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"Wieso denn das?", fragte Julian nach.
"Weil genau die kleineren Reiche der Menschen, die ich dir jetzt erläutere, nicht damit zufrieden sind, dass ich mich selbst zum Kaiser von Anthem Gows ernannt und sie alle damit übertrumpft habe. Sie alle denken, dass ich damit nur zeigen wollte, dass ich etwas Besseres als sie bin. Aber das ist gar nicht der richtige Grund. Ich wollte deshalb ein Kaiser sein, damit es sich jeder Widersacher zweimal überlegt, bevor er Anthem Gows angreift. Bisher hat das immer gut funktioniert."
"Tja, diesmal war das wohl nichts.", sagte Julian.
"Was meinst du?"
"Ich glaube kaum, dass sich der düstere Magier zweimal überlegt hat, Erudicor anzugreifen. Ihm ist es anscheinend völlig egal, ob Ihr Kaiser oder König seid."
"Da hast du wohl recht. Egal, kommen wir zu Grelia. Die Menschen von Grelia sind sehr gesellig, doch sie bekämpfen sich oft mit den Gla-Bogga, deren Reich Anthryla an ihres grenzt. Ihr König, Mysantelos der Handwerker, ist bekannt dafür, besonders stolz auf seine Steintempel zu sein, die er in ganz Grelia aufbaut. Ihm könnte ein kleines bisschen weniger Stolz nicht schaden. Dennoch wäre es das beste, wenn du so tust, als ob er wahrlich ein großartiger Handwerker und König ist. Dann hast du bestimmt seine Aufmerksamkeit und er ist eher gewillt, uns zu helfen. Aber sprich das Thema "Kaiser" lieber nicht an. Und wenn es zur Sprache kommt, gehe nicht darauf ein, sondern wechsle das Thema."
"Das ist ganz schön viel, worauf ich achten muss. Da ist es ja einfacher, nach Shanto Gyar zu gehen."
"Ja, das ist wahr. Aber wir brauchen so viel Unterstützung, wie wir bekommen können. Du hast den düsteren Magier schließlich gehört. 75 000 Krieger sind nicht wenig. Ohne Unterstützung sterben wir alle. Da kann selbst Beatron nichts dagegen tun. Wir brauchen jede Hilfe, die uns angeboten wird. Auch von Varbitien, obwohl das vielleicht die schwierigste Aufgabe von allen wird."
"Warum denn, ich dachte immer, dass Varbitien seinen Verbündeten gerne hilft?"
"Das ist ja im Grunde auch richtig. Varbitien ist ein Land, das anderen in Zeiten der Not immer zu Hilfe kommt. Aber der König, Uselton von Shyr, ist ein sehr grimmiger Zeitgenosse und hat es nicht gut aufgenommen, dass ich ein Kaiser sein soll und er nicht. Ich bin sicher, das wird sein erstes Bedenken sein. Solltest du ihn davon überzeugen können, dass wir seine Hilfe trotzdem brauchen und auch verdienen, so kann Varbitien seinen Ruf, anderen stets zu helfen, aufrechterhalten. Vielleicht mag ihn das umstimmen. Sag ihm das, wenn alles schief geht."
"Na toll, schön langsam glaube ich, dass ich mich ein wenig übernommen habe."
"Du darfst jetzt nicht aufgeben, Julian. Du hast dich freiwillig gemeldet und nun stehe auch zu deiner Entscheidung. Willst du denn Herbstweih nicht rächen? Willst du Fröthljif nicht eigenhändig töten?"
"Mehr als alles andere. Ihr habt völlig Recht, Kaiser. Ich werde es tun und ich werde alle Reiche dazu bringen, uns zu unterstützen."
"Sehr gut. Dann kommen wir schon zum letzten Reich, nämlich Falteritanien. Haggar Borrian, König von Falteritanien, besitzt viele Eigenschaften. Freundlich zu sein, ist keine davon. An ihm wirst du dir die Zähne ausbeißen, falls du glaubst, ihn mit Vernunft oder Mitleid überzeugen zu können. Er hat nur eines im Sinn und das ist sein eigenes Reich. Alles, was sein eigenes Reich schwächt, so wie Truppen in ein anderes Land zu schicken, ist ihm zuwider. Er wird dir vielleicht doch mehr Schwierigkeiten machen als Uselton, aber egal. Du hast selbst gesagt, dass du sie alle überzeugen wirst. Ich hoffe wirklich, du schaffst es. Aber sei bitte besonders in Falteritanien vorsichtig. Wenn du dort etwas Falsches sagst, wirst du gleich eingesperrt oder gar hingerichtet. Achte also ganz genau auf deine Wortwahl. Wenn ich mir das recht überlege, ist es wohl am gesündesten für dich, wenn du dir Falteritanien bis zum Ende aufsparst."
"Aber ich verstehe das nicht. Was ist denn so toll an Falteritanien, dass der König sich nur um sein eigenes Reich kümmert und der Rest der Welt ihm egal ist?"
"Nun ja, sie besitzen eine sehr reichhaltige Kultur und eine weitreichende Vergangenheit. Immerhin lag einst die größte Stadt, die jemals existierte, dort, wo sich heute die ewige Stadt Rom befindet. Sie wurde übrigens auf den Überresten der größten Stadt aller Zeiten errichtet."
"Wie hieß diese Stadt?", fragte Julian neugierig.
"Das weiß ich nicht, aber Haggar Borrian weiß es vielleicht. Du kannst ihn ja mal darauf ansprechen. Wenn er merkt, dass du dich auch für sein Reich interessierst, ist er vielleicht umgänglicher. Ich denke, nun kann ich nichts mehr für dich tun, außer dir alles Gute und viel Erfolg zu wünschen. Hoffentlich kehrst du unversehrt und schon sehr bald zurück. Von nun an kannst du jederzeit aufbrechen, wenn dir danach ist. Das musst du selbst entscheiden. Wenn du bereit bist, sprich einfach mit Azurro. Er befindet sich für gewöhnlich irgendwo im zweiten Stockwerk des Palastes. Theodor kann dich jederzeit zu ihm führen."
"Vielen Dank für die Informationen, mein Kaiser. Ich werde noch den Rest des Tages hier verbringen und morgen früh gleich aufbrechen."
"Warte noch kurz. Hier, das wollte ich dir noch geben. Es ist des Kaisers, also mein Siegel. Wenn du es vorzeigst, solltest du einem Diplomaten entsprechend behandelt werden."
"Vielen Dank, Kaiser. Auf bald."
"Dass wir uns noch in diesem Leben wiedersehen, Julian."
Während er das Restaurant verließ, sah sich Julian das kaiserliche Siegel an. Es war praktisch eine dicke, goldene Scheibe in Kreisform. In der Mitte war das Wappen von Anthem Gows abgebildet, das Julian schon im Thronsaal gesehen hatte. Für den Rest des Tages sah er sich noch einige Gegenden in der Altstadt Erudicors an. Besonders schön fand er die goldenen Spatzen. Dabei handelte es sich um einen wunderschönen, filigranen Brunnen aus purem Gold, auf dem etliche goldene Spatzen thronten. Aus deren Mündern floss das Wasser den Brunnen hinab. Am Abend ging Julian noch einmal ins "Zum Goldhaus" und aß dort "Des Kaisers Mehlspeise". Das waren weiche, unförmige Teigstücke, die wohl ursprünglich ein großer Teigklumpen gewesen sein mussten. Nun waren sie aber gebacken, zerteilt und mit Puderzucker bedeckt. Dazu gab es eine Art Pflaumenmarmelade. Schließlich kam Julian darauf, dass er ja gar kein Geld besaß, doch der Kellner war ihm so dankbar dafür, dass er mit dem Kaiser zu Mittag aufgetaucht war, dass er ihm die Schulden erließ. Schließlich kehrte Julian in die Militärkaserne zurück, was sich schwieriger als erwartet gestaltete. Immerhin hatte er fast den ganzen Tag so viel von der goldenen Stadt gesehen, dass er sich nun an die Wege zu all den Sehenswürdigkeiten, aber nicht an den Weg zur Militärkaserne erinnern konnte. Doch zum Glück konnte man das Gebäude leicht erkennen, da es groß war. Außerdem hatte Julian noch eine ungefähre Ahnung davon, wo es liegen musste. Als er dort angekommen war, legte er sich nach einer Diskussion mit den Wachen in ein freies Bett und schlief bis zum Morgen durch. Am neuen Tag erhob sich Julian und machte sich auf den Weg zum Kaiserpalast. Theodor bemerkte ihn schon, als er die große Stiege hinaufschritt. Er führte Julian durch die große Eingangshalle und dann links zu der Treppe, die hinauf in den ersten Stock führte. Im ersten Stock befand sich etwas nach hinten versetzt eine weitere Treppe, die weiter nach oben führte. Oben angekommen wanderten sie um ein paar Ecken, bis Theodor schließlich vor einem Raum anhielt.
"Wir sind da. Dort drinnen befindet sich Hofmagier Azurro für gewöhnlich."
"Vielen Dank, Theodor."
"Ich lebe, um zu dienen." Mit diesen Worten verschwand Theodor. Julian klopfte an die Tür des Raums.
"Tretet ein.", drang die Stimme des Hofmagiers nach draußen. Julian tat wie ihm geheißen und fand sich in einem großen Raum mit etlichen Portalen wieder. Sie alle besaßen große, goldene Torbögen. Wohin sie wohl führten?
"Ich grüße Euch, Hofmagier Azurro.", begrüßte Julian den Magier.
"Seid ebenfalls gegrüßt, Julian. Nun denn, habt Ihr schon entschieden, wohin Ihr als erstes reisen möchtet?"
"Werden mich diese Portale etwa dorthin bringen?"
"Ja, in der Tat. In jeder Hauptstadt unserer verbündeten Reiche gibt es ebenfalls einen Raum mit solchen Portalen. Also, wohin soll's denn gehen?"
"Ich habe mir gedacht, ich reise als erstes nach Raspetanien."
"Ausgezeichnete Wahl, ich hätte besser nicht wählen können. Das Portal ist allerdings kaputt. Ihr müsst den langen und beschwerlichen Weg nehmen."
"Was? Ist das ein Scherz? Warum ist es dann eine ausgezeichnete Wahl?"
"Weil Raspetanien ein wichtiger Verbündeter sein wird und es wichtig ist, ihre Hilfe unverzüglich zu erlangen."
"Wichtiger als Shanto Gyar?"
"Unter Umständen schon. Außerdem könnt Ihr dann von Raspetanien aus über das Portalsystem in die anderen Reiche reisen."
"Na schön, aber was, wenn der düstere Magier schon vorher angreift?"
"Das wird er nicht. Ich habe in die Zukunft gesehen und bin mir sicher, dass seine Armee erst in etwas mehr als zwei Monaten eintrifft."
"Moment, Ihr könnt in die Zukunft sehen?"
"Aber ja doch. Das ist eine Spezialität der Wassermagie."
"Wassermagie? Was hat Wasser denn mit der Zukunft zu tun?"
"Habt Ihr schon mal vom Zeitfluss gehört, Julian?"
"Nein."
"Ist ja auch egal, es funktioniert jedenfalls. Ich versichere Euch, dass uns genug Zeit bleibt, um Unterstützung anzufordern und es bleibt auch noch genügend Zeit für diese Unterstützung, bei uns einzutreffen."
"Ach ja, das hatte ich noch gar nicht bedacht. Sie müssen die Truppen ja noch bis Erudicor schaffen. Das dauert doch ewig. Da brauchen wir doch noch mehr als ein Jahr Zeit."
"Nein, Julian. Vier der Reiche sind nahe an Anthem Gows. Die beiden, die weiter entfernt liegen, könnten sich verspäten, aber sie werden letztendlich auch an der Schlacht teilnehmen."
"Habt Ihr das alles auch in der Zukunft gesehen?"
"Nicht direkt. Aber ich bin davon überzeugt. Es muss einfach funktionieren. Wir dürfen nicht verlieren, sonst sind Erudicor, Anthem Gows und bald schon die ganze Welt verloren.
"Dann werde ich mich wohl nach einer schnellen Pferdekutsche umsehen müssen.", gab Julian von sich und verlor keine Zeit.
Kapitel V: Das Reich der Gleichheit
Bevor er vom Kaiserpalast losgestürmt war, hatte Julian Theodor noch einmal um Hilfe gebeten. Dieser erklärte ihm, dass Pferdekutschen für Reisen außerhalb sich am äußeren Rand der Stadt, außerhalb der goldenen Stadtmauer befanden. Dort sollte er eine bekommen. Julian machte sich dorthin auf. Um die Kutsche auch bezahlen zu können, hatte ihm Theodor wieder den Geldbeutel gegeben, den er ihm schon am Vortag für das Essen mitgegeben hatte. Als er die Altstadt verließ, kam er an einer Station mit Kutschen vorbei. Diese fuhren ausschließlich innerhalb der Stadtmauer aber außerhalb der Altstadt. Damit konnten Leute die weit vom Zentrum entfernt wohnten schneller dorthin gelangen, sollten sie einmal wichtige Angelegenheiten dort klären müssen oder einen Ausflug dorthin machen wollen. Obwohl es noch sehr früh war, herrschte hier bereits reger Betrieb. Schließlich setzte sich Julian in eine Kutsche, deren Fahrer ihm versicherte, dass sie zum Südtor fuhr. Gegen 5 Silberlinge, was im Vergleich zum überteuerten Essen im "Zum Goldhaus" geradezu ein Schnäppchen war, wurde Julian bequem bis zum Südtor kutschiert. Er teilte sich die Kabine mit drei anderen Leuten, die ebenfalls nach Süden wollten. Einer stieg irgendwo auf halber Strecke aus, die zwei anderen fuhren ebenfalls bis zum Südtor. Nach einer Fahrt von ungefähr einer Stunde, wobei die Kutsche stets zügig unterwegs war, erreichten sie das südliche Stadttor und als Julian dieses passiert hatte, erspähte er sofort Stallungen, bei denen sich Pferde herumtrieben. Dort fragte er nach, wann die nächste Pferdekutsche losfahren würde.
"Tut mir leid, mein Herr, aber die Kutschen fahren erst ab 10 Uhr."
Es war gerade 8 Uhr morgens.
"Ich muss aber so schnell wie möglich ans Meer. Wie kann ich noch dorthin gelangen, ohne ewig zu warten?"
"Nun, lasst mich mal sehen. Ihr könntet ein Pferd kaufen und selbst reiten. Wie viel Geld tragt Ihr bei Euch?"
"Wie wäre es mit 25 Silberlingen?"
"Zu Eurem Pech kostet ein Pferd aber 150 Silberlinge."
"Aber ich brauche dringend eines. Ich muss doch die anderen Reiche davon überzeugen, dass sie uns Unterstützung schicken. Ich bin im Auftrag des Kaisers unterwegs."
"Im Auftrag des Kaisers? Das kann ja jeder behaupten. Habt Ihr denn etwas, dass das auch beweist?"
Da fiel Julian das Siegel ein, welches ihm Kaiser Theron verliehen hatte. Er zeigte es dem Mann und schon bald saß er auf einem schnellen Schimmel, der alles gab, um Julian so schnell es ging ans Meer zu bringen. Der Mann bestand darauf, dass Julian auch noch eine Karte von Europa mitnahm, um seine Route verfolgen und überwachen zu können. Bei einer Karte, die so undetailliert ein so großes Gebiet zeigte, war das nicht einfach, doch es musste reichen und war besser, als keine Karte. Julian konnte außerdem nicht reiten, doch der Mann war so freundlich, ihm die Grundzüge schnell beizubringen. Es war zwar noch eine Herausforderung, aber es funktionierte. Während er weiter südwärts, in Richtung Meer ritt, dachte Julian darüber nach, was ihm das kaiserliche Siegel für Vorteile bringen würde. Davon abgesehen war er schon sehr aufgeregt, Raspetanien endlich zu besichtigen. Er besaß keine Erinnerungen daran aus seiner Kindheit. Umso spannender war es nun, das Reich zu bereisen, in dem er geboren war. Doch davor erwartete ihn noch ein langer Weg. Schon bald gab Julians Pferd alles und brachte ihn schnell voran. Doch nachdem er den ganzen Tag bis abends geritten war, wurde das Pferd langsamer. Es hatte die Grenze seiner Belastbarkeit erreicht und brauchte dringend Nahrung. Also hielt Julian in einem kleinen Dorf, welches sich in einem von Bergen umgrenzten Tal befand. Soweit er wusste, musste er noch in Anthem Gows sein. Die Leute im Dorf waren sehr freundlich und als Julian ihnen das Siegel des Kaisers zeigte, boten sie ihm und seinem Pferd Verpflegung sowie eine Unterkunft für die Nacht an. Es war sinnlos, in der Nacht weiter reiten zu wollen. Das Pferd konnte nicht so gut sehen und Julian ebenso wenig. So konnte schneller ein Unfall geschehen, der Julian nur noch mehr Zeit kosten würde. Dafür hatte er keinen Platz in seinem Plan. Also ruhte er sich über die Nacht aus und am nächsten Tag brach er früh auf. Am Abend zuvor hatte er sich noch von den Leuten im Dorf zeigen lassen, wo genau sie sich befanden. Ohne Zweifel lag das umliegende Land noch in Anthem Gows. In der Nähe gab es sogar einen großen See. Außerdem hatte Julian schon gut die Hälfte des Weges von der goldenen Stadt zum Meer zurückgelegt. Am zweiten Tag war es jedoch umso schwieriger, weil sich viele Berge Julian in den Weg stellten. Meistens ritt er lange Täler bis zum Ende, wo er dann mühsam über schmale Pfade die Berge besteigen musste. Die Hälfte der Zeit ging er zu Fuß neben dem Pferd, weil er sich so sicherer fühlte. Das Pferd war auch nicht gerade berauscht darüber, die Berge erklimmen zu dürfen. Manchmal gab es natürliche Höhlen, die an einer Seite in den Berg hinein und auf der anderen wieder hinausführten. Dann gab es Berge, die recht leicht zu besteigen und schnell überwunden waren. Dennoch nahm das viel Zeit in Anspruch und als schließlich die schlimmsten Berge hinter den beiden lagen und Julian endlich wieder auf freiem Felde reiten konnte, sah er im Westen schon die Sonne langsam verschwinden. Der zweite Tag war vergangen. Doch nun konnte es nicht mehr allzu weit sein. In einem einsamen Haus, das Julian inmitten von unendlich weiten Feldern und Wiesen fand, traf er auf ein altes Ehepaar, welches ihm gerne aushalf. Er musste nicht einmal das kaiserliche Siegel herzeigen und das war auch besser so. Denn die beiden verrieten ihm, dass er sich bereits in Falteritanien befand und die Hafenstadt Genòa nur noch einen Tagesmarsch entfernt lag. "Das sollte mit dem Pferd schnell zu bewältigen sein.", dachte sich Julian. Sein Pferd wurde wie auch am Vortag wieder versorgt und konnte sich von den anstrengenden Anstiegen auf die Berge erholen. Am nächsten Tag brach Julian wie gehabt früh auf und erreichte schon am frühen Nachmittag Genòa, ihres Zeichens die Hafenstadt Falteritaniens, die den Schiffsverkehr in westliche Richtung abwickelte. Alles, was nicht innerhalb des Mittelmeeres blieb, sondern sich durch den schmalen Mittelmeerpass zwischen Selvunia und Raspetanien hinaus in die weiten Ozeane der Welt bewegte, lief dort aus. Umgekehrt kam auch fast alles, was von außerhalb des Mittelmeeres eintraf, in Genòa an. Julian wollte nur über das Mittelmeer hinab zur Nordküste Raspetaniens, doch auch das war von hier aus möglich. Zunächst verkaufte Julian sein Pferd an einen Händler und bekam dafür immerhin 70 Silberlinge. Das kaiserliche Siegel hätte ihm beinahe das Geschäft versaut und außerdem hätte die Stadtwache ihn fast schon genauer unter die Lupe genommen. In einem Gefängnis zu landen und sich von Haggar Borrians Wachen befragen zu lassen, war das letzte, was er jetzt brauchen konnte. Natürlich konnte Julian gleich den nach Kaiser Therons Aussage alles andere als freundlichen König Falteritaniens um Hilfe bitten, doch wenn diesem irgendwas an ihm nicht gefiel, dann würde er vielleicht gleich exekutiert oder weggesperrt werden und wer sollte dann die anderen Reiche um Hilfe bitten? Nein, Haggar Borrian musste warten. Soviel stand fest. Wenn Julian sich Mühe gab, waren sie womöglich gar nicht mehr auf ihn angewiesen. Nun bestand die erste Aufgabe also darin, ein Schiff zu finden, das nach Raspetanien segelte. Schon bald hatte Julian ein großes Segelschiff entdeckt, auf das immer mehr Leute marschierten. Auch viele dunkelhäutige Menschen, die den Großteil der raspetanischen Bevölkerung ausmachten, befanden sich auf dem Schiff. Dann fragte Julian einen Mann mit sehr dunkler Haut und kahl rasiertem Kopf in einem knallgelben Gewand, ob das sein Schiff sei. Er stand selbstbewusst davor und sah jeden, der das Schiff bestieg, genau an. Deshalb nahm Julian an, dass er vielleicht der Kapitän sei.
"Verzeiht, aber gehört Euch dieses Schiff?", fragte Julian.
"Das kann man so sagen, mein Freund.", antwortete der Fremde. "Aber wo bleiben denn meine Manieren. Ich bin Odobar, Prinz des Nebels und Sohn des Statthalters von Bar Golan, der Handelsmetropole Raspetaniens. Mit wem habe ich das Vergnügen?"
"Ich bin Julian aus Anthem Gows und ursprünglich bin auch ich in Raspetanien geboren. Es freut mich, Euch kennen zu lernen, Odobar."
"Ganz meinerseits, Julian. Immer schön, einen Landsmann zu treffen. Was kann ich denn für Euch tun?"
"Nun, wenn dies Euer Schiff ist, liege ich dann richtig in der Annahme, dass Ihr bald nach Raspetanien zurücksegelt?"
"Das ist absolut korrekt, mein Freund. Noch heute Abend brechen wir auf in Richtung Apuerto. Falls Euch dieser Name nichts sagt, dabei handelt es sich um die nördlichste Hafenstadt ganz Afrikas. Noch dazu ist sie ungefähr gleich weit entfernt von der Hauptstadt Raspetaniens, Aschakrhan und Bar Golan, meiner Heimatstadt. Ich schlage dann natürlich den Weg Richtung Süden, nach Bar Golan, ein. Aber warum interessiert Euch das? Wollt Ihr mich begleiten?"
"Ja, wenn das möglich ist, würde ich sehr gerne mit Euch nach Raspetanien segeln. Es ist von äußerster Dringlichkeit."
"Tatsächlich? Dann ist es gut, dass wir einander begegnet sind. Denn bei dringlichen Angelegenheiten vermag ich Euch zu helfen. Worum genau geht es, mein Freund?" Odobar war sehr hilfsbereit und zögerte nicht einen Moment, Julian seine Hilfe anzubieten. Und das, obwohl er ihn nicht einmal kannte. Julian hätte auch einfach lügen können und in Wirklichkeit Motive haben können, Odobar zu schaden und er hätte ihm trotzdem geholfen. Das war der Geist von Raspetanien. Man begegnete allen als gleichgestellt und so konnte man natürlich auch allen Hilfe anbieten, auch wenn einige diese Hilfe gar nicht verdienen würden. Julian erklärte Odobar sofort, was eigentlich los war.
"Es ist sehr wichtig, dass ich mit den Herrschern von Raspetanien spreche, denn Anthem Gows braucht dringend Eure Unterstützung. Erudicor, die goldene Stadt, steht kurz vor einem Angriff durch einen seltsamen Magier und seine 75 000 Mann starke Armee. Allein können wir diesen großen Angriff niemals abwehren. Wir benötigen unbedingt Eure Hilfe. Der Kaiser persönlich schickt mich, um Euch darum zu bitten."
"Verstehe, das ist eine ernste Sache. So gerne ich Euch helfen würde, Freund, kann ich es leider nicht. Aber mein Vater kann es. Er als Statthalter von Bar Golan ist einer der fünf Herrscher von Raspetanien und somit befugt, Truppen an andere Reiche zu entsenden. Dennoch muss zuvor die Entscheidung von allen Mitgliedern des Rats der Fünf abgesegnet werden. Denn wie Ihr vielleicht wisst, lautet das Motto unseres Landes "Ohne Konsens keine Konsequenz"."
"Das ist mir bekannt.", sagte Julian, der nicht begeistert darüber war, dass sich erst der Rat der Fünf beraten musste, bevor sie Truppen zur Unterstützung schicken würden.
"Gibt es denn keine Möglichkeit, schneller Unterstützung von Euch zu erhalten?", fragte Julian schließlich.
"Nein, so funktioniert unser Land nun mal. Bisher hat sich dieses System immer bewährt und wir werden jetzt bestimmt nichts daran ändern. Alles, was ich Euch ans Herz legen kann, mein Freund, ist, mit mir nach Bar Golan zu reisen und meinem Vater mitzuteilen, was Ihr mir gerade erzählt habt. Ich bin sicher, dass sowohl er als auch der Rest vom Rat der Fünf einsichtig sein werden."
"Wie viele Krieger denkt Ihr, könnte Euer Reich entbehren, um Anthem Gows zu unterstützen?"
"Ich denke um die 15 000 werden wohl abkömmlich sein."
"Was, so viele?", platzte es aus Julian heraus. Die schiere Anzahl ließ ihn staunen.
"Überrascht Euch das? Wir sind ein großes Reich und da muss natürlich eine entsprechende Anzahl an Kriegern vorhanden sein, damit wir nicht einfach überrannt und erobert werden."
"Aber dann seid Ihr doch bestimmt das größte und mächtigste Reich der Menschen?"
"Nein, dieser Titel steht Ganredlah zu. Kaiser Aloisius Rabenkrang versteht es meisterhaft, stetig neue Truppen ausbilden. Wenn es zu wenige Krieger in seinem Reich gibt, dann zwingt er einfach Bürger, die gar nicht wollen, Krieger zu werden. Sie können dann entweder kooperieren oder sterben. Er verkauft es dem Volk so, als ob es ihre Entscheidung wäre. Als ob irgendjemand sich lieber töten lassen würde, als ein Krieger zu sein. Wenn man allerdings Krieger für so einen Kaiser sein muss, wäre der Tod wahrscheinlich die bessere Alternative."
"Aber das ist ja furchtbar. Wie kann er so etwas tun?"
"Weil er ein rückständiger Mensch ist, der über ein riesiges Reich herrscht. Er kann tun, was er will und niemand hält ihn davon ab. Denn die Menschen fürchten einen Kaiser. Und das sollten sie auch. Deshalb wird unser Reich von mehreren Personen regiert, damit nicht einer die völlige Kontrolle an sich reißen kann. So etwas wie in Ganredlah darf niemals in Raspetanien passieren, aber auch genauso wenig irgendwo anders. Aber genug davon, kommt Ihr nun mit, mein Freund?"
"Ja, ich werde Euch begleiten. Dann sehe ich mir Bar Golan an und überzeuge den Rat der Fünf davon, Anthem Gows zu unterstützen."
"Keine Sorge, mein Freund. Ich werde Euch helfen."
"Vielen Dank, Odobar. Ihr seid wirklich freundlich."
"Aber natürlich. Ich will den Geist Raspetaniens über die ganze Welt verbreiten. Damit eines Tages alle so fortschrittlich denken wie wir und Tatjanas Vision wahr wird."
"Schon wieder diese Tatjana. Auch Kaiser Theron hat mir von ihr erzählt. Was hat sie so Besonderes getan, dass alle so besessen von ihr sind?"
"Aber nicht doch, keinesfalls besessen. Tatjana lebt in jedem Menschen weiter, der andere als sich gleichgestellt ansieht. Ihr müsst wissen, mein Freund, dass Tatjana den Beinamen "Die große Einerin" trägt. Dem ist deshalb so, weil sie es einst vollbracht hat, das gesamte menschliche Volk, auch wenn wir noch so verschieden in Aussehen, Kultur und Glauben waren, zu einem einzigen Volk zu vereinen. So waren wir alle einander gleich, obwohl wir uns äußerlich stark voneinander unterschieden. Aber das störte damals niemanden. Und auch heute stört es in Raspetanien niemanden, wie andere aussehen und woher sie stammen. Wir müssen endlich anfangen, zu begreifen, dass wir alle ein Volk sind und einander nicht unnötig bekämpfen müssen. Alle Vorurteile und all der Rassismus sind unnötige Konstrukte, die niemals existieren dürften. Wir sind alle Menschen und anstatt, einander abzulehnen und zu hassen, sollten wir uns vereinen und gemeinsam gegen die viel schlimmeren Völker wehren. Denn sind es nicht die anderen Völker, allen voran die Dunkelelfen, die unsere schöne Welt erobern und zerstören wollen? Wir Menschen suchen nur einen Ort, an dem wir uns ein Zuhause errichten können. Das könnte die ganze Welt sein, aber die anderen Völker leben auch in ihren Reichen. Natürlich haben wir kein Recht, ihnen einfach ihr Land wegzunehmen und sie zu töten, aber manche Völker gehören einfach von der Erde getilgt. Ich bin nicht stolz auf diese radikale Sichtweise und doch geht es nicht anders. Denn ich kenne die Dunkelelfen und weiß, dass sie erst zufrieden sind, wenn alles von ihnen eingenommen und verdorben wurde. Aber eher sterbe ich, als zuzusehen wie sie mein geliebtes Raspetanien zerstören."




