Skeleton Tree

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Als Frank stehenblieb, um aus einem Bach zu trinken, trottete ich weiter und dachte über so einiges nach. Es wurde dunkel im Wald, und als ich mich umschaute, war Frank nicht mehr da.
Ich rief seinen Namen. Er reagierte nicht. Da ich keine Ahnung hatte, wie weit ich ohne ihn gelaufen war, ging ich wieder zurück – erst langsam, dann immer schneller – und fand Frank an dem Bach wieder. Er kniete vor einer Ansammlung von Zweigen und Moos und rieb Stöckchen aneinander.
«Was machst du da?», fragte ich.
«Wonach sieht’s denn aus?» Er hob nicht einmal den Kopf. «Ich mache Feuer.»
«Du hättest mir sagen können, dass du nicht weitergehst», sagte ich.
«Wieso?», fragte er, ohne aufzublicken.
«Wieso nicht?», fragte ich zurück. «Ich habe dich an Land gebracht. Ich habe dir das Leben gerettet. Wir müssen zusammenbleiben.»
«Wieso?»
«Weil man das so macht!», schrie ich.
«Wieso?»
Am liebsten hätte ich ihm mit einem Stein aus dem Bach den Schädel eingeschlagen. Stattdessen ließ ich mich ins Gras sinken und sah ihm zu.
Obwohl ich immer gedacht hatte, es müsste relativ leicht sein, ein Feuer zu machen, hatte ich noch nie gesehen, wie es jemand versucht hatte. Frank rieb die Stöcke kräftig aneinander, aber ich sah weder Funken noch Rauch. Sein ernsthafter, störrischer Blick war irgendwie traurig anzusehen.
Als seine Hände zu zittern begannen, kniff er die Lippen fest zusammen. Er beugte sich über seine kleinen Moosfetzen und arbeitete anfallsweise, bis er erschöpft war. Schließlich ließ er sich zurücksinken, murmelte vor sich hin und sah das Häufchen böse an.
Ich wollte ihn aufmuntern. «Es wird schön sein, wenn wir ein Feuer haben», sagte ich.
Das machte ihn unglaublich wütend! «Meinst du, du kannst es besser?», fragte er.
«Nein», antwortete ich. «Das habe ich nicht …»
«Wer meint, es wäre leicht, im Regenwald Feuer zu machen, hat keine Ahnung.» Frank griff wieder nach seinen Zweigen.
Es wurde dunkler am Himmel. Ein Mückenschwarm kam, und Frank schlug danach, während er sich weiter zu schaffen machte. Mit einem Mal schob er das Moos beiseite und warf das gesammelte Holz weg. «Wir brauchen heute Abend kein Feuer», sagte er. «Ist eh zu warm.»
Ja klar, ihm war warm. Er schwitzte vor Anstrengung, aber mir war kalt.
Frank schlang seine Jacke wie ein kleines Zelt um sich und verkroch sich darin vor den Mücken. Ich schlug weiter nach ihnen, während sie um mich herumsummten und ich in meinem T-Shirt und meinem Pullover bibberte. In der Ferne heulten Wölfe. Die Laute zerrten an meinen Nerven, und die Tatsache, dass sie nur gedämpft zu hören waren, machte sie nur noch unheimlicher.
Ich schlief ein, als sich der Himmel aufhellte. Es kam mir so vor, gerade erst die Augen geschlossen zu haben, als Frank aufstand und gegen meine wunden Füße trat. «Komm», sagte er.
Heidelbeersaft hatte seine Finger und seinen Mund blau gefärbt, doch er hatte mir keine Beeren mitgebracht und ließ mir auch keine Chance, selbst welche zu finden. Nach einem weiteren Tritt marschierte er Richtung Norden, und ich musste mich beeilen, ihm zu folgen.
Wir blieben nah an der Küste, zeitweise sehr weit oben auf nackten Klippen, oder auch unten auf kleinen Kies- oder Steinstränden. Drei- oder viermal schaute ich auf meine Uhr und sah, dass die Zeiger um drei Uhr fünfzehn stehengeblieben waren. Es fühlte sich an, als wären wir dazu verdammt, bis ans Ende unserer Tage weiterzulaufen, während die Zeit immer gleich blieb.
Ich trottete hinter Frank her und sah immer nur seinen Rücken. «Wohin gehen wir?», fragte ich ihn in einem Wäldchen. «Was sollen wir machen?»
Wie üblich schenkte er mir keine Beachtung. Nachdem wir eine weitere halbe Meile über einen Kamm und zurück zu den Klippen gelaufen waren, blieb Frank stehen und drehte sich um. Er machte einen wütenden Eindruck. «Wieso gehen wir nach Norden?», fragte er.
Ich zuckte mit den Schultern. «Ist doch pipi, oder?»
«Ist doch pipi», ahmte er mich lachend nach. «Wie alt bist du eigentlich? Acht?» Sein Haar war vom Salz hart und stumpf geworden und hing wie die Augenklappe eines Piraten über seinen Augen. «Und woher willst du wissen, dass südlich von hier keine Stadt liegt?»
Noch eine Frage, auf die es keine Antwort gab. «Ich glaube nicht, dass es hier überhaupt eine Stadt gibt», sagte ich.
«Das kannst du nicht wissen, du Penner.»
«Ich habe das Land vom Boot aus gesehen», konterte ich. «Du nicht.»
Frank verschränkte die Arme. «Vielleicht sollten wir uns trennen. Du gehst nach Norden, ich nach Süden.»
Er wusste genau, dass mir diese Idee nicht gefiel, und wollte nur, dass ich ihn anflehe. Doch das hatte ich schon zu oft bei den Schulhofmobbern getan. Wenn ich mich einmal von ihm herumschubsen ließ, würde es nicht mehr aufhören. Im Gegenteil, beim nächsten Mal wäre es noch schlimmer. Ich zuckte mit den Schultern, sagte «egal» und ging weiter in nördliche Richtung.
Frank kam nicht mit. Da es zu peinlich gewesen wäre, umzukehren und hinter ihm herzutrotten wie ein Hündchen, lief ich einfach weiter. Nach einer halben Meile wurde mir bewusst, dass ich einen großen Fehler begangen hatte.
Weiter unten lag ein kleiner Strand, der mit Müll übersät war. Ich beschloss, mich dort nach einem Paar Schuhe für meine wunden Füße umzuschauen. Anschließend konnte ich wieder hochklettern, umkehren und Frank einholen. «Da ist niemand», könnte ich dann sagen. «Gehen wir nach Süden.» Der Plan war schlau, denn Frank würde bekommen, was er wollte, und ich musste nicht nachgeben. Mein Vater hätte es als «Win-Win-Situation» bezeichnet.
In Vancouver hätte ich am Strand von English Bay nicht einmal eine Viertelmeile laufen müssen, um einen Flip-Flop, eine Sandale oder einen Sneaker zu finden. Zusammen mit Baseballkappen und Einwegfeuerzeugen lagen sie dort wie Muscheln herum. In Alaska war es sogar noch besser.
Es war ein weicher Kiesstrand, und ich sank sofort ein, sodass es sich anfühlte, als würde ich durch eine Schüssel mit Murmeln waten. Zwischen angeschwemmten Baumstämmen entdeckte ich das gleiche Zeug, das ich auf dem Meer hatte schwimmen sehen, und ich musste an Onkel Jack denken. «Das Problem ist, dass eines Tages alles an Land geschwemmt wird.» Ich fand Flaschen und Eimer und die Knochen eines riesigen Wals. Ich fand zwei Feuerzeuge, die nicht funktionierten, und eine Sandale für meinen rechten Fuß. Sie war viel zu groß und hätte Bozo, dem Clown gehören können. Dennoch zog ich sie an und entdeckte kurz darauf einen pinkfarbenen Flip-Flop mit einem Herzchen auf der Sohle.
Stolz, wenigstens ein Problem gelöst zu haben, nahm ich die Felsen am Ende des Strandes in Angriff und kletterte immer höher, bis ich auf einer Klippe herauskam, die so hoch war, dass mir schwindelig wurde. Darunter flogen die Möwen und wiegten sich im Wind, und ich konnte sicherlich hundert Meilen weit sehen, über Wälder und Berge hinweg, ohne die Spur eines Menschen.
In diesem Augenblick war ich mir sicher, dass wir im Norden niemals auf eine Menschenseele stoßen würden. Ich wollte Frank wiederfinden und nach Süden gehen, doch zunächst lag ein größerer, besserer Strand vor mir. Sein Sand sah aus wie goldener Zucker. Der Streifen zog sich über eine Meile an der Küste entlang, und die Brecher tosten und funkelten. Von hoch oben fühlte es sich an, als würde alles, was ich sah, mir gehören.
Ich war unmittelbar in den Lieblingsfilm meiner Mutter geschlüpft: Robinson Crusoe. Ich konnte mir genau vorstellen, wie der Schiffbrüchige in seiner abgerissenen Kleidung aus Ziegenfell von einem Felskamm auf seine einsame Insel hinunterblickte. Meine Mutter musste bei diesem Film immer weinen. «Wir sind alle Schiffbrüchige», hatte sie eines Tages zu mir gesagt. «Wir werden auf die Felsen des Lebens geworfen, aber irgendwie überleben wir doch.»
Ich warf einen Blick zurück auf den Hügel, den ich erklommen hatte. Etwas kam durch das Gebüsch auf mich zu und schlich sich an.
Wölfe, dachte ich. Starr vor Angst beobachtete ich nur, wie sich das Gebüsch seitwärts neigte und niedergedrückt wurde. Ich hörte, wie die Zweige knackten. Und dann tauchte Frank zwischen zwei Bäumen auf.
Er rannte quasi auf allen vieren den Hang hinauf – fast schon panisch –, als wäre etwas hinter ihm her. Er zog mit den Händen, schob mit den Füßen und brach stolpernd durchs Gestrüpp. Als er aufblickte und mich vor sich stehen sah, dachte ich für einen Moment, er würde wieder umkehren. Er sank ins Gebüsch, kam wieder hoch und stieg nun aufrecht den Hügel hoch. Als er bei mir war, keuchte er heftig.
«Ich habe meilenweit nach Süden geschaut», sagte er. «Da ist niemand.» Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. «Also gehen wir nach Norden, und du kannst aufhören zu heulen, du kleine Heulsuse.»
Tja, ich heulte gar nicht. Es war Frank, der irgendwie durchgedreht war, und das wussten wir beide. Er drängte sich an mir vorbei, und ich folgte ihm – es war die mir schon vertraute Reihenfolge. Doch das war mir egal geworden. Ich hatte eine interessante Beobachtung gemacht: Nicht einmal Frank wollte in der Wildnis allein gelassen werden.
4

Die Hütte
Drei Stühle stehen an der Spitze um den Heiligen aus Holz herum. Natürlich brauchen wir nur zwei, aber es gefällt mir, dass es einer zu viel ist. Ich stelle mir vor, dass wir dort sitzen, wenn jemand uns zu Hilfe kommt. Er wird so überrascht sein, uns lebendig anzutreffen, dass er nur stehenbleiben und uns mit offenem Mund anglotzen kann. Ich werde dann auf den leeren Stuhl zeigen und höflich sagen: «Hallo. Möchten Sie sich nicht setzen?»
Ich sehe es deutlich vor mir, ich male mir sogar die Gestalt unseres Retters aus. Er ist blond und trägt eine braune Kappe und eine dunkle Sonnenbrille.
So stelle ich ihn mir vor, aber wenn er anders aussieht, soll es mir auch recht sein. Manchmal habe ich die Dinge so genau vor Augen, dass ich fest daran glaube, sie werden in Erfüllung gehen.
An unserem Kühlschrank zu Hause hängt ein Zeugnis aus dem zweiten Schuljahr mit der Unterschrift von Mrs Lowe. Sie hat geschrieben:
Christopher hat eine lebhafte Fantasie. Eines Tages wird sicher ein großer Künstler aus ihm. Ein Schriftsteller vielleicht.
Darunter hat sie noch eine Bemerkung hinzugefügt: Christopher hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden.
Ich muss lachen, wenn ich daran denke. In unseren ersten Tagen in Alaska dachte ich, Frank und ich würden nie Freunde werden.

Es war später Nachmittag, als wir unten am Sandstrand ankamen.
Sobald ich meinen pinkfarbenen Flip-Flop wegschleuderte, merkte ich, dass der Sand wie eine Käsereibe meine Blasen abkratzte. Ich humpelte wie ein alter Mann. Doch ich war froh, den Wald hinter mir zu haben und nicht mehr auf den Klippen herumkraxeln zu müssen. An dem Strand, der sich über eine Meile erstreckte, brachen sich die Wellen in sahnigem Schaum. Ein Schwarm Wasserläufer trippelte an der Wasserkante hin und zurück, als hätten die Vögel Angst, sich die Füße nass zu machen.
Frank lief dort, wo der Sand fest und nass war, und sein Schatten fiel lang über den Strand wie ein Strichmännchen. Ich blieb weiter oben, wo Tausende von Baumstämmen, von der Sonne gebleicht, dem Totenacker eines Riesen glichen.
Es war so ein wilder Ort. In Vancouver kehrt die Stadtreinigung täglich mit einem Rechen den Sand und richtet die Baumstämme in geraden Reihen aus. Mein Vater hatte im Anzug Strandgut gesammelt, mit fliegender Krawatte. Hin und wieder hatte er wie ein Pirat geredet: «Komm, Kumpel, jetzt holen wir uns den Schatz.» Er machte ein Spiel daraus, Schrott als alte Münzen auszugeben, doch ich erwartete Holztruhen, die vor Gold überquollen, und ging immer enttäuscht nach Hause.
Alles, wovon Onkel Jack geredet hatte, war auf dem Sand verteilt. Wir fanden Fetzen von Schleppnetzen und Leinenenden, Flaschen und Eimer und alle möglichen Gegenstände aus Plastik. Doch das ganze Zeug war mit Seepocken und Tang bewachsen, und das meiste war total kaputt. Wir hasteten von einem Ding zum nächsten und stürzten uns kreischend wie die Möwen darauf. Eine Zeit lang waren wir einfach zwei Jugendliche, die sich am Strand vergnügten. Doch allmählich wurde es deprimierend – die endlose Anzahl, die Geschichten, die sie uns zuflüsterten. Es war ein seltsamer Gedanke, dass all diese Sachen einmal Menschen etwas bedeutet hatten, die höchstwahrscheinlich tot waren.
Ich hatte den Tsunami im Fernsehen gesehen, er hatte ganze Städte hinweggeschwemmt. Menschen waren um ihr Leben gerannt, steckten in Autos fest oder saßen auf ihren Dächern. Ich hatte die riesigen Müllberge gesehen, die durch die überfluteten Straßen ins Meer hinausgetrieben waren. Und diese Dinge bildeten jetzt unsere Umgebung.
Ich sammelte Flaschen, die sich mit Wasser füllen ließen, und mehr Schuhe als ich jemals anziehen konnte. Es war zwar kein einziges Paar dabei, aber ich entdeckte zwei, die mir gefielen, und behielt vier weitere als Ersatz, die ich an zusammengebundene Schnüre knüpfte und um den Hals hängte.
«Halte Ausschau nach Feuerzeugen», sagte Frank, als würde ich das nicht längst tun. Doch hier lagen weniger als erwartet, und die waren verrostet und brüchig, zerstört von Salz oder Sonne. Obwohl ich sie gegen das Licht halten und das Butangas darin sehen konnte, waren sie nutzlos.
Am Ende des Strandes ragte eine Felsspitze ins Meer, auf deren Rücken sich ein paar Bäume im Wind wiegten wie ein gesträubtes Hundefell. Ein Weißkopfseeadler rauschte darüber hinweg, gefolgt von einem Raben, der wie eine Krähe schrie und im Sturzflug auf den Kopf des Adlers niederging, abdrehte und erneut angriff. Auf diese Weise scheuchte er den großen Vogel über den Himmel.
Frank blieb stehen, um ihnen zuzuschauen. Dann setzte er sich am Ende des Strandes auf einen Baumstamm.
Falls er sich dort für die Nacht einrichten wollte, sagte er es zumindest nicht. Doch nicht Frank, der Schweigsame! Deshalb ging ich weiter und überlegte, die Gegend hinter der schmalen Landspitze zu erkunden. Ich hielt mich zwischen den Stämmen, bis ich auf einmal einen Wildpfad entdeckte, der durchs Gebüsch aufwärts führte. Ich duckte mich unter den hängenden Ästen eines halb umgefallenen Baums hindurch und richtete mich wieder auf, um über den letzten Baumstamm zu steigen.
Dann hielt ich ruckartig an, mit dem Fuß in der Luft.
Direkt vor mir war eine menschliche Fußspur im Sand.
Sie war nicht frisch, am Rand schon eingebrochen, und ein paar braune Nadeln des Baums hatten sich darin gesammelt. Vor Wind und Regen geschützt, konnte die Spur lange unversehrt geblieben sein, so wie Fußabdrücke auf dem Mond. Doch sie war sicherlich nach den Winterstürmen entstanden, also irgendwann im Frühling oder Sommer. Jemand war genau wie ich an diesem Strand entlanggegangen. Er war unter den Ästen durchgetaucht und über den Baumstamm gestiegen, um auf dem Wildpfad in den Wald hochzusteigen.
Ich rief Frank. «Hier ist jemand!» Dann folgte ich dem vergessenen Schatten des Mannes, stolperte durch den Sand, weil ich es so eilig hatte, und landete mit dem Gesicht in seinem alten Fußabdruck. Ich stand wieder auf und rannte dorthin, wo der Wildpfad begann. In der schwarzen Erde des Waldes fand ich eine weitere Fußspur im hart gewordenen Matsch.
Mein geheimnisvoller Mann hatte sich mit einer Axt oder einem Messer den Weg durch den Wald gebahnt. Sein Pfad war überwuchert von Salalbüschen, und es war schwierig durchzukommen. Es ging an riesigen Bäumen entlang, die jahrhundertealt sein mochten, bis zu einer kleinen Hütte auf einer Lichtung – einem Häuschen im Wald.
Über Schindeln aus Treibholz lag eine durchsichtige Plastikabdeckung auf dem Dach, die mit Fetzen von Fischernetzen befestigt war. Ein weiteres Rechteck aus Plastik diente als Scheibe für ein kleines Fenster, das mit Holz verbrettert war. Die Hütte machte einen leeren, verlassenen Eindruck. Sie hatte etwas Unheimliches an sich.
«Hallo?», rief ich. «Hallo?»
Von der Brandung war so wenig zu hören wie vom Wind, doch im Luftzug kräuselte sich das Plastik auf dem Dach, als würde sich die Haut einer atmenden Kreatur bewegen.
Als ich um die Ecke bog, sah ich, dass die Tür einen Spaltbreit geöffnet war. Sie hatte in Angeln aus Seilfasern gehangen, doch zwei waren gerissen, und die Tür hing schlaff herunter wie ein gebrochener Arm und schwang im Wind, als wollte sie sich selbst zuwerfen.
Mit den Schuhen und Wasserflaschen in der Hand steckte ich den Kopf durch die Tür. Dann taumelte ich verblüfft rückwärts.
Ein riesengroßer schwarzer Rabe hing kopfüber auf der Schwelle. Er war mit rotem Draht verschnürt und drehte sich langsam.
Noch nie war ich einem Raben so nahe gekommen. Er war fast so groß wie ein Truthahn an Thanksgiving und maß über einen halben Meter. Doch die Federn waren zerschlissen, und der arme Vogel sah uralt aus, wie eine Mumie. Während er sich weiter drehte, sah ich seinen Hinterkopf, an dem die Federn zerzaust und stumpf waren. Ich sah seinen Schnabel. Ich sah sein Gesicht.
Der Rabe hatte keine Augen. Ich blickte direkt in leere Augenhöhlen, doch dadurch, dass um jede Höhle ein Ring aus winzigen, schütteren Federn verlief und in einer weißen Linie den Schädel enthüllte, sah es aus, als würde der Rabe mich anstarren.
Ich hörte, wie Frank sich hinter mir auf dem Wildpfad näherte und durchs Gebüsch stürmte, begierig zu erfahren, was ich entdeckt hatte. Seine Jacke flatterte in seinem Rücken, als er über die Lichtung rannte. Ohne vorher anzuhalten, lief er zur Hütte und riss die Tür auf.
Der tote Rabe drehte sich an seinem Draht.
Frank musste denken, dass sich etwas aus der Hütte auf ihn gestürzt hatte. Er hätte beinahe geschrien, als er zum Schutz einen Arm hob. Schwarz und struppig sauste der Rabe auf ihn zu, schwang zurück und wieder vor.
In unserem Rücken tauchte ein zweiter Rabe auf. Mit rauschendem Gefieder kam er durch die Bäume geflogen wie ein schmaler Schatten, der von dem größeren abgebrochen war. Er landete auf einem Ast, der sich unter seinem Gewicht bog, dann zog er die Flügel ein und neigte den Kopf, um nach unten zu blicken.
Frank war es sichtlich peinlich, dass er sich erschrocken hatte, und er verfluchte den toten Raben. Wütend griff er sich einen Stock und schlug auf ihn ein. Der Vogel schoss durch die Tür und wirbelte an seinem Draht herum. Mit Schwung federte er aus der Hütte heraus und wieder hinein, während der andere Rabe von seinem Beobachtungsposten laute Rufe und Schreie ausstieß.
Frank hob knurrend den Stock und schlug erneut auf den Raben ein. Viele kleine Federn stoben durch die Luft, und der tote Vogel drehte sich immer schneller, während der lebende im Baumwipfel zeterte. Schließlich riss der Draht, und der schwarze Kadaver fiel auf die Schwelle. Sofort hörte das Geschrei auf.
Das alles war schnell und brutal verlaufen, und nun schob Frank den toten Vogel in der Stille zur Seite, immer weiter durch den Schmutz, und beförderte ihn mit einem gezielten Tritt ins Gebüsch. Dann wischte er sich die Hände ab und betrat die Hütte. Ich folgte ihm.
In dem engen, dunklen Raum gab es einen wackeligen Tisch mit einem wackeligen Stuhl, die beide umgefallen waren. An eine Wand war ein Bett gebaut, dessen Schaumstoffmatratze an einer Ecke auf den Boden hing, und in der Mitte des Raumes waren Steine zu einem Kreis angeordnet. Darin lagen noch Asche und Stöcke, die an den Spitzen verkohlt waren. Doch einige Steine waren von ihrem Platz gerollt, und jemand war mit den Fingern durch die Asche gefahren. Lange Rillen zogen sich bis zur Tür.
Der Erbauer der Hütte hatte mit Sicherheit vorgehabt, eine Weile zu bleiben. Das Dach schützte vor dem Winter und sorgte im Sommer für Schatten. Doch letztendlich war er Hals über Kopf weggegangen. Ich fühlte mich wie ein Grabräuber, als wir die Sachen durchsuchten, die er zurückgelassen hatte. Wir nahmen sie an uns: einen Campingkocher und einen Benzinkanister für Brennstoff; eine Gabel und einen Löffel, einen Blechteller, einen Topf ohne Deckel und eine kleine Laterne mit einem Kerzenstumpen.
«Such nach Essen», sagte Frank. «Irgendwo muss etwas zu essen sein.»
Als ich die Matratze vom Bett zerrte, fand ich nur ein Mäusenest. Frank trat ein paar Treibholzstapel zur Seite, fiel auf die Knie und schaute unters Bett. Er streckte die Hand aus und zog große Plastikplanen hervor, die zerschlissen und zerrissen waren, außerdem einen leeren Eimer und ein bisschen Holz. Nachdem er noch einmal genauer hingeschaut hatte, rief er «Ja!», streckte die Hand noch weiter aus und holte ungefähr ein Dutzend Ziplockbeutel hervor. Sie waren mit rotem Edding beschriftet: Reis, Kaffee, Rosinen, doch alle waren von Ratten oder Mäusen angeknabbert und leer.
Unverzüglich schlug Franks Stimmung von glücklich in wütend um. Er schleuderte die Tüten aufs Bett und sah sich in der kleinen Hütte um. «Schau da oben nach», kommandierte er mich herum und zeigte auf ein Regalbrett hoch oben an der Wand.
Ich stieg aufs Bett, streckte die Hand aus und wischte über das Holz. Auf diese Weise fielen eine Zahnbürste und Zahnpasta herunter, gefolgt von einer Klopapierrolle in einem weiteren Ziplockbeutel sowie einem schwarzen Kästchen, das von der Matratze abprallte und in der Asche landete.
Wir starrten es an und waren einen Augenblick lang zu überrascht, um etwas zu sagen.
Frank hob es auf und hielt es sehr fest, als wäre es ein Tier, das sich wehren könnte.
«Ein Funkgerät», rief ich.
«Schlaukopf!»
Es sah fast genauso aus wie das Walkie-Talkie, das Onkel Jack mir im letzten Moment zugeworfen hatte. «Komm, lass mich mal», sagte ich.
Ich sprang vom Bett, doch Frank drehte sich seitlich weg, um das Walkie-Talkie abzuschirmen. Als er einen Knopf am oberen Rand drückte, ging ein rotes Lämpchen an, und Ziffern leuchteten auf einem kleinen grauen Bildschirm auf.
Wir sahen uns an und waren ausnahmsweise wie ein Team, verbunden durch das Funkgerät und alles, was es für uns bedeutete.
Frank leckte sich die Lippen. Dann hob er das Funkgerät an seinen Mund und drückte auf den Sender. «Mayday», sagte er. «Mayday. Mayday.»
Er ließ die Taste wieder los.
Wir blickten unverwandt auf das Gerät. Aus dem Lautsprecher kam ein schwaches Knacken.
«Die Rauschsperre», sagte ich und ahmte Onkel Jack nach. «Dreh den …»
«Schnauze!», zischte Frank. «Ich weiß, was ich tue.» Er drehte an den Knöpfen für die Rauschsperre und die Lautstärke, bis aus dem Geräusch ein dröhnendes Summen wurde. Dann rief er erneut. «Mayday. Mayday.»
Eine Frau antwortete. Ihre Stimme war leise und knisterte, aber, ach, so wunderbar. «An die Funkstelle, die Mayday sendet. Hier ist der Funk der US-Küstenwache.»
Ich grinste Frank an; er grinste mich an. Wir beide grinsten das Funkgerät an. Wir waren wie ein Schimpansenpärchen, nur Zähne und Albernheiten. Die Stimme der Frau war vor lauter Rauschen zerstückelt. «Um welchen Notfall handelt es sich?»
«Sag ihr unsere Namen!», schrie ich Frank an. «Sag, wir wissen nicht, wo wir sind.»
«Schnauze.» Frank drückte erneut die Taste und sprach in das Gerät. «Wir brauchen Hilfe. Wir sind …»
Das Funkgerät piepte. Die Ziffern erloschen, der Bildschirm wurde schwarz. Das kleine rote Licht verblasste, und das Gerät schaltete sich aus.
Frank drückte jede Taste und drehte an allen Knöpfen. Dann fluchte er und warf das Funkgerät quer durch die Hütte. Es knallte an die Wand. Die Rückwand löste sich, und eine Batterie sauste unters Bett.
«Blödes Schrottding!», schrie Frank.
«Es liegt nicht am Gerät, sondern an den Batterien», sagte ich.





