieser zur Antwort.
"Dann nehmen wir eben deine Heimat. Also Raspetanien ist bekannt als das Reich der Gleichheit. Diesen Titel trägt es zurecht, denn es ist noch ein Stück besser als mein geliebtes Anthem Gows. Denn in Raspetanien ist man zu allen freundlich und jeder ist willkommen, ganz egal, von wo er stammt oder wie er aussieht. In Raspetanien betrachten sich die Menschen als gleichwertig. Ich würde sogar behaupten, dass Raspetanien der letzte Zeuge der einst großen Taten von Tatjana ist."
"Wer ist Tatjana?", fragte Julian sofort.
"Tatjana lebte vor vielen Jahren, aber noch in diesem Zeitalter."
"Zeitalter?", fragte Julian erneut, sichtlich verwirrt.
"Mein Gott, Junge, hast du jemals ein Buch gelesen?"
"Ja, aber ich habe dennoch nie etwas über ein Zeitalter gehört."
"Na schön, wir leben im Zeitalter der Menschen. Es ist das dritte seit Anbeginn. In diesem schon lange andauernden Zeitalter lebte auch Tatjana und sie hat viele große Taten vollbracht, die für die Menschheit von großer Wichtigkeit waren. Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Jedenfalls wird Raspetanien nicht von einem einzelnen Herrscher regiert, sondern von einem Rat aus fünf Herrschern. Jeder von ihnen regiert eine der fünf Herrscherstädte und diese sind über das gesamte Reich aufgeteilt. Bevor irgendetwas getan wird, das große Veränderung für das Reich bringt, einigen sich die fünf Herrscher darauf und erst wenn alle zustimmen, wird etwas verändert. Ohne Konsens keine Konsequenz. Das ist das Motto von Raspetanien. Es ist eigentlich unwichtig, in welcher der fünf Herrscherstädte du um Hilfe ansuchst, aber bedenke, dass sie auch das vorher womöglich besprechen wollen und letztendlich allein das Urteil der fünf Herrscher entscheidet, ob wir von ihnen unterstützt werden oder nicht."
"Ich verstehe. Wenn es dort wirklich so ist, dass alle gleich behandelt werden, dann freue ich mich, aus einem so fortschrittlichen Land zu stammen."
"Ja, Julian, darauf darfst du durchaus stolz sein. Welches Reich soll ich dir als nächstes erläutern?"
"Ich habe keine Ahnung, wie wäre es mit Hanveltien?"
"Hanveltien also. Das jüngste Reich unter jenen, die du besuchen wirst. Denn seine Gründer sind selbst nur etwas älter als ich. Sie stammen ursprünglich aus Anthem Gows und machten sich einen Namen als geschickte Kaufleute in Erudicor. Schließlich häuften sie sich so viel Reichtum an, dass sie damit nach Amerika reisten und dort ein vollkommen neues, riesiges Reich gründeten. Hanveltien ist friedlich und bietet jenen eine Heimat, die sie benötigen. Die beiden Herrscher, Wilhelm und Elisabeth, sind sehr freundliche und gütige Menschen. Es würde mich überraschen, wenn sie nicht gewillt wären, uns ihre Unterstützung zu schenken. Bei ihnen solltest du keine Probleme haben. Wie wäre es, wenn ich dir als nächstes das große Kaiserreich Shanto Gyar näher erläutere?"
"In Ordnung, darüber wollte ich ohnehin mehr erfahren."
"Shanto Gyar ist das einzige Kaiserreich unter jenen Ländern, die du bereisen wirst. Weißt du auch, was das bedeutet?"
"Dass ich dort besonders auf mein Auftreten und mein Betragen achten soll?"
"Ganz genau. Aber das ist noch lange nicht alles. Denn ein Kaiser ist etwas Anderes als ein König. Weißt du, warum ich ein Kaiser bin, Julian?"
"Weil Ihr Anthem Gows gerecht regiert und es vor seinen Feinden schützt?"
"Nein. Ich habe mich selbst zum Kaiser ernannt. Dieser radikale Schritt ist in der heutigen Zeit nicht gerne gesehen und ich habe mir dadurch viele Feinde gemacht, auch unter jenen, die eigentlich meine Verbündeten sein sollten. Aber dazu später mehr. Jedenfalls ist ein richtiger Kaiser, der sich nicht einfach selbst erhoben hat, sondern durch die Kraft des Schicksals zum Kaiser wurde, viel, viel mächtiger als ich es je sein werde. Einem Kaiser bringt man Ehrfurcht entgegen, Julian. Und bei keinem Kaiser solltest du das mehr tun, als bei der Kaiserin von Shanto Gyar."
"Shanto Gyar wird von einer Frau regiert? Das wusste ich ja noch gar nicht."
"Ja, so ist es. Sie ist wahrscheinlich der mächtigste Mensch auf unserer Welt, abgesehen von Beatron vielleicht. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass sie den Titel "Kaiserin" durchaus zurecht trägt. Sie herrscht über ein gigantisches Reich mit einer riesigen und stetig wachsenden Bevölkerung und sie hat absolut alles im Griff. Aber da so viele Menschen in Shanto Gyar leben, geht die Individualität verloren. Viele von ihnen leben vollkommen identische Leben. Sie machen jeden Tag dasselbe, so lange bis sie sterben. Die Kaiserin muss sich aber um die Bedrohungen von außen kümmern und hat nicht viel Zeit für die wichtigen Probleme im Inneren des Reiches. Dennoch ist sie sehr gütig und hört im Normalfall jeden einzelnen Bürger ihres Reiches an, wenn er es denn wünscht. Jeder, der ihr etwas zu sagen hat, kann zu ihr gehen und mit ihr reden. Gerade diese Einstellung, sich mit dem Volk auszutauschen und ihnen zu zeigen, dass man nicht anders als sie ist, macht sie besonders. Noch dazu fehlt diese Eigenschaft unserem guten, alten Aloisius Rabenkrang, dem Kaiser von Ganredlah. Das ist auch ein Grund, warum ich ihn nicht um Hilfe bitten möchte."
"Also werde ich ohne Probleme mit der Kaiserin von Shanto Gyar sprechen können?"
"In der Tat. Aber wie gesagt, sei ehrfürchtig und zeig ihr, dass du ihre Macht durchaus respektierst."
"Alles klar. Welches Land kommt als nächstes?"
"Machen wir eine kleine Pause. Da kommt ja schon der Wildschweinbraten."
Der Kellner servierte zunächst dem Kaiser, dann Julian, einen wunderbar aussehenden und auch wunderbar duftenden Wildschweinbraten mit der erwähnten Beilage. Als Julian den Braten aß, musste er sich beherrschen, um nicht zu sterben, denn diese Köstlichkeit war nicht von dieser Welt. Er war überzeugt, dass nur Engel dieses wundervolle Gericht zubereitet haben konnten. Ob sich wohl Engel in der geheimnisvollen Küche befanden? Nachdem er darüber nachgedacht hatte, fragte er einfach den Kaiser. Es fiel Theodor und den anderen Männern der Elitegarde schwer, sich nicht auch so einen wundervollen Braten zu bestellen, doch sie mussten den Kaiser beschützen und die Umgebung im Auge behalten.
"Kaiser, sagt mal, glaubt Ihr, dass Engel diesen Braten gekocht haben?"
"In der Tat habe ich dasselbe vermutet, denn der Geschmack ist überirdisch. Es war eine gute Entscheidung von Marlene, dich hierher zu führen. Ansonsten wäre mir dieser vollkommene Genuss noch entgangen. Das wäre sehr traurig gewesen."
Nachdem sie beide schließlich aufgegessen hatten, nahm sich Theron das nächste Reich vor.
"Jetzt kommen wir zu Grelia. Eines der drei Reiche, bei denen es schwieriger wird, Hilfe zu erlangen."




